März

Mit dem März kam der Pollenflug. Ich bin immer wieder fasziniert von dem Energieknick, der damit einhergeht. Trotz erfolgreicher medikamentöser Bekämpfung der äußerlich wahrnehmbaren Symptome. Immerhin, es sind bei mir „nur“ die Frühblüher. Spätestens wenn die Birke durch ist, beginnt der Sommer und die Kurve geht wieder nach oben. Und im Frühjahr findet Kultur ja auch noch vermehrt drinnen statt.

„Siegfried Lenz zum 100.“ im Rolf-Liebermann-Studio

So zum Beispiel der Festivalauftakt zu „Hamburg liest Lenz“, veranstaltet von NDR Kultur in Kooperation mit der Siegfried Lenz Stiftung im Rolf-Liebermann-Studio. Dass das Studio einst eine Synagoge beziehungsweise ein jüdischer Tempel war, erfuhr ich erst letzten Herbst bei einer der öffentlichen Architektur- und Kunstführungen über das NDR-Gelände am Rotherbaum. In den Saal konnten wir damals nicht, weil dort geprobt wurde. Auch weil man uns mitteilte, dass das Studio möglicherweise nicht mehr lange zum Gebäudeensemble des NDR gehören würde, achtete ich in der Folge verstärkt auf Veranstaltungsankündigungen, um dann bei „Siegfried Lenz zum 100.“ zuzuschlagen.

Aber Raumneugier war nicht meine einzige Motivation. Das Literaturfestival „Hamburg liest“, in dem jedes Jahr ein anderes Thema in den Mittelpunkt gestellt wird, hatte ich bisher nämlich ebenfalls nur am Rande wahrgenommen. Dieses Jahr liest (beziehungsweise las, das Festival ging bis zum 31. März) Hamburg Siegfried Lenz, der im vergangenen Monat 100 Jahre alt geworden wäre. Neben der offiziellen (und wie immer hörenswerten) Eröffnungsrede durch Kultursenator Carsten Brosda wurden das TV-Doku-Drama „100 Jahre Siegfried Lenz – Was würdest du tun?“, eine anlässlich des Jubiläums neu erschienene Graphic Novel mit Episoden aus dem Leben des Schriftstellers und die „Lenz Challenge“, ein vom NDR initiiertes Projekt für Schulklassen, vorgestellt.

In dem Doku-Drama begibt sich mit Inspektor Tondi eine von Jonas Nay gespielte Siegfried-Lenz-Figur auf die Suche nach der Relevanz Lenz’scher Themen und Motive in der heutigen Zeit. Ich fange mit solchen Formaten gar nichts an – ich mag meine Dokus möglichst ohne Drama. Für mich zugänglicher waren da die exemplarisch von drei der insgesamt 16 beteiligten Künstlerinnen und Künstlern vorgestellten Auszüge aus der Graphic Novel und auch die Schulklasse aus Osterholz-Scharmbeck hat mich beeindruckt, die mit ihrem Reel über das Lenz-Hörspiel „Zeit der Schuldlosen“ den Landeswettbewerb Niedersachsen der „Lenz Challenge“ gewonnen hatte. Hinzu kamen von Catrin Striebeck, Bjarne Mädel und Stephan Kampwirth vorgetragenen und teils von Jonas Landerschier am Klavier begleiteten Texte des Jubilars, darunter „Der Seehund aus der Wasserleitung“ und „Jütländische Kaffeetafeln“.

Leider ist mir nicht gelungen, eine der übrigen „Hamburg liest Lenz“-Veranstaltungen zu besuchen. Auch an den bei ARD Sounds neu eingestellten Hörspielen habe ich mich vergeblich versucht. Was allerdings daran liegt, dass ich trotz vielfacher Bemühungen einfach keinen Zugang zu Hörspielen finde. Egal vom wem oder worüber. Ansonsten beschlich mich während der von Christoph Bungartz souverän moderierten, unterhaltsamen und rundherum gelungenen Veranstaltung trotz aller Bemühungen der Beteiligten der Eindruck, als wolle man den Nachkriegserzähler Lenz wenn auch nicht mit Gewalt, so aber doch auf Teufel komm raus und mit pädagogisch anmutendem Nachdruck in die Gegenwart zerren. Ich bin nicht sicher, ob das gelingen konnte. Mich würde auch deshalb der Altersschnitt der Besucherinnen und Besucher der „Hamburg liest Lenz“-Veranstaltungen interessieren. Bei der Matinee am 1. März war dieser jedenfalls recht hoch.

„FAST FORWARD“ in der Hamburgischen Staatsoper

Nachdem ich neulich so begeistert von John Neumeiers „Tod in Venedig“ war, lockte es mich erneut zu einer Ballettaufführung in die Hamburgische Staatsoper. Gegeben wurden vier Stücke aus unterschiedlichen Phasen der Tanzgeschichte des 20. und 21. Jahrhunderts: „Serenade“ von George Balanchine (1935), „Totentanz“ von Marcos Morau (2023), „Annoncation“ von Angelin Preljocaj (1995) und dem Auftragswerk „The Moon in the Ocean“ von Xie Xin (2026). Meine beiden Favoriten waren „Totentanz“ und „The Moon in the Ocean“ und meine Faszination mit dem Tanz als künstlerischer Ausdrucksform insgesamt ist an diesem Abend ein weiteres Stück gewachsen. Ich saß auf einem sehr guten Platz, was in der Staatsoper – ich erwähnte es bereits – einen signifikanten Unterschied macht. Der leider auch im Geldbeutel signifikant spürbar war, denn beim Ticketdeal-Angebot für diese Veranstaltung hatte ich dummerweise nicht rechtzeitig zugeschlagen. Diesen Fehler werde ich nach Möglichkeit nicht wiederholen.

Brad Mehldau und die Hamburger Camerata unter der Leitung von Clark Rundell im Großen Saal der Elbphilharmonie

Als ich das Ticket für das Konzert am 12. März 2026 kaufte, war es mir nicht bewusst gewesen. Als ich dann aber im Großen Saal der Elbphilharmonie Platz nahm, um die beiden Mehldau-Kompositionen „Variations on a Melancholy Theme“ und „Concerto für Klavier und Orchester“ sowie die beiden Zugaben – Improvisationen zu „Variations on a Melancholy Theme“ und „Cry Me a River“ – zu hören, fiel es mir wieder ein: Ich hatte schon einmal an einem 12. März im Großen Saal bei Brad Mehldau gesessen, vor sechs Jahren nämlich; sicher nicht nur mir besonders im Gedächtnis geblieben als das letzte Konzert vor der Coronaschließung.

Dieses Mal trat Mehldau nicht als Teil seines Trios, sondern gewissermaßen als mitausführender Komponist zweier Stücke für Klavier und Orchester auf. Beide haben mir sehr gefallen. Die beiden (Solo-)Zugaben fungierten einerseits als Sahnehäubchen, andererseits hätte sich allein dafür der Eintritt gelohnt.

Ein wenig bedauerte ich, nicht noch weitere Termine des Mini-Festivals „Reflektor Brad Mehldau“ wahrgenommen zu haben. Aber wahrscheinlich wäre mir das zu viel geworden.

Kai Schumacher und Benedict Kloeckner mit „Fratres“ im Kleinen Saal der Elbphilharmonie

Im Kleinen Saal der Elbphilharmonie sah und hörte ich wenige Tage später ein um die Komposition „Fratres“ von Arvo Pärt konzipiertes Programm, in dem sich Schumacher und Kloeckner gemäß Beschreibungstext „auf die Suche nach Arvo Pärts Brüdern (und Schwestern) im Geiste“ begaben.

