Herbstbuntes

Im Sommer kam die Trendwende, aber bis zum Herbst hat es gedauert, bis ich endlich sagen konnte: Es geht mir (wieder) gut!

Weil das keine Selbstverständlichkeit ist und ich mit dem Phänomen bedauerlicherweise alles andere als alleine bin, wird es hier und jetzt ausnahmsweise konkret: Wenn ihr „in einem gewissen Alter“ seid, entweder schleichend oder scheinbar plötzlich gesundheitlich so einiges den Bach runter zu gehen scheint und bei geneigten Zeitgenössinnen als Zugabe die Migräne massiv eskaliert: Sucht euch eine Hausärztin oder Gynäkologin (m/w/d), die sich mit Wechseljahresbeschwerden und deren Behandlung auskennt. Und zwar wirklich auskennt, im Sinne von: Wenn eine Strategie nicht funktioniert, wird nicht mit den Schultern gezuckt, sondern eine andere ausprobiert. Das ist nicht so einfach, ich weiß. Aber es kann den Unterschied zwischen „körperlich/mental wieder fit“ und „lebensunfroh und (nahezu) arbeitsunfähig“ ausmachen.

Soweit dazu.

September

Der September begann mit einem Werkstattkonzert in der Klangmanufaktur, welches bei mir ohne jeden Nachhall verpuffte. Nicht wegen schlechter Tagesform, das Trio bestehend aus Violine, Cello und Flügel hat mich einfach nicht berührt. Kann passieren.

Zur Langen Nacht der Literatur Hamburg hatte ich mir eine Lesung von Burghart Klaußner in der Freien Akademie der Künste Hamburg ausgesucht. Zum einen, weil ich Burghart Klaußner mag und zum anderen, weil ich noch nie im Gebäude der Freien Akadamie der Künste Hamburg war. Klaußner las aus „Ich und die anderen“, den Erinnerungen des Literaturkritikers, Journalisten (FAZ, DIE ZEIT) und ehemaligen Akademie-Präsidenten Ulrich Greiner. Außerdem plauderten die beiden über Greiners Karriere, das Schreiben – was ich bis dahin nicht wusste: Klaußner hat selbst bereits ein Buch veröffentlicht und versucht sich zurzeit an seinen eigenen Memoiren – sowie über dies und das. Die ehemalige Kollegin, die ich zufällig vor Ort antraf, fand, dass sei doch ein recht eitles Geplauder zweier alter, weißer Männer gewesen. Ganz unrecht hatte sie nicht, vor allem Greiner gab sich auf tendenziell unsympathische Art und Weise selbstgefällig (das Wort „standesbewusst“ kam mir in den Sinn). Allein das Buch „Ich und die anderen“ zu betiteln ist ja für sich genommen schon erhellend. Ich fühlte mich trotzdem gut unterhalten. Schon weil Burghart Klaußner einfach ein phantastischer Vorleser ist.

Dem Inhalt und Format entsprechend völlig anders, aber ebenfalls hervorragend war der Vortrag von Joachim Król im Rahmen des Harbour Front Literaturfestival: Unter dem Titel „Momentum – Ein Roger Willemsen Abend“ präsentierte er im Kleinen Saal der Elbphilharmonie die im gleichnamigen Buch erschienenen kurzen und sehr kurzen Texte des 2016 verstorbenen Publizisten, Moderators und Filmproduzenten, der in diesem Jahr 70 Jahre alt geworden wäre. Die mit den Textpassagen eng verwobenen musikalischen Parts besorgten – auch das angemessen hochklassig – Franziska Hölscher (Violine) und Martin Klett (Klavier). Ein gelungenes Gesamtkunstwerk! Wie ich hörte, soll es in Zukunft weitere Termine geben.

Oktober

Semperoper
Semperoper

Die Idee, eines Tages die Semperoper zu besuchen, ist schon viele Jahre alt. Mitte Oktober war es endlich soweit: Mit Schwestern, Schwager und Mutter ging es in die Neuinszenierung des „Falstaff“, der letzten Oper von Giuseppe Verdi. Regisseur Damiano Michieletto hatte den Stoff in die jüngere Vergangenheit transferiert und aus der Titelfigur einen abgehalfterten Rockstar gemacht.

Nicola Alaimo als Falstaff warf sich vollständig in die Situation (wie die geschätzte Frau Novemberregen es ausdrücken würde), was ganz wesentlich zum Gelingen dieser Übung beitrug. Musikalisch überzeugte die Sächsische Staatskapelle Dresden unter der Leitung ihres neuen Chefdirigenten Daniele Gatti. Dieser, so erfuhren wir im Nachgespräch mit Nicole Chirka (Mrs. Meg Page) und Simeon Esper (Bardolfo), hatte an der Ausgestaltung der Inszenierung keinen unwesentlichen Anteil. Wie Esper, selbst US-Amerikaner, mit einiger Belustigung herausstellte war neben der musikalischen Leitung und der Regie auch die Gestaltung des Bühnenbilds und des Lichts in italienischer Hand, zudem waren fünf der zehn Rollen mit Italienerinnen und Italienern besetzt. Italienische Verhältnisse in Sachsen also – der Produktion hat es jedenfalls gut getan. Mit den meisten zeitgenössischen Operninszenierungen, die ich bisher sah, hatte ich Probleme. Weil es in diesen oft zu drastischen Diskrepanzen zwischen Libretto/Musik und dem Narrativ kommt, welches die jeweilige Inszenierung zu vermitteln sucht. Bei diesem „Falstaff“ hat niemand auch nur versucht, gegen das Stück zu arbeiten. Von dem Ergebnis war sogar der bis dato wenig opernaffine Schwager angetan.

