Januar

Ich habe beschlossen: Auch im mittlerweile nicht mehr ganz so neuen Jahr wird es vorerst beim monatlichen Blogrhythmus bleiben. Der hat sich in den letzten Monaten bewährt.

Der Januar, ein normalerweise gefühlt ewig langer Monat, ist irgendwie ganz schön schnell vorbei gewesen. Was den Besuch von Musik- und Kulturevents angeht, habe ich es aber vergleichsweise langsam angehen lassen. Man muss ja nicht gleich in den ersten vier Wochen des Jahres sein ganzes Pulver für den restlichen Winter verschießen. Der ja noch dauern wird: Sechs weitere Wochen hat uns Punxsutawney Phil am Murmeltiertag vorhergesagt.

Olivia Trummer in der Klangmanufaktur

Der erste Konzertbesuch des neuen Jahres führte mich in die Klangmanufaktur. Die Reihe „Kohärenzen“ funktioniert ein bisschen so wie die „Blind Dates“ in der Elbphilharmonie. Man weiß also vorher nicht, was man bekommt. Bisher hatte ich dort ausschließlich Klassik gehört; mit dem Auftritt von Olivia Trummer erlebte ich nun meinen ersten Jazz-Abend in der Werkstatt. Wobei sich auch zu dieser Gelegenheit die Klassik einschlich, vor allem in Gestalt von Johann Sebastian Bach. Das kann gutgehen, muss aber nicht. Hier ging es richtig gut: Eine derart ausgefeilte Fusion von Bachstücken mit Jazzklängen ist mir noch nicht untergekommen. Eine nicht unwesentliche Rolle mag dabei gespielt haben, dass Frau Trummer den Bach wohl auch pur überzeugend hätte vortragen können.

Eines der allerschönsten Stücke der Setlist war jedoch das Cover von Stings „Fragile“.

„Tod in Venedig“ von John Neumeier in der Staatsoper

Im Ballett bin ich ewig nicht gewesen (wenn man den Adventskalender im Foyer der Staatsoper nicht mitzählt). Nun gibt es aber neuerdings statt der einzelnen Newsletter für Ballett, Staatsorchester und Oper einen Staatsoper-Gesamtnewsletter, über diesen Gesamtnewsletter werden Tickets ausgewählter Vorstellungen zum halben Preis angeboten – „Ticketdeal“ nennt sich das – und unter den angebotenen Veranstaltungen war auch die Wiederaufnahme von John Neumeiers „Tod in Venedig“.

In meinem Fall ist die Rechnung der „Ticketdeal“-Erfinderinnen und -Erfinder voll aufgegangen: Das war der perfekte Köder; ich werde künftig öfter ins Ballett gehen müssen. Allerdings ist der „Tod in Venedig“ aber auch wirklich ein phantastisches Stück. Ich habe außerdem genossen, mal nicht ständig darüber rätseln zu müssen, was uns der Künstler mit der Inszenierung sagen will: Jeder, dem die Story der Thomas Mann-Novelle in groben Zügen bekannt ist und der bei der Einführung aufgepasst hatte, konnte der Umsetzung in die Ballettform problemlos folgen. Stattdessen konnte ich mich entspannt auf Feinheiten und Ausführung konzentrieren, vor allem auf die beeindruckenden (um nicht zu sagen: bewegenden) Performances von Edvin Revazov als Gustav Aschenbach und Caspar Sasse als Tadzio.

„Insight Cello“ bei Geigenbau Schellong Osann (Elbphilharmonie)

Auch ich finde ja immer noch Perlen im Elbphilharmonie-Programm, die sich erst auf den zweiten oder dritten Blick erschließen. Zum Beispiel die „Insight“-Reihe, die sich jeweils auf ein Instrument konzentriert und dort stattfindet, wo mit diesem Instrument gearbeitet wird. Bei „Insight Cello“ war dies Showroom und Werkstatt von Geigenbau Schellong Osann am Kaiserkai, unweit des Konzerthauses selbst.

Bei Geigenbau Schellong Osann am Kaiserkai
Bei Geigenbau Schellong Osann am Kaiserkai

Auf der winzig kleinen Bühne saßen „Rising Star“ Valerie Fritz (Violoncello), Goran Stevanovich (Akkordeon), Hausherr Nikolaus Osann und Moderatorin Anne Kussmaul. Während Cellistin und Akkordeonist sich versiert im Beantworten der Fragen und der eigenen Präsentation zeigten, blieb Nikolaus Osann zunächst einsilbig, um dann im Laufe der Veranstaltung sichtlich aufzutauen und mehr und mehr aus dem Nähkästchen zu plaudern. Davon hätte ich sehr gerne noch sehr viel mehr gehört. In der Kürze der Zeit lernte ich unter anderem immerhin, wieviel ein guter Bogen ausmacht und dass man die drei Millionen Euro eben doch hört, die das von Valerie Fritz gespielte Instrument, angefertigt anno 1744 in der Werkstatt von Giovanni Battista Guadagnini, nach Schätzung von Herrn Osann wohl ungefähr wert ist. Leider sind die „Insight“-Termine meist schnell ausgebucht – nicht nur sind die Kapazitäten teils sehr begrenzt, die Tickets sind auch vergleichsweise günstig. Trotzdem, es lohnt sich, ein Auge darauf zu haben.

„ARENDT. DENKEN IN FINSTEREN ZEITEN“ im Thalia Theater

„Mehr Theater“ hatte ich mir unter anderem fürs neue Jahr vorgenommen und diesen Vorsatz gleich noch im alten Jahr mit einem Kauf einer Karte für „ARENDT. DENKEN IN FINSTEREN ZEITEN“ mit Corinna Harfouch in der Titelrolle ausgeführt. Seit der Vorstellung hatte ich ausgiebig Zeit, über das Gesehene und Gehörte nachzudenken. Fakt ist nämlich, dass mir das Stück nicht besonders gefallen hat. Ich weiß aber nicht genau, warum. Bis heute nicht. Auch das Lesen der teils wohlwollenden, teils vernichtenden Kritiken hat mir nicht dabei helfen können. Falls mir zu einem späteren Zeitpunkt noch etwas dazu einfallen sollte, reiche ich es nach.