Neben dem Pärt-Stück wurden unter anderem „Metamorphosis Nr. 2“ von Philip Glass, „The Pleasure at Being the Cause“ von Christopher Cerrones, die Auftragskomposition „Reminiscenza“ von Sophia Jani sowie das Stück „Sayyid Chant And Dance Nr. 9“ von Georges Gurdjieff aufgeführt. Obwohl zum Teil wild unterschiedlich anmutend, waren die Bezüge zu Pärt geschickt gewählt und – zumindest für mich – aus jedem der präsentierten Blickwinkel überzeugend und nachvollziehbar.

Im Stück „Rausch“ von und mit Kai Schumacher hörte ich indes weniger Pärt, dafür aber viel Nils Frahm. Davon wollte Schumacher auf meine Nachfrage hin zwar nichts wissen. Dass beide sich auf ähnliche Wurzeln und Vorbilder berufen, ist allerdings nicht zu leugnen. Abgesehen davon haben mir Idee, Zusammenstellung und Ausführung des Projekts so gut gefallen, dass ich mir die CD kaufte und signieren lies. Das kommt so oft nicht vor.

Symphonieorchester und Chor des Bayerischen Rundfunks unter der Leitung von Sir Simon Rattle im Großen Saal der Elbphilharmonie

Für den Auftritt des BRSO unter Sir Simon Rattle im Großen Saal der Elbphilharmonie hatte ich erheblich tiefer in die Kasse greifen müssen als ich es sonst für Orchesterkonzerte gewöhnlich tue. Natürlich hätte ich auch eine andere als meine Stammpreisklasse wählen können. Aber irgendwas in mir widerstrebte dem und glücklicherweise hatte ich noch einen Gutschein zu verbraten – warum also den nicht in eines der besten Orchester der Welt unter einem meiner Lieblingsdirigenten investieren! Man muss den für die Preisgestaltung verantwortlichen Personen auch zugestehen, dass es für das Hauptwerk des Abends, der Sinfonie Nr. 2 c-Moll („Auferstehung“) von Gustav Mahler, einfach verdammt viel Personal braucht. Neben richtig viel Orchester bedurfte es auch eines Chors, in diesem Fall dem des Bayerischen Rundfunks, sowie eines Soprans (Louise Alder) und eines Alt- beziehungsweise Mezzosoprans (Beth Taylor).

Vorangestellt wurde der Sinfonie „Remember Not Lord Our Offences Z 50“ von Henry Purcell, ein als Vokalstück arrangiertes Kirchenlied, das Rattle nahtlos in das „Nachtlied für gemischten Chor und Orchester op. 108“ von Robert Schumann übergehen lies. Man musste die Zusammenstellung nicht intellektuell verstehen wollen oder den im Programmheft abgedruckten Versuch einer solchen Herleitung nachvollziehen können. Sie funktionierte einfach. Wohl auch deshalb, weil im Programm insgesamt keine Pause vorgesehen war. Schade, dass Teile des Publikums diese Dramaturgie durch Beifallsbekundungen nach dem ersten Sinfoniesatz störten. Zerstören konnte aber auch diese Unterbrechung den Gesamteindruck nicht. Auch der teure Platz zahlte sich aus: Nicht nur ist das BRSO tatsächlich mindestens eine Klasse besser als die örtlichen Ensembles, von meinem Platz seitlich der Bühne in 13 F konnte man auch Mimik und Körpersprache des Dirigenten ganz wunderbar beobachten. Ich lege mich fest: Niemand dirigiert so schön mit den Augenbrauen wie Sir Simon! Auch der Chor und die beiden Solistinnen beeindruckten (mich vor allem Beth Taylor). Ein phantastischer Abend und im Nebeneffekt eine perfekte Ergänzung zu meiner Teilbegegnung mit der Auferstehungssinfonie in Christoph Marthalers „Die Unruhenden“ im vergangenen Januar.

Wer nachhören und -empfinden will: Eine Aufzeichnung des Konzerts ist bis zum 21. September 2027 in der Elbphilharmonie-Mediathek verfügbar. Darin auch enthalten: Die Verabschiedung des Trompeters Hannes Läubin, der fünfzig Jahre zuvor beim NDR Sinfonieorchester seine Karriere als professioneller Orchestermusiker begonnen hatte und an diesem Abend in den Reihen des BRSO sein letztes Konzert als ebensolcher bestritt.

Ein schönes Erlebnis jenseits der Kameras möchte ich ebenfalls nicht unerwähnt lassen: Da an diesem Tag ein U-Bahn-Streik sehr ungünstig mit Bauarbeiten auf „meiner“ S-Bahn-Strecke kollidierte und sich herausstellte, dass auch mein 85jähriger Sitznachbar davon betroffen war, taten wir uns kurz entschlossen zusammen und teilten uns für den Heimweg ein Taxi. Wir lernten dabei sogar einen klassikaffinen Taxifahrer kennen. Das war richtig nett.

Jochen Malmsheimer: „Wenn Worte reden könnten oder: 14 Tage im Leben einer Stunde“ in Alma Hoppes Lustspielhaus

Nicht ganz so begeistert war ich von Jochen Malmsheimers Auftritt in Alma Hoppes Lustspielhaus ein paar Tage später. Nicht nur Texte wie „Omma“ wirken doch mittlerweile etwas (haha) angegraut.

Nummern wie „Bahnhof basteln“, „Der mit dem Hund tanzt“, „Wenn Worte reden könnten“ und die Beschreibung einer Fete in den 80ern (Stichwort Partykeller, zu wenig Bier, Lambrusco und Nudelsalat) haben ebenfalls schon einige Jahre auf dem Buckel. Malmsheimer griff tief ins Archiv und schien auch nicht auf der Suche nach jüngerem Publikum zu sein. Ich hingegen hatte auch auf neue Texte gehofft und wurde daher enttäuscht. Schade.

Januar

Ich habe beschlossen: Auch im mittlerweile nicht mehr ganz so neuen Jahr wird es vorerst beim monatlichen Blogrhythmus bleiben. Der hat sich in den letzten Monaten bewährt.

Der Januar, ein normalerweise gefühlt ewig langer Monat, ist irgendwie ganz schön schnell vorbei gewesen. Was den Besuch von Musik- und Kulturevents angeht, habe ich es aber vergleichsweise langsam angehen lassen. Man muss ja nicht gleich in den ersten vier Wochen des Jahres sein ganzes Pulver für den restlichen Winter verschießen. Der ja noch dauern wird: Sechs weitere Wochen hat uns Punxsutawney Phil am Murmeltiertag vorhergesagt.

Olivia Trummer in der Klangmanufaktur

Der erste Konzertbesuch des neuen Jahres führte mich in die Klangmanufaktur. Die Reihe „Kohärenzen“ funktioniert ein bisschen so wie die „Blind Dates“ in der Elbphilharmonie. Man weiß also vorher nicht, was man bekommt. Bisher hatte ich dort ausschließlich Klassik gehört; mit dem Auftritt von Olivia Trummer erlebte ich nun meinen ersten Jazz-Abend in der Werkstatt. Wobei sich auch zu dieser Gelegenheit die Klassik einschlich, vor allem in Gestalt von Johann Sebastian Bach. Das kann gutgehen, muss aber nicht. Hier ging es richtig gut: Eine derart ausgefeilte Fusion von Bachstücken mit Jazzklängen ist mir noch nicht untergekommen. Eine nicht unwesentliche Rolle mag dabei gespielt haben, dass Frau Trummer den Bach wohl auch pur überzeugend hätte vortragen können.

Eines der allerschönsten Stücke der Setlist war jedoch das Cover von Stings „Fragile“.