Immer noch schwer geflasht bin ich vom Auftritt des Vokalensembles Tenebrae unter der Leitung von Nigel Short im Großen Saal der Elbphilharmonie, eine von vier Veranstaltungen des Schwerpunkts „Arvo Pärt 90“ (gerne hätte ich sie alle besucht, aber das passte zeitlich leider nicht). Für mich überraschend waren es dann aber gar nicht so sehr die Pärt-Stücke, sondern die Interpretationen der Werke von Sir John Taverner und Eric Whitcare, die mich nachhaltig beeindruckten. Das große Finale bildete „Spem in alium“ von Thomas Tallis mit der Prelude „Nulla est finis“ von Unsuk Chin und nicht nur zu dieser Gelegenheit bespielten Tenebrae auch den Raum: Der Chor teilte sich in verschiedene Gruppen auf, von denen einige sich im Zuschauerraum platzierten. In vielen Momenten des Abends hätte ich mir die Atmosphäre und Akustik einer Kirche gewünscht. Andererseits betonte der vielfach als trocken gescholtene Große Elphi-Saal die Präzision des Vortrags. Da kann halt niemand ungestraft schummeln. Oder, wie Mengguang Huang es auf „bachtrack“ formulierte: „When Tallis’ forty-part monument finally rose from this sonic mist, it felt immense yet transparent within the crystalline acoustics of the Elbphilharmonie – an experience with rare structural clarity, unattainable in the resonant haze of normal cathedrals.“

Zum Abschluss des Monats hatte ich ein weiteres „Blind Date“ im Kleinen Saal der Elbphilharmonie, das sich als argentinischer Tango mit dem Sónico Tango Orchestra entpuppte. Dargeboten wurden Kompositionen und Arrangements von Eduardo Rovira und Astor Piazzolla, in der ersten Hälfte zu siebt und in der zweiten als Oktet mit zwei Bandoneon-Spielern. Das Ensemble ist in Brüssel beheimatet, wobei unter den Mitgliedern nur ein Belgier ist (Ivo De Greef am Flügel). Der Rest stammt aus den USA, Spanien, Frankreich und – zumindest ursprünglich – Argentinien.

Und sonst so

Ich war außerdem zum ersten Mal in der Sammlung Falckenberg (zum Tag des offenen Denkmals) und es wird bestimmt nicht das letzte Mal gewesen sein.

Dann staunte ich über Anders Zorn, dem zurzeit eine große Sonderausstellung in der Hamburger Kunsthalle gewidmet ist. Den Bericht darüber muss ich nicht selbst schreiben, sondern kann an Herrn Buddenbohm verweisen, dessen Anmerkungen ich mich voll und ganz anschließe. Mit der Ergänzung, dass nicht nur die Gemälde, sondern besonders die in seinem Beitrag nicht abgebildeten Radierungen Zorns eine Klasse für sich darstellen.

Anders Zorn, Die Kunstsammlerin Isabella Stewart Gardner (1894)
Die Kunstsammlerin Isabella Stewart Gardner (1894)
Anders Zorn, Junge rauchende Frau (ca. 1892)
Junge rauchende Frau (ca. 1892)

Das Kultur- und Musikangebot Dresdens muss ich unbedingt vertiefen und mir bei nächster Gelegenheit vor allem den Kulturpalast näher anschauen. Dieser beherbergt neben der Dresdner Philharmonie die Zentralbibliothek der Sächsischen Bibliotheken Dresden, das Kabaret DIE HERKULESKEULE, das COSMO Wissenschaftsforum und das ZfBK – Zentrum für Baukultur Sachsen. Eine interessante Mischung.

Als Herausforderung entpuppte sich indes die Navigation durch die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden. Wir besuchten die königlichen Paraderäume Augusts des Starken, das Historische und das Neue Grüne Gewölbe (Residenzschloss) sowie den Mathematisch-Physikalischen Salon (Zwinger). Allerdings haben Zwinger und Residenzschloss unterschiedliche Öffnungszeiten und auf der Webseite wird man diverse Male im Kreis geführt, bevor sich einem erschließt, was wo angeboten wird und welches Ticketmodell zu den eigenen Wünschen passt. Hilfreicher war da ein Faltblatt mit Übersichtskarte, welches ich bei Dresden Information am Hauptbahnhof eingesteckt hatte.

Dresdner Zwinger
Dresdner Zwinger
Automat im Mathematisch-Physikalischen Salon
Automat im Mathematisch-Physikalischen Salon

Merke: Für Manches ist Print immer noch unschlagbar!

Sommersonnenwende

Ich traue dem Trend: Es geht aufwärts! Nicht linear, aber immerhin tendenziell. Der Juli ist erreicht und damit auch zwei berufliche Meilensteine, von denen einer hoffentlich zur weiteren Besserung beitragen wird.

In der Zwischenzeit berichte ich über die Monate Mai und Juni.

Mai

Im Mai war ich erstmals bei „Wir sind spät, aber es ist noch heute“, der „MusikFilmLeseBühne“ mit Julia Herrgesell, Herbert Hindringer, Katrin Seddig (Text), Katharina Stiel und Thea Seddig (Film) sowie wechselnden musikalischen Gästen im Nachtasyl. „WSSAEINH ist ein Gesamtkunstwerk, künstlerisches Experiment und Antwort auf ungestellte Fragen, so unterhaltsam wie fordernd, hart aber schön“, so die Beschreibung. Das trifft es sehr gut und das Nachtasyl mit seiner Wohnzimmeratmosphäre plus Bar ist die perfekte Spielstätte dafür. Der Abend im Mai fand im Rahmen des Festivals „Hamburg liest die Elbe“ statt und war daher entsprechend wasser- bzw. elbelastig. Die Musik stammte von Doro Offermann (Saxophon) und ­Maria Rothfuchs (Kontrabass). Insgesamt war es eine sehr abwechslungsreiche, hm, Zusammenstellung? Collage? Ich war jedenfalls nicht zum letzten Mal dabei. Im Juni konnte ich leider nicht, aber wenn ich es richtig gesehen habe, ist der nächste Termin im September.