Brandee Younger Trio in der Elbphilharmonie

So richtig konnte ich mir die Harfe vor dem Konzert des Brandee Younger Trio im Großen Saal der Elbphilharmonie nicht als Jazzinstrument vorstellen.

Das gelingt mir nun nach dem Konzert erheblich besser. Nur eines hat mich gestört: Brandee Younger hat kaum eine Pause zugelassen und nahezu jede Lücke ihrer Parts mit Arpeggios gefüllt. Weniger wäre an manchen Stellen in meinen Augen (und Ohren) mehr gewesen. Aber das ist wahrscheinlich auch Geschmackssache.

„Die Unruhenden“ von Christoph Marthaler in der opera stabile (Staatsoper)

Eine Premiere, eine Premiere! Mein erstes Mal in der opera stabile. Und dann gleich ein Marthaler! Der Abend stand indes noch bis ungefähr eine halbe Stunde nach dem eigentlichen Vorstellungsbeginn auf der Kippe, weil eine der Hauptdarstellerinnen mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen hatte. Die rund 110 Zuschauerinnen und Zuschauer harrten dennoch unbeirrt aus. Mit Johannes Harneit betätigte sich der musikalische Leiter höchstselbst als Pausenfüller und studierte mit dem Publikum im Schnellverfahren den Anfang des Schlusschors der Auferstehungssinfonie von Gustav Mahler ein: „Auferstehen, ja auferstehen wirst du, mein Staub, nach kurzer Ruh!“. Zeilen, die uns in dem Stück „Die Unruhenden“, das mit einer Verspätung von circa 45 Minuten schließlich doch noch gestartet werden konnte, mehrfach wiederbegegnen sollten.

Mir war aufgefallen, wie sehr in der Einführung – noch eine Premiere: im Chorsaal der Staatsoper! – die Wichtigkeit des Überwindens von Hörerwartungen und -gewohnheiten gerade im Zusammenhang mit Mahler betont worden war. Dabei hätten eventuell enttäuschte Zuhörende schlicht auf den Untertitel achten müssen: „Ein Abend in Zimmerlautstärke“. Oder auch weniger als das: Man musste zeitweise schon ziemlich die Ohren spitzen, um das minimal besetzte Fernorchester überhaupt hören zu können. Den drei oder vier Flüchtenden unterstelle ich aber eher eine Marthaler-Inkompatibilität und ich gebe zu, selbst mir als Fan ist das Stück ein bisschen arg lang vorgekommen. Dabei werden aber auch die speziellen Umstände eine Rolle gespielt haben. Wir saßen da immerhin rund drei Stunden an einem kleinen, mittelgut belüfteten Ort auf mittelbequemen Stühlen und das Dargebotene erforderte eine Konzentration, die zu späterer Stunde vielleicht nicht mehr jede und jeder hat aufbringen können. Hilfreich wäre auch das Studium des Programmhefts vor der Vorstellung gewesen. In diesem erfährt man nämlich unter anderem, dass „Die Unruhenden“ nicht als Abend über Gustav Mahler, sondern als Abend mit der Musik von Gustav Mahler konzipiert ist. Ein himmelweiter Unterschied. Apropos Programmheft: In dem hat mich das Kapitel „Statt Handlung“ beziehungsweise eben diese Überschrift irritiert. Weil ich nämlich eine Handlung erkannt zu haben glaube. Vielleicht habe ich aber bloß erkannt, was ich erkennen wollte? Knifflig. Aber die gute Sorte knifflig.

„Die Unruhenden“ ist übrigens als Auftakt einer Reihe über die sogenannten eigenschöpferischen Intendanten und Generalmusikdirektoren der Hamburgischen Staatsoper gedacht, die den 350. Geburtstag des Hauses im Jahr 2028 vorbereiten sollen. Ich bin gespannt auf die weiteren Teile.

Dezember

Nein, das ist noch nicht der Jahresrückblick! Ich muss ja erst noch auf den Dezember zurückblicken.

Nachgeholt aus dem November habe ich zunächst das Ende von „Sie sagt. Er sagt.“, indem ich mir die DVD mit der 2024er ZDF-Verfilmung bei der Bücherhalle auslieh. Eigentlich hatte ich „Auflösung“ statt „Ende“ schreiben wollen, aber eine Auflösung ist das Ende nicht wirklich – irgendwie unbefriedigend alles, wobei es sich aber mutmaßlich um den gewünschten Effekt handelt. Ich fand das Stück auch in der Filmversion noch fad, nur halt nicht so furchtbar schlecht gespielt. Hätte die Filmbesetzung auf der Bühne der Hamburger Kammerspiele gestanden (beziehungsweise gesessen), wäre ich wahrscheinlich nicht in der Pause geflüchtet.

Das allererste Dezember-Live-Event wäre „Schwanensee“ von Christoph Marthaler gewesen – der dritte Teil der im November-Beitrag bereits erwähnten Trilogie. Leider musste die Veranstaltung krankheitsbedingt ausfallen. Ich nutzte die ungeplante Abendfreizeit für den Besuch des Adventskalenders der Staatsoper. Das ist eine schon ältere Einrichtung: Vom 1. bis 23. Dezember wird jeden Tag im Foyer eine „künstlerische Kostbarkeit“ präsentiert; werktags um 16:30 und sonntags um 12:00 Uhr. Der Eintritt ist frei, um Spende wird gebeten (in diesem Jahr für die Deutsche Muskelschwundhilfe). Am fraglichen Nachmittag wurde das jeweils ungefähr zwanzig- bis dreißigminütige Programm vom Bundesjugendballett gestaltet. Der Andrang war groß, selbst ein vergleichsweise frühes Kommen sicherte mir keinen regulären Sitzplatz. Trotzdem oder gerade deswegen: Eine schöne Stimmung ist das da! Nur die Vorderhauscrew schien leicht gestresst.

