Internationales Sommerfestival 2021 auf Kampnagel

Es ist nicht so, wie es aussieht: Ich bin mittlerweile fast schon wieder voll drin im kulturellen Leben. Nur das Schreiben darüber ist bisher nicht recht in Gang gekommen. Bevor es an die nächsten Termine geht, will ich an dieser Stelle aber wenigstens einen kleinen Rückblick auf das Internationale Sommerfestival nachtragen.

Nach der äußerst gelungenen Ausführung im letzten Pandemiesommer fühlte sich die diesjährige Ausgabe schon beinahe routiniert an. Für Veranstaltungen unterm Dach galt das 3G-Prinzip (gewissenhaft kontrolliert!), die Hallen waren im Schachbrettmuster besetzt und es gab genügend Einzelplätze. Zumindest bei frühzeitiger Buchung.

LIGNA: Die Gespenster des Konsumismus

Am Anfang meiner Auswahl stand die Performance von LIGNA im ehemaligen Kaufhof an der Mönckebergstraße.

Die Gespenster des Konsumismus

Ich gebe zu, beim Kartenkauf war eine gehörige Portion Neugier auf den Gebäudezustand im Spiel. Viel gab es allerdings nicht zu sehen und bewegen konnte man sich auch nur im Untergeschoss. Dafür gab es Einblicke in einige Räume hinter den Kulissen der Verkaufsfläche. Per Kopfhörer wurden die Besucher grüppchenweise durch einen teilweise eigens aufgebauten Parcours geführt, der verschiedene Stationen und Ereignisse der Hausgeschichte symbolisierte.

Die Gespenster des Konsumismus

Die Gespenster des Konsumismus

Dabei war es für das eigene Erleben mitentscheidend, ob auch die anderen Mitglieder der jeweiligen Kleinstgruppe den Regieanweisungen Folge leisteten. Wo das nicht geschah, verpuffte der Ansatz zur geführten Interaktion.

Die Gespenster des Konsumismus

So ganz haben mich Konzept und Ausführung nicht überzeugt. Das mag aber auch an den Assoziationen gelegen haben, die mich beim Erkunden der stillgelegten Ladenfläche heimsuchten und ablenkten. Man nehme dies als Triggerwarnung: Wer die Abwicklung eines Ladengeschäfts am eigenen Leib erfahren musste, wird beim Betreten einer vergleichbaren Immobilie unter Umständen mit unschönen Erinnerungen konfrontiert.

Christoph Marthaler: Das Weinen (Das Wähnen)

Sprachspielereien, eine detailverliebte Kulisse und Musik: Mehr braucht es manchmal nicht für einen perfekten Theaterabend. Vorausgesetzt natürlich, die Inszenierung dieser Kombination ist stimmig. Bei “Das Weinen (Das Wähnen)” ist sie es.

Wer ein inhaltlich zusammenhängendes Stück erwartete, wurde zwar enttäuscht. Aber die Texte von Dieter Roth mit der Klammer des Apothekenszenarios zusammenzufassen, ist schon eine ziemlich geniale Idee. Nur hätte man vielleicht etwas kürzen können. Es wurde mir bei aller Faszination gegen Ende ein wenig lang.

Beim Schlussapplaus habe ich übrigens den Wasserspender vermisst.

Feist: Multitudes

Da war ich gespannt: ein Konzert ohne Saalplanbuchung in der K6? Unter Pandemiebedingungen? Die Auflösung des Rätsels: Die Zuschauer wurden in einen Stuhl- beziehungsweise Papphockerkreis um Feist und ihre beiden Mitstreiter platziert, und zwar dort, wo normalerweise die Bühne ist. Der eigentliche Zuschauerraum blieb leer; er wurde lediglich für den Knalleffekt am Ende des Konzerts eingesetzt und diente anschließend als Ausgang.

Auf diese Weise hatten gerade einmal 200 Personen pro Konzerttermin Platz in der Arena. Eine frühe Buchung hatte mir die zweite Reihe beschert, allerdings sah ich Leslie Feist während der Hälfte des Konzerts nur von hinten. Was andererseits wegen der außerordentlich intimen Konzertatmosphäre absolut zu vernachlässigen war. Ich war mächtig geflasht und bestimmt nicht allein mit meiner Überwältigung.

Rufus & Martha Wainwright: Mother

Trinkbefehl

Ja, doch, das war schon schön. Einen Abzug in der B-Note verteile für die Anmoderationen von Martha Wainwright. Singen kann sie besser als reden. Wobei das ebenso für Bruder Rufus gilt. Am besten hat mir das Stück gefallen, für das noch ein weiterer Mitstreiter mit auf die Bühne kam (leider habe ich mir weder den Namen des Sängers noch den Songtitel gemerkt. Blöd.). Und: Ein Extra-Sternchen dem Pianisten!

Dave Longstreth/Dirty Projectors, stargaze: (Song of the) Earth (in) Crisis

Die Extra-Sternchen für den darauffolgenden Abend vergebe ich an stargaze (quasi gesetzt) und Felicia Douglass. Anders als Komponist David Longstreth hatte Douglass ihren Vokalpart nämlich voll im Griff. Longstreth dagegen hätte besser daran getan, den seinen an einen ähnlich kompetenten Sänger abzugeben. Ich meine, wenn man ein melodisch wie harmonisch anspruchsvolles Werk nicht nur verfasst, sondern auch selbst an dessen Aufführung prominent beteiligt ist, sollte man den eigenen Beitrag vollumfänglich beherrschen. Zumindest für meine Ohren fiel das Gehörte jedenfalls nicht mehr unter “eigenwillig interpretiert”.

