Dezember

Nein, das ist noch nicht der Jahresrückblick! Ich muss ja erst noch auf den Dezember zurückblicken.

Nachgeholt aus dem November habe ich zunächst das Ende von “Sie sagt. Er sagt.”, indem ich mir die DVD mit der 2024er ZDF-Verfilmung bei der Bücherhalle auslieh. Eigentlich hatte ich “Auflösung” statt “Ende” schreiben wollen, aber eine Auflösung ist das Ende nicht wirklich – irgendwie unbefriedigend alles, wobei es sich aber mutmaßlich um den gewünschten Effekt handelt. Ich fand das Stück auch in der Filmversion noch fad, nur halt nicht so furchtbar schlecht gespielt. Hätte die Filmbesetzung auf der Bühne der Hamburger Kammerspiele gestanden (beziehungsweise gesessen), wäre ich wahrscheinlich nicht in der Pause geflüchtet.

Das allererste Dezember-Live-Event wäre „Schwanensee“ von Christoph Marthaler gewesen – der dritte Teil der im November-Beitrag bereits erwähnten Trilogie. Leider musste die Veranstaltung krankheitsbedingt ausfallen. Ich nutzte die ungeplante Abendfreizeit für den Besuch des Adventskalenders der Staatsoper. Das ist eine schon ältere Einrichtung: Vom 1. bis 23. Dezember wird jeden Tag im Foyer eine “künstlerische Kostbarkeit” präsentiert; werktags um 16:30 und sonntags um 12:00 Uhr. Der Eintritt ist frei, um Spende wird gebeten (in diesem Jahr für die Deutsche Muskelschwundhilfe). Am fraglichen Nachmittag wurde das jeweils ungefähr zwanzig- bis dreißigminütige Programm vom Bundesjugendballett gestaltet. Der Andrang war groß, selbst ein vergleichsweise frühes Kommen sicherte mir keinen regulären Sitzplatz. Trotzdem oder gerade deswegen: Eine schöne Stimmung ist das da! Nur die Vorderhauscrew schien leicht gestresst.

Tags drauf war ich bei Art’n’Voices im Kleinen Saal der Elbphilharmonie. “Christmas at Sea”, der Titel des Programms, erwies sich indes als Etikettenschwindel. Es gab zwar jede Menge Weihnachtslieder, aber der “Sea”-Bezug erschloss sich mir nicht, außer vielleicht bei “Ave Maris Stella” und “Es kommt ein Schiff geladen”. Aber das verblasste angesichts der teils spektakulären Arrangements der interpretierten Stücke.

Das war meine erste Begegnung mit zeitgenössischer polnischer Vokalmusik und ich weite diese Bekanntschaft gerne bei Gelegenheit aus.

Im letzten Jahr feierte ich meine  Weihnachtsoratorium-Premiere. Einige Tage zuvor hatte ich im hiesigen Regionalfernsehen einen Beitrag über eine urbane Hausmusik-Version des Werks von und mit dem ensemble resonanz gesehen. Das schien mir eine logische Fortsetzung der im Michel begonnenen Reihe zu sein, weswegen ich mir zeitig ein Ticket für den 2025er Termin sicherte.

Die Version mit dem goldenen Esel hat mich vollumfänglich überzeugt. Mehr noch, ich möchte das eigentlich gar nicht mehr anderes hören. Besonders fasziniert war ich von Michael Petermann an den Vintage Keyboards. Wahrscheinlich auch, weil ich ihm aus der Loge 2 im 1. Rang so schön auf die Finger gucken konnte.

Weihnachtsoratorium in Wohnzimmeratmosphäre
Weihnachtsoratorium in Wohnzimmeratmosphäre

Da habe ich also schon im zweiten Anlauf “meine” Weihnachtsoratoriums-Variante gefunden! Deren Besuch werde ich nun nach Möglichkeit zu einer ständigen Einrichtung erheben. Damit bin ich nicht allein: Der resonanzraum ist schon lange nicht mehr groß genug für das Event und auch die Laeiszhalle war in diesem Jahr schon sehr gut gefüllt. Im nächsten Jahr wird folgerichtig gleich es zwei Termine geben, am 16. und am 18. Dezember. Der Vorverkauf hat bereits begonnen.

Der Name Thorsten Nagelschmidt war mir nicht geläufig, aber irgendwo habe ich das Gesicht schon gesehen. Es fällt mir nur nicht ein, wo. Dagegen ist Lambert mir natürlich ein Begriff und der Ankündigungstext des gemeinsamen Auftritts unter dem Titel “Nur für Mitglieder” auf Kampnagel reichte mir, um ein Ticket zu erwerben. Ich würde die Veranstaltung allerdings nicht unbedingt als Weihnachtsrevue betitelt haben, sondern als Lesung mit Musik. Was deutlich spröder klingt, aber eher dem Gebotenen entsprach. Der Abend kam mir fast ein bisschen zu kurz für das Thema oder vielmehr die vielschichtige Themenwelt vor. Einiges wurde angerissen, kam dann aber nicht rund zum Ende. Was man aber auch als gewollten Anreiz für den Kauf von Buch und Tonträgern werten kann.