Tags drauf war ich bei Art’n’Voices im Kleinen Saal der Elbphilharmonie. „Christmas at Sea“, der Titel des Programms, erwies sich indes als Etikettenschwindel. Es gab zwar jede Menge Weihnachtslieder, aber der „Sea“-Bezug erschloss sich mir nicht, außer vielleicht bei „Ave Maris Stella“ und „Es kommt ein Schiff geladen“. Aber das verblasste angesichts der teils spektakulären Arrangements der interpretierten Stücke.

Das war meine erste Begegnung mit zeitgenössischer polnischer Vokalmusik und ich weite diese Bekanntschaft gerne bei Gelegenheit aus.

Im letzten Jahr feierte ich meine  Weihnachtsoratorium-Premiere. Einige Tage zuvor hatte ich im hiesigen Regionalfernsehen einen Beitrag über eine urbane Hausmusik-Version des Werks von und mit dem ensemble resonanz gesehen. Das schien mir eine logische Fortsetzung der im Michel begonnenen Reihe zu sein, weswegen ich mir zeitig ein Ticket für den 2025er Termin sicherte.

Die Version mit dem goldenen Esel hat mich vollumfänglich überzeugt. Mehr noch, ich möchte das eigentlich gar nicht mehr anderes hören. Besonders fasziniert war ich von Michael Petermann an den Vintage Keyboards. Wahrscheinlich auch, weil ich ihm aus der Loge 2 im 1. Rang so schön auf die Finger gucken konnte.

Weihnachtsoratorium in Wohnzimmeratmosphäre
Weihnachtsoratorium in Wohnzimmeratmosphäre

Da habe ich also schon im zweiten Anlauf „meine“ Weihnachtsoratoriums-Variante gefunden! Deren Besuch werde ich nun nach Möglichkeit zu einer ständigen Einrichtung erheben. Damit bin ich nicht allein: Der resonanzraum ist schon lange nicht mehr groß genug für das Event und auch die Laeiszhalle war in diesem Jahr schon sehr gut gefüllt. Im nächsten Jahr wird folgerichtig gleich es zwei Termine geben, am 16. und am 18. Dezember. Der Vorverkauf hat bereits begonnen.

Der Name Thorsten Nagelschmidt war mir nicht geläufig, aber irgendwo habe ich das Gesicht schon gesehen. Es fällt mir nur nicht ein, wo. Dagegen ist Lambert mir natürlich ein Begriff und der Ankündigungstext des gemeinsamen Auftritts unter dem Titel „Nur für Mitglieder“ auf Kampnagel reichte mir, um ein Ticket zu erwerben. Ich würde die Veranstaltung allerdings nicht unbedingt als Weihnachtsrevue betitelt haben, sondern als Lesung mit Musik. Was deutlich spröder klingt, aber eher dem Gebotenen entsprach. Der Abend kam mir fast ein bisschen zu kurz für das Thema oder vielmehr die vielschichtige Themenwelt vor. Einiges wurde angerissen, kam dann aber nicht rund zum Ende. Was man aber auch als gewollten Anreiz für den Kauf von Buch und Tonträgern werten kann.

Kurz hatte ich mich übrigens noch gewundert, dass Lamberts Maske auf dem Klavier drapiert war. Dann betrat der Mann die Bühne – unmaskiert. Ziemlich ungewohnt. Ich glaube, auch noch für ihn. Ob er die Maske beim Lambert & Friends-Konzert im Mai wohl wieder anlegt?

Als ich die Ankündigung eines weiteren Orchesterkaraoke mit Jan Dvorak, Matthias von Hartz und den Jungen Symphonikern auf Kampnagel entdeckte, zögerte ich noch kurz, ein Ticket zu kaufen. Es ist ja eigentlich immer nett, dachte ich, aber es wiederholt sich auch viel. Ich tat es dann doch und bereute es nicht. Die Stimmung war großartig, die Sängerinnen und Sänger schlugen sich tapfer bis hervorragend. Ein Highlight war der Background-Chor des Orchesters bei der Joe Cocker-Version von „With a Little Help from My Friends“. Außerdem hebt das Gesamtkonzept mit Jan Wulf als lebender Karaokemaschine einfach zuverlässig die Laune. Wenn das eine neue (Vor-)Weihnachtstradition auf Kampnagel wird, bin ich auch im nächsten Jahr wohl wieder dabei. Abgesehen davon: Nichts gegen Coldplays „Viva la Vida“ als Abschluss, aber es kann gerne auch mal wieder „My Way“ sein!

Ich hatte mich auf das Konzert von Ibrahim Maalouf im Großen Saal der Elbphilharmonie sehr gefreut, weil bei seinem Auftritt im April er selbst als Trompeter für meinen Geschmack zu wenig im Mittelpunkt gestanden hatte. Das war bei „Kalthoum“ anders, aber wieder hatte ich nicht das Kleingedruckte gelesen: Auf dem 2016 erschienenen gleichnamigen Album widmet sich Maalouf der 1975 verstorbenen legendären ägyptischen Sängerin und Schauspielerin Umm Kulthum, in dem er einen Song von ihr, „Alf Leila We Leila“, zu einer Jazz-Suite aus- und umbaut. Teile des Albums wurden nun im Rahmen eines Elbphilharmonie-Schwerpunkts zu Umm Kulthum präsentiert. Das war sehr beeindruckend und ebenso lehrreich, denn mir war der Name zuvor tatsächlich nicht geläufig gewesen.

Aber es war eben doch wieder nicht Maalouf pur. Ob ich das wohl noch erwische? Eine Chance ergäbe sich 2027 in Paris, wo Maalouf sein zwanzigjähriges Bühnenjubiläum feiern will. In der Paris La Défense Arena, no less, da passen über 40.000 Leute rein. Ein bisschen hoch gegriffen, aber nicht unpassend für den Trompeter, der sich im Laufe seiner Karriere nach eigener Aussage gegen viele Widerstände beweisen musste und nun offenbar ultimativ beweisen will, indem er eben genau diese Halle füllt.

