Klavier hoch zwei

Hier fehlt noch etwas, nämlich wenigstens ein Kurzbericht über zweimal Klavier.

Schon vor einer Woche präsentierte Martin Tingvall sein neues Soloalbum “The Rocket” im Kleinen Saal der Elbphilharmonie, zum ersten Mal live und obendrein vor heimischen Publikum, und gestand ganz offen seine Nervosität ob dieser Kombination ein. Die man auch tatsächlich hören konnte, da war noch nicht alles im Flow. Was zugegebenermaßen Jammern auf sehr hohem Niveau ist und sich zudem mit der Zeit von selbst erledigen wird. Auf alle Fälle hätte ich gerne mehr Soloauftritte von Martin Tingvall.

Womit ich aber ausdrücklich nichts gegen das Trio gesagt haben will! Wir merken uns schon einmal den 18.12.2019, da gibt’s nämlich wieder ein Jahresabschlußkonzert in der Fabrik.

Tags zuvor hatte ich noch bei Martha Argerich und den Hamburger Symphonikern in der Laeiszhalle gesessen. Ich hatte mir aus den diesjährigen Festivalkonzerten ganz bewußt eines mit Sylvain Cambreling ausgesucht, wohl wissend, daß der Star des Abends und des Festivals vermutlich wieder nur einen kleinen Teil des Programms bestreiten würde. Die Rechnung ging auf: Von der ersten bis zur letzten Note war das alles ganz phantastisch. Und daß Martha Argerich aufgrund einer gerade erst überstandenen Bronchitis und der stickigen Luft in der so gar nicht klimatisierten Laeiszhalle etwas angeschlagen wirkte, konnte man zwar ahnen, aber nicht hören.

Das nächste Klaviervergnügen wird wieder ein ganz anderes, nämlich eins mit Bodo Wartke im Thalia Theater.

Reflektor Nils Frahm

Die Frage “Was machen an Pfingsten 2019?” hatte sich für mich spätestens mit der Durchsicht der diversen Kulturprogrammhefte für die Saison 2018/2019 erledigt. Nils Frahm kuratiert ein Mini-Festival in der Elbphilharmonie? Kauf ich. Blind!

Naja, so blind dann letztlich doch nicht. Auch mein Kulturbudget ist begrenzt und eine Flatrate gab es leider nicht. Es reichte immerhin für

sowie als Beifang

  • die Fotoausstellung “Fourth Wall – Stages & Cages” von Klaus Frahm (wann kommt endlich der Bildband?!) und
  • den Kurzfilm “Ellis” mit Robert de Niro.

Gerne hätte ich auch den Workshop “Polyrhythmus verstehen und umsetzen” von Sven Kacirek besucht, aber da war ich leider nicht fix genug beim Vorverkauf. Und eigentlich hatte ich auch noch eine Karte für die After-Show-Party am Samstag auf der MS Stubnitz, aber dazu später.

Die Gentleman Losers waren mir schon mehrfach über den Weg gelaufen. Der Spotify’sche Algorithmus machte mich bereits vor Jahren mit dem Track “Ballad of Sparrow Young” aus dem Album “Dustland” bekannt, eine Empfehlung der ich gerne gefolgt bin. Es hätte ruhig ein klein wenig mehr live und weniger “vom Band” sein können beim Auftritt des Duos am frühen Samstag Abend, aber sei’s drum. Die stimmige Kombination aus Musik und filmischer Collage gefiel.

Martyn Heyne freute sich als gebürtiger Hamburger im Anschluß ganz besonders über den lokalen Premierenort seines Soloprogramms. Nichts gegen die Kantine am Berghain, aber gegen den kleinen Elphi-Saal kommt der Laden nicht an. (Vorausgetzt man kann ohne Rauchwerk.)

Überhaupt, die Freude. Nils Frahm hüpfte bei seinem Auftritt geradezu über die Bühne und Arthur Jeffes und seine Mitstreiter von Penguin Café strahlten tags drauf im Großen Saal um die Wette darüber, im Selbstversuch die Unterschiede der Akustik von Royal Albert Hall und Elbphilharmonie erforschen zu dürfen. Was dem Tour-Trailer übrigens noch fehlt: Termine auf dem Kontinent.

