(Jahres-/Konzert-)Rückblick 2018

Es ist wieder soweit, das letzte Konzert des Jahres ist längst genossen & verbloggt, Zeit für den Jahresrückblick! Wie angekündigt ist die Liste in diesem Jahr etwas kürzer als im letzten. Mit der Betonung auf “etwas”.

Die bemerkenswerten Premieren:

Neue Orte:

Die Wiederholten:

Sehr ärgerlich sind die beiden Streichungen im “Premieren”-Teil. Im September war Philipp Glass krank und als das Kronos Quartet im Großen Saal der Elbphilharmonie spielte, war ich krank. Ganz dumm gelaufen. Ich hoffe in beiden Fällen auf eine zweite Chance!

Das Highlight des Jahres zu benennen fällt mir in diesem Jahr ähnlich schwer wie im letzten. Pierre-Laurent Aimard, Max Richter,  Element of Crime, Ólafur Arnalds oder Chilly Gonzales? Oder doch das vision string quartet? Rafael Payare? Martha Argerich und Daniel Barenboim? Unmöglich, da eine Entscheidung zu treffen. Nils Frahm, an sich der gesetzte Kandidat, hat es jedenfalls nicht geschafft. Bei aller Liebe, aber “All Melody” hat “Possibly Colliding” nicht toppen können, auch beim zweiten und dritten Mal nicht. Ich fürchte, da bin ich auf lange Zeit verdorben. Aber vielleicht auch nur bis Juni nächsten Jahres… wir werden sehen.

Was die Örtlichkeiten betrifft, so ist es in diesem Jahr der Kleine Saal der Elbphilharmonie geworden. Der ist mir mittlerweile – nicht zuletzt wegen des sehr großartigen “Blind Date”-Formats – sehr ans Herz gewachsen.

Der erste Konzerttermin des Jahres 2019 steht bereits am 10. Januar an, zur Abwechslung im Schauspielhaus, und es wird keineswegs nur gespielt, sondern auch gelesen (Moby Dick nämlich). Das wird super. In diesem Sinne: auf ein gutes Neues!

In Concert: Stimming x Lambert im Mojo Club

Stimming und Lambert, das ist eine Kombination, auf die ich nicht unbedingt von allein gekommen wäre. Schon deswegen reizte mich die Ankündigung des gemeinsamen Auftritts im Mojo Club.

Dann war da aber auch die Erinnerung einerseits an die beiden Lambert-Konzerte, insbesondere das in der K2 auf Kampnagel, und andererseits an Stimmings Gastbeitrag bei einer “voyage abstrait” im August 2014, bis heute eines meiner Top 3-Sounderlebnisse im Sternensaal des Hamburger Planetariums. Der Moment seiner Übernahme des DJ-Pults hatte sich angefühlt, als würden mir plötzlich ein paar unsichtbare Klappen von den Ohren fallen, und ich meine das nicht in Bezug auf die Lautstärke. “Dröhnend laut” hat in diesem Raum und bei dieser Anlage noch nie funktioniert, was mit einer beinahe hartnäckig anmutenden Konsequenz immer wieder geflissentlich ignoriert wird. In die Nähe ist seither qualitativ nur noch David August gekommen. Wobei man die zwei schon von der Stilrichtung her eigentlich überhaupt nicht miteinander vergleichen kann. Aber ich schweife ab.

Der Abend im Mojo begann – dramaturgisch logisch – mit einem Solopiano-Set von Lambert. Dabei wurde offensichtlich, daß sich viele Lambert-Fans im Raum befanden, aber auch nicht wenige Stimming-Fans, die nicht auf leise Klaviertöne eingestimmt waren. Die gemeinsamen Stücke stießen zwar auf großen Beifall beider Fraktionen, aber während des anschließenden DJ-Sets von Stimming dünnte sich die Publikumsdichte merkbar aus. Das ist das Dilemma der Grenzgänger: Klub oder Konzertsaal? Bestuhlt oder nicht? Da paßt weder das eine noch das andere so richtig. Das Konzert hätte beispielsweise sicher auch im (üblicherweise bestuhlten) resonanzraum funktioniert. Aber wahrscheinlich nur für die Lambert-Fraktion.

Zurück zur Musik. Ich sag es mal so: Da haben sich zwei Spielkinder gefunden; da geht schon so einiges, aber ganz bestimmt noch mehr, und live hatte das deutlich mehr Wumms als die Konserve. Unbedingt weitermachen!