Das letzte Konzert des Jahres war „Weihnachten mit Salut Salon“ im Thalia Theater. Veranstaltungen von Salut Salon sind in Hamburg normalerweise recht zügig ausverkauft. Die Ränge bei den beiden Vorstellungen am vierten Advent waren hingegen zwar gut gefüllt, aber es gab lange und ich glaube sogar noch an der Abendkasse Karten zu kaufen.

Ich mag Salut Salon eigentlich sehr, aber das Weihnachtsprogramm war mir in Teilen zu krawallig. Das wird bei mir wohl keine Weihnachtstradition.

Den Abschluss des Kulturjahres bildete erneut Christoph Marthaler mit dem ersten Teil der oben genannten Trilogie im MalerSaal des Schauspielhauses. In „Die Sorglosschlafenden, die Frischaufgeblühten“ werden Texte von Friedrich Hölderlin bespielt.

Des Öfteren entwickelte sich Heiterkeit im Publikum; auch in Momenten, bei denen die Verbindung von Text und Spiel komische Züge aufwies, wenn man aber die Lebensgeschichte Hölderlins kennt, möglicherweise als eher tragikkomisch zu werten gewesen wären. Ein tragisches Element stellten dagegen zweifelsfrei die zerschmetterten Streichinstrumente in der linken oberen Ecke des Bühnenbilds dar. Dieser Anblick hat mir fast körperlich wehgetan, ebenso wie die Art der Einbeziehung der Instrumententrümmer in das Spiel. Absurder als „Im Namen der Brise“ kam mir der Hölderlin-Abend vor, und doppelbödiger.

Und das war’s mit 2025! Es folgt der Jahresrückblick und dann drehe ich die Uhr endgültig auf Januar. Es ist schon einiges in der Pipeline, ich freue mich!

November

Wie bereits erwähnt: Ich habe Nachholbedarf. Das schlägt dermaßen durch, dass ich aus Kapazitätsgründen vorerst keine Einzelereignisse mehr verbloggen kann. Ich probiere es daher mit einem monatlichen Rhythmus.

Mein Kulturnovember begann mit der Buchpremiere von Saša Stanišićs „Mein Unglück beginnt damit, dass der Stromkreis als Rechteck abgebildet wird“ im Thalia Theater. Eine rechtzeitige Buchung sicherte mir einen Platz in der zweiten beziehungsweise dritten Reihe – im Thalia gibt es nämlich eine „Row Zero“ -, was vorteilhaft ist, denn Stanišić sitzt nicht einfach still am Tisch und liest, wenn er liest. Erst recht nicht, wenn es sich bei den Texten um (zu verschiedenen Anlässen) gehaltene und ungehaltene Reden handelt. Schon deshalb lohnt sich eine Veranstaltung mit Saša Stanišić immer und grundsätzlich: Weil er jeden vorgetragenen Text lebt, selbst wenn es gar nicht sein eigener ist. Wem sich also demnächst eine ähnliche Gelegenheit bietet, der möge bitte hingehen; Termine gibt es bei Luchterhand. Den Interview-Anteil im Hamburg bestritt übrigens Daniel Beskos vom Mairisch-Verlag und das ist auch ein Guter.

Neulich berichtete ich von meinem ersten Besuch der Sammlung Falckenberg. Zum Tag des offenen Denkmals war der Umbau noch im vollen Gange, nun ist seit Ende September 2025 und noch bis zum Ende April 2026 die Ausstellung „Daniel Spoerri: Ich liebe Widersprüche“ zu bewundern. Da es mir bei den bildenden Künsten im geradezu dramatischen Ausmaß an Hintergrundwissen fehlt, buchte ich eine Führung. Das ist sehr zu empfehlen und hat den zusätzlichen Vorteil, dass man mit der Gruppe allein im Gebäude ist.

Daniel Spoerri: Why don't you live with me? (1963)
Daniel Spoerri: Why don’t you live with me? (1963)

Daniel Spoerri, das hatte ich zuvor nicht gewusst, kam ursprünglich vom Tanz. Bekannt ist er vor allem als Mitbegründer der Künstlergruppe Nouveau Réalisme und Erfinder der Eat-Art. Mir haben besonders die frühen sogenannten Fallenbilder („Tableaux pièges“) wie „Why don’t you live with me?“ gefallen.

Daniel Spoerri: Marstaucher (2008)
Daniel Spoerri: Marstaucher (2008)

Und die freistehenden Metall-Skulpturen. Außerdem die remixten Wandtücher-Sprüche, auch „fadenscheinige Orakel“ genannt, und das Künstlerbuch „Anekdoten zu einer Topographie des Zufalls“.

Daniel Spoerri: Brotteigobjekt – Schreibmaschine (1980)
Daniel Spoerri: Brotteigobjekt – Schreibmaschine (1980)

Die Brotteigobjekte haben mich dagegen nicht so sehr überzeugt und noch weniger die späten Fallenbilder. Weil sie keine Zufallsschnappschüsse der Realität, sondern gestellt und konstruiert sind (und man ihnen das auch ansieht, wie ich finde).

Jimmie Durham: Contemporary Gargoyle for Home or Office (2007)Jimmie Durham: Contemporary Gargoyle for Home or Office (2007)

Mein Lieblingsobjekt war dann aber gar nicht von Daniel Spoerri, sondern von Jimmie Durham. Käme dessen „Contemporary Gargoyle for Home or Office“ in meinen Besitz, würde ich ihn Erwin taufen und ihn voraussichtlich wechselweise im Home und im Office aufstellen. So süß!