Die vorab präsentierten Songs der Dirty Projectors-EP “Earth Crisis” waren für meinen Geschmack zu fragmentiert, um sie überhaupt als Songs bezeichnen zu können. Das Hauptwerk des Abends selbst, also “Song of the Earth in Crisis”, hat mir dagegen gut gefallen. Nur den Vergleich mit Mahler hätte man weglassen sollen. Über dem steht dermaßen dick und doppelt unterstrichen “zum Scheitern verurteilt”, das hat das Longstreth-Stück nicht verdient.

Nesterval/Queereeoké: Sex & Drugs & Budd’n’brooks

Das dritte Festival-Highlight (nach Marthaler und Feist) und meine erste Präsenzerfahrung mit Nesterval! Eventuell hätte ich nur vorher noch mein zugegebenermaßen lückenhaftes Wissen über die Familiengeschichte der Buddenbrooks aufpolieren sollen. So wäre es mir vermutlich leichter gefallen, verschiedene Charaktere zuzuordnen. Denn zum Kernpersonal des Romans gesellten sich in der “Sex & Drugs”-Version diverse Varianten, was das Geschehen bisweilen unübersichtlich gestaltete. Während des Abends war es zudem nicht möglich, alle Erzählstränge mitzuerleben. Ebenso wie bei LIGNA im ehemaligen Kaufhof wurden auch im Uebel & Gefährlich, der überaus treffend gewählten Spielstätte, die Anwesenden immer wieder in kleine Gruppen aufgeteilt, um an verschiedenen Stellen des großen Saals, in sanitären Einrichtungen, in Raucher- und Hinterzimmern einzelnen Szenen beizuwohnen. Für das ganze Bild hätte man wohl zwei oder drei Vorstellungen besuchen müssen.

Ein bisschen unklar blieb beim abschließenden Austausch an der Theke, ob und wie weit Zuschauerinteraktion eingeplant und erwünscht war. Das war bei “Der Willy-Brandt-Test” und “Goodbye Kreisky” (beides über Zoom) eindeutig der Fall gewesen. Bei “Sex & Drugs & Budd’n’brooks” blieb dafür nicht viel Raum. Einigen Teilnehmern mag es wiederum zu immersiv gewesen sein. Aus einer reichlich expliziten Szene des Nachtrags erinnere ich beispielsweise einen extrem unangenehm berührten Herrn und seine mindestens peinlich berührte Begleiterin. Grundsätzlich nachvollziehbar für mich – ansonsten bin ich diejenige, die den größtmöglichen Bogen um Nacktheit um der Nacktheit willen auf der Bühne macht. Aber wenn ein Stück “Sex & Drugs” im Titel trägt, muss man sich nicht wundern, wenn beides vorkommt – wenn auch “nur” jeweils in der Theaterversion – und was “immersiv” bedeutet, lernt man allerspätestens dann.

Die nächste Nesterval-Eskalationsstufe ist wohl der Besuch einer Vorstellung in Wien. Gar nicht mal so unwahrscheinlich, ich mag die Stadt, und der letzte Besuch ist so lange her, da habe ich noch in Bonn gewohnt. Eine halbe Ewigkeit also.

Thom Luz: Lieder ohne Worte

“Girl from the Fog Machine Factory” mochte ich sehr, entsprechend große Erwartungen hatte ich folglich an “Lieder ohne Worte”.

Ganz erfüllt wurden die zwar nicht, aber auch die Rekonstruktion eines Autounfalls mit Wildschaden in den Bergen hatte seine magischen Momente. Die Extra-Sternchen gehen an den Einsatz von Musik und deren Ausführung sowie an Samuel Streiff. Ich erkenne da ein Muster!

THIS IS THE END OF...

Was mir nicht gefallen hat: der von JASCHA&FRANZ gestaltete Avant-Garten. Er wirkte auf mich irgendwie zugestellt und verbaut. Ich mochte die Bauten nicht und das Kirmes-Konzept hat bei mir gar nicht gezündet. Zwei Pluspunkte möchte ich dennoch erwähnen: das Bemühen um größtmögliche Barrierefreiheit und die Waldbühne. Die war wirklich hübsch! Leider habe ich wegen ungünstiger Terminplanung und des streckenweise garstigen Wetters wenig davon gesehen.

Neue Chance im nächsten Jahr.

The Show must go online (17)

Ich gestehe, ich habe nun endgültig den Überblick über das Kulturstreaming verloren. Dadurch habe ich blöderweise einiges verpasst, was ich gerne gesehen/gehört hätte. Zum Beispiel das Jahresabschlusskonzert des Tingvall Trio am 13. Dezember. Mist!

Noch nicht zu spät ist es dagegen für Chilly Gonzales’ “A Very Chilly Christmas Special” auf ARTE Concert (verfügbar bis 21. Januar 2021).

Am zweiten Weihnachtsfeiertag sendet das Philharmonische Staatsorchester unter der Leitung von Kent Nagano ein Weihnachtskonzert aus dem Hamburger Michel (zu sehen auf YouTube).

Am 27. Dezember folgt “Vetrasól”, das Weihnachtskonzert von Árstíðir aus der Fríkirkjan in Reykjavík. Ich hatte Ende letzten Jahres das Vergnügen in München und freue mich daher umso mehr, die Jungs auch einmal in ihrer natürlichen Umgebung erleben zu dürfen. Sei es auch nur vom heimischen Sofa aus.

Wem das alles zu besinnlich ist, der findet eventuell am “Kabarettistischen Jahresrückblick 2020” gefallen, aufgezeichnet im Mehringhoftheater Berlin.