Fröhliche Gesichter gab es auch im Publikum, insbesondere bei Nils Frahm am Samstag Abend. Ich sah und hörte “All Melody” zum ingesamt vierten Mal: Köln war ganz am Anfang, Hamburg gut eingespielt und München Routine – Anekdoten wie Noten in nahezu perfekter Wiederholung dessen, was ich schon kannte. Ich will nicht von Enttäuschung sprechen, aber ernüchtert war ich doch. Glücklicherweise war beim Reflektor-Konzert das Spielkind wieder da. Hurra!

Den Abschluß des Festivals bildeten Erlend Øye und la Comitiva mit stargaze. Daß der Norweger mit seiner tiefenentspannten Grundhaltung noch jeden Saal zum Tanzen bringt, wurde in der Elbphilharmonie nicht widerlegt – ganz im Gegenteil. Als Ergänzung des Quartetts wären mir stargaze nicht als erstes eingefallen, aber das funktionierte geradezu zauberhaft gut. Und was machte die aufgezählte Versammlung mit dem Weinberg? Sie stellte sich im Kreis auf der Bühne auf. Großes Lob auch dafür. Zur letzten Zugabe gesellte sich noch Nils Frahm am Flügel dazu und da war es endlich wieder, das “Possibly Colliding”-Gefühl.

Zu gern hätte ich diesen Reflektor in vollen Zügen genossen. Leider war mein Vergnügen ziemlich eingetrübt, denn am Samstag ist in der Schwingemündung ein Schiff gesunken, welches mir sehr am Herzen liegt.

No. 5 Elbe
No. 5 Elbe
No. 5 Elbe
No. 5 Elbe

Die After-Show-Party auf der Stubnitz habe ich daher ausgelassen.

In Concert: Elbjazz 2019

“Für die einen ist es das Elbjazz-Festival, für die anderen der größte Biergarten Hamburgs!”

Das klingt vielleicht ein wenig gemein, aber den Eindruck konnte man mit Blick auf das Blohm+Voss-Gelände durchaus bekommen. Die Übernahme der Veranstaltung durch Karsten Jahnke ab 2017 mag das Elbjazz finanziell und grundsätzlich gerettet haben, aber angesichts der damit verbundenen Veränderungen frage ich mich nun im Jahr drei, ob ich dort noch richtig bin.

Das liegt in der Hauptsache daran, daß mich in erster Linie die kleineren Konzerte interessieren, das Festival aber insgesamt auf Masse setzt. So wird bei Blohm+Voss seit letztem Jahr leider nur noch die Alte Schiffbauhalle bespielt, die zweite kleine Bühne in der Schiffbauhalle 3 fehlt. Hinzu kommt, daß viele Veranstaltungen mittlerweile in den Sälen der Elbphilharmonie stattfinden und man sich frühzeitig und lange vor Bekanntgabe des restlichen Spielplans auf eines (!) dieser Konzerte festlegen muß.

Alte Schiffbauhalle
Alte Schiffbauhalle

Und dann ist da noch das Transferproblem zwischen den einzelnen Schwerpunkten, in diesem Jahr verschärft durch die Sperrung der U-Bahnlinie zwischen St. Pauli und Baumwall. Wer bei zeitlich nah aneinander liegenden Auftritten an weit auseinander liegenden Orten einen akzeptablen (Sitz-)Platz ergattern wollte, mußte gut zu Fuß sein – auf den Busshuttle konnte man sich da im Zweifel nicht verlassen. Meine neue persönliche Bestleistung auf der Strecke St. Katharinen – Baumwall – Landungsbrücken – Alter Elbtunnel – Blohm+Voss beträgt knapp unter 40 Minuten.

