Internationales Sommerfestival 2026 auf Kampnagel

Kein übliches Sommerfestival war das auf Kampnagel in diesem Jahr, sondern der letzte Akt vor dem großen Umbau: Geplant ist eine Sanierung und Vergrößerung bei gleichzeitiger Wahrung des Gelände-Charakters. Als Konsequenz werden mindestens die nächsten zwei Sommerfestivals sehr anders ausfallen müssen. Für sich genommen war das schon ein sehr guter Grund, um sich 2026 noch einmal richtig ausgetobt zu haben. Für mich kam noch ein ganz persönliches, schlagendes Argument hinzu: Weil ich’s (wieder) kann.

Nach den Außergewöhnlichkeiten des letzten Jahres lieferte die Eröffnungsveranstaltung in diesem Jahr wieder zuverlässig mit Brosda-Rede, Sekt und bekannten Gesichtern. Ich war frühzeitig auf dem Gelände und inspizierte vorab den Avant-Garten (dazu später mehr).

hope!
hope!
Wege
Wege

Ayelen Parolin: Irresistible Revolution (Eröffnung)

Offenbar hatte die 2025er Eröffnung auch programmatische Spuren hinterlassen – Festivalleiter András Siebold höchstselbst erwähnte die Bitte des Marketings, für diese Festival-Ausgabe doch bitte ein Stück mit etwas mehr Aufbruchsstimmung auszuwählen. Die vielfach als Wimmelbild bezeichnete, vom argentinischen Karneval inspirierte Produktion „Irresistible Revolution“ lieferte die dazu passenden energetischen Vibes, wobei die Grenzen zwischen Fröhlichkeit, Komik und Groteske fließend verliefen. Eine ziemlich perfekte Mischung.

Den Tänzer mit dem ausgeprägten komödiantischen Talent im schwarzen Netzoberteil und roten Röckchen habe ich sehr sicher schon in einer anderen Produktion gesehen. Mir fällt nur nicht ein, wann und wo das war. Bei einer früheren Sommerfestival-Auflage vermutlich.

Nan Goldin: The Ballad of Sexual Dependency (1992)

So richtig verstehe ich nicht, was an der Fotografie Nan Goldins künstlerisch wertvoll sein soll. Ich erkenne aber vorbehaltlos den dokumentarischen Wert von Werken wie „The Ballad of Sexual Dependency“ an. Die tagebuchartige Zusammenstellung aus 694 Kleinbilddias nebst Soundtrack portraitiert Personen aus Goldins persönlichen Umfeld mit ihren Bindungen und Abhängigkeiten: Sex, Gewalt und Drogen, Parties und Alltag, Hochzeiten, Kinder, queere Lebenswelten und nicht zuletzt die AIDS-Krise. Akustisch wie optisch beeindruckend war dabei unverhofft auch das zeitgleiche Zurückfahren der neun Kodak-Projektoren nach Ende der Dia-Show.

Ich kann ja kein „Carousel“ mehr sehen, ohne an Don Draper zu denken („Mad Men“, Staffel 1, Folge 13 „The Wheel“).

Cuqui Jerez: Sugar Island + Publikumsgespräch

Vielleicht hätte ich mehr vom Ballett verstehen müssen, um „Sugar Island“ verstehen zu können. So interpretierte ich zumindest die Wortbeiträge von Choreographin und Tänzerin beim Publikumsgespräch im Anschluss an die Vorstellung. Bei dieser Gelegenheit erfuhr ich auch, dass ein Großteil der Lichteffekte und des Sounds improvisiert waren. Das hätte ich gern vorher gewusst; vielleicht hätte ich das Gesehene dann besser wertschätzen können.

Publikumsgespräch zu "Sugar Island"
Publikumsgespräch zu „Sugar Island“

So habe ich mich leider die meiste Zeit gelangweilt. Und gelacht hat auch kaum jemand, nur ein-, zweimal, ganz zum Schluss, obwohl der Beschreibungstext im Festivalprogramm die humoristische Dimension des Stücks eigens hervorhob.

Das hat mich nicht überzeugt.

Bonnie „Prince“ Billy (St. Gertrud)

Ganz anders der Auftritt von Will Oldham aka Bonnie „Prince“ Billy in der St. Gertrud-Kirche. Ich mag Singer/Songwriter, aber oft stört mich, dass Texte düster, subversiv oder sozialkritisch sind, die Töne dazu aber harmlos klingen. Nicht so bei Bonnie „Prince“ Billy: In jedem einzelnem Song war mindestens ein musikalischer Twist eingebaut, der wie ein Drahtseilakt wirkte. Kippt das jetzt ins (kontrollierte) Chaos oder kommt das Stück zurück in die Spur? Man konnte sich nie sicher sein. Jedenfalls hat Bonnie „Prince“ Billy in meiner Genre-Wahrnehmung ein neues Level freigeschaltet. Ich war (und bin noch immer) angemessen beeindruckt. Der Veranstaltungsort trug einiges zum Gelingen bei: Die Kirchenakustik erlaubte auch die unverstärkten Sequenzen, die Sänger und Band ins Programm einbauten.

Nesterval: Das Schiff (MS Stubnitz)

Dieses Mal hatte ich direkt beim ersten Vorverkaufstermin für Sommerfestivalclub-Mitglieder eine Karte ergattern können. Ein extrem glücklicher Umstand, war diese erste Tranche doch angeblich nach gerade einmal zwei Minuten ausverkauft!

