“Drei Engel für Charlie”? The Show must go on!

Irgendwas ist anders im Foyer des Großen Saals der Elbphilharmonie in dieser Woche. Einigen Treppengeländern sind plötzlich Leuchtstoffröhren gewachsen, seltsame Gerätschaften stehen herum, Bereiche sind abgesperrt, Menschen eilen durch die Menge, die absolut nicht nach Konzertpublikum aussehen. Des Rätsels Lösung: Hollywood goes Elphi – gedreht wird für das anstehende Reboot von “Drei Engel für Charlie” im Kinoformat. Vermutlich eine äußerst lukrative Nebeneinnahme fürs Haus und warum auch nicht. Spektakulär genug ist es ja und wird als Filmlocation sicherlich so einige Begehrlichkeiten geweckt haben.

Währenddessen läuft der Konzertbetrieb unverdrossen weiter und ich war mal wieder mittendrin: Am Montag bei Pierre-Laurent Aimard, Tabea Zimmermann und Adam Walker unter dem Motto “Concord-Sonate – Schwerpunkt Charles Ives” und gestern war es Ólafur Arnalds, der sein neues Album “Re:member” vorstellte. Aber der Reihe nach.

Seit ich den Film “Pianomania” gesehen hatte, wollte ich Pierre-Laurent Aimard spielen sehen und hören. Anlaß der Konzertwahl war also der Künstler, nicht das Programm. Wobei mir Charles Ives, die Hauptperson des Abends, durchaus in Erinnerung geblieben ist, immerhin war sein Werk “The unanswered Question” das allererste Musikstück, welches ich im Großen Saal hörte. Da in der “Concord-Sonate”, obwohl prinzipiell als Klavierstück konzipiert, optional je ein paar Takte Bratsche und Querflöte vorgesehen sind, wurde Aimard von Tabea Zimmermann und Adam Walker unterstützt. Es lag daher nahe, auch die “Sonate für Viola und Klavier op. 147” von Dmitri Schostakowitsch ins Programm zu nehmen und beide Halbzeiten mit je einem Solostück für Querflöte beginnen zu lassen. Mit den Flötentönen von Edgard Varèse und Elliot Carter konnte ich wenig anfangen und für den Schostakowitsch fehlte mir aus unerfindlichen Gründen die Geduld – ja, ich weiß, nicht nett von mir, aber auch beim Zuhören gibt es so etwas wie Tagesform. Dafür zündete der Programmhöhepunkt umso gewaltiger. Charles Ives war Komponist im Nebenberuf, wirtschaftlich unabhängig und scherte sich weder um musikalische Konventionen noch um die Erwartungen des Publikums. Die Bezeichnung “unkonventionell” ist zwar reichlich überstrapaziert und keinesfalls ein Qualitätsgarant. Auf die Musik von Charles Ives trifft sie hingegen ohne jegliche Abstriche zu. Das Programmheft wird der Komponist mit diesem Satz zitiert: “Warum die Tonalität als solche verworfen werden sollte, will mir nicht einleuchten. Warum sie immer herrschen sollte, auch nicht.” Der Mann ist mir sympathisch! Seine “Concord-Sonate” auch, und Pierre-Laurent Aimard mit ihr in seinem pianomanischen Element. Volle Punktzahl – so ungefähr hatte ich mir das vorgestellt.

Ólafur Arnalds live, ohne Kiasmos oder Nils Frahm, nur mit seiner Musik und dazu ausgesuchtem Ensemble, das ist lange her. Das war zuletzt im September 2015, mit Alice Sara Ott und dem “Chopin Project” im kleinen Saal des Laeiszhalle. Schon damals hatte sich Arnalds nicht auf das Chopin-Programm beschränkt und es durch ältere Stücke ergänzt. So auch bei der Vorstellung von “Re:member”. Ich erkannte zweimal “Broadchurch”, zweimal “Living Room Songs” und ein Stück aus “The Chopin Project”; alles, was mich zielsicher durch Zeit und Raum zu katapultieren vermag, war dabei. Bei “Beth’s Theme” habe ich vom ersten Ton an die Gesichter von David Tennant, Olivia Colman und Jodie Whittaker vor der eindrucksvollen Jurassic Coast vor Augen und “Near Light” befördert mich nach all der Zeit immer noch in Sekundenbruchteilen ins Berlin der zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts.

Hauptattraktion sowohl des Konzerts als auch des Albums “Re:member” sind die beiden digital-mechanischen Klaviere, die zu Recht einen prominenten Platz auf der Bühne erhielten.

Die Kurzfassung des Videos, in Anlehnung an des Künstlers Twitterbiographie (per Stand Oktober 2018): “His pianos go bleep bloop”. Das klingt nicht nur zauberhaft, es ist auch ein faszinierender Anblick; insbesondere weil die Klaviere deutlich zeitverzögert auf Arnalds’ Input reagieren. Wie ein stets neu variiertes Echo.