Kurz hatte ich mich übrigens noch gewundert, dass Lamberts Maske auf dem Klavier drapiert war. Dann betrat der Mann die Bühne – unmaskiert. Ziemlich ungewohnt. Ich glaube, auch noch für ihn. Ob er die Maske beim Lambert & Friends-Konzert im Mai wohl wieder anlegt?

Als ich die Ankündigung eines weiteren Orchesterkaraoke mit Jan Dvorak, Matthias von Hartz und den Jungen Symphonikern auf Kampnagel entdeckte, zögerte ich noch kurz, ein Ticket zu kaufen. Es ist ja eigentlich immer nett, dachte ich, aber es wiederholt sich auch viel. Ich tat es dann doch und bereute es nicht. Die Stimmung war großartig, die Sängerinnen und Sänger schlugen sich tapfer bis hervorragend. Ein Highlight war der Background-Chor des Orchesters bei der Joe Cocker-Version von “With a Little Help from My Friends”. Außerdem hebt das Gesamtkonzept mit Jan Wulf als lebender Karaokemaschine einfach zuverlässig die Laune. Wenn das eine neue (Vor-)Weihnachtstradition auf Kampnagel wird, bin ich auch im nächsten Jahr wohl wieder dabei. Abgesehen davon: Nichts gegen Coldplays “Viva la Vida” als Abschluss, aber es kann gerne auch mal wieder “My Way” sein!

Ich hatte mich auf das Konzert von Ibrahim Maalouf im Großen Saal der Elbphilharmonie sehr gefreut, weil bei seinem Auftritt im April er selbst als Trompeter für meinen Geschmack zu wenig im Mittelpunkt gestanden hatte. Das war bei “Kalthoum” anders, aber wieder hatte ich nicht das Kleingedruckte gelesen: Auf dem 2016 erschienenen gleichnamigen Album widmet sich Maalouf der 1975 verstorbenen legendären ägyptischen Sängerin und Schauspielerin Umm Kulthum, in dem er einen Song von ihr, “Alf Leila We Leila”, zu einer Jazz-Suite aus- und umbaut. Teile des Albums wurden nun im Rahmen eines Elbphilharmonie-Schwerpunkts zu Umm Kulthum präsentiert. Das war sehr beeindruckend und ebenso lehrreich, denn mir war der Name zuvor tatsächlich nicht geläufig gewesen.

Aber es war eben doch wieder nicht Maalouf pur. Ob ich das wohl noch erwische? Eine Chance ergäbe sich 2027 in Paris, wo Maalouf sein zwanzigjähriges Bühnenjubiläum feiern will. In der Paris La Défense Arena, no less, da passen über 40.000 Leute rein. Ein bisschen hoch gegriffen, aber nicht unpassend für den Trompeter, der sich im Laufe seiner Karriere nach eigener Aussage gegen viele Widerstände beweisen musste und nun offenbar ultimativ beweisen will, indem er eben genau diese Halle füllt.

Das letzte Konzert des Jahres war “Weihnachten mit Salut Salon” im Thalia Theater. Veranstaltungen von Salut Salon sind in Hamburg normalerweise recht zügig ausverkauft. Die Ränge bei den beiden Vorstellungen am vierten Advent waren hingegen zwar gut gefüllt, aber es gab lange und ich glaube sogar noch an der Abendkasse Karten zu kaufen.

Ich mag Salut Salon eigentlich sehr, aber das Weihnachtsprogramm war mir in Teilen zu krawallig. Das wird bei mir wohl keine Weihnachtstradition.

Den Abschluss des Kulturjahres bildete erneut Christoph Marthaler mit dem ersten Teil der oben genannten Trilogie im MalerSaal des Schauspielhauses. In “Die Sorglosschlafenden, die Frischaufgeblühten” werden Texte von Friedrich Hölderlin bespielt.

Des Öfteren entwickelte sich Heiterkeit im Publikum; auch in Momenten, bei denen die Verbindung von Text und Spiel komische Züge aufwies, wenn man aber die Lebensgeschichte Hölderlins kennt, möglicherweise als eher tragikkomisch zu werten gewesen wären. Ein tragisches Element stellten dagegen zweifelsfrei die zerschmetterten Streichinstrumente in der linken oberen Ecke des Bühnenbilds dar. Dieser Anblick hat mir fast körperlich wehgetan, ebenso wie die Art der Einbeziehung der Instrumententrümmer in das Spiel. Absurder als “Im Namen der Brise” kam mir der Hölderlin-Abend vor, und doppelbödiger.

Und das war’s mit 2025! Es folgt der Jahresrückblick und dann drehe ich die Uhr endgültig auf Januar. Es ist schon einiges in der Pipeline, ich freue mich!