Noch am gleichen Tag sah ich abends The Notwist Pocketband im Knust. Da bin ich ein bisschen reingefallen, weil ich nicht ins Kleingedruckte geguckt hatte: Die Pocketband servierte fast ausschließlich Stücke der ersten drei Notwist-Alben. Deren Klang hat mit dem Indie-Sound ab „Neon Golden“ recht wenig zu tun. Da ging’s ganz schön zur Sache im ausverkauften und deshalb auch reichlich kuschligem Knust. Normalerweise ist Hardcore-Punk überhaupt nicht mein Genre, aber das war echt gut. Ein bisschen wird auch die Freude eine Rolle gespielt haben, es endlich zu einem Notwist-Konzert irgendeiner Art geschafft zu haben, waren doch die letzten drei Anläufe aus den unterschiedlichsten Gründen gescheitert. Das nächste Mal habe ich aber besser Gehörschutz im Gepäck. Apropos, die vollständige Band spielt am 26. April 2026 in der Großen Freiheit 36. Ein sehr schönes Datum! Da der Notwist-Fluch ja jetzt gebrochen zu sein scheint, habe ich bereits frohen Mutes eine Karte erworben.

Der letzte Auftritt von Teodor Currentzis und Utopia in der Elbphilharmonie hatte mich nicht wirklich überzeugt. Die Karte für „Der Ring ohne Worte“ erwarb ich daher mit einer gewissen Skepsis und in einer niedrigeren Preiskategorie. Joachim Mischke äußerte sich im Abendblatt erneut kritisch („Hau rein, is‘ Wagner“) und sprach von Überwältigung und davon, dass „Wagners Größenwahnsinnkeit ideal zu [Currentzis‘] eigener Pultstar-Befindlichkeit“ passe. Ich hingegen mochte den „Ring“ in der Currentzis-Fassung.

Utopia, Currentzis: Nach dem Ring ohne Worte
Standing Ovations nach dem „Ring ohne Worte“

Traditionellerweise gehört zu den Utopia-Auftritten eine Überraschungszugabe. Da es jedoch, wie Intendant Christoph Lieben-Seutter zu Anfang höchstpersönlich erklärte, nach dem „Ring ohne Worte“ keine Zugabe mehr geben könne, wurde die Überraschung vorab serviert: Utopa-Mitglied Giuseppe Mengoli dirigierte Magnus Lindbergs „Arena“, ein Stück für Orchester von 1995. Ich kannte den 1958 geborenen finnischen Komponisten bisher nicht, höre mir nach dieser Kostprobe aber gerne noch weitere Werke von ihm an.

In meinem Sommerfestival-Betrag bedauerte ich, „Der Gipfel“ von Christoph Marthaler verpasst zu haben. Bei meinem Streifzug durch die Spielzeitprogramme der Staatsoper und der diversen Theater der Stadt stellte ich allerdings zu meiner Freude fest: Ich muss gar nicht bis zum nächsten oder gar übernächsten Sommerfestival warten, um ein Marthaler-Stück in Hamburg zu sehen! In der Staatsoper steht eines und im Schauspielhaus beziehungsweise MalerSaal gleich eine ganze Trilogie auf dem Plan. Weswegen ich nun von Mitte November 2025 bis Ende Januar 2026 insgesamt viermal marthalern muss.

Den Anfang machte „Im Namen der Brise“, was zugleich eine Raum-Premiere war (zwanzig Jahre in Hamburg und noch nie im MalerSaal gewesen – schlimm!). Dargestellt wurden Texte von Emily Dickinson, überwiegend in deutscher Übersetzung, teils auch im englischen Original. Die Umsetzung kann ich schlecht beschreiben, wie ich auch ansonsten schlecht begründen kann, warum ich Marthaler-Stücke mag. Vielleicht ist es das Tempo, was mich immer zuerst wahnsinnig ungeduldig werden lässt, dann aber perfekt entschleunigt? Vielleicht die Poesie des Unerwarteten, des scheinbar zusammenhanglosen, vom Text unabhängigen Agierens der Charaktere? Die stets verlässlich große Rolle, die der Musik eingeräumt wird? Ganz sicher trägt dazu bei, dass ich Magne Håvard Brekke so gerne beim Spielen zusehe. Ich freue mich jedenfalls schon auf „Die Sorglosschlafenden, die Frischaufgeblühten“ (Texte von Friedrich Hölderlin) und „Schwanensee“ (Texte von Elfriede Jelinek), beides noch im Dezember und wieder im MalerSaal, sowie auf „Die Unruhenden“ (irgendwas mit Gustav Mahler) im Januar in der Staatsoper.

Die letzte Novemberwoche begann mit dem Auftritt von Árstíðir im Knust. Es muss mein insgesamt viertes Árstíðir-Konzert gewesen sein. Atmosphärisch am schönsten war es im Rope Shack und von der Songauswahl her hat mir München am besten gefallen. Auch den Gig in der Christianskirche zu Ottensen habe ich in guter Erinnerung. Das Konzert im Knust wird jedoch als das mit dem grottigsten Sound in die Annalen eingehen. Die anwesenden Superfans quittierten diesen Umstand mit nachdrücklichem Gegrummel. Hamburg war der Start der „Vetrarsól 2025“-Tour und ich hoffe, die Jungs konnten diesen etwas holprigen Auftakt als Generalprobe abhaken. Immerhin: Wie ich aus gut unterrichteten Kreisen erfuhr, waren die Begleitumstände am darauffolgenden Tag in Bochum schon sehr viel günstiger.

Als grottig empfand ich auch die Inszenierung von Ferdinand von Schirachs „Sie sagt. Er sagt.“ in den Hamburger Kammerspielen. So grottig, dass ich zum allerersten Mal bei einem Theaterstück in der Pause gegangen bin. Das war alles so zäh und statisch und teils auch erschütternd schlecht gespielt. In seiner Kritik, die in den diversen Blättern der Mediengruppe Kreiszeitung zu lesen war, formulierte es Jens Fischer wie folgt: „Überspitzt formuliert wirkt der Abend so, als hätten die Darsteller ihre Rollen allein eingeübt und sich erst zur Generalprobe zusammengefunden.“ Das fasst auch meinen Eindruck gut zusammen. Wirklich schade, ich war zum ersten Mal in den Kammerspielen und das Gebäude hat ja durchaus Charme.

