In Concert: Michael Wollny in der Elbphilharmonie

Ich möchte nichts gegen 2G-Veranstaltungen gesagt haben, grundsätzlich bitte unbedingt mehr davon! Aber erst zwei Tage vor dem Termin darüber zu informieren, ist doch ein wenig knapp, liebe Freunde von Eventim. Vor allem, wenn es prinzipiell schon Wochen vorher abzusehen ist. Mental hatte ich mich nämlich erst zu Anfang November auf ein erstes 2G-Konzert in der Elbphilharmonie vorbereitet.

Wer sich definitiv nicht ausreichend vorbereitet hatte: Das Einlassteam am Fuße des Großen Saals. Plötzlich musste, anders als bisher bei 3G, neben dem 2G-Nachweis ein Ausweisdokument vorgezeigt werden, und natürlich das Ticket. Man kombiniere dies mit nahezu voller Besetzung, einer uninformierten und überforderten Security und praktisch keiner Besucherführung bis unmittelbar vorm Einlassbereich und fertig ist das Chaos. Ich glaube nicht nur, dass das besser geht: Ich weiß es. Kampnagel, Laeiszhalle und das Schauspielhaus machen es vor, zwar bisher nur mit 3G, aber die Einlasskonzepte dort gehen zweifelsohne in die richtige Richtung.

15 Minuten vor Konzertbeginn
15 Minuten vor Konzertbeginn

Fazit: Wer dieser Tage eine 2G-Veranstaltung in der Elbphilharmonie besuchen und vorher entweder ein Getränk zu sich nehmen oder schnell noch eines wegbringen will, sollte etwas mehr Zeit als üblich einplanen. Besser 45-60 Minuten vorher vor Ort sein statt 20-30. Um und bei.

Ich schaffte es im Treppensprint bis vier Minuten vor Anfang des Konzerts an meinen Platz in 13 I (mit Klo!). Bei Etage 15 oder 16 wäre es arg knapp geworden. Und dann erst einmal tief durchatmen und akklimatisieren. Direkt links, rechts, vor und hinter mir: überall Menschen! Und keine Maskenpflicht mehr! Schon toll, aber auch ziemlich gewöhnungsbedürftig nach all der Zeit. Offenbar auch für Michael Wollny, der ein paar Takte länger als üblich benötigte, um in seinen Flow zu kommen und während des Abends mehrfach betonte, wie sehr er sich darüber freue, vor so vielen Menschen in der Elbphilharmonie spielen zu dürfen.

Meine Rechnung bezüglich des Sitzplatzes ging auf: Von meinem Platz aus konnte ich von schräg hinten auf die Tastatur des Flügels schauen und Wollnys Hände entweder direkt oder gespiegelt sehen. Auch die eigenwillige Beinarbeit war gut zu erkennen. Die Pole Position in der ersten Reihe beim Konzert im Mojo Club vor einigen Jahren konnte das zwar nicht toppen, aber es passte schon sehr gut.

Und musikalisch? Ein eigenes Level. Die ausschweifende Langstrecke ist dabei nicht unbedingt mein Favorit, aber die Perlen darin… “Father Lucifer”, beispielsweise, im Original von Tori Amos, wie lange habe ich das nicht mehr gehört. Und so überhaupt ja noch nie. Nichts gegen das Trio oder gegen 4 Wheel Drive. Oder gegen die diversen Kollaborationen, beispielsweise die Zusammenarbeit mit Konstantin Gropper alias Get Well Soon, das war super. Aber Michael Wollny solo, das ist vom anderen Stern. Hätte ich sehr gerne sehr viel öfter.

In Concert: Jordi Savall und Le Concert des Nations in der Laeiszhalle

Nein, ich war leider nicht beim Reflektor Max Richter. Aus Gründen. Aber zu Jordi Savall und Le Concert des Nations in die Laeiszhalle habe ich es geschafft. Und das war gut so! Beethoven auf zeitgenössischen Instrumenten und in zeitgenössischer Orchesterbesetzung, das sollte man wirklich gehört haben.

