Februar

Nun ist der Februar auch schon Geschichte. Trotz kalt und dunkel: Das geht ja doch immer schnell. Und ein bisschen Kultur gab es auch.

Olga Neuwirth/Elfriede Jelinek: „Monster’s Paradise“ in der Staatsoper Hamburg

„Monster’s Paradise“ ist die zweite Inszenierung von Tobias Kratzer in seiner Rolle als Intendant der Hamburgischen Staatsoper und die erste Uraufführung. Olga Neuwirth und Elfriede Jelinek, so erfuhr ich in der Einführung durch Dramaturg Christopher Warmuth, hatten eigentlich keine Oper mehr schreiben wollen. Das Stück sei als Alterswerk zu deuten, in dem sich die Erkenntnis der eigenen Ohnmacht gegenüber dem Zustand der Welt manifestiere. Zum Ausdruck käme dies insbesondere in der Schlussszene, in der die zwei der Komponistin und der Librettistin nachgebildeten Hauptfiguren Vampi und Bampi auf einem Floß in einer überschwemmten Welt an einem schlimm verstimmten Flügel ein Schubert-Duett spielen, der Flügel sich aber mehr und mehr selbstständig macht – die Kontrolle über die Ereignisse gleite ihnen buchstäblich aus den Händen.

Zuvor hatten Vampi und Bampi als unsterbliche Beobachterinnen des Weltgeschehens vergeblich versucht, einen in der Manier eines Donald Trump regierenden, despotischen und golfkartfahrend die Natur zerstörenden König-Präsidenten zu töten. Der wird letztes Endes von Gorgonzilla gefressen, einem Seeungeheuer, das aus einem Kernkraftwerksunfall entstanden war (und aus rechtlichen Gründen nicht Godzilla heißen durfte). Von der Grundidee her hätte mir das alles durchaus gefallen können und einzelne Teile davon haben es auch. Georg Nigl war zum Beispiel super als König-Präsident und Charlotte Rampling großartig als an die Seitenwände des Saals projizierte Goddess. Die Schlussszene auf dem Floß war berührend, auch wenn mir der Sound des verstimmten Flügels beinahe körperliche Schmerzen bereitet hat. Aber beim Anblick der absurden Szenerie des unmissverständlich dem Weißen Haus nachgebildeten Regierungssitzes des König-Präsidenten ist mir das Lachen zumeist im Hals stecken geblieben. Das Amüsement über den vermeintlichen Clown im Präsidentenamt hat sich doch ziemlich abgenutzt. Zeitweise hat mich auch die Musik genervt. Schwierig, wenn eine textlastige Oper auch noch musikalisch so dicht ist (man solle gar nicht erst versuchen, die zahlreichen Anspielungen und Zitate zu identifizieren, hatte Warmuth in der Einführung geraten). Mir kam zwischendrin der Gedanke, dass „Monster’s Paradise“ als reines Theaterstück möglicherweise besser funktioniert hätte. Wobei ich andererseits nicht die einzige bin, die das Libretto, naja, dünn fand. Schon bei der Namensfindung für die beiden Hauptfiguren hätte Jelinek sich etwas mehr Mühe machen können. Oder sollte das vielleicht so sein? War das der ultimative Mittelfinger? Nach dem Motto: „Guck mal, ich texte hier irgendeinen Unsinn und die verkaufen das dann als hohe Kunst?“ Kurzum: Es war spektakulär inszeniert und spannend anzugucken und ich bereue nicht, das Geld für die Karte ausgegeben zu haben. Aber überzeugt hat mich das Werk in seiner Gesamtheit nicht.

„Nils 70 – A Birthday Celebration“ in der Elbphilharmonie

Nils Landgren hatte sich den Großen Saal der Elbphilharmonie ausgesucht, um in seinen 70. Geburtstag hineinzufeiern. (Beziehungsweise er wurde ihm wahrscheinlich ausgesucht – egal, passt schon.) Mit ihm standen zunächst Teile der Symphoniker Hamburg auf der Bühne, daneben sein „aus Schweden mitgeschlepptes“ Trio bestehend aus Joel Lyssarides (Klavier), Lars Danielsson (Bass) und İkiz (Schlagzeug). Für einige Stücke kam Sängerin Ida Sand dazu. Nach einem etwas verhaltenen Beginn in der ersten Hälfte (Stücke von Leonard Bernstein) steigerten sich Landgren und seine Mitstreiterinnen und Mitstreiter von Song zu Song, um dann in der in der zweiten Hälfte (Songs aus dem neuen Album „Love of my life“), in der auch das komplette Orchester auf die Bühne kam, richtig aufzudrehen. Ich mag Nils Landgren grundsätzlich ja lieber Posaune spielen als singen hören. Nur wird dummerweise bei jedem weiteren Landgren-Konzert, das ich besuche, gefühlt weniger Posaune gespielt und mehr gesungen. Toll ist es trotzdem immer und die Kombination mit dem Orchester gab dem eh schon besonderen Abend eine extrabesondere Note. Die von Schlagzeuger İkiz geteilten Szenen aus Proben, Soundcheck und den eigentlichen Konzerten vermitteln davon zumindest einen kleinen Eindruck.

