Dezember

Nein, das ist noch nicht der Jahresrückblick! Ich muss ja erst noch auf den Dezember zurückblicken.

Nachgeholt aus dem November habe ich zunächst das Ende von „Sie sagt. Er sagt.“, indem ich mir die DVD mit der 2024er ZDF-Verfilmung bei der Bücherhalle auslieh. Eigentlich hatte ich „Auflösung“ statt „Ende“ schreiben wollen, aber eine Auflösung ist das Ende nicht wirklich – irgendwie unbefriedigend alles, wobei es sich aber mutmaßlich um den gewünschten Effekt handelt. Ich fand das Stück auch in der Filmversion noch fad, nur halt nicht so furchtbar schlecht gespielt. Hätte die Filmbesetzung auf der Bühne der Hamburger Kammerspiele gestanden (beziehungsweise gesessen), wäre ich wahrscheinlich nicht in der Pause geflüchtet.

Das allererste Dezember-Live-Event wäre „Schwanensee“ von Christoph Marthaler gewesen – der dritte Teil der im November-Beitrag bereits erwähnten Trilogie. Leider musste die Veranstaltung krankheitsbedingt ausfallen. Ich nutzte die ungeplante Abendfreizeit für den Besuch des Adventskalenders der Staatsoper. Das ist eine schon ältere Einrichtung: Vom 1. bis 23. Dezember wird jeden Tag im Foyer eine „künstlerische Kostbarkeit“ präsentiert; werktags um 16:30 und sonntags um 12:00 Uhr. Der Eintritt ist frei, um Spende wird gebeten (in diesem Jahr für die Deutsche Muskelschwundhilfe). Am fraglichen Nachmittag wurde das jeweils ungefähr zwanzig- bis dreißigminütige Programm vom Bundesjugendballett gestaltet. Der Andrang war groß, selbst ein vergleichsweise frühes Kommen sicherte mir keinen regulären Sitzplatz. Trotzdem oder gerade deswegen: Eine schöne Stimmung ist das da! Nur die Vorderhauscrew schien leicht gestresst.

Tags drauf war ich bei Art’n’Voices im Kleinen Saal der Elbphilharmonie. „Christmas at Sea“, der Titel des Programms, erwies sich indes als Etikettenschwindel. Es gab zwar jede Menge Weihnachtslieder, aber der „Sea“-Bezug erschloss sich mir nicht, außer vielleicht bei „Ave Maris Stella“ und „Es kommt ein Schiff geladen“. Aber das verblasste angesichts der teils spektakulären Arrangements der interpretierten Stücke.

Das war meine erste Begegnung mit zeitgenössischer polnischer Vokalmusik und ich weite diese Bekanntschaft gerne bei Gelegenheit aus.

Im letzten Jahr feierte ich meine  Weihnachtsoratorium-Premiere. Einige Tage zuvor hatte ich im hiesigen Regionalfernsehen einen Beitrag über eine urbane Hausmusik-Version des Werks von und mit dem ensemble resonanz gesehen. Das schien mir eine logische Fortsetzung der im Michel begonnenen Reihe zu sein, weswegen ich mir zeitig ein Ticket für den 2025er Termin sicherte.

Die Version mit dem goldenen Esel hat mich vollumfänglich überzeugt. Mehr noch, ich möchte das eigentlich gar nicht mehr anderes hören. Besonders fasziniert war ich von Michael Petermann an den Vintage Keyboards. Wahrscheinlich auch, weil ich ihm aus der Loge 2 im 1. Rang so schön auf die Finger gucken konnte.

Weihnachtsoratorium in Wohnzimmeratmosphäre
Weihnachtsoratorium in Wohnzimmeratmosphäre

Da habe ich also schon im zweiten Anlauf „meine“ Weihnachtsoratoriums-Variante gefunden! Deren Besuch werde ich nun nach Möglichkeit zu einer ständigen Einrichtung erheben. Damit bin ich nicht allein: Der resonanzraum ist schon lange nicht mehr groß genug für das Event und auch die Laeiszhalle war in diesem Jahr schon sehr gut gefüllt. Im nächsten Jahr wird folgerichtig gleich es zwei Termine geben, am 16. und am 18. Dezember. Der Vorverkauf hat bereits begonnen.

Der Name Thorsten Nagelschmidt war mir nicht geläufig, aber irgendwo habe ich das Gesicht schon gesehen. Es fällt mir nur nicht ein, wo. Dagegen ist Lambert mir natürlich ein Begriff und der Ankündigungstext des gemeinsamen Auftritts unter dem Titel „Nur für Mitglieder“ auf Kampnagel reichte mir, um ein Ticket zu erwerben. Ich würde die Veranstaltung allerdings nicht unbedingt als Weihnachtsrevue betitelt haben, sondern als Lesung mit Musik. Was deutlich spröder klingt, aber eher dem Gebotenen entsprach. Der Abend kam mir fast ein bisschen zu kurz für das Thema oder vielmehr die vielschichtige Themenwelt vor. Einiges wurde angerissen, kam dann aber nicht rund zum Ende. Was man aber auch als gewollten Anreiz für den Kauf von Buch und Tonträgern werten kann.

Kurz hatte ich mich übrigens noch gewundert, dass Lamberts Maske auf dem Klavier drapiert war. Dann betrat der Mann die Bühne – unmaskiert. Ziemlich ungewohnt. Ich glaube, auch noch für ihn. Ob er die Maske beim Lambert & Friends-Konzert im Mai wohl wieder anlegt?

Als ich die Ankündigung eines weiteren Orchesterkaraoke mit Jan Dvorak, Matthias von Hartz und den Jungen Symphonikern auf Kampnagel entdeckte, zögerte ich noch kurz, ein Ticket zu kaufen. Es ist ja eigentlich immer nett, dachte ich, aber es wiederholt sich auch viel. Ich tat es dann doch und bereute es nicht. Die Stimmung war großartig, die Sängerinnen und Sänger schlugen sich tapfer bis hervorragend. Ein Highlight war der Background-Chor des Orchesters bei der Joe Cocker-Version von „With a Little Help from My Friends“. Außerdem hebt das Gesamtkonzept mit Jan Wulf als lebender Karaokemaschine einfach zuverlässig die Laune. Wenn das eine neue (Vor-)Weihnachtstradition auf Kampnagel wird, bin ich auch im nächsten Jahr wohl wieder dabei. Abgesehen davon: Nichts gegen Coldplays „Viva la Vida“ als Abschluss, aber es kann gerne auch mal wieder „My Way“ sein!

Ich hatte mich auf das Konzert von Ibrahim Maalouf im Großen Saal der Elbphilharmonie sehr gefreut, weil bei seinem Auftritt im April er selbst als Trompeter für meinen Geschmack zu wenig im Mittelpunkt gestanden hatte. Das war bei „Kalthoum“ anders, aber wieder hatte ich nicht das Kleingedruckte gelesen: Auf dem 2016 erschienenen gleichnamigen Album widmet sich Maalouf der 1975 verstorbenen legendären ägyptischen Sängerin und Schauspielerin Umm Kulthum, in dem er einen Song von ihr, „Alf Leila We Leila“, zu einer Jazz-Suite aus- und umbaut. Teile des Albums wurden nun im Rahmen eines Elbphilharmonie-Schwerpunkts zu Umm Kulthum präsentiert. Das war sehr beeindruckend und ebenso lehrreich, denn mir war der Name zuvor tatsächlich nicht geläufig gewesen.

Aber es war eben doch wieder nicht Maalouf pur. Ob ich das wohl noch erwische? Eine Chance ergäbe sich 2027 in Paris, wo Maalouf sein zwanzigjähriges Bühnenjubiläum feiern will. In der Paris La Défense Arena, no less, da passen über 40.000 Leute rein. Ein bisschen hoch gegriffen, aber nicht unpassend für den Trompeter, der sich im Laufe seiner Karriere nach eigener Aussage gegen viele Widerstände beweisen musste und nun offenbar ultimativ beweisen will, indem er eben genau diese Halle füllt.

Das letzte Konzert des Jahres war „Weihnachten mit Salut Salon“ im Thalia Theater. Veranstaltungen von Salut Salon sind in Hamburg normalerweise recht zügig ausverkauft. Die Ränge bei den beiden Vorstellungen am vierten Advent waren hingegen zwar gut gefüllt, aber es gab lange und ich glaube sogar noch an der Abendkasse Karten zu kaufen.

Ich mag Salut Salon eigentlich sehr, aber das Weihnachtsprogramm war mir in Teilen zu krawallig. Das wird bei mir wohl keine Weihnachtstradition.

Den Abschluss des Kulturjahres bildete erneut Christoph Marthaler mit dem ersten Teil der oben genannten Trilogie im MalerSaal des Schauspielhauses. In „Die Sorglosschlafenden, die Frischaufgeblühten“ werden Texte von Friedrich Hölderlin bespielt.

Des Öfteren entwickelte sich Heiterkeit im Publikum; auch in Momenten, bei denen die Verbindung von Text und Spiel komische Züge aufwies, wenn man aber die Lebensgeschichte Hölderlins kennt, möglicherweise als eher tragikkomisch zu werten gewesen wären. Ein tragisches Element stellten dagegen zweifelsfrei die zerschmetterten Streichinstrumente in der linken oberen Ecke des Bühnenbilds dar. Dieser Anblick hat mir fast körperlich wehgetan, ebenso wie die Art der Einbeziehung der Instrumententrümmer in das Spiel. Absurder als „Im Namen der Brise“ kam mir der Hölderlin-Abend vor, und doppelbödiger.

Und das war’s mit 2025! Es folgt der Jahresrückblick und dann drehe ich die Uhr endgültig auf Januar. Es ist schon einiges in der Pipeline, ich freue mich!

Internationales Sommerfestival 2025 auf Kampnagel

Immer diese guten Vorsätze… Der Sommerfestival-Bericht hätte eigentlich noch vor der Roald-Postkarte erscheinen sollen. Aber vor der Reise nach Lettland schaffte ich gerade Mal das erste Drittel und in der Woche nach dem Törn nur wenig mehr als das zweite Drittel. So groß war mein Verlangen nach einer ausgedehnten Schreibtisch- bzw. Computerpause lange nicht. Und das letzte Drittel dauert sowieso immer am Längsten.