Am zweiten Festivaltag bin ich diese Strecke gleich zweimal gelaufen: einmal, um es von KID BE KID feat. Julia Kadel gerade noch rechtzeitig in die Alte Schiffbauhalle zu Shalosh zu schaffen. Eigentlich hätte ich danach gleich wieder umkehren müssen, zu Hans Lüdemann nämlich. Aber das war mir einfach zu stressig. Stattdessen probierte ich es ersatzweise mit der Hauptbühne, auf der wenig später Sophie Hunger antrat. Mein Fall, so erkannte ich schnell, war die Dame allerdings nicht und der Vorplatz war zu diesem Zeitpunkt schon dermaßen bevölkert, daß ich allein aus diesem Grund schon das Weite gesucht hätte. Nach kurzem Zwischenstop zwecks Verpflegung bin ich daher wieder zurück Richtung St. Katharinen, gerade noch rechtzeitig, um das letzte Stück von Herrn Lüdemann zu hören und im Anschluß satte 1 1/2 Stunden auf den Auftritt von Teresa Bergmann zu warten. Alternativlos, denn die HFMT Young Talents-Bühne war um diese Uhrzeit bereits verwaist, in die Elbphilharmonie kam man ohne Sitzplatzticket nicht hinein, die MS Stubnitz war für einen spontanen Ausflug zu weit entfernt und abgesehen von der noch längeren Wegstrecke zurück zu Blohm+Voss habe ich Tower of Power schon als Jugendliche gehaßt.

Gesehen/gehört hatte ich zuvor am ersten Tag: Joja Wendt, ADHD, das Michael Wollny Trio und Kit Downes. Die beiden Klaviateure waren erwartungsgemäß großartig, dazwischen fügten sich ADHD nahtlos ein – meine persönliche Entdeckung der diesjährigen Elbjazz-Auflage!

Für Kit Downes’ Orgelexpeditionen in der Elbphilharmonie fehlte mir zum Schluß leider die Konzentration. Höchstwahrscheinlich wäre ich bei Jamie Cullum auf der Hauptbühne bei Blohm+Voss besser aufgehoben gewesen. Aber einfach mal eben wechseln ging halt nicht.

Auch der Auftritt von KID BE KID an Tag zwei hat mir gut gefallen. Gesang, Beatbox und Klavier live und gleichzeitig, so etwas funktioniert ja nur, wenn man es kann – sie kann, und wie!

Den anschließenden Sprint zu Shalosh habe ich musikalisch ebensowenig bereut wie die Wartezeit bis zum Auftritt von Teresa Bergman als Schlußpunkt des Elbjazz-Programms in St. Katharinen.

Wie schon im letzten Jahr habe ich auch diesmal wieder die MS Stubnitz und die HFMT Young Talents-Bühne auslassen müssen. Besonders schade wars um Glass Museum und die Rocket Men. Ins übrige Elbphilharmonie-Programm habe ich gar nicht mehr geschaut. Um mich nicht ärgern zu müssen.

Am Helgen
Am Helgen

Fazit? Die Perlen sind (immer noch) da, daran liegt es nicht. Allein, die Schale drum herum ist gefühlt deutlich dicker geworden, und mühsamer zu knacken. Auf mich paßt wohl einfach das Format nicht mehr.

Ein Abschied also. Oder mindestens ein Aussetzen. Man soll ja niemals nie sagen.

In Concert: “The Rake’s Progress” in der Elbphilharmonie

“Diese neue Oper da, an der Elbe”, so wird die Elbphilharmonie gelegentlich von orts- und/oder kulturunkundigen Menschen beschrieben. Aber manchmal stimmt es eben doch, so z. B. gestern: Eine konzertante Aufführung von Strawinskys Oper “The Rake’s Progress” bildete den Abschluß des 4. Internationalen Musikfests Hamburg, und keine Geringere als Barbara Hannigan dirigierte die diversen Ensembles, die dazu zusammen gekommen waren (Ludwig, Cappella Amsterdam und sechs Solisten aus den Reihen der Equilibrium Young Artists).