„Tod in Venedig“ von John Neumeier in der Staatsoper

Im Ballett bin ich ewig nicht gewesen (wenn man den Adventskalender im Foyer der Staatsoper nicht mitzählt). Nun gibt es aber neuerdings statt der einzelnen Newsletter für Ballett, Staatsorchester und Oper einen Staatsoper-Gesamtnewsletter, über diesen Gesamtnewsletter werden Tickets ausgewählter Vorstellungen zum halben Preis angeboten – „Ticketdeal“ nennt sich das – und unter den angebotenen Veranstaltungen war auch die Wiederaufnahme von John Neumeiers „Tod in Venedig“.

In meinem Fall ist die Rechnung der „Ticketdeal“-Erfinderinnen und -Erfinder voll aufgegangen: Das war der perfekte Köder; ich werde künftig öfter ins Ballett gehen müssen. Allerdings ist der „Tod in Venedig“ aber auch wirklich ein phantastisches Stück. Ich habe außerdem genossen, mal nicht ständig darüber rätseln zu müssen, was uns der Künstler mit der Inszenierung sagen will: Jeder, dem die Story der Thomas Mann-Novelle in groben Zügen bekannt ist und der bei der Einführung aufgepasst hatte, konnte der Umsetzung in die Ballettform problemlos folgen. Stattdessen konnte ich mich entspannt auf Feinheiten und Ausführung konzentrieren, vor allem auf die beeindruckenden (um nicht zu sagen: bewegenden) Performances von Edvin Revazov als Gustav Aschenbach und Caspar Sasse als Tadzio.

„Insight Cello“ bei Geigenbau Schellong Osann (Elbphilharmonie)

Auch ich finde ja immer noch Perlen im Elbphilharmonie-Programm, die sich erst auf den zweiten oder dritten Blick erschließen. Zum Beispiel die „Insight“-Reihe, die sich jeweils auf ein Instrument konzentriert und dort stattfindet, wo mit diesem Instrument gearbeitet wird. Bei „Insight Cello“ war dies Showroom und Werkstatt von Geigenbau Schellong Osann am Kaiserkai, unweit des Konzerthauses selbst.

Bei Geigenbau Schellong Osann am Kaiserkai
Bei Geigenbau Schellong Osann am Kaiserkai

Auf der winzig kleinen Bühne saßen „Rising Star“ Valerie Fritz (Violoncello), Goran Stevanovich (Akkordeon), Hausherr Nikolaus Osann und Moderatorin Anne Kussmaul. Während Cellistin und Akkordeonist sich versiert im Beantworten der Fragen und der eigenen Präsentation zeigten, blieb Nikolaus Osann zunächst einsilbig, um dann im Laufe der Veranstaltung sichtlich aufzutauen und mehr und mehr aus dem Nähkästchen zu plaudern. Davon hätte ich sehr gerne noch sehr viel mehr gehört. In der Kürze der Zeit lernte ich unter anderem immerhin, wieviel ein guter Bogen ausmacht und dass man die drei Millionen Euro eben doch hört, die das von Valerie Fritz gespielte Instrument, angefertigt anno 1744 in der Werkstatt von Giovanni Battista Guadagnini, nach Schätzung von Herrn Osann wohl ungefähr wert ist.

Leider sind die „Insight“-Termine meist schnell ausgebucht – nicht nur sind die Kapazitäten teils sehr begrenzt, die Tickets sind auch vergleichsweise günstig. Trotzdem, es lohnt sich, ein Auge darauf zu haben.

„ARENDT. DENKEN IN FINSTEREN ZEITEN“ im Thalia Theater

„Mehr Theater“ hatte ich mir unter anderem fürs neue Jahr vorgenommen und diesen Vorsatz gleich noch im alten Jahr mit einem Kauf einer Karte für „ARENDT. DENKEN IN FINSTEREN ZEITEN“ mit Corinna Harfouch in der Titelrolle ausgeführt. Seit der Vorstellung hatte ich ausgiebig Zeit, über das Gesehene und Gehörte nachzudenken. Fakt ist nämlich, dass mir das Stück nicht besonders gefallen hat. Ich weiß aber nicht genau, warum. Bis heute nicht. Auch das Lesen der teils wohlwollenden, teils vernichtenden Kritiken hat mir nicht dabei helfen können. Falls mir zu einem späteren Zeitpunkt noch etwas dazu einfallen sollte, reiche ich es nach.

Brandee Younger Trio in der Elbphilharmonie

So richtig konnte ich mir die Harfe vor dem Konzert des Brandee Younger Trio im Großen Saal der Elbphilharmonie nicht als Jazzinstrument vorstellen.

Das gelingt mir nun nach dem Konzert erheblich besser. Nur eines hat mich gestört: Brandee Younger hat kaum eine Pause zugelassen und nahezu jede Lücke ihrer Parts mit Arpeggios gefüllt. Weniger wäre an manchen Stellen in meinen Augen (und Ohren) mehr gewesen. Aber das ist wahrscheinlich auch Geschmackssache.

„Die Unruhenden“ von Christoph Marthaler in der opera stabile (Staatsoper)

Eine Premiere, eine Premiere! Mein erstes Mal in der opera stabile. Und dann gleich ein Marthaler! Der Abend stand indes noch bis ungefähr eine halbe Stunde nach dem eigentlichen Vorstellungsbeginn auf der Kippe, weil eine der Hauptdarstellerinnen mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen hatte. Die rund 110 Zuschauerinnen und Zuschauer harrten dennoch unbeirrt aus. Mit Johannes Harneit betätigte sich der musikalische Leiter höchstselbst als Pausenfüller und studierte mit dem Publikum im Schnellverfahren den Anfang des Schlusschors der Auferstehungssinfonie von Gustav Mahler ein: „Auferstehen, ja auferstehen wirst du, mein Staub, nach kurzer Ruh!“. Zeilen, die uns in dem Stück „Die Unruhenden“, das mit einer Verspätung von circa 45 Minuten schließlich doch noch gestartet werden konnte, mehrfach wiederbegegnen sollten.

Mir war aufgefallen, wie sehr in der Einführung – noch eine Premiere: im Chorsaal der Staatsoper! – die Wichtigkeit des Überwindens von Hörerwartungen und -gewohnheiten gerade im Zusammenhang mit Mahler betont worden war. Dabei hätten eventuell enttäuschte Zuhörende schlicht auf den Untertitel achten müssen: „Ein Abend in Zimmerlautstärke“. Oder auch weniger als das: Man musste zeitweise schon ziemlich die Ohren spitzen, um das minimal besetzte Fernorchester überhaupt hören zu können. Den drei oder vier Flüchtenden unterstelle ich aber eher eine Marthaler-Inkompatibilität und ich gebe zu, selbst mir als Fan ist das Stück ein bisschen arg lang vorgekommen. Dabei werden aber auch die speziellen Umstände eine Rolle gespielt haben. Wir saßen da immerhin rund drei Stunden an einem kleinen, mittelgut belüfteten Ort auf mittelbequemen Stühlen und das Dargebotene erforderte eine Konzentration, die zu späterer Stunde vielleicht nicht mehr jede und jeder hat aufbringen können. Hilfreich wäre auch das Studium des Programmhefts vor der Vorstellung gewesen. In diesem erfährt man nämlich unter anderem, dass „Die Unruhenden“ nicht als Abend über Gustav Mahler, sondern als Abend mit der Musik von Gustav Mahler konzipiert ist. Ein himmelweiter Unterschied.

Apropos Programmheft: In dem hat mich das Kapitel „Statt Handlung“ beziehungsweise eben diese Überschrift irritiert. Weil ich nämlich eine Handlung erkannt zu haben glaube. Vielleicht habe ich aber bloß erkannt, was ich erkennen wollte? Knifflig. Aber die gute Sorte knifflig.

