März

Mit dem März kam der Pollenflug. Ich bin immer wieder fasziniert von dem Energieknick, der damit einhergeht. Trotz erfolgreicher medikamentöser Bekämpfung der äußerlich wahrnehmbaren Symptome. Immerhin, es sind bei mir „nur“ die Frühblüher. Spätestens wenn die Birke durch ist, beginnt der Sommer und die Kurve geht wieder nach oben. Und im Frühjahr findet Kultur ja auch noch vermehrt drinnen statt.

„Siegfried Lenz zum 100.“ im Rolf-Liebermann-Studio

So zum Beispiel der Festivalauftakt zu „Hamburg liest Lenz“, veranstaltet von NDR Kultur in Kooperation mit der Siegfried Lenz Stiftung im Rolf-Liebermann-Studio. Dass das Studio einst eine Synagoge beziehungsweise ein jüdischer Tempel war, erfuhr ich erst letzten Herbst bei einer der öffentlichen Architektur- und Kunstführungen über das NDR-Gelände am Rotherbaum. In den Saal konnten wir damals nicht, weil dort geprobt wurde. Auch weil man uns mitteilte, dass das Studio möglicherweise nicht mehr lange zum Gebäudeensemble des NDR gehören würde, achtete ich in der Folge verstärkt auf Veranstaltungsankündigungen, um dann bei „Siegfried Lenz zum 100.“ zuzuschlagen.

Aber Raumneugier war nicht meine einzige Motivation. Das Literaturfestival „Hamburg liest“, in dem jedes Jahr ein anderes Thema in den Mittelpunkt gestellt wird, hatte ich bisher nämlich ebenfalls nur am Rande wahrgenommen. Dieses Jahr liest (beziehungsweise las, das Festival ging bis zum 31. März) Hamburg Siegfried Lenz, der im vergangenen Monat 100 Jahre alt geworden wäre. Neben der offiziellen (und wie immer hörenswerten) Eröffnungsrede durch Kultursenator Carsten Brosda wurden das TV-Doku-Drama „100 Jahre Siegfried Lenz – Was würdest du tun?“, eine anlässlich des Jubiläums neu erschienene Graphic Novel mit Episoden aus dem Leben des Schriftstellers und die „Lenz Challenge“, ein vom NDR initiiertes Projekt für Schulklassen, vorgestellt.

In dem Doku-Drama begibt sich mit Inspektor Tondi eine von Jonas Nay gespielte Siegfried-Lenz-Figur auf die Suche nach der Relevanz Lenz’scher Themen und Motive in der heutigen Zeit. Ich fange mit solchen Formaten gar nichts an – ich mag meine Dokus möglichst ohne Drama. Für mich zugänglicher waren da die exemplarisch von drei der insgesamt 16 beteiligten Künstlerinnen und Künstlern vorgestellten Auszüge aus der Graphic Novel und auch die Schulklasse aus Osterholz-Scharmbeck hat mich beeindruckt, die mit ihrem Reel über das Lenz-Hörspiel „Zeit der Schuldlosen“ den Landeswettbewerb Niedersachsen der „Lenz Challenge“ gewonnen hatte. Hinzu kamen von Catrin Striebeck, Bjarne Mädel und Stephan Kampwirth vorgetragenen und teils von Jonas Landerschier am Klavier begleiteten Texte des Jubilars, darunter „Der Seehund aus der Wasserleitung“ und „Jütländische Kaffeetafeln“.

Leider ist mir nicht gelungen, eine der übrigen „Hamburg liest Lenz“-Veranstaltungen zu besuchen. Auch an den bei ARD Sounds neu eingestellten Hörspielen habe ich mich vergeblich versucht. Was allerdings daran liegt, dass ich trotz vielfacher Bemühungen einfach keinen Zugang zu Hörspielen finde. Egal vom wem oder worüber. Ansonsten beschlich mich während der von Christoph Bungartz souverän moderierten, unterhaltsamen und rundherum gelungenen Veranstaltung trotz aller Bemühungen der Beteiligten der Eindruck, als wolle man den Nachkriegserzähler Lenz wenn auch nicht mit Gewalt, so aber doch auf Teufel komm raus und mit pädagogisch anmutendem Nachdruck in die Gegenwart zerren. Ich bin nicht sicher, ob das gelingen konnte. Mich würde auch deshalb der Altersschnitt der Besucherinnen und Besucher der „Hamburg liest Lenz“-Veranstaltungen interessieren. Bei der Matinee am 1. März war dieser jedenfalls recht hoch.