Oder am Neujahrskonzert von Erobique! Special Guest: das Bo.

Wer “zwischen den Jahren” Zerstreuung sucht, kann sich beispielsweise im Rahmen der Ausstellung “Karten Wissen Meer – Globalisierung vom Wasser aus” auf der Webseite des Deutschen Schifffahrtsmuseums eine eigene Seekarte zusammenbauen. Oder einen Blick auf alte Schätzchen der hauseigenen und der Sammlung Perthes Gotha werfen.

Außerdem hat das National Theatre das Bitten und Flehen seines Publikums erhört und bietet nun regulär einen “At Home”-Streamingdienst an. Hurra! Ich habe gleich am ersten Tag ein Abo abgeschlossen, aber seither noch kein einziges Stück angeschaut. Es gab so viel anderes Zeug zu sehen und zu hören! Mein Vorsatz daher für 2021: den Theaterdonnerstag wieder einführen und genüsslich das Archiv leer gucken. Sollte mir nicht allzu schwerfallen.

The Show must go online (16)

Es riecht nach Verlängerung des (Kultur-)Shutdowns. Kaum überraschend, aber zunehmend unschön.

Um den Faden aus Folge 15 direkt wieder aufzunehmen: Das Brooklyn Museum präsentiert in der virtuellen Ausstellung “The Queen and the Crown” Kleidungsstücke aus den beiden Netflix-Serien “The Crown” und “The Queen’s Gambit” sowie dazu passende Objekte aus der eigenen Sammlung. Sehr ansprechend gemacht.

Das Deutsche SchauSpielHaus hatte unlängst Livestream-Premiere, meiner Twitter-Timeline zufolge mit einigen technischen Problemen. Am 29. November 2020 folgt mit “Anna Karenina – allerdings mit anderem Text und auch anderer Melodie” der zweite Anlauf. Ich werde wegen einer Terminkollision leider nicht dabei sein können, denn das Lockdown Theatre hat zu eben diesem Termin die Veranstaltung “For One Knight Only” angekündigt. Als Gastgeber fungiert Sir Kenneth Branagh, die Gäste sind Dame Judi Dench, Sir Derek Jacobi, Dame Maggie Smith und Sir Ian McKellen. Einnahmen aus der Show fließen an “Acting for Others” und kommen damit Theaterschaffenden zugute.

Apropos Großbritannien, im Londoner Barbican gibt es bekanntermaßen nicht nur das LSO zu sehen und zu hören. Auch für Auswärtige zugänglich sind die Reihen “Concerts on Demand” und “Live from the Barbican – From our hall to your home”. Wem beispielsweise die Theateradaption von “A Christmas Carol” – Stichwort Old Vic: In Camera – nicht zusagen sollte, der kann alternativ am 22. Dezember 2020 auf das Programm von “A Dickensian Christmas” zurückgreifen. Der Schauspieler Kevin Whately (“Lewis”) liest Auszüge aus dem Weihnachtsklassiker, dazu spielen London Concert Brass unter der Leitung von Hilary Davan Wetton. Alles andere als Humbug!

Klassische Weihnachtslieder, but with a twist: So kann man “A very chilly christmas” beschreiben, das in der vorletzten Woche erschienene Album von Chilly Gonzales. Am 4. Dezember 2020 stellt Gonzales sein neues Werk im Rahmen der Classic Album Sundays im “Elgar Room” der Royal Albert Hall vor. Kostenpunkt: £10.

Ganz und gar kostenfrei ist dagegen Martin Kohlstedts gestreamte Release Party anlässlich des Erscheinens des Albums “FLUR” am 26. November 2020 (ab 20:00 Uhr).

Um das Dreigestirn komplett zu machen: Auch Nils Frahm hat einen neuen Tonträger angekündigt. Das Livealbum “Tripping with Nils Frahm” wird vom gleichnamigen Konzertfilm flankiert – oder umgekehrt, je nach Perspektive. Das Album erscheint am 3. Dezember 2020 bei Erased Tapes, die Filmpremiere findet am gleichen Tag exklusiv bei MUBI statt.

The Show must go online (14)

Was soll ich sagen. Sir Simon Rattle und das Mahler Chamber Orchestra wären es im November gewesen. Und ein weiteres “Blind Date”. Ich wusste schon, warum ich mir den Gutschein für die Digital Concert Hall der Berliner Philharmoniker bis zum Herbst aufgehoben hatte. (Die Zugabe des Konzerts vom 31. Oktober 2020: “4’33” von John Cage.) Der Vorverkauf für die Dezember-Konzerte in Hamburg soll übrigens wie geplant anlaufen. Ich überlege inzwischen, ob ich noch zugreife oder lieber nicht mehr. Was abgesehen von der allgemein unerfreulichen Lage mittlerweile nämlich auch ganz schön an die Nieren geht: ausgebremste Vorfreude. 

Daniel Hope startet ab kommenden Montag (2. November) eine neue Runde “Hope@Home” bei ARTE Concert. Diesmal sollen junge, freischaffende Künstler im Fokus stehen, die von den coronabedingten Schließungen und Absagen bekanntlich besonders betroffen sind.

Das NDR Elbphilharmonie Orchester musste sein 75jähriges Jubiläum zwar vor leerem Saal begehen, aber immerhin, es konnte. Das Konzert vom 30. Oktober 2020 ist beim NDR als “Video on Demand” abrufbar.

Die Nordischen Filmtage 2020 (4. bis 8. November) finden statt als Hybridformat nun komplett im Netz statt. Der Vorverkauf für die Streams startet am 1. November.

