November

Wie bereits erwähnt: Ich habe Nachholbedarf. Das schlägt dermaßen durch, dass ich aus Kapazitätsgründen vorerst keine Einzelereignisse mehr verbloggen kann. Ich probiere es daher mit einem monatlichen Rhythmus.

Mein Kulturnovember begann mit der Buchpremiere von Saša Stanišićs „Mein Unglück beginnt damit, dass der Stromkreis als Rechteck abgebildet wird“ im Thalia Theater. Eine rechtzeitige Buchung sicherte mir einen Platz in der zweiten beziehungsweise dritten Reihe – im Thalia gibt es nämlich eine „Row Zero“ -, was vorteilhaft ist, denn Stanišić sitzt nicht einfach still am Tisch und liest, wenn er liest. Erst recht nicht, wenn es sich bei den Texten um (zu verschiedenen Anlässen) gehaltene und ungehaltene Reden handelt. Schon deshalb lohnt sich eine Veranstaltung mit Saša Stanišić immer und grundsätzlich: Weil er jeden vorgetragenen Text lebt, selbst wenn es gar nicht sein eigener ist. Wem sich also demnächst eine ähnliche Gelegenheit bietet, der möge bitte hingehen; Termine gibt es bei Luchterhand. Den Interview-Anteil im Hamburg bestritt übrigens Daniel Beskos vom Mairisch-Verlag und das ist auch ein Guter.

Neulich berichtete ich von meinem ersten Besuch der Sammlung Falckenberg. Zum Tag des offenen Denkmals war der Umbau noch im vollen Gange, nun ist seit Ende September 2025 und noch bis zum Ende April 2026 die Ausstellung „Daniel Spoerri: Ich liebe Widersprüche“ zu bewundern. Da es mir bei den bildenden Künsten im geradezu dramatischen Ausmaß an Hintergrundwissen fehlt, buchte ich eine Führung. Das ist sehr zu empfehlen und hat den zusätzlichen Vorteil, dass man mit der Gruppe allein im Gebäude ist.

Daniel Spoerri: Why don't you live with me? (1963)
Daniel Spoerri: Why don’t you live with me? (1963)

Daniel Spoerri, das hatte ich zuvor nicht gewusst, kam ursprünglich vom Tanz. Bekannt ist er vor allem als Mitbegründer der Künstlergruppe Nouveau Réalisme und Erfinder der Eat-Art. Mir haben besonders die frühen sogenannten Fallenbilder („Tableaux pièges“) wie „Why don’t you live with me?“ gefallen.

Daniel Spoerri: Marstaucher (2008)
Daniel Spoerri: Marstaucher (2008)

Und die freistehenden Metall-Skulpturen. Außerdem die remixten Wandtücher-Sprüche, auch „fadenscheinige Orakel“ genannt, und das Künstlerbuch „Anekdoten zu einer Topographie des Zufalls“.

Daniel Spoerri: Brotteigobjekt – Schreibmaschine (1980)
Daniel Spoerri: Brotteigobjekt – Schreibmaschine (1980)

Die Brotteigobjekte haben mich dagegen nicht so sehr überzeugt und noch weniger die späten Fallenbilder. Weil sie keine Zufallsschnappschüsse der Realität, sondern gestellt und konstruiert sind (und man ihnen das auch ansieht, wie ich finde).

Jimmie Durham: Contemporary Gargoyle for Home or Office (2007)Jimmie Durham: Contemporary Gargoyle for Home or Office (2007)

Mein Lieblingsobjekt war dann aber gar nicht von Daniel Spoerri, sondern von Jimmie Durham. Käme dessen „Contemporary Gargoyle for Home or Office“ in meinen Besitz, würde ich ihn Erwin taufen und ihn voraussichtlich wechselweise im Home und im Office aufstellen. So süß!