„Die Unruhenden“ ist übrigens als Auftakt einer Reihe über die sogenannten eigenschöpferischen Intendanten und Generalmusikdirektoren der Hamburgischen Staatsoper gedacht, die den 350. Geburtstag des Hauses im Jahr 2028 vorbereiten sollen. Ich bin gespannt auf die weiteren Teile.

Frühjahrsmüder Zwischenbericht

Hier ist schon wieder Rückstau und noch immer Sand im Getriebe. Ich diagnostiziere eine hartnäckig andauernde Störung im Betriebsablauf. Gegenmaßnahmen wurden ergriffen, zünden aber bisher nicht so recht. Und Geduld, vor allem die mit mir selbst, ist dummerweise nicht meine Stärke.

Derweil sind drei Konzertereignisse aus März und April nachzutragen.

März

Das vorletzte „Blind Date“ der Saison war wieder nur ein halbes: Das von mir hoch geschätzte vision string quartet hatte sich mit dem US-amerikanischen Komponisten (auch von Kammer- und Orchestermusik) und Singer-Songwriter Gabriel Kahane zusammengetan.

Gemeinsam gespielte Stücke wechselten sich mit Einzeldarbietungen ab, wobei das vision string quartet drei der vier Sätze des Streichquartetts F-Dur op. 35 von Maurice Ravel im Gesamtprogramm verteilte und außerdem den eigenen Titel „Copenhagen“ beisteuerte.

Ich bin gespannt, ob aus dieser dem Vernehmen nach recht spontan anberaumten Kollaboration Weiteres erwächst! Schön wäre es.

April

Weitgehend unüberzeugt vom letzten Auftritt von Teodor Currentzis und Utopia im Großen Saal der Elbphilharmonie zeigte sich Joachim Mischke im Hamburger Abendblatt und vermisste Dezenz, Empathie und Fingerspitzengefühl bei Currentzis‘ Interpretationen. Da gehe ich dieses Mal tatsächlich mit. „Überfrachtung“ ist das passenste Wort, welches mir zur Umschreibung des Gehörten eingefallen ist. Grundsätzlich nicht schlecht fand ich dagegen das räumliche Einbeziehen der beiden Solisten Alexandre Kantorow (beim Konzert für Klavier und Orchester Nr. 2 B-Dur op. 83) von Johannes Brahms und Regula Mühlemann (bei der Sinfonie Nr. 4 G-Dur für großes Orchester und Sopran von Gustav Mahler). Beide saßen beziehungsweise standen nämlich nicht vor dem, sondern im Orchester. Ob das den Werken oder den Solisten zu- oder abträglich war, sei zwar dahingestellt. Ich habe die Vorgehensweise aber anders als Mischke nicht als Instrument der Machtausübung des Dirigenten wahrgenommen („… vielleicht aber auch eine autoritäre Geste, die zeigen sollte, wer das Sagen hat.“, „Auch sie wurde allerdings direkt vor Currentis‘ Zentralgestirn-Position beordert.“). Von solcherlei Faktoren gänzlich unbeeinflusst hörten wir als Solisten-Zugaben nochmals Brahms (Intermezzo Es-Dur op. 117/1) sowie Morgen! op. 27/4 von Richard Strauss. Und ich habe trotzdem beim Vorverkaufsstart für die neue Saison gestern wieder eine Karte erstanden für Currentzis und Utopia: Im November gibt es den „Ring ohne Worte“. Kann gut gehen, muss aber nicht – dabei sein möchte ich jedenfalls.

Den anschließenden Abend mit Ibrahim Maalouf hatte ich mir beschaulicher vorgestellt. Der wollte aber zusammen mit den „Trumpets of Michel-Ange“ und dem Elphi-Publikum eine Hochzeit feiern, entsprechende Animation als Bandleader und ausuferndes Storytelling inklusive.

Das biss sich zwar derbe mit meiner Tagesform, aber gewirkt hat es durchaus. Was für eine Stimmung – was für eine Rampensau! Und wie geschickt er die Werbung für sein Instrument, die T.O.M.A., in das Programm eingebaut hat! Schön fand ich auch die Wertschätzung gegenüber den Mitmusikern. Nicht nur der auch musikalisch oftmals herausgestellte Saxophonist war ja auch wirklich sensationell. Ich vermisste bei all dem Trubel allerdings den Trompeter Ibrahim Maalouf. Aber auch dafür bietet das Programm der neuen Elbphilharmonie-Saison eine zweite Chance: Bei „Kalthoum“ Ende Dezember werden es nur Maalouf und (ein? das?) Jazz Quartet sein.

Apropos Vorverkaufsstart: Ich habe wenig warten müssen und alles bekommen, was ich haben wollte. Entweder haben weniger Menschen Karten gekauft oder die Elbphilharmonie hat den Vorverkaufs-Ansturm tatsächlich in den Griff gekriegt.

Jahresendspurt

Wie, schon der 21. Dezember?! Da werde ich doch noch ein weiteres Mal in den Schnelldurchlauf-Modus umschalten müssen. Bevor der Jahreswechsel mich kalt erwischt.

Ende Oktober war ich bei Kruder & Dorfmeister im Großen Saal der Elbphilharmonie. In den 90ern, als die beiden Wiener ihre große Zeit hatten, hat mich zwar ganz andere Musik interessiert. Es war aber nicht mein erstes K&D-Livekonzert. Ich wusste also in etwa, was mich auf und vor der Bühne erwarten würde. „‚The K&D Sessions‘ live“ war trotzdem anders: Das gesamte Album aus dem Jahr 1998 wurde nämlich tatsächlich live gespielt, mit einer richtigen Band. Das war auch richtig klasse, einigen im Publikum jedoch nicht laut genug. Zum Zuhören waren die nicht gekommen. Überrascht hat mich das nicht.

Die Ohren spitzen musste man unbedingt bei Jay Schwartzs „Passacaglia – Music for Orchestra IX“, dem ersten Stück des Konzerts von Teodor Currentzis und Utopia am gleichen Ort ein paar Tage später. Dem Programmheft entnahm ich, dass das Werk auf dem Lied „Du bist die Ruh“ von Franz Schubert basiert. Ein in dem Text verarbeitetes Zitat bezeichnet Schwartz zudem als „Schubert unserer Zeit“. Gehört habe ich davon nichts. Es ist meine zweite Begegnung mit Schwartzs Werken und ich gestehe, ich fange nicht viel damit an. Da ist Mahlers fünfte Sinfonie, der zweite Programmpunkt des Abends, doch wesentlich zugänglicher. Deren vierter Satz, das Adagietto, ist einem breiteren Publikum durch die Visconti-Verfilmung der Thomas Mann-Novelle „Der Tod in Venedig“ bekannt geworden. Mein Lieblings-Satz ist es nicht – ich finde, der klingt irgendwie, ich weiß nicht, verwaschen? Abgesehen davon fehlte mir beim Zuhören die Ruhe, denn zum ersten Mal seit langer Zeit hatte ich mich hinsichtlich gewisser Bedürfnisse gewaltig im Timing verschätzt. Ich schaffte es gerade noch zum Ende des fulminanten fünften Satzes, um dann beim ersten Applaus zum Ausgang zu sprinten. Pro-Tipp: Sitzt man in 13 I, ist das nächste stille Örtchen nicht in der 13. Etage, sondern die hintere Treppe hoch in der 15. Etage. Mit Dank an die freundliche Platzanweiserin, die meine Not mit einem Blick erkannte und mir den kürzeren Weg wies. Zur Bach-Zugabe „Jesus bleibet meine Freude“, gespielt und gesungen (!) vom Orchester (sehr schön!), war ich dann auch schon wieder im Saal.