Meine erste LIGNA-Erfahrung führte mich 2021 in den stillgelegten Kaufhof Mönckebergstraße. Bei „Das Wunder von Hamburg – eine Wallfahrt zum Elbtower und anderen Ruinen“ steigt das Publikum in einen fahrenden Theaterbus und reist zu fragwürdigen Bauprojekten beziehungsweise deren Resten in der Stadt.

Kurzer Olaf
Kurzer Olaf

Neben dem Elbtower, im Hamburger Volksmund mittlerweile auch „kurzer Olaf“ genannt, lagen unter anderem die Esso-Häuser auf St. Pauli, die Europapassage, der Neubau der Gänsemarkt-Passage – eine weitere Benko-Hinterlassenschaft – und der Ort, an dem die Kühne-Oper entstehen soll auf der Route der performativen Stadtrundfahrt. Auch das seit Jahren brachliegende Holstenareal wurde zumindest filmisch berücksichtigt. Ein amüsanter Nebeneffekt der etwas anderen Stadtrundfahrt waren die erstaunten Blicke der Passanten. Wir müssen ein lustiges Bild abgegeben haben; nicht nur passiv zuhörend und zuschauend hinter der Glasfront des umgebauten LKW, sondern auch, entsprechenden Anweisungen über Kopfhörer folgend, auf auf unseren Wegen durch die Europapassage, auf der Straße unterhalb der ehemaligen Karstadt-Brücke und auf dem Platz gegenüber der Elbtower-Baustelle. Allesamt durch das LIGNA-Team poetisch verpackte, aber dessen ungeachtet haarsträubende Stories, aus denen klar wird: Wenn Investoren und Spekulanten mit Versprechungen und Geldern winken, haben nicht nur Bedürfnisse und Wünsche der Stadtgesellschaft allzuoft das Nachsehen, sondern auch die kommunalen Haushalte. Solche Touren ließen sich in vielen Städten problemlos nachbilden, nicht nur in Deutschland. Sie sollten Pflichtprogramm für Entscheidungsträgerinnen und -träger sein.

re:publica 25: Generation XYZ
re:publica 25: Generation XYZ

Über die re:publica 2025 in der STATION Berlin hätte ich unter normalen Umständen einen eigenen Bericht geschrieben.

Digitalminister auf Stippvisite
Digitalminister auf Stippvisite

Auf den ersten Blick stellte sich die Veranstaltung als ein gigantisches, alle Sinne überwältigendes, als Festival getarntes, mediales und politisches Schaulaufen dar. Ich verbrachte den Großteil des ersten Tages meines re:publica-Debuts damit, mich zurecht zu finden. Wo ist was, wie kommt man am Schnellsten von A nach B und zurück? Wie ist die Verpflegungssituation? Wo ist die Kloschlange am Kürzesten? Wie umgehen damit, dass alles vermeintlich besonders Interessante zur gleichen Zeit stattfindet? Wann die Zeit finden, sich mit Leuten zu verabreden?

Ost-West-Begegnung auf der ARD ZDF Media Stage
Ost-West-Begegnung auf der ARD ZDF Media Stage

Die vorläufige Schlussfolgerung, mehr nach Leuten zu gucken und nicht primär nach Themen, habe ich am zweiten und dritten Tag umzusetzen versucht. Überraschenderweise hatte ich mich Ende deutlich mehr mit beruflichen beziehungsweise Studiumsthemen beschäftigt als mit privaten Interessen. Überrascht war ich auch darüber, wie wichtig, ja nachgerade wohltuend das für mich war (Stichwort „Therapiestunde zur Verwaltungsdigitalisierung“). Dabei konnte ich meine ganz und gar privat finanzierte Teilnahme mangels entsprechender Anerkennung bedauerlicherweise nicht einmal als Bildungsurlaub abwickeln.

Keine digitale Sau: Rosalinde
Keine digitale Sau: Rosalinde

Bei einem „Das Festival für die digitale Gesellschaft“ werden naturgemäß hauptsächlich digitale Säue durchs bundeshauptstädtische Dorf getrieben. Aber eben nicht nur. Ein Beispiel war die sehr gut besuchte und ebenso ernüchternde wie ermutigende Podiumsdiskussion „Wer hat Angst vor den Wechseljahren?“ mit Miriam SteinMandy Mangler und Franka Frei (moderiert von Franzi von Kempis).

Podiumsdiskussion: "Wer hat Angst vor den Wechseljahren?"
Podiumsdiskussion: „Wer hat Angst vor den Wechseljahren?“

Weitere Highlights waren Natascha Strobl mit „Vom Schwarzhemd zu TikTok. Postmoderner Faschismus“, Dr. Pop, Diane Weigmann, Ralph Kink (GEMA), Annelie AUFMISCHEN und Nina Fiva Sonnenberg mit „Next Level Sound? Wie KI die Musikwelt verändert“, Vera Magali Keller und Vivian Kube mit „Legal, illegal, scheißegal? – aktivistische Rechtsberatung gegen die europäische Rechtstaatlichkeitskrise“ und Paul Yoshio Steinwachs mit „Pop-Kultur als generationsübergreifender Rettungsschirm: Mit Star Trek, Yoda und Satire gegen den Wahnsinn der Gegenwart“. Gut gefallen hat mir auch die Podiumsdiskussion „Big Tech-Regulierung: Wer setzt unsere Rechte durch?“ mit Klaus Müller (Präsident Bundesnetzagentur), Andreas Mundt (Präsident Bundeskartellamt) und der BfDI Louisa Specht-Riemenschneier unter der Moderation von re:publica-Mitgründer Markus Beckendahl. Die persönliche Begegnung mit „Menschen aus dem Internet“ kam dabei fast ein bisschen zu kurz. Immerhin kann ich nun einigen weiteren Profilnamen Gesichter und Stimmen zuordnen. Es war mir ein großes Vergnügen! Ob ich im nächsten Jahr wieder teilnehmen werde? Noch unklar. Im Prinzip gerne wieder, aber vielleicht nicht jedes Jahr, sondern eher so alle zwei oder drei Jahre? Es wird sich zeigen.