In Concert: Emmanuel Ax, Herbert Blomstedt und das NDR Elbphilharmonie Orchester in der Elbphilharmonie

Beethoven und Brahms mit dem NDR Elbphilharmonie Orchester – das klingt erst einmal unspektakulär. Ist es aber nicht, denn das Konzert fand im Großen Saal der Elbphilharmonie statt und wenn ich auch inzwischen fast überall reinkomme, aber an der Kartenbeschaffung für sinfonische (NDR Elbphilharmonie Orchester) bzw. philharmonische (Philharmoniker Hamburg) Konzerte scheitere ich in den allermeisten Fällen immer noch krachend. Dabei habe ich letzten Sommer sogar versucht, ein kleines Philharmoniker-Abo zu ergattern – vergebliche Liebesmüh! In der Rückschau betrachtet hätte ich das vielleicht schon festklopfen sollen, bevor die Philharmoniker in die Elbphilharmonie umgezogen sind. Aber in den Saisons davor saß mir das Geld nicht so locker. Wie es halt ist, wenn man einen sich anbahnenden Jobverlust schon drei Meilen gegen den Wind riechen kann.

Abgesehen davon waren es natürlich auch Herbert Blomstedt und Emmanuel Ax, die diesen Abend zu einem besonderen machten. Herbert Blomstedt dirigierte in der vergangenen Woche vier Konzertabende hintereinander, drei davon in Hamburg und einen in Lübeck, und das im zarten Alter von 91 Jahren. Falls ich im Jahr 2064 dieses Pensum auch nur als Zuhörerin schaffen sollte, werde ich mich sehr glücklich schätzen können. Vorausgesetzt, die Elphi ist dann nicht längst schon unbespielbar. Weil abgesoffen.

Aber zurück zum Programm. Wenn mir demnächst jemand die Frage stellen sollte: “Lieben Sie Brahms?” werde ich antworten: “Wenn er von Herbert Blomstedt dirigiert wird: auf alle Fälle.”

In Concert: Chilly Gonzales in der Laeiszhalle (!)

Heute spielt er ein Konzert in der Elbphilharmonie Hamburg, nächste Woche seht ihr ihn bei uns in Bremen: Wir freuen uns sehr auf Chilly Gonzales!

So lautete eine Ankündigung auf der Facebookseite der Sendung 3nach9 im Vorfeld des Konzerts am vergangenen Dienstag. Was allerdings nicht ganz den Tatsachen entsprach: Wie nicht wenige Menschen zuvor hatte wohl auch das Social Media-Team von Radio Bremen übersehen, daß der Auftritt zwar in der Programmübersicht auf www.elbphilharmonie.de gelistet war, aber nicht ebendort, sondern in der Laeiszhalle stattfinden sollte. Und natürlich klingt “in der Elbphilharmonie” immer noch ungleich glanzvoller! Die Zugkraft des Glaspalastes an der Elbe ist nach wie vor ungebrochen und wird allerorten ausgiebig genutzt.

Aus mir zu diesem Zeitpunkt noch unerfindlichen Gründen kitzelte mich diese Ungenauigkeit. Ich meckerte öffentlich, per Kommentar (erfolgreich, der Eintrag wurde später korrigiert). Etwas, was ich mir zumeist verkneife, denn nur, weil diese Plattformen unendlich viele Gelegenheiten zur Besserwisserei bieten, muß man solchen Impulsen nicht zwingend auch nachgeben. Aber als ich später am Tag die Laeiszhalle betrat, wurde mir bewußt: Ich hatte mich gefreut auf diesen Abend, monatelang hatte das Ticket an meiner Küchenpinnwand gehangen, und ich hätte ihn mir an einem anderen Ort schlicht nicht vorstellen können.

Wie hätte “Solo Piano III” in der Elbphilharmonie geklungen? Wir wissen es nicht. Aber ziemlich sicher nicht so, wie der Künstler es sich vorgestellt hat. Der Große Saal, so wird immer wieder betont, sei, was die Akustik betrifft, als Raum für die Musik des 20. und 21. Jahrhunderts geschaffen worden. Das ist keineswegs global gemeint, sondern bezieht sich auf die sogenannte “Neue Musik”, von der allwissenden Wikipedia als “Sammelbegriff für eine Fülle unterschiedlicher Strömungen der komponierten, mitteleuropäisch geprägten Musik von etwa 1910 bis zur Gegenwart” definiert. Chilly Gonzales’ Musik hingegen entzieht sich zwar den üblichen Schubladen, aber sie ist tonal und tendenziell romantisch. Selbst die Rap-Stücke haben noch einen kammermusikalischen Anklang und sei es nur der gewählten Instrumentierung wegen.