Aber nun!

Auch wenn ich in der letzten Festivalwoche bereits auf See war, sind es letztlich noch sechs Sommerfestival-Veranstaltungen geworden: fünf auf Kampnagel und eine im Volksdorfer Museumsdorf.

Marlene Monteiro Freitas: Nôt (Eröffnung)

Das sattsam eingeübte Eröffnungsprozedere wurde in diesem Jahr empfindlich gestört: Pünktlich zum Beginn des Sommerfestivals hatte ver.di die tarifbeschäftigten Kampnagel-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeiter zu einem dreistündigen Kurzstreik aufgerufen.

Lohngerechtigkeit für [K] JETZT!
Lohngerechtigkeit für [k] JETZT!
Die Eröffnungsveranstaltung fand zwar statt, der Beginn musste jedoch um eine Stunde nach hinten verschoben werden. Das gab Kampnagel-Intendantin Amelie Deufelhard und Festivalleiter András Siebold ausnahmsweise reichlich Zeit, sich über das Programm auszubreiten (die dies aber kaum nutzten). Den Sekt musste ich aus Migränegründen stehenlassen und eine Brosda-Rede gab es urlaubsbedingt auch nicht, dafür aber Beiträge von Staatsräten Jana Schiedek (Hamburger Behörde für Kultur und Medien) und Professor Tricia Rose (Brown University).

Essen - Trinken
Essen – Trinken

Ersteren bekam ich allerdings gar nicht mit, weil ich viel Zeit in den beiden Essensschlangen (1. Bestellen/Bezahlen und 2. Abholen) verbrachte. Um am Ende aufgrund mangelnder Kommunikation zwischen den beiden Stationen unnötigerweise nicht das zu bekommen, was ich eigentlich haben wollte und mir prompt den Ketchup zu den Verlegenheits-Fritten aufs Shirt zu kleckern. Eine der beiden Schlangen (und das Ausweichen auf die immerhin okayen Skinny Fries) hätte ich mir sparen können: Es gab nicht wenige Menschen, die das per Aushang kommunizierte Prozedere völlig straflos ignorierten und in der Abholschlange bestellten, bezahlten und bekamen. Aber gut, es war ja genügend Zeit da. Und nächstes Jahr weiß ich es besser und bringe zur Eröffnung eine Stulle mit.

Ach ja, das Stück: Mein rot bekleckertes Shirt passte ganz gut zur Show und der Titel der Nachtkritik, „Keuchen, Kotzen, Kacken“, brachte die Inszenierung sonstiger Körperflüssigkeiten sehr gut auf den Punkt. Immerhin wurde das Kotzen und Kacken lediglich pantomimisch ausgeführt, zusammen mit der Geräuschkulisse reichte es aber zu einem veritablen Würgereflex. Wohl nicht nur bei mir: Menschen verließen zahlreich das laufende Stück, wenn auch mehrheitlich nicht auf den teureren Rängen. Das alptraumhafte „Nacht“-Szenario – in dem ich, anders als Programmheft und Text des Abendzettels behaupteten, keine Spur von einer Auseinandersetzung mit „1.001 Nacht“ erkennen konnte, was mich aber überhaupt erst dazu bewogen hatte, eine Karte zu erstehen – hätte man sicher auch ohne diese zu allem Übel in aller Ausführlichkeit und unter Einbeziehung von Teilen des Publikums ausgeführten, hm, Spezialeffekte transportieren können. Aber wenn es denn unbedingt sein muss: Liebe Leute auf Kampnagel, ihr hattet mir zwei Tage vor dem Event „Hinweise zu sensorischen Reizen“ per E-Mail zukommen lassen, in denen vor „Stroboskoplicht und lauter Musik“ gewarnt wurde. Auch die Programmbeschreibung auf der Webseite enthielt diese Triggerwarnung. Macht es doch bitte vollständig und schreibt „Darstellung von körperlicher Gewalt, Darstellung von Blut, Erbrechen, Defäkation“ dazu. Bei bei anderen Stücken (beispielsweise „A Year Without Summer“ von Florentina Holzinger) habt ihr es gemacht, warum um Himmels Willen nicht bei „Nôt“?!

Miet Warlop: Inhale Delirium Exhale

Auch bei Miet Warlop gab Verzögerungen im Betriebsablauf, allerdings aus technischen Gründen: Ein Performer war ausgefallen, sodass Warlop selbst einspringen, das Stück umgestellt und neu geprobt werden musste. Das gab mir Zeit zur Nahrungsaufnahme. Die Verpflegungs-Logistik war ab Festivaltag 2 unkompliziert und ich aß ein leckeres Gemüse-Curry.

Warum die erwähnten Anpassungen nicht ganz unproblematisch waren, erschloss sich bereits wenige Minuten nach Beginn der Aufführung. Große Ballen mit sehr viel Stoff ergossen sich da aus der Höhe, Stoffbahnen wurden mit maschineller Unterstützung auch wieder aufgewickelt, die Tänzerinnen und Tänzer rannten und sprangen um die Röhren, auf denen die Stoffe aufgewickelt waren; all dies wirkte zeitweise nicht sonderlich souverän oder auch nur kontrolliert. Ich konnte mich nicht uneingeschränkt auf die erzeugten Bilder konzentrieren, so sehr hat mich gestresst, dass sich praktisch jeden Moment jemand hätte verletzten können – noch ein Alptraum also, aber einer für den Arbeitsschutz. Diese Ablenkung gepaart mit dem Wissen darum, dass ich das Stück nicht so sah, wie es geplant war und dass einige Effekte auch sichtbar nicht funktionierten wie gedacht, schmälerten den Genuss. Auf der anderen Seite behielt András Siebold recht mit seiner Ansage: Ich war Zeugin einer einmaligen Performance.

Apropos Ansage: Denjenigen im Publikum, die noch ein Ticket für die Aufführung von „Nôt“ im Anschluss hatten, teilte Siebold sinngemäß und unter Augenzwinkern mit: „Sie verpassen ungefähr die ersten zwanzig Minuten, in denen wird aber nur gekotzt und gekackt“.

Da hätte ich beinahe etwas gesagt.

Nesterval: Das alte Dorf

Wie bereits erwähnt war es mir im ersten Anlauf nicht gelungen, Karten für „Das alte Dorf“ zu ergattern: In Hamburg herrschen mittlerweile wienerische Verhältnisse, wenn ein Nesterval-Stück in den Vorverkauf geht. Allerdings war das diesjährige Gastspiel auch dadurch geprägt, dass es nur ganze fünf Vorstellungen gab.

Museumsdorf Volksdorf
Museumsdorf Volksdorf

Das mag am dem mit der Location verbundenen Aufwand gelegen haben, wurde doch das gesamte Volksdorfer Museumsdorf bespielt. Mir verhalf im Nachgang zum Vorverkauf ein zarter Hinweis auf das Blog letztendlich noch zum Erwerb eines Tickets. Wie begehrt diese waren, war selbst am Einlass noch zu spüren, vor dem hitzige Wortgefechte um die Rangfolge auf der Warteliste ausgetragen wurden.

In „Das alte Dorf“ wird die Geschichte der Bauerstochter Anna-Lisa erzählt, die eigentlich den auswärtigen („dosigen“) Knecht Johannes aus Fulda heiraten sollte. Anstatt der Hochzeit wohnt das Publikum, das zunächst in Familien als Gäste entweder des Bräutigams oder der Braut eingeteilt wird, jedoch der Beerdigung Anna-Lisas bei. Beziehungsweise dem Trauerzug inklusive eines von Pferden gezogenen historischen Bestattungswagens. Um zu erfahren, wie es zum Tod Anna-Lisas kam, reisen die Gäste zusammen mit den Charakteren der Handlung zurück in die Zeit. Wie bei fast allen von mir bisher besuchten Nesterval-Stücken hing das individuelle Theatererlebnis sehr davon ab, welchen Figuren man folgte. Da habe ich vom Schauspielerischen her inzwischen meine Lieblinge. Was für sich genommen aber keine Garantie ist: Der „Das alte Dorf“ kam mir vergleichsweise lahm vor und die Erzählweise in Rückschritten funktionierte nach meinem Empfinden nicht sonderlich gut. Irgendwie unpassend (im Sinne von „too much“) erschien mir auch das „Lohengrin“-Vorspiel als musikalische Untermalung ganz zu Anfang. Als Gesamtkunstwerk und Event hätte ich „Das alte Dorf“ aber auf keinen Fall verpassen wollen. Und wie toll ist denn bitte das Museumsdorf selbst, da muss ich unbedingt nochmal hin – vielleicht schon zum Erntefest am kommenden Wochenende.

Übrigens kommt in einer Szene des Stücks ein Text vor, der unmittelbar im Anschluss als Zitat aus dem ersten Teil der „Sissi“-Trilogie identifiziert wurde. Für diese prompte Auflösung möchte ich mich ausdrücklich bedanken, hätte ich doch sonst bis zum Ende der Aufführung darüber rätseln müssen. Dabei war ich bereits ausreichend abgelenkt von dem Viechzeuch im Dorf, zum Beispiel diesem einen federfüßigen Zwergpuschelhuhn, welches sich auch von höchster Dramatik nicht im Mindesten beeindruckt zeigte und den Tönen, die sich nach längerer Überlegung und kurzer Vergewisserung als die Verlautbarungen eines Truthahns erwiesen. Dass es sich auch beim Abschlusssong „Chapel of Love“ sehr wahrscheinlich um ein Zitat beziehungsweise um eine Referenz handelte – der Abspann von „Four Weddings and a Funeral“! -, ist mir dagegen erst Tage später aufgegangen.

akua naru, Tyshawn Sorey, Anta Helena Recke, Ensemble Resonanz: Longing to tell

Kommen wir zum ersten Festival-Highlight. Im Programm wurde „Longing to tell“ einerseits als „Blues Opera“, andererseits als Konzertinszenierung bezeichnet – die Genrefrage sowie der Anteil des Szenischen wird ausführlich in der Nachtkritik behandelt. Nach meinem Empfinden trifft es „Blues Oratorio“ am besten.