Anfang November zog es mich zur Aufzeichnung einer „eat.READ.sleep“-Sonderfolge mit Daniel Kaiser und Katharina Mahrenholz im Rahmen des 17. Hamburger Krimifestivals auf Kampnagel. Das war mein drittes „eat.READ.sleep“-Live-Event und obwohl es beim Krimi-Spezial zu der ein oder anderen Holprigkeit kam (so zum Beispiel zu sich wiederholenden Fragen bei den Rätseln): Diese Veranstaltungen sind absolut empfehlenswert! Macht einfach Laune. Besonders habe ich den Fitzek-Verriss genossen. „Das Kalendermädchen“ erzielte hohe Werte auf der Rossmann-Skala. Ich hab da vielleicht nicht richtig aufgepasst, ist die eigentlich nach oben offen? Sollte sie wahrscheinlich besser sein. „Glückskekse und Abgründe“ kann man hier nachhören.

Tags darauf folgte eine Neuentdeckung (Mit freundlicher Unterstützung! Nochmals vielen Dank dafür!): die Klangmanufaktur in Borgfelde und deren Werkstattkonzertreihe „Kohärenzen“. Die Klangmanufaktur ist in erster Linie ist eine Werkstatt, in der Konzert­flügel von Steinway & Sons generalüberholt werden.

Sie bietet aber auch Flügel zur Miete, Proberäume und Seminare für Konzerttechnik an. Und eben Werkstattkonzerte. Da sitzt man sehr exklusiv buchstäblich mitten in der Klavierwerkstatt. Ein magischer Ort! Es wird aber keinesfalls nur Klaviermusik gegeben: An fraglichen Abend sahen und hörten wir eine Violin-Klasse von Professor Christoph Schickedanz und Niklas Liepe mit Flügelbegleitung (ein D-Flügel Baujahr 1971, Schwarz + Mahagoni seidenmatt geölt – sogar noch zu haben! Für 145.000 Euro!). Aufgeführt wurden Werke von Claude Debussy, George Antoine, Joseph Jongen und Karol Szymanowski. Das war phantastisch, da bin ich bestimmt jetzt öfters. Wer Karten für die „Kohärenzen“ haben möchte, muss sich allerdings jeweils sehr zeitig darum bemühen. Auch die Warteliste ist schnell ausgebucht. Der Eintritt ist kostenlos. Um Spenden wird gebeten und zwar ganz klassisch mittels eines Hutes, der nach dem Konzert herumgereicht wird.

Ende November war es dann endlich Zeit für die Rocket Men mit „Lost in Space“ im Planetarium Hamburg. A match made in heaven! Ich habe die Laser ein bisschen vermisst, aber wahrscheinlich war die Entscheidung richtig, sich zugunsten der Musik und der Künstler auf Visuals zu beschränken. Sehr gerne wieder so.

Anfang Dezember war ich spontan beim Kaiser Quartett im NACHASYL. Das ging schon gar nicht anders, denn auch das Konzert war recht spontan anberaumt worden. Das Kaiser Quartett wollte nämlich sein neues Mitglied präsentieren: Statt Adam Zolynski ist künftig Amanda Bailey an der Violine dabei. Da müsste übrigens nicht nur die offizielle Webseite des Quartetts dringend aktualisiert werden, auch der alte Spruch „4 Kings 1 Kaiser“ passt ja nun nicht mehr! Jedenfalls, Amanda Bailey spielte nicht nur, als gehörte sie schon immer dazu, sie sang auch, zum Beispiel den Song „Empire“. Eine sehr schöne Weiterentwicklung, ich bin Fan! Das neu formierte Ensemble hatte aber noch ein weiteres Ass im Ärmel: Mitten im Konzert trat Anna Depenbusch mit „Eisvogelfrau“ und „Alles auf Null“ auf die Bühne.

Dieser Coup hatte einen besonderen Hintergrund: Nächstes Jahr gehen alle fünf nämlich zusammen auf Tournee. Für das Konzert am 17. Juni 2025 in der Elbphilharmonie hatte ich bereits gleich bei Ankündigung eine Karte erstanden, denn das wird mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit sehr, sehr großartig.

Das „Blind Date“ Mitte Dezember habe ich leider verpasst. So schnell wäre der ICE auch ohne medizinischen Notfall in Düsseldorf nicht gewesen, um mich von der Masterverleihung im Rheinland rechtzeitig nach Hamburg zurückzubefördern. Bedauerlicherweise bin ich die Karte im Vorfeld nicht mehr losgeworden. Das ist mir völlig unverständlich – „Blind Dates“ sind fast immer ausverkauft und fast immer super, da geht man doch hin, wenn man die Gelegenheit hat! Aber das „Orchesterkaraoke“ mit den Jungen Symphonikern Hamburg auf Kampnagel habe ich noch erwischt. Irgendwie ist mir da die Ankündigung durchgegangen (Wie? Warum?!), es wurde schon schwierig, noch einen guten Platz zu ergattern. Ich kann nur von der zweiten Show um 20:30 Uhr berichten, aber behaupte einfach mal: Das war ein sehr guter Jahrgang! Ich war besonders von dem Herrn angetan, der „Hallelujah“ von Leonard Cohen vortrug. Wow. Einen Abzug in der B-Note gebe ich dem Repertoire. Da darf gerne mal das ein oder andere ausgetauscht werden, vor allem in Teilen sehr schwer (mit-)singbare Stücke wie „Bad Guy“ von Billie Eilish und „Texas hold ‚em“ von Beyoncé.

Arbeitsplatz von Jan Wulf, der "lebenden Karaokemaschine"
Arbeitsplatz von Jan Wulf, der „lebenden Karaokemaschine“

Aber das ist Meckern auf hohem Niveau. Grundsätzlich ist Orchesterkaraoke ein ganz großer Spaß und verlässlich dazu geeignet, die Stimmung zu heben.

Ich schließe den Schnelldurchlauf mit einem weihnachtlichen Konzertabend im Kleinen Saal der Elbphilharmonie ab: Unter der Überschrift „Nordic Christmas“ präsentierten Helene Blum (Gesang, Violine) und Harald Haugaard (Violine) mit Lena Jonsson (Violine), Kristine Elise Pedersen (Cello), Mattias Pérez (Gitarre) und Sune Rahbek (Schlagzeug) alte und moderne weihnachtliche Folkmusik aus dem Norden. Der Herkunft der überwiegenden Anzahl der oben genannten Künstlerinnen und Künstler geschuldet mit ausgewiesen dänischem Schwerpunkt. Musikalisch war das zwar top, aber von der Präsentation her mehr als nur ein bisschen drüber. Dazu passte auch das Programmblättchen: „Die Welt braucht Hoffnung. Hoffnung treibt alles an. Musik ist Hoffnung. Weihnachten ist Hoffnung. Gemeinschaft ist Hoffnung. Sich um das Licht und die Musik im Konzertsaal zu versammeln, während sich die Dunkelheit der Winternacht über das Land legt, zeigt uns, dass wir nicht allein sind und dass wir Hoffnung wollen.“. Naja. War schön, wird aber wohl keine regelmäßige Einrichtung. Was es theoretisch werden könnte, denn „Nordic Christmas“ ist eine Reihe, die im kommenden Jahr bereits in die 19. Auflage geht. Mit dem 18. Dezember 2025 steht der nächste Termin in der Elphi schon fest.

So! Jetzt kommen voraussichtlich noch zwei Nachträge und dann ist mein Konzert- und Kulturjahr 2024 Geschichte. Ob ich künftig wieder schaffen werde, regelmäßig und zeitnah darüber zu berichten?

