Herbstbuntes

Im Sommer kam die Trendwende, aber bis zum Herbst hat es gedauert, bis ich endlich sagen konnte: Es geht mir (wieder) gut!

Weil das keine Selbstverständlichkeit ist und ich mit dem Phänomen bedauerlicherweise alles andere als alleine bin, wird es hier und jetzt ausnahmsweise konkret: Wenn ihr „in einem gewissen Alter“ seid, entweder schleichend oder scheinbar plötzlich gesundheitlich so einiges den Bach runter zu gehen scheint und bei geneigten Zeitgenössinnen als Zugabe die Migräne massiv eskaliert: Sucht euch eine Hausärztin oder Gynäkologin (m/w/d), die sich mit Wechseljahresbeschwerden und deren Behandlung auskennt. Und zwar wirklich auskennt, im Sinne von: Wenn eine Strategie nicht funktioniert, wird nicht mit den Schultern gezuckt, sondern eine andere ausprobiert. Das ist nicht so einfach, ich weiß. Aber es kann den Unterschied zwischen „körperlich/mental wieder fit“ und „lebensunfroh und (nahezu) arbeitsunfähig“ ausmachen.

Soweit dazu.

September

Der September begann mit einem Werkstattkonzert in der Klangmanufaktur, welches bei mir ohne jeden Nachhall verpuffte. Nicht wegen schlechter Tagesform, das Trio bestehend aus Violine, Cello und Flügel hat mich einfach nicht berührt. Kann passieren.

Zur Langen Nacht der Literatur Hamburg hatte ich mir eine Lesung von Burghart Klaußner in der Freien Akademie der Künste Hamburg ausgesucht. Zum einen, weil ich Burghart Klaußner mag und zum anderen, weil ich noch nie im Gebäude der Freien Akadamie der Künste Hamburg war. Klaußner las aus „Ich und die anderen“, den Erinnerungen des Literaturkritikers, Journalisten (FAZ, DIE ZEIT) und ehemaligen Akademie-Präsidenten Ulrich Greiner. Außerdem plauderten die beiden über Greiners Karriere, das Schreiben – was ich bis dahin nicht wusste: Klaußner hat selbst bereits ein Buch veröffentlicht und versucht sich zurzeit an seinen eigenen Memoiren – sowie über dies und das. Die ehemalige Kollegin, die ich zufällig vor Ort antraf, fand, dass sei doch ein recht eitles Geplauder zweier alter, weißer Männer gewesen. Ganz unrecht hatte sie nicht, vor allem Greiner gab sich auf tendenziell unsympathische Art und Weise selbstgefällig (das Wort „standesbewusst“ kam mir in den Sinn). Allein das Buch „Ich und die anderen“ zu betiteln ist ja für sich genommen schon erhellend. Ich fühlte mich trotzdem gut unterhalten. Schon weil Burghart Klaußner einfach ein phantastischer Vorleser ist.

Dem Inhalt und Format entsprechend völlig anders, aber ebenfalls hervorragend war der Vortrag von Joachim Król im Rahmen des Harbour Front Literaturfestival: Unter dem Titel „Momentum – Ein Roger Willemsen Abend“ präsentierte er im Kleinen Saal der Elbphilharmonie die im gleichnamigen Buch erschienenen kurzen und sehr kurzen Texte des 2016 verstorbenen Publizisten, Moderators und Filmproduzenten, der in diesem Jahr 70 Jahre alt geworden wäre. Die mit den Textpassagen eng verwobenen musikalischen Parts besorgten – auch das angemessen hochklassig – Franziska Hölscher (Violine) und Martin Klett (Klavier). Ein gelungenes Gesamtkunstwerk! Wie ich hörte, soll es in Zukunft weitere Termine geben.

Oktober

Semperoper
Semperoper

Die Idee, eines Tages die Semperoper zu besuchen, ist schon viele Jahre alt. Mitte Oktober war es endlich soweit: Mit Schwestern, Schwager und Mutter ging es in die Neuinszenierung des „Falstaff“, der letzten Oper von Giuseppe Verdi. Regisseur Damiano Michieletto hatte den Stoff in die jüngere Vergangenheit transferiert und aus der Titelfigur einen abgehalfterten Rockstar gemacht.

Nicola Alaimo als Falstaff warf sich vollständig in die Situation (wie die geschätzte Frau Novemberregen es ausdrücken würde), was ganz wesentlich zum Gelingen dieser Übung beitrug. Musikalisch überzeugte die Sächsische Staatskapelle Dresden unter der Leitung ihres neuen Chefdirigenten Daniele Gatti. Dieser, so erfuhren wir im Nachgespräch mit Nicole Chirka (Mrs. Meg Page) und Simeon Esper (Bardolfo), hatte an der Ausgestaltung der Inszenierung keinen unwesentlichen Anteil. Wie Esper, selbst US-Amerikaner, mit einiger Belustigung herausstellte war neben der musikalischen Leitung und der Regie auch die Gestaltung des Bühnenbilds und des Lichts in italienischer Hand, zudem waren fünf der zehn Rollen mit Italienerinnen und Italienern besetzt. Italienische Verhältnisse in Sachsen also – der Produktion hat es jedenfalls gut getan. Mit den meisten zeitgenössischen Operninszenierungen, die ich bisher sah, hatte ich Probleme. Weil es in diesen oft zu drastischen Diskrepanzen zwischen Libretto/Musik und dem Narrativ kommt, welches die jeweilige Inszenierung zu vermitteln sucht. Bei diesem „Falstaff“ hat niemand auch nur versucht, gegen das Stück zu arbeiten. Von dem Ergebnis war sogar der bis dato wenig opernaffine Schwager angetan.

Immer noch schwer geflasht bin ich vom Auftritt des Vokalensembles Tenebrae unter der Leitung von Nigel Short im Großen Saal der Elbphilharmonie, eine von vier Veranstaltungen des Schwerpunkts „Arvo Pärt 90“ (gerne hätte ich sie alle besucht, aber das passte zeitlich leider nicht). Für mich überraschend waren es dann aber gar nicht so sehr die Pärt-Stücke, sondern die Interpretationen der Werke von Sir John Taverner und Eric Whitcare, die mich nachhaltig beeindruckten. Das große Finale bildete „Spem in alium“ von Thomas Tallis mit der Prelude „Nulla est finis“ von Unsuk Chin und nicht nur zu dieser Gelegenheit bespielten Tenebrae auch den Raum: Der Chor teilte sich in verschiedene Gruppen auf, von denen einige sich im Zuschauerraum platzierten. In vielen Momenten des Abends hätte ich mir die Atmosphäre und Akustik einer Kirche gewünscht. Andererseits betonte der vielfach als trocken gescholtene Große Elphi-Saal die Präzision des Vortrags. Da kann halt niemand ungestraft schummeln. Oder, wie Mengguang Huang es auf „bachtrack“ formulierte: „When Tallis’ forty-part monument finally rose from this sonic mist, it felt immense yet transparent within the crystalline acoustics of the Elbphilharmonie – an experience with rare structural clarity, unattainable in the resonant haze of normal cathedrals.“

Zum Abschluss des Monats hatte ich ein weiteres „Blind Date“ im Kleinen Saal der Elbphilharmonie, das sich als argentinischer Tango mit dem Sónico Tango Orchestra entpuppte. Dargeboten wurden Kompositionen und Arrangements von Eduardo Rovira und Astor Piazzolla, in der ersten Hälfte zu siebt und in der zweiten als Oktet mit zwei Bandoneon-Spielern. Das Ensemble ist in Brüssel beheimatet, wobei unter den Mitgliedern nur ein Belgier ist (Ivo De Greef am Flügel). Der Rest stammt aus den USA, Spanien, Frankreich und – zumindest ursprünglich – Argentinien.

Und sonst so

Ich war außerdem zum ersten Mal in der Sammlung Falckenberg (zum Tag des offenen Denkmals) und es wird bestimmt nicht das letzte Mal gewesen sein.