Apropos Echo, ich habe bisher im Großen Saal der Elbphilharmonie selten ein (mehrheitlich) derart auf Bühne und Musik konzentriertes Publikum erlebt. Nach der Zugabe “Lag Fyrir Ömmu” hätte man sekundenlang die buchstäbliche Stecknadel fallen hören können. Der Applaus (Standing Ovations!) setzte erst ein, nachdem sich Ólafur Arnalds aus seiner musikalischen Versunkenheit, die noch eine ganze Weile nach dem Verklingen des letzten Tons angehalten hatte, regte. Das wünschte ich mir für alle Veranstaltungen in diesem Raum.

Auf der Webseite der Elbphilharmonie ist dazu mittlerweile ein sehr hilfreicher Text veröffentlicht worden, auf den man als Konzertbesucher sogar per E-Mail hingewiesen wird (zumindest wenn es sich um eine Veranstaltung der HamburgMusik gGmbH handelt und man die Karten direkt im Webshop gekauft hat). Es scheinen ihn aber bedauerlicherweise immer noch nicht genügend Menschen gelesen zu haben – von Beachten ganz zu schweigen.

Die Kunstpause…

… im Susammelsurium ist vorbei! Die Hitzewelle wohl erst einmal auch, und daß das beides zusammenfällt, ist mit Sicherheit kein Zufall.

Gestern wurde das Internationale Sommerfestival auf Kampnagel eröffnet, ich war dabei und habe mich insgesamt viermal eingebucht. Der Bericht kommt wie immer ganz zum Schluß. Zwischendrin stehen auch noch je einmal “Elbphilharmonie Sommer” und Schleswig-Holstein Musik Festival auf dem Programm.

Wobei, ganz auf Kulturnull war ich ja doch nicht. Während der letzten Wochen habe ich es immerhin in eines meiner Lieblingsmuseen geschafft, durchaus in der stillen Hoffnung, dort ein erträglicheres Klima vorzufinden.

Mobile Welten: "Give the drummer some!"
Mobile Welten: “Give the drummer some!”
Art Déco - Grafikdesign aus Paris: A. M. Cassandre
Art Déco – Grafikdesign aus Paris: A. M. Cassandre
Toaster Times: Die Anfänge
Toaster Times: Die Anfänge
Toaster Times: Toastmaster
Toaster Times: Toastmaster
Toaster Times: Bunt
Toaster Times: Bunt

Bis einschließlich 1. OG hat das einigermaßen geklappt, aber auf Höhe der Spiegelkantine war’s doch wieder gut mollig.

Spiegel-Kantine
Spiegel-Kantine

Und dann wurde mir noch etwas Musik ins Postfach gespült: Tom Gatza heißt der junge Mann und es ist – natürlich! – irgendwas mit Klavier. Musikalisch schwer einzuordnen: “Tilbuin” erinnert mich beispielsweise tendenziell an GoGo Penguin, nur mit weniger Druck und weniger Jazz, die Klaviersolostücke wieder an ganz andere Zeitgenossen. Alles weder sonderlich spektakulär noch innovativ, aber ich habe die EP “Melo” (erscheint am 5. 10. 2018) nun schon seit ein paar Tagen auf den Ohren, mag sie und würde die Stücke bei Gelegenheit gern auf Livetauglichkeit überprüfen.

Am 1. 10. 2018 im Häkken klappt das nur leider noch nicht. Da bin ich nämlich bei Pierre-Laurent Aimard in der Elbphilharmonie und der Mann hat ältere Rechte.

In Concert: Das Tingvall Trio in der Alten Reithalle in Elmshorn

Jetzt war ich schon bei einigen Konzerten des Schleswig-Holstein Musik Festivals, sogar auch schon in Schleswig-Holstein, aber das echte SHMF-Gefühl war bisher nicht dabei. Ich meine damit die ganz und gar ländlich geprägten Veranstaltungsorte, wie z. B. das Kuhhaus in Altendorf, die Scheune in Wulfshagen oder den Rinderstall in Haseldorf. Das hat viel damit zu tun, daß ebengerade diese Orte für Menschen ohne Teilnahme am motorisierten Indiviualverkehr schlecht bis gar nicht zu erreichen sind.

Anders verhält es sich mit der Alten Reithalle in Elmshorn – na gut, es sind rund zwanzig Minuten Fußweg vom Bahnhof, aber das rangiert bei mir noch unter “gut erreichbar”. Dazu kommt: Für einen Auftritt des Tingvall Trio nehme ich gerne eine längere Anreise in Kauf. Ich kenne die Setlist des aktuellen Tourprogramms zwar inzwischen rauf und runter, aber es wird nicht langweilig. Im Gegenteil.