Für mich als weniger versierte Hörerin manifestierte sich der Kontrast zur inzwischen gängigen Interpretation vor allem in den Tempi und, bezogen auf die Klangfarben, in den Blasinstrumenten und den Pauken. Wahrscheinlich liegen auch zwischen Kunststoff- beziehungsweise Stahl- und Darmsaiten bei den Streichinstrumenten Welten, aber um diesen Unterschied ausreichend wertschätzen zu können, hätte es zuvor des direkten Vergleichs bedurft. Dieses Experiment kann ich indes noch nachholen, denn erstens existieren einige der Savall’sche Varianten auch auf Tonträgern – die Sinfonien 6 bis 9 folgen im Dezember – und zweitens wird es noch eine weitere Beethoven-Aufführung in Hamburg geben, die, so das Programmheft, aufgezeichnet und zu einem späteren Zeitpunkt auf www.elbphilharmonie.de als Stream zu sehen sein wird. Am 17. Oktober sind es dann nicht nur die 6. und 7., sondern auch die 8. und 9. Sinfonie. Das große Finale also. Freude, schöner Götterfunken!

Vielen Dank übrigens auch für die Ablösung meines vorherigen Ohrwurms. “Tea for Two” wurde allmählich lästig. Der zweite Satz der 7. Sinfonie ist als Hintergrundsound wesentlich alltagstauglicher. Und nein, das Stück ist eben nicht von Alexandre Desplat!

Theater, Theater: “Richard the Kid & the King” im Deutschen Schauspielhaus

Eigentlich hatte ich gedacht, über fast vier Stunden Theater entsprechend episch schreiben zu können. Aber ich kann mich kurzfassen: Jede Sekunde (und jeder Cent) hat sich gelohnt für Lina Beckmann, Kristof Van Boven und das Bühnenbild. Den Rest fand ich eher anstrengend.

Vielleicht hat mir aber auch einfach das Sitzfleisch gefehlt. Muss man sich nach der Coronapause wahrscheinlich auch erst wieder antrainieren.

Richard III.
Richard III.

Erschwerend kommt hinzu, dass ich auf das Shakespeare’sche Porträt des Richard III. als buckliges Monster unwillkürlich mit innerlicher Abwehr reagiere, seit ich “The Daughter of Time” von Josephine Tey gelesen habe. Quasi Kollateralschaden. Denkt man ja auch nicht drüber nach, wenn man einer Lektüreempfehlung folgt!

In Concert: Gidon Kremer, Martina Gedeck, Kent Nagano und das Philharmonische Staatsorchester Hamburg in der Elbphilharmonie

Eigentlich habe ich zwei Konzert-Abonnements: ein kleines Abo bei den Philharmonikern (für die “ungeraden” philharmonischen Konzerte) und das Abo 4 der Elbphilharmonie. Uneigentlich ist aber immer noch Corona und die Säle sind mit 3G nicht voll besetzbar. Folglich sind die Abos auch in der laufenden Saison keine sichere Bank, aber man bekommt die Karten immerhin vor dem allgemeinen Vorverkauf und zu Abonnements-Konditionen angeboten.

Das hat auch Vorteile: Man kann – natürlich im Rahmen der Verfügbarkeit – den Platz wechseln und man kann sich relativ kurzfristig für oder gegen einzelne Konzerte der jeweiligen Reihe entscheiden.

Die philharmonische Saisoneröffnung mit Gidon Kremer, Martina Gedeck und Kent Nagano wollte ich allerdings keinesfalls auslassen und allein für Kremers Interpretation des dritten Violinkonzerts von Alfred Schnittke hat sich diese Entscheidung gelohnt. Außergewöhnlich.

Die gemäß dieser Programmwahl schmale Kammerorchester-Besetzung wandelte sich nach der Pause in ein ebenfalls recht übersichtliches Streichorchester. Die von Gustav Mahler bearbeitete Streichorchester-Fassung von Schuberts Streichquartett d-Moll D 810 “Der Tod und das Mädchen” kannte ich noch nicht. Laut Programmheft fand die Premiere (“allerdings nur des zweiten Satzes”) 1894 unter Mahlers Leitung in einem Hamburger Abonnementkonzert und fand nur mäßigen Anklang. Ich gebe zu, ich habe es zwar genossen, aber meine Lieblingsversion wird das auch nicht. Das Quartett ist mir lieber.

