Klavier hoch zwei

Hier fehlt noch etwas, nämlich wenigstens ein Kurzbericht über zweimal Klavier.

Schon vor einer Woche präsentierte Martin Tingvall sein neues Soloalbum “The Rocket” im Kleinen Saal der Elbphilharmonie, zum ersten Mal live und obendrein vor heimischen Publikum, und gestand ganz offen seine Nervosität ob dieser Kombination ein. Die man auch tatsächlich hören konnte, da war noch nicht alles im Flow. Was zugegebenermaßen Jammern auf sehr hohem Niveau ist und sich zudem mit der Zeit von selbst erledigen wird. Auf alle Fälle hätte ich gerne mehr Soloauftritte von Martin Tingvall.

Womit ich aber ausdrücklich nichts gegen das Trio gesagt haben will! Wir merken uns schon einmal den 18.12.2019, da gibt’s nämlich wieder ein Jahresabschlußkonzert in der Fabrik.

Tags zuvor hatte ich noch bei Martha Argerich und den Hamburger Symphonikern in der Laeiszhalle gesessen. Ich hatte mir aus den diesjährigen Festivalkonzerten ganz bewußt eines mit Sylvain Cambreling ausgesucht, wohl wissend, daß der Star des Abends und des Festivals vermutlich wieder nur einen kleinen Teil des Programms bestreiten würde. Die Rechnung ging auf: Von der ersten bis zur letzten Note war das alles ganz phantastisch. Und daß Martha Argerich aufgrund einer gerade erst überstandenen Bronchitis und der stickigen Luft in der so gar nicht klimatisierten Laeiszhalle etwas angeschlagen wirkte, konnte man zwar ahnen, aber nicht hören.

Das nächste Klaviervergnügen wird wieder ein ganz anderes, nämlich eins mit Bodo Wartke im Thalia Theater.

Reflektor Nils Frahm

Die Frage “Was machen an Pfingsten 2019?” hatte sich für mich spätestens mit der Durchsicht der diversen Kulturprogrammhefte für die Saison 2018/2019 erledigt. Nils Frahm kuratiert ein Mini-Festival in der Elbphilharmonie? Kauf ich. Blind!

Naja, so blind dann letztlich doch nicht. Auch mein Kulturbudget ist begrenzt und eine Flatrate gab es leider nicht. Es reichte immerhin für

sowie als Beifang

  • die Fotoausstellung “Fourth Wall – Stages & Cages” von Klaus Frahm (wann kommt endlich der Bildband?!) und
  • den Kurzfilm “Ellis” mit Robert de Niro.

Gerne hätte ich auch den Workshop “Polyrhythmus verstehen und umsetzen” von Sven Kacirek besucht, aber da war ich leider nicht fix genug beim Vorverkauf. Und eigentlich hatte ich auch noch eine Karte für die After-Show-Party am Samstag auf der MS Stubnitz, aber dazu später.

Die Gentleman Losers waren mir schon mehrfach über den Weg gelaufen. Der Spotify’sche Algorithmus machte mich bereits vor Jahren mit dem Track “Ballad of Sparrow Young” aus dem Album “Dustland” bekannt, eine Empfehlung der ich gerne gefolgt bin. Es hätte ruhig ein klein wenig mehr live und weniger “vom Band” sein können beim Auftritt des Duos am frühen Samstag Abend, aber sei’s drum. Die stimmige Kombination aus Musik und filmischer Collage gefiel.

Martyn Heyne freute sich als gebürtiger Hamburger im Anschluß ganz besonders über den lokalen Premierenort seines Soloprogramms. Nichts gegen die Kantine am Berghain, aber gegen den kleinen Elphi-Saal kommt der Laden nicht an. (Vorausgetzt man kann ohne Rauchwerk.)

Überhaupt, die Freude. Nils Frahm hüpfte bei seinem Auftritt geradezu über die Bühne und Arthur Jeffes und seine Mitstreiter von Penguin Café strahlten tags drauf im Großen Saal um die Wette darüber, im Selbstversuch die Unterschiede der Akustik von Royal Albert Hall und Elbphilharmonie erforschen zu dürfen. Was dem Tour-Trailer übrigens noch fehlt: Termine auf dem Kontinent.