Und dann waren da noch die Gastgeber!

Konzert mit Pferd

Nächstes Mal nehme ich Möhrchen mit.

In Concert: Martha Argerich und Daniel Barenboim in der Laeiszhalle

Als mittlerweile regelmäßige Besucherin von klassischen Konzerten weiß ich inzwischen, wie der Hase läuft: Wenn Stars zusammen mit einem Orchester angekündigt werden, bestreiten sie höchstens einen kleinen Teil des Programms. Sol Gabetta spielt Schostakowitsch und verschwindet anschließend, um dem NDR Elbphilharmonie Orchester mit Dvořáks neunter Sinfonie das Feld zu überlassen, bei Daniel Hope ist es Alban Bergs Violinkonzert, der Rest des Abends gehört den Philharmonikern und Johannes Brahms.

Daß allerdings beim Konzert vorletzte Woche in der Laeiszhalle zu Anfang weit und breit kein einziger Flügel zu sehen war, erzeugte bei mir einen Anflug von schlechter Laune. Schließlich war es nicht zuletzt dem Staraufgebot geschuldet, daß mein übliches Ticketbudget nur für einen sichteingeschränkten Platz im zweiten Rang gereicht hatte.

Aber dann kamen Guy Braunstein, Alisa Weilerstein und Rafael Payare mit den Symphonikern, begannen das Doppelkonzert “à la mémoire d’un grand artiste” nach dem Klaviertrio op. 50 von Tschaikowsky und spätestens bei der zweiten Variation – streng genommen sind es vermutlich Sätze, aber dieser Terminus paßt besser zu dem, was ich gehört habe – verschwand dieser Anflug restlos. Bis heute ist mir nicht eingefallen, in welchem Zusammenhang mir Rafael Payare zuvor begegnet ist, aber der Mann hat jetzt mindestens einen Fan mehr. Grandios!

Im zweiten Konzertteil tauchten dann die Flügel auf und mit ihnen die Stars des Abends. Leider erwies sich bei den leiseren Tönen, daß nicht allein der Elbphilharmonie das zweifelhafte Privileg zukommt, benimmbefreite Konzertbesucher zu beherbergen. Ich hätte rundherum Schienbeine eintreten mögen, da oben im zweiten Rang, auf den billigen Plätzen. Dennoch werden mir die drei Werke von Schumann und Debussy als ganz besonderes, ja unvergeßliches Konzertereignis im Gedächtnis bleiben. Eine zauberhaftere Version von “Prélude à l’après-midi d’un faune” werde ich wahrscheinlich nicht mehr zu hören bekommen.

Das Festival “Rendezvous mit Martha”, so hörte ich, wird wohl im nächsten Jahr wiederholt. Für die Neuauflage der Begegnung Argerich/Barenboim in Hamburg, sollte es dazu kommen, werde ich mir einen besseren Platz gönnen. Ich weiß nun: Es lohnt sich. Selbst für eine Konzerthälfte.

Schnelldurchlauf

Mittwoch

Manchmal reicht ein verschobener Konzerttermin, um eine kulturreiche in eine Kulturstreßwoche zu verwandeln. In diesem Fall war es das Konzert von JaKönigJa im Kleinen Saal der Elbphilharmonie. Ich hätte den Auftritt dennoch auf keinen Fall missen mögen, gerade auch wegen der Verstärkung durch Mitglieder der Jungen Symphoniker (Streicher, Holz- und Blechbläser). Das Zusammenspiel war bisweilen zwar nicht perfekt abgestimmt und auch in Punkto Sound und Abmischung wollten die klassischen nicht ganz zu den weniger klassischen Instrumenten passen. Dem besonderen Reiz der Kombination tat das keinen Abbruch.

Donnerstag

Anders als die Elbphilharmonie kann die Laeiszhalle nicht mit klimatisierten Räumen aufwarten. Bei den Temperaturen der letzten Maitage geriet das Stummfilmkonzert der Hamburger Symphoniker unter der Leitung von Stefanos Tsialis zur Herausforderung – am Ende der Veranstaltung war nicht nur der Dirigent gut durch. Sei’s drum, Charlie Chaplin (“Der Zirkus”, “Die feinen Leute”) geht einfach immer und unter allen Bedingungen.

