Schöner Wohnen in Altona: Auf Instatour durch den wilden Westen

Wer in Hamburg leben möchte und weder Immobilien geerbt hat noch über ein unbegrenztes Budget verfügt, muß sich zwangsläufig mit dem leidigen Thema Wohnungssuche beschäftigen. (Manche müssen das aus Gründen sogar innerhalb weniger Monate zum wiederholten Male – unschöne Sache, ich kann das so gar nicht zur Nachahmung empfehlen.) Selbst wenn man eine ebenso bezahl- wie bewohnbare Mietbehausung gefunden hat, sicher kann fast niemand in der Stadt mehr sein, daß nicht irgendwann eine Erbengemeinschaft oder ein Investor auf teure Ideen kommt. Auch in meiner Wahlheimat Barmbek-Nord kommen die Einschläge näher: Die Dichte der Biosupermärkte, für viele ein (wenn nicht der) Indikator für Gentrifizierung, hat sich signifikant erhöht in den letzten Jahren. Die Beschäftigung mit Stadtentwicklung liegt also nahe, weswegen ich nicht zögerte, als das Altonaer Museum zur Instatour im Rahmen der aktuellen Sonderausstellung “Schöner Wohnen in Altona? Stadtentwicklung im 20. und 21. Jahrhundert” einlud.

Schon ein kurzer Blick auf die Ausstellung  beweist, daß das Thema beileibe kein neues ist. Ausgehend von der Wohnsituation der 1890er Jahre bis in die Gegenwart werden die unterschiedlichen Strömungen, die Ideen dahinter und realisierte, aber auch nicht realisierte Projekte beleuchtet. An verschiedenen Stationen haben Besucher außerdem die Möglichkeit, eigene Erfahrungen und Vorstellungen zum Thema einzubringen.

Schöner Wohnen in Altona
Schöner Wohnen in Altona
Stadtplanung am Reißbrett
Stadtplanung am Reißbrett

Nach einer einstündigen Führung durch die Ausstellung und einer kleinen Mittagspause starteten wir schließlich zur eigentlichen Instatour, für die der VHH freundlicherweise einen Oldtimerbus aus den 1980er Jahren beisteuerte. Schulbuserinnerungen kamen hoch!

Oldie but Goldie!
Oldie but Goldie

Ich habe die insgesamt fünf Stationen der Tour chronologisch durchsortiert. Am Anfang steht somit die Steenkampsiedlung (1914-1926). Eine klassische Gartenstadt, beinahe dörflich-ruhig, inklusive Freigängerkatze. Manche Häuser wirken ein klein wenig angestaubt, was aber dem Charme des Ensembles keinen Abbruch tut.

Gartenstadt: Die Steenkampsiedlung
Gartenstadt: Die Steenkampsiedlung
Steenkampsiedlung
Steenkampsiedlung
Steenkampsiedlung
Steenkampsiedlung
Das Café
Das Café

Der Friedrich-Ebert-Hof (1928-1930) ist ein repräsentatives Beispiel für Wohnraumplanung der 1920er Jahre, die unter dem Motto “Licht, Luft, Sonne” stand. Er besteht aus kleinen, einfach ausgestattete Wohnungen. Die charakteristischen Elemente Rotklinker, Sprossenfenster, Flachdach und Blockrandbebauung sind in überall in Hamburg zu finden.

Friedrich-Ebert-Hof
Friedrich-Ebert-Hof
Flachdach
Flachdach
Höchstpersönlich
Höchstpersönlich

Das Flachdach, so lernten wir bereits in der Ausstellung, war während der Nazizeit verpönt, eben weil es charakteristisch für die unmittelbar vorausgegangene Bauperiode war. Bereits bestehende Gebäude wurden vielfach durch Aufsetzen von Spitzdächern aufgestockt. Mir geht auf, daß davon möglicherweise auch das Haus betroffen ist, in dem ich lebe: Das Dachgeschoß will mit dem Rest des Blocks irgendwie nicht recht harmonieren, was sich unter anderem in den Rissen in meiner Schlafzimmerwand manifestiert.