Noch am gleichen Tag sah ich abends The Notwist Pocketband im Knust. Da bin ich ein bisschen reingefallen, weil ich nicht ins Kleingedruckte geguckt hatte: Die Pocketband servierte fast ausschließlich Stücke der ersten drei Notwist-Alben. Deren Klang hat mit dem Indie-Sound ab „Neon Golden“ recht wenig zu tun. Da ging’s ganz schön zur Sache im ausverkauften und deshalb auch reichlich kuschligem Knust. Normalerweise ist Hardcore-Punk überhaupt nicht mein Genre, aber das war echt gut. Ein bisschen wird auch die Freude eine Rolle gespielt haben, es endlich zu einem Notwist-Konzert irgendeiner Art geschafft zu haben, waren doch die letzten drei Anläufe aus den unterschiedlichsten Gründen gescheitert. Das nächste Mal habe ich aber besser Gehörschutz im Gepäck. Apropos, die vollständige Band spielt am 26. April 2026 in der Großen Freiheit 36. Ein sehr schönes Datum! Da der Notwist-Fluch ja jetzt gebrochen zu sein scheint, habe ich bereits frohen Mutes eine Karte erworben.

Der letzte Auftritt von Teodor Currentzis und Utopia in der Elbphilharmonie hatte mich nicht wirklich überzeugt. Die Karte für „Der Ring ohne Worte“ erwarb ich daher mit einer gewissen Skepsis und in einer niedrigeren Preiskategorie. Joachim Mischke äußerte sich im Abendblatt erneut kritisch („Hau rein, is‘ Wagner“) und sprach von Überwältigung und davon, dass „Wagners Größenwahnsinnkeit ideal zu [Currentzis‘] eigener Pultstar-Befindlichkeit“ passe. Ich hingegen mochte den „Ring“ in der Currentzis-Fassung.

Utopia, Currentzis: Nach dem Ring ohne Worte
Standing Ovations nach dem „Ring ohne Worte“

Traditionellerweise gehört zu den Utopia-Auftritten eine Überraschungszugabe. Da es jedoch, wie Intendant Christoph Lieben-Seutter zu Anfang höchstpersönlich erklärte, nach dem „Ring ohne Worte“ keine Zugabe mehr geben könne, wurde die Überraschung vorab serviert: Utopa-Mitglied Giuseppe Mengoli dirigierte Magnus Lindbergs „Arena“, ein Stück für Orchester von 1995. Ich kannte den 1958 geborenen finnischen Komponisten bisher nicht, höre mir nach dieser Kostprobe aber gerne noch weitere Werke von ihm an.

In meinem Sommerfestival-Betrag bedauerte ich, „Der Gipfel“ von Christoph Marthaler verpasst zu haben. Bei meinem Streifzug durch die Spielzeitprogramme der Staatsoper und der diversen Theater der Stadt stellte ich allerdings zu meiner Freude fest: Ich muss gar nicht bis zum nächsten oder gar übernächsten Sommerfestival warten, um ein Marthaler-Stück in Hamburg zu sehen! In der Staatsoper steht eines und im Schauspielhaus beziehungsweise MalerSaal gleich eine ganze Trilogie auf dem Plan. Weswegen ich nun von Mitte November 2025 bis Ende Januar 2026 insgesamt viermal marthalern muss.

Den Anfang machte „Im Namen der Brise“, was zugleich eine Raum-Premiere war (zwanzig Jahre in Hamburg und noch nie im MalerSaal gewesen – schlimm!). Dargestellt wurden Texte von Emily Dickinson, überwiegend in deutscher Übersetzung, teils auch im englischen Original. Die Umsetzung kann ich schlecht beschreiben, wie ich auch ansonsten schlecht begründen kann, warum ich Marthaler-Stücke mag. Vielleicht ist es das Tempo, was mich immer zuerst wahnsinnig ungeduldig werden lässt, dann aber perfekt entschleunigt? Vielleicht die Poesie des Unerwarteten, des scheinbar zusammenhanglosen, vom Text unabhängigen Agierens der Charaktere? Die stets verlässlich große Rolle, die der Musik eingeräumt wird? Ganz sicher trägt dazu bei, dass ich Magne Håvard Brekke so gerne beim Spielen zusehe. Ich freue mich jedenfalls schon auf „Die Sorglosschlafenden, die Frischaufgeblühten“ (Texte von Friedrich Hölderlin) und „Schwanensee“ (Texte von Elfriede Jelinek), beides noch im Dezember und wieder im MalerSaal, sowie auf „Die Unruhenden“ (irgendwas mit Gustav Mahler) im Januar in der Staatsoper.

