November

Wie bereits erwähnt: Ich habe Nachholbedarf. Das schlägt dermaßen durch, dass ich aus Kapazitätsgründen vorerst keine Einzelereignisse mehr verbloggen kann. Ich probiere es daher mit einem monatlichen Rhythmus.

Mein Kulturnovember begann mit der Buchpremiere von Saša Stanišićs „Mein Unglück beginnt damit, dass der Stromkreis als Rechteck abgebildet wird“ im Thalia Theater. Eine rechtzeitige Buchung sicherte mir einen Platz in der zweiten beziehungsweise dritten Reihe – im Thalia gibt es nämlich eine „Row Zero“ -, was vorteilhaft ist, denn Stanišić sitzt nicht einfach still am Tisch und liest, wenn er liest. Erst recht nicht, wenn es sich bei den Texten um (zu verschiedenen Anlässen) gehaltene und ungehaltene Reden handelt. Schon deshalb lohnt sich eine Veranstaltung mit Saša Stanišić immer und grundsätzlich: Weil er jeden vorgetragenen Text lebt, selbst wenn es gar nicht sein eigener ist. Wem sich also demnächst eine ähnliche Gelegenheit bietet, der möge bitte hingehen; Termine gibt es bei Luchterhand. Den Interview-Anteil im Hamburg bestritt übrigens Daniel Beskos vom Mairisch-Verlag und das ist auch ein Guter.

Neulich berichtete ich von meinem ersten Besuch der Sammlung Falckenberg. Zum Tag des offenen Denkmals war der Umbau noch im vollen Gange, nun ist seit Ende September 2025 und noch bis zum Ende April 2026 die Ausstellung „Daniel Spoerri: Ich liebe Widersprüche“ zu bewundern. Da es mir bei den bildenden Künsten im geradezu dramatischen Ausmaß an Hintergrundwissen fehlt, buchte ich eine Führung. Das ist sehr zu empfehlen und hat den zusätzlichen Vorteil, dass man mit der Gruppe allein im Gebäude ist.

Daniel Spoerri: Why don't you live with me? (1963)
Daniel Spoerri: Why don’t you live with me? (1963)

Daniel Spoerri, das hatte ich zuvor nicht gewusst, kam ursprünglich vom Tanz. Bekannt ist er vor allem als Mitbegründer der Künstlergruppe Nouveau Réalisme und Erfinder der Eat-Art. Mir haben besonders die frühen sogenannten Fallenbilder („Tableaux pièges“) wie „Why don’t you live with me?“ gefallen.

Daniel Spoerri: Marstaucher (2008)
Daniel Spoerri: Marstaucher (2008)

Und die freistehenden Metall-Skulpturen. Außerdem die remixten Wandtücher-Sprüche, auch „fadenscheinige Orakel“ genannt, und das Künstlerbuch „Anekdoten zu einer Topographie des Zufalls“.

Daniel Spoerri: Brotteigobjekt – Schreibmaschine (1980)
Daniel Spoerri: Brotteigobjekt – Schreibmaschine (1980)

Die Brotteigobjekte haben mich dagegen nicht so sehr überzeugt und noch weniger die späten Fallenbilder. Weil sie keine Zufallsschnappschüsse der Realität, sondern gestellt und konstruiert sind (und man ihnen das auch ansieht, wie ich finde).

Jimmie Durham: Contemporary Gargoyle for Home or Office (2007)Jimmie Durham: Contemporary Gargoyle for Home or Office (2007)

Mein Lieblingsobjekt war dann aber gar nicht von Daniel Spoerri, sondern von Jimmie Durham. Käme dessen „Contemporary Gargoyle for Home or Office“ in meinen Besitz, würde ich ihn Erwin taufen und ihn voraussichtlich wechselweise im Home und im Office aufstellen. So süß!

Noch am gleichen Tag sah ich abends The Notwist Pocketband im Knust. Da bin ich ein bisschen reingefallen, weil ich nicht ins Kleingedruckte geguckt hatte: Die Pocketband servierte fast ausschließlich Stücke der ersten drei Notwist-Alben. Deren Klang hat mit dem Indie-Sound ab „Neon Golden“ recht wenig zu tun. Da ging’s ganz schön zur Sache im ausverkauften und deshalb auch reichlich kuschligem Knust. Normalerweise ist Hardcore-Punk überhaupt nicht mein Genre, aber das war echt gut. Ein bisschen wird auch die Freude eine Rolle gespielt haben, es endlich zu einem Notwist-Konzert irgendeiner Art geschafft zu haben, waren doch die letzten drei Anläufe aus den unterschiedlichsten Gründen gescheitert. Das nächste Mal habe ich aber besser Gehörschutz im Gepäck. Apropos, die vollständige Band spielt am 26. April 2026 in der Großen Freiheit 36. Ein sehr schönes Datum! Da der Notwist-Fluch ja jetzt gebrochen zu sein scheint, habe ich bereits frohen Mutes eine Karte erworben.

Der letzte Auftritt von Teodor Currentzis und Utopia in der Elbphilharmonie hatte mich nicht wirklich überzeugt. Die Karte für „Der Ring ohne Worte“ erwarb ich daher mit einer gewissen Skepsis und in einer niedrigeren Preiskategorie. Joachim Mischke äußerte sich im Abendblatt erneut kritisch („Hau rein, is‘ Wagner“) und sprach von Überwältigung und davon, dass „Wagners Größenwahnsinnkeit ideal zu [Currentzis‘] eigener Pultstar-Befindlichkeit“ passe. Ich hingegen mochte den „Ring“ in der Currentzis-Fassung.

Utopia, Currentzis: Nach dem Ring ohne Worte
Standing Ovations nach dem „Ring ohne Worte“

Traditionellerweise gehört zu den Utopia-Auftritten eine Überraschungszugabe. Da es jedoch, wie Intendant Christoph Lieben-Seutter zu Anfang höchstpersönlich erklärte, nach dem „Ring ohne Worte“ keine Zugabe mehr geben könne, wurde die Überraschung vorab serviert: Utopa-Mitglied Giuseppe Mengoli dirigierte Magnus Lindbergs „Arena“, ein Stück für Orchester von 1995. Ich kannte den 1958 geborenen finnischen Komponisten bisher nicht, höre mir nach dieser Kostprobe aber gerne noch weitere Werke von ihm an.

In meinem Sommerfestival-Betrag bedauerte ich, „Der Gipfel“ von Christoph Marthaler verpasst zu haben. Bei meinem Streifzug durch die Spielzeitprogramme der Staatsoper und der diversen Theater der Stadt stellte ich allerdings zu meiner Freude fest: Ich muss gar nicht bis zum nächsten oder gar übernächsten Sommerfestival warten, um ein Marthaler-Stück in Hamburg zu sehen! In der Staatsoper steht eines und im Schauspielhaus beziehungsweise MalerSaal gleich eine ganze Trilogie auf dem Plan. Weswegen ich nun von Mitte November 2025 bis Ende Januar 2026 insgesamt viermal marthalern muss.

Den Anfang machte „Im Namen der Brise“, was zugleich eine Raum-Premiere war (zwanzig Jahre in Hamburg und noch nie im MalerSaal gewesen – schlimm!). Dargestellt wurden Texte von Emily Dickinson, überwiegend in deutscher Übersetzung, teils auch im englischen Original. Die Umsetzung kann ich schlecht beschreiben, wie ich auch ansonsten schlecht begründen kann, warum ich Marthaler-Stücke mag. Vielleicht ist es das Tempo, was mich immer zuerst wahnsinnig ungeduldig werden lässt, dann aber perfekt entschleunigt? Vielleicht die Poesie des Unerwarteten, des scheinbar zusammenhanglosen, vom Text unabhängigen Agierens der Charaktere? Die stets verlässlich große Rolle, die der Musik eingeräumt wird? Ganz sicher trägt dazu bei, dass ich Magne Håvard Brekke so gerne beim Spielen zusehe. Ich freue mich jedenfalls schon auf „Die Sorglosschlafenden, die Frischaufgeblühten“ (Texte von Friedrich Hölderlin) und „Schwanensee“ (Texte von Elfriede Jelinek), beides noch im Dezember und wieder im MalerSaal, sowie auf „Die Unruhenden“ (irgendwas mit Gustav Mahler) im Januar in der Staatsoper.

Die letzte Novemberwoche begann mit dem Auftritt von Árstíðir im Knust. Es muss mein insgesamt viertes Árstíðir-Konzert gewesen sein. Atmosphärisch am schönsten war es im Rope Shack und von der Songauswahl her hat mir München am besten gefallen. Auch den Gig in der Christianskirche zu Ottensen habe ich in guter Erinnerung. Das Konzert im Knust wird jedoch als das mit dem grottigsten Sound in die Annalen eingehen. Die anwesenden Superfans quittierten diesen Umstand mit nachdrücklichem Gegrummel. Hamburg war der Start der „Vetrarsól 2025“-Tour und ich hoffe, die Jungs konnten diesen etwas holprigen Auftakt als Generalprobe abhaken. Immerhin: Wie ich aus gut unterrichteten Kreisen erfuhr, waren die Begleitumstände am darauffolgenden Tag in Bochum schon sehr viel günstiger.