Dann staunte ich über Anders Zorn, dem zurzeit eine große Sonderausstellung in der Hamburger Kunsthalle gewidmet ist. Den Bericht darüber muss ich nicht selbst schreiben, sondern kann an Herrn Buddenbohm verweisen, dessen Anmerkungen ich mich voll und ganz anschließe. Mit der Ergänzung, dass nicht nur die Gemälde, sondern besonders die in seinem Beitrag nicht abgebildeten Radierungen Zorns eine Klasse für sich darstellen.

Anders Zorn, Die Kunstsammlerin Isabella Stewart Gardner (1894)
Die Kunstsammlerin Isabella Stewart Gardner (1894)
Anders Zorn, Junge rauchende Frau (ca. 1892)
Junge rauchende Frau (ca. 1892)

Das Kultur- und Musikangebot Dresdens muss ich unbedingt vertiefen und mir bei nächster Gelegenheit vor allem den Kulturpalast näher anschauen. Dieser beherbergt neben der Dresdner Philharmonie die Zentralbibliothek der Sächsischen Bibliotheken Dresden, das Kabaret DIE HERKULESKEULE, das COSMO Wissenschaftsforum und das ZfBK – Zentrum für Baukultur Sachsen. Eine interessante Mischung.

Als Herausforderung entpuppte sich indes die Navigation durch die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden. Wir besuchten die königlichen Paraderäume Augusts des Starken, das Historische und das Neue Grüne Gewölbe (Residenzschloss) sowie den Mathematisch-Physikalischen Salon (Zwinger). Allerdings haben Zwinger und Residenzschloss unterschiedliche Öffnungszeiten und auf der Webseite wird man diverse Male im Kreis geführt, bevor sich einem erschließt, was wo angeboten wird und welches Ticketmodell zu den eigenen Wünschen passt. Hilfreicher war da ein Faltblatt mit Übersichtskarte, welches ich bei Dresden Information am Hauptbahnhof eingesteckt hatte.

Dresdner Zwinger
Dresdner Zwinger
Automat im Mathematisch-Physikalischen Salon
Automat im Mathematisch-Physikalischen Salon

Merke: Für Manches ist Print immer noch unschlagbar!

Sommersonnenwende

Ich traue dem Trend: Es geht aufwärts! Nicht linear, aber immerhin tendenziell. Der Juli ist erreicht und damit auch zwei berufliche Meilensteine, von denen einer hoffentlich zur weiteren Besserung beitragen wird.

In der Zwischenzeit berichte ich über die Monate Mai und Juni.

Mai

Im Mai war ich erstmals bei „Wir sind spät, aber es ist noch heute“, der „MusikFilmLeseBühne“ mit Julia Herrgesell, Herbert Hindringer, Katrin Seddig (Text), Katharina Stiel und Thea Seddig (Film) sowie wechselnden musikalischen Gästen im Nachtasyl. „WSSAEINH ist ein Gesamtkunstwerk, künstlerisches Experiment und Antwort auf ungestellte Fragen, so unterhaltsam wie fordernd, hart aber schön“, so die Beschreibung. Das trifft es sehr gut und das Nachtasyl mit seiner Wohnzimmeratmosphäre plus Bar ist die perfekte Spielstätte dafür. Der Abend im Mai fand im Rahmen des Festivals „Hamburg liest die Elbe“ statt und war daher entsprechend wasser- bzw. elbelastig. Die Musik stammte von Doro Offermann (Saxophon) und ­Maria Rothfuchs (Kontrabass). Insgesamt war es eine sehr abwechslungsreiche, hm, Zusammenstellung? Collage? Ich war jedenfalls nicht zum letzten Mal dabei. Im Juni konnte ich leider nicht, aber wenn ich es richtig gesehen habe, ist der nächste Termin im September.

Meine erste LIGNA-Erfahrung führte mich 2021 in den stillgelegten Kaufhof Mönckebergstraße. Bei „Das Wunder von Hamburg – eine Wallfahrt zum Elbtower und anderen Ruinen“ steigt das Publikum in einen fahrenden Theaterbus und reist zu fragwürdigen Bauprojekten beziehungsweise deren Resten in der Stadt.

Kurzer Olaf
Kurzer Olaf

Neben dem Elbtower, im Hamburger Volksmund mittlerweile auch „kurzer Olaf“ genannt, lagen unter anderem die Esso-Häuser auf St. Pauli, die Europapassage, der Neubau der Gänsemarkt-Passage – eine weitere Benko-Hinterlassenschaft – und der Ort, an dem die Kühne-Oper entstehen soll auf der Route der performativen Stadtrundfahrt. Auch das seit Jahren brachliegende Holstenareal wurde zumindest filmisch berücksichtigt. Ein amüsanter Nebeneffekt der etwas anderen Stadtrundfahrt waren die erstaunten Blicke der Passanten. Wir müssen ein lustiges Bild abgegeben haben; nicht nur passiv zuhörend und zuschauend hinter der Glasfront des umgebauten LKW, sondern auch, entsprechenden Anweisungen über Kopfhörer folgend, auf auf unseren Wegen durch die Europapassage, auf der Straße unterhalb der ehemaligen Karstadt-Brücke und auf dem Platz gegenüber der Elbtower-Baustelle. Allesamt durch das LIGNA-Team poetisch verpackte, aber dessen ungeachtet haarsträubende Stories, aus denen klar wird: Wenn Investoren und Spekulanten mit Versprechungen und Geldern winken, haben nicht nur Bedürfnisse und Wünsche der Stadtgesellschaft allzuoft das Nachsehen, sondern auch die kommunalen Haushalte. Solche Touren ließen sich in vielen Städten problemlos nachbilden, nicht nur in Deutschland. Sie sollten Pflichtprogramm für Entscheidungsträgerinnen und -träger sein.

re:publica 25: Generation XYZ
re:publica 25: Generation XYZ

Über die re:publica 2025 in der STATION Berlin hätte ich unter normalen Umständen einen eigenen Bericht geschrieben.

Digitalminister auf Stippvisite
Digitalminister auf Stippvisite

Auf den ersten Blick stellte sich die Veranstaltung als ein gigantisches, alle Sinne überwältigendes, als Festival getarntes, mediales und politisches Schaulaufen dar. Ich verbrachte den Großteil des ersten Tages meines re:publica-Debuts damit, mich zurecht zu finden. Wo ist was, wie kommt man am Schnellsten von A nach B und zurück? Wie ist die Verpflegungssituation? Wo ist die Kloschlange am Kürzesten? Wie umgehen damit, dass alles vermeintlich besonders Interessante zur gleichen Zeit stattfindet? Wann die Zeit finden, sich mit Leuten zu verabreden?

Ost-West-Begegnung auf der ARD ZDF Media Stage
Ost-West-Begegnung auf der ARD ZDF Media Stage

Die vorläufige Schlussfolgerung, mehr nach Leuten zu gucken und nicht primär nach Themen, habe ich am zweiten und dritten Tag umzusetzen versucht. Überraschenderweise hatte ich mich Ende deutlich mehr mit beruflichen beziehungsweise Studiumsthemen beschäftigt als mit privaten Interessen. Überrascht war ich auch darüber, wie wichtig, ja nachgerade wohltuend das für mich war (Stichwort „Therapiestunde zur Verwaltungsdigitalisierung“). Dabei konnte ich meine ganz und gar privat finanzierte Teilnahme mangels entsprechender Anerkennung bedauerlicherweise nicht einmal als Bildungsurlaub abwickeln.

Keine digitale Sau: Rosalinde
Keine digitale Sau: Rosalinde

Bei einem „Das Festival für die digitale Gesellschaft“ werden naturgemäß hauptsächlich digitale Säue durchs bundeshauptstädtische Dorf getrieben. Aber eben nicht nur. Ein Beispiel war die sehr gut besuchte und ebenso ernüchternde wie ermutigende Podiumsdiskussion „Wer hat Angst vor den Wechseljahren?“ mit Miriam SteinMandy Mangler und Franka Frei (moderiert von Franzi von Kempis).