Die letzte Novemberwoche begann mit dem Auftritt von Árstíðir im Knust. Es muss mein insgesamt viertes Árstíðir-Konzert gewesen sein. Atmosphärisch am schönsten war es im Rope Shack und von der Songauswahl her hat mir München am besten gefallen. Auch den Gig in der Christianskirche zu Ottensen habe ich in guter Erinnerung. Das Konzert im Knust wird jedoch als das mit dem grottigsten Sound in die Annalen eingehen. Die anwesenden Superfans quittierten diesen Umstand mit nachdrücklichem Gegrummel. Hamburg war der Start der „Vetrarsól 2025“-Tour und ich hoffe, die Jungs konnten diesen etwas holprigen Auftakt als Generalprobe abhaken. Immerhin: Wie ich aus gut unterrichteten Kreisen erfuhr, waren die Begleitumstände am darauffolgenden Tag in Bochum schon sehr viel günstiger.

Als grottig empfand ich auch die Inszenierung von Ferdinand von Schirachs „Sie sagt. Er sagt.“ in den Hamburger Kammerspielen. So grottig, dass ich zum allerersten Mal bei einem Theaterstück in der Pause gegangen bin. Das war alles so zäh und statisch und teils auch erschütternd schlecht gespielt. In seiner Kritik, die in den diversen Blättern der Mediengruppe Kreiszeitung zu lesen war, formulierte es Jens Fischer wie folgt: „Überspitzt formuliert wirkt der Abend so, als hätten die Darsteller ihre Rollen allein eingeübt und sich erst zur Generalprobe zusammengefunden.“ Das fasst auch meinen Eindruck gut zusammen. Wirklich schade, ich war zum ersten Mal in den Kammerspielen und das Gebäude hat ja durchaus Charme.

Und zack, Dezember! Munter geht es weiter…

Die neue Normalität

Ich war wieder da. In der Elbphilharmonie. Dreimal sogar schon inzwischen.

Zuerst beim Harbour Front Literaturfestival am 12. September 2020, auf den Tag genau sechs Monate nach dem letzten regulären Konzert im Großen Saal vor der coronabedingten Schließung. Vorgestellt wurde Literatur aus Luxemburg. Ich gestehe, ich war ungefähr zu gleichen Teilen wegen Saša Stansišić (Moderation) und  Pascal Schumacher (musikalische Untermalung – neues Album!) dort.

Die Texte von Elise Schmit und Nora Wagener haben mir dann aber auch gut gefallen.

Der Saal soll nominell ausverkauft gewesen sein, was nach den derzeitigen Regeln 620 zu besetzende Plätze bedeutet. Die waren allerdings bei weitem nicht gefüllt. Schade.

Bei den Philharmonikern (am 28. September) bot sich ein anderes Bild. Der reguläre Spielbetrieb soll erst ab Januar wieder starten. Als Abonnentin profitierte ich jedoch von einem Vorbestellrecht für diverse Ersatzvorstellungen mit geändertem Programm. Anders wäre ich wohl auch nicht in das alternative 1. Philharmonische Konzert gekommen. Nicht zwingend der Nachfrage, sondern der Saalplanproblematik wegen. Den Hindemith fand ich toll, den Schubert großartig. Nur mit Mahlers „Liedern eines fahrenden Gesellen“ fremdelte ich. Kunstlieder sind generell nicht so meins (abgesehen von der „Winterreise“).

Es ist ja nicht alles schlecht an der neuen Normalität. Das in reduzierter Besetzung auftretende Orchester ist rund um den Dirigenten platziert (was den Sitzen hinter der Bühne eine völlig neue Qualität verleiht), es stehen mehr Konzerttermine zur Auswahl, weniger Zuschauer produzieren weniger Störgeräusche, kein Gedränge auf den halsbrecherisch konstruierten Treppen beim Verlassen des Konzertsaals, der Foyers und des Gebäudes und nicht zuletzt bekommt man Werke und Besetzungsvarianten zu hören, die unter regulären Umständen hinter monumentaleren Stücken und Versionen zurückbleiben. Und was die Chancen für „Kultur-Singles“ betrifft: Die bessern sich ab November. Laut einer Meldung des Hamburger Abendblatts in der Ausgabe vom 26./27. September 2020 hat die Elbphilharmonie den Corona-Saalplan überarbeitet. Der verstärkten Nachfrage nach Einzelplätzen wegen.