Als grottig empfand ich auch die Inszenierung von Ferdinand von Schirachs „Sie sagt. Er sagt.“ in den Hamburger Kammerspielen. So grottig, dass ich zum allerersten Mal bei einem Theaterstück in der Pause gegangen bin. Das war alles so zäh und statisch und teils auch erschütternd schlecht gespielt. In seiner Kritik, die in den diversen Blättern der Mediengruppe Kreiszeitung zu lesen war, formulierte es Jens Fischer wie folgt: „Überspitzt formuliert wirkt der Abend so, als hätten die Darsteller ihre Rollen allein eingeübt und sich erst zur Generalprobe zusammengefunden.“ Das fasst auch meinen Eindruck gut zusammen. Wirklich schade, ich war zum ersten Mal in den Kammerspielen und das Gebäude hat ja durchaus Charme.

Und zack, Dezember! Munter geht es weiter…

Alles, was Oper kann

Bleierne Müdigkeit hat über viele Monate eine zentrale Rolle in meinem Leben gespielt, was sich auch an dieser Stelle bemerkbar machte. Unter der körperlichen und mentalen spürte ich dabei auch eine andere Art von Müdigkeit. Vielleicht kann man sie Konzertmüdigkeit nennen. In den letzten Jahren wiederholte sich doch vieles. Was daran liegen mag, dass ich nicht zuletzt aus zeitlichen Gründen oft nicht mehr über meine Essentials hinausgekommen bin. Jetzt, wo ich wieder aufnahmefähig bin, suche ich neue Impulse. Zum Beispiel mehr bildende Kunst und mehr Theater – warum also nicht auch mehr Musiktheater!

Mit der Oper als Ausdrucksform fremdelte ich allerdings schon seit langem. Klar, einen grandiosen Opernabend in einem schönen Operngebäude kann ich jederzeit als (touristisches) Highlight zelebrieren. Das beste Beispiel dafür war „Macbeth“ in der Wiener Staatsoper vor etwas mehr als einem Jahr. Die Hamburgische Staatsoper schreckte mich dagegen zuletzt mit der Opernwerkstatt zu Yona Kims Inszenierung der „Norma“ gründlich ab. Verwöhnt durch die Verhältnisse in der Elbphilharmonie bevorzuge ich zudem inzwischen in jedem Saal Plätze, von denen aus man vernünftig gucken kann und das ist in der Staatsoper fast immer teuer (im Sinne von „als Highlight alle Jubeljahre ok, aber wenig alltagstauglich“). Dann ist da noch das Problem mit den Inszenierungen, die gegen Libretto und/oder Musik arbeiten. Wie oft habe ich schon gedacht: Lasst doch den Verdi/Mozart/Puccini/Strauss etc. inklusive der jeweiligen Librettisten in Ruhe, schreibt eine neue Oper (oder lasst eine schreiben), wenn ihr eine ganz andere Geschichte erzählen wollt!

Dass aber eine zeitgenössische Inszenierung der Original-Geschichte im Kern treu bleiben und trotzdem „fresh“ sein kann, demonstrierte mir unlängst der „Falstaff“ in Dresden. Ich stellte daraufhin meine Opernmüdigkeit infrage. Überhaupt, waren da nicht sowieso gerade neue Leute in Hamburg angetreten? Vielleicht doch mal wieder gucken, was da geht?

Für den Auftakt Ende September unter dem bezeichnenden Titel „3 Tage wach“ inklusive eines dem Vernehmen nach spektakulären „Housewarming“-Konzerts – eine kunstgepfiffene Arie der Königin der Nacht, der Auftritt von Le Gateau Chocolat, Ina Müller moderierte und sang Udo Jürgens – mit anschließender Party für alle war ich selbst leider noch nicht wieder wach genug. Aber es ergab sich die vorläufig letzte Gelegenheit, die erste Inszenierung Tobias Kratzers nach Übernahme der Intendanz zu begutachten. Praktischerweise wurde Robert Schumanns „Das Paradies und die Peri“ auch gleich von Omer Meir Welber dirigiert, dem ebenfalls in dieser Position noch frischen Nachfolger Kent Naganos als Hamburger Generalmusikdirektor. Zwei Fliegen mit einer Klappe also.

Schon beim Betreten des Gebäudes fielen mir verschiedene Veränderungen bei der Gestaltung der Foyers auf. Diese Veränderungen, darunter die Wiedervergoldung der Säulen, die „Gallery Wall“ im Parkettfoyer und die nach dem Mendelssohn-Choral „Verleih uns Frieden“ gestaltete Lichtinstallation „Amplitude“ über der Bar im Rangfoyer, griff der stellvertretende Chefdramaturg Christopher Warmuth auch bei der Einführung zu „Das Paradies und die Peri“ auf. Schnell wurde klar: Hier geht es nicht um Kosmetik, hier soll auf allen Ebenen umgestaltet werden, da steckt ein Plan dahinter. Zu dem gehören auch ein neues Vermittlungsprogramm („CLICK in“) und das Bemühen darum, die sorgsam kuratierten Repertoire-Stücke, die in Hamburg einen Großteil des Programms ausmachen, ins Hier und Jetzt einzuordnen („FRAMING the REPETOIRE“).

Und das Stück selbst? Knifflig ist da, so Warmuth, schon die Genre-Frage. Das Werk ist nicht als Oper, sondern als weltliches Oratorium bekannt. Das Libretto basiert auf „Lalla Rookh“, einem Orient-Epos des irischen Dichters Thomas Moore. Es erzählt die Geschichte der Peri, einem persischen Fabelwesen, das aus dem Paradies verstoßen wurde und nun versucht, durch das Beibringen einer nicht näher definierten Himmelsgabe wieder eingelassen zu werden. Was ihr nach drei Versuchen schließlich auch gelingt.

Eine Inszenierung wie die in Hamburg hatte es zuvor nicht gegeben,  rezeptionsgeschichtlich betrachtet ist „Das Paradies und die Peri“ also ein unbeschriebenes Blatt. Die vom Libretto vorgegebenen Landschaften, Indien, Ägypten und Syrien, ignoriert Tobias Kratzer und lässt die Peri in jedem der drei etwa gleich langen Teile des Werks in ein anderes Schreckensszenario der modernen Welt abtauchen: Krieg, Pandemie und Klimakatastrophe. Das funktioniert zum einen gut, da das Stück mit unüblich viel Text ausgestattet ist – unüblich jedenfalls für eine Oper oder ein opernähnliches Werk, in dem üblicherweise Raum für Szenisches vorgesehen ist. Weil man dem Text ab einem gewissen Punkt nämlich schlicht nicht mehr folgen kann; die Kapazitäten eines durchschnittlichen Rezipienten reichen nicht für die gleichzeitige Aufnahme von Szenerie, Wort und Musik in dieser Dichte aus. Es funktioniert aber auch deshalb gut, weil Bühnenbild und Kostüme stimmig sind in ihren Effekten (nur den herabschwebenden Engel gegen Ende des dritten Teils fand ich ein bisschen drüber). Und es funktioniert vor allem gut, weil die Darstellerinnen und Darsteller – allen voran Vera-Lotte Boecker als Peri und Kai Kluge als Erzähler – phantastisch spielen. Damit meine ich auch und gerade den Chor!

Schließlich ist da noch das Durchbrechen der vierten Wand, welches im Laufe des Abends immer wieder unter Zuhilfenahme einer ins Parkett gerichteten Kamera zelebriert wird. In jedem der drei Teile spitzt sich die Situation zu: Einmal verlässt eine Zuschauerin laut protestierend den Saal, dann fängt die Kamera das Bild eines schlafenden Mannes ein und schließlich wird das Publikum endgültig zum Teil der Handlung und verhilft der zwischen den Sitzreihen balancierenden Peri zu ihrer Erlösung bringenden Himmelsgabe. Dass viele Menschen vor Ort sich nicht sicher waren, was davon inszeniert war und was nicht, zeigte sich an vereinzelten Reaktionen, aber auch noch später beim erneut von Christopher Warmuth moderierten Nachgespräch mit Tobias Kratzer, Vera-Lotte Boecker und Kai Kluge (und ohne Omer Meir Welber, der zwar im Rangfoyer auftauchte, dann aber doch lieber nur ein Bier trinken wollte).

Trotzdem oder gerade deswegen: Bei den allermeisten Zuschauerinnen und Zuschauern im gut gefüllten Saal kam das alles sehr gut an. Auch das Pressecho schien nahezu durchweg wohlwollend bis lobpreisend. Wie Kratzer nach diesem fulminanten Einstand die Spannung halten will, bleibt jedoch abzuwarten. Einige der gezeigten Effekte kann man nicht ständig ausspielen, würden sie doch irgendwann ihre (Schock-)Wirkung verlieren. So oder so schlummert da aber bestimmt noch Verschiedenes in der Pipeline, dem Motto der Spielzeit folgend: „Alles, was Oper kann“. Meine Neugierde ist jedenfalls geweckt. Ich habe inzwischen Karten für die beiden nächsten Kratzer-Inszenierungen erworben und teste dabei auch gleich verschiedene Perspektiven. Vielleicht finde ich ja doch noch einen Stammplatz in der Staatsoper, auf dem ich gut gucken kann, ohne arm zu werden.

Zuvor noch einmal zurück zur Peri, eine Szene hat mich im Nachgang noch länger beschäftigt: Wie wenig glücklich und irritiert die Peri schien, nachdem sie zurück in den Himmel durfte, dort aber zwischen die plötzlich chorschwarz gekleideten, flügellosen Engel buchstäblich in Reih und Glied gezwängt wurde! Der Text dazu:

O ewige Freud‘, mein Werk ist getan,
Die Pforte geöffnet zum Himmel hinan,
Wie selig, o Wonne, wie selig bin ich!