Und so sehr ich Martina Gedeck schätze, aber die Rezitationen – Texte aus Schuberts Briefen sowie die Erzählung “Mein Traum”, “Der Doppelgänger” von Heinrich Heine und “Der Tod und das Mädchen” von Matthias Claudius -, das passte für mich irgendwie nicht. Ich kann es nicht schlüssig begründen, aber ich empfand den Vortrag als störende Unterbrechung und nicht als sinnhaften Teil eines Gesamtkunstwerks. Wobei ich die Idee dahinter absolut nachvollziehen kann. Tagesform vielleicht.

Wie dem auch sei, das nächste (Nicht-)Abo-Konzert wird Jordi Savall und Le Concert des Nations mit Beethoven in der Laeiszhalle, dann mit fast einem Jahr Verspätung. Das heißt, wenn nicht doch wieder etwas dazwischen kommt.

In Concert: Teodor Currentzis und das SWR Symphonieorchester in der Elbphilharmonie

Nein, ich habe noch nicht herausbekommen, wie er es macht.

Warum nämlich das Symphonieorchester des SWR so anders klingt als die anderen – zumindest, wenn Teodor Currentzis vor ihm steht. Warum ich während des gesamten Konzerts keine Konzentrationsprobleme bekam, obwohl ein langer Arbeitstag hinter mir lag und mir der Magen knurrte, weil aufgrund einer besonderen Schiffsankunft spontan das Abendbrot ausfallen musste.

Ein Fenster hinter die Kulissen gibt es immerhin:  Das “Currentzis-LAB”, dessen Mitschnitte auf SWR Classic veröffentlicht werden. Die erste LAB-Session der Saison 2021/22 war eine offene Orchesterprobe mit Schwerpunkt auf dem 3. Satz aus Sergej Prokofjews fünfter Sinfonie  – die perfekte Konzertvorbereitung also.

Zugegeben, ohne wenigstens eine minimale musikalische Vorbildung und einigermaßen intakte Englischkenntnisse kommt man da nicht mit. Ich will auch nicht behaupten, alles verstanden zu haben. Gelernt habe ich dennoch eine Menge, zum Beispiel den Unterschied zwischen einer “dark Passacalgia” und einem “Marche funèbre”, und dass ich dringend meine musikalischen Vokabelkenntnisse auffrischen sollte. Nebenbei erfährt man nicht nur einiges über Currentzis’ Mission – sowohl in Bezug auf das Stück als auch ganz allgemein – man lernt auch das Orchester kennen. Zumindest die Teile, die während der Probe einzeln aufgerufen oder häufiger von den Kameras eingefangen wurden. Tatsächlich ein quasi spielentscheidender Vorsprung, wie ich feststellte, und nachhaltiger als alles, was eine handelsübliche Konzerteinführung leisten könnte.

Trotzdem, die Frage bleibt offen: Wie macht er das?

Gegen Ende des Konzerts erfuhr das Publikum, dass Currentzis just am fraglichen Tage seinen Vertrag beim SWR Symphonieorchester um weitere drei Jahre verlängert hat. Das lässt auf zahlreiche weitere gemeinsame Auftritte in Hamburg hoffen, was mir die Fortsetzung der Recherche erheblich erleichtern wird. So oder so, eines gilt seit jenem Konzertabend Ende 2019 als gesetzt: Wenn Teodor Currentzis in Hamburg gastiert und ich irgendwie an Karten komme, bin ich im Saal. Mit etwas Glück also das nächste Mal am 28. November, dann mit musicAeterna, Marko Nikodijević und Dmitri Schostakowitsch.

In Concert: Stefan Geiger und das NDR Elbphilharmonie Orchester in der Elbphilharmonie

Ich muss nicht weit ausholen, um eine Verbindung zwischen Kampnagel und dem gestrigen Filmmusikkonzert des NDR Elbphilharmonie Orchesters in der Elbphilharmonie herzustellen. War es doch ein Stummfilmkonzert des damaligen NDR Sinfonieorchesters in der K6, welches mein Interesse an Orchesterkonzerten ganz allgemein entfachte.