„FAST FORWARD“ in der Hamburgischen Staatsoper

Nachdem ich neulich so begeistert von John Neumeiers „Tod in Venedig“ war, lockte es mich erneut zu einer Ballettaufführung in die Hamburgische Staatsoper. Gegeben wurden vier Stücke aus unterschiedlichen Phasen der Tanzgeschichte des 20. und 21. Jahrhunderts: „Serenade“ von George Balanchine (1935), „Totentanz“ von Marcos Morau (2023), „Annoncation“ von Angelin Preljocaj (1995) und dem Auftragswerk „The Moon in the Ocean“ von Xie Xin (2026). Meine beiden Favoriten waren „Totentanz“ und „The Moon in the Ocean“ und meine Faszination mit dem Tanz als künstlerischer Ausdrucksform insgesamt ist an diesem Abend ein weiteres Stück gewachsen. Ich saß auf einem sehr guten Platz, was in der Staatsoper – ich erwähnte es bereits – einen signifikanten Unterschied macht. Der leider auch im Geldbeutel signifikant spürbar war, denn beim Ticketdeal-Angebot für diese Veranstaltung hatte ich dummerweise nicht rechtzeitig zugeschlagen. Diesen Fehler werde ich nach Möglichkeit nicht wiederholen.

Brad Mehldau und die Hamburger Camerata unter der Leitung von Clark Rundell im Großen Saal der Elbphilharmonie

Als ich das Ticket für das Konzert am 12. März 2026 kaufte, war es mir nicht bewusst gewesen. Als ich dann aber im Großen Saal der Elbphilharmonie Platz nahm, um die beiden Mehldau-Kompositionen „Variations on a Melancholy Theme“ und „Concerto für Klavier und Orchester“ sowie die beiden Zugaben – Improvisationen zu „Variations on a Melancholy Theme“ und „Cry Me a River“ – zu hören, fiel es mir wieder ein: Ich hatte schon einmal an einem 12. März im Großen Saal bei Brad Mehldau gesessen, vor sechs Jahren nämlich; sicher nicht nur mir besonders im Gedächtnis geblieben als das letzte Konzert vor der Coronaschließung.

Dieses Mal trat Mehldau nicht als Teil seines Trios, sondern gewissermaßen als mitausführender Komponist zweier Stücke für Klavier und Orchester auf. Beide haben mir sehr gefallen. Die beiden (Solo-)Zugaben fungierten einerseits als Sahnehäubchen, andererseits hätte sich allein dafür der Eintritt gelohnt.

Ein wenig bedauerte ich, nicht noch weitere Termine des Mini-Festivals „Reflektor Brad Mehldau“ wahrgenommen zu haben. Aber wahrscheinlich wäre mir das zu viel geworden.

Kai Schumacher und Benedict Kloeckner mit „Fratres“ im Kleinen Saal der Elbphilharmonie

Im Kleinen Saal der Elbphilharmonie sah und hörte ich wenige Tage später ein um die Komposition „Fratres“ von Arvo Pärt konzipiertes Programm, in dem sich Schumacher und Kloeckner gemäß Beschreibungstext „auf die Suche nach Arvo Pärts Brüdern (und Schwestern) im Geiste“ begaben.

Neben dem Pärt-Stück wurden unter anderem „Metamorphosis Nr. 2“ von Philip Glass, „The Pleasure at Being the Cause“ von Christopher Cerrones, die Auftragskomposition „Reminiscenza“ von Sophia Jani sowie das Stück „Sayyid Chant And Dance Nr. 9“ von Georges Gurdjieff aufgeführt. Obwohl zum Teil wild unterschiedlich anmutend, waren die Bezüge zu Pärt geschickt gewählt und – zumindest für mich – aus jedem der präsentierten Blickwinkel überzeugend und nachvollziehbar.

Im Stück „Rausch“ von und mit Kai Schumacher hörte ich indes weniger Pärt, dafür aber viel Nils Frahm. Davon wollte Schumacher auf meine Nachfrage hin zwar nichts wissen. Dass beide sich auf ähnliche Wurzeln und Vorbilder berufen, ist allerdings nicht zu leugnen. Abgesehen davon haben mir Idee, Zusammenstellung und Ausführung des Projekts so gut gefallen, dass ich mir die CD kaufte und signieren lies. Das kommt so oft nicht vor.

