In meiner Mastodon-Timeline, dem digitalen Lagerfeuer meiner Wahl, seit man uns von der Plattform formerly known as Twitter vertrieben hat, wurde ich gefragt, ob ich über meine Teilnahme an Max Färberböcks Kunstprojekt „Das Flüstern der Stühle“ bloggen würde.
Das Flüstern der Stühle (Symbolbild)
Darüber habe ich eine Weile nachdenken müssen. Berichten könnte ich natürlich, angefangen von der „Open Call“-Postkarte, die ich auf Kampnagel während des Sommerfestivals eingesteckt hatte über den gebuchten Zeitslot in der K6, in dem Färberböck eine Reihe von Interessierten höchstpersönlich von der Teilnahme zu überzeugen versuchte bis hin zum Drehtag, angefangen mit dem Eintreffen am Ort des Geschehens, dem Gebäude des Kunstvereins in Hamburg. Ein oder zwei Worte über Ausstattung und Möblierung könnte man verlieren, über das Catering, über die Einzelkämpfer und Grüppchen unter den rund 190 Teilnehmenden und über das, was diese taten, um sich die Zeit zu vertreiben, darunter Lesen, Schreiben, Schlafen, Sinnieren, Diskutieren, Rätseln, Spielen, Basteln, Handarbeiten und Musizieren; sogar eine Slackline wurde aufgeriggt. Über den nie wirklich abschwellenden, enormen und dadurch extrem herausfordernden Lärmpegel in der Halle und über die Box, in der (auf freiwilliger Basis) Einzelportraits aufgenommen wurden. Über die acht Kameraleute, die ihren ganz eigenen, fast sechzehnstündigen Marathon absolvierten, beobachteten und dabei stets beobachtet wurden und denen mein höchster Respekt gilt. Über den Initiator, der sich entgegen der ursprünglichen Planung unter das ihm in Teilen wohlbekannte Volk mischte und zum Abschluss gegen halb eins befreit mit auftanzte.
Koproduktion, unsigniert
Nicht zuletzt über mein eigenes Empfinden, meine Gedanken und Gefühle, die Gespräche, die ich geführt habe, was mich darüber hinaus beschäftigt hat und womit ich meinen Geist („City on fire“ von Garth Risk Hallberg, ein epischer New York-Roman und Second Hand-Zufallsfund bei Oxfam Wochen zuvor, weit bin ich allerdings nicht damit gekommen) und meine Hände (das Falten einer Chrysanthemenkugel, die nicht nur fertig geworden ist, sondern auch künstlerisch verziert wurde) zu beschäftigten versucht habe.
Rauchen verboten
Vor allem Letzteres wird jedoch im Detail unberichtet bleiben müssen. Weil nämlich am Tag vor dem Drehtag unblogbare Dinge passiert sind, die unmittelbaren Einfluss hatten auf das, was mir während der sechzehn Stunden Kunstprojekt durch Kopf und Hände gegangen ist. Irgendwie haben sich diese zwei Tage zu einer Einheit verbunden; ich werde wohl auch künftig das eine nicht ohne das andere denken oder beschreiben können.
Eins kann ich aber noch verraten: Als Endergebnis ist eine sechzehnstündige Voll- sowie eine sechsstündige Kurzversion geplant und die Kurzversion wird irgendwann im Abaton laufen.
Kein übliches Sommerfestival war das auf Kampnagel in diesem Jahr, sondern der letzte Akt vor dem großen Umbau: Geplant ist eine Sanierung und Vergrößerung bei gleichzeitiger Wahrung des Gelände-Charakters. Als Konsequenz werden mindestens die nächsten zwei Sommerfestivals sehr anders ausfallen müssen. Für sich genommen war das schon ein sehr guter Grund, um sich 2026 noch einmal richtig ausgetobt zu haben. Für mich kam noch ein ganz persönliches, schlagendes Argument hinzu: Weil ich’s (wieder) kann.
Nach den Außergewöhnlichkeiten des letzten Jahres lieferte die Eröffnungsveranstaltung in diesem Jahr wieder zuverlässig mit Brosda-Rede, Sekt und bekannten Gesichtern. Ich war frühzeitig auf dem Gelände und inspizierte vorab den Avant-Garten (dazu später mehr).
Offenbar hatte die 2025er Eröffnung auch programmatische Spuren hinterlassen – Festivalleiter András Siebold höchstselbst erwähnte die Bitte des Marketings, für diese Festival-Ausgabe doch bitte ein Stück mit etwas mehr Aufbruchsstimmung auszuwählen. Die vielfach als Wimmelbild bezeichnete, vom argentinischen Karneval inspirierte Produktion „Irresistible Revolution“ lieferte die dazu passenden energetischen Vibes, wobei die Grenzen zwischen Fröhlichkeit, Komik und Groteske fließend verliefen. Eine ziemlich perfekte Mischung.
Den Tänzer mit dem ausgeprägten komödiantischen Talent im schwarzen Netzoberteil und roten Röckchen habe ich sehr sicher schon in einer anderen Produktion gesehen. Mir fällt nur nicht ein, wann und wo das war. Bei einer früheren Sommerfestival-Auflage vermutlich.
Nan Goldin: The Ballad of Sexual Dependency (1992)
So richtig verstehe ich nicht, was an der Fotografie Nan Goldins künstlerisch wertvoll sein soll. Ich erkenne aber vorbehaltlos den dokumentarischen Wert von Werken wie „The Ballad of Sexual Dependency“ an. Die tagebuchartige Zusammenstellung aus 694 Kleinbilddias nebst Soundtrack portraitiert Personen aus Goldins persönlichen Umfeld mit ihren Bindungen und Abhängigkeiten: Sex, Gewalt und Drogen, Parties und Alltag, Hochzeiten, Kinder, queere Lebenswelten und nicht zuletzt die AIDS-Krise. Akustisch wie optisch beeindruckend war dabei unverhofft auch das zeitgleiche Zurückfahren der neun Kodak-Projektoren nach Ende der Dia-Show.
Ich kann ja kein „Carousel“ mehr sehen, ohne an Don Draper zu denken („Mad Men“, Staffel 1, Folge 13 „The Wheel“).
Vielleicht hätte ich mehr vom Ballett verstehen müssen, um „Sugar Island“ verstehen zu können. So interpretierte ich zumindest die Wortbeiträge von Choreographin und Tänzerin beim Publikumsgespräch im Anschluss an die Vorstellung. Bei dieser Gelegenheit erfuhr ich auch, dass ein Großteil der Lichteffekte und des Sounds improvisiert waren. Das hätte ich gern vorher gewusst; vielleicht hätte ich das Gesehene dann besser wertschätzen können.
Publikumsgespräch zu „Sugar Island“
So habe ich mich leider die meiste Zeit gelangweilt. Und gelacht hat auch kaum jemand, nur ein-, zweimal, ganz zum Schluss, obwohl der Beschreibungstext im Festivalprogramm die humoristische Dimension des Stücks eigens hervorhob.
Ganz anders der Auftritt von Will Oldham aka Bonnie „Prince“ Billy in der St. Gertrud-Kirche. Ich mag Singer/Songwriter, aber oft stört mich, dass Texte düster, subversiv oder sozialkritisch sind, die Töne dazu aber harmlos klingen. Nicht so bei Bonnie „Prince“ Billy: In jedem einzelnem Song war mindestens ein musikalischer Twist eingebaut, der wie ein Drahtseilakt wirkte. Kippt das jetzt ins (kontrollierte) Chaos oder kommt das Stück zurück in die Spur? Man konnte sich nie sicher sein. Jedenfalls hat Bonnie „Prince“ Billy in meiner Genre-Wahrnehmung ein neues Level freigeschaltet. Ich war (und bin noch immer) angemessen beeindruckt. Der Veranstaltungsort trug einiges zum Gelingen bei: Die Kirchenakustik erlaubte auch die unverstärkten Sequenzen, die Sänger und Band ins Programm einbauten.
Dieses Mal hatte ich direkt beim ersten Vorverkaufstermin für Sommerfestivalclub-Mitglieder eine Karte ergattern können. Ein extrem glücklicher Umstand, war diese erste Tranche doch angeblich nach gerade einmal zwei Minuten ausverkauft!
Die MS Stubnitz am Liegeplatz
In „Das Schiff“ treffen die Gäste und einzelne Mitglieder der Besatzung der zuvor untergegangenen „MS Nesterval“ auf die Crew der „MS Stubnitz“, die die Schiffbrüchigen aufgenommen und das eigene Schiff kurzerhand zum Kreuzfahrer umfunktioniert hatte. Nach Hawaii soll die Reise nun gehen. Auf dem Weg dahin beziehungsweise noch bis zum Auslaufen der „MS Stubnitz“ begegnen sich Menschen und Schicksale, nicht unähnlich einer der handelsüblichen ZDF-„Traumschiff“-Folgen, bei der alle wild gesponnenen Handlungsfäden am Ende mehr oder weniger glücklich verbunden im Captain’s Dinner münden (bei Nesterval allerdings ohne die dort obligatorischen Eisbomben zum „Dinner Marsch“ von James Last). Aufgeteilt in zwei Wachen und mehrere Untergruppen wurde das Publikum, jeweils begleitet von einem der Charaktere, an Deck und unter Deck in den zu verrichtenden Dienst und damit in die erzählten Geschichten eingeführt. Den Wachwechsel markierte einen gemeinsamer Sirtaki-Tanz an Deck*. (Sexualisierte) Gewalt, Rassismus, Queer- und Transfeindlichkeit und anderes Unglück kamen auch in „Das Schiff“ vor, wurden aber anders als in anderen Nesterval-Stücken nicht ausgesprochen und -gespielt, sondern lediglich in Slow-Motion-Sequenzen angedeutet.
Unbedingt mitnehmen sollte man das bei Nesterval übliche Zusammentreffen von Publikum und Darstellenden nach der Vorstellung. Zuerst, weil man sich mit anderen austauschen und dabei die unvermeidlichen Handlungs-Lücken füllen kann (niemand kann alles sehen in einer Vorstellung, nicht einmal in mehreren, es sind einfach zu viele Szenen). Ich traf Menschen wieder, die ich im letzten Jahr bei „Das Dorf“ kennengelernt hatte und lernte österreichische Nesterval-Fans kennen, die mir eine Übernachtungsgelegenheit anboten, sollte ich es jemals schaffen, für eine Wiener Vorstellung Karten zu erstehen. Und auch von einigen aus der Nesterval-Crew werde ich mittlerweile als Wiederholungstäterin erkannt. Schöner Nebeneffekt, macht Spaß!
*) Anmerkung der Traditionsschiffseglerin: Interessantes Konzept, wird sich aber in der Seefahrt vermutlich nicht durchsetzen. Vor allem bei nächtlichem Wachwechsel auch eher unpraktisch.
Pankaj Tiwari: The Harvest of Broken Promises + Publikumsgespräch
„The Harvest of Broken Promises“ litt in meinen Augen ein bisschen darunter, dass im Ankündigungstext schon vieles über Botschaft des Stücks verraten wurde: Es geht um die Zerstörung traditioneller Anbaumethoden durch multinationale Konzerne unter besonderer Berücksichtigung der Saatgutgewinnung und der Landwirtschaft in Balrampur, dem Heimatort Pankaj Tiwaris in Nordindien. Beeindruckt war ich dennoch, vor allem, weil die persönliche Verbindung Tiwaris zur Thematik nicht nur konzeptionell im Vordergrund stand, sondern auch in der Ausführung sehr spürbar wurde. Im anschließenden Publikumsgespräch äußerte Tiwari unter anderem die Absicht, sich thematisch nicht festlegen zu wollen in seinem Schaffen, nur weil bestimmte Inhalte zu bestimmten Zeiten im gesellschaftlichen Fokus stehen oder er gar mit spezifischen Themenbereichen identifiziert wird. Auch das hat mir imponiert. Nach diesem ersten Eindruck schaue ich mir gerne noch andere Arbeiten Tiwaris an.
Vermutlich hatte das Ensemble aus Großbritannien in der Elbphilharmonie schon deshalb Publikums-Verluste zu verzeichnen, weil sich manche unter „Orchestra“ ein ebensolches vorgestellt hatten. Ich habe aber auch von Menschen gehört, die den Sound furchtbar und die ganze Angelegenheit für entschieden zu laut hielten.
Mir dagegen hat der Auftritt der drei Herren, die bei einigen Songs von der britischen Soul-Sängerin Tawiah unterstützt wurden, gut gefallen.