Nachdem das Orchester Anfang 2017 in die neue Spielstätte umzog und seinen Namen änderte, war es zunächst vorbei mit den Filmkonzerten. Dafür sei leider zu wenig Luft im Kalender der Eröffnungssaison, hieß es auf Nachfrage. Nach vier Jahren fand das Genre nun endlich wieder Eingang in das Programm des NDR EO, und so kam Stefan Geiger erstmals vor neuer Kulisse dazu, den Orchesterkollegen in einem Filmmusikkonzert vorzustehen. Zwar ohne Leinwand, aber dafür mit einer Werkauswahl des Komponisten John Williams, dem amerikanischen Altmeister des Genres. Zu hören waren Auszüge aus “Jurassic Park”, “Unheimliche Begegnung der dritten Art”, “Harry Potter und der Stein der Weisen”, “E.T. – Der Außerirdische” und “Star Wars: Das Erwachen der Macht”. Es bedurfte nur weniger Takte, um mich daran zu erinnern, dass meine allererste Orchestermusikliebe die Filmmusik gewesen ist: Soundtracks von John Barry, James Horner, Ennio Morricone, Thomas Newman, Alan Silvestri und eben John Williams.

Das hat viel zu lange gedauert, liebes NDR EO! Ich hoffe sehr, dass diese Art Konzerte künftig wieder einen festen Platz in eurem Repertoire haben werden. Vielleicht denkt ihr auch darüber nach, die Ausflüge in die K6 wieder aufzunehmen. Ohne die Konzerte damals auf Kampnagel wäre ich heute wohl eine sehr viel schlechtere Elphi-Kundin. Immerhin kommt Kampnagel auch in euer Revier, beispielsweise mit der Kooperation zwischen dem Sommerfestival und dem Elbphilharmonie Sommer!

Gesessen habe ich ausnahmsweise hinter und nahe dem Orchester. Eigentlich ist das aus akustischen Gründen überhaupt nicht zu empfehlen, insbesondere dann nicht, wenn vorne auf der Bühne Solist:innen oder gar Sänger:innen stehen. Bei “Orchester pur” ist der Sound einigermaßen in Ordnung, nur die Celesta ging streckenweise etwas unter. Einen großen Vorteil hatte die Position: Ich war frühzeitig über die Zugabe informiert. Es wurde der “Raider’s March”, besser bekannt als das “Indiana Jones Theme”.

Apropos Zugabe. Eigentlich müsste ich noch zwei weitere Konzerte im Detail nachtragen. Ich mache es kurz, um endlich den Berichtsrückstand aufzuholen.

Zum einen ist es das Konzert des West-Eastern Divan Orchestra unter der Leitung von Daniel Barenboim mit Michael Barenboim (Violine) und Kian Soltani (Violoncello) als Solisten. Gegeben wurde Brahms’ Konzert für Violine, Violoncello und Orchester a-Moll op. 102, die Sinfonie a-Moll M48 von César Franck und – mein Herz! – der “Nimrod” aus den Enigma Variations von Edward Elgar. Es war rundherum großartig, aber besonders nachhaltig im Gedächtnis geblieben ist mir neben dem “Nimrod” der Auftritt von Kian Soltani.

Beim zweiten Nachtrag handelt es sich um die Saisoneröffnung der Spielzeit 2021/22, der “Opening Night” des NDR EO unter Alan Gilbert und mit Yo-Yo Ma am Violoncello. Normalerweise bekommt man als Normalsterbliche für dieses Event keine Karten, aber offenbar hatten sich deutlich weniger Menschen den Vorverkaufsstart auf Termin gelegt als zu Vor-Corona-Zeiten. Das mag zwar schlecht sein fürs Geschäft, aber ich beschwere mich nicht!

Auch Yo-Yo Ma verließ nicht ohne Zugabe den Saal. Zusammen mit einer kleinen Streichergruppe aus dem Orchester präsentierte er eine melancholisch-beschwingte Version von “Summertime”, passend zum Schwerpunkt des Programms, welches aus Werken von Leonard Bernstein, Samuel Barber, Mark-Anthony Turnage und George Gershwin bestand, und trotz des Titels in seiner Grundstimmung ebenso passend zum Datum, dem meteorologischen Herbstanfang.

Da sind wir also nun: Herbst 2021, Saisonanfang. Bleibt zu hoffen, dass es nicht wieder zu einem Abbruch kommt.

Resozialisierung

Ja, also. Hm. Test, Test, eins zwo. Wie ging das noch mit dem Schreiben?