Ab 9. November gibt es Tickets für die neueste “In Camera”-Produktion des Old Vic Theatre zu kaufen: Jack Thornes Version von “A Christmas Carol” wird zwischen dem 12. und 24. Dezember aufgeführt.

Das wird dann wohl spätestens der Moment sein, in dem ich Felicity Cloake’s Mince Pie Masterclass angehe. Letztes Jahr bin ich nicht dazu gekommen.

Internationales Sommerfestival 2020 auf Kampnagel

Übers Sommerfestival wollte ich ja noch schreiben.

Sommerfestival 2020

Das war zuallererst furchtbar aufregend, weil (für mich) sowohl die erste “Groß”- als auch die erste Live-Kulturveranstaltung in geschlossenen Räumen unter Corona-Bedingungen und dementsprechend von gemischten Gefühlen begleitet. Ein Festival in der Pandemie – kann das wirklich funktionieren?

Um es kurz zu machen: Es funktionierte ganz hervorragend. Die Piazza und der erweiterte Avant-Garten boten viel Platz und Programm unter freiem Himmel mit ausreichend Ausweichmöglichkeiten, die Besuchersteuerung klappte und soweit ich das beobachten konnte, ging auch das Hygienekonzept für die Hallen auf. Ich habe mich nur in einer Situation (ver)unsicher(t) gefühlt, was nicht am Veranstalter lag (dazu später). Ein dickes Lob an das Kampnagel-Team!

Kim Noble: Lullaby for Scavengers

Zum Einstieg hatte ich mir Kim Nobles “Work in Progress” in der K2 ausgesucht. Innerhalb von Minuten wurde mir klar, dass ich unter einem “traurigen und feinsinnigen Comedy-Abend” etwas vollkommen anderes verstehe als die Verfasser des Programmtextes. “Traurig” stimmte, “feinsinnig” immerhin noch phasenweise, aber wer “Comedy” erwartet hatte, konnte nur enttäuscht werden. Ebenso, wer sich durch András Siebolds Teaser “für alle Menschen, die sich für Sex mit Eichhörnchen interessieren, ist das das Stück der Stunde” motivieren ließ. Zentrale Themen des Programms waren Einsamkeit, Tod und Vergänglichkeit. Bei seiner ganz eigenen Art der Vermittlung sparte Noble nicht an Ekelfaktoren, Verstörungen und Absurditäten und schreckte auch nicht davor zurück, Filmaufnahmen seines augenscheinlich todkranken und dementen Vaters zu verwenden. Eigentlich überhaupt nicht mein Geschmack. Nichtsdestotrotz hat es mich berührt und im Nachgang noch lange beschäftigt.

Sebastian Quack & Team, Imagine the City: BOTBOOT Launch

Als hätte es noch eine Bestätigung gebraucht: Ich bin keine Gamerin und werde in diesem Leben wohl auch keine mehr. Die Idee hinter BOTBOOT ist toll, zugegeben, aber die Umsetzung fand ich halbgar und teilweise verwirrend. Der mittelmäßig vorbereitet bis chaotisch wirkende Launch auf der Waldbühne des Avant-Garten trug vermutlich dazu bei, aber auch so hat mir fürs Weiter- oder gar Durchspielen Motivation und Geduld gefehlt.

Carsten “Erobique” Meyer

Ein Improvisator vor dem Herrn. Großer Spaß auf der Kanal-Bühne. Eines von insgesamt drei Festival-Highlights.

Nesterval: Der Willy Brandt-Test

Das zweite Festival-Highlight und ein perfektes Beispiel dafür, dass das Verlegen ins Netz beziehungsweise nach Zoom nicht zwingend eine Einschränkung bedeuten muss. Unter normalen Umständen hätte es wohl keine Teilnehmer aus verschiedenen Städten in einer Session gegeben und auch keine Hybrid-Situation vor Ort in Hamburg: Zwei Schauspieler in Containern dort, der Rest des Teams in diversen Heimbüros. Mit Kreativität und entsprechendem Aufwand geht so viel mehr als eine bloße Frontalbespielung – das darf gerne bleiben, auch nach COVID-19. Was den Inhalt betrifft, wie sieht es da aus, ist spoilern mittlerweile erlaubt? Na, ich machs mal lieber nicht. Nur soviel: Man ist als Tester:in und Teil des Publikums deutlich involvierter, als man noch bis kurz vor Schluss denkt. Ich habe einmal online auf dem heimischen Sofa teilgenommen und danach die Abschlussdiskussion einer zweite Runde auf Kampnagel am Bildschirm verfolgt. In dieser Reihenfolge, also nach der aktiven Ersterfahrung, war das passive Zuschauen ein besonderes Fest. Kurzum: Sehr gerne wieder Nesterval!

Gob Squad: Show me a good time

Eine Niete ist ja auch immer dabei. Dieses Jahr war es “Show me a good time”. Ich hatte mich für die Live-Version in der K2 entschieden, was sich als kapitaler Fehler herausstellte. Das lag in erster Linie an Bastian Trost in der Rolle des Moderators, dem nach zahlreichen Belanglosigkeiten allen Ernstes nichts Besseres einfiel, als mit dem trotz aller wissenschaftlicher Erkenntnis per Stand heute immer noch unkalkulierbaren Restrisiko der Hallensituation zu kokettieren. Hat geklappt bei mir, herzlichen Glückwunsch! Aber auch die übrigen Charaktere des Szenarios überzeugten wenig, sie wirkten ebenso aufgesetzt wie planlos. Mit einer Ausnahme: Simon Will. Seine Reise hätte ich gern noch weiterverfolgt, allerdings nicht um den Preis, mich mit Sharon Smiths Pseudo-Wicca-Ritualen und dem dräuenden Einsetzen der Menstruation von Wie-hieß-sie-noch-gleich auseinandersetzen zu müssen. Ich nutzte die Pause zur Flucht.