„Honda Romance“ hat mich ziemlich mitgenommen. Die Darstellung einer Depression (in Form einer Person, die von einem Satelliten buchstäblich niedergedrückt wird) gefolgt von verschiedensten emotionalen Ausnahmezuständen in rapider Abfolge und nicht zuletzt der Lärm der auf der Bühne verteilten Druckluftkanonen, die Vimala Pons‘ Charakter Nathalie Atlast immer wieder aus der Bahn beziehungsweise zu Boden warfen – und bedauerlicherweise auch ihr Mikroport außer Gefecht setzten – brachten mich zeitweise an den Rand meiner Fassung.
Im dritten, etwas weniger herausfordernden Teil des Abends präsentierten sich neben Atlast neun weitere Charaktere in Form einer ausgedehnten Modenschau. Immer wieder neue Konstellationen taten sich auf, diverse Requisiten verhalfen zu Miniszenen, lustigen und bestürzenden Momenten. Sehr effektvoll, aber nicht auf die effekthascherische Art. Dazu auch musikalisch interessant, denn die Darstellerinnen und Darsteller stellten nicht nur dar, sie sangen auch. Was merkwürdig hätte wirken können, sich aber perfekt in die erzeugten Bilder einfügte. Ein weiteres Festival-Highlight.
Ich glaube, in etwa verstanden zu haben, was Xavier Le Roy mit „Monsters of Circumstandes“ sagen wollte. Ich befürchte nur, er hat es nicht besonders geschickt angestellt und werde mich daher nicht an einer Nacherzählung versuchen. Immerhin weiß ich jetzt, was eine „Lecture Performance“ ist. Ich dachte allerdings, dass ich eine „Performance“ sehen werde – so war die Veranstaltung beworben worden – und hätte aus bereits genanntem Grund auf den „Lecture“-Teil auch gerne verzichtet.
Auch „Finite Jest“ zähle ich zu den Festival-Highlights. Unter anderem in der Rolle des (Hof-)Narren – Shakespeares Yorick ließ grüßen – beleuchtete die in Berlin lebende australische Choreografin, Performerin und Künstlerin Melanie Jame Wolf ausgehend von ihrer eigenen Brustkrebserkrankung die Themen Krankheit, Sterben und Tod als den ultimativen Witz**. Lacher der Sorte also, die einem im Halse stecken bleiben können. Extrem befreiend kann das aber auch sein, selbst wenn man nicht gerade persönlich mit einer potenziell tödlichen Krankheit zu tun hat und zuvorderst damit beschäftigt ist, möglichst nicht zu sterben („trying not to die“). Grundlage des Soloprogramms war der Text „The Mean Well“, den Wolf 2024 im Delfi-Magazin des Ullstein-Verlags veröffentlicht hatte. Und so behandelte auch das Soloprogramm die wohlmeinenden, mitgefühligen bis schmalztriefenden Ratschläge, die die Diagnose Krebs (und vergleichbare Maladitäten) unweigerlich auszulösen scheint („I was only trying to help“). Was Melanie Jame Wolf davon hält: weniger als nichts. Das ist mir überaus sympathisch.
**) „Endlicher Spaß“ in Analogie zur deutschen Titelübersetzung des Romans „Infinite Jest“ erscheint mir hier weniger treffend
Die Marthaler’sche Abschluss-Gala entpuppte sich als Aneinanderreihung unterschiedlichster Galas und Preisverleihungen zu so verschiedenen Themen und Anlässen wie guter Schlaf und ungestörte REM-Phasen, das deutsche Schiedsrichterwesen und die Polka des Jahres (Preisträger selbstredend: Sylvain Cambreling und die Hamburger Symphoniker).
Erste letzte Sekunde
Das konnte man wahlweise langweilig-lahm (Peter Helling bei NDR Kultur) oder auch grausam-genial finden (Falk Schreiber in der Nachtkritik). Ich habe mich einfach nur köstlich amüsiert. So viel Action bei einem Marthaler-Stück – ungewohnt, aber gar nicht mal so unangenehm! Und sowieso herrlich gespielt, allen voran von Rosemary Hardy und Ueli Jäggi. Das Bühnenbild und alles Musikalische funktionierte ebenfalls hervorragend. Sehr gelungen, rundherum!
Käseschlacht in der k2
Was ich lange nicht kapiert hatte: Die zum Abschluss des Festivals aufgebaute Käseschlacht ist nicht bloß für geladene Gäste gedacht, sondern für jede und jeden, der oder die sich zum rechten Zeitpunkt im Kampnagel-Foyer (beziehungsweise in der k2, siehe Bild) einfindet. In diesem Jahr habe ich erstmals davon profitieren und zum Abschluss des Spektakels nebenbei noch ein paar nette Gespräche führen können.
Verpasste Chancen
Verpasst habe ich leider Saâdane Afif/Augustin Maurs mit „King Coal Laments/Musiques pour Tuyauterie“ in der Kunsthalle, und zwar aufgrund einer kurzfristigen Unpässlichkeit. Zum „Palimpsest“-Releasekonzert von Levitation (Tobias Preisig & Stefan Rusconi) in St. Gertrud kam ich nicht mehr rechtzeitig, weil die Deutsche Bahn Deutsche Bahn-Sachen machte und mein Zug mit 45 Minuten Verspätung und damit genau zu Konzertbeginn im Hamburger Hauptbahnhof einfuhr. Blöd gelaufen.
Und was sonst?
Die Gestaltung des Festival Avant-Garten durch das Künstlerkollektiv Baltic Raw Org hat mich nicht sonderlich bewegt. Zwei Beispiele: „Shift The Probabilites“ ging buchstäblich unter und „The Ark/Arapolis“ ist mir lediglich als Redner-Pult aufgefallen.
„Shift the Probabilities“ (Auszug)„The Ark/Arapolis“ (Seitenansicht)
Einige der Vortragenden der Eröffnungsveranstaltung, darunter auch der Kultursenator, kamen sich auf der Installation wie auf einer Kasperltheater-Bühne vor (und merkten dies auch an). Ob das wohl im Sinne der Gestaltenden war?
WaldbühneSonnenblume am PeacetanbulTrüffelmayo
Die Waldbühne blieb weitgehend unangetastet von Umgestaltungsbemühungen – ich sah dort unter anderem einen Teil des Auftritts der anatolischen Sängerin und Spoken-Word-Künstlerin Rûveyda -, die Verpflegung funktionierte gut bis sehr gut und die Buchauswahl am Stand von cohen+dobernigg (ohne Bild) war inspirierend wie immer.
Einmal schaffte ich es auch zu JAJAJAs Kopfhörer-Disko („Radio Atopia: The Return of the Firefly-Rave“). Diesmal war ich zeitig genug an Ort und Stelle, um das Getümmel bei der Ausgabe der Kopfhörer mitzuerleben. Bei aller Liebe unter den Menschen in der Kampnagel-Community: Das war ein veritables Hauen und Stechen! Ich hielt nach erfolgreicher Jagd ungefähr zwei Stunden durch und hatte nicht nur großen Spaß, sondern auch eine unvermutete Begegnung der skurrilen Art, auf die ich hier aus Gründen nicht weiter eingehen möchte.
Und dann war da noch der Boy Division Fernsehgarten! Eine Stunde war dafür im Programm vorgesehen, am Ende waren des zweieinhalb.
Boy Division Fernsehgarten
Den Boy Division-Humor muss man mögen; das Niveau der Witzchen ist gelegentlich eher, naja. Flach. Was nicht bedeutet, dass man nicht auch sehr, sehr viel Spaß haben kann.
Hobby Horse Polo
Die diesjährige fünfte Ausgabe drehte sich um das Thema Royals und Royales. Da durfte Polo als königlicher Sport natürlich nicht fehlen. Nur halt eben in der Boy Division-Version: als Hobby Horse Polo. Wobei es das ja auch tatsächlich gibt. Sogar in Deutschland!
Das große Finale
Aufgrund des Kampnagel-Umbaus wird der Boy Division Fernsehgarten künftig wahrscheinlich nicht mehr stattfinden können. Die Gang verabschiedete sich daher ausführlich und mit gleich mehreren Final-Nummern von ihrem Publikum. Ich hoffe insgeheim, dass sich 2027 vielleicht doch noch ein alternatives Plätzchen findet für das Spektakel.
Ansonsten wird sich zeigen, ob und wie der Auszug des Sommerfestivals in die Stadt ab dem nächsten Jahr funktioniert.
Bedauerlicherweise ist mir erneut der Blogfaden gerissen. Dieses Mal nicht wegen einer Masterarbeit, sondern wegen eines noch sehr viel umfänglicheren Fadenrisses.
Auf der Schulter
Die daraus resultierenden Umwege hätte ich mir gerne erspart. Aber sie eröffnen mir auch die Chance auf nachhaltige Besserung. Abgesehen von den großartigen Menschen, die ich auf den bisherigen Abschnitten habe kennenlernen dürfen.
I think I think too much.
Vielleicht schreibe ich die Geschichte dieses Jahres irgendwann im Detail auf. Möglicherweise sogar öffentlich. Für den Moment möchte ich es hierbei belassen: Ich bin noch da und es wird hier weitergehen.
Unter anderem erfuhr ich, dass es Literatur für Streichquartett und Didgerigoo gibt (und dass diese Kombination wirklich funktioniert), stellte fest, dass ich Munchs Landschaften mag (aber den Rest eher nicht so und die Paarung der Werke Evards Munchs mit denen Maria Lassnigs habe ich auch nicht kapiert) staunte über den RIAS Kammerchor und die Hamburger Uraufführung eines von Joanna Marsh komponierten Auftragswerks namens „Threadlands“ (und wollte nach dem Konzert, das darüber hinaus aus Werken von Ralph Vaughan-Williams, Hubert Parry und Edward Elgar bestand, am liebsten direkt in den nächsten Flieger nach London steigen), litt mit Hilary Hahn, als die ihre erste Zugabe buchstäblich vergeigte (der 1. Konzertmeister der Philharmoniker wusste Rat und half ihr aus der Bredouille), erfreute mich an Omer Meir Wellbers enthusiastischem Dirigierstil, vergoss ein paar Nostalgie-Tränchen bei meiner Stadtpark Open Air-Premiere (die Counting Crows sind aber auch gut als Liveband!) und war angemessen beeindruckt von Anna Lapwoods Orgel-Arrangement des „Lord of the Rings“-Soundtracks (von der zauberhaften inhaltlichen Kurzzusammenfassung unter besonderer Berücksichtigung von Howard Shores Leitmotiv-Technik ganz zu schweigen).
Verpasst habe ich leider auch einiges, zum Beispiel Lambert & Friends (Kampnagel). Fällt unter die Kategorie unvermeidlicher Kollateralschaden.
Verpasst habe ich außerdem den großen Vorverkaufsstart für die zehnte Elbphilharmonie-Saison. Ich habe bis heute kein einziges Ticket für die Jubiläums-Spielzeit gekauft. Aber das kommt bestimmt noch.
„Monster’s Paradise“ ist die zweite Inszenierung von Tobias Kratzer in seiner Rolle als Intendant der Hamburgischen Staatsoper und die erste Uraufführung.
Olga Neuwirth und Elfriede Jelinek, so erfuhr ich in der Einführung durch Dramaturg Christopher Warmuth, hatten eigentlich keine Oper mehr schreiben wollen. Das Stück sei als Alterswerk zu deuten, in dem sich die Erkenntnis der eigenen Ohnmacht gegenüber dem Zustand der Welt manifestiere. Zum Ausdruck käme dies insbesondere in der Schlussszene, in der die zwei der Komponistin und der Librettistin nachgebildeten Hauptfiguren Vampi und Bampi auf einem Floß in einer überschwemmten Welt an einem schlimm verstimmten Flügel ein Schubert-Duett spielen, der Flügel sich aber mehr und mehr selbstständig macht – die Kontrolle über die Ereignisse gleite ihnen buchstäblich aus den Händen.
Zuvor hatten Vampi und Bampi als unsterbliche Beobachterinnen des Weltgeschehens vergeblich versucht, einen in der Manier eines Donald Trump regierenden, despotischen und golfkartfahrend die Natur zerstörenden König-Präsidenten zu töten. Der wird letztes Endes von Gorgonzilla gefressen, einem Seeungeheuer, das aus einem Kernkraftwerksunfall entstanden war (und aus rechtlichen Gründen nicht Godzilla heißen durfte).