Juni

Sir Simon Rattle hatte ich schon ein paar Mal live erleben dürfen. Aber das BRSO noch nicht, welches sich zu den besten Orchestern Deutschlands und – jedenfalls nach Meinung einer 2023 vom Magazin bachtrack befragten Kritikerinnen- und Kritiker-Jury – auch der Welt zählen darf. Höchste Zeit, das nachzuholen. Allerdings bin ich kein Fan von Pierre Boulez und konnte auch mit dem „Rituel in memoriam Bruno Maderna“ nicht allzu viel anfangen. Von einem meiner Lieblingsplätze in 13 I des Großen Saals der Elbphilharmonie aus kann man aber das Geschehen im Orchester und sowohl die Gestik als auch die Mimik des Dirigenten sehr gut beobachten. Eines haben zeitgenössische Stücke nämlich in der Regel wenigstens: einen hohen Unterhaltungsfaktor. Meistens gibt es reichlich Aktion auf der Bühne (und im Falle des „Rituel“ auch verstreut im Saal: eine der sieben Gruppen, aus denen sich das Orchester in der Partitur zusammensetzt, war hinter den Sitzreihen in 15 Q platziert), oft in Kombination von Tönen, die man nicht immer auf Anhieb auch den erzeugenden Instrumenten zuordnen kann.

Der zweite Teil des Konzertabends bestand aus „Daphnis et Chloé“ von Maurice Ravel und das, so fand ich, war in jeder Hinsicht großartig.

Das letzte „Blind Date“ der Saison entpuppte sich als französisches Ensemble names „The Curious Bards“, welches skandinavische Barockmusik aufführte. Zwar verloren die vier Instrumentalmusikerinnen und -musiker und Ilektra Platiopoulou (Mezzosopran) im Laufe des Konzerts einen kleinen Teil des Publikums, der verbliebene Rest aber ließ sich begeistern. Völlig zu recht. Schon wegen der ebenso charmanten wie dynamischen Moderation Platiopoulous und des für unsere Breiten und Zeiten nicht gerade gewöhnlichen Instrumentariums, darunter eine Hardangerfiedel, eine Nyckelharpa und eine Cister.

Das eine Faszinosum des Juni-Werkstattkonzerts innerhalb der Kohärenzen-Reihe der Klangmanufaktur war der Interpret Erik Breer genannt Nottebohm. Es gibt also tatsächlich immer noch Menschen, die mit einem Genannt-Namen herumlaufen! Das andere war die Werkauswahl, darunter „Variations on Balkan Themes op. 60“ der amerikanischen Komponistin Amy Beach – die Dame war mir bis dahin völlig unbekannt – und „Regard de l’Église d’amour“ von Olivier Messiaen. Vor allem Letzteres: beeindruckend.

Das kann man auch über die Aufführung der „Complete Piano Etudes by Philip Glass“ im Großen Saal der Elbphilharmonie sagen. Die Bühne teilten sich ein Flügel, zehn Klavierbänke und nacheinander zehn Pianistinnen und Pianisten mit teils wild unterschiedlichen Auftritten und Interpretationsansätzen. Man kann Glass nämlich auch wie ein Jazzer (Christian Sands, Etuden #9 und #10) spielen. Oder als japanisches Gesamtkunstwerk (Maki Namekawa, Etuden #19 und #20) aufführen. Schade, dass der Veranstalter es so offensichtlich schwer hatte, den Saal wenigstens einigermaßen zu füllen. Ich hatte mein Ticket sehr früh erstanden in der Erwartung, es würde sehr schnell ausverkauft sein. Das hat sich in diesem Falle nicht ausgezahlt.

Dann war da noch Martin Kohlstedt auf Kampnagel. Erst fühlte ich mich unwohl in Reihe eins; das ist doch ein wenig zu sehr Präsentierteller für meinen Geschmack und ein bisschen nackenstarrig sind die ersten zwei bis drei Reihen in der K6 auch, wenn die Halle bis an die Bühne heran bestuhlt ist. Aber dann war es doch der perfekte Beobachtungsplatz. Wobei es die Nähe nicht braucht, um die Energie zu spüren, die von dort vorne ausgeht. Ich meine das so, wie ich schreibe: von irgendwo auf der Bühne, nicht zwingend ersichtlich von dem Menschen, der auf ihr steht. Man sieht schon, das da etwas passiert und man sieht die Bewegungen. Aber nicht alle Energiestöße sieht man kommen. Bei manchen gibt es keine Vorwarnung.

Jetzt kommt eine Pause bis ungefähr August und dann ist auch schon bald wieder Sommerfestival. Für das ich bisher nur eine einzige Karte habe, weil alles, was ich sonst noch sehen wollte, entweder in meine Urlaubsabwesenheit fällt oder schneller ausverkauft war, als ich gucken konnte (Nesterval – dammit!). Kann also gut sein, dass mein Sommerfestival-Artikel für die 2025er Ausgabe sehr, sehr kurz ausfällt.

Alle Tassen Antifa

Ich möchte an dieser Stelle gerne noch schnell klarstellen, dass ich mich zu den linken beziehungsweise in meinem Fall hauptsächlich grünen Spinnerinnen und Spinnern rechne. Zu diejenigen, die nicht alle Tassen im Schrank haben. Die, die der voraussichtlich nächste Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland knapp vor der Bundestagswahl am vergangenen Sonntag mit dieser Wortwahl noch schnell eben derbe beleidigt hat (von weiteren diskussionswürdigen Begrifflichkeiten dieses Ausbruchs ganz zu schweigen). Im Münchner Löwenbräukeller, of all places.

Eichhörnchen gegen rechts!