Basierend auf dem gleichnamigen Buch von Professor Tricia Rose wird die Lebensgeschichte von Linda Rae dargestellt, einer hellhäutigen Schwarzen, deren Leben lange Zeit von Sex, Gewalt und Drogenmissbrauch geprägt ist. Auf jeder Stufe des siebzehnteiligen Librettos wird vermittelt, wie sehr systemisch bedingte Benachteiligung, struktureller Rassismus und Kriminalisierung diesen Teufelskreis befeuern. Die Abwärtsspirale wird erst durchbrochen, als Linda Rae am absoluten Tiefpunkt ankommt und sich deren Ursachen bewusst wird. Ich konnte den Text überraschend gut verstehen, war allerdings doch froh über die ausgeteilte zweisprachige Synopsis, die in kurzen Sätzen die Handlung der jeweiligen Teile zusammenfasste.

Musikalisch bewegt sich „Longing to tell“ zwischen Hip-Hop, Blues, Gospel, Jazz und Soul. Als Erzählerin und in der Rolle der Linda Rae stand akua naru zwar als Person im Vordergrund, die „synergetische Zusammenarbeit zwischen den Texten und der Stimme von akua naru und der musikalischen Komposition von Tyshawn Sorey“ (Abendzettel) war aber durchgehend spürbar und der Anteil insbesondere der dialogischen Parts der Sängerinnen und Sänger – Monique B. Thomas, Raymond Thompson und Journi Sings – am harmonisch-dynamischen Gesamteindruck ebenfalls nicht zu unterschätzen. Das Ensemble Resonanz steuerte Klangfarbe und Atmosphäre bei. Sicherlich hätte das Stück auch ohne Streicher funktioniert, aber so war es eben noch runder, ausdrucksvoller und facettenreicher. Ebenso wie die Geschichte von Linda Rae endet „Longing to tell“ auch musikalisch auf einer energetischen, hoffnungsvollen Note, die das Publikum von den Sitzen riss.

Das Künstlergespräch mit akua naru, Tricia Rose und Anta Helena Recke (moderiert von András Siebold) im Anschluss brachte weitere Erkenntnisse über Motivation und Entstehungsprozess des Stücks.

Ich habe geweint, gelacht, mitgelitten, mitgesungen und viel gelernt; alles in einer Spanne von rund drei Stunden. Besser kann man es beinahe nicht machen.

Davi PontesWallace Ferreira: REPERTÓRIO N. 3

Das Künstlergespräch zu REPERTÓRIO N. 3 zerfaserte leider etwas in Übersetzungsproblemen. Was besonders schade war, denn ich hätte etwas mehr Kontext gebraucht, um das Stück zu begreifen. Immerhin wurde mir klar, wie viel Improvisation ich da kurz zuvor gesehen hatte.

Künstlergespräch (u.a.) mit Davi Pontes und Wallace Ferreira
Künstlergespräch (u.a.) mit Davi Pontes und Wallace Ferreira

Unter anderem deshalb hätte ich den Auftritt von Davi Pontes und Wallace Ferreia, die unterbrochen von statischen Phasen immer wieder minutenlang bis auf weiße Sneakers und weiße Socken splitterfasernackt mal mehr, mal weniger synchron ohne jegliche musikalische Begleitung durch den Raum stapften und Zuschauerinnen und Zuschauer ungefähr zu gleichen Teilen amüsierten, peinlich berührten und irritierten, nicht mit „Tanz“, sondern mit „Performance“ übertitelt.

Davon abgesehen traue ich künftig Aussagen wie „keine Angst, Sie werden nicht einbezogen“ grundsätzlich nicht mehr, zumindest nicht auf Kampnagel. Für mich ein Ärgernis, das ungefähr gleichauf rangiert mit Triggerwarnungen, bei denen die Hälfte fehlt (siehe oben).

Oona Doherty: Specky Clark – a Series of Theatrical Images

Auch bei „Specky Clark“ gab es relativ wenig Tanz. Dafür aber viel Theater, was man vorher wissen konnte – the clue lies in „a Series of Theatrical Images“ – und es war schlichtweg großartig. Das zweite Festival-Highlight!

Oona Doherty verarbeitet in „Specky Clark“ die Geschichte ihres Ururgroßvaters, der im Alter von zehn Jahren nach dem Tod seiner Mutter zu Verwandten nach Belfast geschickt wird und vor Ort in einer Schlachterei arbeiten muss. Dort kommt es an Samhain zu unheimlichen Begegnungen, unter anderem mit einem Schwein, das Specky kurz zuvor hatte töten müssen.

Sehr froh war ich über die „mitspielenden“ Übertitel, sonst hätte ich wohl bei weiten Teilen des vom irischen Schauspieler Stephen Rea vorgetragenen Textes passen müssen. Das Tempo erschien am Anfang etwas zu langsam, was sich aber in der Gesamtrückschau auf das Stück relativierte.

Einen Extra-Stern verteile ich für die Musik von Lankum!

HauptplatzHauptplatz

Verkabelt (innen)
Verkabelt (innen)

Die Gestaltung des Festival Avant-Garten von JASCHA&FRANZ hat mir gut gefallen. Neben der an Straßen- und Ortsschilder erinnernden Beschilderung stach als wesentliches Desginelement die Nachbildung von Stromtrassen heraus. Dieses wurde auch im Foyer aufgenommen.

Foyer
Foyer
Avant-Garten
Avant-Garten
Boy Division Fernsehgarten
Boy Division Fernsehgarten

Vom Boy Division Fernsehgarten bekam ich leider nur die letzten Töne mit. Dafür schaffte ich es zum ersten Mal, einen Kopfhörer für eine der JAJAJA-„Radio Atopia“-Parties  zu ergattern. Leider war ich an dem fraglichen Abend schon ein bisschen zu müde, um das auch vollends genießen zu können und meinen Musikgeschmack traf die Auswahl auch nicht so ganz. Trotzdem, endlich mal mitgemacht!

Gerne hätte ich auch den Auftritt von Eda Tanses im Rahmen der Gesprächs- und Konzertreihe „Love & Labour“ auf der Waldbühne genossen. Allerdings gab es Probleme bei der Einhaltung des Zeitplans. Wenn zehn Minuten nach der angekündigten Startzeit erst der Soundcheck beginnt, passt das im Zweifel so gar nicht zur eigenen, auf andere Veranstaltungen abgestimmten Zeitplanung. Wer ohnehin nur als Freigänger auf dem Gelände unterwegs war, wird sich daran aber nicht gestört haben. Allein, es war nicht die einzige Abweichung.

The show must go online
The show must go online

Auch beim Draußenprogramm schien sich in diesem Jahr ein wenig Sand ins Getriebe geschlichen zu haben.

Die persönliche Festival-Premiere No. 2: Beim Codo-Buchstand habe ich in diesem Jahr nicht nur gestöbert, sondern tatsächlich auch ein Buch gekauft; „Arbeiten“ von Heike Geißler nämlich. Der Text ist Teil einer Reihe des Verlags Hanser Berlin, in der diverse Lebensthemen essayistisch behandelt werden. „Altern“ von Elke Heidenreich muss ich vielleicht nicht zwingend lesen, aber sehr wahrscheinlich „Spielen“ von Karen Köhler und „Wohnen“ von Doris Dörrie und möglicherweise auch „Essen“ von Alina Bronsky.

Oona Doherty: Death of a Hunter (2018)
Oona Doherty: Death of a Hunter (2018)

Bleibt noch die Präsentation von Werken von Oona Doherty in der Vorhalle. Ich mache es kurz: Mit „Death of a Hunter“ konnte ich wenig bis nichts anfangen.

Oona Doherty (Filmprojektion)
Oona Doherty (Filmprojektion)

Von den Kurzfilmen fand ich „Carpet“ super. Der Rest sprach nicht zu mir.

Aus bereits genannten Gründen habe ich leider einiges verpasst, darunter bedauerlicherweise auch „Der Gipfel“ von Christoph Marthaler.

Vielleicht kann ich das mit dem Sommerfestival und dem Urlaub im nächsten Jahr doch noch etwas optimieren. Ich kann es mir jedenfalls vornehmen.

Sommersonnenwende

Ich traue dem Trend: Es geht aufwärts! Nicht linear, aber immerhin tendenziell. Der Juli ist erreicht und damit auch zwei berufliche Meilensteine, von denen einer hoffentlich zur weiteren Besserung beitragen wird.

In der Zwischenzeit berichte ich über die Monate Mai und Juni.

Mai

Im Mai war ich erstmals bei „Wir sind spät, aber es ist noch heute“, der „MusikFilmLeseBühne“ mit Julia Herrgesell, Herbert Hindringer, Katrin Seddig (Text), Katharina Stiel und Thea Seddig (Film) sowie wechselnden musikalischen Gästen im Nachtasyl. „WSSAEINH ist ein Gesamtkunstwerk, künstlerisches Experiment und Antwort auf ungestellte Fragen, so unterhaltsam wie fordernd, hart aber schön“, so die Beschreibung. Das trifft es sehr gut und das Nachtasyl mit seiner Wohnzimmeratmosphäre plus Bar ist die perfekte Spielstätte dafür. Der Abend im Mai fand im Rahmen des Festivals „Hamburg liest die Elbe“ statt und war daher entsprechend wasser- bzw. elbelastig. Die Musik stammte von Doro Offermann (Saxophon) und ­Maria Rothfuchs (Kontrabass). Insgesamt war es eine sehr abwechslungsreiche, hm, Zusammenstellung? Collage? Ich war jedenfalls nicht zum letzten Mal dabei. Im Juni konnte ich leider nicht, aber wenn ich es richtig gesehen habe, ist der nächste Termin im September.

Meine erste LIGNA-Erfahrung führte mich 2021 in den stillgelegten Kaufhof Mönckebergstraße. Bei „Das Wunder von Hamburg – eine Wallfahrt zum Elbtower und anderen Ruinen“ steigt das Publikum in einen fahrenden Theaterbus und reist zu fragwürdigen Bauprojekten beziehungsweise deren Resten in der Stadt.