Nicht, daß Chilly Gonzales nicht schon in der Elbphilharmonie gespielt hätte. Ein “Chambers”-Konzert muß das gewesen sein, 2017, im Rahmen des Schleswig-Holstein Musik Festivals. Zurückgekehrt ist er aber aus gutem Grund in die Laeiszhalle, der er im Laufe des Abends gleich mehrfach Liebeserklärungen machte. Sie sei eine seiner drei Lieblingsveranstaltungsorte in Europa, er habe noch nie ein schlechtes Konzert dort erlebt usw.

Der Auftritt selbst war eine grandios gelungene Komposition aus Solo Piano-Stücken (mit Schwerpunkt auf dem aktuellen Album, der Nummer III), musikalischem Edutainment à la Chilly Gonzales (wer sie noch nicht kennen sollte: “1Live Pop Music Masterclass” gucken! Alle Folgen! Das gilt insbesondere denen, die sich im Musikunterricht gelangweilt haben!), den bereits erwähnten Rapsongs (in denen trotz aller Betonung der während seines Sabbaticaljahrs neu gewonnenen Gelassenheit und Seriösität als Künstler stets das einstige Enfant terrible durchblinkt) und natürlich durften auch “Hit”-Stücke wie “Knight Moves” nicht fehlen.

Im 1. Rang links, Loge 3, Reihe 2 habe ich nur einmal ganz kurz den Weinberg vermißt: Als ich nämlich feststellen mußte, aufgrund der Positionierung des Bechsteinflügels ganz am linken Bühnenrand (warum?!) für rund 35 Euro einen formidablen Hörplatz ergattert zu haben. Daß ich doch noch ein paar Blicke erhaschen konnte, war einzig dem Gitterwerk der Balustrade geschuldet und dazu ganz und gar vom Sitzverhalten der ersten Reihe abhängig (vielen herzlichen Dank nochmal an die unbekannte Dame in rot!). Da schwächelt die alte Lady Laeiszhalle, leider.

Vom akustischen Standpunkt her kann ich jedoch nur betonen: Gebt der Laeiszhalle, was der Laeiszhalle ist! Ich bin bekennender Elphi-Fan, aber da ist eine ganze Menge Musik auf der Welt, die in dem Konzerthaus am Johannes-Brahms-Platz besser aufgehoben ist als in der optisch spektakuläreren Konkurrenz in der HafenCity.

Platzhalter

Worüber ich in den letzten Tagen mangels Zeit, Ruhe und Konzentration nicht gebloggt habe:

Gestern abend hätt’ ich können, aber da habe ich diverse Trockenfrüchte in Alkohol eingelegt. Und heute Plätzchen gebacken.

Muß an der Jahreszeit liegen.


*) des laufenden Jahres

barcamp Hamburg XII

Letztes Jahr schrieb ich an dieser Stelle über meine barcamp Hamburg-Premiere. Streng genommen war das verfrüht. Die wirkliche Premiere habe ich erst jetzt bei meiner zweiten Teilnahme gefeiert, denn wer das Motto “Barcamp ist, was Du daraus machst” ernst nimmt, konsumiert nicht nur Veranstaltungen, sondern bietet auch welche an.

Die Idee zur “Seemannsknoten”-Session kam mir zwar schon während des letzten Barcamps, aber erstens hatte ich da spontan kein Kursmaterial zur Hand und zweitens fehlte mir schlicht die Traute. Damals hatten mich die Neugier und die Suche nach Inspiration für meine zu dieser Zeit gerade erst anlaufende Jobsuche in die Räume der otto group geführt. Ich war viel zu sehr damit beschäftigt, mich nach zwölf Jahren Abstinenz auf das Szenario “Vorstellungsgespräch” vorzubereiten, als daß ich in Erwägung gezogen hätte, mich vor das Barcamp-Plenum ans Mikro zu bewegen und eine Session vorzuschlagen.