Dass ich die Hintergründe dieses Störgefühls im Nachgespräch hätte erfragen können, fiel mir bedauerlicherweise erst am nächsten Tag ein. Ob „Das Paradies und die Peri“ wieder aufgenommen wird, wusste man dort übrigens noch nicht zu sagen, von der künftigen Besetzung ganz zu schweigen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich diese Inszenierung nicht ohne Vera-Lotte Boecker und Kai Kluge sehen möchte. Genauso wenig, wie ich Marthalers „Lulu“ ohne Barbara Hannigan und Veronika Eberle hätte sehen wollen. Wer sich nachträglich einen eigenen Eindruck verschaffen will, kann das bei arte CONCERT tun: Die Premiere von „Das Paradies und die Peri“ ist noch bis zum 26. Dezember 2025 in der Mediathek verfügbar.

Was ist also das Fazit? Alles neu, alles super? Nicht ganz. Manche alte Zöpfe halten sich hartnäckig.

So saß ich neben einem älteren Paar, dass meinen Einzelplatz (über den ich mich bei meiner kurzfristigen Buchung sehr gefreut hatte), ursprünglich für eine verhinderte Bekannte reserviert und zurückgegeben hatte. Wir kamen kurz ins Gespräch, bei dem der Mann sich zu dem Kommentar hinreißen ließ, es sei doch traurig, dass ich niemanden hätte, der mit mir in die Oper ginge. Das ist mir selbst inmitten konservativster Abonnentenpaare in der Laeiszhalle noch nicht passiert (und das will etwas heißen). Diese ganz spezielle Spielart vorsintflutlicher Übergriffigkeit habe ich echt nicht vermisst – solche Typen gibt es wohl nur noch in der Staatsoper.

Außerdem musste ich feststellen, dass Volker Wacker noch immer die „Opernwerkstatt“ moderiert – siehe oben.

Aber man kann schließlich nicht alle Wände auf einmal einreißen. Selbst Tobias Kratzer und sein Team nicht.

Herbstbuntes

Im Sommer kam die Trendwende, aber bis zum Herbst hat es gedauert, bis ich endlich sagen konnte: Es geht mir (wieder) gut!

Weil das keine Selbstverständlichkeit ist und ich mit dem Phänomen bedauerlicherweise alles andere als alleine bin, wird es hier und jetzt ausnahmsweise konkret: Wenn ihr „in einem gewissen Alter“ seid, entweder schleichend oder scheinbar plötzlich gesundheitlich so einiges den Bach runter zu gehen scheint und bei geneigten Zeitgenössinnen als Zugabe die Migräne massiv eskaliert: Sucht euch eine Hausärztin oder Gynäkologin (m/w/d), die sich mit Wechseljahresbeschwerden und deren Behandlung auskennt. Und zwar wirklich auskennt, im Sinne von: Wenn eine Strategie nicht funktioniert, wird nicht mit den Schultern gezuckt, sondern eine andere ausprobiert. Das ist nicht so einfach, ich weiß. Aber es kann den Unterschied zwischen „körperlich/mental wieder fit“ und „lebensunfroh und (nahezu) arbeitsunfähig“ ausmachen.

Soweit dazu.

September

Der September begann mit einem Werkstattkonzert in der Klangmanufaktur, welches bei mir ohne jeden Nachhall verpuffte. Nicht wegen schlechter Tagesform, das Trio bestehend aus Violine, Cello und Flügel hat mich einfach nicht berührt. Kann passieren.

Zur Langen Nacht der Literatur Hamburg hatte ich mir eine Lesung von Burghart Klaußner in der Freien Akademie der Künste Hamburg ausgesucht. Zum einen, weil ich Burghart Klaußner mag und zum anderen, weil ich noch nie im Gebäude der Freien Akadamie der Künste Hamburg war. Klaußner las aus „Ich und die anderen“, den Erinnerungen des Literaturkritikers, Journalisten (FAZ, DIE ZEIT) und ehemaligen Akademie-Präsidenten Ulrich Greiner. Außerdem plauderten die beiden über Greiners Karriere, das Schreiben – was ich bis dahin nicht wusste: Klaußner hat selbst bereits ein Buch veröffentlicht und versucht sich zurzeit an seinen eigenen Memoiren – sowie über dies und das. Die ehemalige Kollegin, die ich zufällig vor Ort antraf, fand, dass sei doch ein recht eitles Geplauder zweier alter, weißer Männer gewesen. Ganz unrecht hatte sie nicht, vor allem Greiner gab sich auf tendenziell unsympathische Art und Weise selbstgefällig (das Wort „standesbewusst“ kam mir in den Sinn). Allein das Buch „Ich und die anderen“ zu betiteln ist ja für sich genommen schon erhellend. Ich fühlte mich trotzdem gut unterhalten. Schon weil Burghart Klaußner einfach ein phantastischer Vorleser ist.

Dem Inhalt und Format entsprechend völlig anders, aber ebenfalls hervorragend war der Vortrag von Joachim Król im Rahmen des Harbour Front Literaturfestival: Unter dem Titel „Momentum – Ein Roger Willemsen Abend“ präsentierte er im Kleinen Saal der Elbphilharmonie die im gleichnamigen Buch erschienenen kurzen und sehr kurzen Texte des 2016 verstorbenen Publizisten, Moderators und Filmproduzenten, der in diesem Jahr 70 Jahre alt geworden wäre. Die mit den Textpassagen eng verwobenen musikalischen Parts besorgten – auch das angemessen hochklassig – Franziska Hölscher (Violine) und Martin Klett (Klavier). Ein gelungenes Gesamtkunstwerk! Wie ich hörte, soll es in Zukunft weitere Termine geben.

Oktober

Semperoper
Semperoper

Die Idee, eines Tages die Semperoper zu besuchen, ist schon viele Jahre alt. Mitte Oktober war es endlich soweit: Mit Schwestern, Schwager und Mutter ging es in die Neuinszenierung des „Falstaff“, der letzten Oper von Giuseppe Verdi. Regisseur Damiano Michieletto hatte den Stoff in die jüngere Vergangenheit transferiert und aus der Titelfigur einen abgehalfterten Rockstar gemacht.

Nicola Alaimo als Falstaff warf sich vollständig in die Situation (wie die geschätzte Frau Novemberregen es ausdrücken würde), was ganz wesentlich zum Gelingen dieser Übung beitrug. Musikalisch überzeugte die Sächsische Staatskapelle Dresden unter der Leitung ihres neuen Chefdirigenten Daniele Gatti. Dieser, so erfuhren wir im Nachgespräch mit Nicole Chirka (Mrs. Meg Page) und Simeon Esper (Bardolfo), hatte an der Ausgestaltung der Inszenierung keinen unwesentlichen Anteil. Wie Esper, selbst US-Amerikaner, mit einiger Belustigung herausstellte war neben der musikalischen Leitung und der Regie auch die Gestaltung des Bühnenbilds und des Lichts in italienischer Hand, zudem waren fünf der zehn Rollen mit Italienerinnen und Italienern besetzt. Italienische Verhältnisse in Sachsen also – der Produktion hat es jedenfalls gut getan. Mit den meisten zeitgenössischen Operninszenierungen, die ich bisher sah, hatte ich Probleme. Weil es in diesen oft zu drastischen Diskrepanzen zwischen Libretto/Musik und dem Narrativ kommt, welches die jeweilige Inszenierung zu vermitteln sucht. Bei diesem „Falstaff“ hat niemand auch nur versucht, gegen das Stück zu arbeiten. Von dem Ergebnis war sogar der bis dato wenig opernaffine Schwager angetan.

Immer noch schwer geflasht bin ich vom Auftritt des Vokalensembles Tenebrae unter der Leitung von Nigel Short im Großen Saal der Elbphilharmonie, eine von vier Veranstaltungen des Schwerpunkts „Arvo Pärt 90“ (gerne hätte ich sie alle besucht, aber das passte zeitlich leider nicht). Für mich überraschend waren es dann aber gar nicht so sehr die Pärt-Stücke, sondern die Interpretationen der Werke von Sir John Taverner und Eric Whitcare, die mich nachhaltig beeindruckten. Das große Finale bildete „Spem in alium“ von Thomas Tallis mit der Prelude „Nulla est finis“ von Unsuk Chin und nicht nur zu dieser Gelegenheit bespielten Tenebrae auch den Raum: Der Chor teilte sich in verschiedene Gruppen auf, von denen einige sich im Zuschauerraum platzierten. In vielen Momenten des Abends hätte ich mir die Atmosphäre und Akustik einer Kirche gewünscht. Andererseits betonte der vielfach als trocken gescholtene Große Elphi-Saal die Präzision des Vortrags. Da kann halt niemand ungestraft schummeln. Oder, wie Mengguang Huang es auf „bachtrack“ formulierte: „When Tallis’ forty-part monument finally rose from this sonic mist, it felt immense yet transparent within the crystalline acoustics of the Elbphilharmonie – an experience with rare structural clarity, unattainable in the resonant haze of normal cathedrals.“

Zum Abschluss des Monats hatte ich ein weiteres „Blind Date“ im Kleinen Saal der Elbphilharmonie, das sich als argentinischer Tango mit dem Sónico Tango Orchestra entpuppte. Dargeboten wurden Kompositionen und Arrangements von Eduardo Rovira und Astor Piazzolla, in der ersten Hälfte zu siebt und in der zweiten als Oktet mit zwei Bandoneon-Spielern. Das Ensemble ist in Brüssel beheimatet, wobei unter den Mitgliedern nur ein Belgier ist (Ivo De Greef am Flügel). Der Rest stammt aus den USA, Spanien, Frankreich und – zumindest ursprünglich – Argentinien.