Von der Grundidee her hätte mir das alles durchaus gefallen können und einzelne Teile davon haben es auch. Georg Nigl war zum Beispiel super als König-Präsident und Charlotte Rampling großartig als an die Seitenwände des Saals projizierte Goddess. Die Schlussszene auf dem Floß war berührend, auch wenn mir der Sound des verstimmten Flügels beinahe körperliche Schmerzen bereitet hat. Aber beim Anblick der absurden Szenerie des unmissverständlich dem Weißen Haus nachgebildeten Regierungssitzes des König-Präsidenten ist mir das Lachen zumeist im Hals stecken geblieben. Das Amüsement über den vermeintlichen Clown im Präsidentenamt hat sich doch ziemlich abgenutzt. Zeitweise hat mich auch die Musik genervt. Schwierig, wenn eine textlastige Oper auch noch musikalisch so dicht ist (man solle gar nicht erst versuchen, die zahlreichen Anspielungen und Zitate zu identifizieren, hatte Warmuth in der Einführung geraten). Mir kam zwischendrin der Gedanke, dass „Monster’s Paradise“ als reines Theaterstück möglicherweise besser funktioniert hätte. Wobei ich andererseits nicht die einzige bin, die das Libretto, naja, dünn fand. Schon bei der Namensfindung für die beiden Hauptfiguren hätte Jelinek sich etwas mehr Mühe machen können. Oder sollte das vielleicht so sein? War das der ultimative Mittelfinger? Nach dem Motto: „Guck mal, ich texte hier irgendeinen Unsinn und die verkaufen das dann als hohe Kunst?“
Kurzum: Es war spektakulär inszeniert und spannend anzugucken und ich bereue nicht, das Geld für die Karte ausgegeben zu haben. Aber überzeugt hat mich das Werk in seiner Gesamtheit nicht.
Nils Landgren hatte sich den Großen Saal der Elbphilharmonie ausgesucht, um in seinen 70. Geburtstag hineinzufeiern. Mit ihm standen zunächst Teile der Symphoniker Hamburg auf der Bühne, daneben sein „aus Schweden mitgeschlepptes“ Trio bestehend aus Joel Lyssarides (Klavier), Lars Danielsson (Bass) und İkiz (Schlagzeug). Für einige Stücke kam Sängerin Ida Sand dazu. Nach einem etwas verhaltenen Beginn in der ersten Hälfte (Stücke von Leonard Bernstein) steigerten sich Landgren und seine Mitstreiterinnen und Mitstreiter von Song zu Song, um dann in der in der zweiten Hälfte (Songs aus dem neuen Album „Love of my life“), in der auch das komplette Orchester auf die Bühne kam, richtig aufzudrehen.
Ich mag Nils Landgren grundsätzlich ja lieber Posaune spielen als singen hören. Nur wird dummerweise bei jedem weiteren Landgren-Konzert, das ich besuche, gefühlt weniger Posaune gespielt und mehr gesungen. Toll ist es trotzdem immer und die Kombination mit dem Orchester gab dem eh schon besonderen Abend eine extrabesondere Note. Die von Schlagzeuger İkiz geteilten Szenen aus Proben, Soundcheck und den eigentlichen Konzerten vermitteln davon zumindest einen kleinen Eindruck.
Meine persönlichen Highlights waren alle Instrumentalstücke (aus genanntem Grund), „One day I’ll fly away“ (im Original gesungen von Randy Crawford) und „Somewhere“ (aus „West Side Story“).
Angeblich war übrigens auch der Bundespräsident nebst Gattin anwesend. Gesehen habe ich die beiden nicht, aber ich saß dieses Mal auch sehr weit von den Promiplätzen entfernt.
„Blind Date“ mit in der Elbphilharmonie
Als Februar-„Blind Date“ entpuppten sich die Herren Thomas Dunford (Laute) und Nicolas Altstaedt (Cello). Geboten wurden Werke von Marin Marais, Antoine Forqueray, Johann Sebastian Bach und Henri Duparc und das sehr überzeugend.
Anders als beim „Prinsengrachtconcert 2022“ waren die beiden Musiker im Kleinen Saal der Elbphilharmonie nicht elektronisch verstärkt. Dabei fällt dann schon auf, wie leise so eine Laute eigentlich ist. Fast ein bisschen zu leise für das Cello, was in der Kombination vielleicht besser eine Viola da Gamba gewesen wäre? Aber die wäre ja auch wieder sehr leise gewesen. Jedenfalls musste ich in Reihe 7 zeitweise ganz schön die Ohren spitzen. Wie viel wohl die Zuhörer in den letzten Reihen noch mitbekommen haben?
Nach dem überwiegend barocken Hauptprogramm kamen die beiden Zugaben „Blackbird“ (The Beatles) und „Spiegel im Spiegel“ (Arvo Pärt) unerwartet. Aber wie zauberhaft, beides auf seine Art! Große „Blind Date“-Liebe, mal wieder.
Als ich den Newsletter mit der Ankündigung des Stückes las, kam mir bei dem Namen Philippe Quesne spontan das Wort „Maulwurf“ in den Kopf. Aber woher das kam, war mir zunächst schleierhaft. Dann fiel mir wieder ein, warum ich blogge. Also, in der Hauptsache. Denn das Susammelsurium ist letztlich nicht viel mehr als ein Tagebuch meiner Musik- und Kultureventerlebnisse, das mir vor allem als Gedächtnisstütze gute Dienste leistet. So auch im Fall Quesne: Ich hatte beim Sommerfestival 2017 „Die Nacht der Maulwürfe“ gesehen und für zumindest interessant befunden.
Im Gegensatz zu den Maulwürfen ist „Le Paradoxe du John“ alles andere als derb. Die meiste Zeit überwogen auf der Bühne leise und sehr leise Töne. In einer Art Fortsetzung des Stücks „L‘Effet de Serge“ wird erzählt, wie eine Freundin zusammen mit einer Gruppe von Künstlerinnen und -künstlern die Einrichtung einer Galerie in Serges ehemaliger Wohnung vorantreibt. Quesne nimmt dabei Entstehung, Verwandlung und Zerstörung zeitgenössischer Kunstwerke und Performances und dabei vor allem die (übertriebene) Ernsthaftigkeit der Kunstschaffenden aufs Korn, zur großen Erheiterung des Publikums. Gekonnt kontrastiert wird diese Karikatur durch Texte von Laura Vazquez, einer 2023 mit dem „Prix Goncourt für Dichtung“ ausgezeichneten französischen Dichterin und Schriftstellerin. Entscheidend dafür war, dass die deutsche Übertitelung der französisch-englischen Vorstellung gut funktionierte, was sie auch tat. Fast ganz zum Schluss traten noch eine Handvoll nicht-humaner, mit Gesten, Quietsch- und Brummlauten kommunizierender Wesen in den Mittelpunkt der Erzählung. Anders als viele der übrigen Anwesenden war ich nicht ganz überrascht, hatte ich doch zwischendrin schon bemerkt, dass sich einige der verhüllten Gestalten im rechten hinteren Bühnenbereich nicht vollkommen reglos halten konnten. Wer oder was sich unter der Kostümierung verbarg, wurde auch beim Schlussapplaus nicht aufgelöst und blieb damit rätselhaft. Wie übrigens auch die Frage nicht beantwortet wurde, wer eigentlich dieser John ist. Aber damit konnte ich gut leben. Wie auch überhaupt mit dem Stück.
Eine ganz anders geartete Inspiration für künftige Erlebnisse ergab sich im Vorfeld des Einlasses in die K2. Parallel war nämlich in der K6 mit Choke Hole eine Drag-Wrestling-Truppe aus den USA zu Gast. Dementsprechend trafen im Foyer Welten aufeinander. Ich gebe zu, „Extreme Drag Wrestling“ gehört nicht unbedingt zu meinem Beuteschema. Mehr noch, dieses doch sehr spezielle Sub-Genre war mir bis gestern Abend sogar vollkommen unbekannt. Aber das Drumherum sah wirklich extrem bunt und lustig aus und die Stimmung in Foyer und Halle war mehr als bombig. Vielleicht doch mal im Blick behalten!
Nein, das ist noch nicht der Jahresrückblick! Ich muss ja erst noch auf den Dezember zurückblicken.
Nachgeholt aus dem November habe ich zunächst das Ende von „Sie sagt. Er sagt.“, indem ich mir die DVD mit der 2024er ZDF-Verfilmung bei der Bücherhalle auslieh. Eigentlich hatte ich „Auflösung“ statt „Ende“ schreiben wollen, aber eine Auflösung ist das Ende nicht wirklich – irgendwie unbefriedigend alles, wobei es sich aber mutmaßlich um den gewünschten Effekt handelt. Ich fand das Stück auch in der Filmversion noch fad, nur halt nicht so furchtbar schlecht gespielt. Hätte die Filmbesetzung auf der Bühne der Hamburger Kammerspiele gestanden (beziehungsweise gesessen), wäre ich wahrscheinlich nicht in der Pause geflüchtet.
Das allererste Dezember-Live-Event wäre „Schwanensee“ von Christoph Marthaler gewesen – der dritte Teil der im November-Beitrag bereits erwähnten Trilogie. Leider musste die Veranstaltung krankheitsbedingt ausfallen. Ich nutzte die ungeplante Abendfreizeit für den Besuch des Adventskalenders der Staatsoper. Das ist eine schon ältere Einrichtung: Vom 1. bis 23. Dezember wird jeden Tag im Foyer eine „künstlerische Kostbarkeit“ präsentiert; werktags um 16:30 und sonntags um 12:00 Uhr. Der Eintritt ist frei, um Spende wird gebeten (in diesem Jahr für die Deutsche Muskelschwundhilfe). Am fraglichen Nachmittag wurde das jeweils ungefähr zwanzig- bis dreißigminütige Programm vom Bundesjugendballett gestaltet. Der Andrang war groß, selbst ein vergleichsweise frühes Kommen sicherte mir keinen regulären Sitzplatz. Trotzdem oder gerade deswegen: Eine schöne Stimmung ist das da! Nur die Vorderhauscrew schien leicht gestresst.
Tags drauf war ich bei Art’n’Voices im Kleinen Saal der Elbphilharmonie. „Christmas at Sea“, der Titel des Programms, erwies sich indes als Etikettenschwindel. Es gab zwar jede Menge Weihnachtslieder, aber der „Sea“-Bezug erschloss sich mir nicht, außer vielleicht bei „Ave Maris Stella“ und „Es kommt ein Schiff geladen“. Aber das verblasste angesichts der teils spektakulären Arrangements der interpretierten Stücke.
Das war meine erste Begegnung mit zeitgenössischer polnischer Vokalmusik und ich weite diese Bekanntschaft gerne bei Gelegenheit aus.
Im letzten Jahr feierte ich meine Weihnachtsoratorium-Premiere. Einige Tage zuvor hatte ich im hiesigen Regionalfernsehen einen Beitrag über eine urbane Hausmusik-Version des Werks von und mit dem ensemble resonanz gesehen. Das schien mir eine logische Fortsetzung der im Michel begonnenen Reihe zu sein, weswegen ich mir zeitig ein Ticket für den 2025er Termin sicherte.
Die Version mit dem goldenen Esel hat mich vollumfänglich überzeugt. Mehr noch, ich möchte das eigentlich gar nicht mehr anderes hören. Besonders fasziniert war ich von Michael Petermann an den Vintage Keyboards. Wahrscheinlich auch, weil ich ihm aus der Loge 2 im 1. Rang so schön auf die Finger gucken konnte.
Weihnachtsoratorium in Wohnzimmeratmosphäre
Da habe ich also schon im zweiten Anlauf „meine“ Weihnachtsoratoriums-Variante gefunden! Deren Besuch werde ich nun nach Möglichkeit zu einer ständigen Einrichtung erheben. Damit bin ich nicht allein: Der resonanzraum ist schon lange nicht mehr groß genug für das Event und auch die Laeiszhalle war in diesem Jahr schon sehr gut gefüllt. Im nächsten Jahr wird folgerichtig gleich es zwei Termine geben, am 16. und am 18. Dezember. Der Vorverkauf hat bereits begonnen.