Meine persönlichen Highlights waren alle Instrumentalstücke (aus genanntem Grund), „One day I’ll fly away“ (im Original gesungen von Randy Crawford) und „Somewhere“ (aus „West Side Story“). Angeblich war übrigens auch der Bundespräsident nebst Gattin anwesend. Gesehen habe ich die beiden nicht, aber ich saß dieses Mal auch sehr weit von den Promiplätzen entfernt.

„Blind Date“ mit in der Elbphilharmonie

Als Februar-„Blind Date“ entpuppten sich die Herren Thomas Dunford (Laute) und Nicolas Altstaedt (Cello). Geboten wurden Werke von Marin Marais, Antoine Forqueray, Johann Sebastian Bach und Henri Duparc und das sehr überzeugend.

Anders als beim „Prinsengrachtconcert 2022“ waren die beiden Musiker im Kleinen Saal der Elbphilharmonie nicht elektronisch verstärkt. Dabei fällt dann schon auf, wie leise so eine Laute eigentlich ist. Fast ein bisschen zu leise für das Cello, was in der Kombination vielleicht besser eine Viola da Gamba gewesen wäre? Aber die wäre ja auch wieder sehr leise gewesen. Jedenfalls musste ich in Reihe 7 zeitweise ganz schön die Ohren spitzen. Wie viel wohl die Zuhörer in den letzten Reihen noch mitbekommen haben?

Nach dem überwiegend barocken Hauptprogramm kamen die beiden Zugaben „Blackbird“ (The Beatles) und „Spiegel im Spiegel“ (Arvo Pärt) unerwartet. Aber wie zauberhaft, beides auf seine Art! Große „Blind Date“-Liebe, mal wieder.

Philippe Quesne: „Le Paradoxe du John“ auf Kampnagel

Als ich den Newsletter mit der Ankündigung des Stückes las, kam mir bei dem Namen Philippe Quesne spontan das Wort „Maulwurf“ in den Kopf. Aber woher das kam, war mir zunächst schleierhaft. Dann fiel mir wieder ein, warum ich blogge. Also, in der Hauptsache. Denn das Susammelsurium ist letztlich nicht viel mehr als ein Tagebuch meiner Musik- und Kultureventerlebnisse, das mir vor allem als Gedächtnisstütze gute Dienste leistet. So auch im Fall Quesne: Ich hatte beim Sommerfestival 2017 „Die Nacht der Maulwürfe“ gesehen und für zumindest interessant befunden. Im Gegensatz zu den Maulwürfen ist „Le Paradoxe du John“ alles andere als derb. Die meiste Zeit überwogen auf der Bühne leise und sehr leise Töne. In einer Art Fortsetzung des Stücks „L‘Effet de Serge“ wird erzählt, wie eine Freundin zusammen mit einer Gruppe von Künstlerinnen und -künstlern die Einrichtung einer Galerie in Serges ehemaliger Wohnung vorantreibt. Quesne nimmt dabei Entstehung, Verwandlung und Zerstörung zeitgenössischer Kunstwerke und Performances und dabei vor allem die (übertriebene) Ernsthaftigkeit der Kunstschaffenden aufs Korn, zur großen Erheiterung des Publikums. Gekonnt kontrastiert wird diese Karikatur durch Texte von Laura Vazquez, einer 2023 mit dem „Prix Goncourt für Dichtung“ ausgezeichneten französischen Dichterin und Schriftstellerin. Entscheidend dafür war, dass die deutsche Übertitelung der französisch-englischen Vorstellung gut funktionierte, was sie auch tat. Fast ganz zum Schluss traten noch eine Handvoll nicht-humaner, mit Gesten, Quietsch- und Brummlauten kommunizierender Wesen in den Mittelpunkt der Erzählung. Anders als viele der übrigen Anwesenden war ich nicht ganz überrascht, hatte ich doch zwischendrin schon bemerkt, dass sich einige der verhüllten Gestalten im rechten hinteren Bühnenbereich nicht vollkommen reglos halten konnten. Wer oder was sich unter der Kostümierung verbarg, wurde auch beim Schlussapplaus nicht aufgelöst und blieb damit rätselhaft. Wie übrigens auch die Frage nicht beantwortet wurde, wer eigentlich dieser John ist. Aber damit konnte ich gut leben. Wie auch überhaupt mit dem Stück.

Eine ganz anders geartete Inspiration für künftige Erlebnisse ergab sich im Vorfeld des Einlasses in die K2. Parallel war nämlich in der K6 mit Choke Hole eine Drag-Wrestling-Truppe aus den USA zu Gast. Dementsprechend trafen im Foyer Welten aufeinander. Ich gebe zu, „Extreme Drag Wrestling“ gehört nicht unbedingt zu meinem Beuteschema. Mehr noch, dieses doch sehr spezielle Sub-Genre war mir bis gestern Abend sogar vollkommen unbekannt. Aber das Drumherum sah wirklich extrem bunt und lustig aus und die Stimmung in Foyer und Halle war mehr als bombig. Vielleicht doch mal im Blick behalten!