Das mit dem Gesang in der Elbphilharmonie ist ja bekanntermaßen eine knifflige Sache. Ich kann diese Kritik nicht teilen: Auf meinem Platz schräg hinter der Bühne konnte ich alle Sänger gut hören (und streckenweise sogar verstehen), die mir nicht oder zumindest nicht ständig den Rücken zudrehten. Das waren insbesondere die männlichen Stimmen der Cappella Amsterdam, aber auch viele der Solisten. Die Übrigen waren gegenüber dem Orchester immerhin noch passabel hörbar. Zwar ist es leider noch immer nicht bei allen angekommen, daß “frontal” im Großen Saal ein relativer Begriff ist, aber das scheint mir tatsächlich das Hauptproblem zu sein. Zumindest, wenn man den Raum und seine Akustik im Griff hat. Und das hat Barbara Hannigan zweifelsohne.

Apropos Oper und frontal, dazu noch ein Hinweis ans Haus: Die Übertitel auf zwei von vier Seiten zu projizieren ist schon einmal sehr löblich, aber wenn zusätzlich zu vorne und hinten auch links und rechts ginge, müßten alle, die seitwärts sitzen, sich die Köpfe nicht so verdrehen. Bei fast drei Stunden Spielzeit geht das in meinem Alter schon ein klein wenig auf die Nackenwirbelsäule.

An dieser Stelle unerwähnt blieb übrigens bisher das Konzert des NDR Elbphilharmonie Orchesters unter der Leitung von Paavo Järvi am 17. 5., bei dem ich ausnahmsweise in Begleitung war und noch ausnahmsweiser in der ersten Preiskategorie saß. Noblesse oblige: Immerhin handyfilmte man dort minimalinvasiv – gewissermaßen aus der Hüfte – und konsumierte stilles (!) Wasser statt Cola.

In Concert: Pierre-Laurent Aimard in der Elbphilharmonie

Eines muß man dem Elbphilharmonie-Marketing lassen: Es kümmert sich um seine Stammgäste und man bemüht sich zumindest darum, anspruchsvolle Programmpunkte und wertschätzende Zuhörer zusammenzubringen. So erhielt ich beispielsweise nur wenige Tage nach dem Konzert von Pierre-Laurent Aimard im Oktober 2018 eine Empfehlung per E-Mail:

Wenn Sie genauso begeistert waren, haben wir hier eine gute Nachricht für Sie: Am 2. Mai 2019 ist der Ausnahmepianist erneut im Großen Saal der Elbphilharmonie zu erleben. Bei seinem Auftritt widmet er sich einem weiteren Klassiker der Klaviermusik des 20. Jahrhunderts: György Ligetis fantastischen Klavieretüden. … Wir freuen uns sehr, wenn Sie uns bei dieser musikalischen Entdeckungsreise mit Neugier und offenen Ohren begleiten.

Dieser Aufforderung bin ich gerne gefolgt, obwohl ich in diesem Leben wohl kein Ligeti-Fan mehr werde. Auch Aimards Vortrag konnte daran nichts ändern.

Warum ich trotzdem maßlos fasziniert war und jederzeit wieder ein Ticket kaufen würde? Virtuosität um ihrer selbst willen interessiert mich nicht, aber Pierre-Laurent Aimard vermag auch noch solchen Passagen Ausdruck zu verleihen, bei denen das Ohr des Laien die Anweisung “wildes Eindreschen auf die Klaviatur im Bereich der Großen und Kleinen Oktave, Dauer ca. 2 Minuten, Dynamik nach Ermessen” auf dem Notenblatt vermutet. Sprachloses Erstaunen.

Irgendwo auf der Welt gibt es bestimmt ein Publikum, daß es schafft, einer solchen Leistung den gebührenden Respekt zu zollen. Der trotz aller Anstrengungen des Hauses noch immer zu große Pöbelanteil scheiterte daran am vergangenen Donnerstag krachend: Blitzende Kameralichter, blinkende Displays, mittendrin ein laut plärrender Klingelton, dazu ein “peinliches Rudelhusten” (Zitat eines Mitleidenden) in der kurzen Verschnaufpause und als Krönung neben mir das Pärchen, daß sich während des Konzerts eine Cola Zero teilte (liebe Leute: ja, man hat gehört, daß in der Flasche Kohlensäure drin war! Jedes Mal!) und nicht bis zum Ende des Konzerts damit warten konnte, sich über das Erlebte auszutauschen, sowohl untereinander als auch per WhatsApp mit der Außenwelt.