Vom Friedrich-Ebert-Hof ist es ein großer Sprung zum Osdorfer Born (um 1970). Autogerechte “Urbanität durch Dichte” am Stadtrand, verbunden mit der konsequenten Trennung von Wohnen und Arbeiten: Das war die Idee hinter den Großsiedlungen, die mittlerweile vielfach als soziale Brennpunkte verschrieen sind. Den mäßig hübschen Plattenbauten steht eine Begrünung entgegen, die den Kolossen etwas von ihrer Wuchtigkeit nimmt. Zurzeit ist eine Fassadensanierung im Gange, die mindestens optisch einiges an Verbesserung verspricht. Eine Anbindung an das U-Bahn-Netz war zwar geplant, wurde dann aber letztlich nicht ausgeführt. Immerhin kann man den täglichen Einkauf in der unmittelbaren Umgebung tätigen.

Osdorfer Born
Osdorfer Born
Osdorfer Born
Osdorfer Born
Infrastruktur
Infrastruktur

Die 1960er Jahre brachten einiges in Gang: Gegen Planungen des CDU-geführten Senats, im bis dato durch Altbauten geprägten Kern von Ottensen in Anlehnung an die bereits etablierte “City Nord” eine “Bürostadt West” aufzubauen, regte sich erfolgreich Widerstand.

Heutige Projekte setzen auf Bürgerbeteiligung und den vielbeschworenen Drittelmix aus Wohnen, Büroflächen und (Einzel-)Handel. Was leider keineswegs bedeutet, daß die so entstandenen und noch im Entstehen befindlichen Quartiere für jedermann erschwinglich sind.

Die Othmarscher Höfe (2014-2016) wurden auf dem Gelände einer ehemaligen Margarinefabrik errichtet. Anders als in der erst seit kurzem im Bau befindlichen neuen Mitte Altona (2017-) sind sowohl Begrünung als auch Versorgungsinfrastruktur bereits vorhanden. Das Areal ist riesig und ziemlich eng bebaut. Darüber kann auch der in Hamburg häufig angewandte Trick mit den Staffelgeschossen nicht hinwegtäuschen.

Othmarscher Höfe
Othmarscher Höfe
Othmarscher Höfe
Othmarscher Höfe
Othmarscher Höfe
Othmarscher Höfe

Ein Teil der neuen Mitte Altona entsteht auf dem Gelände des ehemaligen Güterbahnhofs. Weitere Flächen werden künftig u. a. durch Verlagerung des Fernbahnhofs zum Diebsteich und den Umzug der Holstenbrauerei frei. Neben den Neubauten soll die sogenannte Kleiderkasse, ein denkmalgeschütztes Backsteingebäude, erhalten bleiben und ein acht Hektar großer Park entstehen. Als Zentrum des Quartiers wird die ehemalige Güterhalle fungieren. Momentan wirken die bereits fertiggestellten (und bewohnten) Häuser im Bereich der Harkortstraße jedoch noch etwas deplaziert.

Mitte Altona
Mitte Altona
Mitte Altona
Mitte Altona

Die 1:1-Gegenüberstellung von Ausstellungsinhalten und Originalschauplätzen ist zwar gewissermaßen der Idealfall, Beispiele für die einzelnen Epochen der Stadtentwicklung finden sich aber überall in der Stadt verteilt. Insofern läßt sich die Ausstellung “Schöner Wohnen in Altona?” problemlos auf Hamburg insgesamt skalieren und ist damit viel mehr als “nur” die gelungene Beleuchtung eines Teils der Altonaer Geschichte und Gegenwart.

“Schöner Wohnen in Altona?” läuft noch bis zum 24. Juni 2019. Im Rahmenprogramm werden u. a. Kuratorenführungen, Vorträge und Lesungen sowie diverse Stadtteilrundgänge angeboten.

12 von 12 im Oktober

So ein phantastisches Licht und kaum Zeit, um Fotos zu machen! Und das am 12.! Schlimm!