Das verschaffte mir Zeit und Gelegenheit, um mich den Dauerbespielungen innerhalb des Avant-Garten-Programms und der Ausstellung in der Vorhalle zu widmen:

Das Peng! Kollektiv: Klingelstreich beim Kapitalismus

Über Verlauf und Ergebnisse der Aktion konnte (und kann) man sich zwar besser im Netz informieren als an der vor Ort installierten Telefonzelle, aber ich verteile einen Sonderpluspunkt für die schöne Präsentationsidee! Apropos, weiß die Jugend von heute überhaupt noch, was ein (Telefon-)Klingelstreich ist oder muss man das schon erklären? Ich fürchte ja letzteres…

JAJAJA: Radio Atopia

Hat mich nicht überzeugt, was aber auch am DJ des Abends gelegen haben kann. Technisch betrachtet hätte man auf alle Fälle an Sound und Lautstärke noch arbeiten können: Für meine Ohren wars zu dumpf-dröhnend. Und viel zu laut.

Marlene Monteiro Freitas: Cattivo

Das dritte Festival-Highlight!

Cattivo

Cattivo

Faszinierend, was man alles mit Notenständern ausdrücken kann.

Cattivo

Cattivo

Über die dritte Festival-Woche kann ich nichts berichten, da war ich an der Nordsee unterwegs. Natürlich hätte ich gerne mindestens noch Chilly Gonzales in der K2 gesehen, aber irgendwie kamen wir auch in diesem Jahr wieder nicht zusammen. Davon abgesehen hätte zwischen mir und dem Konzerterlebnis ja auch noch die zugunsten von Medical Volunteers International e. V. veranstaltete Ticket-Lotterie gestanden, denn Platz gab es nur für zweimal 100 Personen. Eine reichlich unsichere Bank.

Aber was hilfts. Neuer Versuch im nächsten Jahr!

Back to live

Irgendwie ist sie dann doch abgerissen, meine “The Show must go online“-Serie. Nicht, dass es keinen Stoff mehr gegeben hätte – Fortsetzung ausdrücklich nicht ausgeschlossen! Aber die Luft war raus. Abgesehen davon gibt es ja inzwischen auch wieder Livekonzerte, darunter auch in Formaten, die ich für verhältnismäßig sicher halte. Das ist natürlich nur meine ganz persönliche Risikobewertung. Die Schwelle liegt da verständlicherweise bei jedem etwas anders.

Das allererste Kultur-Event nach ziemlich genau fünf Monaten war die “Corona Summer Night Open Air Special” in beziehungsweise draußen vor der Fischhalle Harburg mit dem Duo Ulrich Kodjo Wendt & Yogi Jockusch.

Man kann das wohl “Weltmusik mit Hamburg-Einschlag” nennen, was die beiden Herren da abgeliefert haben. Absolut perfekt für die Location! Eine wunderschöne Stimmung ist das da unten am Harburger Binnenhafen, momentan noch zusätzlich aufgehübscht durch die coronabedingt an ihrem Winterliegeplatz aufliegende “Fritjof Nansen“. Dummerweise ist es für mich ein bisschen weit mit dem Fahrrad, die An- und vor allem die spätabendliche Abreise mit Bahn und Bus Richtung Barmbek gestaltet sich umständlich und Moia fährt auch noch nicht in Harburg. Wen das nicht schreckt oder wer näher dran ist: Die “Corona Summer Night(s)” gehen weiter, Termine findet man auf der Webseite der Fischhalle und bei Facebook. Empfohlender Dresscode: langes Beinkleid, der Mücken wegen.

Ich hatte bereits mehrfach davon berichtet und auf Hamburg-Termine gehofft, inzwischen ist es soweit: Die 1:1 Concerts gibt es jetzt auch mit Musikern der jungen norddeutschen philharmonie. Spielorte sind unter anderem das Büchereck Niendorf und bouquet HÜTE in Eimsbüttel.

Vergangenen Dienstag hat Cellist Felix Jedeck für mich Werke von Siegfried Barchet und Johann Sebastian Bach gespielt. Zu den Regeln des Formats gehört, dass Musiker und Zuhörer nur mit Blicken und Gesten kommunizieren dürfen. Wahrscheinlich wäre mir aber nach diesen zehn intensiven Minuten außer einem tief empfundenen “Danke” spontan eh nicht viel eingefallen und die beinahe unvermeidlichen drei bis vier Tränchen habe ich mir auch erst vor der Tür verdrückt. Unverständlicherweise sind zurzeit noch viele Termine frei. Daher ergeht hiermit der Aufruf an alle Hamburger und Hannoveraner: hin da! Das ist ein in jeder Hinsicht besonderes Musikerlebnis und dient obendrein einem guten Zweck – what’s not to love?!

Apropos intensiv: Gestern hat Martin Kohlstedt auf dem Lattenplatz vor dem Knust Hamburg gespielt. Ich kenne einen großen Teil der Hamburg-Geschichte und kann daher mit einiger Sicherheit behaupten: Elbphilharmonie hin, Laeiszhalle her, das gestern war ein ganz spezieller Trip. Worte zu finden ist eigentlich unmöglich, da scheitere ich ebenso zuverlässig wie krachend, das versuche ich normalerweise erst gar nicht (mehr). Aber vielleicht kann “Ausnahmezustand trifft (Hamburg-)Reprise” als halbwegs hinreichende Annäherung dienen. Und den GewandhausChor habe ich zwischen den Zeilen auch immer noch hören können.