Und sonst so

Ich war außerdem zum ersten Mal in der Sammlung Falckenberg (zum Tag des offenen Denkmals) und es wird bestimmt nicht das letzte Mal gewesen sein.

Dann staunte ich über Anders Zorn, dem zurzeit eine große Sonderausstellung in der Hamburger Kunsthalle gewidmet ist. Den Bericht darüber muss ich nicht selbst schreiben, sondern kann an Herrn Buddenbohm verweisen, dessen Anmerkungen ich mich voll und ganz anschließe. Mit der Ergänzung, dass nicht nur die Gemälde, sondern besonders die in seinem Beitrag nicht abgebildeten Radierungen Zorns eine Klasse für sich darstellen.

Anders Zorn, Die Kunstsammlerin Isabella Stewart Gardner (1894)
Die Kunstsammlerin Isabella Stewart Gardner (1894)
Anders Zorn, Junge rauchende Frau (ca. 1892)
Junge rauchende Frau (ca. 1892)

Das Kultur- und Musikangebot Dresdens muss ich unbedingt vertiefen und mir bei nächster Gelegenheit vor allem den Kulturpalast näher anschauen. Dieser beherbergt neben der Dresdner Philharmonie die Zentralbibliothek der Sächsischen Bibliotheken Dresden, das Kabaret DIE HERKULESKEULE, das COSMO Wissenschaftsforum und das ZfBK – Zentrum für Baukultur Sachsen. Eine interessante Mischung.

Als Herausforderung entpuppte sich indes die Navigation durch die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden. Wir besuchten die königlichen Paraderäume Augusts des Starken, das Historische und das Neue Grüne Gewölbe (Residenzschloss) sowie den Mathematisch-Physikalischen Salon (Zwinger). Allerdings haben Zwinger und Residenzschloss unterschiedliche Öffnungszeiten und auf der Webseite wird man diverse Male im Kreis geführt, bevor sich einem erschließt, was wo angeboten wird und welches Ticketmodell zu den eigenen Wünschen passt. Hilfreicher war da ein Faltblatt mit Übersichtskarte, welches ich bei Dresden Information am Hauptbahnhof eingesteckt hatte.

Dresdner Zwinger
Dresdner Zwinger
Automat im Mathematisch-Physikalischen Salon
Automat im Mathematisch-Physikalischen Salon

Merke: Für Manches ist Print immer noch unschlagbar!

Statt Postkarte (Extended Rostock-Version)

Blick von der Petrikirche
Blick von der Petrikirche
Rostocker Greif am Steintor
Rostocker Greif am Steintor

Ich war in Rostock und es hat mir nicht schlecht gefallen.

Blick auf das Feuer auf der Westmole
Blick auf das Feuer auf der Westmole
Blick vom Warnemünder Leuchtturm
Blick vom Warnemünder Leuchtturm
Teepott
Teepott
Umgangsbrunnen Warnemünde
Umgangsbrunnen Warnemünde
Alexandrinenstraße
Alexandrinenstraße

Warnemünde ist sehr hübsch, war allerdings am fraglichen Tage unglaublich überlaufen. Was auf den Bildern nicht so auffällt.

Gebäudeensemble des Klosters zum Heiligen Kreuz
Gebäudeensemble des Klosters zum Heiligen Kreuz

Weil sich das Wetter als zeitweise ziemlich biestig erwies, war ich ganz ungeplant auch im Kulturhistorischen Museum Rostock, das im ehemaligen Kloster zum Heiligen Kreuz untergebracht ist. Eine der 2021 neu konzipierten Dauerausstellungen erzählt die Geschichte der Stadt von 1200 bis 1850. Manchen mag die Konzeption recht textlastig vorkommen. Textlastigkeit muss indes nicht immer schlecht sein, vor allem, wenn es neben zweisprachigen Erläuterungen (deutsch/englisch) und Stationen für Kinder auch immer mal wieder Texte in einfacher Sprache gibt.

Familie Detharding
Familie Detharding

Ein Highlight ist die teils animierte Portraitwand mit Mitgliedern der Großfamilie Detharding, die, ursprünglich aus Herford stammend, die Stadt über lange Jahre geprägt hat. Sehr amüsant – eine TV-Serie über „Die Dethardings“ würde ich gucken!

Raubsüchtiger Tumulant
Raubsüchtiger Tumulant

Und eine neue Lieblingsbeleidigung habe ich nebenbei noch entdeckt.

Aus konservatorischen Gründen bedauerlicherweise nicht beziehungsweise nur als nicht ganz gelungen präsentierte Reproduktion zu sehen ist die rund 19 Meter breite „Vicke-Schorler-Rolle“, die zudem nicht im Kulturhistorischen Museum, sondern im Rostocker Stadtarchiv aufbewahrt wird. Sie stellt das Rostocker Stadtpanorama sowie Szenen aus dem Stadtleben und dem einiger Gemeinden außerhalb der Stadtmauern im 16. Jahrhundert dar. Quasi ein Urban Sketching-Projekt aus der frühen Neuzeit.

Dafür wird im Museum seit 2017 eine einzigartige, da weltweit größte Objektsammlung dieser Art dauerhaft gezeigt: Unter der Überschrift „Verfemte Moderne“ versammeln sich Teile eines Bestands von insgesamt 27 Gemälden, 6 Plastiken, 23 Aquarellen, 20 Zeichnungen und 538 Druckgraphiken aus dem Nachlass des Kunsthändlers Bernhard A. Böhmer, die als sogenannte entartete Kunst 1937 von den Nationalsozialisten aus deutschen Museen entfernt wurden.

Rudolf Belling: Kopf in Messing (Toni Freeden?) (1911)
Rudolf Belling: Kopf in Messing (Toni Freeden?) (1911)

Der „Kopf in Messing“ von Rudolf Belling gehörte beispielsweise bis zur Beschlagnahmung dem Museum Folkwang Essen.

Christian Rohlfs: Gasse in Soest (1906)
Christian Rohlfs: Gasse in Soest (1906)

Christian Rohlfs‘ „Gasse in Soest“ war ursprünglich in der Kunsthalle Kiel zuhause.

Ernst Barlach: Der Spaziergänger (1912)
Ernst Barlach: Der Spaziergänger (1912)

Auch Werke Ernst Barlachs sind in der Ausstellung vertreten: Bernhard A. Böhmer hatte sich als Kunsthändler Barlachs nach dessen Tod 1938 für dessen Werk, welches den Nazis ebenfalls als „entartet“ galt, eingesetzt. Wohl nicht ganz uneigennützig. Das Verhältnis der beiden Männer gilt als mindestens kompliziert.

Ebensowenig wie die Sammlung aus dem Nachlass Böhmers hatte ich – harter Schnitt, sorry – die Lederjacke, die Udo Lindenberg einst Erich Honecker geschenkt hat in Rostock vermutet. Gesehen habe ich die in der Ausstellung allerdings nicht.

Der Eintritt in das Museum ist (mit Ausnahme einzelner Sonderausstellungen) frei. Sehr schön ist auch den kleinen Laden der Klosterfaktoreien nebenan und auch das Café Kloster sah nett aus, war aber zum Zeitpunkt meines Eintrittsversuchs bereits vollkommen ausgelastet.

Und wo die Postkarte nun schon so ausgeufert ist: Auf kulinarischen Gebiet empfehlen kann ich die Pasta im Central, den Kuchen im Waldenberger und sowieso den Blauen Esel. Nicht überzeugt haben mich dagegen der Burger im Otto’s Restaurantschiff und die Fischfritten von Backfisch-Tilo (Warnemünde). Eine weitere Entdeckung werde ich nicht teilen – der Laden ist nämlich winzig und ich möchte dort auch beim nächsten Besuch noch spontan einen Platz bekommen können!

Internationales Sommerfestival 2025 auf Kampnagel

Immer diese guten Vorsätze… Der Sommerfestival-Bericht hätte eigentlich noch vor der Roald-Postkarte erscheinen sollen. Aber vor der Reise nach Lettland schaffte ich gerade Mal das erste Drittel und in der Woche nach dem Törn nur wenig mehr als das zweite Drittel. So groß war mein Verlangen nach einer ausgedehnten Schreibtisch- bzw. Computerpause lange nicht. Und das letzte Drittel dauert sowieso immer am Längsten.

Aber nun!

Auch wenn ich in der letzten Festivalwoche bereits auf See war, sind es letztlich noch sechs Sommerfestival-Veranstaltungen geworden: fünf auf Kampnagel und eine im Volksdorfer Museumsdorf.

Marlene Monteiro Freitas: Nôt (Eröffnung)

Das sattsam eingeübte Eröffnungsprozedere wurde in diesem Jahr empfindlich gestört: Pünktlich zum Beginn des Sommerfestivals hatte ver.di die tarifbeschäftigten Kampnagel-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeiter zu einem dreistündigen Kurzstreik aufgerufen.