Die MS Stubnitz am Liegeplatz
Die MS Stubnitz am Liegeplatz

In „Das Schiff“ treffen die Gäste und einzelne Mitglieder der Besatzung der zuvor untergegangenen „MS Nesterval“ auf die Crew der „MS Stubnitz“, die die Schiffbrüchigen aufgenommen und das eigene Schiff kurzerhand zum Kreuzfahrer umfunktioniert hatte. Nach Hawaii soll die Reise nun gehen. Auf dem Weg dahin beziehungsweise noch bis zum Auslaufen der „MS Stubnitz“ begegnen sich Menschen und Schicksale, nicht unähnlich einer der handelsüblichen ZDF-„Traumschiff“-Folgen, bei der alle wild gesponnenen Handlungsfäden am Ende mehr oder weniger glücklich verbunden im Captain’s Dinner münden (bei Nesterval allerdings ohne die dort obligatorischen Eisbomben zum „Dinner Marsch“ von James Last). Aufgeteilt in zwei Wachen und mehrere Untergruppen wurde das Publikum, jeweils begleitet von einem der Charaktere, an Deck und unter Deck in den zu verrichtenden Dienst und damit in die erzählten Geschichten eingeführt. Den Wachwechsel markierte einen gemeinsamer Sirtaki-Tanz an Deck*. (Sexualisierte) Gewalt, Rassismus, Queer- und Transfeindlichkeit und anderes Unglück kamen auch in „Das Schiff“ vor, wurden aber anders als in anderen Nesterval-Stücken nicht ausgesprochen und -gespielt, sondern lediglich in Slow-Motion-Sequenzen angedeutet.

Unbedingt mitnehmen sollte man das bei Nesterval übliche Zusammentreffen von Publikum und Darstellenden nach der Vorstellung. Zuerst, weil man sich mit anderen austauschen und dabei die unvermeidlichen Handlungs-Lücken füllen kann (niemand kann alles sehen in einer Vorstellung, nicht einmal in mehreren, es sind einfach zu viele Szenen). Ich traf Menschen wieder, die ich im letzten Jahr bei „Das Dorf“ kennengelernt hatte und lernte österreichische Nesterval-Fans kennen, die mir eine Übernachtungsgelegenheit anboten, sollte ich es jemals schaffen, für eine Wiener Vorstellung Karten zu erstehen. Und auch von einigen aus der Nesterval-Crew werde ich mittlerweile als Wiederholungstäterin erkannt. Schöner Nebeneffekt, macht Spaß!

*) Anmerkung der Traditionsschiffseglerin: Interessantes Konzept, wird sich aber in der Seefahrt vermutlich nicht durchsetzen. Vor allem bei nächtlichem Wachwechsel auch eher unpraktisch.

Pankaj Tiwari: The Harvest of Broken Promises + Publikumsgespräch

„The Harvest of Broken Promises“ litt in meinen Augen ein bisschen darunter, dass im Ankündigungstext schon vieles über Botschaft des Stücks verraten wurde: Es geht um die Zerstörung traditioneller Anbaumethoden durch multinationale Konzerne unter besonderer Berücksichtigung der Saatgutgewinnung und der Landwirtschaft in Balrampur, dem Heimatort Pankaj Tiwaris in Nordindien. Beeindruckt war ich dennoch, vor allem, weil die persönliche Verbindung Tiwaris zur Thematik nicht nur konzeptionell im Vordergrund stand, sondern auch in der Ausführung sehr spürbar wurde. Im anschließenden Publikumsgespräch äußerte Tiwari unter anderem die Absicht, sich thematisch nicht festlegen zu wollen in seinem Schaffen, nur weil bestimmte Inhalte zu bestimmten Zeiten im gesellschaftlichen Fokus stehen oder er gar mit spezifischen Themenbereichen identifiziert wird. Auch das hat mir imponiert. Nach diesem ersten Eindruck schaue ich mir gerne noch andere Arbeiten Tiwaris an.

The Cinematic Orchestra (Elbphilharmonie)

Vermutlich hatte das Ensemble aus Großbritannien in der Elbphilharmonie schon deshalb Publikums-Verluste zu verzeichnen, weil sich manche unter „Orchestra“ ein ebensolches vorgestellt hatten. Ich habe aber auch von Menschen gehört, die den Sound furchtbar und die ganze Angelegenheit für entschieden zu laut hielten.

Mir dagegen hat der Auftritt der drei Herren, die bei einigen Songs von der britischen Soul-Sängerin Tawiah unterstützt wurden, gut gefallen.

Vimala Pons: Honda Romance

„Honda Romance“ hat mich ziemlich mitgenommen. Die Darstellung einer Depression (in Form einer Person, die von einem Satelliten buchstäblich niedergedrückt wird) gefolgt von verschiedensten emotionalen Ausnahmezuständen in rapider Abfolge und nicht zuletzt der Lärm der auf der Bühne verteilten Druckluftkanonen, die Vimala Pons‘ Charakter Nathalie Atlast immer wieder aus der Bahn beziehungsweise zu Boden warfen – und bedauerlicherweise auch ihr Mikroport außer Gefecht setzten – brachten mich zeitweise an den Rand meiner Fassung.

Im dritten, etwas weniger herausfordernden Teil des Abends präsentierten sich neben Atlast neun weitere Charaktere in Form einer ausgedehnten Modenschau. Immer wieder neue Konstellationen taten sich auf, diverse Requisiten verhalfen zu Miniszenen, lustigen und bestürzenden Momenten. Sehr effektvoll, aber nicht auf die effekthascherische Art. Dazu auch musikalisch interessant, denn die Darstellerinnen und Darsteller stellten nicht nur dar, sie sangen auch. Was merkwürdig hätte wirken können, sich aber perfekt in die erzeugten Bilder einfügte. Ein weiteres Festival-Highlight.