Jedenfalls, ich habe keine Ausrede mehr. Es gibt endlich wieder Input, live, in Farbe und vor allem offline. Seit Mitte Juli war ich schon auf drei Konzerten. Genauer:

Auf das erste Draußenkonzert hatte ich mich schon zwischen den Impfungen getraut. Alles andere verschob ich auf “ab Erreichen des vollständigen Impfschutzes”. Ersten Beobachtungen nach war das keine ganz dumme Idee. Die sogenannten 3G-Nachweise (“gechiptimpft/genesen/getestet”) werden nämlich mancherorts eher lässig kontrolliert. Folglich ist das einzig belastbare Plus an Sicherheit, welches man zurzeit haben kann, sich selbst geimpft zu wissen. So ganz grundsätzlich. Epidemiologisch betrachtet eh, aber psychologisch mindestens ebenso wertvoll. Für euch getestet.

Next Stop: Das Internationale Sommerfestival auf Kampnagel. Ab dann wieder im gewohnten Format. Falls ich es noch kann. Drei vier!

Die neue Normalität

Ich war wieder da. In der Elbphilharmonie. Dreimal sogar schon inzwischen.

Zuerst beim Harbour Front Literatur Festival am 12. September 2020, auf den Tag genau sechs Monate nach dem letzten regulären Konzert im Großen Saal vor der coronabedingten Schließung. Vorgestellt wurde Literatur aus Luxemburg. Ich gestehe, ich war ungefähr zu gleichen Teilen wegen Saša Stansišić (Moderation) und  Pascal Schumacher (musikalische Untermalung – neues Album!) dort.

Die Texte von Elise Schmit und Nora Wagener haben mir dann aber auch gut gefallen.

Der Saal soll nominell ausverkauft gewesen sein, was nach den derzeitigen Regeln 620 zu besetzende Plätze bedeutet. Die waren allerdings bei weitem nicht gefüllt. Schade.

Bei den Philharmonikern (am 28. September) bot sich ein anderes Bild. Der reguläre Spielbetrieb soll erst ab Januar wieder starten. Als Abonnentin profitierte ich jedoch von einem Vorbestellrecht für diverse Ersatzvorstellungen mit geändertem Programm. Anders wäre ich wohl auch nicht in das alternative 1. Philharmonische Konzert gekommen. Nicht zwingend der Nachfrage, sondern der Saalplanproblematik wegen. Den Hindemith fand ich toll, den Schubert großartig. Nur mit Mahlers “Liedern eines fahrenden Gesellen” fremdelte ich. Kunstlieder sind generell nicht so meins (abgesehen von der “Winterreise”).

Es ist ja nicht alles schlecht an der neuen Normalität. Das in reduzierter Besetzung auftretende Orchester ist rund um den Dirigenten platziert (was den Sitzen hinter der Bühne eine völlig neue Qualität verleiht), es stehen mehr Konzerttermine zur Auswahl, weniger Zuschauer produzieren weniger Störgeräusche, kein Gedränge auf den halsbrecherisch konstruierten Treppen beim Verlassen des Konzertsaals, der Foyers und des Gebäudes und nicht zuletzt bekommt man Werke und Besetzungsvarianten zu hören, die unter regulären Umständen hinter monumentaleren Stücken und Versionen zurückbleiben. Und was die Chancen für “Kultur-Singles” betrifft: Die bessern sich ab November. Laut einer Meldung des Hamburger Abendblatts in der Ausgabe vom 26./27. September 2020 hat die Elbphilharmonie den Corona-Saalplan überarbeitet. Der verstärkten Nachfrage nach Einzelplätzen wegen.

Ich schaffte es dennoch schon in das erste “Blind Date” der Saison am 2. Oktober – mirakulöserweise standen beim Buchungsversuch plötzlich doch ein paar Einzelplätze im Kleinen Saal zur Verfügung. “Spark – die klassische Band” nannte sich das aufspielende Ensemble, bestehend aus Cello, Geige/Bratsche, Blockflöte, Harmonika und Klavier. Je bearbeiteter und “eigener”, desto besser gefielen mir die Stücke des Programms “On the Dancefloor”. Mein Favorit: der Chambertechno gleichen Namens.