Ich schaffte es dennoch schon in das erste „Blind Date“ der Saison am 2. Oktober – mirakulöserweise standen beim Buchungsversuch plötzlich doch ein paar Einzelplätze im Kleinen Saal zur Verfügung. „Spark – die klassische Band“ nannte sich das aufspielende Ensemble, bestehend aus Cello, Geige/Bratsche, Blockflöte, Harmonika und Klavier. Je bearbeiteter und „eigener“, desto besser gefielen mir die Stücke des Programms „On the Dancefloor“. Mein Favorit: der Chambertechno gleichen Namens.

Es gab ein paar Momente, in denen mir der Gedanke „Uhhhh – zu viel, zu dick aufgetragen – weniger ist mehr!“ durch den Kopf schoss. Bezogen sowohl auf die Arrangements als auch auf die Präsentation. Das fällt allerdings unter Meckern auf hohem Niveau.

Heißer Tipp für den Besuch des Kleinen Saals bei reduzierter Auslastung: eine Bekleidungsschicht mehr einplanen. Die Klimatechnik ist offenbar noch auf „voll besetzt“ ausgerichtet.

Allein, so geht es letztlich allen. Es renkt sich so zurecht, man tastet sich vorwärts, Schritt für Schritt, Tag für Tag, die aktuellen Entwicklungen immer im Blick. Jedenfalls habe ich mich zu jedem Zeitpunkt sicher gefühlt in der Elphi. Und war sehr froh, endlich wieder dort sein zu dürfen.

The Show must go online (1)

Nein, der ist nicht von mir – zuerst habe ich das beim „Londonist“ gelesen, aber ich vermute, die haben es auch irgendwo abgeschrieben. Jedenfalls ist es die beste Tagline, die bisher ich zum Thema „Kultur im Internet“ gelesen habe.

Mit meiner Konzentrationsfähigkeit ist es nicht weit her dieser Tage. Das Heimbüro klappt erstaunlich gut, aber für viel mehr reicht es nicht. In einige der neuen bzw. kurzfristig geöffneten/erweiterten Streamingangebote habe ich trotzdem mittlerweile reinschnuppern können.

Die Digital Concert Hall der Berliner Philharmoniker. Da gibt es sogar eine App für meinen Fernseher! Wirklich super, aber der gestreamte Klang ist kein Ersatz für das unmittelbare Erlebnis. Obwohl ich schon nicht die allerschlechtesten Lautsprecher habe.

Wohnzimmerkonzerte von Igor Levit und Svavar Knútur. Stark tagesformabhängig in der Wirkung. Meine Tagesform wohlgemerkt, nicht die der Musiker.

Twitch-Lesungen von Saša Stanišić. Leider verschwitzt, daher quasi blind gespendet dafür. Passt schon.

Oper, Theater und Ballet bei Marquee TV. Ich habe mit „The Tempest“ angefangen, aber das hat mich überfordert. Stattdessen die Bildungslücke „Lady Windermere’s Fan“ gestopft. Auf meiner Watchlist steht nun viermal Shakespeare. Dafür habe ich nun noch bis zum 24. April 2020 Zeit, danach wird die Chose kostenpflichtig. Das ist möglicherweise etwas ambitioniert.

National Theatre at Home. Start am nächsten Donnerstag (2. April 2020) mit „One Man, Two Guvnors“, in der Hauptrolle James Corden.

„National Theatre Live“ heißt in Hamburg „English Theatre“ und wird normalerweise im Savoy Filmtheater gezeigt. Dort gibt es zwar zurzeit keine Vorstellungen, dafür aber Gutscheine zu kaufen, darunter auch eine eigens für die Reihe konzipierte „Theatre Box“.

Sir Patrick Stewart liest #ASonnetADay auf Twitter. Toll.

Apropos Twitter, dort wird James Blunt für diesen Tweet gefeiert:

During lockdown, while many other artists are doing mini-concerts from their homes, I thought I’d do you all a favour and not.