Xavier Le Roy: Monsters of Circumstances (Kunsthalle)

Ich glaube, in etwa verstanden zu haben, was Xavier Le Roy mit „Monsters of Circumstandes“ sagen wollte. Ich befürchte nur, er hat es nicht besonders geschickt angestellt und werde mich daher nicht an einer Nacherzählung versuchen. Immerhin weiß ich jetzt, was eine „Lecture Performance“ ist. Ich dachte allerdings, dass ich eine „Performance“ sehen werde – so war die Veranstaltung beworben worden – und hätte aus bereits genanntem Grund auf den „Lecture“-Teil auch gerne verzichtet.

Melanie Jame Wolf: Finite Jest

Auch „Finite Jest“ zähle ich zu den Festival-Highlights. Unter anderem in der Rolle des (Hof-)Narren – Shakespeares Yorick ließ grüßen – beleuchtete die in Berlin lebende australische Choreografin, Performerin und Künstlerin Melanie Jame Wolf ausgehend von ihrer eigenen Brustkrebserkrankung die Themen Krankheit, Sterben und Tod als den ultimativen Witz**. Lacher der Sorte also, die einem im Halse stecken bleiben können. Extrem befreiend kann das aber auch sein, selbst wenn man nicht gerade persönlich mit einer potenziell tödlichen Krankheit zu tun hat und zuvorderst damit beschäftigt ist, möglichst nicht zu sterben („trying not to die“). Grundlage des Soloprogramms war der Text „The Mean Well“, den Wolf 2024 im Delfi-Magazin des Ullstein-Verlags veröffentlicht hatte. Und so behandelte auch das Soloprogramm die wohlmeinenden, mitgefühligen bis schmalztriefenden Ratschläge, die die Diagnose Krebs (und vergleichbare Maladitäten) unweigerlich auszulösen scheint („I was only trying to help“). Was Melanie Jame Wolf davon hält: weniger als nichts. Das ist mir überaus sympathisch.

**) „Endlicher Spaß“ in Analogie zur deutschen Titelübersetzung des Romans „Infinite Jest“ erscheint mir hier weniger treffend

Christoph Marthaler: Erste letzte Sekunde – eine Gala (mit den Hamburger Symphonikern unter der Leitung von Sylvain Cambreling)

Die Marthaler’sche Abschluss-Gala entpuppte sich als Aneinanderreihung unterschiedlichster Galas und Preisverleihungen zu so verschiedenen Themen und Anlässen wie guter Schlaf und ungestörte REM-Phasen, das deutsche Schiedsrichterwesen und die Polka des Jahres (Preisträger selbstredend: Sylvain Cambreling und die Hamburger Symphoniker).

Erste letzte Sekunde
Erste letzte Sekunde

Das konnte man wahlweise langweilig-lahm (Peter Helling bei NDR Kultur) oder auch grausam-genial finden (Falk Schreiber in der Nachtkritik). Ich habe mich einfach nur köstlich amüsiert. So viel Action bei einem Marthaler-Stück – ungewohnt, aber gar nicht mal so unangenehm! Und sowieso herrlich gespielt, allen voran von Rosemary Hardy und Ueli Jäggi. Das Bühnenbild und alles Musikalische funktionierte ebenfalls hervorragend. Sehr gelungen, rundherum!

Käseschlacht
Käseschlacht in der k2

Was ich lange nicht kapiert hatte: Die zum Abschluss des Festivals aufgebaute Käseschlacht ist nicht bloß für geladene Gäste gedacht, sondern für jede und jeden, der oder die sich zum rechten Zeitpunkt im Kampnagel-Foyer (beziehungsweise in der k2, siehe Bild) einfindet. In diesem Jahr habe ich erstmals davon profitieren und zum Abschluss des Spektakels nebenbei noch ein paar nette Gespräche führen können.

Verpasste Chancen

Verpasst habe ich leider Saâdane Afif/Augustin Maurs mit „King Coal Laments/Musiques pour Tuyauterie“ in der Kunsthalle, und zwar aufgrund einer kurzfristigen Unpässlichkeit. Zum „Palimpsest“-Releasekonzert von Levitation (Tobias Preisig & Stefan Rusconi) in St. Gertrud kam ich nicht mehr rechtzeitig, weil die Deutsche Bahn Deutsche Bahn-Sachen machte und mein Zug mit 45 Minuten Verspätung und damit genau zu Konzertbeginn im Hamburger Hauptbahnhof einfuhr. Blöd gelaufen.

Und was sonst?

Die Gestaltung des Festival Avant-Garten durch das Künstlerkollektiv Baltic Raw Org hat mich nicht sonderlich bewegt. Zwei Beispiele: „Shift The Probabilites“ ging buchstäblich unter und „The Ark/Arapolis“ ist mir lediglich als Redner-Pult aufgefallen.

"Shift the Probabilities" (Auszug)
„Shift the Probabilities“ (Auszug)
"The Ark/Arapolis"
„The Ark/Arapolis“ (Seitenansicht)

Einige der Vortragenden der Eröffnungsveranstaltung, darunter auch der Kultursenator, kamen sich auf der Installation wie auf einer Kasperltheater-Bühne vor (und merkten dies auch an). Ob das wohl im Sinne der Gestaltenden war?