Fröhliche Gesichter gab es auch im Publikum, insbesondere bei Nils Frahm am Samstag Abend. Ich sah und hörte “All Melody” zum ingesamt vierten Mal: Köln war ganz am Anfang, Hamburg gut eingespielt und München Routine – Anekdoten wie Noten in nahezu perfekter Wiederholung dessen, was ich schon kannte. Ich will nicht von Enttäuschung sprechen, aber ernüchtert war ich doch. Glücklicherweise war beim Reflektor-Konzert das Spielkind wieder da. Hurra!

Den Abschluß des Festivals bildeten Erlend Øye und la Comitiva mit stargaze. Daß der Norweger mit seiner tiefenentspannten Grundhaltung noch jeden Saal zum Tanzen bringt, wurde in der Elbphilharmonie nicht widerlegt – ganz im Gegenteil. Als Ergänzung des Quartetts wären mir stargaze nicht als erstes eingefallen, aber das funktionierte geradezu zauberhaft gut. Und was machte die aufgezählte Versammlung mit dem Weinberg? Sie stellte sich im Kreis auf der Bühne auf. Großes Lob auch dafür. Zur letzten Zugabe gesellte sich noch Nils Frahm am Flügel dazu und da war es endlich wieder, das “Possibly Colliding”-Gefühl.

No. 5 Elbe
No. 5 Elbe

Zu gern hätte ich diesen Reflektor in vollen Zügen genossen. Leider war mein Vergnügen ziemlich eingetrübt, denn am Samstag ist in der Schwingemündung ein Schiff gesunken, welches mir sehr am Herzen liegt.

No. 5 Elbe
No. 5 Elbe

Die After-Show-Party auf der Stubnitz habe ich daher ausgelassen.

In Concert: Pierre-Laurent Aimard in der Elbphilharmonie

Eines muß man dem Elbphilharmonie-Marketing lassen: Es kümmert sich um seine Stammgäste und man bemüht sich zumindest darum, anspruchsvolle Programmpunkte und wertschätzende Zuhörer zusammenzubringen. So erhielt ich beispielsweise nur wenige Tage nach dem Konzert von Pierre-Laurent Aimard im Oktober 2018 eine Empfehlung per E-Mail:

Wenn Sie genauso begeistert waren, haben wir hier eine gute Nachricht für Sie: Am 2. Mai 2019 ist der Ausnahmepianist erneut im Großen Saal der Elbphilharmonie zu erleben. Bei seinem Auftritt widmet er sich einem weiteren Klassiker der Klaviermusik des 20. Jahrhunderts: György Ligetis fantastischen Klavieretüden. … Wir freuen uns sehr, wenn Sie uns bei dieser musikalischen Entdeckungsreise mit Neugier und offenen Ohren begleiten.

Dieser Aufforderung bin ich gerne gefolgt, obwohl ich in diesem Leben wohl kein Ligeti-Fan mehr werde. Auch Aimards Vortrag konnte daran nichts ändern.

Warum ich trotzdem maßlos fasziniert war und jederzeit wieder ein Ticket kaufen würde? Virtuosität um ihrer selbst willen interessiert mich nicht, aber Pierre-Laurent Aimard vermag auch noch solchen Passagen Ausdruck zu verleihen, bei denen das Ohr des Laien die Anweisung “wildes Eindreschen auf die Klaviatur im Bereich der Großen und Kleinen Oktave, Dauer ca. 2 Minuten, Dynamik nach Ermessen” auf dem Notenblatt vermutet. Sprachloses Erstaunen.

Irgendwo auf der Welt gibt es bestimmt ein Publikum, daß es schafft, einer solchen Leistung den gebührenden Respekt zu zollen. Der trotz aller Anstrengungen des Hauses noch immer zu große Pöbelanteil scheiterte daran am vergangenen Donnerstag krachend: Blitzende Kameralichter, blinkende Displays, mittendrin ein laut plärrender Klingelton, dazu ein “peinliches Rudelhusten” (Zitat eines Mitleidenden) in der kurzen Verschnaufpause und als Krönung neben mir das Pärchen, daß sich während des Konzerts eine Cola Zero teilte (liebe Leute: ja, man hat gehört, daß in der Flasche Kohlensäure drin war! Jedes Mal!) und nicht bis zum Ende des Konzerts damit warten konnte, sich über das Erlebte auszutauschen, sowohl untereinander als auch per WhatsApp mit der Außenwelt.

