Resozialisierung

Ja, also. Hm. Test, Test, eins zwo. Wie ging das noch mit dem Schreiben?

Jedenfalls, ich habe keine Ausrede mehr. Es gibt endlich wieder Input, live, in Farbe und vor allem offline. Seit Mitte Juli war ich schon auf drei Konzerten. Genauer:

Auf das erste Draußenkonzert hatte ich mich schon zwischen den Impfungen getraut. Alles andere verschob ich auf “ab Erreichen des vollständigen Impfschutzes”. Ersten Beobachtungen nach war das keine ganz dumme Idee. Die sogenannten 3G-Nachweise (“gechiptimpft/genesen/getestet”) werden nämlich mancherorts eher lässig kontrolliert. Folglich ist das einzig belastbare Plus an Sicherheit, welches man zurzeit haben kann, sich selbst geimpft zu wissen. So ganz grundsätzlich. Epidemiologisch betrachtet eh, aber psychologisch mindestens ebenso wertvoll. Für euch getestet.

Next Stop: Das Internationale Sommerfestival auf Kampnagel. Ab dann wieder im gewohnten Format. Falls ich es noch kann. Drei vier!

In Concert: Svavar Knútur im Knust

Musik kann, mit Verlaub gesagt, ein ziemliches Arschloch sein. Dann nämlich, wenn sie mit der Erinnerung an ein großes Unglück verbunden ist – oder, noch schlimmer, an ein großes Glück, was sich erst im späteren Verlauf als Unglück entpuppt.

Musik kann aber auch zum Rettungsanker werden. Vor ein paar Jahren, an einem denkwürdigen Dezemberabend, fand ich mich in der Pony Bar bei einem Konzert von Svavar Knútur wieder, in einer Stimmung, in der man unter Leuten eigentlich nichts zu suchen hat. Da stand er, dieser isländische Troubadour, und beförderte mich mit einer einzigartigen Mischung aus zwerchfellerschütternd-grotesken Geschichten und zauberhaft-melancholischen Songs aus meinem Ausnahmezustand.

Die Erinnerung an diesen Abend ist zugleich schmerzhaft und heilsam und sie ist bei jedem Konzertbesuch wieder mit dabei. Was mich keineswegs davon abhält, ganz im Gegenteil: Gestern war es wieder so weit.

Svavar ist aktuell noch bis 6. 10. in Deutschland unterwegs. Tut ihm, mir und euch einen Gefallen und geht hin.

In Concert: Element of Crime in der Elbphilharmonie

Eigentlich hätte man den Veranstaltungstitel durch ein “& Freunde” ergänzen können, denn neben bzw. mit Sven Regener und Co. traten Bernd Begemann, Isolation Berlin und Andreas Dorau auf und Thees Uhlmann hat zumindest im Publikum gesessen. Außerdem stand ein Stück von Udo Lindenberg auf der erfreulich langen Setlist und mit “Surabaya Johnny” war sogar Kurt Weill vertreten.

Und da saßen Fans in der Elbphilharmonie, mehrheitlich! Was für ein Unterschied! Vielleicht wird das ja irgendwann auch in diesen Räumlichkeiten wieder die Norm. Wahrscheinlich bin ich dann immer noch in der Stadt, in der ich vor mittlerweile fast dreizehn Jahren Anker geworfen habe. Denn nach den Stürmen der letzten Monate bin ich mir nun sicher, dass er hält.

Das wird schön.

Widerspruch

Ich habe da neulich einen Text bekommen, per WhatsApp.