Kurzer Olaf
Kurzer Olaf

Neben dem Elbtower, im Hamburger Volksmund mittlerweile auch „kurzer Olaf“ genannt, lagen unter anderem die Esso-Häuser auf St. Pauli, die Europapassage, der Neubau der Gänsemarkt-Passage – eine weitere Benko-Hinterlassenschaft – und der Ort, an dem die Kühne-Oper entstehen soll auf der Route der performativen Stadtrundfahrt. Auch das seit Jahren brachliegende Holstenareal wurde zumindest filmisch berücksichtigt. Ein amüsanter Nebeneffekt der etwas anderen Stadtrundfahrt waren die erstaunten Blicke der Passanten. Wir müssen ein lustiges Bild abgegeben haben; nicht nur passiv zuhörend und zuschauend hinter der Glasfront des umgebauten LKW, sondern auch, entsprechenden Anweisungen über Kopfhörer folgend, auf auf unseren Wegen durch die Europapassage, auf der Straße unterhalb der ehemaligen Karstadt-Brücke und auf dem Platz gegenüber der Elbtower-Baustelle. Allesamt durch das LIGNA-Team poetisch verpackte, aber dessen ungeachtet haarsträubende Stories, aus denen klar wird: Wenn Investoren und Spekulanten mit Versprechungen und Geldern winken, haben nicht nur Bedürfnisse und Wünsche der Stadtgesellschaft allzuoft das Nachsehen, sondern auch die kommunalen Haushalte. Solche Touren ließen sich in vielen Städten problemlos nachbilden, nicht nur in Deutschland. Sie sollten Pflichtprogramm für Entscheidungsträgerinnen und -träger sein.

re:publica 25: Generation XYZ
re:publica 25: Generation XYZ

Über die re:publica 2025 in der STATION Berlin hätte ich unter normalen Umständen einen eigenen Bericht geschrieben.

Digitalminister auf Stippvisite
Digitalminister auf Stippvisite

Auf den ersten Blick stellte sich die Veranstaltung als ein gigantisches, alle Sinne überwältigendes, als Festival getarntes, mediales und politisches Schaulaufen dar. Ich verbrachte den Großteil des ersten Tages meines re:publica-Debuts damit, mich zurecht zu finden. Wo ist was, wie kommt man am Schnellsten von A nach B und zurück? Wie ist die Verpflegungssituation? Wo ist die Kloschlange am Kürzesten? Wie umgehen damit, dass alles vermeintlich besonders Interessante zur gleichen Zeit stattfindet? Wann die Zeit finden, sich mit Leuten zu verabreden?

Ost-West-Begegnung auf der ARD ZDF Media Stage
Ost-West-Begegnung auf der ARD ZDF Media Stage

Die vorläufige Schlussfolgerung, mehr nach Leuten zu gucken und nicht primär nach Themen, habe ich am zweiten und dritten Tag umzusetzen versucht. Überraschenderweise hatte ich mich Ende deutlich mehr mit beruflichen beziehungsweise Studiumsthemen beschäftigt als mit privaten Interessen. Überrascht war ich auch darüber, wie wichtig, ja nachgerade wohltuend das für mich war (Stichwort „Therapiestunde zur Verwaltungsdigitalisierung“). Dabei konnte ich meine ganz und gar privat finanzierte Teilnahme mangels entsprechender Anerkennung bedauerlicherweise nicht einmal als Bildungsurlaub abwickeln.

Keine digitale Sau: Rosalinde
Keine digitale Sau: Rosalinde

Bei einem „Das Festival für die digitale Gesellschaft“ werden naturgemäß hauptsächlich digitale Säue durchs bundeshauptstädtische Dorf getrieben. Aber eben nicht nur. Ein Beispiel war die sehr gut besuchte und ebenso ernüchternde wie ermutigende Podiumsdiskussion „Wer hat Angst vor den Wechseljahren?“ mit Miriam SteinMandy Mangler und Franka Frei (moderiert von Franzi von Kempis).

Podiumsdiskussion: "Wer hat Angst vor den Wechseljahren?"
Podiumsdiskussion: „Wer hat Angst vor den Wechseljahren?“

Weitere Highlights waren Natascha Strobl mit „Vom Schwarzhemd zu TikTok. Postmoderner Faschismus“, Dr. Pop, Diane Weigmann, Ralph Kink (GEMA), Annelie AUFMISCHEN und Nina Fiva Sonnenberg mit „Next Level Sound? Wie KI die Musikwelt verändert“, Vera Magali Keller und Vivian Kube mit „Legal, illegal, scheißegal? – aktivistische Rechtsberatung gegen die europäische Rechtstaatlichkeitskrise“ und Paul Yoshio Steinwachs mit „Pop-Kultur als generationsübergreifender Rettungsschirm: Mit Star Trek, Yoda und Satire gegen den Wahnsinn der Gegenwart“. Gut gefallen hat mir auch die Podiumsdiskussion „Big Tech-Regulierung: Wer setzt unsere Rechte durch?“ mit Klaus Müller (Präsident Bundesnetzagentur), Andreas Mundt (Präsident Bundeskartellamt) und der BfDI Louisa Specht-Riemenschneier unter der Moderation von re:publica-Mitgründer Markus Beckendahl. Die persönliche Begegnung mit „Menschen aus dem Internet“ kam dabei fast ein bisschen zu kurz. Immerhin kann ich nun einigen weiteren Profilnamen Gesichter und Stimmen zuordnen. Es war mir ein großes Vergnügen! Ob ich im nächsten Jahr wieder teilnehmen werde? Noch unklar. Im Prinzip gerne wieder, aber vielleicht nicht jedes Jahr, sondern eher so alle zwei oder drei Jahre? Es wird sich zeigen.

Juni

Sir Simon Rattle hatte ich schon ein paar Mal live erleben dürfen. Aber das BRSO noch nicht, welches sich zu den besten Orchestern Deutschlands und – jedenfalls nach Meinung einer 2023 vom Magazin bachtrack befragten Kritikerinnen- und Kritiker-Jury – auch der Welt zählen darf. Höchste Zeit, das nachzuholen. Allerdings bin ich kein Fan von Pierre Boulez und konnte auch mit dem „Rituel in memoriam Bruno Maderna“ nicht allzu viel anfangen. Von einem meiner Lieblingsplätze in 13 I des Großen Saals der Elbphilharmonie aus kann man aber das Geschehen im Orchester und sowohl die Gestik als auch die Mimik des Dirigenten sehr gut beobachten. Eines haben zeitgenössische Stücke nämlich in der Regel wenigstens: einen hohen Unterhaltungsfaktor. Meistens gibt es reichlich Aktion auf der Bühne (und im Falle des „Rituel“ auch verstreut im Saal: eine der sieben Gruppen, aus denen sich das Orchester in der Partitur zusammensetzt, war hinter den Sitzreihen in 15 Q platziert), oft in Kombination von Tönen, die man nicht immer auf Anhieb auch den erzeugenden Instrumenten zuordnen kann.

Der zweite Teil des Konzertabends bestand aus „Daphnis et Chloé“ von Maurice Ravel und das, so fand ich, war in jeder Hinsicht großartig.

Das letzte „Blind Date“ der Saison entpuppte sich als französisches Ensemble names „The Curious Bards“, welches skandinavische Barockmusik aufführte. Zwar verloren die vier Instrumentalmusikerinnen und -musiker und Ilektra Platiopoulou (Mezzosopran) im Laufe des Konzerts einen kleinen Teil des Publikums, der verbliebene Rest aber ließ sich begeistern. Völlig zu recht. Schon wegen der ebenso charmanten wie dynamischen Moderation Platiopoulous und des für unsere Breiten und Zeiten nicht gerade gewöhnlichen Instrumentariums, darunter eine Hardangerfiedel, eine Nyckelharpa und eine Cister.

Das eine Faszinosum des Juni-Werkstattkonzerts innerhalb der Kohärenzen-Reihe der Klangmanufaktur war der Interpret Erik Breer genannt Nottebohm. Es gibt also tatsächlich immer noch Menschen, die mit einem Genannt-Namen herumlaufen! Das andere war die Werkauswahl, darunter „Variations on Balkan Themes op. 60“ der amerikanischen Komponistin Amy Beach – die Dame war mir bis dahin völlig unbekannt – und „Regard de l’Église d’amour“ von Olivier Messiaen. Vor allem Letzteres: beeindruckend.

Das kann man auch über die Aufführung der „Complete Piano Etudes by Philip Glass“ im Großen Saal der Elbphilharmonie sagen. Die Bühne teilten sich ein Flügel, zehn Klavierbänke und nacheinander zehn Pianistinnen und Pianisten mit teils wild unterschiedlichen Auftritten und Interpretationsansätzen. Man kann Glass nämlich auch wie ein Jazzer (Christian Sands, Etuden #9 und #10) spielen. Oder als japanisches Gesamtkunstwerk (Maki Namekawa, Etuden #19 und #20) aufführen. Schade, dass der Veranstalter es so offensichtlich schwer hatte, den Saal wenigstens einigermaßen zu füllen. Ich hatte mein Ticket sehr früh erstanden in der Erwartung, es würde sehr schnell ausverkauft sein. Das hat sich in diesem Falle nicht ausgezahlt.

Dann war da noch Martin Kohlstedt auf Kampnagel. Erst fühlte ich mich unwohl in Reihe eins; das ist doch ein wenig zu sehr Präsentierteller für meinen Geschmack und ein bisschen nackenstarrig sind die ersten zwei bis drei Reihen in der K6 auch, wenn die Halle bis an die Bühne heran bestuhlt ist. Aber dann war es doch der perfekte Beobachtungsplatz. Wobei es die Nähe nicht braucht, um die Energie zu spüren, die von dort vorne ausgeht. Ich meine das so, wie ich schreibe: von irgendwo auf der Bühne, nicht zwingend ersichtlich von dem Menschen, der auf ihr steht. Man sieht schon, das da etwas passiert und man sieht die Bewegungen. Aber nicht alle Energiestöße sieht man kommen. Bei manchen gibt es keine Vorwarnung.