Der Name Thorsten Nagelschmidt war mir nicht geläufig, aber irgendwo habe ich das Gesicht schon gesehen. Es fällt mir nur nicht ein, wo. Dagegen ist Lambert mir natürlich ein Begriff und der Ankündigungstext des gemeinsamen Auftritts unter dem Titel „Nur für Mitglieder“ auf Kampnagel reichte mir, um ein Ticket zu erwerben. Ich würde die Veranstaltung allerdings nicht unbedingt als Weihnachtsrevue betitelt haben, sondern als Lesung mit Musik. Was deutlich spröder klingt, aber eher dem Gebotenen entsprach. Der Abend kam mir fast ein bisschen zu kurz für das Thema oder vielmehr die vielschichtige Themenwelt vor. Einiges wurde angerissen, kam dann aber nicht rund zum Ende. Was man aber auch als gewollten Anreiz für den Kauf von Buch und Tonträgern werten kann.
Kurz hatte ich mich übrigens noch gewundert, dass Lamberts Maske auf dem Klavier drapiert war. Dann betrat der Mann die Bühne – unmaskiert. Ziemlich ungewohnt. Ich glaube, auch noch für ihn. Ob er die Maske beim Lambert & Friends-Konzert im Mai wohl wieder anlegt?
Als ich die Ankündigung eines weiteren Orchesterkaraoke mit Jan Dvorak, Matthias von Hartz und den Jungen Symphonikern auf Kampnagel entdeckte, zögerte ich noch kurz, ein Ticket zu kaufen. Es ist ja eigentlich immer nett, dachte ich, aber es wiederholt sich auch viel. Ich tat es dann doch und bereute es nicht. Die Stimmung war großartig, die Sängerinnen und Sänger schlugen sich tapfer bis hervorragend. Ein Highlight war der Background-Chor des Orchesters bei der Joe Cocker-Version von „With a Little Help from My Friends“. Außerdem hebt das Gesamtkonzept mit Jan Wulf als lebender Karaokemaschine einfach zuverlässig die Laune. Wenn das eine neue (Vor-)Weihnachtstradition auf Kampnagel wird, bin ich auch im nächsten Jahr wohl wieder dabei. Abgesehen davon: Nichts gegen Coldplays „Viva la Vida“ als Abschluss, aber es kann gerne auch mal wieder „My Way“ sein!
Ich hatte mich auf das Konzert von Ibrahim Maalouf im Großen Saal der Elbphilharmonie sehr gefreut, weil bei seinem Auftritt im April er selbst als Trompeter für meinen Geschmack zu wenig im Mittelpunkt gestanden hatte. Das war bei „Kalthoum“ anders, aber wieder hatte ich nicht das Kleingedruckte gelesen: Auf dem 2016 erschienenen gleichnamigen Album widmet sich Maalouf der 1975 verstorbenen legendären ägyptischen Sängerin und Schauspielerin Umm Kulthum, in dem er einen Song von ihr, „Alf Leila We Leila“, zu einer Jazz-Suite aus- und umbaut. Teile des Albums wurden nun im Rahmen eines Elbphilharmonie-Schwerpunkts zu Umm Kulthum präsentiert. Das war sehr beeindruckend und ebenso lehrreich, denn mir war der Name zuvor tatsächlich nicht geläufig gewesen.
Aber es war eben doch wieder nicht Maalouf pur. Ob ich das wohl noch erwische? Eine Chance ergäbe sich 2027 in Paris, wo Maalouf sein zwanzigjähriges Bühnenjubiläum feiern will. In der Paris La Défense Arena, no less, da passen über 40.000 Leute rein. Ein bisschen hoch gegriffen, aber nicht unpassend für den Trompeter, der sich im Laufe seiner Karriere nach eigener Aussage gegen viele Widerstände beweisen musste und nun offenbar ultimativ beweisen will, indem er eben genau diese Halle füllt.
Das letzte Konzert des Jahres war „Weihnachten mit Salut Salon“ im Thalia Theater. Veranstaltungen von Salut Salon sind in Hamburg normalerweise recht zügig ausverkauft. Die Ränge bei den beiden Vorstellungen am vierten Advent waren hingegen zwar gut gefüllt, aber es gab lange und ich glaube sogar noch an der Abendkasse Karten zu kaufen.
Ich mag Salut Salon eigentlich sehr, aber das Weihnachtsprogramm war mir in Teilen zu krawallig. Das wird bei mir wohl keine Weihnachtstradition.
Den Abschluss des Kulturjahres bildete erneut Christoph Marthaler mit dem ersten Teil der oben genannten Trilogie im MalerSaal des Schauspielhauses. In „Die Sorglosschlafenden, die Frischaufgeblühten“ werden Texte von Friedrich Hölderlin bespielt.
Des Öfteren entwickelte sich Heiterkeit im Publikum; auch in Momenten, bei denen die Verbindung von Text und Spiel komische Züge aufwies, wenn man aber die Lebensgeschichte Hölderlins kennt, möglicherweise als eher tragikkomisch zu werten gewesen wären. Ein tragisches Element stellten dagegen zweifelsfrei die zerschmetterten Streichinstrumente in der linken oberen Ecke des Bühnenbilds dar. Dieser Anblick hat mir fast körperlich wehgetan, ebenso wie die Art der Einbeziehung der Instrumententrümmer in das Spiel. Absurder als „Im Namen der Brise“ kam mir der Hölderlin-Abend vor, und doppelbödiger.
Und das war’s mit 2025! Es folgt der Jahresrückblick und dann drehe ich die Uhr endgültig auf Januar. Es ist schon einiges in der Pipeline, ich freue mich!
Immer diese guten Vorsätze… Der Sommerfestival-Bericht hätte eigentlich noch vor der Roald-Postkarte erscheinen sollen. Aber vor der Reise nach Lettland schaffte ich gerade Mal das erste Drittel und in der Woche nach dem Törn nur wenig mehr als das zweite Drittel. So groß war mein Verlangen nach einer ausgedehnten Schreibtisch- bzw. Computerpause lange nicht. Und das letzte Drittel dauert sowieso immer am Längsten.
Aber nun!
Auch wenn ich in der letzten Festivalwoche bereits auf See war, sind es letztlich noch sechs Sommerfestival-Veranstaltungen geworden: fünf auf Kampnagel und eine im Volksdorfer Museumsdorf.
Das sattsam eingeübte Eröffnungsprozedere wurde in diesem Jahr empfindlich gestört: Pünktlich zum Beginn des Sommerfestivals hatte ver.di die tarifbeschäftigten Kampnagel-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeiter zu einem dreistündigen Kurzstreik aufgerufen.
Lohngerechtigkeit für [k] JETZT!Die Eröffnungsveranstaltung fand zwar statt, der Beginn musste jedoch um eine Stunde nach hinten verschoben werden. Das gab Kampnagel-Intendantin Amelie Deufelhard und Festivalleiter András Siebold ausnahmsweise reichlich Zeit, sich über das Programm auszubreiten (die dies aber kaum nutzten). Den Sekt musste ich aus Migränegründen stehenlassen und eine Brosda-Rede gab es urlaubsbedingt auch nicht, dafür aber Beiträge von Staatsräten Jana Schiedek (Hamburger Behörde für Kultur und Medien) und Professor Tricia Rose (Brown University).
Essen – Trinken
Ersteren bekam ich allerdings gar nicht mit, weil ich viel Zeit in den beiden Essensschlangen (1. Bestellen/Bezahlen und 2. Abholen) verbrachte. Um am Ende aufgrund mangelnder Kommunikation zwischen den beiden Stationen unnötigerweise nicht das zu bekommen, was ich eigentlich haben wollte und mir prompt den Ketchup zu den Verlegenheits-Fritten aufs Shirt zu kleckern. Eine der beiden Schlangen (und das Ausweichen auf die immerhin okayen Skinny Fries) hätte ich mir sparen können: Es gab nicht wenige Menschen, die das per Aushang kommunizierte Prozedere völlig straflos ignorierten und in der Abholschlange bestellten, bezahlten und bekamen. Aber gut, es war ja genügend Zeit da. Und nächstes Jahr weiß ich es besser und bringe zur Eröffnung eine Stulle mit.
Ach ja, das Stück: Mein rot bekleckertes Shirt passte ganz gut zur Show und der Titel der Nachtkritik, „Keuchen, Kotzen, Kacken“, brachte die Inszenierung sonstiger Körperflüssigkeiten sehr gut auf den Punkt. Immerhin wurde das Kotzen und Kacken lediglich pantomimisch ausgeführt, zusammen mit der Geräuschkulisse reichte es aber zu einem veritablen Würgereflex. Wohl nicht nur bei mir: Menschen verließen zahlreich das laufende Stück, wenn auch mehrheitlich nicht auf den teureren Rängen. Das alptraumhafte „Nacht“-Szenario – in dem ich, anders als Programmheft und Text des Abendzettels behaupteten, keine Spur von einer Auseinandersetzung mit „1.001 Nacht“ erkennen konnte, was mich aber überhaupt erst dazu bewogen hatte, eine Karte zu erstehen – hätte man sicher auch ohne diese zu allem Übel in aller Ausführlichkeit und unter Einbeziehung von Teilen des Publikums ausgeführten, hm, Spezialeffekte transportieren können. Aber wenn es denn unbedingt sein muss: Liebe Leute auf Kampnagel, ihr hattet mir zwei Tage vor dem Event „Hinweise zu sensorischen Reizen“ per E-Mail zukommen lassen, in denen vor „Stroboskoplicht und lauter Musik“ gewarnt wurde. Auch die Programmbeschreibung auf der Webseite enthielt diese Triggerwarnung. Macht es doch bitte vollständig und schreibt „Darstellung von körperlicher Gewalt, Darstellung von Blut, Erbrechen, Defäkation“ dazu. Bei bei anderen Stücken (beispielsweise „A Year Without Summer“ von Florentina Holzinger) habt ihr es gemacht, warum um Himmels Willen nicht bei „Nôt“?!
Auch bei Miet Warlop gab Verzögerungen im Betriebsablauf, allerdings aus technischen Gründen: Ein Performer war ausgefallen, sodass Warlop selbst einspringen, das Stück umgestellt und neu geprobt werden musste. Das gab mir Zeit zur Nahrungsaufnahme. Die Verpflegungs-Logistik war ab Festivaltag 2 unkompliziert und ich aß ein leckeres Gemüse-Curry.
Warum die erwähnten Anpassungen nicht ganz unproblematisch waren, erschloss sich bereits wenige Minuten nach Beginn der Aufführung. Große Ballen mit sehr viel Stoff ergossen sich da aus der Höhe, Stoffbahnen wurden mit maschineller Unterstützung auch wieder aufgewickelt, die Tänzerinnen und Tänzer rannten und sprangen um die Röhren, auf denen die Stoffe aufgewickelt waren; all dies wirkte zeitweise nicht sonderlich souverän oder auch nur kontrolliert. Ich konnte mich nicht uneingeschränkt auf die erzeugten Bilder konzentrieren, so sehr hat mich gestresst, dass sich praktisch jeden Moment jemand hätte verletzten können – noch ein Alptraum also, aber einer für den Arbeitsschutz. Diese Ablenkung gepaart mit dem Wissen darum, dass ich das Stück nicht so sah, wie es geplant war und dass einige Effekte auch sichtbar nicht funktionierten wie gedacht, schmälerten den Genuss. Auf der anderen Seite behielt András Siebold recht mit seiner Ansage: Ich war Zeugin einer einmaligen Performance.
Apropos Ansage: Denjenigen im Publikum, die noch ein Ticket für die Aufführung von „Nôt“ im Anschluss hatten, teilte Siebold sinngemäß und unter Augenzwinkern mit: „Sie verpassen ungefähr die ersten zwanzig Minuten, in denen wird aber nur gekotzt und gekackt“.
Wie bereits erwähnt war es mir im ersten Anlauf nicht gelungen, Karten für „Das alte Dorf“ zu ergattern: In Hamburg herrschen mittlerweile wienerische Verhältnisse, wenn ein Nesterval-Stück in den Vorverkauf geht. Allerdings war das diesjährige Gastspiel auch dadurch geprägt, dass es nur ganze fünf Vorstellungen gab.
Museumsdorf Volksdorf
Das mag am dem mit der Location verbundenen Aufwand gelegen haben, wurde doch das gesamte Volksdorfer Museumsdorf bespielt. Mir verhalf im Nachgang zum Vorverkauf ein zarter Hinweis auf das Blog letztendlich noch zum Erwerb eines Tickets. Wie begehrt diese waren, war selbst am Einlass noch zu spüren, vor dem hitzige Wortgefechte um die Rangfolge auf der Warteliste ausgetragen wurden.