Symphonieorchester und Chor des Bayerischen Rundfunks unter der Leitung von Sir Simon Rattle im Großen Saal der Elbphilharmonie

Für den Auftritt des BRSO unter Sir Simon Rattle im Großen Saal der Elbphilharmonie hatte ich erheblich tiefer in die Kasse greifen müssen als ich es sonst für Orchesterkonzerte gewöhnlich tue. Natürlich hätte ich auch eine andere als meine Stammpreisklasse wählen können. Aber irgendwas in mir widerstrebte dem und glücklicherweise hatte ich noch einen Gutschein zu verbraten – warum also den nicht in eines der besten Orchester der Welt unter einem meiner Lieblingsdirigenten investieren! Man muss den für die Preisgestaltung verantwortlichen Personen auch zugestehen, dass es für das Hauptwerk des Abends, der Sinfonie Nr. 2 c-Moll („Auferstehung“) von Gustav Mahler, einfach verdammt viel Personal braucht. Neben richtig viel Orchester bedurfte es auch eines Chors, in diesem Fall dem des Bayerischen Rundfunks, sowie eines Soprans (Louise Alder) und eines Alt- beziehungsweise Mezzosoprans (Beth Taylor).

Vorangestellt wurde der Sinfonie „Remember Not Lord Our Offences Z 50“ von Henry Purcell, ein als Vokalstück arrangiertes Kirchenlied, das Rattle nahtlos in das „Nachtlied für gemischten Chor und Orchester op. 108“ von Robert Schumann übergehen lies. Man musste die Zusammenstellung nicht intellektuell verstehen wollen oder den im Programmheft abgedruckten Versuch einer solchen Herleitung nachvollziehen können. Sie funktionierte einfach. Wohl auch deshalb, weil im Programm insgesamt keine Pause vorgesehen war. Schade, dass Teile des Publikums diese Dramaturgie durch Beifallsbekundungen nach dem ersten Sinfoniesatz störten. Zerstören konnte aber auch diese Unterbrechung den Gesamteindruck nicht. Auch der teure Platz zahlte sich aus: Nicht nur ist das BRSO tatsächlich mindestens eine Klasse besser als die örtlichen Ensembles, von meinem Platz seitlich der Bühne in 13 F konnte man auch Mimik und Körpersprache des Dirigenten ganz wunderbar beobachten. Ich lege mich fest: Niemand dirigiert so schön mit den Augenbrauen wie Sir Simon! Auch der Chor und die beiden Solistinnen beeindruckten (mich vor allem Beth Taylor). Ein phantastischer Abend und im Nebeneffekt eine perfekte Ergänzung zu meiner Teilbegegnung mit der Auferstehungssinfonie in Christoph Marthalers „Die Unruhenden“ im vergangenen Januar.

Wer nachhören und -empfinden will: Eine Aufzeichnung des Konzerts ist bis zum 21. September 2027 in der Elbphilharmonie-Mediathek verfügbar. Darin auch enthalten: Die Verabschiedung des Trompeters Hannes Läubin, der fünfzig Jahre zuvor beim NDR Sinfonieorchester seine Karriere als professioneller Orchestermusiker begonnen hatte und an diesem Abend in den Reihen des BRSO sein letztes Konzert als ebensolcher bestritt.

Ein schönes Erlebnis jenseits der Kameras möchte ich ebenfalls nicht unerwähnt lassen: Da an diesem Tag ein U-Bahn-Streik sehr ungünstig mit Bauarbeiten auf „meiner“ S-Bahn-Strecke kollidierte und sich herausstellte, dass auch mein 85jähriger Sitznachbar davon betroffen war, taten wir uns kurz entschlossen zusammen und teilten uns für den Heimweg ein Taxi. Wir lernten dabei sogar einen klassikaffinen Taxifahrer kennen. Das war richtig nett.

Jochen Malmsheimer: „Wenn Worte reden könnten oder: 14 Tage im Leben einer Stunde“ in Alma Hoppes Lustspielhaus

Nicht ganz so begeistert war ich von Jochen Malmsheimers Auftritt in Alma Hoppes Lustspielhaus ein paar Tage später. Nicht nur Texte wie „Omma“ wirken doch mittlerweile etwas (haha) angegraut.

Nummern wie „Bahnhof basteln“, „Der mit dem Hund tanzt“, „Wenn Worte reden könnten“ und die Beschreibung einer Fete in den 80ern (Stichwort Partykeller, zu wenig Bier, Lambrusco und Nudelsalat) haben ebenfalls schon einige Jahre auf dem Buckel. Malmsheimer griff tief ins Archiv und schien auch nicht auf der Suche nach jüngerem Publikum zu sein. Ich hingegen hatte auch auf neue Texte gehofft und wurde daher enttäuscht. Schade.