The Show must go online (10)

Hatte ich eigentlich erwähnt, dass die „Harry Potter“-Vorstellung in London, für die ich eine Karte hatte, inzwischen abgesagt wurden? Nein? Immerhin war das Geld in Rekordzeit zurück auf meinem Kreditkartenkonto. Den Hauptteil davon habe ich eh längst in die britische Theaterlandschaft reinvestiert – passt also. Mit den Philharmonikern bin ich ebenfalls quitt – das war vorbildlich! -, aber auf die Erstattungen der Elbphilharmonie warte ich noch immer und von Ticketmaster fange ich besser gar nicht erst an.

Indes fordert die anhaltende Veranstaltungsmisere die ersten Opfer in Hamburg: Die Theaterkasse Schumacher, älteste Vorverkaufsstelle der Hansestadt, wird im 117. Jahr ihres Bestehens das „Geschäftsfeld ‚Vermittlung und Verkauf von Eintrittskarten‘ ab dem 30. Juni 2020 weitestgehend einstellen.“

Aber es gibt auch hoffnungsfrohe Nachrichten. Die Initiatoren von „Keiner kommt – alle machen mit“ legen nach: „Eine(r) kommt, alle machen mit“ soll „ein Ständchen für die Helfer*innen werden“ und kommt am 18. Juni 2020 als Streaming-Live-Show aus der Elbphilharmonie, zu sehen unter anderem beim Stern, der Mopo und auf hamburg.de.

Die Hamburger Symphoniker haben sich derweil Gustav Mahlers „Lied von der Erde“ vorgenommen und präsentieren unter dem Titel „Die liebe Erde allüberall“ zwischen dem 20. und 28. Juni 2020 an sechs Abenden auf www.symphonikerhamburg.de musikalische Collagen live aus der Laeiszhalle, flankiert von philosophisch-poetischen Kommentaren, Videokunst und einer durch künstliche Intelligenz geschaffenen Bildwelt. Am letzten Abend wird „Das Lied von der Erde“ selbst aufgeführt – coronagerecht von 16 Musikern in der Kammerorchesterfassung von Schönberg/Riehn. Zu den musikalischen Gästen zählen unter anderem Martha Argerich und Andrei Ioniță.

Auch für den Fall, dass der eine oder die andere genervt mit den Augen rollt, aber ich muss an dieser Stelle noch ein weiteres Mal die Werbetrommel für National Theater at home rühren. Vorgestern wurden die vorerst letzten fünf Termine angekündigt, darunter auch „A Midsummer Night’s Dream“ in einer Produktion des Bridge Theatre mit Gwendoline Christie als Titania. Ich hatte letztes Jahr bereits im Rahmen der Reihe „English Theatre“ im Savoy das Vergnügen und kann die Inszenierung daher aus voller Überzeugung empfehlen. Wer sich von euch für (englisches) Theater, Shakespeare im Allgemeinen, den „Sommernachtstraum“ im Speziellen oder Gwendoline Christie interessiert (Mehrfachnennungen möglich): unbedingt anschauen! Wer sich in dieser Auflistung nicht wiedergefunden haben sollte, aber einigermaßen der englischen Sprache mächtig ist: Guckt einfach mal rein und ihr versteht vielleicht, warum ich von dem Thema nicht lassen kann. Die Premiere ist am 25. Juni 2020 um 20.00 Uhr (MESZ) und der Stream danach noch für eine Woche auf dem YouTube-Kanal des National Theatre abrufbar.

Aus Folge 9 dieser Serie möchte ich noch nachtragen, dass Mark Haddon das Reh (den Hirsch?) in seiner Graphic Short Story „Social Distance“ definitiv nicht als Patronus gedacht hat. Das war meine Phantasie, nicht seine. Ich habe es aus erster Hand: Er schrieb mir auf Twitter. Ein Grund, warum ich das liebe, was man gemeinhin Social Media nennt (und immer fleißig die Blogbeiträge in den diversen Kanälen verlinke).

Chorstafette

Da ist dieses eine Mitglied des Hamburger Mendelssohnchors, eine ehemalige Kollegin, die mir seit Jahren hartnäckig immer wieder per Postkarte Informationen zu dessen Konzertprogramm weiterleitet. Bis vor kurzem leider ohne Erfolg. Peinlich genug, sind mir doch insgesamt drei Chormitglieder – darunter ein weiterer ehemaliger Kollege – und die Chorleiterin persönlich bekannt. Aber in diesem Jahr passte es endlich einmal; von den drei zur Auswahl stehenden Terminen allerdings nur der in der Paul-Gerhardt-Kirche. Wesentlich näher wäre die Kreuzkirche Alt-Barmbek gewesen, und zwar nicht nur für mich, sondern auch für das Mitglied des Chors St. Johannis, welches mir vor Ort in Altona unverhofft über den Weg lief – wir wohnen nämlich beide in Barmbek Nord und kennen uns über einen Herrn, der beinahe mein Kollege geworden wäre.

Durch diese Begegnung kam ich in den Genuss eines weiteren Chorkonzerts, das gestern in St. Johannis-Harvestehude stattfand. Dort traf ich zufällig das eingangs erwähnte Mitglied des Mendelssohnchors, das spontan eine mir ebenfalls bekannte Freundin begleitete, die wiederum, man wird es mir kaum glauben, eine Karte für den Platz neben mir auf der Empore hatte.