Es gab ein paar Momente, in denen mir der Gedanke “Uhhhh – zu viel, zu dick aufgetragen – weniger ist mehr!” durch den Kopf schoss. Bezogen sowohl auf die Arrangements als auch auf die Präsentation. Das fällt allerdings unter Meckern auf hohem Niveau.

Heißer Tipp für den Besuch des Kleinen Saals bei reduzierter Auslastung: eine Bekleidungsschicht mehr einplanen. Die Klimatechnik ist offenbar noch auf “voll besetzt” ausgerichtet.

Allein, so geht es letztlich allen. Es renkt sich so zurecht, man tastet sich vorwärts, Schritt für Schritt, Tag für Tag, die aktuellen Entwicklungen immer im Blick. Jedenfalls habe ich mich zu jedem Zeitpunkt sicher gefühlt in der Elphi. Und war sehr froh, endlich wieder dort sein zu dürfen.

Back to live

Irgendwie ist sie dann doch abgerissen, meine “The Show must go online“-Serie. Nicht, dass es keinen Stoff mehr gegeben hätte – Fortsetzung ausdrücklich nicht ausgeschlossen! Aber die Luft war raus. Abgesehen davon gibt es ja inzwischen auch wieder Livekonzerte, darunter auch in Formaten, die ich für verhältnismäßig sicher halte. Das ist natürlich nur meine ganz persönliche Risikobewertung. Die Schwelle liegt da verständlicherweise bei jedem etwas anders.

Das allererste Kultur-Event nach ziemlich genau fünf Monaten war die “Corona Summer Night Open Air Special” in beziehungsweise draußen vor der Fischhalle Harburg mit dem Duo Ulrich Kodjo Wendt & Yogi Jockusch.

Man kann das wohl “Weltmusik mit Hamburg-Einschlag” nennen, was die beiden Herren da abgeliefert haben. Absolut perfekt für die Location! Eine wunderschöne Stimmung ist das da unten am Harburger Binnenhafen, momentan noch zusätzlich aufgehübscht durch die coronabedingt an ihrem Winterliegeplatz aufliegende “Fritjof Nansen“. Dummerweise ist es für mich ein bisschen weit mit dem Fahrrad, die An- und vor allem die spätabendliche Abreise mit Bahn und Bus Richtung Barmbek gestaltet sich umständlich und Moia fährt auch noch nicht in Harburg. Wen das nicht schreckt oder wer näher dran ist: Die “Corona Summer Night(s)” gehen weiter, Termine findet man auf der Webseite der Fischhalle und bei Facebook. Empfohlender Dresscode: langes Beinkleid, der Mücken wegen.

Ich hatte bereits mehrfach davon berichtet und auf Hamburg-Termine gehofft, inzwischen ist es soweit: Die 1:1 Concerts gibt es jetzt auch mit Musikern der jungen norddeutschen philharmonie. Spielorte sind unter anderem das Büchereck Niendorf und bouquet HÜTE in Eimsbüttel.

Vergangenen Dienstag hat Cellist Felix Jedeck für mich Werke von Siegfried Barchet und Johann Sebastian Bach gespielt. Zu den Regeln des Formats gehört, dass Musiker und Zuhörer nur mit Blicken und Gesten kommunizieren dürfen. Wahrscheinlich wäre mir aber nach diesen zehn intensiven Minuten außer einem tief empfundenen “Danke” spontan eh nicht viel eingefallen und die beinahe unvermeidlichen drei bis vier Tränchen habe ich mir auch erst vor der Tür verdrückt. Unverständlicherweise sind zurzeit noch viele Termine frei. Daher ergeht hiermit der Aufruf an alle Hamburger und Hannoveraner: hin da! Das ist ein in jeder Hinsicht besonderes Musikerlebnis und dient obendrein einem guten Zweck – what’s not to love?!

Apropos intensiv: Gestern hat Martin Kohlstedt auf dem Lattenplatz vor dem Knust Hamburg gespielt. Ich kenne einen großen Teil der Hamburg-Geschichte und kann daher mit einiger Sicherheit behaupten: Elbphilharmonie hin, Laeiszhalle her, das gestern war ein ganz spezieller Trip. Worte zu finden ist eigentlich unmöglich, da scheitere ich ebenso zuverlässig wie krachend, das versuche ich normalerweise erst gar nicht (mehr). Aber vielleicht kann “Ausnahmezustand trifft (Hamburg-)Reprise” als halbwegs hinreichende Annäherung dienen. Und den GewandhausChor habe ich zwischen den Zeilen auch immer noch hören können.