Über 530.000 Likes gab es dafür bisher. Der beiderseitige Galgenhumor ist offensichtlich, nichtsdestotrotz beschleicht mich angesichts dieser Resonanz die Vermutung, nicht die einzige mit einem Reizüberflutungsproblem zu sein.

Aber auch für diese Zielgruppe ist gesorgt. Zum Beispiel mit Initiativen wie dem Soli-Festival „Keiner kommt – alle machen mit“. Total irre, wer da alles nicht kommt!

Buchpremiere: Saša Stanišićs „Herkunft“ im Thalia Theater

Warnung! Wer kein Geld für Literatur ausgeben kann oder möchte, sollte auf gar keinen Fall eine Lesung mit Saša Stanišić besuchen! Zur Premiere des letzten Buches schrieb ich:

Da liest … eine im positiven Sinne hyperaktive und außerordentlich sympathische Rampensau, die große, sehr große Freude an der Interaktion hat. Das bringt Laune und macht Lust auf das Buch.

Das war vor knapp zwei Jahren und gilt bis heute. Damals war’s der Erzählband „Fallensteller“, vorgestern im gut gefüllten Thalia Theater stellte Stanišić im Tandem mit Lektor Martin Mittelmeier seinen neuen Roman „Herkunft“ vor. Und auch diesen werde ich nun wohl kaufen und lesen müssen. Oder, vielleicht noch besser, ich lasse lesen, und zwar vom Autor höchstselbst: Das Hörbuch ist diese Woche beim Hörverlag erschienen. Leider nur als gekürzte Lesung (warum?!), aber immerhin.

 

Vermischtes

Was ich in den vergangenen Tagen noch so gemacht, aber bisher nicht verbloggt habe:

1. Das Burns Supper im Trific genossen.

„Oh Chieftain of the pudding race!“ Ja, doch, Innereien können lecker sein. Vom Whisky ganz zu schweigen. (Hicks.) Feine Musik und zweisprachige (Gedicht-)Vorträge gab’s auch. Es war bereits meine zweite Burns Night und nach Möglichkeit nicht die letzte.

2. Die Lesung mit Jonathan Safran Foer im kleinen Saal der Laeiszhalle besucht.

Ich hatte zwar außer „Tiere essen“ noch nichts gelesen, aber ich war neugierig auf den Mann. Und wenn der deutschsprachige Lesungsteil von Saša Stanišić vorgetragen und die Veranstaltung von Daniel Beskos moderiert wird, was kann da schon schiefgehen? Richtig: gar nichts. Es war aufschlussreich und sehr kurzweilig. Ich werde weitere Bücher von Jonathan Safran Foer lesen müssen.

3. Das Spiel des FC St. Pauli gegen den VfB Stuttgart am Millerntor miterlitten.

Der Spaßfaktor war erwartungsgemäß erheblich höher als bei meinem ersten Bundesligaspielbesuch vor bummelig 25 Jahren, einem Grottenkick des FC Köln gegen den Karlsruher SC im Müngersdorfer Stadion. Was sich nur leider nicht auf das Ergebnis ausdehnte.

Die einzige Möglichkeit
Die einzige Möglichkeit

Ich stand zwischen Eingeschworenen auf der Gegengeraden im Block C und es fühlte sich ein wenig so an, als wäre ich bei jemandem zu Hause eingeladen. Jeder schien jeden zu kennen, jedenfalls im unmittelbaren Umkreis, und grob mindestens auch noch die direkte Nachbarschaft. Das Spiel geriet streckenweise zur Nebensache, so sehr faszinierten mich das Drumherum und einzelne Verhaltensweisen. Neben mir stand beispielsweise ein prinzipiell sehr ruhig und besonnen wirkender Mensch, der ausschließlich bei Eckbällen für die Heimmannschaft aus dem Stand verbal komplett ausrastete, um nach der Standardsituation übergangslos wieder in freundliches Schweigen zu verfallen. Ich lernte unter anderem, wer wo steht bzw. sitzt, wie man sich als Fan der Gästemannschaft unter Paulianern besser nicht benehmen sollte, welches Liedgut verwendet wird, wie groß manche im Stadion geschwenkte Flagge sein kann und dass der kleine tschechische Maulwurf aus der „Sendung mit der Maus“ Pauli heißt. Außerdem weiß ich jetzt, wo es fußläufig zum Stadion die beste Pizza gibt.