Stintfang (morgens)
Stintfang (morgens)

Mag sein, daß ich mich da wiederhole, aber: Es gibt schrecklichere Arbeitswege. (Hach.)

Einmal Heide rotweiß
Einmal Heide rotweiß

Dieses stets passend zur Jahreszeit gestaltete Beet gehört auch dazu. Ebenso wie der Blick ins Fenster eines Hotelfrühstücksraums, den ich aus nachvollziehbaren Gründen bildlich nicht festgehalten habe.

Seehydrographischer Dienst
Seehydrographischer Dienst

Fotos vom Arbeitsplatz sind ja auch so eine Sache. Aber dieses Fundstück wollte – nein, konnte! – ich euch nicht vorenthalten.

Büro, Büro
Büro, Büro

An meinem Arbeitsplatz gibt es unglaublich viel Flur. Geradezu klischeehaft viel davon. Man raunt, in Teilen des Gebäudes seien einst Stoever/Brockmöller-Tatortfolgen gedreht worden. Auch schon ziemlich lange her.

Hotel Hafen Hamburg
Hotel Hafen Hamburg

Nach getaner Arbeit geht es zurück Richtung S- und U-Bahn.

Stintfang (nachmittags)
Stintfang (nachmittags)

Same, but different!

Young Picasso
Young Picasso

Hier bin ich schon wieder in Barmbek.

Rotklinker
Rotklinker

Das Licht macht tolle Sachen mit den Rotklinkerfassaden im Stadtteil.

Himmel über Barmbek
Himmel über Barmbek

Und viel davon ist auch schon gar nicht mehr da. Wir haben zwar August-Temperaturen, aber an den Sonnenauf- und untergangszeiten merkt man eben doch, daß es schon Oktober ist.

Kinderzimmerkalender
Kinderzimmerkalender

Apropos Oktober, ich habe gestern Kalender gekauft. Leider habe ich ein Händchen dafür, mich für großartige Kalender zu begeistern, die dann ein Jahr später eingestampft werden. Letztes Jahr hatte ich den “Alle Welt”-Kalender und der Verlag hat etwas getan, was dem Einstampfen beinahe gleichkommt: Das Format wurde von hochkant auf quer geändert. Eigentlich sollte sich in der Branche herumgesprochen haben, daß Kalenderkäufer Gewohnheitstiere sind. Und es paßt halt kein Querformat an die Stelle im Flur, wo bei mir der Kalender hängt. Deswegen ist es nun wieder der Kinderzimmerkalender geworden. Macht man nix falsch mit.

Das bißchen Haushalt...
Das bißchen Haushalt…

Es folgt der hausfrauliche Schnelldurchgang durch die Wohnung.

Der nasse Fisch
Der nasse Fisch

Jetzt aber wirklich: Feierabend. Neulich habe ich ein paar Folgen “Babylon Berlin” gesehen. Fand ich nicht ungelungen, aber dann lief mir vorgestern beim BookCrossing-MeetUp das Original über den Weg und das gefällt mir schon nach wenigen Seiten so viel besser, daß ich die Serie wohl nicht weiter verfolgen muß.

Fortsetzung folgt (im November).


“12 von 12” ist ein Fotoprojekt für Blogger, wobei es mittlerweile auch viele Mitstreiter ohne Blog auf Twitter und Instagram gibt. Die gemeldeten Blogeinträge des heutigen Tages werden hier gesammelt.

“Drei Engel für Charlie”? The Show must go on!

Irgendwas ist anders im Foyer des Großen Saals der Elbphilharmonie in dieser Woche. Einigen Treppengeländern sind plötzlich Leuchtstoffröhren gewachsen, seltsame Gerätschaften stehen herum, Bereiche sind abgesperrt, Menschen eilen durch die Menge, die absolut nicht nach Konzertpublikum aussehen. Des Rätsels Lösung: Hollywood goes Elphi – gedreht wird für das anstehende Reboot von “Drei Engel für Charlie” im Kinoformat. Vermutlich eine äußerst lukrative Nebeneinnahme fürs Haus und warum auch nicht. Spektakulär genug ist es ja und wird als Filmlocation sicherlich so einige Begehrlichkeiten geweckt haben.