Podiumsdiskussion: "Wer hat Angst vor den Wechseljahren?"
Podiumsdiskussion: „Wer hat Angst vor den Wechseljahren?“

Weitere Highlights waren Natascha Strobl mit „Vom Schwarzhemd zu TikTok. Postmoderner Faschismus“, Dr. Pop, Diane Weigmann, Ralph Kink (GEMA), Annelie AUFMISCHEN und Nina Fiva Sonnenberg mit „Next Level Sound? Wie KI die Musikwelt verändert“, Vera Magali Keller und Vivian Kube mit „Legal, illegal, scheißegal? – aktivistische Rechtsberatung gegen die europäische Rechtstaatlichkeitskrise“ und Paul Yoshio Steinwachs mit „Pop-Kultur als generationsübergreifender Rettungsschirm: Mit Star Trek, Yoda und Satire gegen den Wahnsinn der Gegenwart“. Gut gefallen hat mir auch die Podiumsdiskussion „Big Tech-Regulierung: Wer setzt unsere Rechte durch?“ mit Klaus Müller (Präsident Bundesnetzagentur), Andreas Mundt (Präsident Bundeskartellamt) und der BfDI Louisa Specht-Riemenschneier unter der Moderation von re:publica-Mitgründer Markus Beckendahl. Die persönliche Begegnung mit „Menschen aus dem Internet“ kam dabei fast ein bisschen zu kurz. Immerhin kann ich nun einigen weiteren Profilnamen Gesichter und Stimmen zuordnen. Es war mir ein großes Vergnügen! Ob ich im nächsten Jahr wieder teilnehmen werde? Noch unklar. Im Prinzip gerne wieder, aber vielleicht nicht jedes Jahr, sondern eher so alle zwei oder drei Jahre? Es wird sich zeigen.

Juni

Sir Simon Rattle hatte ich schon ein paar Mal live erleben dürfen. Aber das BRSO noch nicht, welches sich zu den besten Orchestern Deutschlands und – jedenfalls nach Meinung einer 2023 vom Magazin bachtrack befragten Kritikerinnen- und Kritiker-Jury – auch der Welt zählen darf. Höchste Zeit, das nachzuholen. Allerdings bin ich kein Fan von Pierre Boulez und konnte auch mit dem „Rituel in memoriam Bruno Maderna“ nicht allzu viel anfangen. Von einem meiner Lieblingsplätze in 13 I des Großen Saals der Elbphilharmonie aus kann man aber das Geschehen im Orchester und sowohl die Gestik als auch die Mimik des Dirigenten sehr gut beobachten. Eines haben zeitgenössische Stücke nämlich in der Regel wenigstens: einen hohen Unterhaltungsfaktor. Meistens gibt es reichlich Aktion auf der Bühne (und im Falle des „Rituel“ auch verstreut im Saal: eine der sieben Gruppen, aus denen sich das Orchester in der Partitur zusammensetzt, war hinter den Sitzreihen in 15 Q platziert), oft in Kombination von Tönen, die man nicht immer auf Anhieb auch den erzeugenden Instrumenten zuordnen kann.

Der zweite Teil des Konzertabends bestand aus „Daphnis et Chloé“ von Maurice Ravel und das, so fand ich, war in jeder Hinsicht großartig.

Das letzte „Blind Date“ der Saison entpuppte sich als französisches Ensemble names „The Curious Bards“, welches skandinavische Barockmusik aufführte. Zwar verloren die vier Instrumentalmusikerinnen und -musiker und Ilektra Platiopoulou (Mezzosopran) im Laufe des Konzerts einen kleinen Teil des Publikums, der verbliebene Rest aber ließ sich begeistern. Völlig zu recht. Schon wegen der ebenso charmanten wie dynamischen Moderation Platiopoulous und des für unsere Breiten und Zeiten nicht gerade gewöhnlichen Instrumentariums, darunter eine Hardangerfiedel, eine Nyckelharpa und eine Cister.

Das eine Faszinosum des Juni-Werkstattkonzerts innerhalb der Kohärenzen-Reihe der Klangmanufaktur war der Interpret Erik Breer genannt Nottebohm. Es gibt also tatsächlich immer noch Menschen, die mit einem Genannt-Namen herumlaufen! Das andere war die Werkauswahl, darunter „Variations on Balkan Themes op. 60“ der amerikanischen Komponistin Amy Beach – die Dame war mir bis dahin völlig unbekannt – und „Regard de l’Église d’amour“ von Olivier Messiaen. Vor allem Letzteres: beeindruckend.

Das kann man auch über die Aufführung der „Complete Piano Etudes by Philip Glass“ im Großen Saal der Elbphilharmonie sagen. Die Bühne teilten sich ein Flügel, zehn Klavierbänke und nacheinander zehn Pianistinnen und Pianisten mit teils wild unterschiedlichen Auftritten und Interpretationsansätzen. Man kann Glass nämlich auch wie ein Jazzer (Christian Sands, Etuden #9 und #10) spielen. Oder als japanisches Gesamtkunstwerk (Maki Namekawa, Etuden #19 und #20) aufführen. Schade, dass der Veranstalter es so offensichtlich schwer hatte, den Saal wenigstens einigermaßen zu füllen. Ich hatte mein Ticket sehr früh erstanden in der Erwartung, es würde sehr schnell ausverkauft sein. Das hat sich in diesem Falle nicht ausgezahlt.

Dann war da noch Martin Kohlstedt auf Kampnagel. Erst fühlte ich mich unwohl in Reihe eins; das ist doch ein wenig zu sehr Präsentierteller für meinen Geschmack und ein bisschen nackenstarrig sind die ersten zwei bis drei Reihen in der K6 auch, wenn die Halle bis an die Bühne heran bestuhlt ist. Aber dann war es doch der perfekte Beobachtungsplatz. Wobei es die Nähe nicht braucht, um die Energie zu spüren, die von dort vorne ausgeht. Ich meine das so, wie ich schreibe: von irgendwo auf der Bühne, nicht zwingend ersichtlich von dem Menschen, der auf ihr steht. Man sieht schon, das da etwas passiert und man sieht die Bewegungen. Aber nicht alle Energiestöße sieht man kommen. Bei manchen gibt es keine Vorwarnung.

Jetzt kommt eine Pause bis ungefähr August und dann ist auch schon bald wieder Sommerfestival. Für das ich bisher nur eine einzige Karte habe, weil alles, was ich sonst noch sehen wollte, entweder in meine Urlaubsabwesenheit fällt oder schneller ausverkauft war, als ich gucken konnte (Nesterval – dammit!). Kann also gut sein, dass mein Sommerfestival-Artikel für die 2025er Ausgabe sehr, sehr kurz ausfällt.

Frühjahrsmüder Zwischenbericht

Hier ist schon wieder Rückstau und noch immer Sand im Getriebe. Ich diagnostiziere eine hartnäckig andauernde Störung im Betriebsablauf. Gegenmaßnahmen wurden ergriffen, zünden aber bisher nicht so recht. Und Geduld, vor allem die mit mir selbst, ist dummerweise nicht meine Stärke.

Derweil sind drei Konzertereignisse aus März und April nachzutragen.

März

Das vorletzte „Blind Date“ der Saison war wieder nur ein halbes: Das von mir hoch geschätzte vision string quartet hatte sich mit dem US-amerikanischen Komponisten (auch von Kammer- und Orchestermusik) und Singer-Songwriter Gabriel Kahane zusammengetan.

Gemeinsam gespielte Stücke wechselten sich mit Einzeldarbietungen ab, wobei das vision string quartet drei der vier Sätze des Streichquartetts F-Dur op. 35 von Maurice Ravel im Gesamtprogramm verteilte und außerdem den eigenen Titel „Copenhagen“ beisteuerte.

Ich bin gespannt, ob aus dieser dem Vernehmen nach recht spontan anberaumten Kollaboration Weiteres erwächst! Schön wäre es.