Jetzt kommt eine Pause bis ungefähr August und dann ist auch schon bald wieder Sommerfestival. Für das ich bisher nur eine einzige Karte habe, weil alles, was ich sonst noch sehen wollte, entweder in meine Urlaubsabwesenheit fällt oder schneller ausverkauft war, als ich gucken konnte (Nesterval – dammit!). Kann also gut sein, dass mein Sommerfestival-Artikel für die 2025er Ausgabe sehr, sehr kurz ausfällt.

Jahresendspurt

Wie, schon der 21. Dezember?! Da werde ich doch noch ein weiteres Mal in den Schnelldurchlauf-Modus umschalten müssen. Bevor der Jahreswechsel mich kalt erwischt.

Ende Oktober war ich bei Kruder & Dorfmeister im Großen Saal der Elbphilharmonie. In den 90ern, als die beiden Wiener ihre große Zeit hatten, hat mich zwar ganz andere Musik interessiert. Es war aber nicht mein erstes K&D-Livekonzert. Ich wusste also in etwa, was mich auf und vor der Bühne erwarten würde. „‚The K&D Sessions‘ live“ war trotzdem anders: Das gesamte Album aus dem Jahr 1998 wurde nämlich tatsächlich live gespielt, mit einer richtigen Band. Das war auch richtig klasse, einigen im Publikum jedoch nicht laut genug. Zum Zuhören waren die nicht gekommen. Überrascht hat mich das nicht.

Die Ohren spitzen musste man unbedingt bei Jay Schwartzs „Passacaglia – Music for Orchestra IX“, dem ersten Stück des Konzerts von Teodor Currentzis und Utopia am gleichen Ort ein paar Tage später. Dem Programmheft entnahm ich, dass das Werk auf dem Lied „Du bist die Ruh“ von Franz Schubert basiert. Ein in dem Text verarbeitetes Zitat bezeichnet Schwartz zudem als „Schubert unserer Zeit“. Gehört habe ich davon nichts. Es ist meine zweite Begegnung mit Schwartzs Werken und ich gestehe, ich fange nicht viel damit an. Da ist Mahlers fünfte Sinfonie, der zweite Programmpunkt des Abends, doch wesentlich zugänglicher. Deren vierter Satz, das Adagietto, ist einem breiteren Publikum durch die Visconti-Verfilmung der Thomas Mann-Novelle „Der Tod in Venedig“ bekannt geworden. Mein Lieblings-Satz ist es nicht – ich finde, der klingt irgendwie, ich weiß nicht, verwaschen? Abgesehen davon fehlte mir beim Zuhören die Ruhe, denn zum ersten Mal seit langer Zeit hatte ich mich hinsichtlich gewisser Bedürfnisse gewaltig im Timing verschätzt. Ich schaffte es gerade noch zum Ende des fulminanten fünften Satzes, um dann beim ersten Applaus zum Ausgang zu sprinten. Pro-Tipp: Sitzt man in 13 I, ist das nächste stille Örtchen nicht in der 13. Etage, sondern die hintere Treppe hoch in der 15. Etage. Mit Dank an die freundliche Platzanweiserin, die meine Not mit einem Blick erkannte und mir den kürzeren Weg wies. Zur Bach-Zugabe „Jesus bleibet meine Freude“, gespielt und gesungen (!) vom Orchester (sehr schön!), war ich dann auch schon wieder im Saal.

Anfang November zog es mich zur Aufzeichnung einer „eat.READ.sleep“-Sonderfolge mit Daniel Kaiser und Katharina Mahrenholz im Rahmen des 17. Hamburger Krimifestivals auf Kampnagel. Das war mein drittes „eat.READ.sleep“-Live-Event und obwohl es beim Krimi-Spezial zu der ein oder anderen Holprigkeit kam (so zum Beispiel zu sich wiederholenden Fragen bei den Rätseln): Diese Veranstaltungen sind absolut empfehlenswert! Macht einfach Laune. Besonders habe ich den Fitzek-Verriss genossen. „Das Kalendermädchen“ erzielte hohe Werte auf der Rossmann-Skala. Ich hab da vielleicht nicht richtig aufgepasst, ist die eigentlich nach oben offen? Sollte sie wahrscheinlich besser sein. „Glückskekse und Abgründe“ kann man hier nachhören.

Tags darauf folgte eine Neuentdeckung (Mit freundlicher Unterstützung! Nochmals vielen Dank dafür!): die Klangmanufaktur in Borgfelde und deren Werkstattkonzertreihe „Kohärenzen“. Die Klangmanufaktur ist in erster Linie ist eine Werkstatt, in der Konzert­flügel von Steinway & Sons generalüberholt werden.

Sie bietet aber auch Flügel zur Miete, Proberäume und Seminare für Konzerttechnik an. Und eben Werkstattkonzerte. Da sitzt man sehr exklusiv buchstäblich mitten in der Klavierwerkstatt. Ein magischer Ort! Es wird aber keinesfalls nur Klaviermusik gegeben: An fraglichen Abend sahen und hörten wir eine Violin-Klasse von Professor Christoph Schickedanz und Niklas Liepe mit Flügelbegleitung (ein D-Flügel Baujahr 1971, Schwarz + Mahagoni seidenmatt geölt – sogar noch zu haben! Für 145.000 Euro!). Aufgeführt wurden Werke von Claude Debussy, George Antoine, Joseph Jongen und Karol Szymanowski. Das war phantastisch, da bin ich bestimmt jetzt öfters. Wer Karten für die „Kohärenzen“ haben möchte, muss sich allerdings jeweils sehr zeitig darum bemühen. Auch die Warteliste ist schnell ausgebucht. Der Eintritt ist kostenlos. Um Spenden wird gebeten und zwar ganz klassisch mittels eines Hutes, der nach dem Konzert herumgereicht wird.

Ende November war es dann endlich Zeit für die Rocket Men mit „Lost in Space“ im Planetarium Hamburg. A match made in heaven! Ich habe die Laser ein bisschen vermisst, aber wahrscheinlich war die Entscheidung richtig, sich zugunsten der Musik und der Künstler auf Visuals zu beschränken. Sehr gerne wieder so.

Anfang Dezember war ich spontan beim Kaiser Quartett im NACHASYL. Das ging schon gar nicht anders, denn auch das Konzert war recht spontan anberaumt worden. Das Kaiser Quartett wollte nämlich sein neues Mitglied präsentieren: Statt Adam Zolynski ist künftig Amanda Bailey an der Violine dabei. Da müsste übrigens nicht nur die offizielle Webseite des Quartetts dringend aktualisiert werden, auch der alte Spruch „4 Kings 1 Kaiser“ passt ja nun nicht mehr! Jedenfalls, Amanda Bailey spielte nicht nur, als gehörte sie schon immer dazu, sie sang auch, zum Beispiel den Song „Empire“. Eine sehr schöne Weiterentwicklung, ich bin Fan! Das neu formierte Ensemble hatte aber noch ein weiteres Ass im Ärmel: Mitten im Konzert trat Anna Depenbusch mit „Eisvogelfrau“ und „Alles auf Null“ auf die Bühne.

Dieser Coup hatte einen besonderen Hintergrund: Nächstes Jahr gehen alle fünf nämlich zusammen auf Tournee. Für das Konzert am 17. Juni 2025 in der Elbphilharmonie hatte ich bereits gleich bei Ankündigung eine Karte erstanden, denn das wird mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit sehr, sehr großartig.

Das „Blind Date“ Mitte Dezember habe ich leider verpasst. So schnell wäre der ICE auch ohne medizinischen Notfall in Düsseldorf nicht gewesen, um mich von der Masterverleihung im Rheinland rechtzeitig nach Hamburg zurückzubefördern. Bedauerlicherweise bin ich die Karte im Vorfeld nicht mehr losgeworden. Das ist mir völlig unverständlich – „Blind Dates“ sind fast immer ausverkauft und fast immer super, da geht man doch hin, wenn man die Gelegenheit hat! Aber das „Orchesterkaraoke“ mit den Jungen Symphonikern Hamburg auf Kampnagel habe ich noch erwischt. Irgendwie ist mir da die Ankündigung durchgegangen (Wie? Warum?!), es wurde schon schwierig, noch einen guten Platz zu ergattern. Ich kann nur von der zweiten Show um 20:30 Uhr berichten, aber behaupte einfach mal: Das war ein sehr guter Jahrgang! Ich war besonders von dem Herrn angetan, der „Hallelujah“ von Leonard Cohen vortrug. Wow. Einen Abzug in der B-Note gebe ich dem Repertoire. Da darf gerne mal das ein oder andere ausgetauscht werden, vor allem in Teilen sehr schwer (mit-)singbare Stücke wie „Bad Guy“ von Billie Eilish und „Texas hold ‚em“ von Beyoncé.

Arbeitsplatz von Jan Wulf, der "lebenden Karaokemaschine"
Arbeitsplatz von Jan Wulf, der „lebenden Karaokemaschine“

Aber das ist Meckern auf hohem Niveau. Grundsätzlich ist Orchesterkaraoke ein ganz großer Spaß und verlässlich dazu geeignet, die Stimmung zu heben.

Ich schließe den Schnelldurchlauf mit einem weihnachtlichen Konzertabend im Kleinen Saal der Elbphilharmonie ab: Unter der Überschrift „Nordic Christmas“ präsentierten Helene Blum (Gesang, Violine) und Harald Haugaard (Violine) mit Lena Jonsson (Violine), Kristine Elise Pedersen (Cello), Mattias Pérez (Gitarre) und Sune Rahbek (Schlagzeug) alte und moderne weihnachtliche Folkmusik aus dem Norden. Der Herkunft der überwiegenden Anzahl der oben genannten Künstlerinnen und Künstler geschuldet mit ausgewiesen dänischem Schwerpunkt. Musikalisch war das zwar top, aber von der Präsentation her mehr als nur ein bisschen drüber. Dazu passte auch das Programmblättchen: „Die Welt braucht Hoffnung. Hoffnung treibt alles an. Musik ist Hoffnung. Weihnachten ist Hoffnung. Gemeinschaft ist Hoffnung. Sich um das Licht und die Musik im Konzertsaal zu versammeln, während sich die Dunkelheit der Winternacht über das Land legt, zeigt uns, dass wir nicht allein sind und dass wir Hoffnung wollen.“. Naja. War schön, wird aber wohl keine regelmäßige Einrichtung. Was es theoretisch werden könnte, denn „Nordic Christmas“ ist eine Reihe, die im kommenden Jahr bereits in die 19. Auflage geht. Mit dem 18. Dezember 2025 steht der nächste Termin in der Elphi schon fest.