Waldbühne
Waldbühne
Sonnenblume am Peacetanbul
Sonnenblume am Peacetanbul
Trüffelmayonaise
Trüffelmayo

Die Waldbühne blieb weitgehend unangetastet von Umgestaltungsbemühungen – ich sah dort unter anderem einen Teil des Auftritts der anatolischen Sängerin und Spoken-Word-Künstlerin Rûveyda -, die Verpflegung funktionierte gut bis sehr gut und die Buchauswahl am Stand von cohen+dobernigg (ohne Bild) war inspirierend wie immer.

Einmal schaffte ich es auch zu JAJAJAs Kopfhörer-Disko („Radio Atopia: The Return of the Firefly-Rave“). Diesmal war ich zeitig genug an Ort und Stelle, um das Getümmel bei der Ausgabe der Kopfhörer mitzuerleben. Bei aller Liebe unter den Menschen in der Kampnagel-Community: Das war ein veritables Hauen und Stechen! Ich hielt nach erfolgreicher Jagd ungefähr zwei Stunden durch und hatte nicht nur großen Spaß, sondern auch eine unvermutete Begegnung der skurrilen Art, auf die ich hier aus Gründen nicht weiter eingehen möchte.

Boy Division Fernsehgarten

Und dann war da noch der Boy Division Fernsehgarten! Eine Stunde war dafür im Programm vorgesehen, am Ende waren des zweieinhalb.

Boy Division Fernsehgarten
Boy Division Fernsehgarten

Den Boy Division-Humor muss man mögen; das Niveau der Witzchen ist gelegentlich eher, naja. Flach. Was nicht bedeutet, dass man nicht auch sehr, sehr viel Spaß haben kann.

Hobby Horse Polo
Hobby Horse Polo

Die diesjährige fünfte Ausgabe drehte sich um das Thema Royals und Royales. Da durfte Polo als königlicher Sport natürlich nicht fehlen. Nur halt eben in der Boy Division-Version: als Hobby Horse Polo. Wobei es das ja auch tatsächlich gibt. Sogar in Deutschland!

Das große Finale
Das große Finale

Aufgrund des Kampnagel-Umbaus wird der Boy Division Fernsehgarten künftig wahrscheinlich nicht mehr stattfinden können. Die Gang verabschiedete sich daher ausführlich und mit gleich mehreren Final-Nummern von ihrem Publikum. Ich hoffe insgeheim, dass sich 2027 vielleicht doch noch ein alternatives Plätzchen findet für das Spektakel.

Ansonsten wird sich zeigen, ob und wie der Auszug des Sommerfestivals in die Stadt ab dem nächsten Jahr funktioniert.

Ich bin auf alle Fälle wieder dabei.

Internationales Sommerfestival 2024 auf Kampnagel

Ja, ich weiß, ich bin unverzeihlich spät! Aber weiterhin wild entschlossen, nicht mehr als unbedingt notwendig abzukürzen. Deshalb folge ich einer in meiner Familie zur Tradition gewordenen Reaktion auf verspätete Meldungen und tue einfach so, als sei noch Ende August. Das werde ich sukzessive fortführen, bis ich die Gegenwart wieder eingeholt habe.

Zunächst also der angekündigte Sommerfestival-Bericht! Sechs Veranstaltungen habe ich geschafft in diesem Jahr, vier auf Kampnagel, eine in der Seilerstraße auf St. Pauli und eine in der Elbphilharmonie. Das sind immerhin zwei mehr als 2023.

Lucinda Childs Company: Four New Works

Die Eröffnung ist grundsätzlich nett: Es gibt Sekt, ich treffe garantiert Menschen, die ich kenne, Carsten Brosda hält eine Rede (das lohnt sich eigentlich immer), András Siebold rauscht in schwindelerregendem Tempo durchs Programm und die Auftaktveranstaltungen haben mir auch meistens gefallen. Dieses Jahr hatte Lucinda Childs die Ehre mit „Four New Works“. „ACTUS“, das erste Werk, hat nicht weh getan, mich aber auch nicht sonderlich berührt. Um das zweite Werk, „GERANIUM ’64“, wertschätzen zu können, war es hilfreich, auf einem Platz nicht all zu weit von der Bühne entfernt zu sitzen und des Werkes der Künstlerin kundig zu sein oder aber wenigstens den Text des Abendzettels vorab gelesen zu haben. Ansonsten hätte ich den Bezug zu einem Footballspiel wohl nicht herstellen können. Unabhängig davon war es aber schlicht auch faszinierend, die 1940 geborene Childs selbst in Aktion zu erleben – und sei es „nur“ in Zeitlupenaktion. Das dritte Werk, „TIMELINE“, stach durch die Komposition von Hildur Guðnadóttir hervor, aus der sich nur sehr schwer ein Takt oder Puls ableiten ließ. Umso beeindruckender die individuelle und kollektive Leistung der Tänzerinnen und Tänzer. Das vierte Werk, „DISTANT FIGURE“, musste mich tänzerisch nicht überzeugen – mit Philip Glass kriegt man mich immer. Zumal die Live-Begleitung am Klavier durch Anton Bagatov erfolgte, für den Glass das der Choreographie zugrundeliegende Stück „Distant Figure (Passacaglia for Solo Piano)“ ursprünglich komponiert hatte.

Auf dem Programm standen außerdem noch zwei Klavierstücke („INTERLUDES“). Ich bin, bedingt durch den geraumen zeitlichen Abstand, inzwischen nicht mehr sicher, ob auch wirklich beide Werke vorgetragen wurden. Jedenfalls erinnere ich nur eine Pause und eines der Stücke, nämlich das, was nicht „The Poet Acts“ aus „The Hours OST“ von Philip Glass war: „Lyrical Music“ aus „Unfamiliar Weapon OST“, komponiert vom Vortragenden selbst. Der Unruhe im Saal zufolge gefiel die Unterbrechung nicht allen Anwesenden, mir dagegen sehr. Bedauerlicherweise konnte ich das Stück bis jetzt noch nirgendwo auftreiben. Bei den üblich-verdächtigen Streaming-Diensten ist es nicht gelistet. Es mag daran liegen, dass das fragliche Album „Music For Films“ bei einem russischen Label erschienen ist.