In „Das alte Dorf“ wird die Geschichte der Bauerstochter Anna-Lisa erzählt, die eigentlich den auswärtigen („dosigen“) Knecht Johannes aus Fulda heiraten sollte. Anstatt der Hochzeit wohnt das Publikum, das zunächst in Familien als Gäste entweder des Bräutigams oder der Braut eingeteilt wird, jedoch der Beerdigung Anna-Lisas bei. Beziehungsweise dem Trauerzug inklusive eines von Pferden gezogenen historischen Bestattungswagens. Um zu erfahren, wie es zum Tod Anna-Lisas kam, reisen die Gäste zusammen mit den Charakteren der Handlung zurück in die Zeit. Wie bei fast allen von mir bisher besuchten Nesterval-Stücken hing das individuelle Theatererlebnis sehr davon ab, welchen Figuren man folgte. Da habe ich vom Schauspielerischen her inzwischen meine Lieblinge. Was für sich genommen aber keine Garantie ist: Der „Das alte Dorf“ kam mir vergleichsweise lahm vor und die Erzählweise in Rückschritten funktionierte nach meinem Empfinden nicht sonderlich gut. Irgendwie unpassend (im Sinne von „too much“) erschien mir auch das „Lohengrin“-Vorspiel als musikalische Untermalung ganz zu Anfang. Als Gesamtkunstwerk und Event hätte ich „Das alte Dorf“ aber auf keinen Fall verpassen wollen. Und wie toll ist denn bitte das Museumsdorf selbst, da muss ich unbedingt nochmal hin – vielleicht schon zum Erntefest am kommenden Wochenende.
Übrigens kommt in einer Szene des Stücks ein Text vor, der unmittelbar im Anschluss als Zitat aus dem ersten Teil der „Sissi“-Trilogie identifiziert wurde. Für diese prompte Auflösung möchte ich mich ausdrücklich bedanken, hätte ich doch sonst bis zum Ende der Aufführung darüber rätseln müssen. Dabei war ich bereits ausreichend abgelenkt von dem Viechzeuch im Dorf, zum Beispiel diesem einen federfüßigen Zwergpuschelhuhn, welches sich auch von höchster Dramatik nicht im Mindesten beeindruckt zeigte und den Tönen, die sich nach längerer Überlegung und kurzer Vergewisserung als die Verlautbarungen eines Truthahns erwiesen. Dass es sich auch beim Abschlusssong „Chapel of Love“ sehr wahrscheinlich um ein Zitat beziehungsweise um eine Referenz handelte – der Abspann von „Four Weddings and a Funeral“! -, ist mir dagegen erst Tage später aufgegangen.
Kommen wir zum ersten Festival-Highlight. Im Programm wurde „Longing to tell“ einerseits als „Blues Opera“, andererseits als Konzertinszenierung bezeichnet – die Genrefrage sowie der Anteil des Szenischen wird ausführlich in der Nachtkritik behandelt. Nach meinem Empfinden trifft es „Blues Oratorio“ am besten.
Basierend auf dem gleichnamigen Buch von Professor Tricia Rose wird die Lebensgeschichte von Linda Rae dargestellt, einer hellhäutigen Schwarzen, deren Leben lange Zeit von Sex, Gewalt und Drogenmissbrauch geprägt ist. Auf jeder Stufe des siebzehnteiligen Librettos wird vermittelt, wie sehr systemisch bedingte Benachteiligung, struktureller Rassismus und Kriminalisierung diesen Teufelskreis befeuern. Die Abwärtsspirale wird erst durchbrochen, als Linda Rae am absoluten Tiefpunkt ankommt und sich deren Ursachen bewusst wird. Ich konnte den Text überraschend gut verstehen, war allerdings doch froh über die ausgeteilte zweisprachige Synopsis, die in kurzen Sätzen die Handlung der jeweiligen Teile zusammenfasste.
Musikalisch bewegt sich „Longing to tell“ zwischen Hip-Hop, Blues, Gospel, Jazz und Soul. Als Erzählerin und in der Rolle der Linda Rae stand akua naru zwar als Person im Vordergrund, die „synergetische Zusammenarbeit zwischen den Texten und der Stimme von akua naru und der musikalischen Komposition von Tyshawn Sorey“ (Abendzettel) war aber durchgehend spürbar und der Anteil insbesondere der dialogischen Parts der Sängerinnen und Sänger – Monique B. Thomas, Raymond Thompson und Journi Sings – am harmonisch-dynamischen Gesamteindruck ebenfalls nicht zu unterschätzen. Das Ensemble Resonanz steuerte Klangfarbe und Atmosphäre bei. Sicherlich hätte das Stück auch ohne Streicher funktioniert, aber so war es eben noch runder, ausdrucksvoller und facettenreicher. Ebenso wie die Geschichte von Linda Rae endet „Longing to tell“ auch musikalisch auf einer energetischen, hoffnungsvollen Note, die das Publikum von den Sitzen riss.
Das Künstlergespräch mit akua naru, Tricia Rose und Anta Helena Recke (moderiert von András Siebold) im Anschluss brachte weitere Erkenntnisse über Motivation und Entstehungsprozess des Stücks.
Ich habe geweint, gelacht, mitgelitten, mitgesungen und viel gelernt; alles in einer Spanne von rund drei Stunden. Besser kann man es beinahe nicht machen.
Das Künstlergespräch zu REPERTÓRIO N. 3 zerfaserte leider etwas in Übersetzungsproblemen. Was besonders schade war, denn ich hätte etwas mehr Kontext gebraucht, um das Stück zu begreifen. Immerhin wurde mir klar, wie viel Improvisation ich da kurz zuvor gesehen hatte.
Künstlergespräch (u.a.) mit Davi Pontes und Wallace Ferreira
Unter anderem deshalb hätte ich den Auftritt von Davi Pontes und Wallace Ferreia, die unterbrochen von statischen Phasen immer wieder minutenlang bis auf weiße Sneakers und weiße Socken splitterfasernackt mal mehr, mal weniger synchron ohne jegliche musikalische Begleitung durch den Raum stapften und Zuschauerinnen und Zuschauer ungefähr zu gleichen Teilen amüsierten, peinlich berührten und irritierten, nicht mit „Tanz“, sondern mit „Performance“ übertitelt.
Davon abgesehen traue ich künftig Aussagen wie „keine Angst, Sie werden nicht einbezogen“ grundsätzlich nicht mehr, zumindest nicht auf Kampnagel. Für mich ein Ärgernis, das ungefähr gleichauf rangiert mit Triggerwarnungen, bei denen die Hälfte fehlt (siehe oben).
Oona Doherty: Specky Clark – a Series of Theatrical Images
Auch bei „Specky Clark“ gab es relativ wenig Tanz. Dafür aber viel Theater, was man vorher wissen konnte – the clue lies in „a Series of Theatrical Images“ – und es war schlichtweg großartig. Das zweite Festival-Highlight!
Oona Doherty verarbeitet in „Specky Clark“ die Geschichte ihres Ururgroßvaters, der im Alter von zehn Jahren nach dem Tod seiner Mutter zu Verwandten nach Belfast geschickt wird und vor Ort in einer Schlachterei arbeiten muss. Dort kommt es an Samhain zu unheimlichen Begegnungen, unter anderem mit einem Schwein, das Specky kurz zuvor hatte töten müssen.
Sehr froh war ich über die „mitspielenden“ Übertitel, sonst hätte ich wohl bei weiten Teilen des vom irischen Schauspieler Stephen Rea vorgetragenen Textes passen müssen. Das Tempo erschien am Anfang etwas zu langsam, was sich aber in der Gesamtrückschau auf das Stück relativierte.
Einen Extra-Stern verteile ich für die Musik von Lankum!
Hauptplatz
Verkabelt (innen)
Die Gestaltung des Festival Avant-Garten von JASCHA&FRANZ hat mir gut gefallen. Neben der an Straßen- und Ortsschilder erinnernden Beschilderung stach als wesentliches Desginelement die Nachbildung von Stromtrassen heraus. Dieses wurde auch im Foyer aufgenommen.
FoyerAvant-GartenBoy Division Fernsehgarten
Vom Boy Division Fernsehgarten bekam ich leider nur die letzten Töne mit. Dafür schaffte ich es zum ersten Mal, einen Kopfhörer für eine der JAJAJA-„Radio Atopia“-Parties zu ergattern. Leider war ich an dem fraglichen Abend schon ein bisschen zu müde, um das auch vollends genießen zu können und meinen Musikgeschmack traf die Auswahl auch nicht so ganz. Trotzdem, endlich mal mitgemacht!
Gerne hätte ich auch den Auftritt von Eda Tanses im Rahmen der Gesprächs- und Konzertreihe „Love & Labour“ auf der Waldbühne genossen. Allerdings gab es Probleme bei der Einhaltung des Zeitplans. Wenn zehn Minuten nach der angekündigten Startzeit erst der Soundcheck beginnt, passt das im Zweifel so gar nicht zur eigenen, auf andere Veranstaltungen abgestimmten Zeitplanung. Wer ohnehin nur als Freigänger auf dem Gelände unterwegs war, wird sich daran aber nicht gestört haben. Allein, es war nicht die einzige Abweichung.
The show must go online
Auch beim Draußenprogramm schien sich in diesem Jahr ein wenig Sand ins Getriebe geschlichen zu haben.
Die persönliche Festival-Premiere No. 2: Beim Codo-Buchstand habe ich in diesem Jahr nicht nur gestöbert, sondern tatsächlich auch ein Buch gekauft; „Arbeiten“ von Heike Geißler nämlich. Der Text ist Teil einer Reihe des Verlags Hanser Berlin, in der diverse Lebensthemen essayistisch behandelt werden. „Altern“ von Elke Heidenreich muss ich vielleicht nicht zwingend lesen, aber sehr wahrscheinlich „Spielen“ von Karen Köhler und „Wohnen“ von Doris Dörrie und möglicherweise auch „Essen“ von Alina Bronsky.
Oona Doherty: Death of a Hunter (2018)
Bleibt noch die Präsentation von Werken von Oona Doherty in der Vorhalle. Ich mache es kurz: Mit „Death of a Hunter“ konnte ich wenig bis nichts anfangen.
Oona Doherty (Filmprojektion)
Von den Kurzfilmen fand ich „Carpet“ super. Der Rest sprach nicht zu mir.
Aus bereits genannten Gründen habe ich leider einiges verpasst, darunter bedauerlicherweise auch „Der Gipfel“ von Christoph Marthaler.
Vielleicht kann ich das mit dem Sommerfestival und dem Urlaub im nächsten Jahr doch noch etwas optimieren. Ich kann es mir jedenfalls vornehmen.
Ich traue dem Trend: Es geht aufwärts! Nicht linear, aber immerhin tendenziell. Der Juli ist erreicht und damit auch zwei berufliche Meilensteine, von denen einer hoffentlich zur weiteren Besserung beitragen wird.
In der Zwischenzeit berichte ich über die Monate Mai und Juni.
Mai
Im Mai war ich erstmals bei „Wir sind spät, aber es ist noch heute“, der „MusikFilmLeseBühne“ mit Julia Herrgesell, Herbert Hindringer, Katrin Seddig (Text), Katharina Stiel und Thea Seddig (Film) sowie wechselnden musikalischen Gästen im Nachtasyl. „WSSAEINH ist ein Gesamtkunstwerk, künstlerisches Experiment und Antwort auf ungestellte Fragen, so unterhaltsam wie fordernd, hart aber schön“, so die Beschreibung. Das trifft es sehr gut und das Nachtasyl mit seiner Wohnzimmeratmosphäre plus Bar ist die perfekte Spielstätte dafür. Der Abend im Mai fand im Rahmen des Festivals „Hamburg liest die Elbe“ statt und war daher entsprechend wasser- bzw. elbelastig. Die Musik stammte von Doro Offermann (Saxophon) und Maria Rothfuchs (Kontrabass). Insgesamt war es eine sehr abwechslungsreiche, hm, Zusammenstellung? Collage? Ich war jedenfalls nicht zum letzten Mal dabei. Im Juni konnte ich leider nicht, aber wenn ich es richtig gesehen habe, ist der nächste Termin im September.
Meine erste LIGNA-Erfahrung führte mich 2021 in den stillgelegten Kaufhof Mönckebergstraße. Bei „Das Wunder von Hamburg – eine Wallfahrt zum Elbtower und anderen Ruinen“ steigt das Publikum in einen fahrenden Theaterbus und reist zu fragwürdigen Bauprojekten beziehungsweise deren Resten in der Stadt.