Alles, was Oper kann

Bleierne Müdigkeit hat über viele Monate eine zentrale Rolle in meinem Leben gespielt, was sich auch an dieser Stelle bemerkbar machte. Unter der körperlichen und mentalen spürte ich dabei auch eine andere Art von Müdigkeit. Vielleicht kann man sie Konzertmüdigkeit nennen. In den letzten Jahren wiederholte sich doch vieles. Was daran liegen mag, dass ich nicht zuletzt aus zeitlichen Gründen oft nicht mehr über meine Essentials hinausgekommen bin. Jetzt, wo ich wieder aufnahmefähig bin, suche ich neue Impulse. Zum Beispiel mehr bildende Kunst und mehr Theater – warum also nicht auch mehr Musiktheater!

Mit der Oper als Ausdrucksform fremdelte ich allerdings schon seit langem. Klar, einen grandiosen Opernabend in einem schönen Operngebäude kann ich jederzeit als (touristisches) Highlight zelebrieren. Das beste Beispiel dafür war “Macbeth” in der Wiener Staatsoper vor etwas mehr als einem Jahr. Die Hamburgische Staatsoper schreckte mich dagegen zuletzt mit der Opernwerkstatt zu Yona Kims Inszenierung der “Norma” gründlich ab. Verwöhnt durch die Verhältnisse in der Elbphilharmonie bevorzuge ich zudem inzwischen in jedem Saal Plätze, von denen aus man vernünftig gucken kann und das ist in der Staatsoper fast immer teuer (im Sinne von “als Highlight alle Jubeljahre ok, aber wenig alltagstauglich”). Dann ist da noch das Problem mit den Inszenierungen, die gegen Libretto und/oder Musik arbeiten. Wie oft habe ich schon gedacht: Lasst doch den Verdi/Mozart/Puccini/Strauss etc. inklusive der jeweiligen Librettisten in Ruhe, schreibt eine neue Oper (oder lasst eine schreiben), wenn ihr eine ganz andere Geschichte erzählen wollt!

Dass aber eine zeitgenössische Inszenierung der Original-Geschichte im Kern treu bleiben und trotzdem “fresh” sein kann, demonstrierte mir unlängst der “Falstaff” in Dresden. Ich stellte daraufhin meine Opernmüdigkeit infrage. Überhaupt, waren da nicht sowieso gerade neue Leute in Hamburg angetreten? Vielleicht doch mal wieder gucken, was da geht?

Für den Auftakt Ende September unter dem bezeichnenden Titel “3 Tage wach” inklusive eines dem Vernehmen nach spektakulären “Housewarming”-Konzerts – eine kunstgepfiffene Arie der Königin der Nacht, der Auftritt von Le Gateau Chocolat, Ina Müller moderierte und sang Udo Jürgens – mit anschließender Party für alle war ich selbst leider noch nicht wieder wach genug. Aber es ergab sich die vorläufig letzte Gelegenheit, die erste Inszenierung Tobias Kratzers nach Übernahme der Intendanz zu begutachten. Praktischerweise wurde Robert Schumanns “Das Paradies und die Peri” auch gleich von Omer Meir Welber dirigiert, dem ebenfalls in dieser Position noch frischen Nachfolger Kent Naganos als Hamburger Generalmusikdirektor. Zwei Fliegen mit einer Klappe also.

Schon beim Betreten des Gebäudes fielen mir verschiedene Veränderungen bei der Gestaltung der Foyers auf. Diese Veränderungen, darunter die Wiedervergoldung der Säulen, die “Gallery Wall” im Parkettfoyer und die nach dem Mendelssohn-Choral “Verleih uns Frieden” gestaltete Lichtinstallation “Amplitude” über der Bar im Rangfoyer, griff der stellvertretende Chefdramaturg Christopher Warmuth auch bei der Einführung zu “Das Paradies und die Peri” auf. Schnell wurde klar: Hier geht es nicht um Kosmetik, hier soll auf allen Ebenen umgestaltet werden, da steckt ein Plan dahinter. Zu dem gehören auch ein neues Vermittlungsprogramm (“CLICK in”) und das Bemühen darum, die sorgsam kuratierten Repertoire-Stücke, die in Hamburg einen Großteil des Programms ausmachen, ins Hier und Jetzt einzuordnen (“FRAMING the REPETOIRE”).

Und das Stück selbst? Knifflig ist da, so Warmuth, schon die Genre-Frage. Das Werk ist nicht als Oper, sondern als weltliches Oratorium bekannt. Das Libretto basiert auf “Lalla Rookh”, einem Orient-Epos des irischen Dichters Thomas Moore. Es erzählt die Geschichte der Peri, einem persischen Fabelwesen, das aus dem Paradies verstoßen wurde und nun versucht, durch das Beibringen einer nicht näher definierten Himmelsgabe wieder eingelassen zu werden. Was ihr nach drei Versuchen schließlich auch gelingt.

