Im Rückstand

Ich wage es kaum zu erwähnen, aber ich bin schon wieder im Rückstand. Die Schreiberei kommt einfach nicht in Gang und flüssig ist auch etwas anderes. Aber eine Kurzfassung der letzten drei Kulturereignisse muss wenigstens sein!

Den Anfang macht das erste “Blind Date” der Saison, welches sich als ein Auftritt des GrauSchumacher Piano Duos entpuppte. Gegeben wurden ausnahmslos Musikstücke, die für vier Hände komponiert beziehungsweise arrangiert wurden, teils an einem, teils an zwei Flügeln. Die Instrumente wurden erst kurz vor dem Konzert auf die Bühne gerollt, sodass sich auch noch bei Betreten des Kleinen Saals der Elbphilharmonie keinerlei Anhaltspunkt für das Folgende ergab – Spannung bis buchstäblich zur letzten Minute. Mir haben die Stücke von Ravel (“Rapsodie espagnole”), Messiaen (eine Auswahl aus “Visions de l’Amen”) und Debussy (“Nuages” und “Fêtes” aus “Nocturnes”, für Klavier arrangiert, wiederum von Maurice Ravel) ausnehmend gut gefallen. Nur der Schubert dazwischen wollte nicht recht dazu passen.

Gefallen haben mir auch die Erläuterungen zu den einzelnen Stücken. Allerdings hätten die beiden Künstler dabei bedenken sollen, dass das “Blind Date”-Publikum in der Regel ziemlich bunt und nicht zwingend formal musikalisch vorgebildet ist. Ich habe mindestens zwei Konzertbesucherinnen beobachtet, die augenscheinlich eher abgeschreckt als angesteckt waren.

Zu “The Nose” von Jessica Nupen kam ich zufällig. Da war eine Karte übrig, das nimmt man doch gern mit! Beschrieben war die Veranstaltung in der K6 auf Kampnagel als hybride Filminstallation, weswegen ich zunächst etwas enttäuscht war, dass neben einigen Musikern nur eine einzige darstellende Person tatsächlich auf der Bühne zu sehen war (und das auch nur sehr sporadisch). Der Clou des gezeigten und live musikalisch begleiteten Films war die Projektion desselben auf vier Bühnenbildelemente, die in immer neue Konstellationen bewegt wurden.

Weitere Erhellung brachte das Künstlergespräch mit Jessica Nupen nach der Aufführung. Wenn man um die Umstände der Produktion und die zeitliche Abfolge bis zur tags zuvor stattgefundenen Uraufführung weiß, begreift man die Darstellung als ein reines Wunder. Hut ab vor so viel Kreativität, Energie, Flexibilität und Nervenstärke! Vielleicht findet sich ja doch noch ein Opernhaus, das sich dieser Inszenierung annimmt. Im Gespräch erwähnte Nupen übrigens auch das Ringen mit Josh Dolgin aka Socalled um Libretto und Musik für “The Nose”, genauer: um die Überwindung der Diskrepanz zwischen einem weißen, jiddischen, kanadischen Musiker und der schwarzen, südafrikanischen Nase in Nupens Choreographie. Für mich hatte sich diese Diskrepanz nicht nur nicht aufgelöst, ich empfand sie auch als unschlüssig und störend. Was aber an meiner grundsätzlichen Wertschätzung der künstlerischen Leistung nichts ändert.

Und dann war da noch Anne-Sophie Mutter und ihr Stipendiaten-Ensemble Mutter’s Virtuosi. Mutter stand schon lange auf meiner “muss ich unbedingt live gesehen/gehört haben”-Liste. Ich hatte sogar schon eine Karte für ein Konzert zusammen mit Martha Argerich in der Laeiszhalle ergattert, aber, ach, die Pandemie. Ohne den ebenfalls pandemiebedingt gestaffelten Vorverkauf von ProArte wäre es mir aber vermutlich auch nicht gelungen, ein erschwingliches Ticket für das Konzert am 1. November im Großen Saal der Elbphilharmonie zu erstehen. Zumal dieses noch im 3G-Modus stattfand, also mit weniger buchbaren Plätzen, dafür aber viel Beinfreiheit und einer deutlich verringerten Störgeräuschkulisse. Letzteres war für den Genuss der Darbietungen von Mutter und ihren Virtuosi zweifelsohne von Vorteil.

Das Vivaldi-Concerto, die “Gran Candeza” von Unsuk Chin und der Mozart, das war alles schon ziemlich erstklassig. Aber dann, nach der Pause, kamen die “Vier Jahreszeiten”.

Eigentlich möchte ich die “Quattro Stagioni” nun nie mehr anders hören als in der Interpretation von Anne-Sophie Mutter und mit kleinem Streichensemble (das Cembalo natürlich nicht zu vergessen – Knut Johannessen!). Uneigentlich auch nicht. Ebenso hin- wie mitreißend und keine Sekunde lang abgedroschen. Bei einem überbekannten, inflationär oft gespieltem Stück ist das nicht nur keine Kleinigkeit, sondern schlicht eine Meisterleistung. An sich erwartet man nicht weniger von einer Ausnahmegeigerin, aber eine solche Erwartung derart grandios erfüllt zu sehen, ist meiner Erfahrung nach alles andere als selbstverständlich.