Lohngerechtigkeit für [K] JETZT!
Lohngerechtigkeit für [k] JETZT!
Die Eröffnungsveranstaltung fand zwar statt, der Beginn musste jedoch um eine Stunde nach hinten verschoben werden. Das gab Kampnagel-Intendantin Amelie Deufelhard und Festivalleiter András Siebold ausnahmsweise reichlich Zeit, sich über das Programm auszubreiten (die dies aber kaum nutzten). Den Sekt musste ich aus Migränegründen stehenlassen und eine Brosda-Rede gab es urlaubsbedingt auch nicht, dafür aber Beiträge von Staatsräten Jana Schiedek (Hamburger Behörde für Kultur und Medien) und Professor Tricia Rose (Brown University).

Essen - Trinken
Essen – Trinken

Ersteren bekam ich allerdings gar nicht mit, weil ich viel Zeit in den beiden Essensschlangen (1. Bestellen/Bezahlen und 2. Abholen) verbrachte. Um am Ende aufgrund mangelnder Kommunikation zwischen den beiden Stationen unnötigerweise nicht das zu bekommen, was ich eigentlich haben wollte und mir prompt den Ketchup zu den Verlegenheits-Fritten aufs Shirt zu kleckern. Eine der beiden Schlangen (und das Ausweichen auf die immerhin okayen Skinny Fries) hätte ich mir sparen können: Es gab nicht wenige Menschen, die das per Aushang kommunizierte Prozedere völlig straflos ignorierten und in der Abholschlange bestellten, bezahlten und bekamen. Aber gut, es war ja genügend Zeit da. Und nächstes Jahr weiß ich es besser und bringe zur Eröffnung eine Stulle mit.

Ach ja, das Stück: Mein rot bekleckertes Shirt passte ganz gut zur Show und der Titel der Nachtkritik, „Keuchen, Kotzen, Kacken“, brachte die Inszenierung sonstiger Körperflüssigkeiten sehr gut auf den Punkt. Immerhin wurde das Kotzen und Kacken lediglich pantomimisch ausgeführt, zusammen mit der Geräuschkulisse reichte es aber zu einem veritablen Würgereflex. Wohl nicht nur bei mir: Menschen verließen zahlreich das laufende Stück, wenn auch mehrheitlich nicht auf den teureren Rängen. Das alptraumhafte „Nacht“-Szenario – in dem ich, anders als Programmheft und Text des Abendzettels behaupteten, keine Spur von einer Auseinandersetzung mit „1.001 Nacht“ erkennen konnte, was mich aber überhaupt erst dazu bewogen hatte, eine Karte zu erstehen – hätte man sicher auch ohne diese zu allem Übel in aller Ausführlichkeit und unter Einbeziehung von Teilen des Publikums ausgeführten, hm, Spezialeffekte transportieren können. Aber wenn es denn unbedingt sein muss: Liebe Leute auf Kampnagel, ihr hattet mir zwei Tage vor dem Event „Hinweise zu sensorischen Reizen“ per E-Mail zukommen lassen, in denen vor „Stroboskoplicht und lauter Musik“ gewarnt wurde. Auch die Programmbeschreibung auf der Webseite enthielt diese Triggerwarnung. Macht es doch bitte vollständig und schreibt „Darstellung von körperlicher Gewalt, Darstellung von Blut, Erbrechen, Defäkation“ dazu. Bei bei anderen Stücken (beispielsweise „A Year Without Summer“ von Florentina Holzinger) habt ihr es gemacht, warum um Himmels Willen nicht bei „Nôt“?!

Miet Warlop: Inhale Delirium Exhale

Auch bei Miet Warlop gab Verzögerungen im Betriebsablauf, allerdings aus technischen Gründen: Ein Performer war ausgefallen, sodass Warlop selbst einspringen, das Stück umgestellt und neu geprobt werden musste. Das gab mir Zeit zur Nahrungsaufnahme. Die Verpflegungs-Logistik war ab Festivaltag 2 unkompliziert und ich aß ein leckeres Gemüse-Curry.

Warum die erwähnten Anpassungen nicht ganz unproblematisch waren, erschloss sich bereits wenige Minuten nach Beginn der Aufführung. Große Ballen mit sehr viel Stoff ergossen sich da aus der Höhe, Stoffbahnen wurden mit maschineller Unterstützung auch wieder aufgewickelt, die Tänzerinnen und Tänzer rannten und sprangen um die Röhren, auf denen die Stoffe aufgewickelt waren; all dies wirkte zeitweise nicht sonderlich souverän oder auch nur kontrolliert. Ich konnte mich nicht uneingeschränkt auf die erzeugten Bilder konzentrieren, so sehr hat mich gestresst, dass sich praktisch jeden Moment jemand hätte verletzten können – noch ein Alptraum also, aber einer für den Arbeitsschutz. Diese Ablenkung gepaart mit dem Wissen darum, dass ich das Stück nicht so sah, wie es geplant war und dass einige Effekte auch sichtbar nicht funktionierten wie gedacht, schmälerten den Genuss. Auf der anderen Seite behielt András Siebold recht mit seiner Ansage: Ich war Zeugin einer einmaligen Performance.

Apropos Ansage: Denjenigen im Publikum, die noch ein Ticket für die Aufführung von „Nôt“ im Anschluss hatten, teilte Siebold sinngemäß und unter Augenzwinkern mit: „Sie verpassen ungefähr die ersten zwanzig Minuten, in denen wird aber nur gekotzt und gekackt“.

Da hätte ich beinahe etwas gesagt.

Nesterval: Das alte Dorf

Wie bereits erwähnt war es mir im ersten Anlauf nicht gelungen, Karten für „Das alte Dorf“ zu ergattern: In Hamburg herrschen mittlerweile wienerische Verhältnisse, wenn ein Nesterval-Stück in den Vorverkauf geht. Allerdings war das diesjährige Gastspiel auch dadurch geprägt, dass es nur ganze fünf Vorstellungen gab.

Museumsdorf Volksdorf
Museumsdorf Volksdorf

Das mag am dem mit der Location verbundenen Aufwand gelegen haben, wurde doch das gesamte Volksdorfer Museumsdorf bespielt. Mir verhalf im Nachgang zum Vorverkauf ein zarter Hinweis auf das Blog letztendlich noch zum Erwerb eines Tickets. Wie begehrt diese waren, war selbst am Einlass noch zu spüren, vor dem hitzige Wortgefechte um die Rangfolge auf der Warteliste ausgetragen wurden.

In „Das alte Dorf“ wird die Geschichte der Bauerstochter Anna-Lisa erzählt, die eigentlich den auswärtigen („dosigen“) Knecht Johannes aus Fulda heiraten sollte. Anstatt der Hochzeit wohnt das Publikum, das zunächst in Familien als Gäste entweder des Bräutigams oder der Braut eingeteilt wird, jedoch der Beerdigung Anna-Lisas bei. Beziehungsweise dem Trauerzug inklusive eines von Pferden gezogenen historischen Bestattungswagens. Um zu erfahren, wie es zum Tod Anna-Lisas kam, reisen die Gäste zusammen mit den Charakteren der Handlung zurück in die Zeit. Wie bei fast allen von mir bisher besuchten Nesterval-Stücken hing das individuelle Theatererlebnis sehr davon ab, welchen Figuren man folgte. Da habe ich vom Schauspielerischen her inzwischen meine Lieblinge. Was für sich genommen aber keine Garantie ist: Der „Das alte Dorf“ kam mir vergleichsweise lahm vor und die Erzählweise in Rückschritten funktionierte nach meinem Empfinden nicht sonderlich gut. Irgendwie unpassend (im Sinne von „too much“) erschien mir auch das „Lohengrin“-Vorspiel als musikalische Untermalung ganz zu Anfang. Als Gesamtkunstwerk und Event hätte ich „Das alte Dorf“ aber auf keinen Fall verpassen wollen. Und wie toll ist denn bitte das Museumsdorf selbst, da muss ich unbedingt nochmal hin – vielleicht schon zum Erntefest am kommenden Wochenende.

Übrigens kommt in einer Szene des Stücks ein Text vor, der unmittelbar im Anschluss als Zitat aus dem ersten Teil der „Sissi“-Trilogie identifiziert wurde. Für diese prompte Auflösung möchte ich mich ausdrücklich bedanken, hätte ich doch sonst bis zum Ende der Aufführung darüber rätseln müssen. Dabei war ich bereits ausreichend abgelenkt von dem Viechzeuch im Dorf, zum Beispiel diesem einen federfüßigen Zwergpuschelhuhn, welches sich auch von höchster Dramatik nicht im Mindesten beeindruckt zeigte und den Tönen, die sich nach längerer Überlegung und kurzer Vergewisserung als die Verlautbarungen eines Truthahns erwiesen. Dass es sich auch beim Abschlusssong „Chapel of Love“ sehr wahrscheinlich um ein Zitat beziehungsweise um eine Referenz handelte – der Abspann von „Four Weddings and a Funeral“! -, ist mir dagegen erst Tage später aufgegangen.

akua naru, Tyshawn Sorey, Anta Helena Recke, Ensemble Resonanz: Longing to tell

Kommen wir zum ersten Festival-Highlight. Im Programm wurde „Longing to tell“ einerseits als „Blues Opera“, andererseits als Konzertinszenierung bezeichnet – die Genrefrage sowie der Anteil des Szenischen wird ausführlich in der Nachtkritik behandelt. Nach meinem Empfinden trifft es „Blues Oratorio“ am besten.