April

Weitgehend unüberzeugt vom letzten Auftritt von Teodor Currentzis und Utopia im Großen Saal der Elbphilharmonie zeigte sich Joachim Mischke im Hamburger Abendblatt und vermisste Dezenz, Empathie und Fingerspitzengefühl bei Currentzis‘ Interpretationen. Da gehe ich dieses Mal tatsächlich mit. „Überfrachtung“ ist das passenste Wort, welches mir zur Umschreibung des Gehörten eingefallen ist. Grundsätzlich nicht schlecht fand ich dagegen das räumliche Einbeziehen der beiden Solisten Alexandre Kantorow (beim Konzert für Klavier und Orchester Nr. 2 B-Dur op. 83) von Johannes Brahms und Regula Mühlemann (bei der Sinfonie Nr. 4 G-Dur für großes Orchester und Sopran von Gustav Mahler). Beide saßen beziehungsweise standen nämlich nicht vor dem, sondern im Orchester. Ob das den Werken oder den Solisten zu- oder abträglich war, sei zwar dahingestellt. Ich habe die Vorgehensweise aber anders als Mischke nicht als Instrument der Machtausübung des Dirigenten wahrgenommen („… vielleicht aber auch eine autoritäre Geste, die zeigen sollte, wer das Sagen hat.“, „Auch sie wurde allerdings direkt vor Currentis‘ Zentralgestirn-Position beordert.“). Von solcherlei Faktoren gänzlich unbeeinflusst hörten wir als Solisten-Zugaben nochmals Brahms (Intermezzo Es-Dur op. 117/1) sowie Morgen! op. 27/4 von Richard Strauss. Und ich habe trotzdem beim Vorverkaufsstart für die neue Saison gestern wieder eine Karte erstanden für Currentzis und Utopia: Im November gibt es den „Ring ohne Worte“. Kann gut gehen, muss aber nicht – dabei sein möchte ich jedenfalls.

Den anschließenden Abend mit Ibrahim Maalouf hatte ich mir beschaulicher vorgestellt. Der wollte aber zusammen mit den „Trumpets of Michel-Ange“ und dem Elphi-Publikum eine Hochzeit feiern, entsprechende Animation als Bandleader und ausuferndes Storytelling inklusive.

Das biss sich zwar derbe mit meiner Tagesform, aber gewirkt hat es durchaus. Was für eine Stimmung – was für eine Rampensau! Und wie geschickt er die Werbung für sein Instrument, die T.O.M.A., in das Programm eingebaut hat! Schön fand ich auch die Wertschätzung gegenüber den Mitmusikern. Nicht nur der auch musikalisch oftmals herausgestellte Saxophonist war ja auch wirklich sensationell. Ich vermisste bei all dem Trubel allerdings den Trompeter Ibrahim Maalouf. Aber auch dafür bietet das Programm der neuen Elbphilharmonie-Saison eine zweite Chance: Bei „Kalthoum“ Ende Dezember werden es nur Maalouf und (ein? das?) Jazz Quartet sein.

Apropos Vorverkaufsstart: Ich habe wenig warten müssen und alles bekommen, was ich haben wollte. Entweder haben weniger Menschen Karten gekauft oder die Elbphilharmonie hat den Vorverkaufs-Ansturm tatsächlich in den Griff gekriegt.

Jahresendspurt

Wie, schon der 21. Dezember?! Da werde ich doch noch ein weiteres Mal in den Schnelldurchlauf-Modus umschalten müssen. Bevor der Jahreswechsel mich kalt erwischt.

Ende Oktober war ich bei Kruder & Dorfmeister im Großen Saal der Elbphilharmonie. In den 90ern, als die beiden Wiener ihre große Zeit hatten, hat mich zwar ganz andere Musik interessiert. Es war aber nicht mein erstes K&D-Livekonzert. Ich wusste also in etwa, was mich auf und vor der Bühne erwarten würde. „‚The K&D Sessions‘ live“ war trotzdem anders: Das gesamte Album aus dem Jahr 1998 wurde nämlich tatsächlich live gespielt, mit einer richtigen Band. Das war auch richtig klasse, einigen im Publikum jedoch nicht laut genug. Zum Zuhören waren die nicht gekommen. Überrascht hat mich das nicht.

Die Ohren spitzen musste man unbedingt bei Jay Schwartzs „Passacaglia – Music for Orchestra IX“, dem ersten Stück des Konzerts von Teodor Currentzis und Utopia am gleichen Ort ein paar Tage später. Dem Programmheft entnahm ich, dass das Werk auf dem Lied „Du bist die Ruh“ von Franz Schubert basiert. Ein in dem Text verarbeitetes Zitat bezeichnet Schwartz zudem als „Schubert unserer Zeit“. Gehört habe ich davon nichts. Es ist meine zweite Begegnung mit Schwartzs Werken und ich gestehe, ich fange nicht viel damit an. Da ist Mahlers fünfte Sinfonie, der zweite Programmpunkt des Abends, doch wesentlich zugänglicher. Deren vierter Satz, das Adagietto, ist einem breiteren Publikum durch die Visconti-Verfilmung der Thomas Mann-Novelle „Der Tod in Venedig“ bekannt geworden. Mein Lieblings-Satz ist es nicht – ich finde, der klingt irgendwie, ich weiß nicht, verwaschen? Abgesehen davon fehlte mir beim Zuhören die Ruhe, denn zum ersten Mal seit langer Zeit hatte ich mich hinsichtlich gewisser Bedürfnisse gewaltig im Timing verschätzt. Ich schaffte es gerade noch zum Ende des fulminanten fünften Satzes, um dann beim ersten Applaus zum Ausgang zu sprinten. Pro-Tipp: Sitzt man in 13 I, ist das nächste stille Örtchen nicht in der 13. Etage, sondern die hintere Treppe hoch in der 15. Etage. Mit Dank an die freundliche Platzanweiserin, die meine Not mit einem Blick erkannte und mir den kürzeren Weg wies. Zur Bach-Zugabe „Jesus bleibet meine Freude“, gespielt und gesungen (!) vom Orchester (sehr schön!), war ich dann auch schon wieder im Saal.

Anfang November zog es mich zur Aufzeichnung einer „eat.READ.sleep“-Sonderfolge mit Daniel Kaiser und Katharina Mahrenholz im Rahmen des 17. Hamburger Krimifestivals auf Kampnagel. Das war mein drittes „eat.READ.sleep“-Live-Event und obwohl es beim Krimi-Spezial zu der ein oder anderen Holprigkeit kam (so zum Beispiel zu sich wiederholenden Fragen bei den Rätseln): Diese Veranstaltungen sind absolut empfehlenswert! Macht einfach Laune. Besonders habe ich den Fitzek-Verriss genossen. „Das Kalendermädchen“ erzielte hohe Werte auf der Rossmann-Skala. Ich hab da vielleicht nicht richtig aufgepasst, ist die eigentlich nach oben offen? Sollte sie wahrscheinlich besser sein. „Glückskekse und Abgründe“ kann man hier nachhören.

Tags darauf folgte eine Neuentdeckung (Mit freundlicher Unterstützung! Nochmals vielen Dank dafür!): die Klangmanufaktur in Borgfelde und deren Werkstattkonzertreihe „Kohärenzen“. Die Klangmanufaktur ist in erster Linie ist eine Werkstatt, in der Konzert­flügel von Steinway & Sons generalüberholt werden.

Sie bietet aber auch Flügel zur Miete, Proberäume und Seminare für Konzerttechnik an. Und eben Werkstattkonzerte. Da sitzt man sehr exklusiv buchstäblich mitten in der Klavierwerkstatt. Ein magischer Ort! Es wird aber keinesfalls nur Klaviermusik gegeben: An fraglichen Abend sahen und hörten wir eine Violin-Klasse von Professor Christoph Schickedanz und Niklas Liepe mit Flügelbegleitung (ein D-Flügel Baujahr 1971, Schwarz + Mahagoni seidenmatt geölt – sogar noch zu haben! Für 145.000 Euro!). Aufgeführt wurden Werke von Claude Debussy, George Antoine, Joseph Jongen und Karol Szymanowski. Das war phantastisch, da bin ich bestimmt jetzt öfters. Wer Karten für die „Kohärenzen“ haben möchte, muss sich allerdings jeweils sehr zeitig darum bemühen. Auch die Warteliste ist schnell ausgebucht. Der Eintritt ist kostenlos. Um Spenden wird gebeten und zwar ganz klassisch mittels eines Hutes, der nach dem Konzert herumgereicht wird.