Heute Morgen schließlich war das nämliche Mitglied des Mendelssohnchors meine Begleitung beim 1. Morgen Musik-Konzert „Fensterkreuz“ der Hamburger Symphoniker unter der Leitung von Sylvain Cambreling. Die Karten hatte ich ausnahmsweise nicht gekauft, sondern vor einigen Wochen über den Symphoniker-Newsletter gewonnen. Das Programm war außergewöhnlich – und außergewöhnlich chormusiklastig. Zu hören war die Europa Chor Akademie Görlitz, unter deren Gründer und Leiter Joshard Daus ich vor etlichen Jahren als kleinstes Licht im Chor des Lippstädter Musikvereins die „Schöpfung“ singen durfte.

Hattrick komplett, Kreis geschlossen. Fürs Erste zumindest.

Oh, und musikalisch? Die ganze Bandbreite. In Altona „Eine Winterreise zwischen Romantik und Pop“, in Harvestehude Duke Ellingtons „Sacred Concert“ (mit Big Band, einer sensationellen Steptanzeinlage und der noch sensationelleren Solistin Rita Maria) und zuletzt in der Laeiszhalle „Perlen der Chormusik“ von Mozart, Tschaikowsky, Szymanowski und Strawinsky, kontrastreich kombiniert mit Sufi-Gesang von Aïcha Redouane und dem Ensemble Al-Adwâr. Einige Konzertbesucher hatten hör- und sichtbar Schwierigkeiten mit den ungewohnteren Klängen des Programms, wobei die Grenze für manche offenbar gleich hinter den Mozartstücken lag. Innerlich seufzend erinnerte ich mich an ähnliche Reaktionen aus vergangenen Symphoniker-Konzerten. Da ist noch Luft nach oben – beim Publikum, wohlgemerkt, nicht etwa beim Orchester oder seinem Chefdirigenten. Das gilt, wie ich seit heute weiß, nicht nur für die von vorzugsweise durch Abonnenten belegten Plätze der Preisklassen 2 und 3 im 1. Rang, sondern auch für die Beletage im Parkett.

Wie dem auch sei, so viel Chormusik wie in den letzten Wochen habe ich seit Jahren nicht gehört. Und dabei gleich einiges gelernt, z. B. dass es von so unterschiedlichen Komponisten wie Duke Ellington und Peter I. Tschaikowsky Kirchenmusikwerke gibt. Schlagt mich, aber das war mir neu!

Das nächste Konzert ist wieder mit Klavier und Elektronik und ich weiß schon, welcher der üblichen Verdächtigen aus der örtlichen Neigungsgruppe neben mir sitzen wird. Langweilig wird es deshalb bestimmt nicht. Und wer weiß, vielleicht sitzt auf dem Platz auf der anderen Seite neben oder hinter mir der Beginn der nächsten Stafette durchs Hamburger Musikdorf.

Klavier hoch zwei

Hier fehlt noch etwas, nämlich wenigstens ein Kurzbericht über zweimal Klavier.

Schon vor einer Woche präsentierte Martin Tingvall sein neues Soloalbum „The Rocket“ im Kleinen Saal der Elbphilharmonie, zum ersten Mal live und obendrein vor heimischen Publikum, und gestand ganz offen seine Nervosität ob dieser Kombination ein. Die man auch tatsächlich hören konnte, da war noch nicht alles im Flow. Was zugegebenermaßen Jammern auf sehr hohem Niveau ist und sich zudem mit der Zeit von selbst erledigen wird. Auf alle Fälle hätte ich gerne mehr Soloauftritte von Martin Tingvall.

Womit ich aber ausdrücklich nichts gegen das Trio gesagt haben will! Wir merken uns schon einmal den 18.12.2019, da gibt’s nämlich wieder ein Jahresabschusskonzert in der Fabrik.

Tags zuvor hatte ich noch bei Martha Argerich und den Hamburger Symphonikern in der Laeiszhalle gesessen. Ich hatte mir aus den diesjährigen Festivalkonzerten ganz bewusst eines mit Sylvain Cambreling ausgesucht, wohl wissend, dass der Star des Abends und des Festivals vermutlich wieder nur einen kleinen Teil des Programms bestreiten würde. Die Rechnung ging auf: Von der ersten bis zur letzten Note war das alles ganz phantastisch. Und dass Martha Argerich aufgrund einer gerade erst überstandenen Bronchitis und der stickigen Luft in der so gar nicht klimatisierten Laeiszhalle etwas angeschlagen wirkte, konnte man zwar ahnen, aber nicht hören.

Das nächste Klaviervergnügen wird wieder ein ganz anderes, nämlich eins mit Bodo Wartke im Thalia Theater.