Jaha Koo/Campo: Haribo Kimchi

Bedauerlicherweise hatte ich es 2018 nicht zu den sprechenden Reiskochern („Cuckoo„) geschafft und 2020 auch „The History of Korean Western Theatre“ verpasst. Immerhin, im dritten Anlauf hat es geklappt mit mir und Jaha Koo!

Die Kulisse für „Haribo Kimchi“ bildet ein (oder eine?) Pojangmacha, das ist eine typische südkoreanische Imbissbude. Zwei Gäste aus dem Publikum werden live bekocht, derweil berichtet der Künstler und Koch von persönlich-kulinarischen Erfahrungen in Korea und als Koreaner in Europa. Zum Einsatz kommen dabei auch Musikvideos mit einer Schnecke und einem Gummibären als Protagonisten sowie ein robotischer Aal. Aus dieser auf den ersten Blick eigentümlichen Mischung entsteht eine berührende Poesie – gelegentlich haarscharf am Kitsch entlang, aber dicht daneben ist bekanntlich auch vorbei. Mich hat das vollkommen überzeugt, sowohl die einzelnen Teile als auch das Gesamtkunstwerk. Stücke von Jaha Koo gelten hiermit bis auf Widerruf als gesetzt. Ich hoffe, ich kann „Cuckoo“ und „The History of Korean Western Theatre“ irgendwann und irgendwo nachholen.

Nesterval: A Dirty Faust

Schon länger als gesetzt gelten bei mir alle Nesterval-Aufführungen und ein Widerruf ist auch nach „A Dirty Faust“ nicht in Sicht. In dem Stück wird Goethes Faust mit der Geschichte des Films „Dirty Dancing“ aus dem Jahre 1987 kombiniert, wobei ein Schwerpunkt auf dem Themen Vergewaltigung, (illegale) Abtreibung und weibliche Selbstbestimmung liegt. Aufführungsort waren verschiedene Stockwerke und Räume der alten Schule in der Seilerstraße auf St. Pauli, durch die man in Gruppen von einzelnen Charakteren mitgenommen wurde. Aufgrund der örtlichen Begebenheiten war man allerdings sehr viel unterwegs – „viel Gerenne, wenig Theater“, so die lakonische Bilanz einer der Teilnehmer. In beiden Durchläufen folgte ich „Dirty Dancing“-Charakteren. Beide Rollen waren angereichert mit Backstories, auf die die Drehbuchschreiber und -innen wohl nicht gekommen wären. Hätte ich den Film nicht gekannt, hätte ich mir allerdings keinen Reim auf die Bruchstücke machen können, die ich zu sehen bekam. Noch mehr als bei anderen Nesterval-Stücken wäre es notwendig gewesen, zwei oder drei Aufführungen zu besuchen, um eine einigermaßen vollständige Vorstellung von dem Stück zu bekommen.

Ein bisschen ungünstig war auch, dass Teile des Publikums mitten in den beiden durch eine Rahmenhandlung verbundenen Handlungsdurchläufen die Gruppen wechselten. Einerseits wurden einige Gruppen dadurch so groß, dass es in manchen Szenen räumlich eng wurde. Andererseits  brachte mich das in den Genuss einer buchstäblichen 1:1-Performance. Wäre das meine erste immersive bzw. Nesterval-Theatererfahrung gewesen, hätte ich an dieser Stelle wohl die Flucht ergriffen. Es wäre mir ziemlich sicher unangenehm gewesen. Da ich aber sowohl das Prinzip als auch den Schauspieler kannte, blieb ich drin und nahm es als Geschenk.

Zum Abschluss tanzten alle zu „(I’ve had) The Time of My Life“ und ja, es war schon auch ein ordentlicher Schuss Nostalgie dabei. Zumindest für Menschen ab einem gewissen Alter, mich inklusive. Schließlich war „Dirty Dancing“ der erste Film, den ich in einem „richtigen“ Kino gesehen habe – wenn ich mich recht erinnere, war das im ehemaligen Nordstern-Kino in Lippstadt, in dem später eine Kirche (!) Unterkunft fand – und wir haben damals in der Tanzschule alle den Mambo getanzt.

Cat Power sings Dylan

Ein bisschen Sorge hatte ich schon, als Cat Power auf die Bühne kam und mit den ersten Songs startete. Gleich zwei Teetassen standen auf dem kleinen Tischchen neben ihrem Platz und irgendwie wirkte und klang die Sängerin unsicher. Aber mit jedem weiteren Song steigerte sich Power und zog nach und nach den Saal mehrheitlich in ihren – und natürlich Bob Dylans – Bann. Ein großes Projekt und ein gelungener Abend. Ich verneige mich.

A.I.M. by Kyle Abraham: CASSETTE VOL. 1

Auch bei „CASSETTE VOL. 1“ überkamen mich nostalgische Gefühle, handelt es sich dabei doch um ein 80er- und 90er-Jahre Mixtape. Ein bisschen „Boy meets Girl“-Handlung war der Choreographie auch zu entnehmen. Mir kam es ansonsten etwas lang vor, bis das Pas de deux über eine Langversion von Extremes „More Than Words“ fast zum Schluss wieder meine volle Aufmerksamkeit forderte. Eigentlich konnte ich den Song längst nicht mehr hören, aber das war so, so schön! Mit diesem neuen Kontext werde ich das Stück jetzt wieder genießen können.