Eine Inszenierung wie die in Hamburg hatte es zuvor nicht gegeben,  rezeptionsgeschichtlich betrachtet ist “Das Paradies und die Peri” also ein unbeschriebenes Blatt. Die vom Libretto vorgegebenen Landschaften, Indien, Ägypten und Syrien, ignoriert Tobias Kratzer und lässt die Peri in jedem der drei etwa gleich langen Teile des Werks in ein anderes Schreckensszenario der modernen Welt abtauchen: Krieg, Pandemie und Klimakatastrophe. Das funktioniert zum einen gut, da das Stück mit unüblich viel Text ausgestattet ist – unüblich jedenfalls für eine Oper oder ein opernähnliches Werk, in dem üblicherweise Raum für Szenisches vorgesehen ist. Weil man dem Text ab einem gewissen Punkt nämlich schlicht nicht mehr folgen kann; die Kapazitäten eines durchschnittlichen Rezipienten reichen nicht für die gleichzeitige Aufnahme von Szenerie, Wort und Musik in dieser Dichte aus. Es funktioniert aber auch deshalb gut, weil Bühnenbild und Kostüme stimmig sind in ihren Effekten (nur den herabschwebenden Engel gegen Ende des dritten Teils fand ich ein bisschen drüber). Und es funktioniert vor allem gut, weil die Darstellerinnen und Darsteller – allen voran Vera-Lotte Boecker als Peri und Kai Kluge als Erzähler – phantastisch spielen. Damit meine ich auch und gerade den Chor!

Schließlich ist da noch das Durchbrechen der vierten Wand, welches im Laufe des Abends immer wieder unter Zuhilfenahme einer ins Parkett gerichteten Kamera zelebriert wird. In jedem der drei Teile spitzt sich die Situation zu: Einmal verlässt eine Zuschauerin laut protestierend den Saal, dann fängt die Kamera das Bild eines schlafenden Mannes ein und schließlich wird das Publikum endgültig zum Teil der Handlung und verhilft der zwischen den Sitzreihen balancierenden Peri zu ihrer Erlösung bringenden Himmelsgabe. Dass viele Menschen vor Ort sich nicht sicher waren, was davon inszeniert war und was nicht, zeigte sich an vereinzelten Reaktionen, aber auch noch später beim erneut von Christopher Warmuth moderierten Nachgespräch mit Tobias Kratzer, Vera-Lotte Boecker und Kai Kluge (und ohne Omer Meir Welber, der zwar im Rangfoyer auftauchte, dann aber doch lieber nur ein Bier trinken wollte).

Trotzdem oder gerade deswegen: Bei den allermeisten Zuschauerinnen und Zuschauern im gut gefüllten Saal kam das alles sehr gut an. Auch das Pressecho schien nahezu durchweg wohlwollend bis lobpreisend. Wie Kratzer nach diesem fulminanten Einstand die Spannung halten will, bleibt jedoch abzuwarten. Einige der gezeigten Effekte kann man nicht ständig ausspielen, würden sie doch irgendwann ihre (Schock-)Wirkung verlieren. So oder so schlummert da aber bestimmt noch Verschiedenes in der Pipeline, dem Motto der Spielzeit folgend: “Alles, was Oper kann”. Meine Neugierde ist jedenfalls geweckt. Ich habe inzwischen Karten für die beiden nächsten Kratzer-Inszenierungen erworben und teste dabei auch gleich verschiedene Perspektiven. Vielleicht finde ich ja doch noch einen Stammplatz in der Staatsoper, auf dem ich gut gucken kann, ohne arm zu werden.

Zuvor noch einmal zurück zur Peri, eine Szene hat mich im Nachgang noch länger beschäftigt: Wie wenig glücklich und irritiert die Peri schien, nachdem sie zurück in den Himmel durfte, dort aber zwischen die plötzlich chorschwarz gekleideten, flügellosen Engel buchstäblich in Reih und Glied gezwängt wurde! Der Text dazu:

O ewige Freud’, mein Werk ist getan,
Die Pforte geöffnet zum Himmel hinan,
Wie selig, o Wonne, wie selig bin ich!

Dass ich die Hintergründe dieses Störgefühls im Nachgespräch hätte erfragen können, fiel mir bedauerlicherweise erst am nächsten Tag ein. Ob “Das Paradies und die Peri” wieder aufgenommen wird, wusste man dort übrigens noch nicht zu sagen, von der künftigen Besetzung ganz zu schweigen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich diese Inszenierung nicht ohne Vera-Lotte Boecker und Kai Kluge sehen möchte. Genauso wenig, wie ich Marthalers “Lulu” ohne Barbara Hannigan und Veronika Eberle hätte sehen wollen. Wer sich nachträglich einen eigenen Eindruck verschaffen will, kann das bei arte CONCERT tun: Die Premiere von “Das Paradies und die Peri” ist noch bis zum 26. Dezember 2025 in der Mediathek verfügbar.

Was ist also das Fazit? Alles neu, alles super? Nicht ganz. Manche alte Zöpfe halten sich hartnäckig.