*! Bitte Teilen !* 
Nicht ein einziger Kulturkreis geht uns so auf die Nerven, plündert uns so aus, terrorisiert ganze Stadtviertel wie diese fanatische Primatenkultur mit ihren mittelalterlichen Unsitten & Gebräuchen.
Mit keinem einzigen Zuwanderer, der zum Arbeiten!!! nach Deutschland kam, musste man je über Integration, Eingliederungsmaßnahmen, Sicherheitsrisiko….. sprechen.
Kein GRIECHE brauchte Schilder, dass man unsere Frauen nicht vergewaltigen darf, kein JAPANER musste darauf hingewiesen werden, dass man Frauen nicht ans Auto bindet und durch die Straßen schleift, kein SPANIER musste darauf aufmerksam gemacht werden, dass man Frauen nicht auflauert, nicht antanzt, kein BRITE, IRLÄNDER, NIEDERLÄNDER benötigte überteuerte Flirtkurse oder man musste ihnen zeigen, wie man richtig Frauen anbaggert und poppt.
Keinem THAILANDER wurde je erklärt, dass man Frauen nicht angrapschen darf.
Wir brauchten wegen ITALIENERN keine Armeslänge Abstand und für CHINESEN kein Pfefferspray oder eine Waffe.
Im Zug konnte man vollkommen Axt-frei fahren.
Integration war und ist für Griechen, Italiener, Vietnamesen, Russen und viele andere Nationalitäten eine Selbstverständlichkeit.
Diese Menschen sind ein Teil unserer Kultur geworden und haben unseren Alltag wirklich bereichert.
ABER NICHT DAS VOLK AUS DEM MORGENLAND MIT IHREN ENDLOSFORDERUNGEN…
“Ich will hier eine Moschee, ich will nur Halal Essen, ich will islamische Feiertage, ich will abgetrennte Bereiche in Schwimmbädern, ich habe 4 Frauen und 25 Kinder und habe keine Zeit zum Arbeiten, ich will ein Haus, ein Auto und Geld sonst mache ich Rabatz, meine Kinder fahren nicht mit zur Klassenfahrt, alle Ungläubigen müssen getötet werden usw. usw.”
KOSTE ES WAS ES WOLLE!!!
Es wird geraubt, überfallen, verprügelt, vergewaltigt und gemordet, als wäre dies das Selbstverständlichste von der Welt!
Wir wollen hier keine Idioten, die unser Leben nach ihren Vorstellungen gestalten wollen!
Klemmt euch eure Wunderlampe unter den Arm, setzt euch auf euren Teppich und fliegt zurück hinter den Bosporus oder nach Afrika!
Die Mehrheit der Europäer wird euch dankbar sein.
 *! Bitte Teile !* 

Das hat mich zunächst fassungslos hinterlassen und in der Folge einige Tage beschäftigt. Ob mein Widerspruch den Adressaten erreicht, ist fraglich. Ein Grund, ihn zusätzlich hier zu veröffentlichen.

Lieber Herr Dr. Sch.,

es geht nicht, ich kann diesen Text einfach nicht unwidersprochen lassen. Was nutzt es, wenn ich gegen den Thor Steinar-Laden in Barmbek, eine NPD- oder Pegida-Demonstration auf die Straße gehe, aber in Ihrem Falle kneife, nur, weil Sie so nett sind – ansonsten? Gar nichts.

Sie schreiben, dass jeder ein Recht auf eine eigene Meinung hat, aber nicht auf eigene Fakten.

Schauen wir uns zunächst den von Ihnen geteilten Text an. Fällt das bei Ihnen unter Meinung? Dann haben wir schon da unterschiedliche Definitionen. In meinen Augen handelt es sich um schlichte Hetze.

Da sind zunächst die Begriffe “Kulturkreis”, “Primatenkultur” und “Volk aus dem Morgenland”. Es bedarf keiner großer Interpretationsanstrengung, um den Islam als Feindbild in diesen Zeilen zu erkennen. Als positive Gegenbeispiele werden Griechen, Japaner, Spanier, Briten, “Irländer”, Niederländer, “Thailander”, Italiener, Chinesen, Vietnamesen und Russen angeführt. Und das auf eine dermaßen platt pauschale Art und Weise, dass ich mich frage, wie ein intelligenter und empathiefähiger Mensch, der Sie zweifelsohne sind, diesen Kram auch nur mit der Zange anfassen kann.

Argumente gefällig? Bitte sehr.