Währenddessen läuft der Konzertbetrieb unverdrossen weiter und ich war mal wieder mittendrin: Am Montag bei Pierre-Laurent Aimard, Tabea Zimmermann und Adam Walker unter dem Motto “Concord-Sonate – Schwerpunkt Charles Ives” und gestern war es Ólafur Arnalds, der sein neues Album “Re:member” vorstellte. Aber der Reihe nach.

Seit ich den Film “Pianomania” gesehen hatte, wollte ich Pierre-Laurent Aimard spielen sehen und hören. Anlaß der Konzertwahl war also der Künstler, nicht das Programm. Wobei mir Charles Ives, die Hauptperson des Abends, durchaus in Erinnerung geblieben ist, immerhin war sein Werk “The unanswered Question” das allererste Musikstück, welches ich im Großen Saal hörte. Da in der “Concord-Sonate”, obwohl prinzipiell als Klavierstück konzipiert, optional je ein paar Takte Bratsche und Querflöte vorgesehen sind, wurde Aimard von Tabea Zimmermann und Adam Walker unterstützt. Es lag daher nahe, auch die “Sonate für Viola und Klavier op. 147” von Dmitri Schostakowitsch ins Programm zu nehmen und beide Halbzeiten mit je einem Solostück für Querflöte beginnen zu lassen. Mit den Flötentönen von Edgard Varèse und Elliot Carter konnte ich wenig anfangen und für den Schostakowitsch fehlte mir aus unerfindlichen Gründen die Geduld – ja, ich weiß, nicht nett von mir, aber auch beim Zuhören gibt es so etwas wie Tagesform. Dafür zündete der Programmhöhepunkt umso gewaltiger. Charles Ives war Komponist im Nebenberuf, wirtschaftlich unabhängig und scherte sich weder um musikalische Konventionen noch um die Erwartungen des Publikums. Die Bezeichnung “unkonventionell” ist zwar reichlich überstrapaziert und keinesfalls ein Qualitätsgarant. Auf die Musik von Charles Ives trifft sie hingegen ohne jegliche Abstriche zu. Das Programmheft wird der Komponist mit diesem Satz zitiert: “Warum die Tonalität als solche verworfen werden sollte, will mir nicht einleuchten. Warum sie immer herrschen sollte, auch nicht.” Der Mann ist mir sympathisch! Seine “Concord-Sonate” auch, und Pierre-Laurent Aimard mit ihr in seinem pianomanischen Element. Volle Punktzahl – so ungefähr hatte ich mir das vorgestellt.

Ólafur Arnalds live, ohne Kiasmos oder Nils Frahm, nur mit seiner Musik und dazu ausgesuchtem Ensemble, das ist lange her. Das war zuletzt im September 2015, mit Alice Sara Ott und dem “Chopin Project” im kleinen Saal des Laeiszhalle. Schon damals hatte sich Arnalds nicht auf das Chopin-Programm beschränkt und es durch ältere Stücke ergänzt. So auch bei der Vorstellung von “Re:member”. Ich erkannte zweimal “Broadchurch”, zweimal “Living Room Songs” und ein Stück aus “The Chopin Project”; alles, was mich zielsicher durch Zeit und Raum zu katapultieren vermag, war dabei. Bei “Beth’s Theme” habe ich vom ersten Ton an die Gesichter von David Tennant, Olivia Colman und Jodie Whittaker vor der eindrucksvollen Jurassic Coast vor Augen und “Near Light” befördert mich nach all der Zeit immer noch in Sekundenbruchteilen ins Berlin der zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts.

Hauptattraktion sowohl des Konzerts als auch des Albums “Re:member” sind die beiden digital-mechanischen Klaviere, die zu Recht einen prominenten Platz auf der Bühne erhielten.