So saß ich neben einem älteren Paar, dass meinen Einzelplatz (über den ich mich bei meiner kurzfristigen Buchung sehr gefreut hatte), ursprünglich für eine verhinderte Bekannte reserviert und zurückgegeben hatte. Wir kamen kurz ins Gespräch, bei dem der Mann sich zu dem Kommentar hinreißen ließ, es sei doch traurig, dass ich niemanden hätte, der mit mir in die Oper ginge. Das ist mir selbst inmitten konservativster Abonnentenpaare in der Laeiszhalle noch nicht passiert (und das will etwas heißen). Diese ganz spezielle Spielart vorsintflutlicher Übergriffigkeit habe ich echt nicht vermisst – solche Typen gibt es wohl nur noch in der Staatsoper.

Außerdem musste ich feststellen, dass Volker Wacker noch immer die “Opernwerkstatt” moderiert – siehe oben.

Aber man kann schließlich nicht alle Wände auf einmal einreißen. Selbst Tobias Kratzer und sein Team nicht.

Die Opernwerkstatt zu “Norma” in der Staatsoper Hamburg

Auf den Besuch der Neuinszenierung von Bellinis “Norma” hatte ich mich am Wochenende auf besondere Weise vorzubereiten versucht, nämlich mit der Teilnahme an der dazugehörigen Opernwerkstatt. Die Opernwerkstatt, so heißt es in der Beschreibung auf der Webseite der Staatsoper Hamburg, “ist ein Kompaktseminar, bei dem die Teilnehmer alle wichtigen Aspekte einer Opernproduktion kennenlernen.” Geleitet wird sie von Volker Wacker, der im Rahmen dieses Formats seit 1998 an der Staatsoper Hamburg mehr oder weniger lustig Opern erklärt.

Gelernt habe ich tatsächlich in den rund acht Nettostunden: einiges über Bellini, vieles über Belcanto und durch einen episch angelegten “Casta Diva”-Vergleich vor allem, welche Unterschiede es bei verschiedenen Interpretationen zu hören und zu beachten gibt. Mit der Hamburger Neuinszenierung schien sich Volker Wacker dagegen weniger beschäftigt zu haben. Zwar betonte er, wie bedeutsam diese sei, da die Oper in den letzten einhundert Jahren in der Hansestadt nicht mehr szenisch, sondern ausschließlich konzertant aufgeführt worden ist. In der Folge wurden die im Programmheft abgedruckten Fotos und das Interview mit der Regisseurin, das Bühnenbild, die Kostüme, das Verhalten einiger Akteure auf der Bühne in ausgewählten Situationen sowie die musikalische Leitung kurzkommentiert. Wackers Fazit: Die Inszenierung sei zu statisch und beladen mit teils unverständlicher Symbolik und das Dirigat von Matteo Beltrami, der für den erkrankten Paolo Carignani eingesprungen war, viel zu langsam.

So weit, so völlig legitim; niemand muss mögen, auch der oberste Opernwerkstättler nicht. Allein, die Begründungen blieben lapidar und oberflächlich und da ist noch der Ton, der bekanntlich die Musik macht. Auffällig war beispielsweise, dass Wacker die behandelten Sängerinnen und Sänger stets mit vollem Vor- und Nachnamen benannte, ebenso wie Àlex Ollé, den Regisseur der anhand von Videobeispielen präsentierten Londoner Vergleichsinszenierung von 2016, Yona Kim dagegen fast ausnahmslos als “Frau Kim” bezeichnete, nicht zuletzt in dem oft wiederholten Satz: “Frau Kim ist dazu leider nichts eingefallen.” Dann waren ihm die Kostüme nicht fraulich genug: Gleich mehrfach hieß es, Marina Rebeka habe doch eine so schöne Figur und niemals könne sie sie zeigen. Dass die von ihm als “Sack und Asche” und “Eurotrash” bezeichneten Gewandungen und das spartanische, teils ungemütlich, teils spärlich ausgeleuchtete Bühnenbild sich eventuell auf die harsche, vor Gewaltausbrüchen strotzende Handlung beziehen könnten, schien ihm nicht in den Sinn gekommen zu sein. “Wenigstens hat sie schöne rote Haare!”, so das abschließende Urteil über das Erscheinungsbild der Hamburger Norma. Ein Blick ins Programmheft hätte genügt, um dieser Illusion jede Grundlage zu rauben:

Out of the ash
I rise with my red hair
And I eat men like air.

so das abgedruckte Zitat aus Sylvia Plaths Gedicht “Lady Lazarus”. Man hätte sich natürlich fragen können (müssen!), warum gerade diese Textstelle ausgewählt wurde und in welchem Zusammenhang sie mit der Inszenierung steht. Für Plath und deren Werke hatte Volker Wacker jedoch lediglich ein paar despektierliche Bemerkungen übrig. Das Wort “Weiberkram” fiel zwar nicht, die Haltung war dennoch unmissverständlich. Da ist diese Oper über eine verzweifelte, aber nichtsdestotrotz starke Frau, inszeniert von einer Frau, die Premiere am heutigen Weltfrauentag. Alles Gedöns? So oder so, es schien keiner Erwähnung wert.