  1. Hier werden Äpfel (Glaubenszugehörigkeit und eine diffuse Regionalbezeichnung) mit Birnen (Nationalität) verglichen. Stellen Sie sich vor: Es gibt vietnamesische Moslems! Wie übrigens auch türkische Christen. Oder syrische. Ich kenne welche.
  2. Auch aus der Türkei und Nordafrika sind Gastarbeiter eingewandert, haben sich integriert und unsere Kultur bereichert. Essen Sie gerne Döner, Lahmacum oder Falafel? Waren Sie schon einmal im Hamam? Großartig. Heiße (sic!) Empfehlung!
  3. “… kein SPANIER musste darauf aufmerksam gemacht werden, dass man Frauen nicht auflauert, nicht antanzt…” Ach nein? Waren Sie mal in einer spanischen Disko? Als Frau, mit einer Gruppe von Frauen, ohne männliche Begleitung? Probieren Sie’s mal aus! Ähnlich üble Erfahrungen habe ich beispielsweise auch mit Italienern und Franzosen gemacht. Und, Überraschung! vor allem mit Deutschen. Und ich meine damit das, was einige Zeitgenossen “Biodeutsche” nennen.
  4. “… kein BRITE, IRLÄNDER, … benötigte überteuerte Flirtkurse oder man musste ihnen zeigen, wie man richtig Frauen anbaggert und poppt.” Glauben Sie mir, gerade diese Zielgruppe hätte das bitter nötig.
  5. “Im Zug konnte man vollkommen Axt-frei fahren.” “Früher war alles besser?” Come on, give me a break!
  6. “ABER NICHT DAS VOLK AUS DEM MORGENLAND MIT IHREN ENDLOSFORDERUNGEN… ” Hier kommen wir zum Thema Fakten. Wer fordert? Wem gegenüber? Was genau? Mit welchen Erfolgsaussichten? Ich hätte gern ein paar (belegbare) Beispiele. Davon ab: Unvernünftige und dreiste Forderungen sind kein Privileg einzelner Glaubensrichtungen oder Nationalitäten; stellen kann man sie immer und es wird fleißig davon Gebrauch gemacht in Politik und Gesellschaft. Die meisten dieser Forderungen landen da, wo sie hingehören: in der Tonne. Haben Sie so wenig Vertrauen in unsere Demokratie? Ich gebe unumwunden zu, meins hat nach dem Einzug der AfD in den Bundestag etwas gelitten. Und dennoch!
  7. “… ich will nur Halal Essen…” Es gibt einen Unterschied zwischen einer Pauschalforderung (von der Sie mich erst überzeugen müssen, siehe Punkt 6) und einer Rücksichtnahme auf religiöse Speisevorschriften. Was machen Sie mit dem gläubigen Christen, der in der Fastenzeit keinen Alkohol und keine Süßigkeiten anrührt und sich an Freitagen grundsätzlich fleischlos ernährt? Wenn schon der Begriff “halal” fällt, warum nicht auch gleich “koscher”? Oder sind Mitbürger jüdischen Glaubens erst beim nächsten Mal mit an der Reihe?
  8. “… ich will islamische Feiertage…” Nochmal: Wer fordert? Wem gegenüber? Fun fact: Im Norden Deutschlands wird dieser Tage voraussichtlich die Einführung eines neuen Feiertags beschlossen. Es handelt sich um den Reformationstag. Soweit zum Thema Islamisierung des Abendlandes.
  9. “… ich habe 4 Frauen und 25 Kinder …” Schönes Klischee! Ist mir noch nicht begegnet. Ok, sechs oder acht Kinder mit einer Frau, das schon. Wissen Sie was? Meine Mutter ist eines von dreizehn Geschwistern. Einige meiner Tanten und Onkel setzten diese Tradition fort, wenn auch in etwas kleinerem Rahmen. Alles Asoziale?
  10. “… und habe keine Zeit zum Arbeiten, …” Wenn Sie wüssten, wie viele Geflüchtete arbeiten, studieren oder eine Ausbildung absolvieren wollen, aber durch Bürokratieauswüchse daran gehindert werden. Wenn Sie wüssten, wie viel Diskriminierung Nachkommen von Einwanderern auch in der x-ten Generation noch aushalten müssen, nur weil sie keinen deutsch klingenden Namen tragen. Das betrifft den Arbeits- genauso wie den Wohnungsmarkt.