Sylvain Cambreling und die Hamburger Symphoniker in der Laeiszhalle

Da wollte ich mir nun doch auch einmal den neuen Chefdirigenten der Hamburger Symphoniker in Ausübung seiner neuen Funktion anschauen. Wobei ich Sylvain Cambreling schon einmal vor den Symphonikern erlebt hatte, und zwar in der öffentlichen Generalprobe zum 2. Symphoniekonzert „Le Double“, Anfang Oktober 2017. Der Auftritt erzeugte bei mir Spontansympathie schon deshalb, weil Cambreling sich nicht zu fein dafür war, das spärlich vorhandene Publikum während der Probe anzusprechen. Ich erinnere mich außerdem noch sehr gut an den sensationellen Solisten (das war Andrei Ioniță am Cello) und an Claude Debussys „La Mer“ (mit Debussy kriegt man mich ja immer).

Da schien schon damals die Chemie zu stimmen, sowohl zwischen Orchester und Dirigent, als auch zwischen diesen und dem Publikum. Dieser Eindruck bestätigte sich bei meinem Besuch in der Laeiszhalle in der letzten Woche voll und ganz. Die erste Programmhälfte, französisch und opernlastig, hat mir dabei besser gefallen als Schumanns „Rheinische“, aber das schlage ich zum größten Teil meinem Geschmack und meiner Tagesform zu. Davon abgesehen war es schon schön, die „Rheinische“ zur Abwechslung mal in voller Länge gehört zu haben. Als (Nordrhein-)Westfälin ist mir vor allem der Auszug bekannt, der seit gefühlten Urzeiten als Titelmelodie der WDR-Sendung „Hier und Heute“ dient.

So begeistert war ich, dass mich selbst die schräg hinter mir in vernehmlicher Lautstärke geflüsterten Kommentare zum Geschehen nicht irritieren konnten. Immerhin beschränkte sich der Herr im fortgeschrittenen Alter auf musikalisch Relevantes, wie beispielsweise unmittelbar nach Verklingen des letzten Tons der Suite aus „Pelléas et Melisande“: „Das war’s! Pelléas ist tot!“ Wobei das Stück „Mort de Mélisande“ heißt, aber so genau muss man es in diesem Fall nicht nehmen – am Ende des Stücks sterben nämlich beide.

Der Zusammenarbeit zwischen Sylvain Cambreling und den Hamburger Symphonikern sei dagegen ein langes Leben beschert. Der Mann ist ein sehr guter Fang!

Martha Argerich und Daniel Barenboim in der Laeiszhalle

Als mittlerweile regelmäßige Besucherin von klassischen Konzerten weiß ich inzwischen, wie der Hase läuft: Wenn Stars zusammen mit einem Orchester angekündigt werden, bestreiten sie höchstens einen kleinen Teil des Programms. Sol Gabetta spielt Schostakowitsch und verschwindet anschließend, um dem NDR Elbphilharmonie Orchester mit Dvořáks neunter Sinfonie das Feld zu überlassen, bei Daniel Hope ist es Alban Bergs Violinkonzert, der Rest des Abends gehört den Philharmonikern und Johannes Brahms.

Dass allerdings beim Konzert vorletzte Woche in der Laeiszhalle zu Anfang weit und breit kein einziger Flügel zu sehen war, erzeugte bei mir einen Anflug von schlechter Laune. Schließlich war es nicht zuletzt dem Staraufgebot geschuldet, dass mein übliches Ticketbudget nur für einen sichteingeschränkten Platz im zweiten Rang gereicht hatte.

Aber dann kamen Guy Braunstein, Alisa Weilerstein und Rafael Payare mit den Symphonikern, begannen das Doppelkonzert „à la mémoire d’un grand artiste“ nach dem Klaviertrio op. 50 von Tschaikowsky und spätestens bei der zweiten Variation – streng genommen sind es vermutlich Sätze, aber dieser Terminus passt besser zu dem, was ich gehört habe – verschwand dieser Anflug restlos. Bis heute ist mir nicht eingefallen, in welchem Zusammenhang mir Rafael Payare zuvor begegnet ist, aber der Mann hat jetzt mindestens einen Fan mehr. Grandios!

Im zweiten Konzertteil tauchten dann die Flügel auf und mit ihnen die Stars des Abends. Leider erwies sich bei den leiseren Tönen, dass nicht allein der Elbphilharmonie das zweifelhafte Privileg zukommt, benimmbefreite Konzertbesucher zu beherbergen. Ich hätte rundherum Schienbeine eintreten mögen, da oben im zweiten Rang, auf den billigen Plätzen. Dennoch werden mir die drei Werke von Schumann und Debussy als ganz besonderes, ja unvergessliches Konzertereignis im Gedächtnis bleiben. Eine zauberhaftere Version von „Prélude à l’après-midi d’un faune“ werde ich wahrscheinlich nicht mehr zu hören bekommen.

Das Festival „Rendezvous mit Martha“, so hörte ich, wird wohl im nächsten Jahr wiederholt. Zur Neuauflage der Begegnung Argerich/Barenboim in Hamburg, sollte es dazu kommen, werde ich mir einen besseren Platz gönnen. Ich weiß nun: Es lohnt sich. Selbst für eine Konzerthälfte.