Jedenfalls war ich am Tag vor der Wahl noch schnell auf zwei Demos „gegen Rechts“ und auf beiden war die CDU des Friedrich Merz zweifelsohne mitgemeint. Wohlgemerkt und von einer der Rednerinnen auf Demo Nr. 1 auch ausdrücklich betont: nicht die CDU als Ganzes, obgleich man zurzeit von einer Nicht-Merz-CDU bedauerlicherweise nicht viel merkt. Diese Demonstrationen, ich erwähnte es auch schon auf Mastodon und Bluesky, wurden unter anderem organisiert von Fridays For Future, diversen Gewerkschaften, der Caritas und dem Mieterverein, der KZ-Gedenkstätte Neuengamme (!), weiteren zivilgesellschaftlichen und Umweltorganisationen sowie unzähligen Kulturschaffenden.

Lessing gegen rechts!

Ich fühle mich somit in guter Gesellschaft in meinem Schicksal des links und/oder grün verspinnerten nicht alle Tassen im Schrank habens. Fortan als Kompliment zu denken!

Wahrscheinlich würde ich das hier nicht wiederholen, wenn ich nicht auch mitbekommen hätte, dass die Polizei in Bayern neuerdings „Gegen CDU und CSU“ als eigenes Schlagwort für die Einsatzplanung rund um solche Demonstrationen gegen den Rechtsruck verwendet. Und dass die CDU/CSU-Fraktion mit Datum vom gestrigen Dienstag eine kleine Anfrage (BT-Drs. 20/15035) an die noch amtierende Bundesregierung gestellt hat, die 551 Fragen zur „Politischen Neutralität staatlich geförderter Organisationen“ enthält. Darunter befinden sich die „Omas gegen Rechts“, die Amadeu Antonio Stiftung, CORRECTIV, das Netzwerk Recherche, die Deutsche Umwelthilfe, Greenpeace und der BUND. Die jüngsten Proteste gegen die CDU Deutschlands werden als Hintergrund genannt. Als Quelle ist unter anderem ein Meinungsartikel der WELT angegeben, in dem von einem Schattenstaat oder „‚Deep-State‘, wie er im Buche steht“ bestehend aus „angeblichen NGOs“ die Rede ist, „die sich als Vertreter der Zivilgesellschaft und Retter der Demokratie ausgeben, obwohl sie faktisch Fortsetzungen des Staatsapparates verkörpern.“

Hinter einem solchen Verhalten darf man wohl mehr als Wahlkampfgetöse, bloße Rachsucht oder Dünnhäutigkeit vermuten. Dafür passt es zu gut zu dem, was uns schon bekannt ist: aus eigener Vergangenheit, aktuell – wenn auch mittlerweile schon über einen längeren Zeitraum – aus europäischer Nachbarschaft und ganz akut zugespitzt auch aus den USA.

Auftakt mit Hemmnissen

Ich hatte ja gehofft, nach dem erfolgreichen Abschluss des Studiums mit Schwung ins neue Jahr starten zu können. Das hat leider nicht gut geklappt. Dazu tragen Faktoren bei, über die ich mich hier nicht auslassen kann und möchte. Aber es trägt auch die allgemeine Weltlage dazu bei. Nicht wenig sogar. Die unsäglichen Auswüchse des Wahlkampfs. Das Ignorieren, ja, das Diskreditieren hunderttausender Demonstrierender, die der immer offensichtlichere Rechtsruck erneut auf die Straße treibt (waren halt keine Bauernproteste, fehlten halt die Traktoren!). Parallel der Coup in den USA, der hierzulande noch immer nicht hinreichend als solcher erkannt und bezeichnet wird. Vor allem aber, dass vor all dem der unaufhaltsame weil unaufgehaltene Fortschritt der Klimakrise in der öffentlichen Wahrnehmung zu verblassen scheint. Das Thema mit dem denkbar größten Handlungsdruck? Wird zweit- bis drittrangig behandelt. Von Spitzenpolitikerinnen und -politikern ebenso wie von den Medien. Nicht wenige kündigen gar an, hinsichtlich der Klimaschutzmaßnahmen den Rückwärtsgang einlegen zu wollen. Insbesondere bei der Verkehrswende. Die wenigen Ausnahmen scheinen diese Regeln nur zu bestätigen.

Und da soll ich hier unbefangen über Jordi Savall, Julius Asal und das neueste „Blind Date“ in der Elbphilharmonie parlieren? Es fällt zunehmend schwer.

Jedenfalls war das aber der Auftakt meines Kulturjahres. Zuerst präsentierten Jordi Savall, das Orchester Le Concert des Nations, der Chor La Capella Nacional de Catalunya und die Solistinnen und Solisten Giulia Bolcato (Sopran), Elionor Martínez (Sopran), Lara Morger (Mezzosopran), David Fischer (Tenor) und Matthias Winckhler (Bass) Wolfgang Amadeus Mozarts unvollendete Große Messe c-Moll KV 427. Vollendet wurde diese vom italienischen Komponisten Luca Guglielmi, der während des Konzerts auch an der Orgel saß. In der Einführung vor dem Konzert erklärten Savall und Guglielmi detailliert, wie und mit welchen Mitteln und Auszügen aus anderen Mozart-Werken die Lücken in der Messe gefüllt wurden. Das Ergebnis hat mich durchaus überzeugt. Nur an einer Stelle dachte ich: Ja, das ist Mozart oder zumindest mozartlike, aber irgendwie passt dieses Stück von der Stimmung her nicht zum Rest. Leider habe ich mir nicht gemerkt, welcher Teil das war. Es war aber auch nicht so wichtig. Mich hat schon seinerzeit bei Beethovens siebter Sinfonie vor allem fasziniert, wie anders die Interpretationen durch Le Concert des Nations klingen. So viel wärmer und intimer als die von Klangkörpern, in denen moderne anstatt Barockinstrumente verwendet werden. Auch bei Mozart funktioniert das sehr, sehr gut. Das absolute Highlight des Abends war aber La Capella Nacional de Catalunya. Ich glaube sofort, dass sämtliche Sängerinnen und Sänger auch die jeweils zur Stimmlage passenden Solorollen hätten singen können (auch das eine Information aus der Einführung). Und wie jung die alle waren! Was für eine großartige Energie auf der Bühne! Die Investition in die nicht eben günstige Karte in 13 F hat sich sehr gelohnt. Sehr gerne wieder.

