The Show must go online (1)

Nein, der ist nicht von mir – zuerst habe ich das beim “Londonist” gelesen, aber ich vermute, die haben es auch irgendwo abgeschrieben. Jedenfalls ist es die beste Tagline, die bisher ich zum Thema “Kultur im Internet” gelesen habe.

Mit meiner Konzentrationsfähigkeit ist es nicht weit her dieser Tage. Das Heimbüro klappt erstaunlich gut, aber für viel mehr reicht es nicht. In einige der neuen bzw. kurzfristig geöffneten/erweiterten Streamingangebote habe ich trotzdem mittlerweile reinschnuppern können.

Die Digital Concert Hall der Berliner Philharmoniker. Da gibt es sogar eine App für meinen Fernseher! Wirklich super, aber der gestreamte Klang ist kein Ersatz für das unmittelbare Erlebnis. Obwohl ich schon nicht die allerschlechtesten Lautsprecher habe.

Wohnzimmerkonzerte von Igor Levit und Svavar Knútur. Stark tagesformabhängig in der Wirkung. Meine Tagesform wohlgemerkt, nicht die der Musiker.

Twitch-Lesungen von Saša Stanišić. Leider verschwitzt, daher quasi blind gespendet dafür. Passt schon.

Oper, Theater und Ballet bei Marquee TV. Ich habe mit “The Tempest” angefangen, aber das hat mich überfordert. Stattdessen die Bildungslücke “Lady Windermere’s Fan” gestopft. Auf meiner Watchlist steht nun viermal Shakespeare. Dafür habe ich nun noch bis zum 24. 4. Zeit, danach wird die Chose kostenpflichtig. Das ist möglicherweise etwas ambitioniert.

National Theatre at Home. Start am nächsten Donnerstag (2. 4.) mit “One Man, Two Guvnors”, in der Hauptrolle James Corden.

“National Theatre Live” heißt in Hamburg “English Theatre” und wird normalerweise im Savoy Filmtheater gezeigt. Dort gibt es zwar zurzeit keine Vorstellungen, dafür aber Gutscheine zu kaufen, darunter auch eine eigens für die Reihe konzipierte “Theatre Box”.

Sir Patrick Stewart liest #ASonnetADay auf Twitter. Toll.

Apropos Twitter, dort wird James Blunt für diesen Tweet gefeiert:

During lockdown, while many other artists are doing mini-concerts from their homes, I thought I’d do you all a favour and not.

Über 530.000 Likes gab es dafür bisher. Der beiderseitige Galgenhumor ist offensichtlich, nichtsdestotrotz beschleicht mich angesichts dieser Resonanz die Vermutung, nicht die einzige mit einem Reizüberflutungsproblem zu sein.

Aber auch für diese Zielgruppe ist gesorgt. Zum Beispiel mit Initiativen wie dem Soli-Festival “Keiner kommt – alle machen mit”. Total irre, wer da alles nicht kommt!

Buchpremiere: Saša Stanišićs “Herkunft” im Thalia Theater

Warnung! Wer kein Geld für Literatur ausgeben kann oder möchte, sollte auf gar keinen Fall eine Lesung mit Saša Stanišić besuchen! Zur Premiere des letzten Buches schrieb ich:

Da liest … eine im positiven Sinne hyperaktive und außerordentlich sympathische Rampensau, die große, sehr große Freude an der Interaktion hat. Das bringt Laune und macht Lust auf das Buch.

Das war vor knapp zwei Jahren und gilt bis heute. Damals war’s der Erzählband “Fallensteller”, vorgestern im gut gefüllten Thalia Theater stellte Stanišić im Tandem mit Lektor Martin Mittelmeier seinen neuen Roman “Herkunft” vor. Und auch diesen werde ich nun wohl kaufen und lesen müssen. Oder, vielleicht noch besser, ich lasse lesen, und zwar vom Autor höchstselbst: Das Hörbuch ist diese Woche beim Hörverlag erschienen. Leider nur als gekürzte Lesung (warum?!), aber immerhin.

 

Vermischtes

Was ich in den vergangenen Tagen noch so gemacht, aber bisher nicht verbloggt habe:

1. Das Burns Supper im Trific genossen.

“Oh Chieftain of the pudding race!” Ja, doch, Innereien können lecker sein. Vom Whisky ganz zu schweigen. (Hicks.) Feine Musik und zweisprachige (Gedicht-)Vorträge gab’s auch. Es war bereits meine zweite Burns Night und nach Möglichkeit nicht die letzte.

2. Die Lesung mit Jonathan Safran Foer im kleinen Saal der Laeiszhalle besucht.

Ich hatte zwar außer “Tiere essen” noch nichts gelesen, aber ich war neugierig auf den Mann. Und wenn der deutschsprachige Lesungsteil von Saša Stanišić vorgetragen und die Veranstaltung von Daniel Beskos moderiert wird, was kann da schon schiefgehen? Richtig: gar nichts. Es war aufschlussreich und sehr kurzweilig. Ich werde weitere Bücher von Jonathan Safran Foer lesen müssen.

3. Das Spiel des FC St. Pauli gegen den VfB Stuttgart am Millerntor miterlitten.

Der Spaßfaktor war erwartungsgemäß erheblich höher als bei meinem ersten Bundesligaspielbesuch vor bummelig 25 Jahren, einem Grottenkick des FC Köln gegen den Karlsruher SC im Müngersdorfer Stadion. Was sich nur leider nicht auf das Ergebnis ausdehnte.