Zu besonderen Atmosphäre wird auch das Wetter beigetragen haben: Die Serie von Wolkenbrüchen begann kurz vor dem Einlass und dauerte exakt bis zum Ende des Sets. Ich konnte nicht umhin, mich an eine nicht unähnliche Konzertsituation im August vor sechs Jahren erinnert zu fühlen. Damals ergoss es sich über dem Dockville und zwar haargenau während der Timeslots, die für die Auftritte von Nils Frahm und Ólafur Arnalds vorgesehen waren. Ob dieser Umstand auf der Bühne zu Ausnahmezuständen geführt hat, vermag ich nicht zu beurteilen. Aber an das, was dabei mit der Novizin (nämlich mir) vor der Bühne passiert ist, kann ich mich noch sehr gut erinnern. Im Grunde jage ich eben diesem Zustand bei jedem einzelnen Livekonzert, welches ich seither besucht habe, immer wieder neu nach. Manchmal stimmt das Timing, innen wie außen, und ich erwische zumindest ein Bruchstück davon. Gestern war so ein Tag.

Schnitt.

Der Titel dieses Beitrags, die Älteren werden sich eventuell erinnern, ist übrigens eine Anspielung auf “Back to Life (However Do You Want Me)” von Soul II Soul aus dem Jahr 1989. Das waren die ersten Klänge, die ich am letzten Wochenende auf der “Piazza” des Internationalen Sommerfestivals auf Kampnagel vernahm. Ein weiterer Beweis dafür, dass die Retrowelle inzwischen die 90er erreicht hat, aber das nur nebenbei. Ich war da gerade auf dem Weg zu meiner ersten Kulturveranstaltung in geschlossenen Räumlichkeiten unter Coronabedingungen. Mit sehr gemischten Gefühlen. Wie das ausging und überhaupt das Sommerfestival insgesamt, hole ich nach. Vorher muss ich nämlich ganz dringend noch ein paar Tage Nordseeluft schnuppern.

Theater, Theater: “Lungs” im Old Vic

Ich bin in London! Im Theater! Also, quasi.

Immerhin, Claire Foy und Matt Smith stehen zu einem festgelegten Zeitpunkt gemeinsam und live auf der Bühne des Old Vic und mir ist es wundersamerweise gelungen, ein Ticket für die Premiere zu ergattern. “Lungs” gefällt mir sehr gut und ich hätte wohl keine Gelegenheit bekommen, dieses Stück zu sehen, wäre es eine reguläre Vorstellung gewesen. Wohl nur in der “In Camera”-Version hat die “Socially distanced”-Inszenierung so gut funktionieren können: Auf Foy und Smith konzentriert sich je eine Kamera und alle Szenen, in denen sich die beiden eigentlich nahe bis sehr nahe hätten kommen müssen, werden als Splitscreen-Komposition zusammengeschnitten. Dazu ein erhöhtes Tempo und fertig ist die nahezu perfekte Illusion.

Für einen substantiellen Abzug in der B-Note sorgt jedoch das Werkzeug, nämlich die Übertragung per Zoom. Die Bildqualität kann man höchstens als mäßig bezeichnen, Bild und Ton sind zeitweise nicht synchron und diversen Facebook-Kommentaren zufolge haben nicht wenige Ticketinhaber mit erheblichen technischen Schwierigkeiten zu kämpfen. Alle Kameras und Mikros der Zuschauer sind verständlicherweise deaktiviert, bleiben es aber auch nach Ende des Stücks. Simuliert man im Vorlauf noch mit Gemurmel, Geklingel und Ansagen Theateratmosphäre, wird das Publikum unmittelbar nach dem Abspann kurzerhand aus dem Meeting geworfen. Die Euphorie verpufft. Der Applaus kann nirgendwohin. Die Illusion ist zerstört.

Es ist Freitag Abend und ich sitze nicht im Londoner Old Vic, sondern auf meinem Sofa in Barmbek. Ich werde nicht das Theater verlassen, zum Themseufer und über die Golden Jubilee Bridge zur Haltestelle Embankment schlendern, mit der Tube zu meinem Quartier fahren und am nächsten Tag die Entdeckung meiner Lieblingsstadt in einem anderen Viertel fortsetzen. Ich kann nicht einmal sicher sein, ob das Old Vic oder irgend eines der anderen Theater noch existiert, wenn ich das nächste Mal in London bin. Wann immer das sein wird.

Keine schöne Vorstellung.

The Show must go online (11)

Schnellen Schrittes geht es auf Mittsommer zu. Höchste Zeit, sich dem Thema Festivals zu widmen.

Die bekanntermaßen bis Ende August größenteils nicht in gewohnter Form stattfinden können – den neuesten Meldungen zufolge sogar bis Ende Oktober nicht.

In ungewohnter Form, nämlich bei ARTE und online, geht daher an kommenden Wochenende das Hurricane an den Start.