Freitag

Irgendwie war es abzusehen: Seit Anfang der Woche waren Gewitter und Regenfälle bereits angekündigt, aber alles Unwetter beschrieb bis einschließlich Donnerstag einen eleganten Bogen um die Hansestadt. Punktgenau, gewissermaßen zur besten Sendezeit am ersten Tag des Elbjazz-Festivals, öffneten sich schließlich die Schleusen über Blohm & Voss und spülten unter anderem den Auftritt des Michael Wollny Trio über Bord. Zuvor hatte ich immerhin schon die von Kinga Głyk und dem Omer Klein Trio bewundern dürfen. Mein Glück im Unglück: In einer der kurzen Regenlücken zwischen 20 und 22 Uhr sprintete ich zum Alten Elbtunnel, um dann an den Landungsbrücken einem Bus der Linie 111 quasi in die Arme zu laufen, der schnellsten (und trockensten!) Verbindung von dort zur Elbphilharmonie. Dadurch war ich zwar eine gute Stunde zu früh, hatte dafür aber das feste Plaza-Dach über dem Kopf, was den Unterhaltungswert der letzten Gewitterausläufer erheblich steigerte.

Meine Reservierung hatte ich ursprünglich für “Michael Wollny & Friends” (Samstag, 23 Uhr) getätigt, dann aber bei der Ticketausgabe versehentlich eine Karte für “Michael Wollny & Konstantin Gropper” (Freitag, 23 Uhr) erhalten. Einerseits ärgerlich, verpaßte ich doch dadurch den gemeinsamen Auftritt Wollnys mit Vincent Peirani und Émile Parisien. Andererseits stehen Termine des Duos Wollny/Gropper noch seltener auf den Spielplänen. Die beiden präsentierten ihre ganz eigene Form eines Liederabends, inspiriert durch Schuberts “Winterreise”, und kombinierten Stücke aus diesem Zyklus mit Liedern und Songs u. a. von Richard Strauss, Madonna, Pulp und den Flaming Lips. Ungestraft, möchte ich hiermit betonen. Ein Ereignis.

Samstag

Als ein ähnlich magisches Erlebnis entpuppte sich die Darbietung von Kat Frankie tags darauf in der Hauptkirche St. Katharinen. Frankie trat zunächst solo mit Gitarre an, um zum zweiten Teil ein fünfköpfiges Vokalensemble mit auf die Bühne zu bitten. Wer die Akustik des Gebäudes kennt, bekommt bei der bloßen Beschreibung Gänsehaut. Phantastisch.

Gar nicht so einfach, danach auf GoGo Penguin umzuschalten. Aber da ich es sehr rechtzeitig zur Bühne am Helgen geschafft hatte, konnte ich den Auftritt, von Schiffsgetute und Feuerwerk in der unmittelbaren Nachbarschaft eingeläutet, aus der ersten Reihe verfolgen. Das half.

Dann wurde es auch schon wieder Zeit für das leichte Vollzeug nebst Südwester. Den lege ich den Veranstaltern hiermit wärmstens als potentiellen Merchandising-Artikel ans Herz – ich sag nur: Festivalkonzerte und Festivalbesucher mit Schirmen… nun ja. Ich beendete mein Elbjazz-Programm mit einem Stündchen bei Kamasi Washington und einer kurzen Stippvisite bei der Aftershowparty in der Schiffbauhalle.

Sonntag

Erlend Øye auf Kampnagel, akustisch, zusammen mit italienischen und chilenischen Musikern – eine solch tiefenentspannte Fröhlichkeit habe ich lange nicht auf einer Bühne gesehen. Oder überhaupt sonstwo. Es war fast unmöglich, sich dem zu entziehen und so ließ sich die K6 mehrheitlich anstecken.

Und gerade als ich dachte, ich hätte jetzt ein paar Tage Pause bis Max Richter kamen mir die “Hamburg Sounds” dazwischen. Stay tuned!

In Concert: Nils Frahm in der Kölner Philharmonie

Die Tickets für den Auftritt von Nils Frahm in der Kölner Philharmonie waren lange vor Ankündigung der “All Melody”-Tour in den Vorverkauf gegangen und ich erinnere mich noch gut, wie ich tagelang zögerte. Es erschien mir einerseits unwahrscheinlich, daß es das einzige Frahm-Konzert bleiben würde. Andererseits war die Schlußfolgerung Köln gleich Philharmonie macht Hamburg gleich Elbphilharmonie logisch, mit allen Vor- und Nachteilen, Stichwort Kartenbeschaffung. “Ach was, es ist ein Wochenende, und wahrscheinlich bist Du dann praktischerweise sowieso schon in Düsseldorf auf der Bootsmesse”, dachte ich, und versuchte, den Saalplan mit meinen Erinnerungen an den letzten Besuch vor über zwanzig Jahren in Einklang zu bringen. Ich erwarb schließlich eine Karte in der Preiskategorie zwei, im festen Glauben, einen schönen Rangplatz mit freiem Blick, aber weitem Abstand zur Bühne ergattert zu haben.