Ich formuliere es bewußt drastisch: So wird das nichts mit dem Weltklasse-Konzertsaal. Denn nicht nur aufgrund der hypersensiblen Akustik des Raumes kann der leider nur so gut sein, wie auch das Publikum es zuläßt.

“Nennt mich Ismael.”

So lautet einer der berühmtesten Romananfänge, nämlich der von – wer weiß es, wer weiß es? Richtig: “Moby Dick oder Der (weiße) Wal” von Herman Melville. Der Stoff ist gerade ziemlich en vogue in meiner Wahlheimat, steht er doch innerhalb weniger Tage sowohl im Thalia Theater als auch im Schauspielhaus auf dem Spielplan. Während jedoch im Thalia eine ortsübliche Theaterinszenierung zur Aufführung kommt, sahen wir im Schauspielhaus eine musikalische Lesung mit Ulrich Tukur am Text und Sebastian Knauer am Konzertflügel.

Eigentlich eine Idealbesetzung. Und ein schlagendes Konzept: Ulrich Tukur zaubert eine Kompaktversion des sattsam bekannten Stoffs aufs Parkett, während Sebastian Knauer diese mit Stücken unter anderem von Franz Liszt, Modest Mussorgsky, Antonin Dvorak, Fréderic Chopin und Scott Joplin untermalt. Und doch ließen mich die knapp 90 zugegebenermaßen furiosen Minuten seltsam unbefriedigt zurück. Dabei waren die Textpassagen perfekt gewählt: Ismael und Queequeg werden vorgestellt, man erfährt einiges über Nantucket und das Schiff, die Pequod und schließlich auch über dessen Kapitän Ahab, alles hübsch nach der Reihenfolge des Auftretens auch im Roman. Dann aber geht alles ganz fix: Moby Dick wird gesichtet und kaum bekommt man mit, daß nicht nur die ausgesetzten Walfangboote, sondern auch die Pequod selbst versenkt wird, da hat es Ahab auch schon  aus dem verbleibenden Boot gerissen, Ismael findet Queequegs Rettungskanu – und Schluß.

Nennt es Jammern auf hohem Niveau, aber irgendwie fehlte mir da der Mittelteil. Und die Zwischentöne.

In Concert: Stimming x Lambert im Mojo Club

Stimming und Lambert, das ist eine Kombination, auf die ich nicht unbedingt von allein gekommen wäre. Schon deswegen reizte mich die Ankündigung des gemeinsamen Auftritts im Mojo Club.

Dann war da aber auch die Erinnerung einerseits an die beiden Lambert-Konzerte, insbesondere das in der K2 auf Kampnagel, und andererseits an Stimmings Gastbeitrag bei einer “voyage abstrait” im August 2014, bis heute eines meiner Top 3-Sounderlebnisse im Sternensaal des Hamburger Planetariums. Der Moment seiner Übernahme des DJ-Pults hatte sich angefühlt, als würden mir plötzlich ein paar unsichtbare Klappen von den Ohren fallen, und ich meine das nicht in Bezug auf die Lautstärke. “Dröhnend laut” hat in diesem Raum und bei dieser Anlage noch nie funktioniert, was mit einer beinahe hartnäckig anmutenden Konsequenz immer wieder geflissentlich ignoriert wird. In die Nähe ist seither qualitativ nur noch David August gekommen. Wobei man die zwei schon von der Stilrichtung her eigentlich überhaupt nicht miteinander vergleichen kann. Aber ich schweife ab.

Der Abend im Mojo begann – dramaturgisch logisch – mit einem Solopiano-Set von Lambert. Dabei wurde offensichtlich, daß sich viele Lambert-Fans im Raum befanden, aber auch nicht wenige Stimming-Fans, die nicht auf leise Klaviertöne eingestimmt waren. Die gemeinsamen Stücke stießen zwar auf großen Beifall beider Fraktionen, aber während des anschließenden DJ-Sets von Stimming dünnte sich die Publikumsdichte merkbar aus. Das ist das Dilemma der Grenzgänger: Klub oder Konzertsaal? Bestuhlt oder nicht? Da paßt weder das eine noch das andere so richtig. Das Konzert hätte beispielsweise sicher auch im (üblicherweise bestuhlten) resonanzraum funktioniert. Aber wahrscheinlich nur für die Lambert-Fraktion.