Jahresendspurt

Ich habe Max Cooper vergessen! Schlimm! Das war schon am 11. November, im Kleinen Saal der Elbphilharmonie, und mehr Bild als Ton. Damit hatte ich nicht unbedingt gerechnet.

Nicht mein Lieblingsgenre, aber unbestritten beeindruckend. Mit dem Sound der Elphi noch einmal mehr. Nur in den ersten Reihen hätte ich da nicht sitzen mögen. Klassisches Kinophänomen. Ich weiß schon, warum die Reihe 7 mit der größeren Beinfreiheit und der besseren Übersicht meine Lieblingsposition im Kleinen Saal ist. Allerdings auch nicht immer, es hat Gelegenheiten gegeben, wo ich mir einen kleineren Abstand zur Bühne gewünscht hätte. Beziehungsweise wo ich diesen bewusst gesucht habe. Die nächste solche Gelegenheit bietet sich Ende Januar: ein Kammerkonzert des NDR Elbphilharmonie Orchesters, aber nicht irgendeines, sondern moderiert von Daniel Kaiser und Jan Ehlert von eat.READ.sleep und unter dem Titel „Der Klang der Bücher“. Bei so etwas interessiert mich auch Mimik und Gestik. Hauptsächlich der Moderatoren.

Was gab es noch im November? Das Jahresabschlusskonzert des Tingvall Trio in der FABRIK zum Beispiel. Ausverkauft, aber nicht überfüllt und größenteils bestuhlt – dem Altersschnitt des Publikums wurde Rechnung getragen (ich beschwere mich nicht). Von den Stücken aus dem neuen Album „Birds“ gefielen mir „Woodpecker“, „Humming Bird“ und „Nighttime“ am besten.

Nur anhören kann ich mir das Album nicht. Mich stört nämlich die neuerdings im Hintergrund hörbare Stimme extrem. Das macht aber nichts, live ist sowieso nicht zu toppen und ich bin meistens da, wenn Martin Tingvall, Omar Rodriguez Calvo und Jürgen Spiegel in Hamburg spielen.

Was mich zum Dezember bringt. Da musste es noch einmal das SWR Symphonieorchester unter der Leitung von Teodor Currentzis sein. Ich kaufe für diese Kombination zwar reflexartig Karten, werde aber dennoch vorsichtig beziehungsweise wenigstens hellhörig, wenn Konzerte unter dem Label „Elbphilharmonie für Kenner“ einsortiert sind. Das bedeutet meistens 20. Jahrhundert und/oder zeitgenössisch = anstrengend. Kann gutgehen, muss aber nicht. Ich mache es kurz: Es ging gut, spektakulär gut sogar. Der Plot: Das Adagio aus Mahlers unvollendeter Zehnter und vier davon inspirierte zeitgenössische Kompositionen von Alexey Retinsky („La commedia“), Philippe Manoury („Rémanences-Palimpseste“), Mark Andre („Echographie 4“) und Jay Schwartz („Theta“). Für die volle Länge von „Theta“ hat die Konzentration vieler Zuhörer nicht mehr ganz gereicht – rund 1 Stunde und 45 Minuten ohne Pause, das ist auch für versierteres Klassikpublikum hart an der Grenze. Ein bisschen peinlich, da der Komponist höchstpersönlich im Publikum saß. Andererseits hätte das Gesamtkunstwerk ohne die übergangslose Darbietung viel von seiner Wirkung eingebüsst. Etwas unglücklich lief es für die „Nach(t)musik“, da wäre eine klarere Ansage von Teodor Currentzis hilfreich gewesen. Es mag ihm nicht bewusst sein, dass die Tradition des SWR SO sich in Hamburg noch nicht überall herumgesprochen hat. Alban Bergs „Lyrische Suite für Streichquartett“ von 1919 sahen und hörten daher nur noch vergleichsweise wenige Menschen, von denen bedauerlicherweise nicht alle die Höflichkeit besaßen, bis zum Ende des Stücks auf ihren Plätzen zu bleiben. Das fiel nach der Vorlage aber auch mir nicht mehr leicht. Unabhängig davon werde ich diese besonderen Konzertereignisse sehr vermissen und freue mich schon jetzt auf Benjamin Brittens „War Requiem“ im Juni nächsten Jahres.

Die neue Normalität

Ich war wieder da. In der Elbphilharmonie. Dreimal sogar schon inzwischen.

Zuerst beim Harbour Front Literaturfestival am 12. September 2020, auf den Tag genau sechs Monate nach dem letzten regulären Konzert im Großen Saal vor der coronabedingten Schließung. Vorgestellt wurde Literatur aus Luxemburg. Ich gestehe, ich war ungefähr zu gleichen Teilen wegen Saša Stansišić (Moderation) und  Pascal Schumacher (musikalische Untermalung – neues Album!) dort.

Die Texte von Elise Schmit und Nora Wagener haben mir dann aber auch gut gefallen.

Der Saal soll nominell ausverkauft gewesen sein, was nach den derzeitigen Regeln 620 zu besetzende Plätze bedeutet. Die waren allerdings bei weitem nicht gefüllt. Schade.

Bei den Philharmonikern (am 28. September) bot sich ein anderes Bild. Der reguläre Spielbetrieb soll erst ab Januar wieder starten. Als Abonnentin profitierte ich jedoch von einem Vorbestellrecht für diverse Ersatzvorstellungen mit geändertem Programm. Anders wäre ich wohl auch nicht in das alternative 1. Philharmonische Konzert gekommen. Nicht zwingend der Nachfrage, sondern der Saalplanproblematik wegen. Den Hindemith fand ich toll, den Schubert großartig. Nur mit Mahlers „Liedern eines fahrenden Gesellen“ fremdelte ich. Kunstlieder sind generell nicht so meins (abgesehen von der „Winterreise“).

Es ist ja nicht alles schlecht an der neuen Normalität. Das in reduzierter Besetzung auftretende Orchester ist rund um den Dirigenten platziert (was den Sitzen hinter der Bühne eine völlig neue Qualität verleiht), es stehen mehr Konzerttermine zur Auswahl, weniger Zuschauer produzieren weniger Störgeräusche, kein Gedränge auf den halsbrecherisch konstruierten Treppen beim Verlassen des Konzertsaals, der Foyers und des Gebäudes und nicht zuletzt bekommt man Werke und Besetzungsvarianten zu hören, die unter regulären Umständen hinter monumentaleren Stücken und Versionen zurückbleiben. Und was die Chancen für „Kultur-Singles“ betrifft: Die bessern sich ab November. Laut einer Meldung des Hamburger Abendblatts in der Ausgabe vom 26./27. September 2020 hat die Elbphilharmonie den Corona-Saalplan überarbeitet. Der verstärkten Nachfrage nach Einzelplätzen wegen.

Ich schaffte es dennoch schon in das erste „Blind Date“ der Saison am 2. Oktober – mirakulöserweise standen beim Buchungsversuch plötzlich doch ein paar Einzelplätze im Kleinen Saal zur Verfügung. „Spark – die klassische Band“ nannte sich das aufspielende Ensemble, bestehend aus Cello, Geige/Bratsche, Blockflöte, Harmonika und Klavier. Je bearbeiteter und „eigener“, desto besser gefielen mir die Stücke des Programms „On the Dancefloor“. Mein Favorit: der Chambertechno gleichen Namens.

Es gab ein paar Momente, in denen mir der Gedanke „Uhhhh – zu viel, zu dick aufgetragen – weniger ist mehr!“ durch den Kopf schoss. Bezogen sowohl auf die Arrangements als auch auf die Präsentation. Das fällt allerdings unter Meckern auf hohem Niveau.