Ende November war es dann endlich Zeit für die Rocket Men mit „Lost in Space“ im Planetarium Hamburg. A match made in heaven! Ich habe die Laser ein bisschen vermisst, aber wahrscheinlich war die Entscheidung richtig, sich zugunsten der Musik und der Künstler auf Visuals zu beschränken. Sehr gerne wieder so.

Anfang Dezember war ich spontan beim Kaiser Quartett im NACHASYL. Das ging schon gar nicht anders, denn auch das Konzert war recht spontan anberaumt worden. Das Kaiser Quartett wollte nämlich sein neues Mitglied präsentieren: Statt Adam Zolynski ist künftig Amanda Bailey an der Violine dabei. Da müsste übrigens nicht nur die offizielle Webseite des Quartetts dringend aktualisiert werden, auch der alte Spruch „4 Kings 1 Kaiser“ passt ja nun nicht mehr! Jedenfalls, Amanda Bailey spielte nicht nur, als gehörte sie schon immer dazu, sie sang auch, zum Beispiel den Song „Empire“. Eine sehr schöne Weiterentwicklung, ich bin Fan! Das neu formierte Ensemble hatte aber noch ein weiteres Ass im Ärmel: Mitten im Konzert trat Anna Depenbusch mit „Eisvogelfrau“ und „Alles auf Null“ auf die Bühne.

Dieser Coup hatte einen besonderen Hintergrund: Nächstes Jahr gehen alle fünf nämlich zusammen auf Tournee. Für das Konzert am 17. Juni 2025 in der Elbphilharmonie hatte ich bereits gleich bei Ankündigung eine Karte erstanden, denn das wird mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit sehr, sehr großartig.

Das „Blind Date“ Mitte Dezember habe ich leider verpasst. So schnell wäre der ICE auch ohne medizinischen Notfall in Düsseldorf nicht gewesen, um mich von der Masterverleihung im Rheinland rechtzeitig nach Hamburg zurückzubefördern. Bedauerlicherweise bin ich die Karte im Vorfeld nicht mehr losgeworden. Das ist mir völlig unverständlich – „Blind Dates“ sind fast immer ausverkauft und fast immer super, da geht man doch hin, wenn man die Gelegenheit hat! Aber das „Orchesterkaraoke“ mit den Jungen Symphonikern Hamburg auf Kampnagel habe ich noch erwischt. Irgendwie ist mir da die Ankündigung durchgegangen (Wie? Warum?!), es wurde schon schwierig, noch einen guten Platz zu ergattern. Ich kann nur von der zweiten Show um 20:30 Uhr berichten, aber behaupte einfach mal: Das war ein sehr guter Jahrgang! Ich war besonders von dem Herrn angetan, der „Hallelujah“ von Leonard Cohen vortrug. Wow. Einen Abzug in der B-Note gebe ich dem Repertoire. Da darf gerne mal das ein oder andere ausgetauscht werden, vor allem in Teilen sehr schwer (mit-)singbare Stücke wie „Bad Guy“ von Billie Eilish und „Texas hold ‚em“ von Beyoncé.

Arbeitsplatz von Jan Wulf, der "lebenden Karaokemaschine"
Arbeitsplatz von Jan Wulf, der „lebenden Karaokemaschine“

Aber das ist Meckern auf hohem Niveau. Grundsätzlich ist Orchesterkaraoke ein ganz großer Spaß und verlässlich dazu geeignet, die Stimmung zu heben.

Ich schließe den Schnelldurchlauf mit einem weihnachtlichen Konzertabend im Kleinen Saal der Elbphilharmonie ab: Unter der Überschrift „Nordic Christmas“ präsentierten Helene Blum (Gesang, Violine) und Harald Haugaard (Violine) mit Lena Jonsson (Violine), Kristine Elise Pedersen (Cello), Mattias Pérez (Gitarre) und Sune Rahbek (Schlagzeug) alte und moderne weihnachtliche Folkmusik aus dem Norden. Der Herkunft der überwiegenden Anzahl der oben genannten Künstlerinnen und Künstler geschuldet mit ausgewiesen dänischem Schwerpunkt. Musikalisch war das zwar top, aber von der Präsentation her mehr als nur ein bisschen drüber. Dazu passte auch das Programmblättchen: „Die Welt braucht Hoffnung. Hoffnung treibt alles an. Musik ist Hoffnung. Weihnachten ist Hoffnung. Gemeinschaft ist Hoffnung. Sich um das Licht und die Musik im Konzertsaal zu versammeln, während sich die Dunkelheit der Winternacht über das Land legt, zeigt uns, dass wir nicht allein sind und dass wir Hoffnung wollen.“. Naja. War schön, wird aber wohl keine regelmäßige Einrichtung. Was es theoretisch werden könnte, denn „Nordic Christmas“ ist eine Reihe, die im kommenden Jahr bereits in die 19. Auflage geht. Mit dem 18. Dezember 2025 steht der nächste Termin in der Elphi schon fest.

So! Jetzt kommen voraussichtlich noch zwei Nachträge und dann ist mein Konzert- und Kulturjahr 2024 Geschichte. Ob ich künftig wieder schaffen werde, regelmäßig und zeitnah darüber zu berichten?

Quartalsmeldung 2/2024 (oder so ähnlich)

Weiter geht es voraussichtlich erst im Mai, denn der April ist fast vollständig durch Termine anderer Art besetzt. Der Bericht folgt Ende Juni. Wenn mich dann nicht die Masterarbeit verschluckt hat.

Was soll ich sagen – liebe Leserin, lieber Leser (und alle dazwischen): Die Masterarbeit hatte mich verschluckt. Jetzt, genau vier Wochen vor dem Abgabetermin, sehe ich allmählich wieder Land und kann die begonnene Reihe fortsetzen. Der Plan: die Spanne Mai bis August fasse ich knapp zusammen, flankierend gibt es ein paar gesammelte „Statt Postkarten“, das Internationale Sommerfestival bekommt wie jedes Jahr einen eigene Berichterstattung und ab September wird wieder normal gebloggt! So!

Mai

Anfang Mai hatte ich die Gelegenheit und das Vergnügen, an einem hamburgafterwork-Instawalk durch die Ausstellung „Zwischen Sturm und Stille“ im Internationalen Maritimen Museum teilnehmen zu dürfen.

Volker Tieman: Große Woge
Volker Tieman: Große Woge
Michael Ancher: (Drei von) Vier Fischer(n) am Strand vor Skagen
Michael Ancher: (Drei von) Vier Fischer(n) am Strand vor Skagen
Trine Sondergaard: Strude #1
Trine Sondergaard: Strude #1

Die Ausstellung des Museums Kunst der Westküste (MKdW) ist kürzlich bis zum 12. Januar 2025 verlängert worden. Der Besuch lohnt sich sehr. Zu diesem Urteil wäre ich mutmaßlich auch ohne die Veranstaltung gekommen, den Wein vom Föhrer Weingut Waalem hätte ich dagegen wohl nicht so schnell entdeckt. Im Oktober werde ich dem MKdW höchstselbst einen Besuch abstatten. Dem Weingut leider nicht, dort ist dann nämlich Erntezeit und deshalb für Besucherinnen und Besucher verständlicherweise kein Raum.

Ansonsten war ich bei zwei Konzerten des Internationalen Musikfests Hamburg – das Kronos Quartet und Teodor Currentzis und Utopia mit Anton Bruckners Sinfonie Nr. 9 d-Moll – und bei einem „Blind Date“, alles in der Elbphilharmonie. Das Konzert des Kronos Quartet war mit „KRONOS – Five Decades Celebration“ überschrieben, hatte dann aber doch etwas weniger „Best of“-Charakter als erhofft. Meine Lieblingsstücke: „Lunch in Chinatown“ von Terry Riley und „Different Trains für Streichquartett und Tonband“ von Steve Reich.