Ein bisschen fies fand ich, dass die Kritik im Hamburger Abendblatt von dessen Autor auf diversen Social Media-Kanälen mit „Love is a Battlefield“ angeteasert wurde und dann kam der Song überhaupt nicht vor! Aber dafür kann Kyle Abraham natürlich nichts.

Pop-Up Restaurant: Suvir Saran

And now to something completely different, die Zutaten: ein Zelt als Pop-Up-Restaurant, ein Sternekoch und Geschichtenerzähler, eine Sängerin (Marina Ahmad) und ein Musiker (Manao Doi) und ein indisches Drei-Gänge-Menü. Das hätte phantastisch werden können. Leider litten die Gerichte unter den sicherlich nicht optimalen Bedingungen einer Food-Truck-Küche und die meisten Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren eher an dem kulinarischen Part interessiert als an den Geschichten und der Musik. Warum Sarans Mikro nicht eingeschaltet war, erschloss sich mir auch nicht. Für ihn wurde es dadurch umso schwieriger, die Aufmerksamkeit seines Publikums zu halten. Dazu war die Veranstaltung zeitlich sehr limitiert und wirkte dadurch gehetzt. Zumindest für Einzelgäste war außerdem unbefriedigend, dass es den Wein nur flaschenweise zu kaufen gab. Ausgeglichen wurde das ein wenig durch das Glas Champagner, das als Aperitif gereicht wurde.

Irritiert hat mich die offensichtliche Werbung für die authentikka-Restaurants in Hamburg. Wurde uns da jetzt ein Sternekoch- oder ein authentikka-Menü serviert (zumal auf Einweggeschirr, ein weiterer Abzug in der B-Note)? Nichts gegen authentikka, es ist lecker da, aber die Performance fühlte sich dadurch doch ein klein wenig nach Mogelpackung an.

Festival Avant-Garten

Festival Avant-Garten

Festival Avant-Garten

Der Festival Avant-Garten wurde gestaltet von 4E, einem Team aus Architekten und -innen der HafenCity Universität Hamburg. Ich mache es kurz: Das hat mich nicht überzeugt. Die Waldbühne war schön – da kann man aber auch nicht viel verkehrt machen – und der Platz vor dem Soli-Casino. Der Rest wirkte irgendwie ungemütlich und war größtenteils verwaist. Allerdings habe ich es beispielsweise zu den Kopfhörer-Parties im Garten dieses Jahr gar nicht erst geschafft. Mir fehlt da also möglicherweise das eine oder andere Puzzlestück.

Anri Sala: Take over (Internationale)

Fehlt noch die Video-Installation „Take over (Internationale)“ von Anri Sala in der Vorhalle. Neben der Instrumentalversion der Hymne („Völker hört die Signale…“) treten in den Hauptrollen die Hände eines Pianisten und die Tastatur eines Disklaviers auf und schon deshalb fand ich das Werk großartig. Im Übrigen kam mir der Raum, in dem das Instrument stand, sehr bekannt vor.

Unterm Strich war das kein schlechter Jahrgang! Ich bin gespannt aufs nächste Jahr.

Internationales Sommerfestival 2023 auf Kampnagel

Die diesjährige Ausbeute war eindeutig zu mager: Zu ganzen vier Veranstaltungen habe ich es während des Internationalen Sommerfestivals 2023 auf Kampnagel geschafft. Immerhin, drei davon verbuche ich als Highlights.

(La) Horde/Ballet national de Marseille: Age of Content

Das Eröffnungsstück  von (La)Horde und dem Ballet national de Marseille gehörte – für mich überraschenderweise – leider nicht dazu.

Zum einen verstand ich die Story nicht, zum anderen war das Werk schlicht gute 15 bis 20 Minuten zu lang. „Marry me in Bassiani“ hatte mir seinerzeit ganz gut gefallen, „Age of Content“ hat mich dagegen gar nicht überzeugt. Schade.

Walid Raad: Cotton Under My Feet – The Hamburg Chapter

Das war ein ziemlicher Ritt durch die Hamburger Kunsthalle, denn dort spann Walid Raad entlang von im Gebäude des historischen Gründungsbaus verstreuten Objekten aus Fiktion und Historie (s)eine Geschichte. Zunächst schienen es nur Fragmente zu sein, die da teils im atemberaubenden Tempo und in schnellen Wechseln vorgetragen wurden. Doch nach und nach verdichteten sich die Bruchstücke, einem Mosaik nicht unähnlich, zu einem großen, verwirrenden Ganzen – letztlich, so eine der Botschaften, hängt doch alles mit allem zusammen, wenn auch bisweilen auf recht absonderliche Art und Weise.

Das Tempo, zudem in englischer Sprache, mag nicht für jeden vor Ort ideal gewesen sein. Die allermeisten Gesichter – oder so kam es mir jedenfalls vor – spiegelten aber mein eigenes Empfinden wieder: aus anfänglicher Skepsis wuchs Faszination bis hin zur Begeisterung. „Cotton Under My Feet – The Hamburg Chapter“ ist übrigens noch bis einschließlich 12. November 2023 per Audioguide oder in weiteren weiteren Live-Terminen zu sehen, zu hören und zu erleben.