So! Jetzt kommen voraussichtlich noch zwei Nachträge und dann ist mein Konzert- und Kulturjahr 2024 Geschichte. Ob ich künftig wieder schaffen werde, regelmäßig und zeitnah darüber zu berichten?

Internationales Sommerfestival 2024 auf Kampnagel

Ja, ich weiß, ich bin unverzeihlich spät! Aber weiterhin wild entschlossen, nicht mehr als unbedingt notwendig abzukürzen. Deshalb folge ich einer in meiner Familie zur Tradition gewordenen Reaktion auf verspätete Meldungen und tue einfach so, als sei noch Ende August. Das werde ich sukzessive fortführen, bis ich die Gegenwart wieder eingeholt habe.

Zunächst also der angekündigte Sommerfestival-Bericht! Sechs Veranstaltungen habe ich geschafft in diesem Jahr, vier auf Kampnagel, eine in der Seilerstraße auf St. Pauli und eine in der Elbphilharmonie. Das sind immerhin zwei mehr als 2023.

Lucinda Childs Company: Four New Works

Die Eröffnung ist grundsätzlich nett: Es gibt Sekt, ich treffe garantiert Menschen, die ich kenne, Carsten Brosda hält eine Rede (das lohnt sich eigentlich immer), András Siebold rauscht in schwindelerregendem Tempo durchs Programm und die Auftaktveranstaltungen haben mir auch meistens gefallen. Dieses Jahr hatte Lucinda Childs die Ehre mit „Four New Works“. „ACTUS“, das erste Werk, hat nicht weh getan, mich aber auch nicht sonderlich berührt. Um das zweite Werk, „GERANIUM ’64“, wertschätzen zu können, war es hilfreich, auf einem Platz nicht all zu weit von der Bühne entfernt zu sitzen und des Werkes der Künstlerin kundig zu sein oder aber wenigstens den Text des Abendzettels vorab gelesen zu haben. Ansonsten hätte ich den Bezug zu einem Footballspiel wohl nicht herstellen können. Unabhängig davon war es aber schlicht auch faszinierend, die 1940 geborene Childs selbst in Aktion zu erleben – und sei es „nur“ in Zeitlupenaktion. Das dritte Werk, „TIMELINE“, stach durch die Komposition von Hildur Guðnadóttir hervor, aus der sich nur sehr schwer ein Takt oder Puls ableiten ließ. Umso beeindruckender die individuelle und kollektive Leistung der Tänzerinnen und Tänzer. Das vierte Werk, „DISTANT FIGURE“, musste mich tänzerisch nicht überzeugen – mit Philip Glass kriegt man mich immer. Zumal die Live-Begleitung am Klavier durch Anton Bagatov erfolgte, für den Glass das der Choreographie zugrundeliegende Stück „Distant Figure (Passacaglia for Solo Piano)“ ursprünglich komponiert hatte.

Auf dem Programm standen außerdem noch zwei Klavierstücke („INTERLUDES“). Ich bin, bedingt durch den geraumen zeitlichen Abstand, inzwischen nicht mehr sicher, ob auch wirklich beide Werke vorgetragen wurden. Jedenfalls erinnere ich nur eine Pause und eines der Stücke, nämlich das, was nicht „The Poet Acts“ aus „The Hours OST“ von Philip Glass war: „Lyrical Music“ aus „Unfamiliar Weapon OST“, komponiert vom Vortragenden selbst. Der Unruhe im Saal zufolge gefiel die Unterbrechung nicht allen Anwesenden, mir dagegen sehr. Bedauerlicherweise konnte ich das Stück bis jetzt noch nirgendwo auftreiben. Bei den üblich-verdächtigen Streaming-Diensten ist es nicht gelistet. Es mag daran liegen, dass das fragliche Album „Music For Films“ bei einem russischen Label erschienen ist.

Jaha Koo/Campo: Haribo Kimchi

Bedauerlicherweise hatte ich es 2018 nicht zu den sprechenden Reiskochern („Cuckoo„) geschafft und 2020 auch „The History of Korean Western Theatre“ verpasst. Immerhin, im dritten Anlauf hat es geklappt mit mir und Jaha Koo!

Die Kulisse für „Haribo Kimchi“ bildet ein (oder eine?) Pojangmacha, das ist eine typische südkoreanische Imbissbude. Zwei Gäste aus dem Publikum werden live bekocht, derweil berichtet der Künstler und Koch von persönlich-kulinarischen Erfahrungen in Korea und als Koreaner in Europa. Zum Einsatz kommen dabei auch Musikvideos mit einer Schnecke und einem Gummibären als Protagonisten sowie ein robotischer Aal. Aus dieser auf den ersten Blick eigentümlichen Mischung entsteht eine berührende Poesie – gelegentlich haarscharf am Kitsch entlang, aber dicht daneben ist bekanntlich auch vorbei. Mich hat das vollkommen überzeugt, sowohl die einzelnen Teile als auch das Gesamtkunstwerk. Stücke von Jaha Koo gelten hiermit bis auf Widerruf als gesetzt. Ich hoffe, ich kann „Cuckoo“ und „The History of Korean Western Theatre“ irgendwann und irgendwo nachholen.

Nesterval: A Dirty Faust

Schon länger als gesetzt gelten bei mir alle Nesterval-Aufführungen und ein Widerruf ist auch nach „A Dirty Faust“ nicht in Sicht. In dem Stück wird Goethes Faust mit der Geschichte des Films „Dirty Dancing“ aus dem Jahre 1987 kombiniert, wobei ein Schwerpunkt auf dem Themen Vergewaltigung, (illegale) Abtreibung und weibliche Selbstbestimmung liegt. Aufführungsort waren verschiedene Stockwerke und Räume der alten Schule in der Seilerstraße auf St. Pauli, durch die man in Gruppen von einzelnen Charakteren mitgenommen wurde. Aufgrund der örtlichen Begebenheiten war man allerdings sehr viel unterwegs – „viel Gerenne, wenig Theater“, so die lakonische Bilanz einer der Teilnehmer. In beiden Durchläufen folgte ich „Dirty Dancing“-Charakteren. Beide Rollen waren angereichert mit Backstories, auf die die Drehbuchschreiber und -innen wohl nicht gekommen wären. Hätte ich den Film nicht gekannt, hätte ich mir allerdings keinen Reim auf die Bruchstücke machen können, die ich zu sehen bekam. Noch mehr als bei anderen Nesterval-Stücken wäre es notwendig gewesen, zwei oder drei Aufführungen zu besuchen, um eine einigermaßen vollständige Vorstellung von dem Stück zu bekommen.

Ein bisschen ungünstig war auch, dass Teile des Publikums mitten in den beiden durch eine Rahmenhandlung verbundenen Handlungsdurchläufen die Gruppen wechselten. Einerseits wurden einige Gruppen dadurch so groß, dass es in manchen Szenen räumlich eng wurde. Andererseits  brachte mich das in den Genuss einer buchstäblichen 1:1-Performance. Wäre das meine erste immersive bzw. Nesterval-Theatererfahrung gewesen, hätte ich an dieser Stelle wohl die Flucht ergriffen. Es wäre mir ziemlich sicher unangenehm gewesen. Da ich aber sowohl das Prinzip als auch den Schauspieler kannte, blieb ich drin und nahm es als Geschenk.

Zum Abschluss tanzten alle zu „(I’ve had) The Time of My Life“ und ja, es war schon auch ein ordentlicher Schuss Nostalgie dabei. Zumindest für Menschen ab einem gewissen Alter, mich inklusive. Schließlich war „Dirty Dancing“ der erste Film, den ich in einem „richtigen“ Kino gesehen habe – wenn ich mich recht erinnere, war das im ehemaligen Nordstern-Kino in Lippstadt, in dem später eine Kirche (!) Unterkunft fand – und wir haben damals in der Tanzschule alle den Mambo getanzt.

Cat Power sings Dylan

Ein bisschen Sorge hatte ich schon, als Cat Power auf die Bühne kam und mit den ersten Songs startete. Gleich zwei Teetassen standen auf dem kleinen Tischchen neben ihrem Platz und irgendwie wirkte und klang die Sängerin unsicher. Aber mit jedem weiteren Song steigerte sich Power und zog nach und nach den Saal mehrheitlich in ihren – und natürlich Bob Dylans – Bann. Ein großes Projekt und ein gelungener Abend. Ich verneige mich.

A.I.M. by Kyle Abraham: CASSETTE VOL. 1

Auch bei „CASSETTE VOL. 1“ überkamen mich nostalgische Gefühle, handelt es sich dabei doch um ein 80er- und 90er-Jahre Mixtape. Ein bisschen „Boy meets Girl“-Handlung war der Choreographie auch zu entnehmen. Mir kam es ansonsten etwas lang vor, bis das Pas de deux über eine Langversion von Extremes „More Than Words“ fast zum Schluss wieder meine volle Aufmerksamkeit forderte. Eigentlich konnte ich den Song längst nicht mehr hören, aber das war so, so schön! Mit diesem neuen Kontext werde ich das Stück jetzt wieder genießen können.

Ein bisschen fies fand ich, dass die Kritik im Hamburger Abendblatt von dessen Autor auf diversen Social Media-Kanälen mit „Love is a Battlefield“ angeteasert wurde und dann kam der Song überhaupt nicht vor! Aber dafür kann Kyle Abraham natürlich nichts.