Die Kurzfassung des Videos, in Anlehnung an des Künstlers Twitterbiographie (per Stand Oktober 2018): “His pianos go bleep bloop”. Das klingt nicht nur zauberhaft, es ist auch ein faszinierender Anblick; insbesondere weil die Klaviere deutlich zeitverzögert auf Arnalds’ Input reagieren. Wie ein stets neu variiertes Echo.

Apropos Echo, ich habe bisher im Großen Saal der Elbphilharmonie selten ein (mehrheitlich) derart auf Bühne und Musik konzentriertes Publikum erlebt. Nach der Zugabe “Lag Fyrir Ömmu” hätte man sekundenlang die buchstäbliche Stecknadel fallen hören können. Der Applaus (Standing Ovations!) setzte erst ein, nachdem sich Ólafur Arnalds aus seiner musikalischen Versunkenheit, die noch eine ganze Weile nach dem Verklingen des letzten Tons angehalten hatte, regte. Das wünschte ich mir für alle Veranstaltungen in diesem Raum.

Auf der Webseite der Elbphilharmonie ist dazu mittlerweile ein sehr hilfreicher Text veröffentlicht worden, auf den man als Konzertbesucher sogar per E-Mail hingewiesen wird (zumindest wenn es sich um eine Veranstaltung der HamburgMusik gGmbH handelt und man die Karten direkt im Webshop gekauft hat). Es scheinen ihn aber bedauerlicherweise immer noch nicht genügend Menschen gelesen zu haben – von Beachten ganz zu schweigen.

In Concert: Svavar Knútur im Knust

Musik kann, mit Verlaub gesagt, ein ziemliches Arschloch sein. Dann nämlich, wenn sie mit der Erinnerung an ein großes Unglück verbunden ist – oder, noch schlimmer, an ein großes Glück, was sich erst im späteren Verlauf als Unglück entpuppt.

Musik kann aber auch zum Rettungsanker werden. Vor ein paar Jahren, an einem denkwürdigen Dezemberabend, fand ich mich in der Pony Bar bei einem Konzert von Svavar Knútur wieder, in einer Stimmung, in der man unter Leuten eigentlich nichts zu suchen hat. Da stand er, dieser isländische Troubadour, und beförderte mich mit einer einzigartigen Mischung aus zwerchfellerschütternd-grotesken Geschichten und zauberhaft-melancholischen Songs aus meinem Ausnahmezustand.

Die Erinnerung an diesen Abend ist zugleich schmerzhaft und heilsam, und sie ist bei jedem Konzertbesuch wieder mit dabei. Was mich keineswegs davon abhält, ganz im Gegenteil: Gestern war es wieder soweit.

Svavar ist aktuell noch bis 6. 10. in Deutschland unterwegs. Tut ihm, mir und euch einen Gefallen und geht hin.

Internationales Sommerfestival 2018 auf Kampnagel

Jetzt ist es mir über der Nachbetrachtung des diesjährigen Internationalen Sommerfestivals doch tatsächlich Herbst geworden, allen guten Vorsätzen zum Trotze. Schlimm!

Internationales Sommerfestival

In diesem Jahr hatte ich trotz mehrfachen Besuchs das Gefühl, das Festival nur ganz am Rande gestreift zu haben. Einige für mich hochinteressante Veranstaltungen konnte ich aufgrund von Terminkollisionen leider nicht wahrnehmen und ein spontan gefaßter Entschluß fiel dummerweise dem noch spontanerem Totalausfall meiner Waschmaschine zum Opfer (“Cuckoo” von Jaha Koo nämlich). Immerhin, zu viermal Sommerfestival hat es gereicht, und alles war wieder dabei: Musik, Tanz, Theater, Performance. Aber der Reihe nach.