Von Teodor Currentzis und Utopia habe ich an dieser Stelle schon ausführlich geschwärmt, das muss ich im Rahmen dieses Schnelldurchlaufs nicht in epischer Breite wiederholen. Jedenfalls wurde ich nicht enttäuscht. Im letzten „Blind Date“ der Saison 2023/24 schließlich präsentierten Nils Mönkemeyer (Bratsche), Sebastián Sciaraffia (Barockgitarre), Gonzalo Manrique (Barockgitarre), Martín Bruhn (Percussion) und Rubén Dubrovsky (Colascione, Charango) unter der Überschrift „Viola Latina! Living Baroque“ eine Reise durch verschiedene Regionen und Musikstile Südamerikas. Das traf nicht ganz mein Geschmack, was aber bei der „Blind Date“-Reihe nur eine untergeordnete Rolle spielt, denn, ich erwähnte es vermutlich schon mehrfach: Man kann sich auf die Qualität der dort auftretenden Künstlerinnen, Künstler und Ensembles im wahrsten Sinne des Wortes blind verlassen.

Juni

Der Juni begann mit dem ELBJAZZ. Man sollte es vielleicht nicht mehr so nennen: Vielleicht sind es noch 50% Jazz gewesen, möglicherweise ist aber auch das schon eine zu optimistische Einschätzung. Die Bezeichnung Etikettenschwindel drängt sich auf, nicht erst seit diesem Jahr.

ELBJAZZ (Symbolbild)
ELBJAZZ (Symbolbild)

Meine musikalischen Highlights: Asaf Avidan (kein Jazz), Belle & Sebastian (auch kein Jazz), Rocket Men (ebensowenig Jazz wie GoGoPenguin) und – zu sehr später Stunde in der Elbphilharmonie – Martin Kohlstedt (ebenfalls kein Jazz).

Die Rocket Men habe ich aufgrund ungünstiger Umstände leider nur außerhalb der Schiffbauhalle erleben dürfen und mir deshalb im Anschluss schleunigst eine Karte für eine der beiden inzwischen ausverkauften „Lost in Space“-Shows Ende November im Planetarium Hamburg gesichert. Das wird bestimmt großartig.

Kameramann
Kameramann

Meine nichtmusikalischen Highlights: der Kameramann an der Hauptbühne, das Holzofenbrot – zugegebenermaßen hauptsächlich wegen des Holzofens – und das Crumble. Eine Glühweinbude wäre angesichts der vorherrschenden Temperaturen, verstärkt durch den zeitweisen Niederschlag, auch nicht verkehrt gewesen. Ebenfalls nicht ganz so günstig waren die auffällig hartnäckigen Technikprobleme, vor allem während des Auftritts von Asaf Avidan. Ich erwarte Besseres von einem Festival dieses Kalibers, von dem Konzertausschnitte (leicht zeitversetzt) auch auf arte CONCERT präsentiert wurden.

Moment, da war doch vorher noch was! Ein Stummfilmkonzert in der Laeiszhalle nämlich: „Das Cabinet des Dr. Caligari“, untermalt von Klängen durch Karl Bartos (Kraftwerk). Das fand im Rahmen des Schleswig Holstein Musik Festival statt und war bemerkenswert gut.

Das „War Requiem“ von Benjamin Britten, als Programmpunkt des Internationalen Musikfests Hamburg gegen Ende des Monats aufgeführt vom SWR Symphonieorchester, dem London Symphony Chorus, dem SWR Vokalensemble Stuttgart, dem Knabenchor Hannover sowie Irina Lungu (Sopran), Allan Clayton (Tenor) und Matthias Goerne (Bariton), allesamt unter der Leitung von Teodor Currentzis, überforderte mich bedauerlicherweise aufgrund eines hauptsächlich masterarbeitsbedingten Formtiefs. Meine Konzentration reichte nicht, meine emotionale Verfassung befand sich in leichter bis mittelschwerer Schieflage und das Werk eignet sich nun einmal auch nicht sonderlich als Stimmungsaufheller.

Juli

Anfang Juli war ich bei Charly Hübner und Caren Miosga zu einer andeutungsweise szenischen Lesung mit Musik aus den „Jahrestagen“ von Uwe Johnson. Wobei weder die Vortragenden (Ninon Gloger am Klavier ausgenommen) noch das Publikum (wahrscheinlich zündet das Sujet im Osten der Republik noch anders) in Top-Form waren. Aber die Großartigkeit des Formats blitzte durch.

"Jahrestage" mit Charly Hübner, Caren Miosga und Ninon Gloger
„Jahrestage“ mit Charly Hübner, Caren Miosga und Ninon Gloger (v. l. n. r.)

In der Schule quälte man uns mit „Mutmaßungen über Jakob“, was dazu führte, dass ich um Johnsons Werk fortan einen großen Bogen machte. Merkwürdigerweise habe ich den ersten Satz des Romans („Aber Jakob ist immer quer über die Gleise gegangen.“) nie vergessen können, den Rest aber vollkommen verdrängt… So oder so, vielleicht war der Abend im St. Pauli Theater ja der erste Schritt einer Wiederannäherung. Apropos St. Pauli Theater: Ich hatte vergessen, wie furchtbar unbequem man da sitzt!

Tags drauf sah und hörte ich das Chineke! Orchestra mit „African Suite“ von Fela Sowande, „To the Hibiscus“ von Cassie Kinoshi und Max Richters „Recomposed: Vivaldi – The Four Seasons“ (mit Elena Urioste an der Solovioline) in der Elbphilharmonie, eine weitere Veranstaltung des Schleswig-Holstein Musik Festivals. Das hat mir richtig gut gefallen, ganz besonders der Richter/Vivaldi: Bis dato war das wohl die mit Abstand schönste Interpretation dieses Lieblingswerks, die ich erleben durfte. Ziel der Chineke! Foundation ist übrigens die Förderung der ethnischen Vielfalt in Orchestern und generell der klassischen Musikszene, hier erklärt von der Gründerin, Chi-Chi Nwanoku:

August

Der August war auch in diesem Jahr geprägt vom Internationalen Sommerfestival auf Kampnagel (Bericht folgt – siehe oben). Zwischendrin war ich aber noch ein letztes Mal beim Schleswig-Holstein Musik Festival, genauer: beim Duo Ruut im Kleinen Saal der Elbphilharmonie. Das war ebenso zauberhaft wie unterhaltsam, des sehr speziellen Humors der beiden Musikerinnen wegen.

Und jetzt? Ist schon fast September. Krass.

Quartalsmeldung 1/2024

Jetzt ist es also passiert, der Blogfaden ist gerissen. Nicht einmal monatliche Beiträge habe ich den letzten Wochen abringen können. Immerhin, das Licht am Ende des Studiumtunnels wird sichtbar: Nur noch 1 Hausarbeit (mit Präsentation), 1 Masterarbeit und 1 Masterarbeits-Verteidigung trennen mich von der Zurückerlangung meiner Work-Life-Balance. Oder zumindest einer Ahnung davon. Wie schön wird das sein, wenn nach Feierabend wirklich Feierabend ist und am Wochenende Wochenende, von Urlaub ganz zu schweigen! Auch und gerade im Kopf! Aber noch ist es nicht soweit. Damit ich bis dahin nicht ganz aus der Übung komme, stelle ich auf quartalsweise Berichterstattung um.

Januar

Mein Kulturjahr begann mit „Der Klang der Bücher – eat.READ.sleep meets NDR Elbphilharmonie Orchester“. Wobei „Orchester“ etwas hoch gegriffen ist: Neben Daniel Kaiser und Jan Ehlert vom Bücher-Podcast eat.READ.sleep befand sich ein Streichquartett bestehend aus Musikern des NDR EO auf der Bühne des Kleinen Saals der Elbphilharmonie. „eat.READ.sleep“ will kein hochgeistiger Literaturzirkel, sondern niedrigschwellig und unterhaltsam sein. Das spiegelte sich auch in der Musikauswahl des Abends wider. Klar kann man Mozart durch die „Kleine Nachtmusik“ („Die Königin der Telefonwarteschleifen“) repräsentieren, aber ein klein wenig abgedroschen ist das dann schon. Andererseits wurde die Veranstaltung als Sonderfolge des Podcasts aufgezeichnet. Allzu kompliziert und vor allem allzu lang durften die Musikstücke daher nicht sein. Neben Mozart kamen Brahms, Bach, „Norwegian Wood“ von den Beatles und „On the Street Where You Live“ aus „My Fair Lady“ zur Aufführung (Ohrwurm in 3… 2… 1… gern geschehen!). Etwas ausgeglichen wurde das Konto durch „Skorpion“ aus dem „Tierkreis“ von Karl-Heinz Stockhausen. Insgesamt eine hochunterhaltsame Angelegenheit, wozu die Streichquartett-Besetzung auch durch das gesprochene Wort beitrug, allen voran Cellist Fabian Diederichs, der obendrein eine selbst fabrizierte „Variation über Mozartkugeln“ beisteuerte. Musik trifft Literatur und umgekehrt – ein schier unerschöpfliches Themenfeld, definitiv mit Reihenpotenzial! Ich erfuhr rund vier Wochen später aus erster Hand, dass man seitens des eat.READ.sleep-Teams tatsächlich über eine Art Spin-Off nachdenkt. Bitte, unbedingt machen!