Vermischtes oder Drei Konzerte im Sommer

Ich zäume das Pferd der Einfachheit halber von hinten auf und starte mit der Nachbetrachtung des Auftritts von Kai Schumacher im Kleinen Saal der Elbphilharmonie.

Mir ist im Nachhinein sehr unerklärlich, warum mir der Name Kai Schumacher bis vor kurzem unbekannt war. Wo ist der Spotify-Algorithmus, wenn man ihn mal braucht?! Hier jedenfalls ein Totalausfall. So war es ein guter alter Newsletter, nämlich der von KD Palme, der mich auf Konzert und Künstler aufmerksam machte. Zeit, um mich vorher einzuhören, hatte ich allerdings nicht. „Aha, Tristano-kompatibel!“, schoss mir somit erst beim ersten Stück des Abends in den Kopf. Wenig später erfuhr das Publikum, dass „Tranceformer“, Schumachers just an jenem Tage erschienene Single-Auskopplung – sagt man das eigentlich noch so? – aus dem für Ende September angekündigten, gleichnamigen Album, ein Stück für zwei Klaviere ist (und deshalb nicht auf der Setlist stand). Und für das Album eingespielt wurde das Stück – mit? Richtig: Francesco Tristano.

Jedenfalls, das war gut. Gerne mehr! Nur schade, dass es nicht ausverkauft war.

Dieses Problem hatten Sigor Rós zuvor definitiv nicht. Ich habe lange nicht mehr so viele „Suche Karten“-Schilder vor dem Eingang gesehen wie bei dem gemeinsamen Auftritt mit dem London Contemporary Orchestra im Großen Elphi-Saal Mitte Juni. Völlig zu recht, das war eine Meisterperformance. Mit umwerfendem Sound. Wer Fan ist und das verpasst haben sollte, darf sich ärgern! Obwohl ich zugeben muss, dass die Veranstaltung ihre Längen hatte. Einige Stücke könnte man auch gut und gerne nahtlos aneinander reihen. Ein Klangteppich deluxe zwar, aber einer, der nicht nur bei mir zwischenzeitlich zu leichten Ermüdungserscheinungen führte.

Auf der anderen Seite kann ich mir nun gar nicht mehr vorstellen, wie man diese Musik überhaupt ohne Orchester aufführen kann.

Noch davor entpuppte sich das letzte „Blind Date“ der Saison 2022/23 als walisisch-irische Connection, bestehend aus Catrin Finch (Harfe) und Aoife Ní Bhriain (Violine und Hardanger Fiddle).

Das hat mir richtig gut gefallen. Es gibt eben einfach keine schlechten „Blind Date“-Konzerte. Punktum. Die nächsten Termine sind im Oktober, Dezember, Februar und Mai. Noch gibt es Karten!

Das PianOrquestra in der Elbphilharmonie

Wer erinnert sich noch an die Piano Guys? Die traten im Dezember 2013 sogar in der Laeiszhalle auf, unter anderem mit diesem Titel:

Das hat mir durchaus gefallen, wenn es auch als eine ziemlich (nord-)amerikanische Shownummer daherkam: Die zugegebenermaßen spektakulären Videos liefen parallel zur Livedarbietung auf einer Leinwand mit und dem Publikum wurde überdies nicht vorenthalten, dass alle Mitglieder des Ensembles tiefgläubige Mormonen sind. Allein, die Herren haben sich inzwischen mit ihrem Auftritt bei Donald Trumps Amtseinführung ins Aus geschossen. Schade eigentlich.

Wie komme ich drauf? Ach ja, das „Blind Date“ gestern in der Elbphilharmonie! Da stand zunächst ein großer Flügel im Raum und sonst nicht viel anderes, aber dann kamen 5 Menschen mit 10 Händen dazu und führten die Idee mit dem Klavier als Orchester auf ein ganz neues Level. PianOrquestra, gegründet und geleitet vom Pianisten und Perkussionisten Claudio Dauelsberg, stammen aus Brasilien und das hört man sehr deutlich. Nichtsdestotrotz wurden daneben auch ruhigere und Solotöne präsentiert, u. a. von Arvo Pärt, Johannes Brahms und Claude Debussy. Auch beim Auftritt von PianOrquestra, soweit reicht die Parallele noch, spielten Einblendungen und Videoausschnitte mit – ohne die Kamera über dem Flügel hätte man vieles gar nicht mitverfolgen können. Sehr praktisch, gerade auch für die hinteren Reihen. Einzig der tänzerischen Einlagen hätte es meiner Meinung nicht unbedingt noch bedurft. Die Kreativität und Spielfreude von Dauelsberg und seinen vier Mitstreiterinnen sprach für sich.

