In Concert: Teodor Currentzis und das SWR Symphonieorchester in der Elbphilharmonie

Nein, ich habe noch nicht herausbekommen, wie er es macht.

Warum nämlich das Symphonieorchester des SWR so anders klingt als die anderen – zumindest, wenn Teodor Currentzis vor ihm steht. Warum ich während des gesamten Konzerts keine Konzentrationsprobleme bekam, obwohl ein langer Arbeitstag hinter mir lag und mir der Magen knurrte, weil aufgrund einer besonderen Schiffsankunft spontan das Abendbrot ausfallen musste.

Ein Fenster hinter die Kulissen gibt es immerhin:  Das “Currentzis-LAB”, dessen Mitschnitte auf SWR Classic veröffentlicht werden. Die erste LAB-Session der Saison 2021/22 war eine offene Orchesterprobe mit Schwerpunkt auf dem 3. Satz aus Sergej Prokofjews fünfter Sinfonie  – die perfekte Konzertvorbereitung also.

Zugegeben, ohne wenigstens eine minimale musikalische Vorbildung und einigermaßen intakte Englischkenntnisse kommt man da nicht mit. Ich will auch nicht behaupten, alles verstanden zu haben. Gelernt habe ich dennoch eine Menge, zum Beispiel den Unterschied zwischen einer “dark Passacalgia” und einem “Marche funèbre”, und dass ich dringend meine musikalischen Vokabelkenntnisse auffrischen sollte. Nebenbei erfährt man nicht nur einiges über Currentzis’ Mission – sowohl in Bezug auf das Stück als auch ganz allgemein – man lernt auch das Orchester kennen. Zumindest die Teile, die während der Probe einzeln aufgerufen oder häufiger von den Kameras eingefangen wurden. Tatsächlich ein quasi spielentscheidender Vorsprung, wie ich feststellte, und nachhaltiger als alles, was eine handelsübliche Konzerteinführung leisten könnte.

Trotzdem, die Frage bleibt offen: Wie macht er das?

Gegen Ende des Konzerts erfuhr das Publikum, dass Currentzis just am fraglichen Tage seinen Vertrag beim SWR Symphonieorchester um weitere drei Jahre verlängert hat. Das lässt auf zahlreiche weitere gemeinsame Auftritte in Hamburg hoffen, was mir die Fortsetzung der Recherche erheblich erleichtern wird. So oder so, eines gilt seit jenem Konzertabend Ende 2019 als gesetzt: Wenn Teodor Currentzis in Hamburg gastiert und ich irgendwie an Karten komme, bin ich im Saal. Mit etwas Glück also das nächste Mal am 28. November, dann mit musicAeterna, Marko Nikodijević und Dmitri Schostakowitsch.

In Concert: Teodor Currentzis und das SWR Symphonieorchester in der Elbphilharmonie

“Ganz unbedingt und ziemlich dringend” wollte ich etwas über den Auftritt von Teodor Currentzis und dem SWR Symphonieorchester in der Elbphilharmonie schreiben, so meine Einleitung zur letzten Meldung auf diesem Kanal. Und nun sitze ich hier und weiß nicht so recht, wie anfangen.

Wenn ich über Konzerte und Kulturerlebnisse schreibe, tue ich das nicht aus dem Blickwinkel einer Kulturjournalistin. Schon deshalb, weil ich keine bin. Es geht mir in erster Linie um das Konzerterlebnis und oft beschäftige ich mich mehr mit dem Drumherum als mit der musikalischen Darbietung an sich: Wie bin ich in dieses Konzert gekommen, was verbindet mich eventuell schon mit den Interpreten, den Komponisten oder den Musikstücken, wie empfinde ich den Raum, die Akustik, meinen Sitz- oder Stehplatz, wie geht es mir mit dem Publikum um mich herum und so weiter. Oft ziehe ich ein Fazit, meistens führt mich das eine Konzert zum nächsten und übernächsten. Überhaupt mag ich es, Verbindungen herzustellen, wo auf den ersten Blick vielleicht gar keine zu sehen oder zu hören sind.

Seit ich regelmäßig in Orchesterkonzerte gehe – also seit mittlerweile etwas mehr als sechs Jahren – versuche ich, quasi im Nebenprojekt, mit meinen laienhaften Mitteln die Kommunikation zwischen Dirigent und Orchester zu ergründen.

Zum Vergleich: Was einen Stargeiger ausmacht, war für mich nicht sonderlich schwer herauszufinden. Wobei bei manchen Zeitgenossen das “Star” deutlich vor dem “Geiger” zu stehen scheint. Selbst im Kollektiv eines Streichquartetts gibt es einen, der die erste Geige spielt, und das ist zumeist eine andere Type als der, der an der zweiten sitzt.

Leistung oder Status eines Dirigenten einzuordnen, fällt mir dagegen ungleich schwerer. Da steht ein Mensch vorm Orchester und ich kann nur erahnen, wie es um das Verhältnis dieser beiden bestellt ist. Wie sind die Proben gelaufen? Mögen die Musiker den? Nehmen sie ihn ernst? Welche Rolle spielt die Tagesform? Ist das ein “Star”, der sich wahlweise wie eine Diva oder ein Despot gebärdet, wenn das Publikum es nicht sehen kann? Oder ist es jemand, dem es in zuerst um die Musik und erst danach um Person und Renommee geht?

Es gibt da den einen oder anderen Anhaltspunkt, aber es bleibt eine Mutmaßung. Ich beschränke mich in meiner Beurteilung zumeist darauf, ob mich die kollektive Darbietung mitgenommen hat und gehe höchstens noch auf besondere Eigenheiten des Dirigenten ein, die mir aufgefallen sind: Das Schulterzucken von Gustavo Dudamel, die Mimik von Sir Jeffrey Tate, wie Jun Märkl den Brahms tanzte, solche Dinge halt.

Und jetzt, nach Teodor Currentzis und dem SWR Symphonieorchester mit Mahlers 9. Sinfonie in der Elbphilharmonie, wünsche ich mir zum ersten Mal das Vokabular, das Handwerkszeug und das Hintergrundwissen eines ausgewachsenen Musikkritikers. Weil ich nicht weiß, wie ich dem, was ich da erlebt habe, gerecht werden soll. Ich habe nicht sehen können, was Orchester und Dirigent miteinander verbindet, aber ich habe es gehört, so deutlich, dass es beinahe greifbar schien, und der Raum, das Publikum und das ganze Drumherum hat bei diesem Konzerterlebnis zum allerersten Mal keine Rolle gespielt. Zum Ende des letzten Satzes habe ich Rotz und Wasser geheult – lautlos versteht sich, alles andere wäre nicht weniger als ein Sakrileg gewesen. Das hat mit “klassischer” sinfonischer Musik bisher noch niemand geschafft.

Ein neues Level.

Danke für dieses Geschenk.