Im Foyer wunderte ich mich noch kurz, daß sich der Eingang zu Block D im Untergeschoß befand. Als ich den Saal betrat und das System der Reihennummerierung begriff, schwante mir, daß ich das mitgeführte Monokular eventuell nicht benötigen würde. Die Stufen und Reihen abzählend arbeitete ich mich immer weiter nach vorne vor, um schließlich auf einem Einzelplatz direkt am linken Bühnenrand zu landen.

So sehr ich es liebe zu beobachten, wie Musik entsteht: Gesehen werde ich dabei nicht so gerne. Gerade wenn es um Töne geht, die das Potential haben, mich an meine Grenzen zu bringen. Ein Grund, warum ich Parkettplätze meide. Aber da war er nun, mein höchstpersönlicher Präsentierteller, ohne Ausweichmöglichkeit aufgrund der vollbesetzten Ränge. Augen auf beim Ticketkauf…

Das Unbehagen verschwand jedoch, sobald Nils Frahm die Bühne betrat und zu spielen begann. Meine Sicht war trotz der exponierten Lage teilweise eingeschränkt, der Mann auf der Bühne befand sich augenscheinlich im Tunnel zwischen seinen Instrumenten und suchte beim Blick ins Publikum stets die Weite. Gefährlich wurde es nur einmal: Die kleine Mineralwasserflasche, die mitten im Laufweg stand, wurde glücklicherweise von einer Monitorbox abgebremst und war nur noch etwa zu einem Drittel gefüllt.

Man konnte an der einen oder anderen Stelle hören, daß die Tour gerade erst begonnen hat. Einigen der frischeren Stücke fehlte noch der allerletzte Schliff zum sehr speziellen frahmtypischen Live-Flow, der das regelmäßige Besuchen von Konzerten unersetzlich macht. Die Konserve, selbst in Form einer Liveaufnahme, erfaßt es einfach nicht. Genauso wenig wie ich imstande bin, in kluge Worte zu kleiden, was da auf der Bühne, im Raum und in mir selbst passiert. Man läßt sich ein, das Denken setzt aus und dann ist da nur noch Klang, der einen je nach Tagesform fliegen oder aber rettungslos ertrinken läßt. Jedes Mal wieder. Eine Erfahrung mit ganz erheblichem Suchtpotential, und das ist in meinem Fall noch sehr milde ausgedrückt.

Ich bin gespannt, wie sich das im Entstehen befindliche Gesamtkunstwerk “All Melody” weiterentwickelt. Bis April wird die nächste Stufe wohl schon gezündet sein.

Dann werde ich allerdings schräg hinter der Bühne sitzen. In sicherem Abstand.

In Concert: Martin Kohlstedt in der Elbphilharmonie

Das Jahr 2017, das steht seit einer Weile schon fest, wird mir als überaus anstrengende Angelegenheit in Erinnerung bleiben, die gerade zum Ende hin einiges zu Wünschen übrig ließ. Die Details erspare ich den geneigten Lesern – die Wiederholungstäter unter euch werden eh mitbekommen haben, wo der Hase zurzeit (noch) im Pfeffer liegt.

Was die Erfüllung musikalischer Wünsche angeht, habe ich allerdings wenig Grund zur Klage. Eine entscheidende Rolle spielten dabei beinahe zwangsläufig die beiden Säle der Elbphilharmonie. Man muß im Prinzip als (Wahl-)Hamburgerin nirgendwo mehr hinfahren. Früher oder später kommen sie alle.

Zu meinen heimlicheren Hoffnungen gehörte es, daß Martin Kohlstedt bei seinem heutigen Auftritt im Großen Saal möglichst viel Zeit am Flügel verbringen würde. Bei den beiden Konzerten zuvor in der Astra Stube und im Volt hatte es schon aus Platzgründen “nur” zu einem elektronischen Setup gereicht. Was mir zwar gut gefiel, aber, auch auf die Gefahr hin, daß ich mich wiederhole: Ich bin nun einmal hemmungslos pianozentriert. In anderen Worten: Das Rhodes kriegt mich, Elektronischeres ebenso, gerne auch alles in Kombination, abgedreht, ausufernd und -fransend, mit allem und scharf. Aber niemals so sehr wie jede akustische Variante. Wobei es auch für diese Regel eine (einzige) Ausnahme gibt. Dazu dann mehr im neuen Jahr.

Daß in der Elbphilharmonie zumindest das Vorhandensein eines Konzertflügels zu erwarten war – geschenkt. Allein, das Album zur Tour heißt “Strom” und klingt im Unterschied zu den Vorgängern “Tag” und “Nacht” auch danach. So war von vorneherein klar, daß der Flügel nicht nur in Gesellschaft auftreten, sondern streckenweise auch klangverfremdet zum Einsatz kommen würde.

