Ich habe beschlossen: Auch im mittlerweile nicht mehr ganz so neuen Jahr wird es vorerst beim monatlichen Blogrhythmus bleiben. Der hat sich in den letzten Monaten bewährt.
Der Januar, ein normalerweise gefühlt ewig langer Monat, ist irgendwie ganz schön schnell vorbei gewesen. Was den Besuch von Musik- und Kulturevents angeht, habe ich es aber vergleichsweise langsam angehen lassen. Man muss ja nicht gleich in den ersten vier Wochen des Jahres sein ganzes Pulver für den restlichen Winter verschießen. Der ja noch dauern wird: Sechs weitere Wochen hat uns Punxsutawney Phil am Murmeltiertag vorhergesagt.
Olivia Trummer in der Klangmanufaktur
Der erste Konzertbesuch des neuen Jahres führte mich in die Klangmanufaktur. Die Reihe „Kohärenzen“ funktioniert ein bisschen so wie die „Blind Dates“ in der Elbphilharmonie. Man weiß also vorher nicht, was man bekommt. Bisher hatte ich dort ausschließlich Klassik gehört; mit dem Auftritt von Olivia Trummer erlebte ich nun meinen ersten Jazz-Abend in der Werkstatt. Wobei sich auch zu dieser Gelegenheit die Klassik einschlich, vor allem in Gestalt von Johann Sebastian Bach. Das kann gutgehen, muss aber nicht. Hier ging es richtig gut: Eine derart ausgefeilte Fusion von Bachstücken mit Jazzklängen ist mir noch nicht untergekommen. Eine nicht unwesentliche Rolle mag dabei gespielt haben, dass Frau Trummer den Bach wohl auch pur überzeugend hätte vortragen können.
Eines der allerschönsten Stücke der Setlist war jedoch das Cover von Stings „Fragile“.
„Tod in Venedig“ von John Neumeier in der Staatsoper
Im Ballett bin ich ewig nicht gewesen (wenn man den Adventskalender im Foyer der Staatsoper nicht mitzählt). Nun gibt es aber neuerdings statt der einzelnen Newsletter für Ballett, Staatsorchester und Oper einen Staatsoper-Gesamtnewsletter, über diesen Gesamtnewsletter werden Tickets ausgewählter Vorstellungen zum halben Preis angeboten – „Ticketdeal“ nennt sich das – und unter den angebotenen Veranstaltungen war auch die Wiederaufnahme von John Neumeiers „Tod in Venedig“.
In meinem Fall ist die Rechnung der „Ticketdeal“-Erfinderinnen und -Erfinder voll aufgegangen: Das war der perfekte Köder; ich werde künftig öfter ins Ballett gehen müssen. Allerdings ist der „Tod in Venedig“ aber auch wirklich ein phantastisches Stück. Ich habe außerdem genossen, mal nicht ständig darüber rätseln zu müssen, was uns der Künstler mit der Inszenierung sagen will: Jeder, dem die Story der Thomas Mann-Novelle in groben Zügen bekannt ist und der bei der Einführung aufgepasst hatte, konnte der Umsetzung in die Ballettform problemlos folgen. Stattdessen konnte ich mich entspannt auf Feinheiten und Ausführung konzentrieren, vor allem auf die beeindruckenden (um nicht zu sagen: bewegenden) Performances von Edvin Revazov als Gustav Aschenbach und Caspar Sasse als Tadzio.
„Insight Cello“ bei Geigenbau Schellong Osann (Elbphilharmonie)
Auch ich finde ja immer noch Perlen im Elbphilharmonie-Programm, die sich erst auf den zweiten oder dritten Blick erschließen. Zum Beispiel die „Insight“-Reihe, die sich jeweils auf ein Instrument konzentriert und dort stattfindet, wo mit diesem Instrument gearbeitet wird. Bei „Insight Cello“ war dies Showroom und Werkstatt von Geigenbau Schellong Osann am Kaiserkai, unweit des Konzerthauses selbst.

Auf der winzig kleinen Bühne saßen „Rising Star“ Valerie Fritz (Violoncello), Goran Stevanovich (Akkordeon), Hausherr Nikolaus Osann und Moderatorin Anne Kussmaul. Während Cellistin und Akkordeonist sich versiert im Beantworten der Fragen und der eigenen Präsentation zeigten, blieb Nikolaus Osann zunächst einsilbig, um dann im Laufe der Veranstaltung sichtlich aufzutauen und mehr und mehr aus dem Nähkästchen zu plaudern. Davon hätte ich sehr gerne noch sehr viel mehr gehört. In der Kürze der Zeit lernte ich unter anderem immerhin, wieviel ein guter Bogen ausmacht und dass man die drei Millionen Euro eben doch hört, die das von Valerie Fritz gespielte Instrument, angefertigt anno 1744 in der Werkstatt von Giovanni Battista Guadagnini, nach Schätzung von Herrn Osann wohl ungefähr wert ist. Leider sind die „Insight“-Termine meist schnell ausgebucht – nicht nur sind die Kapazitäten teils sehr begrenzt, die Tickets sind auch vergleichsweise günstig. Trotzdem, es lohnt sich, ein Auge darauf zu haben.