Lange habe ich während des Vortrags überlegt, an wen mich die oft gönnerhaft wirkende, selbstgefällige, abschweifende und mit höchstens halbironisch ausgeführten Bemerkungen der Sorte “so sind sie halt, die Frauen” gespickte Redeweise erinnerte. Volker Wacker selbst lieferte das Stichwort, bezogen auf ein mögliches Überziehen der Kurslaufzeit: “Kulenkampff und ich”. Ich habe “Kuli” und “EWG” als Kind geliebt, musste aber beim Betrachten der (aus anderen Gründen sehr empfehlenswerten) Dokumentation “Kulenkampffs Schuhe” erst kürzlich wieder feststellen: Diese Art der Ansprache ist verdammt schlecht gealtert. Kein Mensch würde heute noch so moderieren, ohne völlig zu Recht vom Schirm gejagt zu werden. Das heißt: Kein Mensch außer Volker Wacker, denn die überwiegend weibliche Opernwerkstattgemeinde goutierte es mehrheitlich; kein Raunen war zu vernehmen, keine hochgezogene Augenbraue sichtbar.

Und so blieb auch die Bezichtigung, Yona Kim habe Elemente aus der Londoner Inszenierung übernommen – guckt mal, die Kinder sind ja auch im Schlafanzug! Und haben eine Spielburg! Und der Teddy da, in beiden Produktionen! Ob das noch Zufall ist, na ich weiß nicht! – bis auf eine Gegenmeldung unwidersprochen. Die folgerichtig abgebügelt wurde. Sonia Ganassi als Londonder Adalgisa bekam nebenbei das wenig schmeichelhafte Etikett “verblühte Schönheit” aufgedrückt, “… und dann läuft da so ein Häschenfilm”. Der “Häschenfilm” war “Watership Down”, eingeblendet ungefähr ab der Szene, in der die blutbefleckten Zähne des General Woundwort auftauchen. Durch die wiederum dereinst eine ganze Generation von Kindern traumatisiert wurde. Schlagt mich, aber man darf ziemlich sicher davon ausgehen, dass Àlex Ollé sich dabei etwas gedacht hat.

Ich bin und bleibe in Fach (Musik-)Theaterregie zweifelsohne der Dummie, aber für diese Erkenntnis reicht es: Dieser Referent hatte seine Hausaufgaben nicht gemacht. Ob aus mangelndem Interesse an Yona Kim und ihrer Inszenierung oder aufgrund des Bewusstseins, sich ungeachtet der präsentierten Inhalte eines treuen Publikums sicher sein zu können, sei einmal dahingestellt. Der Altersschnitt der Zuhörerschaft von Mitte 60+ wird sich wohl aber nicht in erster Linie aus diesem Grunde in nächster Zukunft kaum senken.

Schade.

“La Traviata” in der Staatsoper Hamburg

Vor einigen Tagen wurde ich auf die Blogparade des Archäologischen Museums Hamburg in Zusammenarbeit mit Tanja Praske aufmerksam, die Überschrift lautet: „Verloren und wiedergefunden? Mein Kulturblick | #Kultblick”. Nun ist das Susammelsurium in seiner Gesamtheit ein Erfahrungsbericht der Wieder- und Neuentdeckung von allerlei Kulturellem mit musikalischem Schwerpunkt. Darüber eigens einen zusammenfassenden Text zu schreiben, hieße, sich in nicht wenigen Punkten zu wiederholen – etwas, was ich zu vermeiden versuche. Während ich noch darüber grübelte, flatterte mir die Einladung der Staatsoper Hamburg zum InstaWalk mit anschließendem Opernbesuch in den Posteingang. Der daraus entstandene Beitrag beantwortet zwar keine der #KultBlick-Fragen, jedenfalls nicht explizit. Aber das Thema hat viele Facetten. Der (Unter-)Titel für diese lautet: “Mit anderen Augen”.

Dass ich gestern Abend in der Staatsoper Hamburg saß und der Aufführung von “La Traviata” lauschte, hatte sich kurzfristig ergeben. Es blieb keine Zeit, sich auf Oper und Inszenierung gebührend vorzubereiten. Wobei das im Prinzip nur für letzteres nötig gewesen wäre, denn Alexandre Dumas’ Geschichte von der Kameliendame und mindestens die Arienhits der Umsetzung von Giuseppe Verdi und Francesco Maria Piave (Libretto) sind mir quasi von Kindesbeinen an bekannt.

Zwei Umstände führten dennoch dazu, dass ich das Gesamtgebilde Oper mit neuen Augen betrachtete.

Zum einen war es die vom Team der Staatsoper angebotene Führung am Nachmittag, die einer kleinen Gruppe Instagrammern, Twitterern und Bloggern Einblicke in Requisitenlager, Maske sowie auf und unter die Bühne gewährte.