Nesterval: Die Namenlosen – Verfolgt in Hamburg

Unter Unterhaltung fällt „Die Namenlosen – Verfolgt in Hamburg“ nicht. In dem Stück, welches die Verfolgung Homosexueller während der Nazizeit in Hamburg  nachzeichnet, wird das Publikum nicht geschont. Man kann es Pech nennen oder auch Glück, dass ich von Anfang bis zum Ende durchgehend der unsympathischsten (und mutmaßlich auch mit weitem Abstand sadistischsten) Figur gefolgt bin. Auf diese Weise bekam ich das volle Programm geboten, inklusive einer drastischen Folterszene. Das war herausfordernd. Gelinde gesagt. Nicht umsonst wurde zu Beginn der Vorstellung auf die Möglichkeit verwiesen, sich jederzeit herausziehen zu können und ich habe nicht nur nach dieser einen Szene ernsthaft darüber nachdenken müssen. Dabei hatte ich nicht einmal alles gesehen. Theoretisch konnte man im ehemaligen Kakaospeicher Baakenhöft über 180 Szenen als Zuschauer in Begleitung und aus der Perspektive der Charaktere erleben. In drei Stunden Spielzeit schafft man davon aber nur einen Bruchteil. Aus meiner Sicht hat das mir schon aus „Sex & Drugs & Budd’n’brooks“ bekannte Format des begleiteten Szenenwechsels auch bei diesem schweren Thema gut funktioniert – vielleicht ein wenig zu gut, ich habe lange gebraucht, bis ich den Abend einigermaßen verarbeitet hatte. Anderen ging es anders, an einer Stelle fiel gar das Wort „Holocaust-Kitsch“. Zugegeben, das Schlussbild („Niemals vergessen“) war vielleicht ein klein wenig drüber, aber meinen Gesamteindruck konnte das nicht schmälern. Ich bleibe dabei: gerne jederzeit wieder Nesterval. Thema egal.

Graindelavoix: Rolling Stone

Das Konzert fand am letzten Festivaltag in Kooperation mit dem Elbphilharmonie Sommer im Großen Elphi-Saal statt.

Ein bisschen musste ich mich leider ärgern: Im ersten Teil des Konzerts wurde ein Film auf eine weiße Leinwand projiziert, die vermutlich nicht ganz zufällig einem Leintuch glich; geht es doch in der „Erdbebenmesse“ von Atoine Brumel um jenes Erdbeben, welches der vom Grab Jesu wegrollende Stein verursacht haben soll. Auch in dem gezeigten Dokumentarfilm von 1967 wurde diese Erzählung aufgegriffen. Allein, gesehen habe ich so gut wie nichts davon: Auf den Seitenplätzen hatte man die „Leinwand“ nämlich im Querschnitt vor der Nase. Das hätte ich gern vorher gewusst. Aber letztlich war ich wegen der Musik da, nicht wegen des Drumherums, und an dem musikalische Part gab es wenig zu kritisieren. Beeindruckend.

Zum Festival Avant-Garten kann ich mich nicht verhalten, ich war nämlich gar nicht dort (außer am Eröffnungstag). Das kommt davon, wenn man die Veranstaltungen in die gesamte Stadt verstreut! So schön, spannend und interessant das im Einzelfall ist: Das richtig echte Festival-Feeling kommt dadurch eindeutig zu kurz.

„Die Frau, nach der man sich sehnt“ mit Pascal Schumacher und den United Instruments of Lucilin in der Elbphilharmonie

Ich habe, das ist dem einen oder der anderen vielleicht nicht entgangen, eine besondere Schwäche für Stummfilmkonzerte. Meine besondere Schwäche für Pascal Schumacher hingegen ist weniger bekannt und hat ziemlich viel mit einem sehr aufschlussreichen Abend im Rahmen des Elbjazz-Festivals vor drei Jahren zu tun. Die Kombination von beidem enthält noch einen besonderen Twist, den hier zu erklären allerdings viel zu kompliziert wäre. Ganz abgesehen davon, dass einige der dazugehörigen Details inzwischen sattsam verjährt sind.

Wir wollen uns also weitgehend auf den heutigen Filmabend beschränken. Pascal Schumacher kann Jazz, das wusste ich schon. Pascal Schumacher kann aber auch (Stumm-)Filmmusiken komponieren und ich finde, er sollte das häufiger tun. Und dann bitte auch höchstpersönlich live aufführen. Letzteres sehr gerne wieder mit den United Instruments of Lucilin und vorzugsweise in Hamburg!

Die Kunstpause…

… im Susammelsurium ist vorbei! Die Hitzewelle wohl erst einmal auch und dass das beides zusammenfällt, ist mit Sicherheit kein Zufall.

Gestern wurde das Internationale Sommerfestival auf Kampnagel eröffnet, ich war dabei und habe mich insgesamt viermal eingebucht. Der Bericht kommt wie immer ganz zum Schluss. Zwischendrin stehen auch noch je einmal „Elbphilharmonie Sommer“ und Schleswig-Holstein Musik Festival auf dem Programm.

Wobei, ganz auf Kulturnull war ich ja doch nicht. Während der letzten Wochen habe ich es immerhin in eines meiner Lieblingsmuseen geschafft, durchaus in der stillen Hoffnung, dort ein erträglicheres Klima vorzufinden.

Mobile Welten: "Give the drummer some!"
Mobile Welten: „Give the drummer some!“
Art Déco - Grafikdesign aus Paris: A. M. Cassandre
Art Déco – Grafikdesign aus Paris: A. M. Cassandre
Toaster Times: Die Anfänge
Toaster Times: Die Anfänge
Toaster Times: Toastmaster
Toaster Times: Toastmaster
Toaster Times: Bunt
Toaster Times: Bunt

Bis einschließlich 1. OG hat das einigermaßen geklappt, aber auf Höhe der Spiegelkantine war’s doch wieder gut mollig.