Ich formuliere es bewußt drastisch: So wird das nichts mit dem Weltklasse-Konzertsaal. Denn nicht nur aufgrund der hypersensiblen Akustik des Raumes kann der leider nur so gut sein, wie auch das Publikum es zuläßt.

Dreierlei Musikalisches

Daß es nicht immer die beste Idee ist, aus Sentimentalität Konzertkarten zu kaufen, bemerkte ich zuletzt am Gründonnerstag auf Kampnagel. Die Musik von Apparat war mir in den vergangenen Jahren mehrfach bei unterschiedlichen Anlässen über den Weg gelaufen, liegt aber inzwischen nicht mehr im Mittelpunkt meines Interesses. Und so erschien mir der Auftritt in der K6 wie ein kontinuierliches Dröhnen, ein nahezu übergangslose Aneinanderreihung von minimalen Variationen eines einzigen Sound- und Kompositionsthemas. Es mag auch mit meiner durch akute Urlaubsreife etwas abgestumpften Aufnahmefähigkeit an diesem Abend zu tun gehabt haben, aber das allein kann es nicht gewesen sein. Gut zu wissen – und hiermit abgehakt.

Der gestrige Lambchop-Auftritt hätte theoretisch in die gleiche Kategorie fallen können. Es ist doch schon ziemlich lange her, daß das Album “Is a Woman” bei mir rauf- und runterlief. Bei Kurt Wagner und seiner 2019er Bandzusammensetzung funkte es nichtsdestotrotz, wenn mir auch die aktuelle Stimmverfremdungsmarotte des Frontmans nicht so sehr liegt. Ein besonderes Lob gebührt den Tonmeistern: Selbst schräg hinter und nahe der Bühne kam der zumeist leise und differenzierte Lambchop-Sound in all seinen Facetten gut an. Davon abgesehen schienen anders als beim ersten Elbphilharmonie-Konzert der Band im Februar 2017 die allermeisten Zuhörer zu wissen, wen sie da vor sich hatten. Gerade im Großen Saal trägt das sehr zum Gelingen eines Konzerts bei.

Und nun zu etwas ganz anderem: meinem dritten “Blind Date” im Kleinen Saal der Elbphilharmonie nämlich. Da hatte mich das Losglück in die erste Reihe mitten vor die Bühne gesetzt. Eigentlich nicht so mein Ding, das ist mir zu nah, ich sitze grundsätzlich lieber im Rang als im Parkett und überhaupt nicht so gern auf dem Präsentierteller. Bei “Beyond Thrace” entpuppte sich der Platz allerdings als Glückstreffer. Das Quartett besteht aus Jean-Guihen Queyras (Cello), Sokratis Sinopoulos (Lyra) und Bijan und Keyvan Chémirani (Daf, Zarb), und während Queyras eine klassische Ausbildung genossen hat und sowohl mit großen Orchestern als auch in der Kammermusik zuhause ist, sind Sinopoulos und die beiden Chémirani-Brüder der türkischen bzw. persischen Musiktradition zuzurechnen. Allen vieren ist jedoch gemein, daß sie herausragende Musiker sind.

Wer angesichts dieser Zusammensetzung mit einem typischen “West trifft Ost”-Act in der Art “westliche Musik auf orientalischen Instrumenten” erwartet hat, wurde enttäuscht. Der Bogen spannte sich von Nordgriechenland und dem Balkan über die Türkei bis nach Armenien, Persien und Indien und die in dieses Programm eingebauten zeitgenössischen Cellosolostücke dienten dabei lediglich als ergänzende Brückenschläge. Dabei outete sich der Cellist Queyras als “der einzige Analphabet” des Quartetts, da er anders als seine Mitstreiter zumindest streckenweise auf die Unterstützung durch Notenblätter angewiesen war.