Tatsächlich war genau das auch das Schwierigste an der gesamten Sache: Sich vor so vielen Leuten hinzustellen und mich bzw. mein Thema zu verkaufen. Die Ungeübte kostet das nicht wenig Überwindung. Aber da hilft nur eins, nämlich hingehen und machen. Und siehe da: Während mir am Freitag noch reichlich mulmig war, fand ich es am Samstag gar nicht mehr so schlimm. In der Session selbst durfte ich dann meine ansonsten eher selten genutzten pädagogischen Fähigkeiten erproben. Auch dafür ist ein Barcamp der perfekte Ort: Die Teilnehmer sind mehrheitlich für (fast) alles offen, kommunikativ und erwarten zwar durchaus einen gewissen Standard, verzeihen aber in der Regel, wenn nicht alles perfekt läuft. Das ist teilweise auch der Spontaneität geschuldet, mit der manche Themen angeboten werden und trägt darüberhinaus nicht wenig zum Reiz des Formats bei.

Die "Seemannsknoten" im Sessionplan
Die “Seemannsknoten” im Sessionplan

Einen Nachteil hat es allerdings, wenn man selbst einen Slot im Sessionplan belegt: Man verpaßt noch mehr interessante Veranstaltungen als sowieso schon. Wie verhext erscheint einem das Board, wenn man dort gleich drei, vier parallele Knüller entdeckt, zeitlich davor oder dahinter dafür aber Flaute herrscht.

Einiges konnte ich dennoch mitnehmen, unter anderem “Bauch vs. Kopf – gute Entscheidungen” mit Christine Flaßbeck, “Skat” (da war ich leider nicht mehr so richtig aufnahmefähig, aber etwas ist immerhin hängengeblieben), “All your money belongs to me” (über die Sicherheit bzw. Unsicherheit von Bezahl-Apps), “The Work” mit Peri Soylu und “Tanzen mit dem Zebra” (Française nämlich). Außerdem hatte ich ein Oculus Rift vor den Augen und bin immer noch schwer beeindruckt. Mit Gaming habe ich es ansonsten überhaupt nicht, aber so ein Ding könnte mich glatt dazu kriegen. Zumal es neben der Spielerei auch noch so lustige Dinge wie “Google Earth VR” und “Spheres” gibt.

Ein Abzug in der B-Note sei doch erwähnt: Während wir in den Sessions saßen, führte eine getwitterte Anmerkung zur Barcamp-Verpflegung zu einem mittelschweren Handgemenge in den Timelines. Unabhängig davon, wer sich da warum und in welchem Ausmaß daneben benommen hat, stört mich an der auch außerhalb des virtuellen Raums zunehmend kontrovers geführten Diskussion um Ernährungsvorlieben hauptsächlich eines: die ideologisch verhärteten Fronten. An sich müßte man im nächsten Jahr dazu eine Session abhalten. Allein, mir geht es bei dem Thema ähnlich wie Herrn Buddenbohm mit der gewaltfreien Kommunikation, weswegen ich mich als Diskussionsleiterin leider nicht zur Verfügung stellen kann.

In Concert: Das PianOrquestra in der Elbphilharmonie

Wer erinnert sich noch an die Piano Guys? Die traten im Dezember 2013 sogar in der Laeiszhalle auf, unter anderem mit diesem Titel:

Das hat mir durchaus gefallen, wenn es auch als eine ziemlich (nord-)amerikanische Shownummer daherkam: Die zugegebenermaßen spektakulären Videos liefen parallel zur Livedarbietung auf einer Leinwand mit und dem Publikum wurde überdies nicht vorenthalten, daß alle Mitglieder des Ensembles tiefgläubige Mormonen sind. Allein, die Herren haben sich inzwischen mit ihrem Auftritt bei Donald Trumps Amtseinführung ins Aus geschossen. Schade eigentlich.