Mit meiner Begeisterung war ich nicht allein und ich betrachte die „Blind Dates“, sofern möglich, künftig als feste Einrichtung in meinem Konzertkalender. Mein nächstes wird im April 2019 sein.

„Drei Engel für Charlie“? The Show must go on!

Irgendwas ist anders im Foyer des Großen Saals der Elbphilharmonie in dieser Woche. Einigen Treppengeländern sind plötzlich Leuchtstoffröhren gewachsen, seltsame Gerätschaften stehen herum, Bereiche sind abgesperrt, Menschen eilen durch die Menge, die absolut nicht nach Konzertpublikum aussehen. Des Rätsels Lösung: Hollywood goes Elphi – gedreht wird für das anstehende Reboot von „Drei Engel für Charlie“ im Kinoformat. Vermutlich eine äußerst lukrative Nebeneinnahme fürs Haus und warum auch nicht. Spektakulär genug ist es ja und wird als Filmlocation sicherlich so einige Begehrlichkeiten geweckt haben.

Währenddessen läuft der Konzertbetrieb unverdrossen weiter und ich war mal wieder mittendrin: Am Montag bei Pierre-Laurent Aimard, Tabea Zimmermann und Adam Walker unter dem Motto „Concord-Sonate – Schwerpunkt Charles Ives“ und gestern war es Ólafur Arnalds, der sein neues Album „Re:member“ vorstellte. Aber der Reihe nach.

Seit ich den Film „Pianomania“ gesehen hatte, wollte ich Pierre-Laurent Aimard spielen sehen und hören. Anlass der Konzertwahl war also der Künstler, nicht das Programm. Wobei mir Charles Ives, die Hauptperson des Abends, durchaus in Erinnerung geblieben ist, immerhin war sein Werk „The unanswered Question“ das allererste Musikstück, welches ich im Großen Saal hörte. Da in der „Concord-Sonate“, obwohl prinzipiell als Klavierstück konzipiert, optional je ein paar Takte Bratsche und Querflöte vorgesehen sind, wurde Aimard von Tabea Zimmermann und Adam Walker unterstützt. Es lag daher nahe, auch die „Sonate für Viola und Klavier op. 147“ von Dmitri Schostakowitsch ins Programm zu nehmen und beide Halbzeiten mit je einem Solostück für Querflöte beginnen zu lassen. Mit den Flötentönen von Edgard Varèse und Elliot Carter konnte ich wenig anfangen und für den Schostakowitsch fehlte mir aus unerfindlichen Gründen die Geduld – ja, ich weiß, nicht nett von mir, aber auch beim Zuhören gibt es so etwas wie Tagesform. Dafür zündete der Programmhöhepunkt umso gewaltiger. Charles Ives war Komponist im Nebenberuf, wirtschaftlich unabhängig und scherte sich weder um musikalische Konventionen noch um die Erwartungen des Publikums. Die Bezeichnung „unkonventionell“ ist zwar reichlich überstrapaziert und keinesfalls ein Qualitätsgarant. Auf die Musik von Charles Ives trifft sie hingegen ohne jegliche Abstriche zu. Das Programmheft wird der Komponist mit diesem Satz zitiert: „Warum die Tonalität als solche verworfen werden sollte, will mir nicht einleuchten. Warum sie immer herrschen sollte, auch nicht.“ Der Mann ist mir sympathisch! Seine „Concord-Sonate“ auch, und Pierre-Laurent Aimard mit ihr in seinem pianomanischen Element. Volle Punktzahl – so ungefähr hatte ich mir das vorgestellt.

Ólafur Arnalds live, ohne Kiasmos oder Nils Frahm, nur mit seiner Musik und dazu ausgesuchtem Ensemble, das ist lange her. Das war zuletzt im September 2015, mit Alice Sara Ott und dem „Chopin Project“ im kleinen Saal des Laeiszhalle. Schon damals hatte sich Arnalds nicht auf das Chopin-Programm beschränkt und es durch ältere Stücke ergänzt. So auch bei der Vorstellung von „Re:member“. Ich erkannte zweimal „Broadchurch“, zweimal „Living Room Songs“ und ein Stück aus „The Chopin Project“; alles, was mich zielsicher durch Zeit und Raum zu katapultieren vermag, war dabei. Bei „Beth’s Theme“ habe ich vom ersten Ton an die Gesichter von David Tennant, Olivia Colman und Jodie Whittaker vor der eindrucksvollen Jurassic Coast vor Augen und „Near Light“ befördert mich nach all der Zeit immer noch in Sekundenbruchteilen ins Berlin der zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts.