Bereits am 9. Juni hatte das Team des Schleswig-Holstein Musik Festivals den “Sommer der Möglichkeiten” ausgerufen. Auch hier ist ein Mix aus TV- und Radioübertragungen, Onlineangeboten sowie – sofern möglich – einzelnen Live-Konzerten geplant. Das Eröffnungsfest wird am 5. Juli 2020 auf 3sat (20:15 Uhr) und NDR Kultur (20:05 Uhr) übertragen. Daniel Hope wird ebenfalls wieder dabei sein – “Hope@Home” ist mittlerweile “on Tour” gegangen. Was mich in diesem Zusammenhang besonders freut: Auch Klarinettist und Jazzpianist Ilja Ruf zählt zu den Gästen des Lübeck-Musikfests. Sein erfolgreicher Auftritt beim Auswahlkonzert für den “Steinway Förderpreis Jazz” im November 2017 hatte mich nachhaltig beeindruckt. Nicht zuletzt deshalb, weil Ruf dieses im zarten Alter von gerade einmal 16 Jahren und einer beneidenswerten Souveränität bestritt.

Der NDR hat in der Zwischenzeit einen weiteren Aktionstag ausgerufen: Unter dem Stichwort “Kultur trotz Corona – Der Festivalsommer” zeigt das NDR-Fernsehen vom 20. auf den 21. Juni 2020 eine lange Nacht der Festivals. Auf NDR.de wird dazu am 19., 20. und 21. Juni 2020 jeweils ab 14 Uhr Archivmaterial gestreamt. Das Thema Festival bleibt über das Aktionswochenende hinaus bis in den September auf NDR.de präsent.

Kein Festival, aber zweifelsohne eine Besonderheit unter den Corona-Livestreams wird das “Concierto para el Bioceno” werden, welches am 22. Juni 2020 ab 17 Uhr auf dem YouTube-Kanal von des Gran Teatre del Liceu in Barcelona verfolgt werden kann. Das Konzert wird nämlich vor rund 2.300 Topfpflanzen aufgeführt, die anschließend als Dankeschön an Beschäftigte des Gesundheitswesens gespendet werden. Auf dem Programm steht das Streichquartett “Crisantemi” von Giacomo Puccini. Mein aus Heimarbeitsgründen aus dem Büro evakuierter Ficus und ich gucken bestimmt mal rein.

The Show must go online (10)

Hatte ich eigentlich erwähnt, dass die “Harry Potter”-Vorstellung in London, für die ich eine Karte hatte, inzwischen abgesagt wurden? Nein? Immerhin war das Geld in Rekordzeit zurück auf meinem Kreditkartenkonto. Den Hauptteil davon habe ich eh längst in die britische Theaterlandschaft reinvestiert – passt also. Mit den Philharmonikern bin ich ebenfalls quitt – das war vorbildlich! -, aber auf die Erstattungen der Elbphilharmonie warte ich noch immer und von Ticketmaster fange ich besser gar nicht erst an.

Indes fordert die anhaltende Veranstaltungsmisere die ersten Opfer in Hamburg: Die Theaterkasse Schumacher, älteste Vorverkaufsstelle der Hansestadt, wird im 117. Jahr ihres Bestehens das “Geschäftsfeld ‘Vermittlung und Verkauf von Eintrittskarten’ ab dem 30. Juni 2020 weitestgehend einstellen.”

Aber es gibt auch hoffnungsfrohe Nachrichten. Die Initiatoren von “Keiner kommt – alle machen mit” legen nach: “Eine(r) kommt, alle machen mit” soll “ein Ständchen für die Helfer*innen werden” und kommt am 18. Juni 2020 als Streaming-Live-Show aus der Elbphilharmonie, zu sehen unter anderem beim Stern, der Mopo und auf hamburg.de.

Die Hamburger Symphoniker haben sich derweil Gustav Mahlers “Lied von der Erde” vorgenommen und präsentieren unter dem Titel “Die liebe Erde allüberall” zwischen dem 20. und 28. Juni 2020 an sechs Abenden auf www.symphonikerhamburg.de musikalische Collagen live aus der Laeiszhalle, flankiert von philosophisch-poetischen Kommentaren, Videokunst und einer durch künstliche Intelligenz geschaffenen Bildwelt. Am letzten Abend wird “Das Lied von der Erde” selbst aufgeführt – coronagerecht von 16 Musikern in der Kammerorchesterfassung von Schönberg/Riehn. Zu den musikalischen Gästen zählen unter anderem Martha Argerich und Andrei Ioniță.

Auch für den Fall, dass der eine oder die andere genervt mit den Augen rollt, aber ich muss an dieser Stelle noch ein weiteres Mal die Werbetrommel für National Theater at home rühren. Vorgestern wurden die vorerst letzten fünf Termine angekündigt, darunter auch “A Midsummer Night’s Dream” in einer Produktion des Bridge Theatre mit Gwendoline Christie als Titania. Ich hatte letztes Jahr bereits im Rahmen der Reihe “English Theatre” im Savoy das Vergnügen und kann die Inszenierung daher aus voller Überzeugung empfehlen. Wer sich von euch für (englisches) Theater, Shakespeare im Allgemeinen, den “Sommernachtstraum” im Speziellen oder Gwendoline Christie interessiert (Mehrfachnennungen möglich): unbedingt anschauen! Wer sich in dieser Auflistung nicht wiedergefunden haben sollte, aber einigermaßen der englischen Sprache mächtig ist: Guckt einfach mal rein und ihr versteht vielleicht, warum ich von dem Thema nicht lassen kann. Die Premiere ist am 25. Juni 2020 um 20.00 Uhr (MESZ) und der Stream danach noch für eine Woche auf dem YouTube-Kanal des National Theatre abrufbar.