Es blieb daher, auf die mir bereits bekannten X-Faktoren zu hoffen: Raum, Zeit, Publikum(-sreaktion), Tagesform. Und tatsächlich geschah, was ich zwar nicht für unmöglich, aber doch für recht unwahrscheinlich gehalten hatte: Martin Kohlstedt zog zur vorletzten Zugabe alle Strippen und widmete sich ausschließlich dem Konzertflügel. Unverstärkt.

Ich habe keine Worte dafür. Auch nicht für den Abend insgesamt. Nur diese: Lieber Martin, ich bin sehr gespannt, wie die Geschichte weitergeht. In Hamburg und überhaupt.

Wir sehen uns.

In Concert: Bugge Wesseltoft in der Kulturkirche Altona

Bugge Wesseltoft war einer der ersten, die mich auf die Idee brachten, daß weniger deutlich mehr sein kann beim Klavierspiel. Seine ebenso leise wie sparsame, aber effektvolle Variation über “In Dulce Jubilo” und “Det kimer nå til julefest” auf der CD “Christmas with my friends” führte mich zu “It’s snowing on my piano”; beide begleiten nun seit beinahe zehn Jahren meine Vorweihnachtszeit.

Genau zwanzig Jahre nach “It’s snowing on my piano” hat Bugge Wesseltoft nun ein zweites Soloalbum aufgenommen: “Everybody loves angels” führt die Idee fort, gewissermaßen als Ganzjahresversion. Gestern Abend waren Stücke aus beiden Alben in der Kulturkirche Altona zu hören und man hätte sich in Hamburg kaum einen geeigneteren Ort dafür ausdenken können.

Noch besser als der Michel vor drei Jahren und erst recht das Mehr! Theater am Großmarkt im letzten Jahr hätte die Kulturkirche Altona wohl auch zu Nils Landgren und seinen Freunden gepaßt, aber das Projekt ist dafür leider inzwischen einige Nummern zu groß. Was mich wieder auf den Grundsatz “Weniger ist mehr” zurückbringt.

Vermutlich ließe es sich statistisch belegen: Je dunkler die Tage und länger die Nächte, desto größer die Soloklavieralbum-Hörwahrscheinlichkeit. Neben Bugge Wesseltofts Schneeflocken ist im Laufe der Jahre unter anderem Musik von Chilly Gonzales, Nils Frahm und Martin Kohlstedt hinzugekommen. Vor kurzem wurde ein Chilly Gonzales-Konzert in der Laeiszhalle angekündigt, Termin: 11. 12. 2018. Glücklicherweise werde ich auf die anderen beiden Herren nicht so lange warten müssen.

In Concert: Das Tingvall Trio in der Elbphilharmonie

Ich bin schon mehrmals gefragt worden, wie ich mir eigentlich die zahlreichen, in der Mehrzahl ungesponserten Konzert-, Opern- und Theaterbesuche habe leisten können, von denen ich hier unter anderem berichte. Die Antwort ist ganz einfach: mittels schnöder Mischkalkulation.

Meistens sitze ich irgendwo zwischen Holz- und unterer Mittelklasse. Entgegen anderslautender Klischees muß man nicht zwingend zu den oberen Zehntausend gehören, um (sogenannte) Hochkultur genießen zu können. Man kann je nach Aufführung ab 12 Euro in Elbphilharmonie und Staatsoper, ab 15 Euro im Schauspielhaus und ab 9,90 Euro bei den Hamburger Symphonikern in der Laeiszhalle sitzen. In einigen Fällen nimmt man dafür zwar eine einschränkte Sicht in Kauf, aber mit ein bißchen Erfahrung und Recherche bekommt man schnell heraus, welches die visuell am wenigsten beeinträchtigten Plätze sind. Es lohnt sich außerdem, auf die jeweilige Preisgestaltung zu achten. Manche Häuser machen Unterschiede zwischen Werk- und Wochenendtagen, die Premiere ist zumeist kostspieliger als die Folgeaufführungen und gelegentlich werden Sonderaktionen angeboten. Außerdem, so gestehe ich freimütig, habe ich in manchen Fällen auf Begleit-, Frei- oder Steuerkarten bzw. Gästelistenplätze zurückgreifen können. Nicht, weil sich die Geber davon wohlwollende Blogartikel erhofften, sondern weil ich ein paar ausnehmend nette Menschen kenne, die mir mit Freude oder gar aus Überzeugung dabei helfen, die (Kultur-)Bestie zu füttern.