Schnelldurchlauf

Mittwoch

Manchmal reicht ein verschobener Konzerttermin, um eine kulturreiche in eine Kulturstresswoche zu verwandeln. In diesem Fall war es das Konzert von JaKönigJa im Kleinen Saal der Elbphilharmonie. Ich hätte den Auftritt dennoch auf keinen Fall missen mögen, gerade auch wegen der Verstärkung durch Mitglieder der Jungen Symphoniker (Streicher, Holz- und Blechbläser). Das Zusammenspiel war bisweilen zwar nicht perfekt abgestimmt und auch in puncto Sound und Abmischung wollten die klassischen nicht ganz zu den weniger klassischen Instrumenten passen. Dem besonderen Reiz der Kombination tat das keinen Abbruch.

Donnerstag

Anders als die Elbphilharmonie kann die Laeiszhalle nicht mit klimatisierten Räumen aufwarten. Bei den Temperaturen der letzten Maitage geriet das Stummfilmkonzert der Hamburger Symphoniker unter der Leitung von Stefanos Tsialis zur Herausforderung – am Ende der Veranstaltung war nicht nur der Dirigent gut durch. Sei’s drum, Charlie Chaplin („Der Zirkus“, „Die feinen Leute“) geht einfach immer und unter allen Bedingungen.

Freitag

Irgendwie war es abzusehen: Seit Anfang der Woche waren Gewitter und Regenfälle bereits angekündigt, aber alles Unwetter beschrieb bis einschließlich Donnerstag einen eleganten Bogen um die Hansestadt. Punktgenau, gewissermaßen zur besten Sendezeit am ersten Tag des Elbjazz-Festivals, öffneten sich schließlich die Schleusen über Blohm & Voss und spülten unter anderem den Auftritt des Michael Wollny Trio über Bord. Zuvor hatte ich immerhin schon die von Kinga Głyk und dem Omer Klein Trio bewundern dürfen. Mein Glück im Unglück: In einer der kurzen Regenlücken zwischen 20 und 22 Uhr sprintete ich zum Alten Elbtunnel, um dann an den Landungsbrücken einem Bus der Linie 111 quasi in die Arme zu laufen, der schnellsten (und trockensten!) Verbindung von dort zur Elbphilharmonie. Dadurch war ich zwar eine gute Stunde zu früh, hatte dafür aber das feste Plaza-Dach über dem Kopf, was den Unterhaltungswert der letzten Gewitterausläufer erheblich steigerte.

Meine Reservierung hatte ich ursprünglich für „Michael Wollny & Friends“ (Samstag, 23 Uhr) getätigt, dann aber bei der Ticketausgabe versehentlich eine Karte für „Michael Wollny & Konstantin Gropper“ (Freitag, 23 Uhr) erhalten. Einerseits ärgerlich, verpasste ich doch dadurch den gemeinsamen Auftritt Wollnys mit Vincent Peirani und Émile Parisien. Andererseits stehen Termine des Duos Wollny/Gropper noch seltener auf den Spielplänen. Die beiden präsentierten ihre ganz eigene Form eines Liederabends, inspiriert durch Schuberts „Winterreise“, und kombinierten Stücke aus diesem Zyklus mit Liedern und Songs u. a. von Richard Strauss, Madonna, Pulp und den Flaming Lips. Ungestraft, möchte ich hiermit betonen. Ein Ereignis.

Samstag

Als ein ähnlich magisches Erlebnis entpuppte sich die Darbietung von Kat Frankie tags darauf in der Hauptkirche St. Katharinen. Frankie trat zunächst solo mit Gitarre an, um zum zweiten Teil ein fünfköpfiges Vokalensemble mit auf die Bühne zu bitten. Wer die Akustik des Gebäudes kennt, bekommt bei der bloßen Beschreibung Gänsehaut. Phantastisch.

Gar nicht so einfach, danach auf GoGo Penguin umzuschalten. Aber da ich es sehr rechtzeitig zur Bühne am Helgen geschafft hatte, konnte ich den Auftritt, von Schiffsgetute und Feuerwerk in der unmittelbaren Nachbarschaft eingeläutet, aus der ersten Reihe verfolgen. Das half.

Dann wurde es auch schon wieder Zeit für das leichte Vollzeug nebst Südwester. Den lege ich den Veranstaltern hiermit wärmstens als potenziellen Merchandising-Artikel ans Herz – ich sag nur: Festivalkonzerte und Festivalbesucher mit Schirmen… nun ja. Ich beendete mein Elbjazz-Programm mit einem Stündchen bei Kamasi Washington und einer kurzen Stippvisite bei der Aftershowparty in der Schiffbauhalle.

Sonntag

Erlend Øye auf Kampnagel, akustisch, zusammen mit italienischen und chilenischen Musikern – eine solch tiefenentspannte Fröhlichkeit habe ich lange nicht auf einer Bühne gesehen. Oder überhaupt sonst wo. Es war fast unmöglich, sich dem zu entziehen und so ließ sich die K6 mehrheitlich anstecken.

Und gerade als ich dachte, ich hätte jetzt ein paar Tage Pause bis Max Richter kamen mir die „Hamburg Sounds“ dazwischen. Stay tuned!

Abschied von Sir Jeffrey Tate

Eigentlich mache ich das nicht.