Aus Folge 9 dieser Serie möchte ich noch nachtragen, dass Mark Haddon das Reh (den Hirsch?) in seiner Graphic Short Story “Social Distance” definitiv nicht als Patronus gedacht hat. Das war meine Phantasie, nicht seine. Ich habe es aus erster Hand: Er schrieb mir auf Twitter. Ein Grund, warum ich das liebe, was man gemeinhin Social Media nennt (und immer fleißig die Blogbeiträge in den diversen Kanälen verlinke).

The Show must go online (9)

Allen Lockerungen zum Trotze: Die Kontaktbeschränkungen wurden verlängert und die Kultur steht weiterhin mehrheitlich auf “Pause”. Dennoch hat diese Woche unter der Tagline “Vorfreude klang nie schöner” der Vorverkauf zur nächsten Elphi-Spielzeit begonnen – der Tradition folgend zunächst mit einem Zusammenbruch des Online-Buchungssystems.

Deutlich unschöner ist in diesem Zusammenhang jedoch, dass Konzert- und Theaterkassen dieses Mal keine Kartenkontingente für Veranstaltungen der HamburgMusik gGmbH und der Konzertdirektion Dr. Rudolf Goette (ProArte) erhalten haben. Bei allem Verständnis für die nachvollziehbaren Gründe dieser Aktion – bessere Kontrolle des Kartenverkaufs beziehungsweise einer gegebenenfalls notwendigen Rückabwicklung, Einführung des “Bestelle jetzt, zahle erst dann, wenn sicher ist, dass das Konzert auch stattfindet”-Prinzips (zumindest bei der HamburgMusik gGmbH) – wird da ein Glied der kulturellen Nahrungskette im Stich gelassen, das zweifelsohne ebenfalls schwer unter den Folgen der Krise zu leiden hat. Mir tut es insbesondere für die Theaterkasse Schumacher leid, die mir mit ihrem Elphi-Sondernewsletter und dem dazugehörigen Service in der Vergangenheit mehrfach Zutritt zu eigentlich längst ausverkauften Veranstaltungen verschaffen konnte. Vollkommen legal, versteht sich. Ab jetzt und bis auf Weiteres keine Selbstverständlichkeit mehr.

So oder so, das Spielzeitprogramm ist Zukunftsmusik im Wortsinne. Mit hohem Unsicherheitsfaktor.

Zurück zum hier und jetzt.

Die #1to1concerts erwähnte ich bereits in Folge 7 dieser Reihe und hoffte schon damals auf Nachahmer. Und siehe da: Berlin, Dresden, Marbach und Erfurt haben sich mittlerweile angeschlossen und zwar mit der Staatskapelle Dresden, der Dresdner Philharmonie, dem Philharmonischen Orchester Erfurt und in Berlin mit einem Musikerteam aus verschiedenen Ensembles. Wann kommt Hamburg?

Wobei die Hamburger Orchester keineswegs untätig sind. So spielen Musiker des Philharmonischen Staatsorchesters beispielsweise im Rahmen des Formats “Philharmoniker to go” für Menschen in Senioren- und Pflegeeinrichtungen. Umsonst, draußen und selbstverständlich unter Einhaltung der Abstandsregeln.

Übrigens, Stichwort Hamburg, ich habe da eine Streamingreihe übersehen und gar keine kleine: die Corona-Konzerte des Hamburger Abendblatts nämlich. Das ist mir ein bisschen peinlich. Dankenswerterweise sind alle Folgen noch bei YouTube abrufbar.

Eine anderes Streamingangebot kam an dieser Stelle dagegen schon mehrfach zu Ehren: National Theatre at home. Das ist nicht ohne Grund die Initiative, für die ich bisher am fleißigsten gespendet habe. Die Summen, die da aus aller Welt jeweils zusammenkommen, sind teilweise ganz ordentlich, aber natürlich bei weitem nicht ausreichend, um den Laden dauerhaft über Wasser zu halten. In Großbritannien schießen inzwischen auch die ganz renommierten Institutionen rot, darunter Royal Albert Hall, National Theatre, Royal Shakespeare Company und Royal Opera House. Alles Häuser und Ensembles, die anders als vergleichbare Einrichtungen in Deutschland keine regelmäßigen Subventionen der öffentlichen Hand erhalten. Nicht nur angesichts des politischen Vollchaos, was momentan jenseits des Ärmelkanals tobt, wird das Unvorstellbare allmählich erschreckend wahrscheinlich: “If this goes on much longer, it’s hard to imagine any theatre surviving”.

Auch das Old Vic gehört zu den gefährdeten Stätten und reagiert mit einem eigenen Format namens “in Camera”. 1.000 Tickets zu Preisen zwischen £10 und £65 sollen je Vorstellung erhältlich sein. Das erste Stück der Reihe, “Lungs” mit Claire Foy und Matt Smith, wird dazu in einer “Socially distanced”-Version vor leerem Saal aufgeführt.

Aus dem “Guardian” habe ich noch eine Graphic Short Story von Mark Haddon (“Supergute Tage oder Die sonderbare Welt des Christopher Boone”) aufgepickt: “Social Distance”. Wahrscheinlich ist das da in der Geschichte gar kein Reh (oder Hirsch), sondern ein Patronus.

Eine Vermutung, die mich direkt zu J. K. Rowling bringt: Die “Harry  Potter”-Autorin veröffentlicht ab 26. Mai 2020 ihr neues Kinderbuch “The Ickabog” kapitelweise im Internet, noch vor dem offiziellen Erscheinungstermin im November. Parallel dazu läuft eine “Illustration Competition” für Kinder im Alter zwischen sieben und zwölf Jahren. Einige der ersten auf Twitter gezeigten Beiträge sehen vielversprechend aus!