Pop-Up Restaurant: Suvir Saran

And now to something completely different, die Zutaten: ein Zelt als Pop-Up-Restaurant, ein Sternekoch und Geschichtenerzähler, eine Sängerin (Marina Ahmad) und ein Musiker (Manao Doi) und ein indisches Drei-Gänge-Menü. Das hätte phantastisch werden können. Leider litten die Gerichte unter den sicherlich nicht optimalen Bedingungen einer Food-Truck-Küche und die meisten Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren eher an dem kulinarischen Part interessiert als an den Geschichten und der Musik. Warum Sarans Mikro nicht eingeschaltet war, erschloss sich mir auch nicht. Für ihn wurde es dadurch umso schwieriger, die Aufmerksamkeit seines Publikums zu halten. Dazu war die Veranstaltung zeitlich sehr limitiert und wirkte dadurch gehetzt. Zumindest für Einzelgäste war außerdem unbefriedigend, dass es den Wein nur flaschenweise zu kaufen gab. Ausgeglichen wurde das ein wenig durch das Glas Champagner, das als Aperitif gereicht wurde.

Irritiert hat mich die offensichtliche Werbung für die authentikka-Restaurants in Hamburg. Wurde uns da jetzt ein Sternekoch- oder ein authentikka-Menü serviert (zumal auf Einweggeschirr, ein weiterer Abzug in der B-Note)? Nichts gegen authentikka, es ist lecker da, aber die Performance fühlte sich dadurch doch ein klein wenig nach Mogelpackung an.

Festival Avant-Garten

Festival Avant-Garten

Festival Avant-Garten

Der Festival Avant-Garten wurde gestaltet von 4E, einem Team aus Architekten und -innen der HafenCity Universität Hamburg. Ich mache es kurz: Das hat mich nicht überzeugt. Die Waldbühne war schön – da kann man aber auch nicht viel verkehrt machen – und der Platz vor dem Soli-Casino. Der Rest wirkte irgendwie ungemütlich und war größtenteils verwaist. Allerdings habe ich es beispielsweise zu den Kopfhörer-Parties im Garten dieses Jahr gar nicht erst geschafft. Mir fehlt da also möglicherweise das eine oder andere Puzzlestück.

Anri Sala: Take over (Internationale)

Fehlt noch die Video-Installation „Take over (Internationale)“ von Anri Sala in der Vorhalle. Neben der Instrumentalversion der Hymne („Völker hört die Signale…“) treten in den Hauptrollen die Hände eines Pianisten und die Tastatur eines Disklaviers auf und schon deshalb fand ich das Werk großartig. Im Übrigen kam mir der Raum, in dem das Instrument stand, sehr bekannt vor.

Unterm Strich war das kein schlechter Jahrgang! Ich bin gespannt aufs nächste Jahr.

Quartalsmeldung 1/2024

Jetzt ist es also passiert, der Blogfaden ist gerissen. Nicht einmal monatliche Beiträge habe ich den letzten Wochen abringen können. Immerhin, das Licht am Ende des Studiumtunnels wird sichtbar: Nur noch 1 Hausarbeit (mit Präsentation), 1 Masterarbeit und 1 Masterarbeits-Verteidigung trennen mich von der Zurückerlangung meiner Work-Life-Balance. Oder zumindest einer Ahnung davon. Wie schön wird das sein, wenn nach Feierabend wirklich Feierabend ist und am Wochenende Wochenende, von Urlaub ganz zu schweigen! Auch und gerade im Kopf! Aber noch ist es nicht soweit. Damit ich bis dahin nicht ganz aus der Übung komme, stelle ich auf quartalsweise Berichterstattung um.

Januar

Mein Kulturjahr begann mit „Der Klang der Bücher – eat.READ.sleep meets NDR Elbphilharmonie Orchester“. Wobei „Orchester“ etwas hoch gegriffen ist: Neben Daniel Kaiser und Jan Ehlert vom Bücher-Podcast eat.READ.sleep befand sich ein Streichquartett bestehend aus Musikern des NDR EO auf der Bühne des Kleinen Saals der Elbphilharmonie. „eat.READ.sleep“ will kein hochgeistiger Literaturzirkel, sondern niedrigschwellig und unterhaltsam sein. Das spiegelte sich auch in der Musikauswahl des Abends wider. Klar kann man Mozart durch die „Kleine Nachtmusik“ („Die Königin der Telefonwarteschleifen“) repräsentieren, aber ein klein wenig abgedroschen ist das dann schon. Andererseits wurde die Veranstaltung als Sonderfolge des Podcasts aufgezeichnet. Allzu kompliziert und vor allem allzu lang durften die Musikstücke daher nicht sein. Neben Mozart kamen Brahms, Bach, „Norwegian Wood“ von den Beatles und „On the Street Where You Live“ aus „My Fair Lady“ zur Aufführung (Ohrwurm in 3… 2… 1… gern geschehen!). Etwas ausgeglichen wurde das Konto durch „Skorpion“ aus dem „Tierkreis“ von Karl-Heinz Stockhausen. Insgesamt eine hochunterhaltsame Angelegenheit, wozu die Streichquartett-Besetzung auch durch das gesprochene Wort beitrug, allen voran Cellist Fabian Diederichs, der obendrein eine selbst fabrizierte „Variation über Mozartkugeln“ beisteuerte. Musik trifft Literatur und umgekehrt – ein schier unerschöpfliches Themenfeld, definitiv mit Reihenpotenzial! Ich erfuhr rund vier Wochen später aus erster Hand, dass man seitens des eat.READ.sleep-Teams tatsächlich über eine Art Spin-Off nachdenkt. Bitte, unbedingt machen!

Februar

Die Krypta des Hamburger Michel ist nur bedingt veranstaltungstauglich. In einigen Bereichen müssen selbst Menschen, die kleiner als 1,75m sind, noch die Köpfe einziehen und der Enge geschuldet wird auch die Grabplatte des prominentesten Bewohners nicht verschont und als Lautsprecherstellplatz genutzt. Allerdings lässt sich in dieser besonderen Atmosphäre auch eine besondere Konzertstimmung erzeugen. Der Auftritt von San Glaser und dem Kaiser Quartett Anfang Februar, zunächst einzeln und dann in Kombination, bewies das eindrücklich.

Vielleicht lag es auch an der familiären Stimmung des Abends, handelte es sich doch um eine Benefiz-Veranstaltung der Plan Aktionsgruppe Hamburg zugunsten des Mädchenfonds. Jeder schien jeden zu kennen. Ich selbst hatte eher zufällig durch die Facebook-Präsenz des Kaiser Quartetts von dem Event erfahren und ganz schnell zugegriffen. Das muss man nämlich, sonst hat man keine Chance: Es gibt maximal 170 Plätze. Die Benefizkonzerte finden unregelmäßig statt, bei Interesse empfiehlt sich ein regelmäßiger Blick auf die Webseite der Aktionsgruppe.

Was lange währte, wurde Ende Februar endlich ein Konzert der Berliner Philharmoniker! Das ist eines der Orchester, für die auch im Rahmen der hauseigenen Konzertreihen der Elbphilharmonie eine signifikant höhere Preisstaffelung aufgerufen wird. Das tut dem Kartenabsatz jedoch keinen Abbruch, was dazu führte, dass ich erst das Geld nicht übrig hatte und als ich das Geld übrig hatte, nicht an Karten herankam. Ich bin immer skeptisch gewesen, wenn eine Karte der Preisklasse 1 über 200 Euro kostet. Ist das wirklich gerechtfertigt? Zahlt man da nicht auch für den Namen, die Marke? Im Falle der Berliner Philharmoniker unter Kirill Petrenko seht ihr mich bekehrt. So kann ein Sinfonieorchester also auch klingen! Und in Kombination mit Richard Strauss‘ „Sinfonia domestica“ dürfte zumindest unmittelbar nach dem Konzert kein Staubkörnchen mehr auf der „weißen Haut“ des großen Saals gelegen haben. Nachhaltig beeindruckend, oder wie Joachim Mischke später im Abendblatt schrieb: „Irre gut“. Sehr gerne wieder und durchaus auch in einer besseren Preisklasse als der von mir gewählten. Vorausgesetzt, ich habe weiterhin das Geld übrig.

Der Februar schloß mit einem „Blind Date“, welches sich als Stunde der Schlagwerker entpuppte. Zusammen mit und unter der Führung von Alexej Gerassimez holten Lukas Böhm, Emil Kuyumcuyan und Sergey Mikhaylenko aus unterschiedlichsten Untergründen – vom eigenen Körper über Benzinkanister bis hin zur Marimba – denkbare und zuvor undenkbare Klangfarben heraus. Das Programm „Genesis of Percussion“ war für die Reihe vielleicht ein bisschen zu ambitioniert, die Strecke „Metal“, „Over the Rainbow“ und „Wood“ möglicherweise eine Idee zu lang. Dennoch brachten die vier Perkussionisten das Publikum mehrheitlich hinter sich. Daran hatte Gerassimez‘ Moderation einen wesentlichen Anteil. Wie so ein Schlagwerker tickt, der praktisch überall und jederzeit Rhythmen und Klänge aufspürt, lässt dieses Erklärvideo vom YouTube-Kanal der Festspiele MV erahnen.

Eine derartige Spielfreude auch im Wortsinne nimmt ein, dagegen ist kaum jemand immun.

März

Der März erwies sich als Lücke im Konzertkalender, die spontan und auf Empfehlung der Herren Schneider und Schreiber durch einen Besuch bei Barbara Morgenstern in der kmh auf Kampnagel zumindest noch etwas gefüllt werden konnte. Das war so schön!

Weiter geht es voraussichtlich erst im Mai, denn der April ist fast vollständig durch Termine anderer Art besetzt. Der Bericht folgt Ende Juni. Wenn mich dann nicht die Masterarbeit verschluckt hat.

Internationales Sommerfestival 2023 auf Kampnagel

Die diesjährige Ausbeute war eindeutig zu mager: Zu ganzen vier Veranstaltungen habe ich es während des Internationalen Sommerfestivals 2023 auf Kampnagel geschafft. Immerhin, drei davon verbuche ich als Highlights.

(La) Horde/Ballet national de Marseille: Age of Content

Das Eröffnungsstück  von (La)Horde und dem Ballet national de Marseille gehörte – für mich überraschenderweise – leider nicht dazu.