Ja, es gibt Ghettobildung und Parallelgesellschaften. Ja, es gibt Viertel in deutschen Städten, da wähnen Sie sich in einem völlig anderen Kulturkreis. Ja, es gibt Sozialbetrug, Radikalisierung, islamistische Gewalt; es gibt Vergewaltigungen und sogar Morde. Ich stelle das nicht infrage. Aber ich mache nicht “den Islam” dafür verantwortlich. Sondern die Tatsache, dass es gute und böse Menschen unter allen Glaubensrichtungen und Nationalitäten gibt, unter seit jeher hier Ansässigen, Zugewanderten und hierher Geflüchteten. Und dass wir uns nicht wundern müssen über manches, wenn wir viele Menschen ohne Perspektive auf enge Räume zusammenpferchen und die, die es dennoch aus dieser Mühle geschafft haben, systematisch und vor allem pauschal ausgrenzen.

Wenn es etwas gibt, auf das das Wort “mittelalterlich” zutrifft, dann ist es dieser Text. Ohne Differenzierung wird an den Pranger gestellt – ja, wer eigentlich? Nichts Genaues weiß man nicht. Meine katholisch-ostwestfälische Erziehung allein sträubt sich schon gegen solch eine krude Gemengelage. Packen Sie noch Logik und Sachlichkeit dazu und das Ding verpufft vollends.

Um zum guten Schluss noch einmal einen Anglizismus zu bemühen: You can do (much) better!

Ich glaube daran.

Beste Grüße,
Susanne Dirkwinkel

An diesem Tag

Man kann über Facebook behaupten, was man will, aber es kann extrem praktisch sein. Gerade zu Kommunikationszwecken. Eines meiner Lieblingsfeatures ist die Erinnerungsfunktion, “An diesem Tag” (“On this day”) genannt. Da kommt, das kann man so einstellen, morgens um kurz nach 8 Uhr eine Pushmeldung aufs Telefon, die einem zeigt, was heute vor einem Jahr war. Oder vor zwei Jahren. Oder drei. Das beinhaltet natürlich nur das facebookeigene Gedächtnis, aber wenn man wie ich regelmäßig dort postet, und sei es nur den Link zum neuesten Blogartikel, kommt an manchen Tagen ein interessantes Mosaik zustande.

Die Liste von heute Morgen:

Es hat eine Weile gedauert, bis Isabel und Maximilian mich zu einem Auftritt bei “Was machen die da” überreden konnten und es war ein ziemlich merkwürdiges Gefühl, auf diese Weise in der Netz-Öffentlichkeit zu stehen. Gar nicht so angenehm im ersten Anlauf.

Als die ersten Reaktionen eintrudelten, verschwand mein Unbehagen jedoch schnell. Ich lernte gleich eine ganze Reihe neuer Leute kennen, bekam viel Anerkennung, führte einige Diskussionen über Teile des Inhalts und meiner im Text geäußerten Meinung und begriff überhaupt nach Jahren erstmalig, dass das, was ich da gemacht habe, ein ziemlich außergewöhnlicher Job war. Etwas, auf das man stolz sein kann, etwas, was nicht jede(r) kann und macht. Aus meinem Tunnel heraus kam es mir gar nicht so vor, zumal zum Zeitpunkt des Interviews nicht, irgendwann zwischen Tagesgeschäft, Katalogredaktion, Messevorbereitung und den übrigen Widrigkeiten des Arbeitsalltags.