Und zack, Dezember! Munter geht es weiter…

Internationales Sommerfestival 2021 auf Kampnagel

Es ist nicht so, wie es aussieht: Ich bin mittlerweile fast schon wieder voll drin im kulturellen Leben. Nur das Schreiben darüber ist bisher nicht recht in Gang gekommen. Bevor es an die nächsten Termine geht, will ich an dieser Stelle aber wenigstens einen kleinen Rückblick auf das Internationale Sommerfestival nachtragen.

Nach der äußerst gelungenen Ausführung im letzten Pandemiesommer fühlte sich die diesjährige Ausgabe schon beinahe routiniert an. Für Veranstaltungen unterm Dach galt das 3G-Prinzip (gewissenhaft kontrolliert!), die Hallen waren im Schachbrettmuster besetzt und es gab genügend Einzelplätze. Zumindest bei frühzeitiger Buchung.

LIGNA: Die Gespenster des Konsumismus

Am Anfang meiner Auswahl stand die Performance von LIGNA im ehemaligen Kaufhof an der Mönckebergstraße.

Die Gespenster des Konsumismus

Ich gebe zu, beim Kartenkauf war eine gehörige Portion Neugier auf den Gebäudezustand im Spiel. Viel gab es allerdings nicht zu sehen und bewegen konnte man sich auch nur im Untergeschoss. Dafür gab es Einblicke in einige Räume hinter den Kulissen der Verkaufsfläche. Per Kopfhörer wurden die Besucher grüppchenweise durch einen teilweise eigens aufgebauten Parcours geführt, der verschiedene Stationen und Ereignisse der Hausgeschichte symbolisierte.

Die Gespenster des Konsumismus

Die Gespenster des Konsumismus

Dabei war es für das eigene Erleben mitentscheidend, ob auch die anderen Mitglieder der jeweiligen Kleinstgruppe den Regieanweisungen Folge leisteten. Wo das nicht geschah, verpuffte der Ansatz zur geführten Interaktion.

Die Gespenster des Konsumismus

So ganz haben mich Konzept und Ausführung nicht überzeugt. Das mag aber auch an den Assoziationen gelegen haben, die mich beim Erkunden der stillgelegten Ladenfläche heimsuchten und ablenkten. Man nehme dies als Triggerwarnung: Wer die Abwicklung eines Ladengeschäfts am eigenen Leib erfahren musste, wird beim Betreten einer vergleichbaren Immobilie unter Umständen mit unschönen Erinnerungen konfrontiert.

Christoph Marthaler: Das Weinen (Das Wähnen)

Sprachspielereien, eine detailverliebte Kulisse und Musik: Mehr braucht es manchmal nicht für einen perfekten Theaterabend. Vorausgesetzt natürlich, die Inszenierung dieser Kombination ist stimmig. Bei „Das Weinen (Das Wähnen)“ ist sie es.

Wer ein inhaltlich zusammenhängendes Stück erwartete, wurde zwar enttäuscht. Aber die Texte von Dieter Roth mit der Klammer des Apothekenszenarios zusammenzufassen, ist schon eine ziemlich geniale Idee. Nur hätte man vielleicht etwas kürzen können. Es wurde mir bei aller Faszination gegen Ende ein wenig lang.

Beim Schlussapplaus habe ich übrigens den Wasserspender vermisst.

Feist: Multitudes

Da war ich gespannt: ein Konzert ohne Saalplanbuchung in der K6? Unter Pandemiebedingungen? Die Auflösung des Rätsels: Die Zuschauer wurden in einen Stuhl- beziehungsweise Papphockerkreis um Feist und ihre beiden Mitstreiter platziert, und zwar dort, wo normalerweise die Bühne ist. Der eigentliche Zuschauerraum blieb leer; er wurde lediglich für den Knalleffekt am Ende des Konzerts eingesetzt und diente anschließend als Ausgang.

Auf diese Weise hatten gerade einmal 200 Personen pro Konzerttermin Platz in der Arena. Eine frühe Buchung hatte mir die zweite Reihe beschert, allerdings sah ich Leslie Feist während der Hälfte des Konzerts nur von hinten. Was andererseits wegen der außerordentlich intimen Konzertatmosphäre absolut zu vernachlässigen war. Ich war mächtig geflasht und bestimmt nicht allein mit meiner Überwältigung.

Rufus & Martha Wainwright: Mother

Trinkbefehl

Ja, doch, das war schon schön. Einen Abzug in der B-Note verteile für die Anmoderationen von Martha Wainwright. Singen kann sie besser als reden. Wobei das ebenso für Bruder Rufus gilt. Am besten hat mir das Stück gefallen, für das noch ein weiterer Mitstreiter mit auf die Bühne kam (leider habe ich mir weder den Namen des Sängers noch den Songtitel gemerkt. Blöd.). Und: Ein Extra-Sternchen dem Pianisten!

Dave Longstreth/Dirty Projectors, stargaze: (Song of the) Earth (in) Crisis

Die Extra-Sternchen für den darauffolgenden Abend vergebe ich an stargaze (quasi gesetzt) und Felicia Douglass. Anders als Komponist David Longstreth hatte Douglass ihren Vokalpart nämlich voll im Griff. Longstreth dagegen hätte besser daran getan, den seinen an einen ähnlich kompetenten Sänger abzugeben. Ich meine, wenn man ein melodisch wie harmonisch anspruchsvolles Werk nicht nur verfasst, sondern auch selbst an dessen Aufführung prominent beteiligt ist, sollte man den eigenen Beitrag vollumfänglich beherrschen. Zumindest für meine Ohren fiel das Gehörte jedenfalls nicht mehr unter „eigenwillig interpretiert“.