Die einzige Möglichkeit
Die einzige Möglichkeit

Ich stand zwischen Eingeschworenen auf der Gegengeraden im Block C und es fühlte sich ein wenig so an, als wäre ich bei jemandem zu Hause eingeladen. Jeder schien jeden zu kennen, jedenfalls im unmittelbaren Umkreis, und grob mindestens auch noch die direkte Nachbarschaft. Das Spiel geriet streckenweise zur Nebensache, so sehr faszinierten mich das Drumherum und einzelne Verhaltensweisen. Neben mir stand beispielsweise ein prinzipiell sehr ruhig und besonnen wirkender Mensch, der ausschließlich bei Eckbällen für die Heimmannschaft aus dem Stand verbal komplett ausrastete, um nach der Standardsituation übergangslos wieder in freundliches Schweigen zu verfallen. Ich lernte unter anderem, wer wo steht bzw. sitzt, wie man sich als Fan der Gästemannschaft unter Paulianern besser nicht benehmen sollte, welches Liedgut verwendet wird, wie groß manche im Stadion geschwenkte Flagge sein kann und dass der kleine tschechische Maulwurf aus der “Sendung mit der Maus” Pauli heißt. Außerdem weiß ich jetzt, wo es fußläufig zum Stadion die beste Pizza gibt.

Wie das Spiel ansonsten so war, kann man hier oder dort und drüben bei Stefan nachlesen und -schauen.

4. Bei “Rock’n Read” zwei Schallplatten, ein Buchpäckchen und einen Gutschein gewonnen.

Der “Abend zwischen Lyrik und Lyrics” im Literaturhaus Hamburg wurde von Studierenden des Seminars “Buch braucht Bühne” der Arbeitsstelle für Studium und Beruf an der Universität Hamburg veranstaltet. Als Experten waren Frank Spilker, Isabel Bogdan, Ingo Herzke sowie der Literaturwissenschaftler Dr. Martin Schneider geladen.

Der Erkenntnisgewinn aus dem Programm war eher gering, dafür der Unterhaltungswert umso höher. Die Sache entpuppte sich zudem als deutlich musiklastiger als im Vorfeld vermutet. Das mochte ich besonders.

5. Bei HAM.LIT unverhofft einem der beiden unter 4. gewonnenen Bücher nebst Autorin wieder begegnet.

Nämlich Paula Fürstenberg mit “Familie der geflügelten Tiger” – ich bin jetzt noch ein bisschen gespannter auf das Buch. Außerdem erlebte ich Margarete Stokowski mit “Untenrum frei” (och, na ja), Stefan Beuse mit “Das Buch der Wunder” (Toll! Kaufen!), Dear Reader (trefflicher Name – ansonsten ohne Wertung), Alina Herbing mit “Niemand ist bei den Kälbern” (tendenziell langatmig), Marcel Gein (süß!), Sven Amtsberg mit “Superbuhei” (fragt mich nächste Woche nochmal) und leider nur ganz kurz im Vorbeigehen Philipp Winkler mit “Hool” (puh). Ich hätte sehr gerne noch etwas aus “Zuckersand” von Jochen Schmidt gehört. Aber das Turmzimmer des Uebel & Gefährlich war notorisch überfüllt, weswegen ich lieber bei lilly among clouds im Terrace Hill blieb. War gut so.

“Den” magischen Moment gab es diesmal zwar nicht, aber ich rechne nach der Erfahrung des letzten Jahres mit der ein oder anderen Spätfolge. Ich werde berichten.

Saša Stanišićs “Fallensteller” bei cohen+dobernigg und eine Lecture Party im Nachtasyl

Ich hatte in der vergangenen Woche das Vergnügen, zwei höchst unterschiedlichen Lesungen genießen zu dürfen.

Nummer eins war die Buchpremiere von Saša Stanišićs “Fallensteller” bei cohen+dobernigg. Das ist anders als “Wie der Soldat das Grammofon repariert” und “Vor dem Fest” kein Roman, sondern ein Band mit Erzählungen. Ich bin kein ausgewiesener Fan von Kurzgeschichten und hatte daher nicht zwingend vor, das Buch zu kaufen. Aber nach dem Vortrag des Autors führte kein Weg mehr daran vorbei. Da liest nämlich eine im positiven Sinne hyperaktive und außerordentlich sympathische Rampensau, die große, sehr große Freude an der Interaktion hat. Das bringt Laune und macht Lust auf das Buch. (Die im “Literarischen Quartett” mochten es übrigens auch. Alle.)

Nummer zwei war eine “Lecture Party” zum Thema Popkultur mit Thomas Meinecke und Matthias Günther im Nachtasyl. Die (YouTube-)Reise führte über Holz und Stock, John Travolta, Blondie, den Sex Pistols, Hildegard Knef, David Bowie (Falco!), Billie Holiday, Johnny Cash und Udo Lindenberg bis hin zum wunderschönen Genre der Literal Videos, siehe unten. Nach gut 1 3/4 Stunden war leider Schluss, einer nachfolgenden Veranstaltung wegen. Schade – das hätte gut und gerne noch ein Stündchen länger dauern können!