Im Requisitenlager
Im Requisitenlager
Aufgetischt
Aufgetischt
Voller Einsatz
Voller Einsatz

Dabei lernten wir unter anderem, dass in den unterschiedlichen Gebäudeteilen nicht zwischen rechts und links, sondern zwischen der (historischen) Land- und der Stadtseite unterschieden wird, der Bühnenraum 28m hoch ist, der Boden sich 10m absenken lässt und in ihm somit die “Rickmer Rickmers” Platz hätte, warum es im Altbau, in dem sich Bühne und Künstlergarderoben befinden, keine Aufzüge gibt und dass sich für jede Sängerin und jeden Sänger – Solist oder Chor – ein eigenes Kopfmodell in der Werkstatt befindet, um Perücken nach Maß fertigen zu können.

Große Auswahl
Große Auswahl
Von Haupt- und anderen Haaren
Von Haupt- und anderen Haaren
Parsifal
Parsifal

Bevor man sich als Teil des Publikums lässig in seinen Sitz fallen lässt, um sich wahlweise berieseln, verzücken, verstören oder auch verärgern zu lassen, sollte man sich kurz vergegenwärtigen, wie viele Arbeitsschritte und helfende Hände, wie viel Handwerkskunst, Kommunikation, Koordination und Konzentration in jeder einzelnen Aufführung stecken. Die Ticketpreise relativieren sich damit sehr schnell und der Respekt vor der Leistung aller Beteiligter bleibt auch dann noch erhalten, wenn einem die Inszenierung nicht zusagt oder einer der Sänger einen schlechten Tag erwischt hat.

Soufflierplatz
Soufflierplatz
Auf der anderen Seite
Auf der anderen Seite

Zum anderen befand sich in der geführten Gruppe jemand, der noch nie im Theater war, bisher kein einziges klassisches Konzert besucht hat, am gestrigen Abend zum allerersten Mal eine Oper sah und daher mit einigen Fragezeichen in die Pause ging.

Ist das echter Text, singen die da wirklich Italienisch? Die Frage mag den Opernkenner bass erstaunen, aber wer neu in der Materie ist, die Story nicht kennt und versucht hat, aus den deutschen Übertiteln auf die jeweils gesungene italienische Textzeile zu schließen, stand streckenweise auf verlorenem Posten. Zumal die Bühnenhandlung inszenierungsbedingt nicht immer zu einhundert Prozent dem Libretto entsprach.

Ob das normal sei, diese ständigen Wiederholungen? Ganz schön anstrengend, der Gesang, insbesondere der hochfrequente Sopran. Meine Schwestern und ich, das fiel mir dabei ein, haben Koloraturen früher gerne als “Gejoller” bezeichnet und zugegeben, ganz meine Stimme war das auch nicht. Rätselhaft waren dem Neuling zudem die auf geisterhaft getrimmten Gauklerfiguren, von Regisseur Johannes Erath mutmaßlich eingesetzt, den Andersweltcharakter des gewählten Schauplatzes zu betonen. Und dann war da noch das Violetta-Double, Teil des (übrigens ausnehmend schönen) Rahmenbildes zu Anfang und Ende der Inszenierung. Den Verlauf des 4. Bildes versteht nur, wer die Unterschiede zwischen literarischer Vorlage und Libretto kennt (bzw. wenigstens das Programmheft gelesen hat) oder entsprechend phantasiebegabt ist. Wobei: “Doch, doch das hab ich kapiert: eine zum Sterben und eine zum Singen!” Genau.

Sterben dauert in der Oper ja prinzipiell ewig. Besonders anschaulich brachte das einst Herman van Veen mit dem Stück “Erstochen” auf den Punkt. Die Augen des Opernnovizen schielten mehrfach auf die Uhr. Kaum verwunderlich, denn “La Traviata” ist auch in dieser Hinsicht ein Extrembeispiel: Violetta benötigt zum Ableben gleich einen ganzen Akt. Die “wenigen Stunden”, von denen Dottore Grenvil am Anfang des Bildes spricht, werden gefühlt in Echtzeit ausgewalzt. Keine ganz leichte Einstiegskost also für jemanden, der ansonsten vorzugsweise elektronische Musik hört. Da hatte es Julia Roberts als Vivian Ward etwas leichter, damals in “Pretty Woman”. Gerade auch thematisch. Bravo fürs Durchhalten!

Ja, doch, so lautete das Fazit, ziemlich herausfordernd, aber interessant. Bestimmt nochmal Oper, wohl nicht sehr bald, aber irgendwann. Zu denken gab mir der Satz “Das ist doch eher etwas für ältere Leute, wenn ich mir das Publikum so ansehe.” Dass wir den Schnitt gestern Abend gesenkt haben, war leider nicht zu leugnen. Ebenso wenig, dass es unter anderem dieser Umstand war, der mich selbst so lange mit der Staatsoper und symphonischen Konzerten hat hadern lassen. Was man dagegen tun kann? Sich öffnen, zum Beispiel mit Instagram & Co., und damit – wie geschehen! – neue Augen ins Haus locken.