Nicht ganz so überzeugt hat mich Julius Asal im Kleinen Saal der Elbphilharmonie ein paar Tage später. Da war ich aber auch nicht so aufnahmefähig; es mag also überwiegend an mir gelegen haben.

Ich bekam immerhin mit, dass der junge Mann gut ist. Vor allem beim Brahms, genauer: der Sonate für Klavier Nr. 3 f-Moll op. 5 in der zweiten Konzerthälfte. Außerdem ist Asal sehr großzügig mit Zugaben. Sowas mag ich.

Beim ersten „Blind Date“ des Jahres war die Bühne bereits vor Konzertbeginn gut gefüllt, unter anderem mit weißen Leinwänden. Leichte Skepsis machte sich im Publikum breit. Was passiert da heute? Malen nach Noten? Performance statt Konzert? Als dann fünf Musikerinnen und Musiker die Bühne betraten und einer von ihnen kunstvoll eine Handpan zu spielen begann, dachte ich: Wow, der ist gut, beinahe so gut wie Manu Delago! Schnell stellte sich heraus: Es war Manu Delago höchstselbst. Ich hatte bloß vergessen, wie der Mann aussieht. Peinlich! Delago war indes nicht allein auf der Bühne, sondern hatte sich mit Mad About Lemon zusammengetan, einem tiroler Gesangstrio bestehend aus Anna Widauer, Mimi Schmid und Valerie Costa. Komplettiert wurde das Ensemble durch Clemens Rofner am Bass.

Hauptsächlich die drei Damen waren es, die die drei Leinwände auf der Bühne im Laufe des Auftritts mit Farbe und Leben füllten. Bald klärte sich auch auf, was es damit auf sich hatte: Individuelle Souvenirs für das Publikum sollten so entstehen, die am Ende der Vorstellung im Foyer ersteigert werden könnten. Außerdem habe man noch einen Vorrat von älteren Werken, die zu einem Festpreis angeboten würden. Eine schöne Idee, die vom Publikum auch rege aufgenommen wurde.

Das sei noch erwähnt: Durch die Songs auf „Snow From Yesterday“, dem gemeinsamen Album von Manu Delago und Mad About Lemon, zieht sich das Motiv Wasser in verschiedenen Aggregatzuständen wie ein roter Faden. Sie handeln auch von der Klimakrise, womit sich der Kreis dieses Eintrags schließt.

The Show must go online (17)

Ich gestehe, ich habe nun endgültig den Überblick über das Kulturstreaming verloren. Dadurch habe ich blöderweise einiges verpasst, was ich gerne gesehen/gehört hätte. Zum Beispiel das Jahresabschlusskonzert des Tingvall Trio am 13. Dezember. Mist!

Noch nicht zu spät ist es dagegen für Chilly Gonzales‘ „A Very Chilly Christmas Special“ auf ARTE Concert (verfügbar bis 21. Januar 2021).

Am zweiten Weihnachtsfeiertag sendet das Philharmonische Staatsorchester unter der Leitung von Kent Nagano ein Weihnachtskonzert aus dem Hamburger Michel (zu sehen auf YouTube).

Am 27. Dezember folgt „Vetrasól“, das Weihnachtskonzert von Árstíðir aus der Fríkirkjan in Reykjavík. Ich hatte Ende letzten Jahres das Vergnügen in München und freue mich daher umso mehr, die Jungs auch einmal in ihrer natürlichen Umgebung erleben zu dürfen. Sei es auch nur vom heimischen Sofa aus.

Wem das alles zu besinnlich ist, der findet eventuell am „Kabarettistischen Jahresrückblick 2020“ gefallen, aufgezeichnet im Mehringhoftheater Berlin.

Oder am Neujahrskonzert von Erobique! Special Guest: das Bo.

Wer „zwischen den Jahren“ Zerstreuung sucht, kann sich beispielsweise im Rahmen der Ausstellung „Karten Wissen Meer – Globalisierung vom Wasser aus“ auf der Webseite des Deutschen Schifffahrtsmuseums eine eigene Seekarte zusammenbauen. Oder einen Blick auf alte Schätzchen der hauseigenen und der Sammlung Perthes Gotha werfen.

Außerdem hat das National Theatre das Bitten und Flehen seines Publikums erhört und bietet nun regulär einen „At Home“-Streamingdienst an. Hurra! Ich habe gleich am ersten Tag ein Abo abgeschlossen, aber seither noch kein einziges Stück angeschaut. Es gab so viel anderes Zeug zu sehen und zu hören! Mein Vorsatz daher für 2021: den Theaterdonnerstag wieder einführen und genüsslich das Archiv leer gucken. Sollte mir nicht allzu schwerfallen.

The Show must go online (15)

Die letzte Kulturveranstaltung, die ich vor dem zweiten Shutdown ab dem 2. November 2020 noch besuchen konnte, war übrigens das „Requiem“ von Wolfgang Amadeus Mozart als Konzertinstallation, stimmgruppenweise eingespielt vom Chor St. Johannis-Harvestude, untermalt von einem Orchester und garniert mit Visuals, beides aus dem Computer. Alles zusammen hat erstaunlich gut funktioniert.

„It will help the ages to mourn“, urteilt Antonio Salieri über Mozarts „Requiem“ in Peter Shaffers Theaterstück „Amadeus“, das den meisten in der Filmadaption von Miloš Forman bekannt sein dürfte. Ich könnte es besser nicht ausdrücken.