Das Publikum war begeistert und ich war es auch. Obwohl ich zugegebenermaßen niemals aus eigener Motivation ein Ticket für diese Veranstaltung gekauft hätte. Auch für den Fall, daß ich mich wiederhole: Was für ein großartiges Format!

Vor ein paar Tagen startete der Vorverkauf für die Elbphilharmonie-Abos (Stand 30. 4. 2019: Es gibt fast überall noch Plätze!), die neben klassischen auch Angebote “für Einsteiger”, “für Abenteurer” und “für Kenner” enthält. Ich habe mich für eine der vier klassischen Reihen entschieden, aber wenn es ein “Blind Date”-Abo gäbe, ich wäre sofort dabei.

In Concert: Emmanuel Ax, Herbert Blomstedt und das NDR Elbphilharmonie Orchester in der Elbphilharmonie

Beethoven und Brahms mit dem NDR Elbphilharmonie Orchester – das klingt erst einmal unspektakulär. Ist es aber nicht, denn das Konzert fand im Großen Saal der Elbphilharmonie statt und wenn ich auch inzwischen fast überall reinkomme, aber an der Kartenbeschaffung für sinfonische (NDR Elbphilharmonie Orchester) bzw. philharmonische (Philharmoniker Hamburg) Konzerte scheitere ich in den allermeisten Fällen immer noch krachend. Dabei habe ich letzten Sommer sogar versucht, ein kleines Philharmoniker-Abo zu ergattern – vergebliche Liebesmüh! In der Rückschau betrachtet hätte ich das vielleicht schon festklopfen sollen, bevor die Philharmoniker in die Elbphilharmonie umgezogen sind. Aber in den Saisons davor saß mir das Geld nicht so locker. Wie es halt ist, wenn man einen sich anbahnenden Jobverlust schon drei Meilen gegen den Wind riechen kann.

Abgesehen davon waren es natürlich auch Herbert Blomstedt und Emmanuel Ax, die diesen Abend zu einem besonderen machten. Herbert Blomstedt dirigierte in der vergangenen Woche vier Konzertabende hintereinander, drei davon in Hamburg und einen in Lübeck, und das im zarten Alter von 91 Jahren. Falls ich im Jahr 2064 dieses Pensum auch nur als Zuhörerin schaffen sollte, werde ich mich sehr glücklich schätzen können. Vorausgesetzt, die Elphi ist dann nicht längst schon unbespielbar. Weil abgesoffen.

Aber zurück zum Programm. Wenn mir demnächst jemand die Frage stellen sollte: “Lieben Sie Brahms?” werde ich antworten: “Wenn er von Herbert Blomstedt dirigiert wird: auf alle Fälle.”

In Concert: Das PianOrquestra in der Elbphilharmonie

Wer erinnert sich noch an die Piano Guys? Die traten im Dezember 2013 sogar in der Laeiszhalle auf, unter anderem mit diesem Titel:

Das hat mir durchaus gefallen, wenn es auch als eine ziemlich (nord-)amerikanische Shownummer daherkam: Die zugegebenermaßen spektakulären Videos liefen parallel zur Livedarbietung auf einer Leinwand mit und dem Publikum wurde überdies nicht vorenthalten, daß alle Mitglieder des Ensembles tiefgläubige Mormonen sind. Allein, die Herren haben sich inzwischen mit ihrem Auftritt bei Donald Trumps Amtseinführung ins Aus geschossen. Schade eigentlich.

Wie komme ich drauf? Ach ja, das “Blind Date” gestern in der Elbphilharmonie! Da stand zunächst ein großer Flügel im Raum und sonst nicht viel anderes, aber dann kamen 5 Menschen mit 10 Händen dazu und führten die Idee mit dem Klavier als Orchester auf ein ganz neues Level. PianOrquestra, gegründet und geleitet vom Pianisten und Perkussionisten Claudio Dauelsberg, stammen aus Brasilien und das hört man sehr deutlich. Nichtsdestotrotz wurden daneben auch ruhigere und Solotöne präsentiert, u. a. von Arvo Pärt, Johannes Brahms und Claude Debussy. Auch beim Auftritt von PianOrquestra, soweit reicht die Parallele noch, spielten Einblendungen und Videoausschnitte mit – ohne die Kamera über dem Flügel hätte man vieles gar nicht mitverfolgen können. Sehr praktisch, gerade auch für die hinteren Reihen. Einzig der tänzerischen Einlagen hätte es meiner Meinung nicht unbedingt noch bedurft. Die Kreativität und Spielfreude von Dauelsberg und seinen vier Mitstreiterinnen sprach für sich.