Hauptattraktion sowohl des Konzerts als auch des Albums „Re:member“ sind die beiden digital-mechanischen Klaviere, die zu Recht einen prominenten Platz auf der Bühne erhielten.

Die Kurzfassung des Videos, in Anlehnung an des Künstlers Twitterbiographie (per Stand Oktober 2018): „His pianos go bleep bloop“. Das klingt nicht nur zauberhaft, es ist auch ein faszinierender Anblick; insbesondere weil die Klaviere deutlich zeitverzögert auf Arnalds‘ Input reagieren. Wie ein stets neu variiertes Echo.

Apropos Echo, ich habe bisher im Großen Saal der Elbphilharmonie selten ein (mehrheitlich) derart auf Bühne und Musik konzentriertes Publikum erlebt. Nach der Zugabe „Lag Fyrir Ömmu“ hätte man sekundenlang die buchstäbliche Stecknadel fallen hören können. Der Applaus (Standing Ovations!) setzte erst ein, nachdem sich Ólafur Arnalds aus seiner musikalischen Versunkenheit, die noch eine ganze Weile nach dem Verklingen des letzten Tons angehalten hatte, regte. Das wünschte ich mir für alle Veranstaltungen in diesem Raum.

Auf der Webseite der Elbphilharmonie ist dazu mittlerweile ein sehr hilfreicher Text veröffentlicht worden, auf den man als Konzertbesucher sogar per E-Mail hingewiesen wird (zumindest wenn es sich um eine Veranstaltung der HamburgMusik gGmbH handelt und man die Karten direkt im Webshop gekauft hat). Es scheinen ihn aber bedauerlicherweise immer noch nicht genügend Menschen gelesen zu haben – von Beachten ganz zu schweigen.

Es ist kompliziert: eine Klaviergeschichte

Bevor ich an dieser Stelle endgültig neue Seiten aufschlage, möchte ich noch einen älteren Beitrag nachreichen bzw. wieder aufnehmen. Es ist gewissermaßen die Vorgeschichte zu allem, was meine (fortgesetzt nicht ganz unproblematische) Beziehung zum Klavierspielen betrifft. Es erklärt auch, warum die Sache mit Nils Frahm und „Sheets Zwei“ in London für mich nicht nur einfach etwas Besonderes, sondern quasi die ultimative Mutprobe war – ein Teil von mir fasst ja immer noch nicht, dass ich da tatsächlich hingefahren bin.

Der Text erschien am 26. 5. 2015 auf Facebook und einen Tag später als Gastbeitrag bei „Is a Blog“.

„Es ist kompliziert“: Dieser Satz beschreibt die Beziehung zwischen mir und meinem Klavier wohl immer noch am besten. Wir arbeiten daran, dass es weniger kompliziert wird und deswegen geht es diese Woche in die Werkstatt.

In der Zwischenzeit kann ich die Geschichte dazu erzählen.

Klavierunterricht war in meinem Falle eine freiwillige Angelegenheit. Ein ausdrücklicher Wunsch sogar. Der erste Unterrichtsversuch war zwar eine Katastrophe und das erste Instrument kein Klavier, sondern ein Zustand in Form einer elektronischen Heimorgel. Aber irgendwann stiegen meine beiden Schwestern mit ein, ein echtes Klavier kam ins Haus und wir zu einem richtigen Lehrer.

Das ging so bis zur Oberstufe. Dann, nach dem Abitur, kam ein großes, schwarzes Loch. Kein Klavier mehr, kein Unterricht mehr; keine nennenswerte Verbindung mehr zum aktiven Musizieren. Zehn Jahre lang.

Bis zu dem Tag, an dem ein Freund zu mir diesen Satz sagte: „Ich finde, in jedem Haushalt sollte ein Instrument stehen.“ „Klick!“, machte es bei mir, und von jetzt auf gleich wollte ich wieder ein Klavier haben.

Grotrian(-Steinweg)
Grotrian(-Steinweg)

Ich fing an zu suchen und fand. Es war Liebe auf den ersten Ton. Aber es war kompliziert, denn etwas war unterbrochen zwischen meinem Kopf und meinen Händen. Ich konnte nicht spielen, was ich hören wollte. Das hatte nichts mit übertriebenem Ehrgeiz zu tun. Alles, was ich wollte, war mich ausdrücken können und mir selbst nicht wehtun dabei. Das klappte nicht. Egal was ich versuchte.