Malpaso Dance Company: Triple Bill

Eine Überschrift hatte dieser Abend zwar, aber keinen roten Faden – wenn man mal von den Protagonisten absieht. Mit den Stücken von Aszure Barton, Osnel Delgado und Cecilia Bengolea sowie der musikalischen Begleitung durch Arturo O’Farrill lieferte die Company vielmehr eine Art Vielseitigkeitsprüfung ab. Beim “Indomitable Waltz” entzückte zwar die Musikauswahl (u. a. Michael Nyman und Nils Frahm), das Stück hinterließ mich dennoch rätselnd. Gruppen- und Soloszenen wechselten sich ab mit Zweier- und Dreierkonstellationen. Waren Beziehungen das Thema? Falls ja: Zwischenmenschliche? Das Programmheft half da nicht weiter. Die Musik des Jazzoktetts unter der Leitung von Arturo O’Farril war das dominierende Element bei “24 Hours and a Dog”. Sowohl die Tänzer als auch ein eventuell vorhandener tieferer Sinn wurden in Windeseile zweitrangig. Vielleicht nicht ganz der Sinn der Übung, dafür aber umso mitreißender. Das drang sogar durch das außerordentlich herausfordernde Raumklima (Motto: “Heiß, heißer, K6”). Außerdem: Eine Latin-Version des irischen Traditionals “She moved through the fair” klingt unmöglich, ist es aber nicht – zumindest, wenn man es so kann wie Arturo O’Farril und seine Mitstreiter. Den Schluß bildete “Liquidotopie”, die Auftragsarbeit Cecilia Bengoleas. Yoruba, jamaikanischer Dancehall sowie die Bewegungen von Oktopussen wurden als Inspiration genannt. Meinem Geschmack nach zu viele Ideen für ein Stück, das Oktopusthema hätte vollkommen ausgereicht. Musikalisch und choreographisch war das nicht durchgänig; der Mittelteil wich zu sehr ab und es wurde nur beinahe eine Geschichte erzählt. Besonders im Gedächtnis geblieben ist mir der Solosänger unter den Tänzern, der auch im Kopfstand noch weitersang. Ein klein wenig effekthascherisch, aber nichtsdestotrotz beeindruckend.

Fazit: Schön und gut, aber, und ich bemerkte es bereits im letzten Jahr, die Eröffnungsveranstaltung ist nicht das Sommerfestival. Kann man vielleicht auch nicht erwarten. Wobei der Begrüßungssekt schon nett ist. Und das Schaulaufen, und die Reden, diesmal gar mit Erstem Bürgermeister! Den ich noch wenig präsent habe, daß er mir erst durch die Anwesenheit mehrerer Personenschützer ins Auge fiel. Ob es ihm gefallen hat?

Ho Tzu Nyen: The Mysterious Lai Teck

Das war meine P1-Premiere! Empfohlen hat sich mir der Raum allerdings nicht: Klein, eng und stickig kam er daher. Ein Teil des Abstrichs muß zwar der Witterung zugerechnet werden, aber in den anderen Sälen ist mehr Platz pro Person eingeplant, und das spielt eben auch eine Rolle. Nach zwanzig Minuten traten Technikschwierigkeiten auf und das Programm mußte neu gestartet werden. Die Untertitel waren anstrengend, dazu kam eine Sitznachbarin, die nicht eine Minute lang stillsitzen konnte und mir ständig ihren Fächer ins Blickfeld wedelte. Und dennoch: Spätestens, als sämtliche realen und virtuellen Vorhänge sich lüfteten und eine überlebensgroße, kongenial an- bzw. ausgeleuchtete und mit Videoprojektionen kombinierte animatronische Figur in den Vordergrund der Erzählung rückte, war ich gefesselt. Daß es sich dabei um eine überlebensgroße Figur und wirklich nur um eine Figur und keinen lebendigen Schauspieler handelte, war dabei aus den Publikumsrängen heraus nur sehr schwer festzustellen. Mir ging bei alldem auf, wie wenig ich über Südostasien im allgemeinen und die Kolonialgeschichte der Region im Speziellen weiß. Allein das Bewußtwerden dieses Umstands kann Ho Tzu Nyen als Erfolg buchen.