Kurzer Olaf
Neben dem Elbtower, im Hamburger Volksmund mittlerweile auch „kurzer Olaf“ genannt, lagen unter anderem die Esso-Häuser auf St. Pauli, die Europapassage, der Neubau der Gänsemarkt-Passage – eine weitere Benko-Hinterlassenschaft – und der Ort, an dem die Kühne-Oper entstehen soll auf der Route der performativen Stadtrundfahrt. Auch das seit Jahren brachliegende Holstenareal wurde zumindest filmisch berücksichtigt. Ein amüsanter Nebeneffekt der etwas anderen Stadtrundfahrt waren die erstaunten Blicke der Passanten. Wir müssen ein lustiges Bild abgegeben haben; nicht nur passiv zuhörend und zuschauend hinter der Glasfront des umgebauten LKW, sondern auch, entsprechenden Anweisungen über Kopfhörer folgend, auf auf unseren Wegen durch die Europapassage, auf der Straße unterhalb der ehemaligen Karstadt-Brücke und auf dem Platz gegenüber der Elbtower-Baustelle. Allesamt durch das LIGNA-Team poetisch verpackte, aber dessen ungeachtet haarsträubende Stories, aus denen klar wird: Wenn Investoren und Spekulanten mit Versprechungen und Geldern winken, haben nicht nur Bedürfnisse und Wünsche der Stadtgesellschaft allzuoft das Nachsehen, sondern auch die kommunalen Haushalte. Solche Touren ließen sich in vielen Städten problemlos nachbilden, nicht nur in Deutschland. Sie sollten Pflichtprogramm für Entscheidungsträgerinnen und -träger sein.
re:publica 25: Generation XYZ
Über die re:publica 2025 in der STATION Berlin hätte ich unter normalen Umständen einen eigenen Bericht geschrieben.
Digitalminister auf Stippvisite
Auf den ersten Blick stellte sich die Veranstaltung als ein gigantisches, alle Sinne überwältigendes, als Festival getarntes, mediales und politisches Schaulaufen dar. Ich verbrachte den Großteil des ersten Tages meines re:publica-Debuts damit, mich zurecht zu finden. Wo ist was, wie kommt man am Schnellsten von A nach B und zurück? Wie ist die Verpflegungssituation? Wo ist die Kloschlange am Kürzesten? Wie umgehen damit, dass alles vermeintlich besonders Interessante zur gleichen Zeit stattfindet? Wann die Zeit finden, sich mit Leuten zu verabreden?
Ost-West-Begegnung auf der ARD ZDF Media Stage
Die vorläufige Schlussfolgerung, mehr nach Leuten zu gucken und nicht primär nach Themen, habe ich am zweiten und dritten Tag umzusetzen versucht. Überraschenderweise hatte ich mich Ende deutlich mehr mit beruflichen beziehungsweise Studiumsthemen beschäftigt als mit privaten Interessen. Überrascht war ich auch darüber, wie wichtig, ja nachgerade wohltuend das für mich war (Stichwort „Therapiestunde zur Verwaltungsdigitalisierung“). Dabei konnte ich meine ganz und gar privat finanzierte Teilnahme mangels entsprechender Anerkennung bedauerlicherweise nicht einmal als Bildungsurlaub abwickeln.
Keine digitale Sau: Rosalinde
Bei einem „Das Festival für die digitale Gesellschaft“ werden naturgemäß hauptsächlich digitale Säue durchs bundeshauptstädtische Dorf getrieben. Aber eben nicht nur. Ein Beispiel war die sehr gut besuchte und ebenso ernüchternde wie ermutigende Podiumsdiskussion „Wer hat Angst vor den Wechseljahren?“ mit Miriam Stein, Mandy Mangler und Franka Frei (moderiert von Franzi von Kempis).
Podiumsdiskussion: „Wer hat Angst vor den Wechseljahren?“
Sir Simon Rattle hatte ich schon ein paar Mal live erleben dürfen. Aber das BRSO noch nicht, welches sich zu den besten Orchestern Deutschlands und – jedenfalls nach Meinung einer 2023 vom Magazin bachtrack befragten Kritikerinnen- und Kritiker-Jury – auch der Welt zählen darf. Höchste Zeit, das nachzuholen. Allerdings bin ich kein Fan von Pierre Boulez und konnte auch mit dem „Rituel in memoriam Bruno Maderna“ nicht allzu viel anfangen. Von einem meiner Lieblingsplätze in 13 I des Großen Saals der Elbphilharmonie aus kann man aber das Geschehen im Orchester und sowohl die Gestik als auch die Mimik des Dirigenten sehr gut beobachten. Eines haben zeitgenössische Stücke nämlich in der Regel wenigstens: einen hohen Unterhaltungsfaktor. Meistens gibt es reichlich Aktion auf der Bühne (und im Falle des „Rituel“ auch verstreut im Saal: eine der sieben Gruppen, aus denen sich das Orchester in der Partitur zusammensetzt, war hinter den Sitzreihen in 15 Q platziert), oft in Kombination von Tönen, die man nicht immer auf Anhieb auch den erzeugenden Instrumenten zuordnen kann.
Der zweite Teil des Konzertabends bestand aus „Daphnis et Chloé“ von Maurice Ravel und das, so fand ich, war in jeder Hinsicht großartig.
Das letzte „Blind Date“ der Saison entpuppte sich als französisches Ensemble names „The Curious Bards“, welches skandinavische Barockmusik aufführte. Zwar verloren die vier Instrumentalmusikerinnen und -musiker und Ilektra Platiopoulou (Mezzosopran) im Laufe des Konzerts einen kleinen Teil des Publikums, der verbliebene Rest aber ließ sich begeistern. Völlig zu recht. Schon wegen der ebenso charmanten wie dynamischen Moderation Platiopoulous und des für unsere Breiten und Zeiten nicht gerade gewöhnlichen Instrumentariums, darunter eine Hardangerfiedel, eine Nyckelharpa und eine Cister.
Das eine Faszinosum des Juni-Werkstattkonzerts innerhalb der Kohärenzen-Reihe der Klangmanufaktur war der Interpret Erik Breer genannt Nottebohm. Es gibt also tatsächlich immer noch Menschen, die mit einem Genannt-Namen herumlaufen! Das andere war die Werkauswahl, darunter „Variations on Balkan Themes op. 60“ der amerikanischen Komponistin Amy Beach – die Dame war mir bis dahin völlig unbekannt – und „Regard de l’Église d’amour“ von Olivier Messiaen. Vor allem Letzteres: beeindruckend.
Das kann man auch über die Aufführung der „Complete Piano Etudes by Philip Glass“ im Großen Saal der Elbphilharmonie sagen. Die Bühne teilten sich ein Flügel, zehn Klavierbänke und nacheinander zehn Pianistinnen und Pianisten mit teils wild unterschiedlichen Auftritten und Interpretationsansätzen. Man kann Glass nämlich auch wie ein Jazzer (Christian Sands, Etuden #9 und #10) spielen. Oder als japanisches Gesamtkunstwerk (Maki Namekawa, Etuden #19 und #20) aufführen. Schade, dass der Veranstalter es so offensichtlich schwer hatte, den Saal wenigstens einigermaßen zu füllen. Ich hatte mein Ticket sehr früh erstanden in der Erwartung, es würde sehr schnell ausverkauft sein. Das hat sich in diesem Falle nicht ausgezahlt.
Dann war da noch Martin Kohlstedt auf Kampnagel. Erst fühlte ich mich unwohl in Reihe eins; das ist doch ein wenig zu sehr Präsentierteller für meinen Geschmack und ein bisschen nackenstarrig sind die ersten zwei bis drei Reihen in der K6 auch, wenn die Halle bis an die Bühne heran bestuhlt ist. Aber dann war es doch der perfekte Beobachtungsplatz. Wobei es die Nähe nicht braucht, um die Energie zu spüren, die von dort vorne ausgeht. Ich meine das so, wie ich schreibe: von irgendwo auf der Bühne, nicht zwingend ersichtlich von dem Menschen, der auf ihr steht. Man sieht schon, das da etwas passiert und man sieht die Bewegungen. Aber nicht alle Energiestöße sieht man kommen. Bei manchen gibt es keine Vorwarnung.
Jetzt kommt eine Pause bis ungefähr August und dann ist auch schon bald wieder Sommerfestival. Für das ich bisher nur eine einzige Karte habe, weil alles, was ich sonst noch sehen wollte, entweder in meine Urlaubsabwesenheit fällt oder schneller ausverkauft war, als ich gucken konnte (Nesterval – dammit!). Kann also gut sein, dass mein Sommerfestival-Artikel für die 2025er Ausgabe sehr, sehr kurz ausfällt.
Wie, schon der 21. Dezember?! Da werde ich doch noch ein weiteres Mal in den Schnelldurchlauf-Modus umschalten müssen. Bevor der Jahreswechsel mich kalt erwischt.
Ende Oktober war ich bei Kruder & Dorfmeister im Großen Saal der Elbphilharmonie. In den 90ern, als die beiden Wiener ihre große Zeit hatten, hat mich zwar ganz andere Musik interessiert. Es war aber nicht mein erstes K&D-Livekonzert. Ich wusste also in etwa, was mich auf und vor der Bühne erwarten würde. „‚The K&D Sessions‘ live“ war trotzdem anders: Das gesamte Album aus dem Jahr 1998 wurde nämlich tatsächlich live gespielt, mit einer richtigen Band. Das war auch richtig klasse, einigen im Publikum jedoch nicht laut genug. Zum Zuhören waren die nicht gekommen. Überrascht hat mich das nicht.
Die Ohren spitzen musste man unbedingt bei Jay Schwartzs „Passacaglia – Music for Orchestra IX“, dem ersten Stück des Konzerts von Teodor Currentzis und Utopia am gleichen Ort ein paar Tage später. Dem Programmheft entnahm ich, dass das Werk auf dem Lied „Du bist die Ruh“ von Franz Schubert basiert. Ein in dem Text verarbeitetes Zitat bezeichnet Schwartz zudem als „Schubert unserer Zeit“. Gehört habe ich davon nichts. Es ist meine zweite Begegnung mit Schwartzs Werken und ich gestehe, ich fange nicht viel damit an. Da ist Mahlers fünfte Sinfonie, der zweite Programmpunkt des Abends, doch wesentlich zugänglicher. Deren vierter Satz, das Adagietto, ist einem breiteren Publikum durch die Visconti-Verfilmung der Thomas Mann-Novelle „Der Tod in Venedig“ bekannt geworden. Mein Lieblings-Satz ist es nicht – ich finde, der klingt irgendwie, ich weiß nicht, verwaschen? Abgesehen davon fehlte mir beim Zuhören die Ruhe, denn zum ersten Mal seit langer Zeit hatte ich mich hinsichtlich gewisser Bedürfnisse gewaltig im Timing verschätzt. Ich schaffte es gerade noch zum Ende des fulminanten fünften Satzes, um dann beim ersten Applaus zum Ausgang zu sprinten. Pro-Tipp: Sitzt man in 13 I, ist das nächste stille Örtchen nicht in der 13. Etage, sondern die hintere Treppe hoch in der 15. Etage. Mit Dank an die freundliche Platzanweiserin, die meine Not mit einem Blick erkannte und mir den kürzeren Weg wies. Zur Bach-Zugabe „Jesus bleibet meine Freude“, gespielt und gesungen (!) vom Orchester (sehr schön!), war ich dann auch schon wieder im Saal.
Anfang November zog es mich zur Aufzeichnung einer „eat.READ.sleep“-Sonderfolge mit Daniel Kaiser und Katharina Mahrenholz im Rahmen des 17. Hamburger Krimifestivals auf Kampnagel. Das war mein drittes „eat.READ.sleep“-Live-Event und obwohl es beim Krimi-Spezial zu der ein oder anderen Holprigkeit kam (so zum Beispiel zu sich wiederholenden Fragen bei den Rätseln): Diese Veranstaltungen sind absolut empfehlenswert! Macht einfach Laune. Besonders habe ich den Fitzek-Verriss genossen. „Das Kalendermädchen“ erzielte hohe Werte auf der Rossmann-Skala. Ich hab da vielleicht nicht richtig aufgepasst, ist die eigentlich nach oben offen? Sollte sie wahrscheinlich besser sein. „Glückskekse und Abgründe“ kann man hier nachhören.