Über lange Zeit blieb das so und es gab immer wieder Phasen, in denen ich monatelang keinen Ton spielte. Dennoch, nie wäre mir in den Sinn gekommen, das Klavier wieder wegzugeben. Ich ahnte: Es ist eine Frage des richtigen Zeitpunkts und es fehlt noch etwas. Eines Tages finde ich es vielleicht.

"Do androids wish upon electric stars?"
„Do androids wish upon electric stars?“

Und dann, am 30. Jahrestag des Starts der Voyager 1-Mission, saß ich im Planetarium und sah einer nicht ganz unprominenten Dame dabei zu, wie sie am Flügel mein Lieblingsklavierstück zerholzte. Ich hatte das Stück lange nicht gehört und noch länger nicht versucht, es zu spielen. Trotzdem sprang während dieser fragwürdigen Performance ein ebenso ketzerischer wie absurder Satz in meinen Kopf: „Das könntest du besser!“ Technisch nie, aber vom Gefühl her.

Wenige Minuten später sahen wir eine Projektion der Voyager 1-Sonde an der Sternenkuppel und hörten dazu ein Musikstück, das absolut perfekt dazu passte und mir anschließend tagelang nicht mehr aus dem Kopf ging. Ich bemühte meinen damaligen Kontakt beim Planetarium, bekam Interpret und Titel genannt und begab mich auf die Suche. Ich stellte sehr schnell fest, dass die gehörte Version des Stücks mit dem treffenden Titel „Numero Uno“ offenbar nur auf einer CD enthalten war. Ein Blick auf die Tracklist: OK, Du hast mich. Es gibt mehr davon? Sogar noch mehr? Gekauft.

Lieferung abwarten. Anhören. Nochmal anhören. Und nochmal. Und wieder. Dabei bei einem der Stücke wieder einen Satz im Kopf haben. Einen, den ich jahrelang nicht gedacht hatte. „Ob es dazu wohl Noten gibt?“

Es gab. Rund drei Wochen nach dem Abend im Planetarium versuchte ich mich zum ersten Mal an Ludovico Einaudis „Le Onde“.

Dann hat es, und hier muss ich abkürzen, noch einmal 5 Jahre und 10 Monate gedauert, bis der letzte Knoten platzte, ich es endlich mit Schwung durchspielen konnte und bis aus Tastengestolper so etwas wie Musik wurde. Diesmal mit einem „Klick“, der, wenn es dort ein Ohr dafür gibt, vermutlich irgendwann noch im interstellaren Raum zu hören sein wird. Da ist Voyager 1 nämlich gerade.

Dummerweise ist es genau deshalb immer noch ziemlich kompliziert. Aber wir arbeiten dran, mein Klavier und ich, und wenn es aus der Werkstatt kommt, geht das auch endlich 24/7. Den Nachbarn zum Trotze.

Fortsetzung folgt.

If I were a rich girl

Nachdem die Firma Steinway & Sons Hamburg mir unlängst beim „Hamburger Pianosommer“ per Gewinnspielteilnahme erfolgreich die E-Mail-Adresse entlockte, folgte ich heute einer Veranstaltungseinladung an den Rondenbarg – aus reiner Neugier, wie ich gerne zugebe.

Abgesehen davon, dass der Abend musikalisch ganz wundervoll war – es spielten Hilmar Jacobs, Karsten Flohr und Bernd Klosterfreund als J-F-K „The Autumn Leaves“ – fühlte ich mich schon durch den Einladungstext gut unterhalten, war in diesem doch als Unkostenbeitrag die stolze Zahl von 15.000,00 (statt 15,00) Euro zu lesen. Das habe, so die sehr nette Dame bei der telefonischen Anmeldung, zu nicht wenigen amüsierten Reaktionen geführt. Erst nach Beenden des Gesprächs fiel mir auf, dass mein launig gemeinter Satz „Ich wollte den Flügel ja nicht kaufen!“ exakt an dieser Stelle eventuell etwas deplatziert war.

Wobei man, auf die Flügel bezogen, mit der Summe bei Steinway & Sons nicht sonderlich weit kommt – hier bitte ein mattes Ächzen einsetzen.

Und noch einmal: „If I were a rich girl…“

Es ist kompliziert: Eine Klaviergeschichte

„Es ist kompliziert“: Dieser Satz beschreibt die Beziehung zwischen mir und meinem Klavier wohl immer noch am besten. Wir arbeiten daran, dass es weniger kompliziert wird und deswegen geht es diese Woche in die Werkstatt.