Zum einen verstand ich die Story nicht, zum anderen war das Werk schlicht gute 15 bis 20 Minuten zu lang. „Marry me in Bassiani“ hatte mir seinerzeit ganz gut gefallen, „Age of Content“ hat mich dagegen gar nicht überzeugt. Schade.

Walid Raad: Cotton Under My Feet – The Hamburg Chapter

Das war ein ziemlicher Ritt durch die Hamburger Kunsthalle, denn dort spann Walid Raad entlang von im Gebäude des historischen Gründungsbaus verstreuten Objekten aus Fiktion und Historie (s)eine Geschichte. Zunächst schienen es nur Fragmente zu sein, die da teils im atemberaubenden Tempo und in schnellen Wechseln vorgetragen wurden. Doch nach und nach verdichteten sich die Bruchstücke, einem Mosaik nicht unähnlich, zu einem großen, verwirrenden Ganzen – letztlich, so eine der Botschaften, hängt doch alles mit allem zusammen, wenn auch bisweilen auf recht absonderliche Art und Weise.

Das Tempo, zudem in englischer Sprache, mag nicht für jeden vor Ort ideal gewesen sein. Die allermeisten Gesichter – oder so kam es mir jedenfalls vor – spiegelten aber mein eigenes Empfinden wieder: aus anfänglicher Skepsis wuchs Faszination bis hin zur Begeisterung. „Cotton Under My Feet – The Hamburg Chapter“ ist übrigens noch bis einschließlich 12. November 2023 per Audioguide oder in weiteren weiteren Live-Terminen zu sehen, zu hören und zu erleben.

Nesterval: Die Namenlosen – Verfolgt in Hamburg

Unter Unterhaltung fällt „Die Namenlosen – Verfolgt in Hamburg“ nicht. In dem Stück, welches die Verfolgung Homosexueller während der Nazizeit in Hamburg  nachzeichnet, wird das Publikum nicht geschont. Man kann es Pech nennen oder auch Glück, dass ich von Anfang bis zum Ende durchgehend der unsympathischsten (und mutmaßlich auch mit weitem Abstand sadistischsten) Figur gefolgt bin. Auf diese Weise bekam ich das volle Programm geboten, inklusive einer drastischen Folterszene. Das war herausfordernd. Gelinde gesagt. Nicht umsonst wurde zu Beginn der Vorstellung auf die Möglichkeit verwiesen, sich jederzeit herausziehen zu können und ich habe nicht nur nach dieser einen Szene ernsthaft darüber nachdenken müssen. Dabei hatte ich nicht einmal alles gesehen. Theoretisch konnte man im ehemaligen Kakaospeicher Baakenhöft über 180 Szenen als Zuschauer in Begleitung und aus der Perspektive der Charaktere erleben. In drei Stunden Spielzeit schafft man davon aber nur einen Bruchteil. Aus meiner Sicht hat das mir schon aus „Sex & Drugs & Budd’n’brooks“ bekannte Format des begleiteten Szenenwechsels auch bei diesem schweren Thema gut funktioniert – vielleicht ein wenig zu gut, ich habe lange gebraucht, bis ich den Abend einigermaßen verarbeitet hatte. Anderen ging es anders, an einer Stelle fiel gar das Wort „Holocaust-Kitsch“. Zugegeben, das Schlussbild („Niemals vergessen“) war vielleicht ein klein wenig drüber, aber meinen Gesamteindruck konnte das nicht schmälern. Ich bleibe dabei: gerne jederzeit wieder Nesterval. Thema egal.

Graindelavoix: Rolling Stone

Das Konzert fand am letzten Festivaltag in Kooperation mit dem Elbphilharmonie Sommer im Großen Elphi-Saal statt.

Ein bisschen musste ich mich leider ärgern: Im ersten Teil des Konzerts wurde ein Film auf eine weiße Leinwand projiziert, die vermutlich nicht ganz zufällig einem Leintuch glich; geht es doch in der „Erdbebenmesse“ von Atoine Brumel um jenes Erdbeben, welches der vom Grab Jesu wegrollende Stein verursacht haben soll. Auch in dem gezeigten Dokumentarfilm von 1967 wurde diese Erzählung aufgegriffen. Allein, gesehen habe ich so gut wie nichts davon: Auf den Seitenplätzen hatte man die „Leinwand“ nämlich im Querschnitt vor der Nase. Das hätte ich gern vorher gewusst. Aber letztlich war ich wegen der Musik da, nicht wegen des Drumherums, und an dem musikalische Part gab es wenig zu kritisieren. Beeindruckend.

Zum Festival Avant-Garten kann ich mich nicht verhalten, ich war nämlich gar nicht dort (außer am Eröffnungstag). Das kommt davon, wenn man die Veranstaltungen in die gesamte Stadt verstreut! So schön, spannend und interessant das im Einzelfall ist: Das richtig echte Festival-Feeling kommt dadurch eindeutig zu kurz.

Ups and Downs

Ich war wandern und das war nötig.

Neblig
Neblig
Selsley Common
Selsley Common
Jubilee Trees
Jubilee Trees
Dyram Park
Dyram Park
Weston voraus
Weston voraus
The Circle
The Circle
Sally Lunn's
Sally Lunn’s

Dann war ich bei den Hundreds auf Kampnagel und das war wunderschön.

Heute war ich in der Elbphilharmonie und habe die „ARCHE“ von Jörg Widmann nachgeholt, aufgeführt von Kent Nagano, den Philharmonikern, Iveta Apkalna an der Orgel, drei Chören und diversen Solisten. Das war eher ermüdend. Die „ARCHE“ wirkt wie eine Collage, hat von allem etwas und dabei von allem zu viel.

Symbolisch auch für den sonstigen Verlauf der letzten Wochen und Monate. Es ist alles ein wenig anstrengend.

Martin Kohlstedt auf Kampnagel

Martin Kohlstedt auf Kampnagel – das wurde auch Zeit! Ich hatte schon befürchtet, dass es nicht mehr dazu kommt. Ist doch die Reihenfolge normalerweise eine andere: erst Kampnagel, dann Elbphilharmonie. Einen Auftritt in der Elbphilharmonie gab es schon, beinahe sechs Jahre ist das inzwischen her. Umso größer meine Freude über die Konzertankündigung, wenn sich auch die Wartezeit aufgrund der Verschiebung des Konzerts von März 2022 auf April 2023 reichlich lang zog.

Ich hatte mir gleich zu Anfang des Vorverkaufs einen Platz in der ersten Reihe gesichert. Das vermeide ich ansonsten einigermaßen konsequent, zumal die ersten Reihen nicht zwingend das beste Konzerterlebnis bieten. Beispielsweise in der Laeiszhalle; aufgrund der erhöhten Bühne ist die Nackenstarre dort quasi vorprogrammiert. Aber, wie heißt es so schön: Ausnahmen bestätigen die Regel. Kampnagel ist ein sicherer Ort für mich und damit auch einer für Experimente.

Und so konnte ich Martin Kohlstedt aus nächster Nähe „beim Üben zuschauen“ (O-Ton). Mich beeindruckt diese Risikobereitschaft immer wieder neu: nur mit einem Armvoll musikalischer „Argumente“ vor das Publikum zu treten und sich von Tagesform und Resonanz des Raums leiten zu lassen. Ohne Rücksicht auf Verluste abzuheben und damit auch mal eine weniger elegante Landung zu riskieren. Gar abzubrechen, wenn es nicht funktioniert.

Ich gestehe, mir standen da zwei bis drei Geräte zu viel auf der Bühne. Bisweilen wurde es mir zu laut, zu komplex; hinter den vielen Stimmen konnte ich manches Gespräch nicht mehr verfolgen. Aber vielleicht repräsentierte gerade das die Tagesform. Denn alle Flüge und Flugversuche des Abends führten stets zurück zum Klavier. „Der Flügel hat heute gewonnen – ich beschwere mich nicht!“

Und die kleine Mashup-Andeutung bestehend aus Yann Tiersens „Comptine d’un autre été: L’Après-midi“ – Amélie lässt grüßen – und Phil Collins‘ „Another Day in Paradise“ verfolgt mich auch immer noch. (Ja, liebe Klavierschüler:innen eines gewissen Alters: exakt so fies, wie es sich liest!)

Ich fasse zusammen: Astra Stube, Volt, Elbphilharmonie (Großer Saal), Laeiszhalle (großer Saal), Knust (Lattenplatz), Kampnagel (K6). Wo wohl das nächste Kapitel geschrieben wird?

Grandbrothers auf Kampnagel

Ich hatte mit viel mehr Déjà-vu gerechnet. Aber die Grandbrothers haben sich entwickelt seit dem Sommer 2015, als ich sie im Rahmen des MS ARTVILLE zum ersten und bis vorgestern einzigen Mal live sah. Das sind nicht mehr die Jungs von damals. Facettenreicher, ausgereifter und vor allem: souveräner sind sie geworden.

Das hat mir sehr gut gefallen. Auch aus symbolischen Gründen. Ich werte es als kleinen Ausgleich zum bislang nicht verbloggten Orchesterkaraoke mit den Jungen Symphonikern Hamburg, Matthias von Hartz und Jan Dvorak Anfang des Monats. Das war zwar auch ganz großartig, kam aber mit unerwartet starken emotionalen Nebeneffekten im Gepäck daher.

Orchesterkaraoke
Goodbye, Ruby Tuesday

Womit ich nicht gesagt haben will, dass es jetzt wieder fünf Jahre dauern soll, bis es wieder eines gibt auf Kampnagel. Ausdrücklich nicht!

Zurück zu den Grandbrothers, was mir nicht so gut gefallen hat: Der Sound in der K6 (das geht besser), das Zeitmanagement (Veranstaltungsbeginn von 8 auf 9 Uhr verschoben, dann aber erstmal Support, Start des eigentlichen Konzerts erst gegen 10 – warum? Musste denn niemand außer mir am nächsten Morgen arbeiten?!) und die Tatsache, dass mein Lieblingstrack „Naive Rider“ nicht auf der Setlist war. Ich prangere vor allem Letzteres an! Wobei andererseits: Entwicklung. So gesehen passte es schon.