Ólafur Arnalds hat am gestrigen Freitag ein neues Album herausgebracht. Einige Stücke aus „some kind of peace“ werden am kommenden Wochenende (13./14. November 2020) im Rahmen eines von den Iceland Airwaves präsentierten Livestream Festivals erstmals live zu hören sein. Außerdem mit von der Partie bei „Live from Reykjavík“ sind unter anderem Emilíana Torrini, Júníus MeyvantÁsgeir und Of Monsters and Men.

In früheren Folgen hatte ich bereits die Online-Inhalte des einen oder anderen Museums erwähnt. In der c’t wurde kürzlich eine ausführliche Liste veröffentlicht. Sie gehört zu einem Artikel, der unter der Kapitelüberschrift „Gesellig & fit trotz Corona“ präsentiert wird. Der Spruch – naja. Reicht jetzt auch damit. Aber die Liste! Erste Klasse.

Ein Lichtblick im hiesigen Novemberdunkel ist, dass die Hamburger Bücherhallen geöffnet bleiben durften. Außerhalb deren Räumlichkeiten und unabhängig von stationären Öffnungszeiten können Inhaber:innen einer Kundenkarte aber auch auf die eBuecherhalle zugreifen. Neben der Onleihe und dem Zugang zu digitalen Zeitungen und Magazinen (pressreader, GENIOS EBIB) stehen dort verschiedene Informationsdienste und Streamingangebote zur Verfügung. Über GENIOS kann man beispielsweise dem Hamburger Abendblatt mit einem Tag Verzögerung zumindest punktuell hinter die Paywall gucken.

Speaking of Streamingangebote: Netflix braucht nun wirklich keine Werbung von dieser Stelle, aber ab 15. November 2020 ist dort die vierte Staffel von „The Crown“ zu sehen und ich finde, dass solltet ihr wissen. Das heißt, falls nicht eh schon bekannt. Ich liebe die ersten beiden Staffeln heiß und innig und musste sie mir folglich als Hardcopy ins Regal stellen. Die dritte hat mich nicht ganz überzeugt, aber der Trailer zur vierten sieht vielversprechend aus.

Wer immer noch meint, die Story sei doch ein alter Hut und nicht der Beachtung wert: Selbst alte Hüte werden wieder spannend, wenn sich jemand dransetzt, der richtig gut erzählen kann. Peter Morgan konnte das schon für die große Leinwand („The Queen“) und fürs Theater („The Audience“) und bekam mit dem Serienformat schließlich die Beinfreiheit, innerhalb des ganz großen viele kleine und mittelgroße Bögen zu spannen. Meisterhaft.

The Show must go online (14)

Was soll ich sagen. Sir Simon Rattle und das Mahler Chamber Orchestra wären es im November gewesen. Und ein weiteres „Blind Date“. Ich wusste schon, warum ich mir den Gutschein für die Digital Concert Hall der Berliner Philharmoniker bis zum Herbst aufgehoben hatte. (Die Zugabe des Konzerts vom 31. Oktober 2020: „4’33“ von John Cage.) Der Vorverkauf für die Dezember-Konzerte in Hamburg soll übrigens wie geplant anlaufen. Ich überlege inzwischen, ob ich noch zugreife oder lieber nicht mehr. Was abgesehen von der allgemein unerfreulichen Lage mittlerweile nämlich auch ganz schön an die Nieren geht: ausgebremste Vorfreude. 

Daniel Hope startet ab kommenden Montag (2. November) eine neue Runde „Hope@Home“ bei ARTE Concert. Diesmal sollen junge, freischaffende Künstler im Fokus stehen, die von den coronabedingten Schließungen und Absagen bekanntlich besonders betroffen sind.

Das NDR Elbphilharmonie Orchester musste sein 75jähriges Jubiläum zwar vor leerem Saal begehen, aber immerhin, es konnte. Das Konzert vom 30. Oktober 2020 ist beim NDR als „Video on Demand“ abrufbar.

Die Nordischen Filmtage 2020 (4. bis 8. November) finden statt als Hybridformat nun komplett im Netz statt. Der Vorverkauf für die Streams startet am 1. November.

Ab 9. November gibt es Tickets für die neueste „In Camera“-Produktion des Old Vic Theatre zu kaufen: Jack Thornes Version von „A Christmas Carol“ wird zwischen dem 12. und 24. Dezember aufgeführt.

Das wird dann wohl spätestens der Moment sein, in dem ich Felicity Cloake’s Mince Pie Masterclass angehe. Letztes Jahr bin ich nicht dazu gekommen.

The Show must go online (13)

Ich fürchte beinahe, es ist ein passender Zeitpunkt, um wieder einzusteigen in meine kleine Serie. Zum Beispiel hätte ich morgen Abend eigentlich in der Laeiszhalle sitzen wollen, um Jordi Savall und seinem Orchester Le Concert des Nations zu lauschen. Beethoven sollte es geben. Leider wurden einige Orchestermusiker positiv auf SARS-CoV-2 getestet. Absage also. Wird wohl nicht die Letzte dieser Art bleiben.

Die Frankfurter Buchmesse ist dieses Jahr digital. Das dürfte den meisten Leser:innen des Susammelsuriums bereits bekannt sein. Viele der präsentierten Inhalte werden nicht nur live gestreamt, sondern sind nachträglich noch in diversen Mediatheken abrufbar. Zum Beispiel die Präsentation von Chilly Gonzales‚ Buchdebut „ENYA – A Treatise on Unguilty Pleasures“ (auf ARTE Concert).

Und wenn man einmal dabei ist, kann man sich auch gleich die Doku „Shut up and play the piano“ anschauen. Auch bei ARTE.