Heißer Tipp für den Besuch des Kleinen Saals bei reduzierter Auslastung: eine Bekleidungsschicht mehr einplanen. Die Klimatechnik ist offenbar noch auf „voll besetzt“ ausgerichtet.

Allein, so geht es letztlich allen. Es renkt sich so zurecht, man tastet sich vorwärts, Schritt für Schritt, Tag für Tag, die aktuellen Entwicklungen immer im Blick. Jedenfalls habe ich mich zu jedem Zeitpunkt sicher gefühlt in der Elphi. Und war sehr froh, endlich wieder dort sein zu dürfen.

The Show must go online (10)

Hatte ich eigentlich erwähnt, dass die „Harry Potter“-Vorstellung in London, für die ich eine Karte hatte, inzwischen abgesagt wurden? Nein? Immerhin war das Geld in Rekordzeit zurück auf meinem Kreditkartenkonto. Den Hauptteil davon habe ich eh längst in die britische Theaterlandschaft reinvestiert – passt also. Mit den Philharmonikern bin ich ebenfalls quitt – das war vorbildlich! -, aber auf die Erstattungen der Elbphilharmonie warte ich noch immer und von Ticketmaster fange ich besser gar nicht erst an.

Indes fordert die anhaltende Veranstaltungsmisere die ersten Opfer in Hamburg: Die Theaterkasse Schumacher, älteste Vorverkaufsstelle der Hansestadt, wird im 117. Jahr ihres Bestehens das „Geschäftsfeld ‚Vermittlung und Verkauf von Eintrittskarten‘ ab dem 30. Juni 2020 weitestgehend einstellen.“

Aber es gibt auch hoffnungsfrohe Nachrichten. Die Initiatoren von „Keiner kommt – alle machen mit“ legen nach: „Eine(r) kommt, alle machen mit“ soll „ein Ständchen für die Helfer*innen werden“ und kommt am 18. Juni 2020 als Streaming-Live-Show aus der Elbphilharmonie, zu sehen unter anderem beim Stern, der Mopo und auf hamburg.de.

Die Hamburger Symphoniker haben sich derweil Gustav Mahlers „Lied von der Erde“ vorgenommen und präsentieren unter dem Titel „Die liebe Erde allüberall“ zwischen dem 20. und 28. Juni 2020 an sechs Abenden auf www.symphonikerhamburg.de musikalische Collagen live aus der Laeiszhalle, flankiert von philosophisch-poetischen Kommentaren, Videokunst und einer durch künstliche Intelligenz geschaffenen Bildwelt. Am letzten Abend wird „Das Lied von der Erde“ selbst aufgeführt – coronagerecht von 16 Musikern in der Kammerorchesterfassung von Schönberg/Riehn. Zu den musikalischen Gästen zählen unter anderem Martha Argerich und Andrei Ioniță.

Auch für den Fall, dass der eine oder die andere genervt mit den Augen rollt, aber ich muss an dieser Stelle noch ein weiteres Mal die Werbetrommel für National Theater at home rühren. Vorgestern wurden die vorerst letzten fünf Termine angekündigt, darunter auch „A Midsummer Night’s Dream“ in einer Produktion des Bridge Theatre mit Gwendoline Christie als Titania. Ich hatte letztes Jahr bereits im Rahmen der Reihe „English Theatre“ im Savoy das Vergnügen und kann die Inszenierung daher aus voller Überzeugung empfehlen. Wer sich von euch für (englisches) Theater, Shakespeare im Allgemeinen, den „Sommernachtstraum“ im Speziellen oder Gwendoline Christie interessiert (Mehrfachnennungen möglich): unbedingt anschauen! Wer sich in dieser Auflistung nicht wiedergefunden haben sollte, aber einigermaßen der englischen Sprache mächtig ist: Guckt einfach mal rein und ihr versteht vielleicht, warum ich von dem Thema nicht lassen kann. Die Premiere ist am 25. Juni 2020 um 20.00 Uhr (MESZ) und der Stream danach noch für eine Woche auf dem YouTube-Kanal des National Theatre abrufbar.

Aus Folge 9 dieser Serie möchte ich noch nachtragen, dass Mark Haddon das Reh (den Hirsch?) in seiner Graphic Short Story „Social Distance“ definitiv nicht als Patronus gedacht hat. Das war meine Phantasie, nicht seine. Ich habe es aus erster Hand: Er schrieb mir auf Twitter. Ein Grund, warum ich das liebe, was man gemeinhin Social Media nennt (und immer fleißig die Blogbeiträge in den diversen Kanälen verlinke).

Teodor Currentzis und das SWR Symphonieorchester in der Elbphilharmonie

„Ganz unbedingt und ziemlich dringend“ wollte ich etwas über den Auftritt von Teodor Currentzis und dem SWR Symphonieorchester in der Elbphilharmonie schreiben, so meine Einleitung zur letzten Meldung auf diesem Kanal. Und nun sitze ich hier und weiß nicht so recht, wie anfangen.

Wenn ich über Konzerte und Kulturerlebnisse schreibe, tue ich das nicht aus dem Blickwinkel einer Kulturjournalistin. Schon deshalb, weil ich keine bin. Es geht mir in erster Linie um das Konzerterlebnis und oft beschäftige ich mich mehr mit dem Drumherum als mit der musikalischen Darbietung an sich: Wie bin ich in dieses Konzert gekommen, was verbindet mich eventuell schon mit den Interpreten, den Komponisten oder den Musikstücken, wie empfinde ich den Raum, die Akustik, meinen Sitz- oder Stehplatz, wie geht es mir mit dem Publikum um mich herum und so weiter. Oft ziehe ich ein Fazit, meistens führt mich das eine Konzert zum nächsten und übernächsten. Überhaupt mag ich es, Verbindungen herzustellen, wo auf den ersten Blick vielleicht gar keine zu sehen oder zu hören sind.

Seit ich regelmäßig in Orchesterkonzerte gehe – also seit mittlerweile etwas mehr als sechs Jahren – versuche ich, quasi im Nebenprojekt, mit meinen laienhaften Mitteln die Kommunikation zwischen Dirigent und Orchester zu ergründen.

Zum Vergleich: Was einen Stargeiger ausmacht, war für mich nicht sonderlich schwer herauszufinden. Wobei bei manchen Zeitgenossen das „Star“ deutlich vor dem „Geiger“ zu stehen scheint. Selbst im Kollektiv eines Streichquartetts gibt es einen, der die erste Geige spielt, und das ist zumeist eine andere Type als der, der an der zweiten sitzt.

Leistung oder Status eines Dirigenten einzuordnen, fällt mir dagegen ungleich schwerer. Da steht ein Mensch vorm Orchester und ich kann nur erahnen, wie es um das Verhältnis dieser beiden bestellt ist. Wie sind die Proben gelaufen? Mögen die Musiker den? Nehmen sie ihn ernst? Welche Rolle spielt die Tagesform? Ist das ein „Star“, der sich wahlweise wie eine Diva oder ein Despot gebärdet, wenn das Publikum es nicht sehen kann? Oder ist es jemand, dem es in zuerst um die Musik und erst danach um Person und Renommee geht?

Es gibt da den einen oder anderen Anhaltspunkt, aber es bleibt eine Mutmaßung. Ich beschränke mich in meiner Beurteilung zumeist darauf, ob mich die kollektive Darbietung mitgenommen hat und gehe höchstens noch auf besondere Eigenheiten des Dirigenten ein, die mir aufgefallen sind: Das Schulterzucken von Gustavo Dudamel, die Mimik von Sir Jeffrey Tate, wie Jun Märkl den Brahms tanzte, solche Dinge halt.