Was seinerzeit angestoßen wurde, auch bezüglich meines Selbstverständnisses, hat Wellen geschlagen. Und es nutzt mir gerade im Moment, denn den Job gibt es mittlerweile nicht mehr und so forsche ich zurzeit nach einer neuen Nische. Der Möglichkeiten sind erfreulich viele, ich ermittele gewissermaßen in alle Richtungen und die ersten Resonanzen sind vielversprechend. Die für mich erreichbaren Dinge mit Meer, Schiff und/oder Seekarten(-daten) sind dabei besonders rar gesät, aber ich bin an einigem dran, die Grundidee ist ja weiterhin charmant. Auch aus diesem Grunde nutze ich die Gelegenheit, den Artikel aus dem (Facebook-)Archiv ins relative Rampenlicht des Susammelsuriums zu holen.

Wie sagt man so schön im Angelsächsischen? To whom it may concern.

#MeToo? Nein. Oder doch?

Es hat eine Weile gedauert, bis ich auf den Hashtag #MeToo aufmerksam wurde, unter dem in den letzten Wochen weltweit Frauen via Twitter, Facebook und andere Plattformen erlittene sexuelle Belästigung öffentlich machten. Ich fühlte mich zwar betroffen, aber zunächst nur im solidarischen Sinne.

Meine eigenen Erlebnisse hielten sich bislang im Rahmen. Ich habe lange in einer männerdominierten Branche*) gearbeitet, in der ich es mir nicht leisten konnte (und wollte!), übersensibel auf Sexismus und diskriminierendes Verhalten zu reagieren. Manches davon basierte auf schlichter (Kommunikations-)Unsicherheit und das meiste ließ sich mittels wohldosierter Gegenschüsseargumente oder durch demonstrierte Fachkompetenz regeln. Ich erzähle immer noch gerne die Geschichte des Herrn im besten Alter, den ich eines Tages am Telefon hatte.

Ich: “Firma XY, mein Name ist Dirkwinkel, was kann ich für Sie tun?”
Er: “Guten Tag, mein Name ist Z. Können Sie mich mit einem kompetenten Herrn aus Ihrer Seekartenabteilung verbinden?”
Ich: “Würden Sie auch mit einer kompetenten Dame vorlieb nehmen?”

Eine Erwiderung, die bei dem Mann ebenso Begeisterung wie Verlegenheit auslöste; er entschuldigte sich formvollendet und wir schieden als Freunde.

Ansonsten waren da die Kusssmileys per WhatsApp aus Schottland – die andererseits einen nicht geringen Unterhaltungswert hatten und zu meiner Erleichterung lediglich mit Hafen- und Essensbildern garniert waren**) -, ein schmieriger Brief, diverse “augenzwinkernde” Törneinladungen und als Krönung dieses eine arme Würstchen, das mir weiland auf der hanseboot meckernd lachend seinen Spazierstock auf die berockte Rückfront setzte. In allen Fällen hatten die Absender den größeren Schaden, schon weil ich, wo nötig, Unterstützung suchte und zum Glück auch immer fand.

Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr wird mir klar: #MeToo, das lässt sich in meinem Fall vielmehr über die Dinge definieren, von denen ich mich abhalten lasse. Verhaltensregeln, die ich für mich aufgestellt habe, um ja nicht in brenzlige Situationen zu geraten. Ich lasse das leichte Sommerkleid und den schicken Bürodress öfter im Schrank, als ich sie gern tragen würde. Ich laufe auch im Dunkeln, aber nach 21 Uhr trete ich grundsätzlich keine Runde mehr an, außer im Hochsommer, wenn der Hamburger Stadtpark bis tief in die Nacht bevölkert ist. Wenn ich allein und in freier Wildbahn unterwegs bin, meide ich Blickkontakte mit unbekannten Männern oder breche sie oft vorzeitig ab und selbst auf neutrale Gesprächsanbahnungen reagiere ich zumeist schroffer als nötig. Ich wäre auch unter diesem Gesichtspunkt nicht zwingend auf die Idee gekommen, Mitglied eines Fußballvereins zu werden, wüsste ich nicht um eines: Der, der einer Frau im FC St. Pauli-Umfeld dumm kommt, riskiert den Verlust gleich mehrerer Gliedmaßen. Ich umgehe bestimmte Wege, wenn ich allein unterwegs bin und habe nicht wenige Länder von meiner Reiseliste gestrichen – die Stadt Paris muss ich nach meinen Erfahrungen vom Mai 2016 wohl leider auch dazuzählen. Von Männern gemachte Komplimente lösen bei mir grundsätzlich Misstrauen aus, selbst wenn ich sie gerne annähme. Und und und – die Liste ist erschreckend lang. Das Schlimmste daran: Die meiste Zeit meines Lebens geschah dies unbewusst. Mir war lange gar nicht klar, dass ich mich einschränke aus Angst davor, Männern Angriffspunkte zu bieten.