Basierend auf dem gleichnamigen Buch von Professor Tricia Rose wird die Lebensgeschichte von Linda Rae dargestellt, einer hellhäutigen Schwarzen, deren Leben lange Zeit von Sex, Gewalt und Drogenmissbrauch geprägt ist. Auf jeder Stufe des siebzehnteiligen Librettos wird vermittelt, wie sehr systemisch bedingte Benachteiligung, struktureller Rassismus und Kriminalisierung diesen Teufelskreis befeuern. Die Abwärtsspirale wird erst durchbrochen, als Linda Rae am absoluten Tiefpunkt ankommt und sich deren Ursachen bewusst wird. Ich konnte den Text überraschend gut verstehen, war allerdings doch froh über die ausgeteilte zweisprachige Synopsis, die in kurzen Sätzen die Handlung der jeweiligen Teile zusammenfasste.

Musikalisch bewegt sich „Longing to tell“ zwischen Hip-Hop, Blues, Gospel, Jazz und Soul. Als Erzählerin und in der Rolle der Linda Rae stand akua naru zwar als Person im Vordergrund, die „synergetische Zusammenarbeit zwischen den Texten und der Stimme von akua naru und der musikalischen Komposition von Tyshawn Sorey“ (Abendzettel) war aber durchgehend spürbar und der Anteil insbesondere der dialogischen Parts der Sängerinnen und Sänger – Monique B. Thomas, Raymond Thompson und Journi Sings – am harmonisch-dynamischen Gesamteindruck ebenfalls nicht zu unterschätzen. Das Ensemble Resonanz steuerte Klangfarbe und Atmosphäre bei. Sicherlich hätte das Stück auch ohne Streicher funktioniert, aber so war es eben noch runder, ausdrucksvoller und facettenreicher. Ebenso wie die Geschichte von Linda Rae endet „Longing to tell“ auch musikalisch auf einer energetischen, hoffnungsvollen Note, die das Publikum von den Sitzen riss.

Das Künstlergespräch mit akua naru, Tricia Rose und Anta Helena Recke (moderiert von András Siebold) im Anschluss brachte weitere Erkenntnisse über Motivation und Entstehungsprozess des Stücks.

Ich habe geweint, gelacht, mitgelitten, mitgesungen und viel gelernt; alles in einer Spanne von rund drei Stunden. Besser kann man es beinahe nicht machen.

Davi PontesWallace Ferreira: REPERTÓRIO N. 3

Das Künstlergespräch zu REPERTÓRIO N. 3 zerfaserte leider etwas in Übersetzungsproblemen. Was besonders schade war, denn ich hätte etwas mehr Kontext gebraucht, um das Stück zu begreifen. Immerhin wurde mir klar, wie viel Improvisation ich da kurz zuvor gesehen hatte.

Künstlergespräch (u.a.) mit Davi Pontes und Wallace Ferreira
Künstlergespräch (u.a.) mit Davi Pontes und Wallace Ferreira

Unter anderem deshalb hätte ich den Auftritt von Davi Pontes und Wallace Ferreia, die unterbrochen von statischen Phasen immer wieder minutenlang bis auf weiße Sneakers und weiße Socken splitterfasernackt mal mehr, mal weniger synchron ohne jegliche musikalische Begleitung durch den Raum stapften und Zuschauerinnen und Zuschauer ungefähr zu gleichen Teilen amüsierten, peinlich berührten und irritierten, nicht mit „Tanz“, sondern mit „Performance“ übertitelt.

Davon abgesehen traue ich künftig Aussagen wie „keine Angst, Sie werden nicht einbezogen“ grundsätzlich nicht mehr, zumindest nicht auf Kampnagel. Für mich ein Ärgernis, das ungefähr gleichauf rangiert mit Triggerwarnungen, bei denen die Hälfte fehlt (siehe oben).

Oona Doherty: Specky Clark – a Series of Theatrical Images

Auch bei „Specky Clark“ gab es relativ wenig Tanz. Dafür aber viel Theater, was man vorher wissen konnte – the clue lies in „a Series of Theatrical Images“ – und es war schlichtweg großartig. Das zweite Festival-Highlight!

Oona Doherty verarbeitet in „Specky Clark“ die Geschichte ihres Ururgroßvaters, der im Alter von zehn Jahren nach dem Tod seiner Mutter zu Verwandten nach Belfast geschickt wird und vor Ort in einer Schlachterei arbeiten muss. Dort kommt es an Samhain zu unheimlichen Begegnungen, unter anderem mit einem Schwein, das Specky kurz zuvor hatte töten müssen.

Sehr froh war ich über die „mitspielenden“ Übertitel, sonst hätte ich wohl bei weiten Teilen des vom irischen Schauspieler Stephen Rea vorgetragenen Textes passen müssen. Das Tempo erschien am Anfang etwas zu langsam, was sich aber in der Gesamtrückschau auf das Stück relativierte.

Einen Extra-Stern verteile ich für die Musik von Lankum!

HauptplatzHauptplatz

Verkabelt (innen)
Verkabelt (innen)

Die Gestaltung des Festival Avant-Garten von JASCHA&FRANZ hat mir gut gefallen. Neben der an Straßen- und Ortsschilder erinnernden Beschilderung stach als wesentliches Desginelement die Nachbildung von Stromtrassen heraus. Dieses wurde auch im Foyer aufgenommen.

Foyer
Foyer
Avant-Garten
Avant-Garten
Boy Division Fernsehgarten
Boy Division Fernsehgarten

Vom Boy Division Fernsehgarten bekam ich leider nur die letzten Töne mit. Dafür schaffte ich es zum ersten Mal, einen Kopfhörer für eine der JAJAJA-„Radio Atopia“-Parties  zu ergattern. Leider war ich an dem fraglichen Abend schon ein bisschen zu müde, um das auch vollends genießen zu können und meinen Musikgeschmack traf die Auswahl auch nicht so ganz. Trotzdem, endlich mal mitgemacht!

Gerne hätte ich auch den Auftritt von Eda Tanses im Rahmen der Gesprächs- und Konzertreihe „Love & Labour“ auf der Waldbühne genossen. Allerdings gab es Probleme bei der Einhaltung des Zeitplans. Wenn zehn Minuten nach der angekündigten Startzeit erst der Soundcheck beginnt, passt das im Zweifel so gar nicht zur eigenen, auf andere Veranstaltungen abgestimmten Zeitplanung. Wer ohnehin nur als Freigänger auf dem Gelände unterwegs war, wird sich daran aber nicht gestört haben. Allein, es war nicht die einzige Abweichung.

The show must go online
The show must go online

Auch beim Draußenprogramm schien sich in diesem Jahr ein wenig Sand ins Getriebe geschlichen zu haben.

Die persönliche Festival-Premiere No. 2: Beim Codo-Buchstand habe ich in diesem Jahr nicht nur gestöbert, sondern tatsächlich auch ein Buch gekauft; „Arbeiten“ von Heike Geißler nämlich. Der Text ist Teil einer Reihe des Verlags Hanser Berlin, in der diverse Lebensthemen essayistisch behandelt werden. „Altern“ von Elke Heidenreich muss ich vielleicht nicht zwingend lesen, aber sehr wahrscheinlich „Spielen“ von Karen Köhler und „Wohnen“ von Doris Dörrie und möglicherweise auch „Essen“ von Alina Bronsky.

Oona Doherty: Death of a Hunter (2018)
Oona Doherty: Death of a Hunter (2018)

Bleibt noch die Präsentation von Werken von Oona Doherty in der Vorhalle. Ich mache es kurz: Mit „Death of a Hunter“ konnte ich wenig bis nichts anfangen.

Oona Doherty (Filmprojektion)
Oona Doherty (Filmprojektion)

Von den Kurzfilmen fand ich „Carpet“ super. Der Rest sprach nicht zu mir.

Aus bereits genannten Gründen habe ich leider einiges verpasst, darunter bedauerlicherweise auch „Der Gipfel“ von Christoph Marthaler.

Vielleicht kann ich das mit dem Sommerfestival und dem Urlaub im nächsten Jahr doch noch etwas optimieren. Ich kann es mir jedenfalls vornehmen.

Sommersonnenwende

Ich traue dem Trend: Es geht aufwärts! Nicht linear, aber immerhin tendenziell. Der Juli ist erreicht und damit auch zwei berufliche Meilensteine, von denen einer hoffentlich zur weiteren Besserung beitragen wird.

In der Zwischenzeit berichte ich über die Monate Mai und Juni.

Mai

Im Mai war ich erstmals bei „Wir sind spät, aber es ist noch heute“, der „MusikFilmLeseBühne“ mit Julia Herrgesell, Herbert Hindringer, Katrin Seddig (Text), Katharina Stiel und Thea Seddig (Film) sowie wechselnden musikalischen Gästen im Nachtasyl. „WSSAEINH ist ein Gesamtkunstwerk, künstlerisches Experiment und Antwort auf ungestellte Fragen, so unterhaltsam wie fordernd, hart aber schön“, so die Beschreibung. Das trifft es sehr gut und das Nachtasyl mit seiner Wohnzimmeratmosphäre plus Bar ist die perfekte Spielstätte dafür. Der Abend im Mai fand im Rahmen des Festivals „Hamburg liest die Elbe“ statt und war daher entsprechend wasser- bzw. elbelastig. Die Musik stammte von Doro Offermann (Saxophon) und ­Maria Rothfuchs (Kontrabass). Insgesamt war es eine sehr abwechslungsreiche, hm, Zusammenstellung? Collage? Ich war jedenfalls nicht zum letzten Mal dabei. Im Juni konnte ich leider nicht, aber wenn ich es richtig gesehen habe, ist der nächste Termin im September.