Zu besonderen Atmosphäre wird auch das Wetter beigetragen haben: Die Serie von Wolkenbrüchen begann kurz vor dem Einlass und dauerte exakt bis zum Ende des Sets. Ich konnte nicht umhin, mich an eine nicht unähnliche Konzertsituation im August vor sechs Jahren erinnert zu fühlen. Damals ergoss es sich über dem Dockville und zwar haargenau während der Timeslots, die für die Auftritte von Nils Frahm und Ólafur Arnalds vorgesehen waren. Ob dieser Umstand auf der Bühne zu Ausnahmezuständen geführt hat, vermag ich nicht zu beurteilen. Aber an das, was dabei mit der Novizin (nämlich mir) vor der Bühne passiert ist, kann ich mich noch sehr gut erinnern. Im Grunde jage ich eben diesem Zustand bei jedem einzelnen Livekonzert, welches ich seither besucht habe, immer wieder neu nach. Manchmal stimmt das Timing, innen wie außen, und ich erwische zumindest ein Bruchstück davon. Gestern war so ein Tag.

Schnitt.

Der Titel dieses Beitrags, die Älteren werden sich eventuell erinnern, ist übrigens eine Anspielung auf “Back to Life (However Do You Want Me)” von Soul II Soul aus dem Jahr 1989. Das waren die ersten Klänge, die ich am letzten Wochenende auf der “Piazza” des Internationalen Sommerfestivals auf Kampnagel vernahm. Ein weiterer Beweis dafür, dass die Retrowelle inzwischen die 90er erreicht hat, aber das nur nebenbei. Ich war da gerade auf dem Weg zu meiner ersten Kulturveranstaltung in geschlossenen Räumlichkeiten unter Coronabedingungen. Mit sehr gemischten Gefühlen. Wie das ausging und überhaupt das Sommerfestival insgesamt, hole ich nach. Vorher muss ich nämlich ganz dringend noch ein paar Tage Nordseeluft schnuppern.

Zwangspause

Seit Tagen versuche ich, an dieser Stelle über den Auftritt des Brad Mehldau Trio im Großen Saal der Elbphilharmonie am 12. März zu berichten, dem letzten Konzert vor der vorläufigen Schließung des Hauses per Allgemeinverfügung des Hamburger Senats. Darüber, wie es war, im halbleeren Saal zu sitzen, auf einem Einzelplatz im sicheren Abstand zu den übrigen Konzertbesuchern. Über die Ansprache des Intendanten (“Wir sind dann erst einmal offline”), über die Dankbarkeit der Musiker, dass trotz der Umstände noch so etwas wie ein Publikum erschienen war, um Resonanz zu erzeugen. Über das Gefühl des Abschieds auf unbestimmte Zeit am Ende des Konzerts und beim Verlassen des Saals und des Gebäudes.

Es ist mir nicht gelungen und es will mir auch jetzt nicht gelingen.

Wie viele von euch war ich in der vergangenen Woche nahezu ausschließlich damit beschäftigt, meinen Alltag umzuorganisieren und zeitgleich den Kontakt mit Familie, Freunden und Bekannten zu halten. Seit Freitag bin ich bis auf Weiteres im Heimbüro und sehr dankbar dafür, dass das möglich ist. Die Tage bis dahin waren derart nervenaufreibend, dass ich nur aus den Augenwinkeln wahrnehmen konnte, was sich parallel im Netz entwickelt hat und noch immer weiter entwickelt. Die Liste der gestreamten Kulturangebote wächst und wächst, ich habe längst den Überblick verloren, bin davon ebenso reizüberflutet wie von den sich überschlagenden Nachrichtenmeldungen.

Jetzt, wo ich mich einigermaßen sortiert habe, werde ich versuchen, den Faden wieder aufzunehmen, dabei im Rahmen meiner Möglichkeiten einigen der zahlreichen Unterstützungsaufrufe zu folgen und eventuell auch ein wenig davon ins Susammelsurium zu übertragen. Versprechen kann ich das nicht, versuchen werde ich es ganz sicher.