Das heutige Konzert des Tingvall Trio in der Elbphilharmonie war eine der sorgsam ausgewählten Ausnahmen von der Regel. In meiner andauernden Klavierverliebtheit hatte ich nach der Niederlage bei der elphi-eigenen Ticketverlosung so lange nach Karten gejagt, bis ich mit Hilfe der Theaterkasse Schuhmacher schließlich fündig wurde. Wobei PK 1 im vorliegenden Falle 49 Euro (inkl. 2 Euro Gebühr) bedeutete. Das hält sich immer noch sehr im Rahmen, wenn man bedenkt, welche (offiziellen) Preise für manch andere Veranstaltung im Großen Saal aufgerufen werden. Von den viagogo- und ebay-Auswüchsen ganz zu schweigen.

Soweit zur Vorgeschichte. Wie nun aber nach dem Konzert derart erfüllte Vorfreude in Worte kleiden, ohne zu wiederholen, was ich im letzten Dezember schon schrieb? Schwierig.

Vielleicht genügt es, zu gestehen: Ich bin klavierverliebter denn je.

London (Part III): Tag 7 & 8

Finale! Es folgen die letzten beiden Tage der London-Nachlese. Was zuvor bzw. im letzten Jahr geschah, kann bei Interesse unter dem Schlagwort London nachgelesen werden.

Den Mittwoch morgen lasse ich wieder etwas ruhiger angehen. Das Wetter ist trüb und ich mache mich auf den Weg nach Little Venice.

Winter is coming
Winter is coming

Beim Umsteigen in Paddington entdecke ich eines der “Quote of the Day”-Schilder, die in manchen Tube-Stationen für Erbauung und Erheiterung sorgen. Ich bin keine “Game of Thrones”-Guckerin, aber diese Referenz erkenne ich auch ohne Insiderwissen.

Little Venice
Little Venice

Eigentlich will ich nahe der Lagoon eine weitere London Walks-Führung mitmachen, entschließe mich dann aber spontan, den London Waterbus bis Camden Lock zu nehmen.

Regent's Canal
Regent’s Canal

In Camden Lock und Stables Market ist es zunächst noch ruhig, erst gegen Mittag wird es lebhafter. Bei meinem ersten Besuch, an einem sonnigen Sonntagnachmittag, drängelten sich hier die Massen. Heute haben Amy und ich etwas mehr Luft.

Amy
Amy

Nachmittags bin ich fußläufig zum Market mit meiner Konzertbekanntschaft vom letzten Jahr verabredet. Wir essen, schwatzen und absolvieren anschließend eine Hunderunde um den Primrose Hill. Die Aussicht von dort auf die Stadt ist phantastisch, bleibt aber aus Wettergründen undokumentiert.

Später nehme ich den Bus No. 168 Richtung Waterloo Station. Linienbusfahren ist in London vergleichsweise günstig: Da es für die Oyster Cards keine Lesegeräte an den Haltestellen gibt, kostet die einfache Fahrt nur £1,50. Der Nachteil: Man steckt im Autoverkehr fest. Ich sitze im Doppeldecker oben und freue mich darüber, viel Zeit zu haben. Tägliches Buspendeln stelle ich mir nervtötend vor – sowieso, aber in London noch einmal mehr. Die Route ist immerhin unterhaltsam: Via Roundhouse und Camden Town geht es am Russel Square vorbei weiter zur Euston Station, nach Holborn, über den Strand und schließlich auf die Waterloo Bridge Richtung South Bank.

Dort angekommen, nehme ich mir ausführlich Zeit, das Southbank Centre zu erkunden. Ich stöbere lange bei Foyles und im Festival Terrace Shop und bin kurzzeitig sehr versucht, in diesem eine wunderhübsche Teekanne mit Themsemotiv zu erstehen. Abgesehen von der Preisfrage überwiegen schließlich die Bedenken ob des sicheren Nachhausetransports*).

Der eigentliche Grund, weswegen ich mich am Southbank Centre herumdrücke, ist aber das Konzert von Francesco Tristano in der Royal Festival Hall. Tristano bewegt sich zwischen Klassik, Jazz und Elektronik und will am Abend sein neues Album “Piano Circle Songs” vorstellen. Die Karte mit festem Sitzplatz hatte ich bereits Mitte Juli gekauft, wurde dann aber zwei Tage vor dem Termin per E-Mail darüber informiert, daß das Publikum nicht im Zuschauerraum, sondern auf und hinter der Bühne sitzen würde – mit Tickettausch an der Abendkasse und freier Platzwahl. Ob das von Anfang an der Plan war oder ein schwacher Vorverkauf die entscheidende Rolle gespielt hat, blieb dabei unklar. So oder so, das frühe Eintreffen sichert mir einen Bühnenplatz in der zweiten Reihe. Der Flügel ist dem rückwärtigem Teil der Bühne zugewandt und die restliche Hall mit ihren rund 2.500 Plätzen bleibt, durch eine Abtrennung abgehängt, im Dunkeln. Ein extrem intimes Setting mit entsprechend nervösen Sicherheitsleuten.