Zurück zur Musik. Ich sag es mal so: Da haben sich zwei Spielkinder gefunden; da geht schon so einiges, aber ganz bestimmt noch mehr, und live hatte das deutlich mehr Wumms als die Konserve. Unbedingt weitermachen!

In Concert: Chilly Gonzales in der Laeiszhalle (!)

Heute spielt er ein Konzert in der Elbphilharmonie Hamburg, nächste Woche seht ihr ihn bei uns in Bremen: Wir freuen uns sehr auf Chilly Gonzales!

So lautete eine Ankündigung auf der Facebookseite der Sendung 3nach9 im Vorfeld des Konzerts am vergangenen Dienstag. Was allerdings nicht ganz den Tatsachen entsprach: Wie nicht wenige Menschen zuvor hatte wohl auch das Social Media-Team von Radio Bremen übersehen, daß der Auftritt zwar in der Programmübersicht auf www.elbphilharmonie.de gelistet war, aber nicht ebendort, sondern in der Laeiszhalle stattfinden sollte. Und natürlich klingt “in der Elbphilharmonie” immer noch ungleich glanzvoller! Die Zugkraft des Glaspalastes an der Elbe ist nach wie vor ungebrochen und wird allerorten ausgiebig genutzt.

Aus mir zu diesem Zeitpunkt noch unerfindlichen Gründen kitzelte mich diese Ungenauigkeit. Ich meckerte öffentlich, per Kommentar (erfolgreich, der Eintrag wurde später korrigiert). Etwas, was ich mir zumeist verkneife, denn nur, weil diese Plattformen unendlich viele Gelegenheiten zur Besserwisserei bieten, muß man solchen Impulsen nicht zwingend auch nachgeben. Aber als ich später am Tag die Laeiszhalle betrat, wurde mir bewußt: Ich hatte mich gefreut auf diesen Abend, monatelang hatte das Ticket an meiner Küchenpinnwand gehangen, und ich hätte ihn mir an einem anderen Ort schlicht nicht vorstellen können.

Wie hätte “Solo Piano III” in der Elbphilharmonie geklungen? Wir wissen es nicht. Aber ziemlich sicher nicht so, wie der Künstler es sich vorgestellt hat. Der Große Saal, so wird immer wieder betont, sei, was die Akustik betrifft, als Raum für die Musik des 20. und 21. Jahrhunderts geschaffen worden. Das ist keineswegs global gemeint, sondern bezieht sich auf die sogenannte “Neue Musik”, von der allwissenden Wikipedia als “Sammelbegriff für eine Fülle unterschiedlicher Strömungen der komponierten, mitteleuropäisch geprägten Musik von etwa 1910 bis zur Gegenwart” definiert. Chilly Gonzales’ Musik hingegen entzieht sich zwar den üblichen Schubladen, aber sie ist tonal und tendenziell romantisch. Selbst die Rap-Stücke haben noch einen kammermusikalischen Anklang und sei es nur der gewählten Instrumentierung wegen.

Nicht, daß Chilly Gonzales nicht schon in der Elbphilharmonie gespielt hätte. Ein “Chambers”-Konzert muß das gewesen sein, 2017, im Rahmen des Schleswig-Holstein Musik Festivals. Zurückgekehrt ist er aber aus gutem Grund in die Laeiszhalle, der er im Laufe des Abends gleich mehrfach Liebeserklärungen machte. Sie sei eine seiner drei Lieblingsveranstaltungsorte in Europa, er habe noch nie ein schlechtes Konzert dort erlebt usw.

Der Auftritt selbst war eine grandios gelungene Komposition aus Solo Piano-Stücken (mit Schwerpunkt auf dem aktuellen Album, der Nummer III), musikalischem Edutainment à la Chilly Gonzales (wer sie noch nicht kennen sollte: “1Live Pop Music Masterclass” gucken! Alle Folgen! Das gilt insbesondere denen, die sich im Musikunterricht gelangweilt haben!), den bereits erwähnten Rapsongs (in denen trotz aller Betonung der während seines Sabbaticaljahrs neu gewonnenen Gelassenheit und Seriösität als Künstler stets das einstige Enfant terrible durchblinkt) und natürlich durften auch “Hit”-Stücke wie “Knight Moves” nicht fehlen.