Mit meiner Begeisterung war ich nicht allein und ich betrachte die “Blind Dates”, sofern möglich, künftig als feste Einrichtung in meinem Konzertkalender. Mein nächstes wird im April 2019 sein.

“Drei Engel für Charlie”? The Show must go on!

Irgendwas ist anders im Foyer des Großen Saals der Elbphilharmonie in dieser Woche. Einigen Treppengeländern sind plötzlich Leuchtstoffröhren gewachsen, seltsame Gerätschaften stehen herum, Bereiche sind abgesperrt, Menschen eilen durch die Menge, die absolut nicht nach Konzertpublikum aussehen. Des Rätsels Lösung: Hollywood goes Elphi – gedreht wird für das anstehende Reboot von “Drei Engel für Charlie” im Kinoformat. Vermutlich eine äußerst lukrative Nebeneinnahme fürs Haus und warum auch nicht. Spektakulär genug ist es ja und wird als Filmlocation sicherlich so einige Begehrlichkeiten geweckt haben.

Währenddessen läuft der Konzertbetrieb unverdrossen weiter und ich war mal wieder mittendrin: Am Montag bei Pierre-Laurent Aimard, Tabea Zimmermann und Adam Walker unter dem Motto “Concord-Sonate – Schwerpunkt Charles Ives” und gestern war es Ólafur Arnalds, der sein neues Album “Re:member” vorstellte. Aber der Reihe nach.

Seit ich den Film “Pianomania” gesehen hatte, wollte ich Pierre-Laurent Aimard spielen sehen und hören. Anlaß der Konzertwahl war also der Künstler, nicht das Programm. Wobei mir Charles Ives, die Hauptperson des Abends, durchaus in Erinnerung geblieben ist, immerhin war sein Werk “The unanswered Question” das allererste Musikstück, welches ich im Großen Saal hörte. Da in der “Concord-Sonate”, obwohl prinzipiell als Klavierstück konzipiert, optional je ein paar Takte Bratsche und Querflöte vorgesehen sind, wurde Aimard von Tabea Zimmermann und Adam Walker unterstützt. Es lag daher nahe, auch die “Sonate für Viola und Klavier op. 147” von Dmitri Schostakowitsch ins Programm zu nehmen und beide Halbzeiten mit je einem Solostück für Querflöte beginnen zu lassen. Mit den Flötentönen von Edgard Varèse und Elliot Carter konnte ich wenig anfangen und für den Schostakowitsch fehlte mir aus unerfindlichen Gründen die Geduld – ja, ich weiß, nicht nett von mir, aber auch beim Zuhören gibt es so etwas wie Tagesform. Dafür zündete der Programmhöhepunkt umso gewaltiger. Charles Ives war Komponist im Nebenberuf, wirtschaftlich unabhängig und scherte sich weder um musikalische Konventionen noch um die Erwartungen des Publikums. Die Bezeichnung “unkonventionell” ist zwar reichlich überstrapaziert und keinesfalls ein Qualitätsgarant. Auf die Musik von Charles Ives trifft sie hingegen ohne jegliche Abstriche zu. Das Programmheft wird der Komponist mit diesem Satz zitiert: “Warum die Tonalität als solche verworfen werden sollte, will mir nicht einleuchten. Warum sie immer herrschen sollte, auch nicht.” Der Mann ist mir sympathisch! Seine “Concord-Sonate” auch, und Pierre-Laurent Aimard mit ihr in seinem pianomanischen Element. Volle Punktzahl – so ungefähr hatte ich mir das vorgestellt.