Und jetzt, nach Teodor Currentzis und dem SWR Symphonieorchester mit Mahlers 9. Sinfonie in der Elbphilharmonie, wünsche ich mir zum ersten Mal das Vokabular, das Handwerkszeug und das Hintergrundwissen eines ausgewachsenen Musikkritikers. Weil ich nicht weiß, wie ich dem, was ich da erlebt habe, gerecht werden soll. Ich habe nicht sehen können, was Orchester und Dirigent miteinander verbindet, aber ich habe es gehört, so deutlich, dass es beinahe greifbar schien, und der Raum, das Publikum und das ganze Drumherum hat bei diesem Konzerterlebnis zum allerersten Mal keine Rolle gespielt. Zum Ende des letzten Satzes habe ich Rotz und Wasser geheult – lautlos versteht sich, alles andere wäre nicht weniger als ein Sakrileg gewesen. Das hat mit „klassischer“ sinfonischer Musik bisher noch niemand geschafft.

Ein neues Level.

Danke für dieses Geschenk.

Evgeny Kissin, Thomas Hengelbrock und das NDR Elbphilharmonie Orchester in der Elbphilharmonie

Da saß ich also mal wieder in der Elbphilharmonie und wollte mich eigentlich den musikalischen Darbietungen von Evgeny Kissin und dem NDR Elbphilharmonie Orchester unter der Leitung von Thomas Hengelbrock widmen.

Das Konzert begann pünktlich um 18 Uhr mit dem 2. Klavierkonzert von Béla Bartók und obwohl ich das Stück bisher nicht kannte und kein besonderer Bartók-Fan bin, bekam ich recht schnell eine Ahnung, warum Evgeny Kissin schon im zarten Alter von Mitte 40 als lebende Legende bezeichnet wird. Diese verfestigte sich durch die Zugabe, der Prélude cis-moll op. 3 Nr. 2 von Sergei Rachmaninoff. Einem Stück, mit dem mich einst auch mein Klavierlehrer zu quälen versuchte. Was mir damals sehr geholfen hätte: eine Aufnahme von jemandem zu hören, der das wirklich gut kann. Live ist natürlich noch besser. Nicht obwohl, sondern gerade weil mir Kissins Vortrag an der ein oder anderen Stelle ein wenig zu geziert erschien – kann man machen, hätte ich aber so nicht.

In der Pause leuchteten im Großen Saal die Smartphone-Bildschirme auf. Überall wurden die ersten Prognosen zum Ergebnis der Bundestagswahl 2017 abgerufen und diskutiert. Es passierte das Unvermeidliche: „13%! Das ist doch schon mal gut“, kommentierte eine Dame in der Reihe direkt vor mir, bevor sie ihren Sitz verließ.

Was macht man da? Ihr übers Kleid kotzen, wie ich spontan auf Twitter vorschlug? Was mir zwar einigen Beifall einbrachte, aber letztlich reichlich albern ist. Das ist, was man an Hilflosigkeiten von sich gibt, wenn man zwar mit dem Einzug einer Nazifraktion ins Bundesparlament gerechnet hat, aber wahrlich nicht in dieser Stärke.

Vor einigen Monaten hatte ich noch laut darüber nachgedacht, Angela Merkel bzw. der CDU meine Stimme zu geben und meine Skepsis gegenüber der SPD-Spitzenkandidatur von Martin Schulz geäußert. Ich habe ersteres dann doch nicht getan und mit letzterem (leider) recht behalten. Aber stärker als noch beim Amtsantritt des 45. Präsidenten der USA beschleicht mich jetzt das Gefühl, dass alle paar Jahre meine Kreuzchen zu machen allein nicht mehr ausreicht. Dass ich tun sollte, was ich bisher kategorisch ausgeschlossen habe: nicht mehr bloß passiver Anhänger der Demokratie zu sein, sondern Mitglied einer ausgewiesen demokratischen Partei zu werden. Mit diesem Gedanken, so stellte ich schnell fest, befinde ich mich in guter Gesellschaft, zumindest innerhalb meiner Filterblase.

Zurück zum Konzertabend. Es folgte Gustav Mahlers 1. Sinfonie in D-Dur (in der Hamburger Fassung, aber ohne den 2. Satz „Blumine“). Mir war durch die aktuellen Ereignisse und eine leichte Ermattung als Nachwirkung der Londonwoche leider ein wenig die Konzentration abhandengekommen, aber eines kann ich erneut durch Erfahrung bestätigen: Ganz oben, auf den billigen Plätzen, ist der Elphi-Sound grandios. Und das NDR Elbphilharmonie Orchester kennt sich mittlerweile sehr gut aus in seinem neuen Zuhause.

Abschied von Sir Jeffrey Tate

Eigentlich mache ich das nicht.

Wenn ich auf dem Lotsenschoner No. 5 Elbe als Crew eingeteilt bin, bin ich als Crew eingeteilt. Das heißt unter anderem: Mindestens zwei Stunden vor Abfahrt an Bord zu sein und nach dem Anlegemanöver gemeinsam aufzuklaren. Noch vor dem Anlegebier und ohne sich ordentlich zu verabschieden fluchtartig das Schiff zu verlassen, war nach etwas mehr als 11 Jahren Vereinszugehörigkeit ein Novum und soll auch die Ausnahme bleiben. Ebenso nach einem schweißtreibenden Segeltag ungeduscht und nur notdürftig zurechtgemacht mit der großen Tasche unterm Arm in neuer persönlicher Bestzeit für die Strecke Sandtorhafen – Johannes-Brahms-Platz die Laeiszhalle zu entern.

Wäre da nicht das Abschiedskonzert für Sir Jeffrey Tate gewesen.

Nach zwei Orchesterkonzerten des damals noch NDR Sinfonieorchesters auf Kampnagel trieb es mich im September 2014 erstmalig zu den Hamburger Symphonikern. Zunächst des Programmes wegen: „Die Planeten“ von Gustav Holst hatte ich zuvor schon in Auszügen gehört und war nun darauf erpicht, das Werk in seiner Gesamtheit genießen zu können. Ich buchte einen Platz vorne rechts im 1. Rang und erwarb dadurch einen ungeahnten Nebeneffekt: Man kann von dort zwar nicht das Orchester in seiner Gesamtheit, dafür aber dem Dirigenten ins Gesicht sehen.

Was man während eines Konzerts in Sir Jeffrey Tates Mienenspiel erkennen konnte, hat Daniel Kühnel in seiner Trauerrede heute Abend besser in Worte gefasst, als ich es zu tun vermag. Insbesondere dieses erste Konzert bleibt für mich unvergesslich: Ich überwand die mittelschwere Befremdung ob der damals für mich noch ungewohnten Konzertsaal-Atmosphäre und des jedes denkbare Klischee erfüllenden Abo-Publikums um mich herum und war vollkommen fasziniert. Knapp zwei Monate später war ich wieder vor Ort. Dann nochmal (der Holmboe! der Sibelius!). Und wieder. Schließlich auch bei den Philharmonikern und den Stummfilmkonzerten. Als nächstes entdeckte ich das Schleswig-Hostein Musik Festival und mittlerweile sind Symphonie- und andere Orchesterkonzerte aus meinem musikalischen Jahreskalender nicht mehr wegzudenken.

Bei meinem letzten Konzertbesuch in der Laeiszhalle hatte mich die anfängliche und in der Hauptsache umgebungsbedingte Befremdung zwar wieder eingeholt. Dieser Umstand schmälert indes weder meine Bewunderung noch meinen Respekt und erst recht nicht meine Dankbarkeit gegenüber einer herausragenden Künstlerpersönlichkeit.

Fair winds, Sir Jeffrey. See you on the other side.