Die vorab präsentierten Songs der Dirty Projectors-EP „Earth Crisis“ waren für meinen Geschmack zu fragmentiert, um sie überhaupt als Songs bezeichnen zu können. Das Hauptwerk des Abends selbst, also „Song of the Earth in Crisis“, hat mir dagegen gut gefallen. Nur den Vergleich mit Mahler hätte man weglassen sollen. Über dem steht dermaßen dick und doppelt unterstrichen „zum Scheitern verurteilt“, das hat das Longstreth-Stück nicht verdient.

Nesterval/Queereeoké: Sex & Drugs & Budd’n’brooks

Das dritte Festival-Highlight (nach Marthaler und Feist) und meine erste Präsenzerfahrung mit Nesterval! Eventuell hätte ich nur vorher noch mein zugegebenermaßen lückenhaftes Wissen über die Familiengeschichte der Buddenbrooks aufpolieren sollen. So wäre es mir vermutlich leichter gefallen, verschiedene Charaktere zuzuordnen. Denn zum Kernpersonal des Romans gesellten sich in der „Sex & Drugs“-Version diverse Varianten, was das Geschehen bisweilen unübersichtlich gestaltete. Während des Abends war es zudem nicht möglich, alle Erzählstränge mitzuerleben. Ebenso wie bei LIGNA im ehemaligen Kaufhof wurden auch im Uebel & Gefährlich, der überaus treffend gewählten Spielstätte, die Anwesenden immer wieder in kleine Gruppen aufgeteilt, um an verschiedenen Stellen des großen Saals, in sanitären Einrichtungen, in Raucher- und Hinterzimmern einzelnen Szenen beizuwohnen. Für das ganze Bild hätte man wohl zwei oder drei Vorstellungen besuchen müssen.

Ein bisschen unklar blieb beim abschließenden Austausch an der Theke, ob und wie weit Zuschauerinteraktion eingeplant und erwünscht war. Das war bei „Der Willy-Brandt-Test“ und „Goodbye Kreisky“ (beides über Zoom) eindeutig der Fall gewesen. Bei „Sex & Drugs & Budd’n’brooks“ blieb dafür nicht viel Raum. Einigen Teilnehmern mag es wiederum zu immersiv gewesen sein. Aus einer reichlich expliziten Szene des Nachtrags erinnere ich beispielsweise einen extrem unangenehm berührten Herrn und seine mindestens peinlich berührte Begleiterin. Grundsätzlich nachvollziehbar für mich – ansonsten bin ich diejenige, die den größtmöglichen Bogen um Nacktheit um der Nacktheit willen auf der Bühne macht. Aber wenn ein Stück „Sex & Drugs“ im Titel trägt, muss man sich nicht wundern, wenn beides vorkommt – wenn auch „nur“ jeweils in der Theaterversion – und was „immersiv“ bedeutet, lernt man allerspätestens dann.

Die nächste Nesterval-Eskalationsstufe ist wohl der Besuch einer Vorstellung in Wien. Gar nicht mal so unwahrscheinlich, ich mag die Stadt, und der letzte Besuch ist so lange her, da habe ich noch in Bonn gewohnt. Eine halbe Ewigkeit also.

Thom Luz: Lieder ohne Worte

„Girl from the Fog Machine Factory“ mochte ich sehr, entsprechend große Erwartungen hatte ich folglich an „Lieder ohne Worte“.

Ganz erfüllt wurden die zwar nicht, aber auch die Rekonstruktion eines Autounfalls mit Wildschaden in den Bergen hatte seine magischen Momente. Die Extra-Sternchen gehen an den Einsatz von Musik und deren Ausführung sowie an Samuel Streiff. Ich erkenne da ein Muster!

THIS IS THE END OF...

Was mir nicht gefallen hat: der von JASCHA&FRANZ gestaltete Avant-Garten. Er wirkte auf mich irgendwie zugestellt und verbaut. Ich mochte die Bauten nicht und das Kirmes-Konzept hat bei mir gar nicht gezündet. Zwei Pluspunkte möchte ich dennoch erwähnen: das Bemühen um größtmögliche Barrierefreiheit und die Waldbühne. Die war wirklich hübsch! Leider habe ich wegen ungünstiger Terminplanung und des streckenweise garstigen Wetters wenig davon gesehen.

Neue Chance im nächsten Jahr.

„Lulu“ in der Staatsoper Hamburg

Ich hatte an dieser Stelle bereits mehrfach über Social Media-Abende von Museen berichtet. Auch die Staatsoper Hamburg lud kürzlich zum TweetUp, einer Veranstaltung, für die ich mich sehr gern beworben hätte. Da diese aber im Rahmen der Hauptprobe zur Neuinszenierung der Oper „Lulu“ durch Christoph Marthaler stattfand, handelte es sich um einen Termin unter der Woche nachmittags. Das ist mit meinen Arbeitszeiten nur schwer vereinbar.

Ich verfolgte den Hashtag #LuluHH daher zunächst nur aus den Augenwinkeln und war hin- und hergerissen. Einerseits hatte ich nach dem Spontanbesuch von Calixto Bieitos „Otello“ große Lust, mir eine weitere Opern(-neu-)inszenierung anzuschauen. Andererseits ging es da um Alban Berg. Während der Schulzeit hatte ich dessen ersten Oper „Wozzeck“ gesehen, als Begleitung zum Musikunterricht, und obwohl es mir seinerzeit einigermaßen gelang, mich in die Zwölftonmusik einzuarbeiten, erinnerte ich die Angelegenheit doch als reichlich anstrengend. Ohne gründliche Vorbereitung, das war mir bewußt, würde mir der Besuch einer „Lulu“-Vorstellung wenig Freude bereiten. Das gilt nicht nur für den musikalischen Teil. Alban Berg hat Lulus Geschichte aus zwei Stücken des Schriftstellers und Dramatikers Frank Wedekind zusammengebaut. Beim ersten Überfliegen der Zusammenfassung dachte ich: „Was für eine schreckliche, ja, hanebüchene Story. Überhaupt gar nicht mein Fall. Als Roman oder Film würde ich mir das nicht geben.“

Es kam die Premiere und mit ihr die ersten Kritiken. Ich sah Fotos des Bühnenbilds, las über die außerordentliche Leistung Barbara Hannigans in der Rolle der „Lulu“ und erfuhr die Auflösung des Rätsels um die Soloviolinistin auf der Besetzungsliste. Schließlich siegte die Neugier. Ich beschäftigte mich mit der Geschichte des Werks, studierte verschiedene Inhaltszusammenfassungen und kaufte ein 19 Euro-Ticket für die Dernière.