Februar

Die Krypta des Hamburger Michel ist nur bedingt veranstaltungstauglich. In einigen Bereichen müssen selbst Menschen, die kleiner als 1,75m sind, noch die Köpfe einziehen und der Enge geschuldet wird auch die Grabplatte des prominentesten Bewohners nicht verschont und als Lautsprecherstellplatz genutzt. Allerdings lässt sich in dieser besonderen Atmosphäre auch eine besondere Konzertstimmung erzeugen. Der Auftritt von San Glaser und dem Kaiser Quartett Anfang Februar, zunächst einzeln und dann in Kombination, bewies das eindrücklich.

Vielleicht lag es auch an der familiären Stimmung des Abends, handelte es sich doch um eine Benefiz-Veranstaltung der Plan Aktionsgruppe Hamburg zugunsten des Mädchenfonds. Jeder schien jeden zu kennen. Ich selbst hatte eher zufällig durch die Facebook-Präsenz des Kaiser Quartetts von dem Event erfahren und ganz schnell zugegriffen. Das muss man nämlich, sonst hat man keine Chance: Es gibt maximal 170 Plätze. Die Benefizkonzerte finden unregelmäßig statt, bei Interesse empfiehlt sich ein regelmäßiger Blick auf die Webseite der Aktionsgruppe.

Was lange währte, wurde Ende Februar endlich ein Konzert der Berliner Philharmoniker! Das ist eines der Orchester, für die auch im Rahmen der hauseigenen Konzertreihen der Elbphilharmonie eine signifikant höhere Preisstaffelung aufgerufen wird. Das tut dem Kartenabsatz jedoch keinen Abbruch, was dazu führte, dass ich erst das Geld nicht übrig hatte und als ich das Geld übrig hatte, nicht an Karten herankam. Ich bin immer skeptisch gewesen, wenn eine Karte der Preisklasse 1 über 200 Euro kostet. Ist das wirklich gerechtfertigt? Zahlt man da nicht auch für den Namen, die Marke? Im Falle der Berliner Philharmoniker unter Kirill Petrenko seht ihr mich bekehrt. So kann ein Sinfonieorchester also auch klingen! Und in Kombination mit Richard Strauss‘ „Sinfonia domestica“ dürfte zumindest unmittelbar nach dem Konzert kein Staubkörnchen mehr auf der „weißen Haut“ des großen Saals gelegen haben. Nachhaltig beeindruckend, oder wie Joachim Mischke später im Abendblatt schrieb: „Irre gut“. Sehr gerne wieder und durchaus auch in einer besseren Preisklasse als der von mir gewählten. Vorausgesetzt, ich habe weiterhin das Geld übrig.

Der Februar schloß mit einem „Blind Date“, welches sich als Stunde der Schlagwerker entpuppte. Zusammen mit und unter der Führung von Alexej Gerassimez holten Lukas Böhm, Emil Kuyumcuyan und Sergey Mikhaylenko aus unterschiedlichsten Untergründen – vom eigenen Körper über Benzinkanister bis hin zur Marimba – denkbare und zuvor undenkbare Klangfarben heraus. Das Programm „Genesis of Percussion“ war für die Reihe vielleicht ein bisschen zu ambitioniert, die Strecke „Metal“, „Over the Rainbow“ und „Wood“ möglicherweise eine Idee zu lang. Dennoch brachten die vier Perkussionisten das Publikum mehrheitlich hinter sich. Daran hatte Gerassimez‘ Moderation einen wesentlichen Anteil. Wie so ein Schlagwerker tickt, der praktisch überall und jederzeit Rhythmen und Klänge aufspürt, lässt dieses Erklärvideo vom YouTube-Kanal der Festspiele MV erahnen.

Eine derartige Spielfreude auch im Wortsinne nimmt ein, dagegen ist kaum jemand immun.

März

Der März erwies sich als Lücke im Konzertkalender, die spontan und auf Empfehlung der Herren Schneider und Schreiber durch einen Besuch bei Barbara Morgenstern in der kmh auf Kampnagel zumindest noch etwas gefüllt werden konnte. Das war so schön!

Weiter geht es voraussichtlich erst im Mai, denn der April ist fast vollständig durch Termine anderer Art besetzt. Der Bericht folgt Ende Juni. Wenn mich dann nicht die Masterarbeit verschluckt hat.

(Jahres-/Konzert-)Rückblick 2023

Das letzte „Blind Date“ des vergangenen Jahres war eines mit gleich vier Bässen!

Nicht genau mit diesen vieren, sondern mit Dominik Wagner, Felix Leissner (Gewandhausorchester), José Trigo (Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks) und Todor Markovic (NDR Radiophilharmonie). Aber der zweite Satz aus Dvořáks 9. Sinfonie „Aus der neuen Welt“ stand auch auf dem Programm. Für mich das Highlight des Abends. Tango (Astor Piazzolla) und Queen – „Bohemian Rhapsody“, no less! – konnten sie auch.

Ansonsten, was soll ich sagen. Ein arbeits- und ereignisreiches Jahr liegt hinter mir. Dennoch kommt in der Rückschau auf 2023 eine ganz ordentliche Liste zusammen.

Die bemerkenswerten Premieren:

Die Wiederholten:

Neue Orte:

Die Jahresfavoriten? Auch dieses Jahr nicht einfach. Ich habe mich für die Hundreds auf Kampnagel (Konzert) und das Funkhaus Berlin (Ort) entschieden. Eine Sondererwähnung gilt der Christianskirche Ottensen: Die dort stattfindende Konzertreihe „Pop Seasons“ bedarf definitiv meiner näheren Aufmerksamkeit. Vielleicht schon in diesem Jahr.

Vermischtes oder Drei Konzerte im Sommer

Ich zäume das Pferd der Einfachheit halber von hinten auf und starte mit der Nachbetrachtung des Auftritts von Kai Schumacher im Kleinen Saal der Elbphilharmonie.

Mir ist im Nachhinein sehr unerklärlich, warum mir der Name Kai Schumacher bis vor kurzem unbekannt war. Wo ist der Spotify-Algorithmus, wenn man ihn mal braucht?! Hier jedenfalls ein Totalausfall. So war es ein guter alter Newsletter, nämlich der von KD Palme, der mich auf Konzert und Künstler aufmerksam machte. Zeit, um mich vorher einzuhören, hatte ich allerdings nicht. „Aha, Tristano-kompatibel!“, schoss mir somit erst beim ersten Stück des Abends in den Kopf. Wenig später erfuhr das Publikum, dass „Tranceformer“, Schumachers just an jenem Tage erschienene Single-Auskopplung – sagt man das eigentlich noch so? – aus dem für Ende September angekündigten, gleichnamigen Album, ein Stück für zwei Klaviere ist (und deshalb nicht auf der Setlist stand). Und für das Album eingespielt wurde das Stück – mit? Richtig: Francesco Tristano.

Jedenfalls, das war gut. Gerne mehr! Nur schade, dass es nicht ausverkauft war.

Dieses Problem hatten Sigor Rós zuvor definitiv nicht. Ich habe lange nicht mehr so viele „Suche Karten“-Schilder vor dem Eingang gesehen wie bei dem gemeinsamen Auftritt mit dem London Contemporary Orchestra im Großen Elphi-Saal Mitte Juni. Völlig zu recht, das war eine Meisterperformance. Mit umwerfendem Sound. Wer Fan ist und das verpasst haben sollte, darf sich ärgern! Obwohl ich zugeben muss, dass die Veranstaltung ihre Längen hatte. Einige Stücke könnte man auch gut und gerne nahtlos aneinander reihen. Ein Klangteppich deluxe zwar, aber einer, der nicht nur bei mir zwischenzeitlich zu leichten Ermüdungserscheinungen führte.