Tags darauf folgte eine Neuentdeckung (Mit freundlicher Unterstützung! Nochmals vielen Dank dafür!): die Klangmanufaktur in Borgfelde und deren Werkstattkonzertreihe „Kohärenzen“. Die Klangmanufaktur ist in erster Linie ist eine Werkstatt, in der Konzertflügel von Steinway & Sons generalüberholt werden.
Sie bietet aber auch Flügel zur Miete, Proberäume und Seminare für Konzerttechnik an. Und eben Werkstattkonzerte. Da sitzt man sehr exklusiv buchstäblich mitten in der Klavierwerkstatt. Ein magischer Ort! Es wird aber keinesfalls nur Klaviermusik gegeben: An fraglichen Abend sahen und hörten wir eine Violin-Klasse von Professor Christoph Schickedanz und Niklas Liepe mit Flügelbegleitung (ein D-Flügel Baujahr 1971, Schwarz + Mahagoni seidenmatt geölt – sogar noch zu haben! Für 145.000 Euro!). Aufgeführt wurden Werke von Claude Debussy, George Antoine, Joseph Jongen und Karol Szymanowski. Das war phantastisch, da bin ich bestimmt jetzt öfters. Wer Karten für die „Kohärenzen“ haben möchte, muss sich allerdings jeweils sehr zeitig darum bemühen. Auch die Warteliste ist schnell ausgebucht. Der Eintritt ist kostenlos. Um Spenden wird gebeten und zwar ganz klassisch mittels eines Hutes, der nach dem Konzert herumgereicht wird.
Ende November war es dann endlich Zeit für die Rocket Men mit „Lost in Space“ im Planetarium Hamburg. A match made in heaven! Ich habe die Laser ein bisschen vermisst, aber wahrscheinlich war die Entscheidung richtig, sich zugunsten der Musik und der Künstler auf Visuals zu beschränken. Sehr gerne wieder so.
Anfang Dezember war ich spontan beim Kaiser Quartett im NACHASYL. Das ging schon gar nicht anders, denn auch das Konzert war recht spontan anberaumt worden. Das Kaiser Quartett wollte nämlich sein neues Mitglied präsentieren: Statt Adam Zolynski ist künftig Amanda Bailey an der Violine dabei. Da müsste übrigens nicht nur die offizielle Webseite des Quartetts dringend aktualisiert werden, auch der alte Spruch „4 Kings 1 Kaiser“ passt ja nun nicht mehr! Jedenfalls, Amanda Bailey spielte nicht nur, als gehörte sie schon immer dazu, sie sang auch, zum Beispiel den Song „Empire“. Eine sehr schöne Weiterentwicklung, ich bin Fan! Das neu formierte Ensemble hatte aber noch ein weiteres Ass im Ärmel: Mitten im Konzert trat Anna Depenbusch mit „Eisvogelfrau“ und „Alles auf Null“ auf die Bühne.
Dieser Coup hatte einen besonderen Hintergrund: Nächstes Jahr gehen alle fünf nämlich zusammen auf Tournee. Für das Konzert am 17. Juni 2025 in der Elbphilharmonie hatte ich bereits gleich bei Ankündigung eine Karte erstanden, denn das wird mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit sehr, sehr großartig.
Das „Blind Date“ Mitte Dezember habe ich leider verpasst. So schnell wäre der ICE auch ohne medizinischen Notfall in Düsseldorf nicht gewesen, um mich von der Masterverleihung im Rheinland rechtzeitig nach Hamburg zurückzubefördern. Bedauerlicherweise bin ich die Karte im Vorfeld nicht mehr losgeworden. Das ist mir völlig unverständlich – „Blind Dates“ sind fast immer ausverkauft und fast immer super, da geht man doch hin, wenn man die Gelegenheit hat! Aber das „Orchesterkaraoke“ mit den Jungen Symphonikern Hamburg auf Kampnagel habe ich noch erwischt. Irgendwie ist mir da die Ankündigung durchgegangen (Wie? Warum?!), es wurde schon schwierig, noch einen guten Platz zu ergattern. Ich kann nur von der zweiten Show um 20:30 Uhr berichten, aber behaupte einfach mal: Das war ein sehr guter Jahrgang! Ich war besonders von dem Herrn angetan, der „Hallelujah“ von Leonard Cohen vortrug. Wow. Einen Abzug in der B-Note gebe ich dem Repertoire. Da darf gerne mal das ein oder andere ausgetauscht werden, vor allem in Teilen sehr schwer (mit-)singbare Stücke wie „Bad Guy“ von Billie Eilish und „Texas hold ‚em“ von Beyoncé.
Arbeitsplatz von Jan Wulf, der „lebenden Karaokemaschine“
Aber das ist Meckern auf hohem Niveau. Grundsätzlich ist Orchesterkaraoke ein ganz großer Spaß und verlässlich dazu geeignet, die Stimmung zu heben.
Ich schließe den Schnelldurchlauf mit einem weihnachtlichen Konzertabend im Kleinen Saal der Elbphilharmonie ab: Unter der Überschrift „Nordic Christmas“ präsentierten Helene Blum (Gesang, Violine) und Harald Haugaard (Violine) mit Lena Jonsson (Violine), Kristine Elise Pedersen (Cello), Mattias Pérez (Gitarre) und Sune Rahbek (Schlagzeug) alte und moderne weihnachtliche Folkmusik aus dem Norden. Der Herkunft der überwiegenden Anzahl der oben genannten Künstlerinnen und Künstler geschuldet mit ausgewiesen dänischem Schwerpunkt. Musikalisch war das zwar top, aber von der Präsentation her mehr als nur ein bisschen drüber. Dazu passte auch das Programmblättchen: „Die Welt braucht Hoffnung. Hoffnung treibt alles an. Musik ist Hoffnung. Weihnachten ist Hoffnung. Gemeinschaft ist Hoffnung. Sich um das Licht und die Musik im Konzertsaal zu versammeln, während sich die Dunkelheit der Winternacht über das Land legt, zeigt uns, dass wir nicht allein sind und dass wir Hoffnung wollen.“. Naja. War schön, wird aber wohl keine regelmäßige Einrichtung. Was es theoretisch werden könnte, denn „Nordic Christmas“ ist eine Reihe, die im kommenden Jahr bereits in die 19. Auflage geht. Mit dem 18. Dezember 2025 steht der nächste Termin in der Elphi schon fest.
So! Jetzt kommen voraussichtlich noch zwei Nachträge und dann ist mein Konzert- und Kulturjahr 2024 Geschichte. Ob ich künftig wieder schaffen werde, regelmäßig und zeitnah darüber zu berichten?
Ja, ich weiß, ich bin unverzeihlich spät! Aber weiterhin wild entschlossen, nicht mehr als unbedingt notwendig abzukürzen. Deshalb folge ich einer in meiner Familie zur Tradition gewordenen Reaktion auf verspätete Meldungen und tue einfach so, als sei noch Ende August. Das werde ich sukzessive fortführen, bis ich die Gegenwart wieder eingeholt habe.
Zunächst also der angekündigte Sommerfestival-Bericht! Sechs Veranstaltungen habe ich geschafft in diesem Jahr, vier auf Kampnagel, eine in der Seilerstraße auf St. Pauli und eine in der Elbphilharmonie. Das sind immerhin zwei mehr als 2023.
Die Eröffnung ist grundsätzlich nett: Es gibt Sekt, ich treffe garantiert Menschen, die ich kenne, Carsten Brosda hält eine Rede (das lohnt sich eigentlich immer), András Siebold rauscht in schwindelerregendem Tempo durchs Programm und die Auftaktveranstaltungen haben mir auch meistens gefallen. Dieses Jahr hatte Lucinda Childs die Ehre mit „Four New Works“. „ACTUS“, das erste Werk, hat nicht weh getan, mich aber auch nicht sonderlich berührt. Um das zweite Werk, „GERANIUM ’64“, wertschätzen zu können, war es hilfreich, auf einem Platz nicht all zu weit von der Bühne entfernt zu sitzen und des Werkes der Künstlerin kundig zu sein oder aber wenigstens den Text des Abendzettels vorab gelesen zu haben. Ansonsten hätte ich den Bezug zu einem Footballspiel wohl nicht herstellen können. Unabhängig davon war es aber schlicht auch faszinierend, die 1940 geborene Childs selbst in Aktion zu erleben – und sei es „nur“ in Zeitlupenaktion. Das dritte Werk, „TIMELINE“, stach durch die Komposition von Hildur Guðnadóttir hervor, aus der sich nur sehr schwer ein Takt oder Puls ableiten ließ. Umso beeindruckender die individuelle und kollektive Leistung der Tänzerinnen und Tänzer. Das vierte Werk, „DISTANT FIGURE“, musste mich tänzerisch nicht überzeugen – mit Philip Glass kriegt man mich immer. Zumal die Live-Begleitung am Klavier durch Anton Bagatov erfolgte, für den Glass das der Choreographie zugrundeliegende Stück „Distant Figure (Passacaglia for Solo Piano)“ ursprünglich komponiert hatte.
Auf dem Programm standen außerdem noch zwei Klavierstücke („INTERLUDES“). Ich bin, bedingt durch den geraumen zeitlichen Abstand, inzwischen nicht mehr sicher, ob auch wirklich beide Werke vorgetragen wurden. Jedenfalls erinnere ich nur eine Pause und eines der Stücke, nämlich das, was nicht „The Poet Acts“ aus „The Hours OST“ von Philip Glass war: „Lyrical Music“ aus „Unfamiliar Weapon OST“, komponiert vom Vortragenden selbst. Der Unruhe im Saal zufolge gefiel die Unterbrechung nicht allen Anwesenden, mir dagegen sehr. Bedauerlicherweise konnte ich das Stück bis jetzt noch nirgendwo auftreiben. Bei den üblich-verdächtigen Streaming-Diensten ist es nicht gelistet. Es mag daran liegen, dass das fragliche Album „Music For Films“ bei einem russischen Label erschienen ist.
Bedauerlicherweise hatte ich es 2018 nicht zu den sprechenden Reiskochern („Cuckoo„) geschafft und 2020 auch „The History of Korean Western Theatre“ verpasst. Immerhin, im dritten Anlauf hat es geklappt mit mir und Jaha Koo!
Die Kulisse für „Haribo Kimchi“ bildet ein (oder eine?) Pojangmacha, das ist eine typische südkoreanische Imbissbude. Zwei Gäste aus dem Publikum werden live bekocht, derweil berichtet der Künstler und Koch von persönlich-kulinarischen Erfahrungen in Korea und als Koreaner in Europa. Zum Einsatz kommen dabei auch Musikvideos mit einer Schnecke und einem Gummibären als Protagonisten sowie ein robotischer Aal. Aus dieser auf den ersten Blick eigentümlichen Mischung entsteht eine berührende Poesie – gelegentlich haarscharf am Kitsch entlang, aber dicht daneben ist bekanntlich auch vorbei. Mich hat das vollkommen überzeugt, sowohl die einzelnen Teile als auch das Gesamtkunstwerk. Stücke von Jaha Koo gelten hiermit bis auf Widerruf als gesetzt. Ich hoffe, ich kann „Cuckoo“ und „The History of Korean Western Theatre“ irgendwann und irgendwo nachholen.
Schon länger als gesetzt gelten bei mir alle Nesterval-Aufführungen und ein Widerruf ist auch nach „A Dirty Faust“ nicht in Sicht. In dem Stück wird Goethes Faust mit der Geschichte des Films „Dirty Dancing“ aus dem Jahre 1987 kombiniert, wobei ein Schwerpunkt auf dem Themen Vergewaltigung, (illegale) Abtreibung und weibliche Selbstbestimmung liegt. Aufführungsort waren verschiedene Stockwerke und Räume der alten Schule in der Seilerstraße auf St. Pauli, durch die man in Gruppen von einzelnen Charakteren mitgenommen wurde. Aufgrund der örtlichen Begebenheiten war man allerdings sehr viel unterwegs – „viel Gerenne, wenig Theater“, so die lakonische Bilanz einer der Teilnehmer. In beiden Durchläufen folgte ich „Dirty Dancing“-Charakteren. Beide Rollen waren angereichert mit Backstories, auf die die Drehbuchschreiber und -innen wohl nicht gekommen wären. Hätte ich den Film nicht gekannt, hätte ich mir allerdings keinen Reim auf die Bruchstücke machen können, die ich zu sehen bekam. Noch mehr als bei anderen Nesterval-Stücken wäre es notwendig gewesen, zwei oder drei Aufführungen zu besuchen, um eine einigermaßen vollständige Vorstellung von dem Stück zu bekommen.