Im 1. Rang links, Loge 3, Reihe 2 habe ich nur einmal ganz kurz den Weinberg vermißt: Als ich nämlich feststellen mußte, aufgrund der Positionierung des Bechsteinflügels ganz am linken Bühnenrand (warum?!) für rund 35 Euro einen formidablen Hörplatz ergattert zu haben. Daß ich doch noch ein paar Blicke erhaschen konnte, war einzig dem Gitterwerk der Balustrade geschuldet und dazu ganz und gar vom Sitzverhalten der ersten Reihe abhängig (vielen herzlichen Dank nochmal an die unbekannte Dame in rot!). Da schwächelt die alte Lady Laeiszhalle, leider.

Vom akustischen Standpunkt her kann ich jedoch nur betonen: Gebt der Laeiszhalle, was der Laeiszhalle ist! Ich bin bekennender Elphi-Fan, aber da ist eine ganze Menge Musik auf der Welt, die in dem Konzerthaus am Johannes-Brahms-Platz besser aufgehoben ist als in der optisch spektakuläreren Konkurrenz in der HafenCity.

In Concert: Das PianOrquestra in der Elbphilharmonie

Wer erinnert sich noch an die Piano Guys? Die traten im Dezember 2013 sogar in der Laeiszhalle auf, unter anderem mit diesem Titel:

Das hat mir durchaus gefallen, wenn es auch als eine ziemlich (nord-)amerikanische Shownummer daherkam: Die zugegebenermaßen spektakulären Videos liefen parallel zur Livedarbietung auf einer Leinwand mit und dem Publikum wurde überdies nicht vorenthalten, daß alle Mitglieder des Ensembles tiefgläubige Mormonen sind. Allein, die Herren haben sich inzwischen mit ihrem Auftritt bei Donald Trumps Amtseinführung ins Aus geschossen. Schade eigentlich.

Wie komme ich drauf? Ach ja, das “Blind Date” gestern in der Elbphilharmonie! Da stand zunächst ein großer Flügel im Raum und sonst nicht viel anderes, aber dann kamen 5 Menschen mit 10 Händen dazu und führten die Idee mit dem Klavier als Orchester auf ein ganz neues Level. PianOrquestra, gegründet und geleitet vom Pianisten und Perkussionisten Claudio Dauelsberg, stammen aus Brasilien und das hört man sehr deutlich. Nichtsdestotrotz wurden daneben auch ruhigere und Solotöne präsentiert, u. a. von Arvo Pärt, Johannes Brahms und Claude Debussy. Auch beim Auftritt von PianOrquestra, soweit reicht die Parallele noch, spielten Einblendungen und Videoausschnitte mit – ohne die Kamera über dem Flügel hätte man vieles gar nicht mitverfolgen können. Sehr praktisch, gerade auch für die hinteren Reihen. Einzig der tänzerischen Einlagen hätte es meiner Meinung nicht unbedingt noch bedurft. Die Kreativität und Spielfreude von Dauelsberg und seinen vier Mitstreiterinnen sprach für sich.

Mit meiner Begeisterung war ich nicht allein und ich betrachte die “Blind Dates”, sofern möglich, künftig als feste Einrichtung in meinem Konzertkalender. Mein nächstes wird im April 2019 sein.

“Drei Engel für Charlie”? The Show must go on!

Irgendwas ist anders im Foyer des Großen Saals der Elbphilharmonie in dieser Woche. Einigen Treppengeländern sind plötzlich Leuchtstoffröhren gewachsen, seltsame Gerätschaften stehen herum, Bereiche sind abgesperrt, Menschen eilen durch die Menge, die absolut nicht nach Konzertpublikum aussehen. Des Rätsels Lösung: Hollywood goes Elphi – gedreht wird für das anstehende Reboot von “Drei Engel für Charlie” im Kinoformat. Vermutlich eine äußerst lukrative Nebeneinnahme fürs Haus und warum auch nicht. Spektakulär genug ist es ja und wird als Filmlocation sicherlich so einige Begehrlichkeiten geweckt haben.

Währenddessen läuft der Konzertbetrieb unverdrossen weiter und ich war mal wieder mittendrin: Am Montag bei Pierre-Laurent Aimard, Tabea Zimmermann und Adam Walker unter dem Motto “Concord-Sonate – Schwerpunkt Charles Ives” und gestern war es Ólafur Arnalds, der sein neues Album “Re:member” vorstellte. Aber der Reihe nach.