Thom Luz: Girl from the Fog Machine Factory

Man nehme Musik (Streicher, Celesta, mehrstimmiger Gesang), Nebelmaschinen in allen Größen und Ausführungen, eine stimmige Bühnenausstattung, eine liebevoll und detailreich umgesetzte Grundidee, wunderbare Schauspieler, allen voran Samuel Streiff und fertig ist das Festivalhighlight. Die Titelfigur sprach den Satz des Abends: “I don’t understand everything, but I like the atmosphere”. Die Mehrzahl des anwesenden Publikums sah es ähnlich.

Einerseits toll, andererseits umso ärgerlicher, daß ich “Sea of Fog” in der St. Gertrud Kirche verpaßt habe. Passiert mir nicht noch einmal.

Mouse on Mars: Dimensional People

Sommerfestival in der Elbphilharmonie – das sehe ich immer noch mit gemischten Gefühlen. Allein, da das musikalische Programm sich offenbar dauerhaft dorthin verlagert und die Musik bei mir nun einmal im Vordergrund steht – was hilft’s. Mouse on Mars waren mir bisher nur dem Namen nach ein Begriff, ebenso wie die meisten Gäste, die sich das Duo zum Konzert hinzugeladen hatte. Bis auf Andrea Belfi, mit dem ich an dieser Stelle gar nicht gerechnet hatte. Eine schöne Überraschung, die mich direkt zu dem bringt, was mich bei dem Konzert am meisten beeindruckte: die dreiköpfige Rhythmusgruppe, bestehend aus Belfi, Dodo NKishi und Kresten Michael Osgood, der sich vornehmlich mit wenig bis gar nicht bearbeitetem Totholz verlustierte. Zwar fielen dafür die filigraneren Teile gerade zu Anfang etwas holpriger aus und die Dynamik mancher Einspielung hätte man durchaus überdenken können, aber das fällt unter Nebensache.

Und sonst so?

In dem von Ladja Vogt, Jan Gazarra und Urs Amadeus Ulbrich gestalteten und von JAJAJA bespielten Avant-Garden habe ich leider viel zu wenig Zeit verbracht.

Avant-Garden

Avant-Garden

Avant-Garden

Ich vermißte den Festivalvorhang und das Orchesterkaraoke. Dafür umso schöner: Die Festivalshots, die in diesem Jahr von Peter Hönnemann beigesteuert wurden. Lieblingsbild: Andreas Dorau!

Festivalshots

Auch die Hörstation mit der Festivalplaylist hat mir gut gefallen.

Und im nächsten Jahr mach ich es wieder richtig. Mit Festivalkarte und so.

In Concert: “Die Frau, nach der man sich sehnt” mit Pascal Schumacher und den United Instruments of Lucilin in der Elbphilharmonie

Ich habe, das ist dem einen oder der anderen vielleicht nicht entgangen, eine besondere Schwäche für Stummfilmkonzerte. Meine besondere Schwäche für Pascal Schumacher hingegen ist weniger bekannt und hat ziemlich viel mit einem sehr aufschlußreichen Abend im Rahmen des Elbjazz-Festivals vor drei Jahren zu tun. Die Kombination von beidem enthält noch einen besonderen Twist, den hier zu erklären allerdings viel zu kompliziert wäre. Ganz abgesehen davon, daß einige der dazugehörigen Details inzwischen sattsam verjährt sind.

Wir wollen uns also weitgehend auf den heutigen Filmabend beschränken. Pascal Schumacher kann Jazz, das wußte ich schon. Pascal Schumacher kann aber auch (Stumm-)Filmmusiken komponieren und ich finde, er sollte das häufiger tun. Und dann bitte auch höchstpersönlich live aufführen. Letzteres sehr gerne wieder mit den United Instruments of Lucilin und vorzugsweise in Hamburg!

Und wenn sich die, hm, Nachwehen des Schumacher-Auftritts beim Elbjazz 2015 nun auch noch wiederholen sollten, ich hätte nichts dagegen. Soweit bin ich immerhin schon wieder, nach drei Jahren.