Je älter ich werde, desto mehr stelle ich mein Verhalten infrage. Wie viele gute Gespräche und tolle Erlebnisse, wie viele Bekannt-, Freund- oder gar Liebschaften habe ich verpasst aufgrund der selbst auferlegten Vorsichtsmaßnahmen? Ist es mir möglich, aus dieser Sicherheitszone zu treten und meinen Aktionsradius zu erweitern, offener zu werden? Welches Risiko gehe ich damit ein?

Fragen, von denen ich wünsche, sie mir nicht mehr stellen zu müssen. So gesehen: Ja. Doch. #MeToo.


*) Nein, nicht in dieser Firma. Aber das Video ist hübsch-hässlich repräsentativ: Man beachte den Abschnitt ab 3:40.

**) Stichwort “rauschende Hecksee”, die ehemaligen Kollegen und sonstige Eingeweihte werden sich erinnern

Bis in die Träume

Geträumt, ich bin auf dem Weg zur Premiere des Stücks “Room 29” von und mit Chilly Gonzales und Jarvis Cocker auf Kampnagel. Es sind nur noch wenige Minuten bis zum Beginn der Vorstellung. Ich beeile mich und gelange irgendwie über den falschen Eingang und einen mir bisher unbekannten Nebenraum in die K6, ohne dass mein Ticket kontrolliert wird. Jetzt suche ich, unter den Rängen stehend, hektisch danach, der Sitzplatznummer wegen. Das erweist sich als umständlich, weil ich merkwürdigerweise plötzlich drei Taschen dabei habe und mir immer wieder etwas herunterfällt.

Derweil fängt das Stück an. Ich finde das Ticket nicht und mir geht auf, dass es wahrscheinlich noch an der Küchenpinnwand hängt. “Kein Problem”, denke ich, “du hast es ja online und direkt im Kampnagel-Shop gekauft. Guck einfach in deine E-Mails.” Leider verweigert ausgerechnet in diesem Moment das Smartphone seinen Dienst.

Plötzlich fällt mir ein, dass ich überhaupt kein Ticket für die Freitags-, sondern eins für die Sonntagsvorstellung habe. Ich verlasse peinlich berührt die Katakomben der K6 durch den zuvor neu entdeckten Nebenraum. Dort halten sich mehrere Personen auf. Es handelt sich augenscheinlich um Kongressteilnehmer. Feldbetten stehen herum und man kann durch eine offene Tür einen Stall erkennen, in dem pechschwarze, zottelige Rinder gehalten werden.

Ich treffe überraschend auf flüchtige Bekannte aus dem Rheinland, darunter eine ehemalige Kommilitonin, die ich seit über 20 Jahren nicht gesehen habe. Die Gruppe begrüßt mich freudig, lacht mit mir über mein Missgeschick und fragt mich, wo man in Hamburg am besten Tango tanzen könne. Ich muss leider passen, unterhalte mich noch eine Weile und schicke mich zum Gehen an. Da bricht ein gewaltiger Hagelsturm los, der mich zum Bleiben zwingt. Als der Hagel weicht, die Sonne wieder durchbricht und wir am Horizont einen Regenbogen sehen, der nur aus den Farben gelb, orange und rot besteht, klingelt der Wecker.

Hm.

Sind eventuell Traumdeuter anwesend?