Spiegel-Kantine
Spiegel-Kantine

Und dann wurde mir noch etwas Musik ins Postfach gespült: Tom Gatza heißt der junge Mann und es ist – natürlich! – irgendwas mit Klavier. Musikalisch schwer einzuordnen: „Tilbuin“ erinnert mich beispielsweise tendenziell an GoGo Penguin, nur mit weniger Druck und weniger Jazz, die Klaviersolostücke wieder an ganz andere Zeitgenossen. Alles weder sonderlich spektakulär noch innovativ, aber ich habe die EP „Melo“ (erscheint am 5. 10. 2018) nun schon seit ein paar Tagen auf den Ohren, mag sie und würde die Stücke bei Gelegenheit gern auf Livetauglichkeit überprüfen.

Am 1. 10. 2018 im Häkken klappt das nur leider noch nicht. Da bin ich nämlich bei Pierre-Laurent Aimard in der Elbphilharmonie.

Das Avishai Cohen Trio in der Elbphilharmonie

Ich war gerade beim Avishai Cohen Trio in der Elbphilharmonie und kann’s kurz machen:

  1. Mehr Bass geht nicht – zumindest, was die akustische Variante angeht,
  2. mehr Jazz beinahe auch nicht,
  3. der Sound war diesmal hervorragend,
  4. ich habe einen neuen Lieblingsplatz. Leider teuer, aber heute jeden Cent wert.

GoGo Penguin mit „Koyaanisqatsi“ in der Elbphilharmonie

Als ich den Großen Saal der Elbphilharmonie im Februar dieses Jahres zum ersten Mal betrat, schoss mir durch den Kopf: „Filmkonzerte werden wohl weiterhin in der Laeiszhalle stattfinden. Das geht hier ja höchstens mit einem Videowürfel.“ Als dann aber das Programm des Elbphilharmonie Sommers veröffentlicht wurde, standen sehr wohl Filmvorführungen mit Livemusikbegleitung auf der Agenda, gleich mehrfach sogar. Umso gespannter war ich auf die Umsetzung.

Filmkonzert in der Elphi
Filmkonzert Elphi-Style

Die Lösung des Dilemmas: Hinter der Leinwand und da, wo man sie nicht wenigstens in Teilen einsehen kann, werden schlicht keine Plätze besetzt. Das war mir schon beinahe zu profan. Und ein bisschen schade war es auch für die, denen es genügt hätte, GoGo Penguin spielen zu hören. Man hätte sicher noch einige Hörplatztickets verkaufen können.

Koyaanisqatsi

Wobei deren Inhabern dann verborgen geblieben wäre, wie brillant das Trio den Film von Godfrey Reggio musikalisch untermalt hat. Nicht nur bezüglich der Klangfarben und des Charakters der jeweiligen Stücke, sondern insbesondere des in nahezu jeder Szene perfekten Timings. Schade nur, dass man den Sound nur als blechern bezeichnen konnte. Ein ganz und gar gläsernes Klangbild, ja, kann man machen, vielleicht war es als Stilmittel sogar so gewollt. Aber klingt dann halt bescheiden.

Bei meinem zehnten Elphi-Konzert wird es ein anderes Jazztrio sein, ohne Film und dafür hoffentlich mit mehr Wärme. Ich werde berichten.

Ein Satz mit X (und einer mit Ätsch)

Nein, ich will mich nicht beschweren. Ich war ja schon im Großen Saal der Elbphilharmonie und ich habe per Stand heute noch Karten für fünf*) weitere Veranstaltungen in diesem Jahr. Beim Vorverkaufsstart im letzten Sommer war geraume Zeit nahezu freie Wahl für Frühentschlossene – von ein paar sehr begehrten Konzerten einmal abgesehen. Es kamen nach und nach ein paar Festivals sowie Konzerte externer Veranstalter dazu; es lohnte sich, immer mal wieder einen Blick auf das Programm zu werfen. Und zeitnah zuzugreifen.

Dann wurde es Januar, die spektakuläre Eröffnung rückte näher und plötzlich brach allenthalben Torschlusspanik aus. „Wie, Du hast Elphi-Karten?!? Wie hast Du das geschafft?“ Siehe oben. Keine Hexerei.

Inzwischen gleicht es einer Lotterie. In dem stetig anschwellenden „Ist mir doch egal, was ich sehe/höre, Hauptsache ich war mal drin“-Hype geht der Elbphilharmonie-Ticketshop bei jeder weiteren Vorverkaufsstartankündigung gnadenlos in die Knie. Trotz kontinuierlicher Aufrüstung.

Oh! Ein Ticket! Hurra!
Oh! Ein Ticket! Hurra!
Hübsches Dach. Aber wo geht's zum Checkout?
Hübsches Dach. Aber wo geht’s zum Check-out?
Nu komm mal in die Hufe. Die Warenkorbfrist läuft gleich ab.
Nu komm mal in die Hufe. Die Warenkorbfrist läuft gleich ab!
Orrrr.
Orrrr.

„Pffft, kauf ich mir halt ein Ticket für GoGo Penguin im Uebel & Gefährlich„, denk ich. Und während alles noch auf die rotierende Elphi-Webseite starrt, finde ich via Eventim zufällig heraus, dass heimlich, still und leise auch der Vorverkauf für das Konzert von Martin Kohlstedt Ende Dezember begonnen hat. Veranstaltungsort: Der Große Saal der Elbphilharmonie.

Ätsch.


*) Jetzt: Sechs.