Wie komme ich drauf? Ach ja, das “Blind Date” gestern in der Elbphilharmonie! Da stand zunächst ein großer Flügel im Raum und sonst nicht viel anderes, aber dann kamen 5 Menschen mit 10 Händen dazu und führten die Idee mit dem Klavier als Orchester auf ein ganz neues Level. PianOrquestra, gegründet und geleitet vom Pianisten und Perkussionisten Claudio Dauelsberg, stammen aus Brasilien und das hört man sehr deutlich. Nichtsdestotrotz wurden daneben auch ruhigere und Solotöne präsentiert, u. a. von Arvo Pärt, Johannes Brahms und Claude Debussy. Auch beim Auftritt von PianOrquestra, soweit reicht die Parallele noch, spielten Einblendungen und Videoausschnitte mit – ohne die Kamera über dem Flügel hätte man vieles gar nicht mitverfolgen können. Sehr praktisch, gerade auch für die hinteren Reihen. Einzig der tänzerischen Einlagen hätte es meiner Meinung nicht unbedingt noch bedurft. Die Kreativität und Spielfreude von Dauelsberg und seinen vier Mitstreiterinnen sprach für sich.

Mit meiner Begeisterung war ich nicht allein und ich betrachte die “Blind Dates”, sofern möglich, künftig als feste Einrichtung in meinem Konzertkalender. Mein nächstes wird im April 2019 sein.

Schöner Wohnen in Altona: Auf Instatour durch den wilden Westen

Wer in Hamburg leben möchte und weder Immobilien geerbt hat noch über ein unbegrenztes Budget verfügt, muß sich zwangsläufig mit dem leidigen Thema Wohnungssuche beschäftigen. (Manche müssen das aus Gründen sogar innerhalb weniger Monate zum wiederholten Male – unschöne Sache, ich kann das so gar nicht zur Nachahmung empfehlen.) Selbst wenn man eine ebenso bezahl- wie bewohnbare Mietbehausung gefunden hat, sicher kann fast niemand in der Stadt mehr sein, daß nicht irgendwann eine Erbengemeinschaft oder ein Investor auf teure Ideen kommt. Auch in meiner Wahlheimat Barmbek-Nord kommen die Einschläge näher: Die Dichte der Biosupermärkte, für viele ein (wenn nicht der) Indikator für Gentrifizierung, hat sich signifikant erhöht in den letzten Jahren. Die Beschäftigung mit Stadtentwicklung liegt also nahe, weswegen ich nicht zögerte, als das Altonaer Museum zur Instatour im Rahmen der aktuellen Sonderausstellung “Schöner Wohnen in Altona? Stadtentwicklung im 20. und 21. Jahrhundert” einlud.

Schon ein kurzer Blick auf die Ausstellung  beweist, daß das Thema beileibe kein neues ist. Ausgehend von der Wohnsituation der 1890er Jahre bis in die Gegenwart werden die unterschiedlichen Strömungen, die Ideen dahinter und realisierte, aber auch nicht realisierte Projekte beleuchtet. An verschiedenen Stationen haben Besucher außerdem die Möglichkeit, eigene Erfahrungen und Vorstellungen zum Thema einzubringen.

Schöner Wohnen in Altona
Schöner Wohnen in Altona
Stadtplanung am Reißbrett
Stadtplanung am Reißbrett

Nach einer einstündigen Führung durch die Ausstellung und einer kleinen Mittagspause starteten wir schließlich zur eigentlichen Instatour, für die der VHH freundlicherweise einen Oldtimerbus aus den 1980er Jahren beisteuerte. Schulbuserinnerungen kamen hoch!

Oldie but Goldie!
Oldie but Goldie

Ich habe die insgesamt fünf Stationen der Tour chronologisch durchsortiert. Am Anfang steht somit die Steenkampsiedlung (1914-1926). Eine klassische Gartenstadt, beinahe dörflich-ruhig, inklusive Freigängerkatze. Manche Häuser wirken ein klein wenig angestaubt, was aber dem Charme des Ensembles keinen Abbruch tut.

Gartenstadt: Die Steenkampsiedlung
Gartenstadt: Die Steenkampsiedlung
Steenkampsiedlung
Steenkampsiedlung
Steenkampsiedlung
Steenkampsiedlung
Das Café
Das Café

Der Friedrich-Ebert-Hof (1928-1930) ist ein repräsentatives Beispiel für Wohnraumplanung der 1920er Jahre, die unter dem Motto “Licht, Luft, Sonne” stand. Er besteht aus kleinen, einfach ausgestattete Wohnungen. Die charakteristischen Elemente Rotklinker, Sprossenfenster, Flachdach und Blockrandbebauung sind in überall in Hamburg zu finden.