Wenn ich auf dem Lotsenschoner No. 5 Elbe als Crew eingeteilt bin, bin ich als Crew eingeteilt. Das heißt unter anderem: Mindestens zwei Stunden vor Abfahrt an Bord zu sein und nach dem Anlegemanöver gemeinsam aufzuklaren. Noch vor dem Anlegebier und ohne sich ordentlich zu verabschieden fluchtartig das Schiff zu verlassen, war nach etwas mehr als 11 Jahren Vereinszugehörigkeit ein Novum und soll auch die Ausnahme bleiben. Ebenso nach einem schweißtreibenden Segeltag ungeduscht und nur notdürftig zurechtgemacht mit der großen Tasche unterm Arm in neuer persönlicher Bestzeit für die Strecke Sandtorhafen – Johannes-Brahms-Platz die Laeiszhalle zu entern.

Wäre da nicht das Abschiedskonzert für Sir Jeffrey Tate gewesen.

Nach zwei Orchesterkonzerten des damals noch NDR Sinfonieorchesters auf Kampnagel trieb es mich im September 2014 erstmalig zu den Hamburger Symphonikern. Zunächst des Programmes wegen: „Die Planeten“ von Gustav Holst hatte ich zuvor schon in Auszügen gehört und war nun darauf erpicht, das Werk in seiner Gesamtheit genießen zu können. Ich buchte einen Platz vorne rechts im 1. Rang und erwarb dadurch einen ungeahnten Nebeneffekt: Man kann von dort zwar nicht das Orchester in seiner Gesamtheit, dafür aber dem Dirigenten ins Gesicht sehen.

Was man während eines Konzerts in Sir Jeffrey Tates Mienenspiel erkennen konnte, hat Daniel Kühnel in seiner Trauerrede heute Abend besser in Worte gefasst, als ich es zu tun vermag. Insbesondere dieses erste Konzert bleibt für mich unvergesslich: Ich überwand die mittelschwere Befremdung ob der damals für mich noch ungewohnten Konzertsaal-Atmosphäre und des jedes denkbare Klischee erfüllenden Abo-Publikums um mich herum und war vollkommen fasziniert. Knapp zwei Monate später war ich wieder vor Ort. Dann nochmal (der Holmboe! der Sibelius!). Und wieder. Schließlich auch bei den Philharmonikern und den Stummfilmkonzerten. Als nächstes entdeckte ich das Schleswig-Hostein Musik Festival und mittlerweile sind Symphonie- und andere Orchesterkonzerte aus meinem musikalischen Jahreskalender nicht mehr wegzudenken.

Bei meinem letzten Konzertbesuch in der Laeiszhalle hatte mich die anfängliche und in der Hauptsache umgebungsbedingte Befremdung zwar wieder eingeholt. Dieser Umstand schmälert indes weder meine Bewunderung noch meinen Respekt und erst recht nicht meine Dankbarkeit gegenüber einer herausragenden Künstlerpersönlichkeit.

Fair winds, Sir Jeffrey. See you on the other side.

Sir Jeffrey Tate und die Hamburger Symphoniker in der Laeiszhalle

„Mehr Philharmonisches Staatsorchester Hamburg“, lautete einer meiner Konzertvorsätze für die Saison 2016/17 – so sehr hatte mich das 6. Philharmonische Konzert mit Kent Nagano im Februar letzten Jahres begeistert. Nun kann man mir nicht ganz zu Unrecht vorwerfen, dass ich leicht zu begeistern bin. Was aber an diesem Abend besonders war: Ich saß in der Laeiszhalle, hörte einem Hamburger Orchester zu, auf dem Programm stand unter anderem ein Komponist, nach dessen Stücken es mich nicht zwingend gelüstet und ich brachte dennoch das gesamte Konzert auf der Stuhlkante sitzend zu. Der hinter mir liegende Arbeitstag, der schmerzende Rücken, der laeiszhallentypische Sauerstoffmangel: alles unwichtig, solange Nagano den Taktstock in der Hand hielt.

Ich bin nicht sehr versiert, wenn es um Orchester- und Dirigentenvergleiche geht. Dazu fehlen mir Hintergrundwissen und Hörerfahrung. Wenn ich in Kritiken von „analytischer Durchdringung“ lese oder von „furchterregend stählerner Brillanz“, dann erinnert mich das an Geschmacksbeschreibungen bei Weinproben oder Whisky-Verkostungen. „Goldener Sirup, braunes Brot, Erdnussbutter, Zimt, weißer Pfeffer, Cocktailkirschen“, las ich da unlängst, und aus eigener Kraft wäre ich höchstens auf „goldener Sirup“ gekommen – ganz vielleicht auch noch auf „Erdnussbutter“. Ein schlichtes „Schmeckt mir“- oder „Schmeckt mir nicht“-Urteil ist sehr viel wahrscheinlicher.

Mein Maßstab für Orchesterkonzerte ist daher: Wie sehr fesselt mich das Aufgeführte? „Kriegt“ mich das, selbst wenn ich mit dem Komponisten, dem Werk oder der Musikrichtung wenig anfange? Kent Nagano und die Philharmoniker schafften das mühelos und ich wollte unbedingt mehr davon.

Nur kann ich meinen Vorsatz leider nicht einhalten. Ich bin zwar nicht leer ausgegangen beim Elphi-Vorverkauf, aber den Run hatte ich in dieser Wucht doch unterschätzt und daher keine Karte mehr für ein Philharmoniker-Konzert ergattern können.