Der Abend begann einigermaßen kurios. Neben mir im zweiten Rang rechts, Loge 4, saß ein enthusiastischer Wiederholungstäter, der alle Umsitzenden vorwarnte: Nach dem ersten Akt sollten wir bitte noch nicht gehen, es würde besser. Dritter Akt und Epilog lohnten sich besonders. Der Mann sollte recht behalten.

Mit dem ersten Akt fremdelte ich nicht nur, weil es geraume Zeit dauerte, bis ich mich eingehört hatte. Ich saß in der Loge ganz rechts und hatte daher leider die vordere linke Ecke von Loge 3 im Blickfeld. Dummerweise passiert gerade im 1. Akt ziemlich viel auf der rechten Bühnenseite, was mir einige Verrenkungen abverlangte. Dann irritierten mich ein weiteres Mal die Diskrepanzen zwischen Libretto und Bühnengeschehen. Wo die Dialoge größte emotionale Turbulenz beschreiben, wirken die handelnden Personen seltsam teilnahmslos und erstarrt. „Hände weg!“, singt Lulu an einer Stelle, „Hab ich dich!“ antwortet der Maler, aber beide sitzen in der zwar langsamen, aber in Teilen durchaus aktionsfreudigen Inszenierung in beinahe maximal möglicher Distanz voneinander auf der Bühne und singen ihren Text mit ins Publikum gerichteten Gesichtern. Überhaupt, der Maler: Alle anderen Darsteller spielten in erster Linie Theater. Einzig Peter Lodahl als Maler blieb Opernsänger, in Gestus und Habitus. Es fiel zwar nur im Vergleich auf, dafür aber deutlich.

Zum zweiten Akt ändert sich das Bühnenbild: Es wird geschlossener, was mir sehr viel besser gefiel. Die Ohren hatten sich einigermaßen auf Zwölfton eingestellt und die Vorbereitung zahlte sich aus, da ich alle Figuren der Handlung zuzuordnen vermochte. So konnte ich mich auf die schauspielerischen und sängerischen Leistungen konzentrieren, wobei mir insbesondere Jochen Schmeckenbecher (Dr. Schön) und Barbara Hannigan imponierten. Eine leichtfüßigere und akrobatischere Lulu hat es wahrscheinlich noch nicht gegeben. Das Publikum reagierte amüsiert auf einzelne Textstellen, die Inszenierung kippte aber niemals ins Klamaukhafte. Und dann war da noch Anne Sofie von Otter: Als schwarzgekleidete Gräfin von Geschwitz blieb sie trotz dieser vermeintlichen Unscheinbarkeit unübersehbar. Ein Paradebeispiel für Bühnenpräsenz, die ohne große Gestik auskommt.

Alban Berg hat seine zweite Oper nicht vollenden können. Vom 3. Akt schaffte er noch 268 Takte, die übrigen 1.058 liegen lediglich als Particell mit vereinzelten Hinweisen zur Orchestrierung vor. Bis zum Tod der Witwe Bergs, die eine Vollendung durch dritte Hand verhinderte, wurde die Oper als Fragment aufgeführt. Seit der nachträglichen Instrumentierung durch Friedrich Cerha, uraufgeführt 1979, wird bevorzugt diese Version verwendet. Christoph Marthaler und Kent Nagano gehen einen dritten Weg. Zum dritten Akt räumt das Orchester den Graben, zwei Klaviere und die Soloviolinistin Veronika Eberle übernehmen. Eberle und eines der beiden Klaviere samt Spieler(in) werden dabei als Bühnenfiguren Teil der Inszenierung. Die musikalische Sparsamkeit erlaubt eine noch größere Konzentration auf Handlung, Inszenierung und Gesang und ich gebe zu, mir hat das Orchester an dieser Stelle nicht gefehlt.

Am Ende flieht Lulu nach London, prostituiert sich und wird zusammen mit der Gräfin von Geschwitz von niemand Geringerem als Jack the Ripper ermordet. Anne Sofie von Otter wird ausgeblendet, Barbara Hannigan bleibt mit Veronika Eberle auf der Bühne zurück; die Orchestermusiker waren zuvor nach der zweiten Pause auf ihre Plätze zurückgekehrt. Als Epilog wird nun Alban Bergs Violinkonzert „Dem Andenken eines Engels“ gegeben, eben jenes Werk, für dessen Erstellung er die Arbeit an seiner unvollendet gebliebenen „Lulu“ unterbrach. Es gab Stimmen, die das überflüssig und unverständlich nannten. Unabhängig davon, ob man ein solches Vorgehen für sinnvoll hält oder nicht: Es war musikalisch großartig ausgeführt. Nicht ohne Grund ernteten Veronika Eberle und Kent Nagano nach Barbara Hannigan die lautesten „Bravo!“-Rufe.

Weder Story noch Inszenierung, auch nicht die Musik für sich genommen, sondern die Aufführungsstrategie war, was mich an der neuen Hamburger „Lulu“ am meisten fasziniert hat. Um musikalisch weiter einzutauchen, hätte es allerdings einer noch gründlicheren Vorbereitung bedurft. Vielleicht beim nächsten Mal. Ich bin ja jetzt wieder dran.

Ein abschließendes Wort noch an die Staatsoper Hamburg: TweetUps wirken! Ich bin der lebende Beweis. Gut gemacht! Das Blog übrigens auch.