Friedrich-Ebert-Hof
Friedrich-Ebert-Hof
Flachdach
Flachdach
Höchstpersönlich
Höchstpersönlich

Das Flachdach, so lernten wir bereits in der Ausstellung, war während der Nazizeit verpönt, eben weil es charakteristisch für die unmittelbar vorausgegangene Bauperiode war. Bereits bestehende Gebäude wurden vielfach durch Aufsetzen von Spitzdächern aufgestockt. Mir geht auf, daß davon möglicherweise auch das Haus betroffen ist, in dem ich lebe: Das Dachgeschoß will mit dem Rest des Blocks irgendwie nicht recht harmonieren, was sich unter anderem in den Rissen in meiner Schlafzimmerwand manifestiert.

Vom Friedrich-Ebert-Hof ist es ein großer Sprung zum Osdorfer Born (um 1970). Autogerechte “Urbanität durch Dichte” am Stadtrand, verbunden mit der konsequenten Trennung von Wohnen und Arbeiten: Das war die Idee hinter den Großsiedlungen, die mittlerweile vielfach als soziale Brennpunkte verschrieen sind. Den mäßig hübschen Plattenbauten steht eine Begrünung entgegen, die den Kolossen etwas von ihrer Wuchtigkeit nimmt. Zurzeit ist eine Fassadensanierung im Gange, die mindestens optisch einiges an Verbesserung verspricht. Eine Anbindung an das U-Bahn-Netz war zwar geplant, wurde dann aber letztlich nicht ausgeführt. Immerhin kann man den täglichen Einkauf in der unmittelbaren Umgebung tätigen.

Osdorfer Born
Osdorfer Born
Osdorfer Born
Osdorfer Born
Infrastruktur
Infrastruktur

Die 1960er Jahre brachten einiges in Gang: Gegen Planungen des CDU-geführten Senats, im bis dato durch Altbauten geprägten Kern von Ottensen in Anlehnung an die bereits etablierte “City Nord” eine “Bürostadt West” aufzubauen, regte sich erfolgreich Widerstand.

Heutige Projekte setzen auf Bürgerbeteiligung und den vielbeschworenen Drittelmix aus Wohnen, Büroflächen und (Einzel-)Handel. Was leider keineswegs bedeutet, daß die so entstandenen und noch im Entstehen befindlichen Quartiere für jedermann erschwinglich sind.

Die Othmarscher Höfe (2014-2016) wurden auf dem Gelände einer ehemaligen Margarinefabrik errichtet. Anders als in der erst seit kurzem im Bau befindlichen neuen Mitte Altona (2017-) sind sowohl Begrünung als auch Versorgungsinfrastruktur bereits vorhanden. Das Areal ist riesig und ziemlich eng bebaut. Darüber kann auch der in Hamburg häufig angewandte Trick mit den Staffelgeschossen nicht hinwegtäuschen.

Othmarscher Höfe
Othmarscher Höfe
Othmarscher Höfe
Othmarscher Höfe
Othmarscher Höfe
Othmarscher Höfe

Ein Teil der neuen Mitte Altona entsteht auf dem Gelände des ehemaligen Güterbahnhofs. Weitere Flächen werden künftig u. a. durch Verlagerung des Fernbahnhofs zum Diebsteich und den Umzug der Holstenbrauerei frei. Neben den Neubauten soll die sogenannte Kleiderkasse, ein denkmalgeschütztes Backsteingebäude, erhalten bleiben und ein acht Hektar großer Park entstehen. Als Zentrum des Quartiers wird die ehemalige Güterhalle fungieren. Momentan wirken die bereits fertiggestellten (und bewohnten) Häuser im Bereich der Harkortstraße jedoch noch etwas deplaziert.

Mitte Altona
Mitte Altona
Mitte Altona
Mitte Altona

Die 1:1-Gegenüberstellung von Ausstellungsinhalten und Originalschauplätzen ist zwar gewissermaßen der Idealfall, Beispiele für die einzelnen Epochen der Stadtentwicklung finden sich aber überall in der Stadt verteilt. Insofern läßt sich die Ausstellung “Schöner Wohnen in Altona?” problemlos auf Hamburg insgesamt skalieren und ist damit viel mehr als “nur” die gelungene Beleuchtung eines Teils der Altonaer Geschichte und Gegenwart.

“Schöner Wohnen in Altona?” läuft noch bis zum 24. Juni 2019. Im Rahmenprogramm werden u. a. Kuratorenführungen, Vorträge und Lesungen sowie diverse Stadtteilrundgänge angeboten.