Auf der anderen Seite kann ich mir nun gar nicht mehr vorstellen, wie man diese Musik überhaupt ohne Orchester aufführen kann.

Noch davor entpuppte sich das letzte „Blind Date“ der Saison 2022/23 als walisisch-irische Connection, bestehend aus Catrin Finch (Harfe) und Aoife Ní Bhriain (Violine und Hardanger Fiddle).

Das hat mir richtig gut gefallen. Es gibt eben einfach keine schlechten „Blind Date“-Konzerte. Punktum. Die nächsten Termine sind im Oktober, Dezember, Februar und Mai. Noch gibt es Karten!

Veronika Eberle, Aphrodite Patoulidou, Barbara Hannigan und das London Symphony Orchestra in der Elbphilharmonie

Es ist schon März und es gab noch kein berichtenswertes Konzert? Stimmt nicht ganz. Es gab zum Beispiel ein „Blind Date“, am Valentinstag ausgerechnet, das sich als barocker „Specchio Veneziano“ entpuppte. Das Pariser Ensemble Le Consort spielte Werke von Antonio Vivaldi, Giovanni Battista Reali, Marco Uccellini und Johann Sebastian Bach, und zwar mit einer Verve, die den gesamten (natürlich ausverkauften) Saal begeisterte. Das Hamburger Publikum gegen Ende eines Barockmusikabends zu dreistimmigem Gesang bewegen: Das muss man auch erst schaffen. Und im Januar war ich noch in „Slippery Slope“ im Thalia Theater, vielleicht nur „Almost a Musical“, aber mit unwiderlegbar musikalischem Schwerpunkt. Oder, anders herum: ein schlaues Stück kombiniert mit einem Ritt durch diverse Musikgenres und großartigen Sänger:innen.

Der März wird mir dagegen richtiggehend überladen vorkommen. Den Anfang machten Barbara Hannigan und das London Symphony Orchestra im großen Saal der Elbphilharmonie. Die Motive Tod, Verlust und Trauer zogen sich durch das Programm.

Da war zunächst „Contrapunctus XIX“, das letzte Stück aus der unvollendeten „Kunst der Fuge“ von Johann Sebastian Bach. Mich hat die Bearbeitung für Orchester nicht sonderlich überzeugt. Daran konnte auch die Ausführung durch die Musiker des LSO nicht viel ändern.

Ganz anders erging es mir erwartungsgemäß mit „Dem Andenken eines Engels“ von Alban Berg. Ich bin wahrlich kein Berg-Fan, aber das Violinkonzert hat sich bei mir eingegraben, spätestens seit der Kombination mit „Lulu“ in der Hamburger Staatsoper. Die Kombination aus LSO, Hannigan und Veronika Eberle kann man mit Fug und Recht als Idealbesetzung für dieses Stück bezeichnen.

Die Haydn-Sinfonie hatte wohl am ehesten das Potenzial, das anwesende Publikum zu überzeugen. Während des folgenden Vivier-Stücks hatten manche Zeitgenossen in meiner unmittelbaren Umgebung jedoch Schwierigkeiten, Ernst und Ruhe zu bewahren. Zu größeren Ausfällen kam es glücklicherweise nicht. Zugegeben, so ein Werk wie „Lonely Child“ mit seinem Ausflug in phantasiesprachliche Lautmalerei und deren intensive Interpretation von Aphrodite Patoulidou muss man mögen. Man sollte aber mit Anspruchsvollerem rechnen, wenn man bei Kauf eines Konzerttickets ins Programm schaut und dabei ein Stück aus dem Jahr 1980 erspäht. Ganz sicher war ich auch nicht, ob es mir zusagen würde. Aber ich fand beides faszinierend, sowohl das Stück als auch die Sängerin.

Als Nächstes ist ein Ausflug nach Berlin dran, dann die FABRIK, dann noch zweimal die Elbphilharmonie, wieder die FABRIK und dann ist es auch schon fast April.

(Jahres-/Konzert-)Rückblick 2022

Ich hatte mehrfach angesetzt, es aber es bis Jahresende nicht hingebracht, über die beiden Dezemberkonzerte zu berichten. Aufgrund des fortgeschrittenen Datums bietet sich eine Verbindung mit dem Jahresrückblick 2022 an.

Das vorletzte Konzert war ein „Blind Date“ mit Klaus PaierAsja Valčić und Gerald Preinfalk, die ihr gemeinsames CD-Projekt „Fractal Beauty“ vorstellten.

Das kam durchweg gut an im vollständig ausverkauften Kleinen Saal der Elbphilharmonie und vielleicht hat sich Gerald Preinfalk inzwischen auch wieder beruhigt ob des Konzepts meiner Lieblings-Konzertreihe. „Und Sie wussten wirklich nicht, was Sie heute Abend erwartet?!“

Ausverkauft war auch das letzte Highlight des Jahres: Yulianna Avdeeva, Teodor Currentzis und das SWR Symphonieorchester boten Sergej Prokofjews Konzert für Klavier und Orchester Nr. 2 g-Moll op. 16, Igor Strawinskys „Le sacre du printemps“ und Maurice Ravels „Bólero“ dar. Im direkten „Bólero“-Vergleich haben Utopia und die Laeiszhalle klanglich einen knappen Sieg davongetragen. Unter optischen Aspekten gewinnt dagegen mit großem Abstand der Große Saal der Elbphilharmonie. Denn Teodor Currentzis dirigierte weite Teile des Stücks durch bloße Veränderungen in seiner Körperhaltung und auf dem Seitenplatz in 13 I kam ich in den vollen Genuss dieses durch und durch faszinierenden Schauspiels – anders kann man es nicht bezeichnen. Das Auge hört mit!

Yulianna Avdeevas Zugabe, die Nocturne cis-Moll op. posth. BI 49 von Frédéric Chopin, brachte mich zuvor für einen kurzen, aber dafür umso intensiveren Moment zurück in die kleine Laeiszhalle und zu meinem Konzert des Jahres 2015. Die als finale Zugabe konzipierte „Nach(t)musik“ bestand aus dem Klaviertrio Nr. 2 e-Moll op. 67 von Dmitri Schostakowitsch, interpretiert von Yulianna Avdeeva, Mila Georgieva (Violine) und Frank-Michael Guthmann (Violoncello). Diese Programmwahl fand nicht bei allen im Saal uneingeschränkte Zustimmung – so beispielsweise bei dem Teil des zahlreich angetretenen Abopublikums nicht, der links neben mir bis unmittelbar vor Konzertbeginn telefonierte und mit Bäckereitüten knisterte. Mein besonderer Respekt gebührt der Dame, die es fertigbrachte, während „Le sacre du printemps“ einzuschlafen. Dass der Intendant gegen Ende der ersten Pause höchstpersönlich darum bat, das feedbackzwitschernde Hörgerät – irgendwo auf den richtig teuren Plätzen – möge doch bitte unter Kontrolle gebracht werden, fügte sich in dieses tendenziell unschöne Bild. Sehr dankbar bin ich dagegen den Herrschaften rechter Hand, die mich auf das Konzert des London Symphony Orchestra mit Barbara Hannigan und Veronika Eberle im März 2023 aufmerksam machten. Das war mir unerklärlicherweise durchs Raster gehüpft.

Was die musikalischen Erlebnisse insgesamt betrifft, ist vergleichsweise wenig passiert im frisch vergangenen Jahr. Weil an anderen Stellen so viel passierte. Zu neuen Konzertorten kam ich daher ebenso wenig wie zu Festivalbesuchen (vom Internationalen Sommerfestival abgesehen). Für eine kleine Liste reicht es dennoch.

Die bemerkenswerten Premieren:

Die Wiederholten:

Einen Jahres-Favoriten kann und möchte ich nicht nominieren, sondern lediglich feststellen: Weniger ist tatsächlich mehr. Auch eine Erkenntnis.