Meine erste LIGNA-Erfahrung führte mich 2021 in den stillgelegten Kaufhof Mönckebergstraße. Bei „Das Wunder von Hamburg – eine Wallfahrt zum Elbtower und anderen Ruinen“ steigt das Publikum in einen fahrenden Theaterbus und reist zu fragwürdigen Bauprojekten beziehungsweise deren Resten in der Stadt.

Kurzer Olaf
Kurzer Olaf

Neben dem Elbtower, im Hamburger Volksmund mittlerweile auch „kurzer Olaf“ genannt, lagen unter anderem die Esso-Häuser auf St. Pauli, die Europapassage, der Neubau der Gänsemarkt-Passage – eine weitere Benko-Hinterlassenschaft – und der Ort, an dem die Kühne-Oper entstehen soll auf der Route der performativen Stadtrundfahrt. Auch das seit Jahren brachliegende Holstenareal wurde zumindest filmisch berücksichtigt. Ein amüsanter Nebeneffekt der etwas anderen Stadtrundfahrt waren die erstaunten Blicke der Passanten. Wir müssen ein lustiges Bild abgegeben haben; nicht nur passiv zuhörend und zuschauend hinter der Glasfront des umgebauten LKW, sondern auch, entsprechenden Anweisungen über Kopfhörer folgend, auf auf unseren Wegen durch die Europapassage, auf der Straße unterhalb der ehemaligen Karstadt-Brücke und auf dem Platz gegenüber der Elbtower-Baustelle. Allesamt durch das LIGNA-Team poetisch verpackte, aber dessen ungeachtet haarsträubende Stories, aus denen klar wird: Wenn Investoren und Spekulanten mit Versprechungen und Geldern winken, haben nicht nur Bedürfnisse und Wünsche der Stadtgesellschaft allzuoft das Nachsehen, sondern auch die kommunalen Haushalte. Solche Touren ließen sich in vielen Städten problemlos nachbilden, nicht nur in Deutschland. Sie sollten Pflichtprogramm für Entscheidungsträgerinnen und -träger sein.

re:publica 25: Generation XYZ
re:publica 25: Generation XYZ

Über die re:publica 2025 in der STATION Berlin hätte ich unter normalen Umständen einen eigenen Bericht geschrieben.

Digitalminister auf Stippvisite
Digitalminister auf Stippvisite

Auf den ersten Blick stellte sich die Veranstaltung als ein gigantisches, alle Sinne überwältigendes, als Festival getarntes, mediales und politisches Schaulaufen dar. Ich verbrachte den Großteil des ersten Tages meines re:publica-Debuts damit, mich zurecht zu finden. Wo ist was, wie kommt man am Schnellsten von A nach B und zurück? Wie ist die Verpflegungssituation? Wo ist die Kloschlange am Kürzesten? Wie umgehen damit, dass alles vermeintlich besonders Interessante zur gleichen Zeit stattfindet? Wann die Zeit finden, sich mit Leuten zu verabreden?

Ost-West-Begegnung auf der ARD ZDF Media Stage
Ost-West-Begegnung auf der ARD ZDF Media Stage

Die vorläufige Schlussfolgerung, mehr nach Leuten zu gucken und nicht primär nach Themen, habe ich am zweiten und dritten Tag umzusetzen versucht. Überraschenderweise hatte ich mich Ende deutlich mehr mit beruflichen beziehungsweise Studiumsthemen beschäftigt als mit privaten Interessen. Überrascht war ich auch darüber, wie wichtig, ja nachgerade wohltuend das für mich war (Stichwort „Therapiestunde zur Verwaltungsdigitalisierung“). Dabei konnte ich meine ganz und gar privat finanzierte Teilnahme mangels entsprechender Anerkennung bedauerlicherweise nicht einmal als Bildungsurlaub abwickeln.

Keine digitale Sau: Rosalinde
Keine digitale Sau: Rosalinde

Bei einem „Das Festival für die digitale Gesellschaft“ werden naturgemäß hauptsächlich digitale Säue durchs bundeshauptstädtische Dorf getrieben. Aber eben nicht nur. Ein Beispiel war die sehr gut besuchte und ebenso ernüchternde wie ermutigende Podiumsdiskussion „Wer hat Angst vor den Wechseljahren?“ mit Miriam SteinMandy Mangler und Franka Frei (moderiert von Franzi von Kempis).

Podiumsdiskussion: "Wer hat Angst vor den Wechseljahren?"
Podiumsdiskussion: „Wer hat Angst vor den Wechseljahren?“

Weitere Highlights waren Natascha Strobl mit „Vom Schwarzhemd zu TikTok. Postmoderner Faschismus“, Dr. Pop, Diane Weigmann, Ralph Kink (GEMA), Annelie AUFMISCHEN und Nina Fiva Sonnenberg mit „Next Level Sound? Wie KI die Musikwelt verändert“, Vera Magali Keller und Vivian Kube mit „Legal, illegal, scheißegal? – aktivistische Rechtsberatung gegen die europäische Rechtstaatlichkeitskrise“ und Paul Yoshio Steinwachs mit „Pop-Kultur als generationsübergreifender Rettungsschirm: Mit Star Trek, Yoda und Satire gegen den Wahnsinn der Gegenwart“. Gut gefallen hat mir auch die Podiumsdiskussion „Big Tech-Regulierung: Wer setzt unsere Rechte durch?“ mit Klaus Müller (Präsident Bundesnetzagentur), Andreas Mundt (Präsident Bundeskartellamt) und der BfDI Louisa Specht-Riemenschneier unter der Moderation von re:publica-Mitgründer Markus Beckendahl. Die persönliche Begegnung mit „Menschen aus dem Internet“ kam dabei fast ein bisschen zu kurz. Immerhin kann ich nun einigen weiteren Profilnamen Gesichter und Stimmen zuordnen. Es war mir ein großes Vergnügen! Ob ich im nächsten Jahr wieder teilnehmen werde? Noch unklar. Im Prinzip gerne wieder, aber vielleicht nicht jedes Jahr, sondern eher so alle zwei oder drei Jahre? Es wird sich zeigen.

Juni

Sir Simon Rattle hatte ich schon ein paar Mal live erleben dürfen. Aber das BRSO noch nicht, welches sich zu den besten Orchestern Deutschlands und – jedenfalls nach Meinung einer 2023 vom Magazin bachtrack befragten Kritikerinnen- und Kritiker-Jury – auch der Welt zählen darf. Höchste Zeit, das nachzuholen. Allerdings bin ich kein Fan von Pierre Boulez und konnte auch mit dem „Rituel in memoriam Bruno Maderna“ nicht allzu viel anfangen. Von einem meiner Lieblingsplätze in 13 I des Großen Saals der Elbphilharmonie aus kann man aber das Geschehen im Orchester und sowohl die Gestik als auch die Mimik des Dirigenten sehr gut beobachten. Eines haben zeitgenössische Stücke nämlich in der Regel wenigstens: einen hohen Unterhaltungsfaktor. Meistens gibt es reichlich Aktion auf der Bühne (und im Falle des „Rituel“ auch verstreut im Saal: eine der sieben Gruppen, aus denen sich das Orchester in der Partitur zusammensetzt, war hinter den Sitzreihen in 15 Q platziert), oft in Kombination von Tönen, die man nicht immer auf Anhieb auch den erzeugenden Instrumenten zuordnen kann.

Der zweite Teil des Konzertabends bestand aus „Daphnis et Chloé“ von Maurice Ravel und das, so fand ich, war in jeder Hinsicht großartig.

Das letzte „Blind Date“ der Saison entpuppte sich als französisches Ensemble names „The Curious Bards“, welches skandinavische Barockmusik aufführte. Zwar verloren die vier Instrumentalmusikerinnen und -musiker und Ilektra Platiopoulou (Mezzosopran) im Laufe des Konzerts einen kleinen Teil des Publikums, der verbliebene Rest aber ließ sich begeistern. Völlig zu recht. Schon wegen der ebenso charmanten wie dynamischen Moderation Platiopoulous und des für unsere Breiten und Zeiten nicht gerade gewöhnlichen Instrumentariums, darunter eine Hardangerfiedel, eine Nyckelharpa und eine Cister.

Das eine Faszinosum des Juni-Werkstattkonzerts innerhalb der Kohärenzen-Reihe der Klangmanufaktur war der Interpret Erik Breer genannt Nottebohm. Es gibt also tatsächlich immer noch Menschen, die mit einem Genannt-Namen herumlaufen! Das andere war die Werkauswahl, darunter „Variations on Balkan Themes op. 60“ der amerikanischen Komponistin Amy Beach – die Dame war mir bis dahin völlig unbekannt – und „Regard de l’Église d’amour“ von Olivier Messiaen. Vor allem Letzteres: beeindruckend.

Das kann man auch über die Aufführung der „Complete Piano Etudes by Philip Glass“ im Großen Saal der Elbphilharmonie sagen. Die Bühne teilten sich ein Flügel, zehn Klavierbänke und nacheinander zehn Pianistinnen und Pianisten mit teils wild unterschiedlichen Auftritten und Interpretationsansätzen. Man kann Glass nämlich auch wie ein Jazzer (Christian Sands, Etuden #9 und #10) spielen. Oder als japanisches Gesamtkunstwerk (Maki Namekawa, Etuden #19 und #20) aufführen. Schade, dass der Veranstalter es so offensichtlich schwer hatte, den Saal wenigstens einigermaßen zu füllen. Ich hatte mein Ticket sehr früh erstanden in der Erwartung, es würde sehr schnell ausverkauft sein. Das hat sich in diesem Falle nicht ausgezahlt.