Francesco Tristano trägt dessen ungeachtet sein Programm mit großer Konzentration und Präzision vor. Es ist faszinierend, ihm dabei zuzusehen. Die CD muß ich dennoch nicht unbedingt kaufen und drücke mich daher trotz freundlicher Aufforderung durch das Personal vor der anschließenden Signierstunde.

Am Abreisetag begebe ich mich nach Frühstück und Check-out noch einmal in die Kensington Gardens, in der Tasche eine eigens erworbene Portion naturbelassener Cashew-Kerne. Zuerst muß ich meine Gabe mühsam ans Eichhorn bringen. Einige der Nager agieren äußerst vorsichtig und manche haben Schwierigkeiten, sich gegen aggressiv auftretende Krähen und Tauben durchzusetzen.

Kensington Gardens
Kensington Gardens

Erst mit der vorletzten Nuß gerate ich an einen Profi, der mir erst in den Finger zwickt, dann halb den Arm hochrennt und schließlich äußerst ungehalten reagiert, als ich das leere Tütchen vorzeige.

Ich habe noch ein weiteres Ziel an diesem Morgen: die Sonderausstellung “Diana: Her Fashion Story”. Im letzten Jahr hatte ich bereits die Roben der Queen im Buckingham Palace bewundert. Das diesjährige Programm des Kensington Palace erscheint mir daher als logische Fortsetzung.

Kensington Palace
Kensington Palace

Mit der Idee bin ich nicht allein: Zur Öffnung um 10 Uhr haben sich bereits Schlangen gebildet. Dabei wird sorgsam zwischen Vorverkaufs- und Tageskassenbesuchern unterschieden. Abwicklung und Sicherheitskontrolle gehen dann aber zügig voran und im Gebäude verläuft sich der erste Ansturm schnell.

Queuing up for Diana
Queuing up for Diana

Anders als der Buckingham Palace sind Teile des Kensington Palace ganzjährig für Besucher zugänglich. Die Atmosphäre in den Räumen ist daher ungleich musealer. Neben der Sonderausstellung kann man die ehemaligen State Apartments bewundern. Die anderen Teile der Dauerausstellung widmen sich einerseits Queen Victoria, andererseits den “Enlightened Princesses” Caroline von Braunschweig-Wolfenbüttel, Augusta von Hannover und Charlotte-Augusta von Wales.

Draußen gibt es noch ein weiteres Juwel zu bewundern: Der im “Sunken Garden” des Palastes neu angelegte “White Garden” soll ebenfalls an Prinzessin Diana erinnern. Ihr Todestag hatte sich Ende August zum zwanzigsten Mal gejährt.

The Sunken Garden
The Sunken Garden
The White Garden
The White Garden

Die Sonderausstellung drinnen gerät zur Zeitreise in meine eigene Kindheit und Jugend. An viele der Outfits kann ich mich noch gut erinnern. Zahlreiche Fotos und Zeichnungen dokumentieren neben den ausgestellten Kleidern die modische Entwicklung Dianas. Verglichen mit der Präsentation der Queen-Garderobe im Ballsaal des Buckingham Palace ist es zwar eine kleine, aber ausnehmend feine Sammlung, in Auswahl und Gestaltung.

Bald bunt
Bald bunt

Nach dem obligatorischen Cream Tea im Palace Café ist es Zeit zum Aufbruch. Da die British Airways-App, die bisher immer tadellos funktionierte, mir dieses Mal aus unerfindlichen Gründen keine Bordkarte ausstellen will, muß ich sicherheitshalber etwas mehr Zeit für den Check-in in Heathrow einrechnen.

In der Tube auf dem Weg zum Flughafen stoße ich im Evening Standard auf einen Artikel, der mich daran erinnert, was mich bei meiner Rückkehr nach Hamburg erwartet. Ich nicke bei jedem Satz.

Es braucht eine Weile, bis ich den richtigen Schalter gefunden habe. Der Check-in selbst ist problemlos und ich komme in Rekordzeit durch die Sicherheitskontrolle. Das verschafft mir genügend Muße, um mein letztes Münzgeld zu verfeuern. Nach gründlicher Suche macht schließlich ein Gläschen “Old English Hunt”-Orangenmarmelade von Fortnum & Mason das Rennen und die allerletzten Pence-Stücke landen in einer Spendenbox.

Der Heimflug ist erfreulich unspektakulär und ja, es wird einen Part IV geben. Es ist nur eine Frage der Zeit.


*) Dieses Modell, das fällt mir beim Schreiben dieser Zeilen erst auf, ist mir zum Glück nirgendwo über den Weg gelaufen.