Ein bisschen ungünstig war auch, dass Teile des Publikums mitten in den beiden durch eine Rahmenhandlung verbundenen Handlungsdurchläufen die Gruppen wechselten. Einerseits wurden einige Gruppen dadurch so groß, dass es in manchen Szenen räumlich eng wurde. Andererseits brachte mich das in den Genuss einer buchstäblichen 1:1-Performance. Wäre das meine erste immersive bzw. Nesterval-Theatererfahrung gewesen, hätte ich an dieser Stelle wohl die Flucht ergriffen. Es wäre mir ziemlich sicher unangenehm gewesen. Da ich aber sowohl das Prinzip als auch den Schauspieler kannte, blieb ich drin und nahm es als Geschenk.
Zum Abschluss tanzten alle zu „(I’ve had) The Time of My Life“ und ja, es war schon auch ein ordentlicher Schuss Nostalgie dabei. Zumindest für Menschen ab einem gewissen Alter, mich inklusive. Schließlich war „Dirty Dancing“ der erste Film, den ich in einem „richtigen“ Kino gesehen habe – wenn ich mich recht erinnere, war das im ehemaligen Nordstern-Kino in Lippstadt, in dem später eine Kirche (!) Unterkunft fand – und wir haben damals in der Tanzschule alle den Mambo getanzt.
Ein bisschen Sorge hatte ich schon, als Cat Power auf die Bühne kam und mit den ersten Songs startete. Gleich zwei Teetassen standen auf dem kleinen Tischchen neben ihrem Platz und irgendwie wirkte und klang die Sängerin unsicher. Aber mit jedem weiteren Song steigerte sich Power und zog nach und nach den Saal mehrheitlich in ihren – und natürlich Bob Dylans – Bann. Ein großes Projekt und ein gelungener Abend. Ich verneige mich.
Auch bei „CASSETTE VOL. 1“ überkamen mich nostalgische Gefühle, handelt es sich dabei doch um ein 80er- und 90er-Jahre Mixtape. Ein bisschen „Boy meets Girl“-Handlung war der Choreographie auch zu entnehmen. Mir kam es ansonsten etwas lang vor, bis das Pas de deux über eine Langversion von Extremes „More Than Words“ fast zum Schluss wieder meine volle Aufmerksamkeit forderte. Eigentlich konnte ich den Song längst nicht mehr hören, aber das war so, so schön! Mit diesem neuen Kontext werde ich das Stück jetzt wieder genießen können.
Ein bisschen fies fand ich, dass die Kritik im Hamburger Abendblatt von dessen Autor auf diversen Social Media-Kanälen mit „Love is a Battlefield“ angeteasert wurde und dann kam der Song überhaupt nicht vor! Aber dafür kann Kyle Abraham natürlich nichts.
And now to something completely different, die Zutaten: ein Zelt als Pop-Up-Restaurant, ein Sternekoch und Geschichtenerzähler, eine Sängerin (Marina Ahmad) und ein Musiker (Manao Doi) und ein indisches Drei-Gänge-Menü. Das hätte phantastisch werden können. Leider litten die Gerichte unter den sicherlich nicht optimalen Bedingungen einer Food-Truck-Küche und die meisten Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren eher an dem kulinarischen Part interessiert als an den Geschichten und der Musik. Warum Sarans Mikro nicht eingeschaltet war, erschloss sich mir auch nicht. Für ihn wurde es dadurch umso schwieriger, die Aufmerksamkeit seines Publikums zu halten. Dazu war die Veranstaltung zeitlich sehr limitiert und wirkte dadurch gehetzt. Zumindest für Einzelgäste war außerdem unbefriedigend, dass es den Wein nur flaschenweise zu kaufen gab. Ausgeglichen wurde das ein wenig durch das Glas Champagner, das als Aperitif gereicht wurde.
Irritiert hat mich die offensichtliche Werbung für die authentikka-Restaurants in Hamburg. Wurde uns da jetzt ein Sternekoch- oder ein authentikka-Menü serviert (zumal auf Einweggeschirr, ein weiterer Abzug in der B-Note)? Nichts gegen authentikka, es ist lecker da, aber die Performance fühlte sich dadurch doch ein klein wenig nach Mogelpackung an.
Der Festival Avant-Garten wurde gestaltet von 4E, einem Team aus Architekten und -innen der HafenCity Universität Hamburg. Ich mache es kurz: Das hat mich nicht überzeugt. Die Waldbühne war schön – da kann man aber auch nicht viel verkehrt machen – und der Platz vor dem Soli-Casino. Der Rest wirkte irgendwie ungemütlich und war größtenteils verwaist. Allerdings habe ich es beispielsweise zu den Kopfhörer-Parties im Garten dieses Jahr gar nicht erst geschafft. Mir fehlt da also möglicherweise das eine oder andere Puzzlestück.
Anri Sala: Take over (Internationale)
Fehlt noch die Video-Installation „Take over (Internationale)“ von Anri Sala in der Vorhalle. Neben der Instrumentalversion der Hymne („Völker hört die Signale…“) treten in den Hauptrollen die Hände eines Pianisten und die Tastatur eines Disklaviers auf und schon deshalb fand ich das Werk großartig. Im Übrigen kam mir der Raum, in dem das Instrument stand, sehr bekannt vor.
Unterm Strich war das kein schlechter Jahrgang! Ich bin gespannt aufs nächste Jahr.
Jetzt ist es also passiert, der Blogfaden ist gerissen. Nicht einmal monatliche Beiträge habe ich den letzten Wochen abringen können. Immerhin, das Licht am Ende des Studiumtunnels wird sichtbar: Nur noch 1 Hausarbeit (mit Präsentation), 1 Masterarbeit und 1 Masterarbeits-Verteidigung trennen mich von der Zurückerlangung meiner Work-Life-Balance. Oder zumindest einer Ahnung davon. Wie schön wird das sein, wenn nach Feierabend wirklich Feierabend ist und am Wochenende Wochenende, von Urlaub ganz zu schweigen! Auch und gerade im Kopf! Aber noch ist es nicht soweit. Damit ich bis dahin nicht ganz aus der Übung komme, stelle ich auf quartalsweise Berichterstattung um.
Januar
Mein Kulturjahr begann mit „Der Klang der Bücher – eat.READ.sleep meets NDR Elbphilharmonie Orchester“. Wobei „Orchester“ etwas hoch gegriffen ist: Neben Daniel Kaiser und Jan Ehlert vom Bücher-Podcast eat.READ.sleep befand sich ein Streichquartett bestehend aus Musikern des NDR EO auf der Bühne des Kleinen Saals der Elbphilharmonie. „eat.READ.sleep“ will kein hochgeistiger Literaturzirkel, sondern niedrigschwellig und unterhaltsam sein. Das spiegelte sich auch in der Musikauswahl des Abends wider. Klar kann man Mozart durch die „Kleine Nachtmusik“ („Die Königin der Telefonwarteschleifen“) repräsentieren, aber ein klein wenig abgedroschen ist das dann schon. Andererseits wurde die Veranstaltung als Sonderfolge des Podcasts aufgezeichnet. Allzu kompliziert und vor allem allzu lang durften die Musikstücke daher nicht sein. Neben Mozart kamen Brahms, Bach, „Norwegian Wood“ von den Beatles und „On the Street Where You Live“ aus „My Fair Lady“ zur Aufführung (Ohrwurm in 3… 2… 1… gern geschehen!). Etwas ausgeglichen wurde das Konto durch „Skorpion“ aus dem „Tierkreis“ von Karl-Heinz Stockhausen. Insgesamt eine hochunterhaltsame Angelegenheit, wozu die Streichquartett-Besetzung auch durch das gesprochene Wort beitrug, allen voran Cellist Fabian Diederichs, der obendrein eine selbst fabrizierte „Variation über Mozartkugeln“ beisteuerte. Musik trifft Literatur und umgekehrt – ein schier unerschöpfliches Themenfeld, definitiv mit Reihenpotenzial! Ich erfuhr rund vier Wochen später aus erster Hand, dass man seitens des eat.READ.sleep-Teams tatsächlich über eine Art Spin-Off nachdenkt. Bitte, unbedingt machen!
Februar
Die Krypta des Hamburger Michel ist nur bedingt veranstaltungstauglich. In einigen Bereichen müssen selbst Menschen, die kleiner als 1,75m sind, noch die Köpfe einziehen und der Enge geschuldet wird auch die Grabplatte des prominentesten Bewohners nicht verschont und als Lautsprecherstellplatz genutzt. Allerdings lässt sich in dieser besonderen Atmosphäre auch eine besondere Konzertstimmung erzeugen. Der Auftritt von San Glaser und dem Kaiser Quartett Anfang Februar, zunächst einzeln und dann in Kombination, bewies das eindrücklich.
Vielleicht lag es auch an der familiären Stimmung des Abends, handelte es sich doch um eine Benefiz-Veranstaltung der Plan Aktionsgruppe Hamburg zugunsten des Mädchenfonds. Jeder schien jeden zu kennen. Ich selbst hatte eher zufällig durch die Facebook-Präsenz des Kaiser Quartetts von dem Event erfahren und ganz schnell zugegriffen. Das muss man nämlich, sonst hat man keine Chance: Es gibt maximal 170 Plätze. Die Benefizkonzerte finden unregelmäßig statt, bei Interesse empfiehlt sich ein regelmäßiger Blick auf die Webseite der Aktionsgruppe.
Was lange währte, wurde Ende Februar endlich ein Konzert der Berliner Philharmoniker! Das ist eines der Orchester, für die auch im Rahmen der hauseigenen Konzertreihen der Elbphilharmonie eine signifikant höhere Preisstaffelung aufgerufen wird. Das tut dem Kartenabsatz jedoch keinen Abbruch, was dazu führte, dass ich erst das Geld nicht übrig hatte und als ich das Geld übrig hatte, nicht an Karten herankam. Ich bin immer skeptisch gewesen, wenn eine Karte der Preisklasse 1 über 200 Euro kostet. Ist das wirklich gerechtfertigt? Zahlt man da nicht auch für den Namen, die Marke? Im Falle der Berliner Philharmoniker unter Kirill Petrenko seht ihr mich bekehrt. So kann ein Sinfonieorchester also auch klingen! Und in Kombination mit Richard Strauss‘ „Sinfonia domestica“ dürfte zumindest unmittelbar nach dem Konzert kein Staubkörnchen mehr auf der „weißen Haut“ des großen Saals gelegen haben. Nachhaltig beeindruckend, oder wie Joachim Mischke später im Abendblatt schrieb: „Irre gut“. Sehr gerne wieder und durchaus auch in einer besseren Preisklasse als der von mir gewählten. Vorausgesetzt, ich habe weiterhin das Geld übrig.
Der Februar schloß mit einem „Blind Date“, welches sich als Stunde der Schlagwerker entpuppte. Zusammen mit und unter der Führung von Alexej Gerassimez holten Lukas Böhm, Emil Kuyumcuyan und Sergey Mikhaylenko aus unterschiedlichsten Untergründen – vom eigenen Körper über Benzinkanister bis hin zur Marimba – denkbare und zuvor undenkbare Klangfarben heraus. Das Programm „Genesis of Percussion“ war für die Reihe vielleicht ein bisschen zu ambitioniert, die Strecke „Metal“, „Over the Rainbow“ und „Wood“ möglicherweise eine Idee zu lang. Dennoch brachten die vier Perkussionisten das Publikum mehrheitlich hinter sich. Daran hatte Gerassimez‘ Moderation einen wesentlichen Anteil. Wie so ein Schlagwerker tickt, der praktisch überall und jederzeit Rhythmen und Klänge aufspürt, lässt dieses Erklärvideo vom YouTube-Kanal der Festspiele MV erahnen.
Eine derartige Spielfreude auch im Wortsinne nimmt ein, dagegen ist kaum jemand immun.
März
Der März erwies sich als Lücke im Konzertkalender, die spontan und auf Empfehlung der Herren Schneider und Schreiber durch einen Besuch bei Barbara Morgenstern in der kmh auf Kampnagel zumindest noch etwas gefüllt werden konnte. Das war so schön!
Weiter geht es voraussichtlich erst im Mai, denn der April ist fast vollständig durch Termine anderer Art besetzt. Der Bericht folgt Ende Juni. Wenn mich dann nicht die Masterarbeit verschluckt hat.
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