The Show must go online (12)

Während allerorten die ersten mehr oder weniger gelungenen Versuche starten, den Kulturbetrieb mit Publikumsbeteiligung wieder aufzunehmen, wird schon aufgrund der drastisch geringeren Platzkapazitäten das Online-Angebot dennoch nicht kleiner. Abgesehen davon zahlt es sich sehr wahrscheinlich aus, diesbezüglich am Ball zu bleiben. Denn die Infektionszahlen steigen wieder und wie sich die Lage im Herbst entwickeln wird, ist schwer vorherzusagen.

Aber noch ist Sommer und ein Spektakel, das im Hamburg untrennbar zu dieser Jahreszeit gehört, sind die Wasserlichtkonzerte in Planten un Blomen. Auch sie werden in diesem Jahr ins Netz verlegt.

Ich war ja auch schon im Haus der Orgelspieler (und fand es ziemlich spannend).

Gestern haben die Bayreuther Festspiele begonnen. In einer drastisch abgespeckten Version, aber immerhin. Geplant ist die Inszenierung der Werke Wagners als Gesamtkunstwerk mit coronakompatiblen Live-Darbietungen, Archivaufnahmen und Sondersendungen – online, bei BR-KLASSIK und bei 3sat. Zusammen mit dem Partner Deutsche Grammophon wurden zudem die virtuellen Festspiele ins Leben gerufen. Parallel zum ursprünglich geplanten Spielplan werden Archivaufnahmen gezeigt, die Ticketinhaber jeweils für 48 Stunden abrufen können. Kostenpunkt je Ticket: 4,90 Euro.

Nicht in erster Linie, aber auch online ist das vom Land Schleswig-Holstein ins Leben gerufene Kulturfestival Schleswig-Holstein präsent. Vom 13. bis 25. Juli 2020 war ein Kulturtruck unterwegs, ab 27. Juli 2020 startet das reguläre Programm. Bis Ende Oktober 2020 sind über 90 Veranstaltungen geplant. Bewerben können sich neben Künstlerinnen und Künstler aus den Bereichen Musik, Theater, Tanz, bildende Kunst, Film, Literatur und Kleinkunst auch Veranstaltungslocations. Die Palette der bereits veröffentlichten Termine reicht vom Jazzabend in Dithmarschen über die Krimilesung in Kiel und den Poetry Slam in Wohlde bis hin zur Schlagernacht in Leck.

Währenddessen hat das Old Vic in London die zweite „In Camera“-Inszenierung angekündigt. Trotz der technisch bedingten Abzüge in der B-Note, die ich bei der Premiere vornehmen musste, konnte ich auch dieses Mal nicht widerstehen und habe eine Karte erstanden. Das Stück heißt „Three Kings“ und wurde eigens für die „In Camera“-Reihe geschrieben. In der einzigen und Hauptrolle: Andrew Scott. Ich habe mich für die Donnerstagsvorstellung entschieden, denn durch die nach 16 gezeigten Stücken (von denen ich 15 gesehen habe, und zwar jeweils am Premierentag) inzwischen leider beendete „National Theatre at home“-Reihe hat sich der Donnerstag bei mir mittlerweile als Theatertag verfestigt. Das Savoy hat zwar bei der Aufnahme des Spielbetriebs auch wieder „English Theatre on screen“-Vorstellungen ins Programm genommen. Aber bisher gab davon es nur eine und das Stück kannte ich schon.

The Show must go online (11)

Schnellen Schrittes geht es auf Mittsommer zu. Höchste Zeit, sich dem Thema Festivals zu widmen.

Die bekanntermaßen bis Ende August größenteils nicht in gewohnter Form stattfinden können – den neuesten Meldungen zufolge sogar bis Ende Oktober nicht.

In ungewohnter Form, nämlich bei ARTE und online, geht daher an kommenden Wochenende das Hurricane an den Start.

Bereits am 9. Juni hatte das Team des Schleswig-Holstein Musik Festivals den „Sommer der Möglichkeiten“ ausgerufen. Auch hier ist ein Mix aus TV- und Radioübertragungen, Onlineangeboten sowie – sofern möglich – einzelnen Live-Konzerten geplant. Das Eröffnungsfest wird am 5. Juli 2020 auf 3sat (20:15 Uhr) und NDR Kultur (20:05 Uhr) übertragen. Daniel Hope wird ebenfalls wieder dabei sein – „Hope@Home“ ist mittlerweile „on Tour“ gegangen. Was mich in diesem Zusammenhang besonders freut: Auch Klarinettist und Jazzpianist Ilja Ruf zählt zu den Gästen des Lübeck-Musikfests. Sein erfolgreicher Auftritt beim Auswahlkonzert für den „Steinway Förderpreis Jazz“ im November 2017 hatte mich nachhaltig beeindruckt. Nicht zuletzt deshalb, weil Ruf dieses im zarten Alter von gerade einmal 16 Jahren und einer beneidenswerten Souveränität bestritt.

Der NDR hat in der Zwischenzeit einen weiteren Aktionstag ausgerufen: Unter dem Stichwort „Kultur trotz Corona – Der Festivalsommer“ zeigt das NDR-Fernsehen vom 20. auf den 21. Juni 2020 eine lange Nacht der Festivals. Auf NDR.de wird dazu am 19., 20. und 21. Juni 2020 jeweils ab 14 Uhr Archivmaterial gestreamt. Das Thema Festival bleibt über das Aktionswochenende hinaus bis in den September auf NDR.de präsent.

Kein Festival, aber zweifelsohne eine Besonderheit unter den Corona-Livestreams wird das „Concierto para el Bioceno“ werden, welches am 22. Juni 2020 ab 17 Uhr auf dem YouTube-Kanal von des Gran Teatre del Liceu in Barcelona verfolgt werden kann. Das Konzert wird nämlich vor rund 2.300 Topfpflanzen aufgeführt, die anschließend als Dankeschön an Beschäftigte des Gesundheitswesens gespendet werden. Auf dem Programm steht das Streichquartett „Crisantemi“ von Giacomo Puccini. Mein aus Heimarbeitsgründen aus dem Büro evakuierter Ficus und ich gucken bestimmt mal rein.