Ólafur Arnalds live, ohne Kiasmos oder Nils Frahm, nur mit seiner Musik und dazu ausgesuchtem Ensemble, das ist lange her. Das war zuletzt im September 2015, mit Alice Sara Ott und dem “Chopin Project” im kleinen Saal des Laeiszhalle. Schon damals hatte sich Arnalds nicht auf das Chopin-Programm beschränkt und es durch ältere Stücke ergänzt. So auch bei der Vorstellung von “Re:member”. Ich erkannte zweimal “Broadchurch”, zweimal “Living Room Songs” und ein Stück aus “The Chopin Project”; alles, was mich zielsicher durch Zeit und Raum zu katapultieren vermag, war dabei. Bei “Beth’s Theme” habe ich vom ersten Ton an die Gesichter von David Tennant, Olivia Colman und Jodie Whittaker vor der eindrucksvollen Jurassic Coast vor Augen und “Near Light” befördert mich nach all der Zeit immer noch in Sekundenbruchteilen ins Berlin der zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts.

Hauptattraktion sowohl des Konzerts als auch des Albums “Re:member” sind die beiden digital-mechanischen Klaviere, die zu Recht einen prominenten Platz auf der Bühne erhielten.

Die Kurzfassung des Videos, in Anlehnung an des Künstlers Twitterbiographie (per Stand Oktober 2018): “His pianos go bleep bloop”. Das klingt nicht nur zauberhaft, es ist auch ein faszinierender Anblick; insbesondere weil die Klaviere deutlich zeitverzögert auf Arnalds’ Input reagieren. Wie ein stets neu variiertes Echo.

Apropos Echo, ich habe bisher im Großen Saal der Elbphilharmonie selten ein (mehrheitlich) derart auf Bühne und Musik konzentriertes Publikum erlebt. Nach der Zugabe “Lag Fyrir Ömmu” hätte man sekundenlang die buchstäbliche Stecknadel fallen hören können. Der Applaus (Standing Ovations!) setzte erst ein, nachdem sich Ólafur Arnalds aus seiner musikalischen Versunkenheit, die noch eine ganze Weile nach dem Verklingen des letzten Tons angehalten hatte, regte. Das wünschte ich mir für alle Veranstaltungen in diesem Raum.

Auf der Webseite der Elbphilharmonie ist dazu mittlerweile ein sehr hilfreicher Text veröffentlicht worden, auf den man als Konzertbesucher sogar per E-Mail hingewiesen wird (zumindest wenn es sich um eine Veranstaltung der HamburgMusik gGmbH handelt und man die Karten direkt im Webshop gekauft hat). Es scheinen ihn aber bedauerlicherweise immer noch nicht genügend Menschen gelesen zu haben – von Beachten ganz zu schweigen.

In Concert: “Die Frau, nach der man sich sehnt” mit Pascal Schumacher und den United Instruments of Lucilin in der Elbphilharmonie

Ich habe, das ist dem einen oder der anderen vielleicht nicht entgangen, eine besondere Schwäche für Stummfilmkonzerte. Meine besondere Schwäche für Pascal Schumacher hingegen ist weniger bekannt und hat ziemlich viel mit einem sehr aufschlußreichen Abend im Rahmen des Elbjazz-Festivals vor drei Jahren zu tun. Die Kombination von beidem enthält noch einen besonderen Twist, den hier zu erklären allerdings viel zu kompliziert wäre. Ganz abgesehen davon, daß einige der dazugehörigen Details inzwischen sattsam verjährt sind.

Wir wollen uns also weitgehend auf den heutigen Filmabend beschränken. Pascal Schumacher kann Jazz, das wußte ich schon. Pascal Schumacher kann aber auch (Stumm-)Filmmusiken komponieren und ich finde, er sollte das häufiger tun. Und dann bitte auch höchstpersönlich live aufführen. Letzteres sehr gerne wieder mit den United Instruments of Lucilin und vorzugsweise in Hamburg!

Und wenn sich die, hm, Nachwehen des Schumacher-Auftritts beim Elbjazz 2015 nun auch noch wiederholen sollten, ich hätte nichts dagegen. Soweit bin ich immerhin schon wieder, nach drei Jahren.