Wie das Spiel ansonsten so war, kann man hier oder dort und drüben bei Stefan nachlesen und -schauen.

4. Bei „Rock’n Read“ zwei Schallplatten, ein Buchpäckchen und einen Gutschein gewonnen.

Der „Abend zwischen Lyrik und Lyrics“ im Literaturhaus Hamburg wurde von Studierenden des Seminars „Buch braucht Bühne“ der Arbeitsstelle für Studium und Beruf an der Universität Hamburg veranstaltet. Als Experten waren Frank Spilker, Isabel Bogdan, Ingo Herzke sowie der Literaturwissenschaftler Dr. Martin Schneider geladen.

Der Erkenntnisgewinn aus dem Programm war eher gering, dafür der Unterhaltungswert umso höher. Die Sache entpuppte sich zudem als deutlich musiklastiger als im Vorfeld vermutet. Das mochte ich besonders.

5. Bei HAM.LIT unverhofft einem der beiden unter 4. gewonnenen Bücher nebst Autorin wieder begegnet.

Nämlich Paula Fürstenberg mit „Familie der geflügelten Tiger“ – ich bin jetzt noch ein bisschen gespannter auf das Buch. Außerdem erlebte ich Margarete Stokowski mit „Untenrum frei“ (och, na ja), Stefan Beuse mit „Das Buch der Wunder“ (Toll! Kaufen!), Dear Reader (trefflicher Name – ansonsten ohne Wertung), Alina Herbing mit „Niemand ist bei den Kälbern“ (tendenziell langatmig), Marcel Gein (süß!), Sven Amtsberg mit „Superbuhei“ (fragt mich nächste Woche nochmal) und leider nur ganz kurz im Vorbeigehen Philipp Winkler mit „Hool“ (puh). Ich hätte sehr gerne noch etwas aus „Zuckersand“ von Jochen Schmidt gehört. Aber das Turmzimmer des Uebel & Gefährlich war notorisch überfüllt, weswegen ich lieber bei lilly among clouds im Terrace Hill blieb. War gut so.

„Den“ magischen Moment gab es diesmal zwar nicht, aber ich rechne nach der Erfahrung des letzten Jahres mit der ein oder anderen Spätfolge. Ich werde berichten.

Saša Stanišićs „Fallensteller“ bei cohen+dobernigg und eine Lecture Party im Nachtasyl

Ich hatte in der vergangenen Woche das Vergnügen, zwei höchst unterschiedlichen Lesungen genießen zu dürfen.

Nummer eins war die Buchpremiere von Saša Stanišićs „Fallensteller“ bei cohen+dobernigg. Das ist anders als „Wie der Soldat das Grammofon repariert“ und „Vor dem Fest“ kein Roman, sondern ein Band mit Erzählungen. Ich bin kein ausgewiesener Fan von Kurzgeschichten und hatte daher nicht zwingend vor, das Buch zu kaufen. Aber nach dem Vortrag des Autors führte kein Weg mehr daran vorbei. Da liest nämlich eine im positiven Sinne hyperaktive und außerordentlich sympathische Rampensau, die große, sehr große Freude an der Interaktion hat. Das bringt Laune und macht Lust auf das Buch. (Die im „Literarischen Quartett“ mochten es übrigens auch. Alle.)

Nummer zwei war eine „Lecture Party“ zum Thema Popkultur mit Thomas Meinecke und Matthias Günther im Nachtasyl. Die (YouTube-)Reise führte über Holz und Stock, John Travolta, Blondie, den Sex Pistols, Hildegard Knef, David Bowie (Falco!), Billie Holiday, Johnny Cash und Udo Lindenberg bis hin zum wunderschönen Genre der Literal Videos, siehe unten. Nach gut 1 3/4 Stunden war leider Schluss, einer nachfolgenden Veranstaltung wegen. Schade – das hätte gut und gerne noch ein Stündchen länger dauern können!