Was kommt als nächstes, wie geht es weiter? Die Corona-Inzidenzen steigen und steigen und immer mehr Veranstalter stellen auf das 2G-Modell um. Im November werde ich wohl dennoch noch zwei Konzerte im 3G-Modus erleben. Das hoffe ich zumindest sehr. Weil, wegen Mirga Gražinytė-Tyla und Teodor Currentzis!

In Concert: Philip Glass zum 80. in der Elbphilharmonie

Wie das immer so ist: Erst passiert ewig nichts und dann alles auf einmal. Mein zweiter SHMF-Konzertbesuch ist noch immer unverbloggt, dabei war das schon vor einer Woche. Höchste Zeit, es nachzuholen.

Als ich irgendwann im Februar das aktuelle Programm des Schleswig-Holstein Musik Festivals in die Hände bekam, war aus diesem “Philip Glass zum 80.” mit Daniel Hope und dem hr-Sinfonieorchester unter der Leitung von Hugh Wolff das eine Konzert, für das ich unbedingt eine Karte haben wollte. Mit Blick auf den Veranstaltungsort verpuffte meine Euphorie jedoch schlagartig. “Keine Chance”, dachte ich, “auf die Elphi-Konzerte werden sich Sponsoren und Vereinsmitglieder stürzen wie die Geier. Das kannste gepflegt knicken.” Ich verdrängte meine Enttäuschung, suchte mir drei andere Perlen aus dem Programm, bestellte und bekam, was ich sehen und hören wollte.

Ganz aus dem Kopf schlagen konnte ich mir das Traumkonzert jedoch nicht, weswegen ich ein paar Wochen später die Wartelistenoption wahrnahm und zu meiner großen Überraschung und Freude berücksichtigt wurde. Man soll halt nie vorzeitig die Flinte ins Korn*) werfen.

Zu Beginn des Abends begrüßte Dr. Christian Kuhnt, Intendant des SHMF, die Anwesenden und bekannte, schon vor Jahren davon geträumt zu haben, in der dann neu erbauten Philharmonie einen Philip Glass-Abend veranstalten zu dürfen. Zunächst aber hatte Maurice Ravel mit “Une barque sur l’ océan” das Wort. Als Intro für Philip Glass mag diese Wahl etwas ungewöhnlich anmuten, ist aber insofern sinnig, als das Ravel in diesem Jahr im Fokus des Festivals steht. Und ein schönes Stück ist es ohne Frage.

Es war mein erstes Zusammentreffen mit dem hr-Sinfonieorchester unter Hugh Wolff, für mich zuvor ein unbeschriebenes Blatt, und ich entwickelte eine Spontansympathie schon nach wenigen Takten. Diese vertiefte sich noch durch die weiteren Programmpunkte des Abends, dem 1. Violinkonzert und der 1. Sinfonie (“Low Symphony”) von Philip Glass sowie der Zugabe “Alborada del Gracioso”, wiederum von Maurice Ravel.

Solist beim Violinkonzert war Daniel Hope und eigentlich bin ich ja Fan. Aber auch ohne das Stück vorher gehört zu haben, fiel mir auf, dass das Zusammenspiel mit dem Orchester an einigen Stellen nicht ganz synchron war. Auf der Suche nach Beurteilungen anderer stieß ich auf zwei nahezu gegensätzliche Kritiken: “hpe” lobt in der “Welt” den Solisten und schmäht das Orchester – OK, die Trompete habe ich auch gehört, aber das war wirklich der einzige Patzer, der mir in Erinnerung geblieben ist -, während Verena Fischer-Zernin im “Hamburger Abendblatt” meine Beobachtungen bestätigt. Es ist schon faszinierend, wie unterschiedlich Menschen Kulturereignisse wahrnehmen. Von Kritikern ganz zu schweigen.

Wie dem auch sei, Hopes Zugabe merzte den zwiespältigen Eindruck im Anschluss gänzlich wieder aus. Er spielte das Kaddish von Maurice Ravel und widmete es dem kürzlich verstorbenen Sir Jeffrey Tate. Ein Stein, der da keine Träne im Knopfloch hatte.

Als kleinen Nebeneffekt habe ich durch die Wartelistenlotterie übrigens in Erfahrung bringen können, auf welchen Plätzen man im Großen Saal sowohl perfekt sehen als auch sehr gut hören kann. Leider sind es mit die teuersten, wodurch dieser Genuss künftig die Ausnahme von der Regel bilden wird.


*) Apropos, falls jemand eine (seriöse) Kartenquelle fürs Tingvall Trio weiß, Termin: 8. 11. 2017 in der Elbphilharmonie: bitte melden!