„ARENDT. DENKEN IN FINSTEREN ZEITEN“ im Thalia Theater
„Mehr Theater“ hatte ich mir unter anderem fürs neue Jahr vorgenommen und diesen Vorsatz gleich noch im alten Jahr mit einem Kauf einer Karte für „ARENDT. DENKEN IN FINSTEREN ZEITEN“ mit Corinna Harfouch in der Titelrolle ausgeführt. Seit der Vorstellung hatte ich ausgiebig Zeit, über das Gesehene und Gehörte nachzudenken. Fakt ist nämlich, dass mir das Stück nicht besonders gefallen hat. Ich weiß aber nicht genau, warum. Bis heute nicht. Auch das Lesen der teils wohlwollenden, teils vernichtenden Kritiken hat mir nicht dabei helfen können. Falls mir zu einem späteren Zeitpunkt noch etwas dazu einfallen sollte, reiche ich es nach.
Brandee Younger Trio in der Elbphilharmonie
So richtig konnte ich mir die Harfe vor dem Konzert des Brandee Younger Trio im Großen Saal der Elbphilharmonie nicht als Jazzinstrument vorstellen.
Das gelingt mir nun nach dem Konzert erheblich besser. Nur eines hat mich gestört: Brandee Younger hat kaum eine Pause zugelassen und nahezu jede Lücke ihrer Parts mit Arpeggios gefüllt. Weniger wäre an manchen Stellen in meinen Augen (und Ohren) mehr gewesen. Aber das ist wahrscheinlich auch Geschmackssache.
„Die Unruhenden“ von Christoph Marthaler in der opera stabile (Staatsoper)
Eine Premiere, eine Premiere! Mein erstes Mal in der opera stabile. Und dann gleich ein Marthaler! Der Abend stand indes noch bis ungefähr eine halbe Stunde nach dem eigentlichen Vorstellungsbeginn auf der Kippe, weil eine der Hauptdarstellerinnen mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen hatte. Die rund 110 Zuschauerinnen und Zuschauer harrten dennoch unbeirrt aus. Mit Johannes Harneit betätigte sich der musikalische Leiter höchstselbst als Pausenfüller und studierte mit dem Publikum im Schnellverfahren den Anfang des Schlusschors der Auferstehungssinfonie von Gustav Mahler ein: „Auferstehen, ja auferstehen wirst du, mein Staub, nach kurzer Ruh!“. Zeilen, die uns in dem Stück „Die Unruhenden“, das mit einer Verspätung von circa 45 Minuten schließlich doch noch gestartet werden konnte, mehrfach wiederbegegnen sollten.
Mir war aufgefallen, wie sehr in der Einführung – noch eine Premiere: im Chorsaal der Staatsoper! – die Wichtigkeit des Überwindens von Hörerwartungen und -gewohnheiten gerade im Zusammenhang mit Mahler betont worden war. Dabei hätten eventuell enttäuschte Zuhörende schlicht auf den Untertitel achten müssen: „Ein Abend in Zimmerlautstärke“. Oder auch weniger als das: Man musste zeitweise schon ziemlich die Ohren spitzen, um das minimal besetzte Fernorchester überhaupt hören zu können. Den drei oder vier Flüchtenden unterstelle ich aber eher eine Marthaler-Inkompatibilität und ich gebe zu, selbst mir als Fan ist das Stück ein bisschen arg lang vorgekommen. Dabei werden aber auch die speziellen Umstände eine Rolle gespielt haben. Wir saßen da immerhin rund drei Stunden an einem kleinen, mittelgut belüfteten Ort auf mittelbequemen Stühlen und das Dargebotene erforderte eine Konzentration, die zu späterer Stunde vielleicht nicht mehr jede und jeder hat aufbringen können. Hilfreich wäre auch das Studium des Programmhefts vor der Vorstellung gewesen. In diesem erfährt man nämlich unter anderem, dass „Die Unruhenden“ nicht als Abend über Gustav Mahler, sondern als Abend mit der Musik von Gustav Mahler konzipiert ist. Ein himmelweiter Unterschied. Apropos Programmheft: In dem hat mich das Kapitel „Statt Handlung“ beziehungsweise eben diese Überschrift irritiert. Weil ich nämlich eine Handlung erkannt zu haben glaube. Vielleicht habe ich aber bloß erkannt, was ich erkennen wollte? Knifflig. Aber die gute Sorte knifflig.
„Die Unruhenden“ ist übrigens als Auftakt einer Reihe über die sogenannten eigenschöpferischen Intendanten und Generalmusikdirektoren der Hamburgischen Staatsoper gedacht, die den 350. Geburtstag des Hauses im Jahr 2028 vorbereiten sollen. Ich bin gespannt auf die weiteren Teile.


