In Concert: Das vision string quartet in der Elbphilharmonie

“Einem so großartigen und sympathischen Künstler wie Avi Avital die Show zu stehlen ist fast ein Ding der Unmöglichkeit. Dem vision string quartet gelang dies allerdings im vergangenen Sommer.” So ist es im Programmheft des diesjährigen Schleswig-Holstein Musik Festivals zu lesen, und genau aus diesem Grund hatte ich mich um ein Ticket für den Auftritt des Quartetts in der Elbphilharmonie bemüht: Nach dem Konzert in Lübeck im letzten Jahr war ich hingerissen, um nicht zu sagen schockverliebt in alle vier Musiker.

Der Abend unter der Überschrift “String Visions” begann mit Dmitri Schostakowitschs Streichquartett Nr. 8 c-Moll op. 110, das beinahe nahtlos in György Ligetis Streichquartett Nr. 1 überging. Nach der Pause folgte das Streichquartett Nr. 6 f-Moll op. 80 von Felix Mendelssohn, und zwei Zugaben später verließ ein sehr überzeugtes Publikum den Großen Saal. Nicht ein einziges Notenblatt war auf der Bühne zu sehen und bis auf die Bank für den Cellisten auch keine Sitzgelegenheit für die übrigen drei Mitglieder des Ensembles. Spielweise, Auftritt und Repertoire lassen sich in in zwei Wörtern zusammenfassen: Vielseitigkeit und vor allem: Dynamik. Letzteres mit mindestens fünf Ausrufezeichen.

Für das “KammermusikPlus”-Konzert am 1. 2. 2019 im Kleinen Saal gibt es übrigens noch Karten. Ich habe meine schon.

Die Kunstpause…

… im Susammelsurium ist vorbei! Die Hitzewelle wohl erst einmal auch, und daß das beides zusammenfällt, ist mit Sicherheit kein Zufall.

Gestern wurde das Internationale Sommerfestival auf Kampnagel eröffnet, ich war dabei und habe mich insgesamt viermal eingebucht. Der Bericht kommt wie immer ganz zum Schluß. Zwischendrin stehen auch noch je einmal “Elbphilharmonie Sommer” und Schleswig-Holstein Musik Festival auf dem Programm.

Wobei, ganz auf Kulturnull war ich ja doch nicht. Während der letzten Wochen habe ich es immerhin in eines meiner Lieblingsmuseen geschafft, durchaus in der stillen Hoffnung, dort ein erträglicheres Klima vorzufinden.

Mobile Welten: "Give the drummer some!"
Mobile Welten: “Give the drummer some!”
Art Déco - Grafikdesign aus Paris: A. M. Cassandre
Art Déco – Grafikdesign aus Paris: A. M. Cassandre
Toaster Times: Die Anfänge
Toaster Times: Die Anfänge
Toaster Times: Toastmaster
Toaster Times: Toastmaster
Toaster Times: Bunt
Toaster Times: Bunt

Bis einschließlich 1. OG hat das einigermaßen geklappt, aber auf Höhe der Spiegelkantine war’s doch wieder gut mollig.

Spiegel-Kantine
Spiegel-Kantine

Und dann wurde mir noch etwas Musik ins Postfach gespült: Tom Gatza heißt der junge Mann und es ist – natürlich! – irgendwas mit Klavier. Musikalisch schwer einzuordnen: “Tilbuin” erinnert mich beispielsweise tendenziell an GoGo Penguin, nur mit weniger Druck und weniger Jazz, die Klaviersolostücke wieder an ganz andere Zeitgenossen. Alles weder sonderlich spektakulär noch innovativ, aber ich habe die EP “Melo” (erscheint am 5. 10. 2018) nun schon seit ein paar Tagen auf den Ohren, mag sie und würde die Stücke bei Gelegenheit gern auf Livetauglichkeit überprüfen.

Am 1. 10. 2018 im Häkken klappt das nur leider noch nicht. Da bin ich nämlich bei Pierre-Laurent Aimard in der Elbphilharmonie.