In der Zwischenzeit kann ich die Geschichte dazu erzählen.

Klavierunterricht war in meinem Falle eine freiwillige Angelegenheit. Ein ausdrücklicher Wunsch sogar. Der erste Unterrichtsversuch war zwar eine Katastrophe und das erste Instrument kein Klavier, sondern ein Zustand in Form einer elektronischen Heimorgel. Aber irgendwann stiegen meine beiden Schwestern mit ein, ein echtes Klavier kam ins Haus und wir zu einem richtigen Lehrer.

Das ging so bis zur Oberstufe. Dann, nach dem Abitur, kam ein großes, schwarzes Loch. Kein Klavier mehr, kein Unterricht mehr; keine nennenswerte Verbindung mehr zum aktiven Musizieren. Zehn Jahre lang.

Bis zu dem Tag, an dem ein Freund zu mir diesen Satz sagte: „Ich finde, in jedem Haushalt sollte ein Instrument stehen.“ „Klick!“, machte es bei mir, und von jetzt auf gleich wollte ich wieder ein Klavier haben.

Grotrian(-Steinweg)
Grotrian(-Steinweg)

Ich fing an zu suchen und fand. Es war Liebe auf den ersten Ton. Aber es war kompliziert, denn etwas war unterbrochen zwischen meinem Kopf und meinen Händen. Ich konnte nicht spielen, was ich hören wollte. Das hatte nichts mit übertriebenem Ehrgeiz zu tun. Alles, was ich wollte, war mich ausdrücken können und mir selbst nicht wehtun dabei. Das klappte nicht. Egal was ich versuchte.

Über lange Zeit blieb das so und es gab immer wieder Phasen, in denen ich monatelang keinen Ton spielte. Dennoch, nie wäre mir in den Sinn gekommen, das Klavier wieder wegzugeben. Ich ahnte: Es ist eine Frage des richtigen Zeitpunkts und es fehlt noch etwas. Eines Tages finde ich es vielleicht.

"Do androids wish upon electric stars?"
„Do androids wish upon electric stars?“

Und dann, am 30. Jahrestag des Starts der Voyager 1-Mission, saß ich im Planetarium und sah einer nicht ganz unprominenten Dame dabei zu, wie sie am Flügel mein Lieblingsklavierstück zerholzte. Ich hatte das Stück lange nicht gehört und noch länger nicht versucht, es zu spielen. Trotzdem sprang während dieser fragwürdigen Performance ein ebenso ketzerischer wie absurder Satz in meinen Kopf: „Das könntest du besser!“ Technisch nie, aber vom Gefühl her.

Wenige Minuten später sahen wir eine Projektion der Voyager 1-Sonde an der Sternenkuppel und hörten dazu ein Musikstück, das absolut perfekt dazu passte und mir anschließend tagelang nicht mehr aus dem Kopf ging. Ich bemühte meinen damaligen Kontakt beim Planetarium, bekam Interpret und Titel genannt und begab mich auf die Suche. Ich stellte sehr schnell fest, dass die gehörte Version des Stücks mit dem treffenden Titel „Numero Uno“ offenbar nur auf einer CD enthalten war. Ein Blick auf die Tracklist: OK, Du hast mich. Es gibt mehr davon? Sogar noch mehr? Gekauft.

Lieferung abwarten. Anhören. Nochmal anhören. Und nochmal. Und wieder. Dabei bei einem der Stücke wieder einen Satz im Kopf haben. Einen, den ich jahrelang nicht gedacht hatte. „Ob es dazu wohl Noten gibt?“

Es gab. Rund drei Wochen nach dem Abend im Planetarium versuchte ich mich zum ersten Mal an Ludovico Einaudis „Le Onde“.

Dann hat es, und hier muss ich abkürzen, noch einmal 5 Jahre und 10 Monate gedauert, bis der letzte Knoten platzte, ich es endlich mit Schwung durchspielen konnte und bis aus Tastengestolper so etwas wie Musik wurde. Diesmal mit einem „Klick“, der, wenn es dort ein Ohr dafür gibt, vermutlich irgendwann noch im interstellaren Raum zu hören sein wird. Da ist Voyager 1 nämlich gerade.

Dummerweise ist es genau deshalb immer noch ziemlich kompliziert. Aber wir arbeiten dran, mein Klavier und ich, und wenn es aus der Werkstatt kommt, geht das auch endlich 24/7. Den Nachbarn zum Trotze.

Fortsetzung folgt.