Seit ich den Film “Pianomania” gesehen hatte, wollte ich Pierre-Laurent Aimard spielen sehen und hören. Anlaß der Konzertwahl war also der Künstler, nicht das Programm. Wobei mir Charles Ives, die Hauptperson des Abends, durchaus in Erinnerung geblieben ist, immerhin war sein Werk “The unanswered Question” das allererste Musikstück, welches ich im Großen Saal hörte. Da in der “Concord-Sonate”, obwohl prinzipiell als Klavierstück konzipiert, optional je ein paar Takte Bratsche und Querflöte vorgesehen sind, wurde Aimard von Tabea Zimmermann und Adam Walker unterstützt. Es lag daher nahe, auch die “Sonate für Viola und Klavier op. 147” von Dmitri Schostakowitsch ins Programm zu nehmen und beide Halbzeiten mit je einem Solostück für Querflöte beginnen zu lassen. Mit den Flötentönen von Edgard Varèse und Elliot Carter konnte ich wenig anfangen und für den Schostakowitsch fehlte mir aus unerfindlichen Gründen die Geduld – ja, ich weiß, nicht nett von mir, aber auch beim Zuhören gibt es so etwas wie Tagesform. Dafür zündete der Programmhöhepunkt umso gewaltiger. Charles Ives war Komponist im Nebenberuf, wirtschaftlich unabhängig und scherte sich weder um musikalische Konventionen noch um die Erwartungen des Publikums. Die Bezeichnung “unkonventionell” ist zwar reichlich überstrapaziert und keinesfalls ein Qualitätsgarant. Auf die Musik von Charles Ives trifft sie hingegen ohne jegliche Abstriche zu. Das Programmheft wird der Komponist mit diesem Satz zitiert: “Warum die Tonalität als solche verworfen werden sollte, will mir nicht einleuchten. Warum sie immer herrschen sollte, auch nicht.” Der Mann ist mir sympathisch! Seine “Concord-Sonate” auch, und Pierre-Laurent Aimard mit ihr in seinem pianomanischen Element. Volle Punktzahl – so ungefähr hatte ich mir das vorgestellt.

Ólafur Arnalds live, ohne Kiasmos oder Nils Frahm, nur mit seiner Musik und dazu ausgesuchtem Ensemble, das ist lange her. Das war zuletzt im September 2015, mit Alice Sara Ott und dem “Chopin Project” im kleinen Saal des Laeiszhalle. Schon damals hatte sich Arnalds nicht auf das Chopin-Programm beschränkt und es durch ältere Stücke ergänzt. So auch bei der Vorstellung von “Re:member”. Ich erkannte zweimal “Broadchurch”, zweimal “Living Room Songs” und ein Stück aus “The Chopin Project”; alles, was mich zielsicher durch Zeit und Raum zu katapultieren vermag, war dabei. Bei “Beth’s Theme” habe ich vom ersten Ton an die Gesichter von David Tennant, Olivia Colman und Jodie Whittaker vor der eindrucksvollen Jurassic Coast vor Augen und “Near Light” befördert mich nach all der Zeit immer noch in Sekundenbruchteilen ins Berlin der zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts.

Hauptattraktion sowohl des Konzerts als auch des Albums “Re:member” sind die beiden digital-mechanischen Klaviere, die zu Recht einen prominenten Platz auf der Bühne erhielten.

Die Kurzfassung des Videos, in Anlehnung an des Künstlers Twitterbiographie (per Stand Oktober 2018): “His pianos go bleep bloop”. Das klingt nicht nur zauberhaft, es ist auch ein faszinierender Anblick; insbesondere weil die Klaviere deutlich zeitverzögert auf Arnalds’ Input reagieren. Wie ein stets neu variiertes Echo.

Apropos Echo, ich habe bisher im Großen Saal der Elbphilharmonie selten ein (mehrheitlich) derart auf Bühne und Musik konzentriertes Publikum erlebt. Nach der Zugabe “Lag Fyrir Ömmu” hätte man sekundenlang die buchstäbliche Stecknadel fallen hören können. Der Applaus (Standing Ovations!) setzte erst ein, nachdem sich Ólafur Arnalds aus seiner musikalischen Versunkenheit, die noch eine ganze Weile nach dem Verklingen des letzten Tons angehalten hatte, regte. Das wünschte ich mir für alle Veranstaltungen in diesem Raum.