Dann war da noch Martin Kohlstedt auf Kampnagel. Erst fühlte ich mich unwohl in Reihe eins; das ist doch ein wenig zu sehr Präsentierteller für meinen Geschmack und ein bisschen nackenstarrig sind die ersten zwei bis drei Reihen in der K6 auch, wenn die Halle bis an die Bühne heran bestuhlt ist. Aber dann war es doch der perfekte Beobachtungsplatz. Wobei es die Nähe nicht braucht, um die Energie zu spüren, die von dort vorne ausgeht. Ich meine das so, wie ich schreibe: von irgendwo auf der Bühne, nicht zwingend ersichtlich von dem Menschen, der auf ihr steht. Man sieht schon, das da etwas passiert und man sieht die Bewegungen. Aber nicht alle Energiestöße sieht man kommen. Bei manchen gibt es keine Vorwarnung.

Jetzt kommt eine Pause bis ungefähr August und dann ist auch schon bald wieder Sommerfestival. Für das ich bisher nur eine einzige Karte habe, weil alles, was ich sonst noch sehen wollte, entweder in meine Urlaubsabwesenheit fällt oder schneller ausverkauft war, als ich gucken konnte (Nesterval – dammit!). Kann also gut sein, dass mein Sommerfestival-Artikel für die 2025er Ausgabe sehr, sehr kurz ausfällt.

Frühjahrsmüder Zwischenbericht

Hier ist schon wieder Rückstau und noch immer Sand im Getriebe. Ich diagnostiziere eine hartnäckig andauernde Störung im Betriebsablauf. Gegenmaßnahmen wurden ergriffen, zünden aber bisher nicht so recht. Und Geduld, vor allem die mit mir selbst, ist dummerweise nicht meine Stärke.

Derweil sind drei Konzertereignisse aus März und April nachzutragen.

März

Das vorletzte „Blind Date“ der Saison war wieder nur ein halbes: Das von mir hoch geschätzte vision string quartet hatte sich mit dem US-amerikanischen Komponisten (auch von Kammer- und Orchestermusik) und Singer-Songwriter Gabriel Kahane zusammengetan.

Gemeinsam gespielte Stücke wechselten sich mit Einzeldarbietungen ab, wobei das vision string quartet drei der vier Sätze des Streichquartetts F-Dur op. 35 von Maurice Ravel im Gesamtprogramm verteilte und außerdem den eigenen Titel „Copenhagen“ beisteuerte.

Ich bin gespannt, ob aus dieser dem Vernehmen nach recht spontan anberaumten Kollaboration Weiteres erwächst! Schön wäre es.

April

Weitgehend unüberzeugt vom letzten Auftritt von Teodor Currentzis und Utopia im Großen Saal der Elbphilharmonie zeigte sich Joachim Mischke im Hamburger Abendblatt und vermisste Dezenz, Empathie und Fingerspitzengefühl bei Currentzis‘ Interpretationen. Da gehe ich dieses Mal tatsächlich mit. „Überfrachtung“ ist das passenste Wort, welches mir zur Umschreibung des Gehörten eingefallen ist. Grundsätzlich nicht schlecht fand ich dagegen das räumliche Einbeziehen der beiden Solisten Alexandre Kantorow (beim Konzert für Klavier und Orchester Nr. 2 B-Dur op. 83) von Johannes Brahms und Regula Mühlemann (bei der Sinfonie Nr. 4 G-Dur für großes Orchester und Sopran von Gustav Mahler). Beide saßen beziehungsweise standen nämlich nicht vor dem, sondern im Orchester. Ob das den Werken oder den Solisten zu- oder abträglich war, sei zwar dahingestellt. Ich habe die Vorgehensweise aber anders als Mischke nicht als Instrument der Machtausübung des Dirigenten wahrgenommen („… vielleicht aber auch eine autoritäre Geste, die zeigen sollte, wer das Sagen hat.“, „Auch sie wurde allerdings direkt vor Currentis‘ Zentralgestirn-Position beordert.“). Von solcherlei Faktoren gänzlich unbeeinflusst hörten wir als Solisten-Zugaben nochmals Brahms (Intermezzo Es-Dur op. 117/1) sowie Morgen! op. 27/4 von Richard Strauss. Und ich habe trotzdem beim Vorverkaufsstart für die neue Saison gestern wieder eine Karte erstanden für Currentzis und Utopia: Im November gibt es den „Ring ohne Worte“. Kann gut gehen, muss aber nicht – dabei sein möchte ich jedenfalls.

Den anschließenden Abend mit Ibrahim Maalouf hatte ich mir beschaulicher vorgestellt. Der wollte aber zusammen mit den „Trumpets of Michel-Ange“ und dem Elphi-Publikum eine Hochzeit feiern, entsprechende Animation als Bandleader und ausuferndes Storytelling inklusive.

Das biss sich zwar derbe mit meiner Tagesform, aber gewirkt hat es durchaus. Was für eine Stimmung – was für eine Rampensau! Und wie geschickt er die Werbung für sein Instrument, die T.O.M.A., in das Programm eingebaut hat! Schön fand ich auch die Wertschätzung gegenüber den Mitmusikern. Nicht nur der auch musikalisch oftmals herausgestellte Saxophonist war ja auch wirklich sensationell. Ich vermisste bei all dem Trubel allerdings den Trompeter Ibrahim Maalouf. Aber auch dafür bietet das Programm der neuen Elbphilharmonie-Saison eine zweite Chance: Bei „Kalthoum“ Ende Dezember werden es nur Maalouf und (ein? das?) Jazz Quartet sein.

Apropos Vorverkaufsstart: Ich habe wenig warten müssen und alles bekommen, was ich haben wollte. Entweder haben weniger Menschen Karten gekauft oder die Elbphilharmonie hat den Vorverkaufs-Ansturm tatsächlich in den Griff gekriegt.

Alle Tassen Antifa

Ich möchte an dieser Stelle gerne noch schnell klarstellen, dass ich mich zu den linken beziehungsweise in meinem Fall hauptsächlich grünen Spinnerinnen und Spinnern rechne. Zu diejenigen, die nicht alle Tassen im Schrank haben. Die, die der voraussichtlich nächste Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland knapp vor der Bundestagswahl am vergangenen Sonntag mit dieser Wortwahl noch schnell eben derbe beleidigt hat (von weiteren diskussionswürdigen Begrifflichkeiten dieses Ausbruchs ganz zu schweigen). Im Münchner Löwenbräukeller, of all places.

Eichhörnchen gegen rechts!

Jedenfalls war ich am Tag vor der Wahl noch schnell auf zwei Demos „gegen Rechts“ und auf beiden war die CDU des Friedrich Merz zweifelsohne mitgemeint. Wohlgemerkt und von einer der Rednerinnen auf Demo Nr. 1 auch ausdrücklich betont: nicht die CDU als Ganzes, obgleich man zurzeit von einer Nicht-Merz-CDU bedauerlicherweise nicht viel merkt. Diese Demonstrationen, ich erwähnte es auch schon auf Mastodon und Bluesky, wurden unter anderem organisiert von Fridays For Future, diversen Gewerkschaften, der Caritas und dem Mieterverein, der KZ-Gedenkstätte Neuengamme (!), weiteren zivilgesellschaftlichen und Umweltorganisationen sowie unzähligen Kulturschaffenden.

Lessing gegen rechts!

Ich fühle mich somit in guter Gesellschaft in meinem Schicksal des links und/oder grün verspinnerten nicht alle Tassen im Schrank habens. Fortan als Kompliment zu denken!

Wahrscheinlich würde ich das hier nicht wiederholen, wenn ich nicht auch mitbekommen hätte, dass die Polizei in Bayern neuerdings „Gegen CDU und CSU“ als eigenes Schlagwort für die Einsatzplanung rund um solche Demonstrationen gegen den Rechtsruck verwendet. Und dass die CDU/CSU-Fraktion mit Datum vom gestrigen Dienstag eine kleine Anfrage (BT-Drs. 20/15035) an die noch amtierende Bundesregierung gestellt hat, die 551 Fragen zur „Politischen Neutralität staatlich geförderter Organisationen“ enthält. Darunter befinden sich die „Omas gegen Rechts“, die Amadeu Antonio Stiftung, CORRECTIV, das Netzwerk Recherche, die Deutsche Umwelthilfe, Greenpeace und der BUND. Die jüngsten Proteste gegen die CDU Deutschlands werden als Hintergrund genannt. Als Quelle ist unter anderem ein Meinungsartikel der WELT angegeben, in dem von einem Schattenstaat oder „‚Deep-State‘, wie er im Buche steht“ bestehend aus „angeblichen NGOs“ die Rede ist, „die sich als Vertreter der Zivilgesellschaft und Retter der Demokratie ausgeben, obwohl sie faktisch Fortsetzungen des Staatsapparates verkörpern.“

Hinter einem solchen Verhalten darf man wohl mehr als Wahlkampfgetöse, bloße Rachsucht oder Dünnhäutigkeit vermuten. Dafür passt es zu gut zu dem, was uns schon bekannt ist: aus eigener Vergangenheit, aktuell – wenn auch mittlerweile schon über einen längeren Zeitraum – aus europäischer Nachbarschaft und ganz akut zugespitzt auch aus den USA.