Aber schließlich sind da ja noch die Hamburger Symphoniker, die der Laeiszhalle als neues Residenzorchester die Treue halten. „Andere Säle haben auch (noch) schöne Konzerte“, dachte ich, als ich das Plakat zum 5. Symphoniekonzert sah, „und außerdem kannst Du das Ticket im Zweifel noch spontan zwei Wochen vor dem Termin kaufen. Hat auch was für sich.“

Es war schon ein besonderes zeitliches Zusammentreffen. Jeffrey Tate ist erst kürzlich zum „Sir“ geschlagen worden, in Anerkennung der Verdienste um die Musik seines Heimatlandes im Ausland. Es war das erste Konzert, das er nach dieser Auszeichnung dirigierte, und das Programm unter dem Titel „London, my love“ bestand bezeichnenderweise ausschließlich aus britischer Musik: der „Horoscope“-Suite von Constant Lambert, dem Liederzyklus „Sea Pictures“ op. 37 von Edward Elgar, vorgetragen von Mezzosopranistin Jennifer Johnston und der Sinfonie No. 2 („A London Symphony“) von Ralph Vaughan-Williams.

Intendant Daniel Kühnel ließ es sich verständlicherweise nicht nehmen, das Publikum vor Konzertbeginn darauf hinzuweisen. Er konnte sich dabei nur leider eine Spitze Richtung Elbphilharmonie nicht verkneifen. „Schön, dass Sie den Weg hierher gefunden haben“, so seine Begrüßung. „Die Laeiszhalle wird heute Abend ganz wunderbar klingen. So wie schon die letzten 108 Jahre und 15 Tage!“ Mit der Reaktion des Publikums setzte das die Stimmung. „Lass die anderen in dieses neumodische Glas-Ding da rennen, wir haben unsere Laeiszhalle und die Symphoniker!“, klatschte es halb selbstgewiss, halb mürrisch aus dem Parkett.

Das Konzert schloss sich nahtlos an: Ich war aufnahmewillig und hörbereit, hatte aber Schwierigkeiten, die Konzentration zu halten. Einzig beim zweiten Satz der Vaughan Williams-Sinfonie klappte das vollumfänglich (Wie zauberhaft ist der denn! Team Vaughan-Williams! Hach!). Das mag in Teilen der Tatsache geschuldet gewesen sein, dass Sir Jeffrey Tate mit einem grippalen Infekt zu kämpfen hatte. Dennoch, es erinnerte mich an frühere Erfahrungen ähnlicher Art bei Symphoniekonzerten und das Erlebnis mit den Philharmonikern hatte mir gezeigt, dass es so nicht sein muss.

Ein kniffliger Zwiespalt: Hätte Kent Nagano mit den Philharmonikern auf dem Podium gestanden, ich hätte zum Gähnen keine Muße gehabt. Andererseits hätte es das Konzert in dieser Zusammenstellung ohne Sir Jeffrey Tate in Hamburg sehr wahrscheinlich gar nicht gegeben.

Wenn mich ein Programm lockt, werde ich daher wohl auch künftig zu den Symphonikern in die Laeiszhalle kommen. Aber die Entscheidung dafür wird zögerlicher ausfallen.

Von allen musikalischen Vergleichen und der Tagesform einzelner Beteiligter abgesehen hat das viel mit dem gestern präsentierten Gesamtbild zu tun. Insbesondere die trotzig-unentspannt wirkende Ansage war alles andere als sexy. Durch solches wird das (Abo-)Publikum weder diverser noch jünger und ganz bestimmt nicht zahlreicher. Da wird eine Philharmonie eröffnet, die ganze Stadt redet über klassische Musik, aber viele, zum Teil erstmals Interessierte haben keine Tickets bekommen – das ist doch super! Nicht schmollen, ausnutzen und abgreifen!

In dem Zusammenhang sei erwähnt, dass die Webseite der Symphoniker sehr dringend ein Facelift gebrauchen kann. Als ersten Schritt sollte man den „x Jahre, x Tage, x Stunden und x Minuten seit Eröffnung der Laeiszhalle“-Ticker von der Startseite nehmen. Damit gegen die mutmaßlich Tausende Euro schwere „Sounddown“-Kampagne der Elbphilharmonie anstinken zu wollen, riecht nicht nur schwer nach Verzweiflung.

So etwas hat die würdige alte Lady gar nicht nötig.

„Panzerkreuzer Potemkin“ mit dem NDR Sinfonieorchester auf Kampnagel

Was ich ja fast unterschlagen hätte: das gestrige (Stumm-)Filmkonzert „Panzerkreuzer Potemkin“ (1925) auf Kampnagel mit dem NDR Sinfonieorchester. Wie immer ganz großes Kino und zudem ein interessanter Kontrast zum spanischen „Blancanieves“ (2012) mit den Hamburger Symphonikern zwei Tage zuvor.

Als Nächstes ist wieder die Laeiszhalle dran! Und dann ist es bitte wieder ausverkauft – wo kommen wir denn sonst hin, das geht doch so nicht.