Auf der Webseite der Elbphilharmonie ist dazu mittlerweile ein sehr hilfreicher Text veröffentlicht worden, auf den man als Konzertbesucher sogar per E-Mail hingewiesen wird (zumindest wenn es sich um eine Veranstaltung der HamburgMusik gGmbH handelt und man die Karten direkt im Webshop gekauft hat). Es scheinen ihn aber bedauerlicherweise immer noch nicht genügend Menschen gelesen zu haben – von Beachten ganz zu schweigen.

Die Kunstpause…

… im Susammelsurium ist vorbei! Die Hitzewelle wohl erst einmal auch, und daß das beides zusammenfällt, ist mit Sicherheit kein Zufall.

Gestern wurde das Internationale Sommerfestival auf Kampnagel eröffnet, ich war dabei und habe mich insgesamt viermal eingebucht. Der Bericht kommt wie immer ganz zum Schluß. Zwischendrin stehen auch noch je einmal “Elbphilharmonie Sommer” und Schleswig-Holstein Musik Festival auf dem Programm.

Wobei, ganz auf Kulturnull war ich ja doch nicht. Während der letzten Wochen habe ich es immerhin in eines meiner Lieblingsmuseen geschafft, durchaus in der stillen Hoffnung, dort ein erträglicheres Klima vorzufinden.

Mobile Welten: "Give the drummer some!"
Mobile Welten: “Give the drummer some!”
Art Déco - Grafikdesign aus Paris: A. M. Cassandre
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Toaster Times: Die Anfänge
Toaster Times: Die Anfänge
Toaster Times: Toastmaster
Toaster Times: Toastmaster
Toaster Times: Bunt
Toaster Times: Bunt

Bis einschließlich 1. OG hat das einigermaßen geklappt, aber auf Höhe der Spiegelkantine war’s doch wieder gut mollig.

Spiegel-Kantine
Spiegel-Kantine

Und dann wurde mir noch etwas Musik ins Postfach gespült: Tom Gatza heißt der junge Mann und es ist – natürlich! – irgendwas mit Klavier. Musikalisch schwer einzuordnen: “Tilbuin” erinnert mich beispielsweise tendenziell an GoGo Penguin, nur mit weniger Druck und weniger Jazz, die Klaviersolostücke wieder an ganz andere Zeitgenossen. Alles weder sonderlich spektakulär noch innovativ, aber ich habe die EP “Melo” (erscheint am 5. 10. 2018) nun schon seit ein paar Tagen auf den Ohren, mag sie und würde die Stücke bei Gelegenheit gern auf Livetauglichkeit überprüfen.

Am 1. 10. 2018 im Häkken klappt das nur leider noch nicht. Da bin ich nämlich bei Pierre-Laurent Aimard in der Elbphilharmonie.

In Concert: Das Tingvall Trio in der Alten Reithalle in Elmshorn

Jetzt war ich schon bei einigen Konzerten des Schleswig-Holstein Musik Festivals, sogar auch schon in Schleswig-Holstein, aber das echte SHMF-Gefühl war bisher nicht dabei. Ich meine damit die ganz und gar ländlich geprägten Veranstaltungsorte, wie z. B. das Kuhhaus in Altendorf, die Scheune in Wulfshagen oder den Rinderstall in Haseldorf. Das hat viel damit zu tun, daß ebengerade diese Orte für Menschen ohne Teilnahme am motorisierten Indiviualverkehr schlecht bis gar nicht zu erreichen sind.

Anders verhält es sich mit der Alten Reithalle in Elmshorn – na gut, es sind rund zwanzig Minuten Fußweg vom Bahnhof, aber das rangiert bei mir noch unter “gut erreichbar”. Dazu kommt: Für einen Auftritt des Tingvall Trio nehme ich gerne eine längere Anreise in Kauf. Ich kenne die Setlist des aktuellen Tourprogramms zwar inzwischen rauf und runter, aber es wird nicht langweilig. Im Gegenteil.

Und dann waren da noch die Gastgeber!

Konzert mit Pferd

Nächstes Mal nehme ich Möhrchen mit.