Abgesehen von diesen Beobachtungen und Einsichten: Ich mochte die Kostüme, ebenso das Bühnenbild – nicht trotz, sondern wegen seiner Schlichtheit -, mir gefiel die Inszenierung und was die Gesangsparts angeht, fielen meine Eindrücke in etwa mit dem des Applausometers zusammen. Besonders viel Zuspruch ernteten Dinara Alieva als Violetta Valery (das war schon gut, nur halt knapp nicht meine Frequenz), Liparit Avetisyan als Alfredo Germont (ein Hauch zu viel Geschluchze für meinen Geschmack, aber andererseits: wo, wenn nicht bei “La Traviata” und in dieser Rolle!) und vor allem Juan Jesús Rodríguez als Giorgio Germont (ich bin ja doch irgendwie ein Bariton-Mensch).

Übrigens, wer selbst einmal hinter die Kulissen der Staatsoper schauen möchte, kann sich einer öffentlichen Führung anschließen, eine private buchen oder aber das hauseigene Blog durchstöbern. Lieblingsbeispiele: im Schnelldurchlauf zur Parsifal-Hauptprobe und der #KopfdesFigaro.

Der #KopfdesFigaro
Der #KopfdesFigaro

“Die Frau ohne Schatten” in der Staatsoper Hamburg

Da sind nun also Kaiserin und Färberin, die eine kann keine Kinder bekommen, die andere will nicht. Während die Kaiserin per Weissagung emotional erpresst (“Die Frau wirft keinen Schatten, der Kaiser muss versteinern!”) und von ihrer Amme zu drastischen Maßnahmen gedrängt wird, erliegt die Färberin den ihr angebotenen Verlockungen im Austausch gegen Schatten und Fruchtbarkeit – wenn auch nicht bis zum Äußersten. Das Gewissen und der Zwiespalt funken ihr dazwischen.

Nichtsdestotrotz provoziert sie den Gatten unermüdlich weiter, bis diesem endlich schwant, dass die ihm Angetraute es ernst meint mit ihrer Rede. Worauf ihm der Kragen platzt. Und zack! ist sie auch schon eingeknickt:

Dienend, liebend dir mich bücken:
dich zu sehen!
Atmen, leben!
Kinder, Guter, dir zu geben!

Am Ende finden sich beide Frauen, durch unterschiedliche Prüfungen zur Mutterschaft bekehrt, selig lächelnd in den Armen ihrer Männer liegend wieder.

Wenn das Herz aus Kristall
zerbricht in einem Schrei,
die Ungebornen eilen
wie Sternenglanz herbei.
Die Gattin blickt zum Gatten,
ihr fällt ein irdischer Schatten
von Hüfte, Haupt und Haar.

Ernsthaft, Herr von Hoffmannsthal?

Nun gut, die Oper entstand zwischen 1911 und 1915 und wurde 1919 uraufgeführt. Da war das tradierte Rollenbild der Frau zwar schon im Umbruch, aber noch die Regel, und einer Ehe entsprangen im Durchschnitt vier Kinder. Außerdem, so lernten wir in der Einführung, gab es offenbar ein häusliches Vorbild für den Färber Barak und sein widerspenstiges, gebährunwilliges Weib: die Ehe Richard Strauss’ mit der Sopranistin Pauline de Ahna. Da kommt “Die Frau ohne Schatten” gewissermaßen wie eine maskuline Bewältigungsstrategie des Künstlerduos von Hoffmannsthal/Strauss daher.

Andreas Kriegenburgs Inszenierung versucht einen anderen Ansatz, den sperrigen Stoff ins jetzt und hier zu retten: Die gesamte Handlung zwischen Märchen- und Menschenwelt mitsamt dem zugehörigen Hokuspokus wird als (Fieber-)Traum der Färberin dargestellt. Das gelingt auch weitgehend, bis auf das süßlich-kitschige Finale mit Blumen, Erdbeeren und spielenden, in bunte T-Shirts gewandeten Kindermassen.

Wenig hilfreich dabei ist, dass die Schlussszene per se schon sehr in die Länge gezogen wirkt und auch musikalisch nicht eben den Höhepunkt des Spektakels bildet. Wobei mir der überwiegende Rest ausnehmend gut gefallen hat. Was Strauss sich da ausgedacht hat, ist zwar mehrheitlich cineastisch-bombastisch und zieht alle Register. Aber es bleibt eben auch Raum für zarte und lyrische Passagen. Ganz großes Kino. Richard Strauss möge mir bitte nachsehen, dass ich ihn kompositorisch bisher immer mit dem “Rosenkavalier” gleichgesetzt hatte. Passiert mir nicht wieder.

Und die Besetzung? Damit ich nicht wieder einem Opernsänger auf die Füße trete, weil ich ihn einen Opernsänger nenne, verzichte ich dieses Mal auf Einzelbewertungen. Man schlage dazu bei oper aktuell und im Hamburger Abendblatt nach, das stimmt ungefähr so.

Der wahre Star des Abends war eh das schier sensationelle Bühnenbild von Harald B. Thor – sagte ich schon “ganz großes Kino”? Passt.

“Lulu” in der Staatsoper Hamburg

Ich hatte an dieser Stelle bereits mehrfach über Social Media-Abende von Museen berichtet. Auch die Staatsoper Hamburg lud kürzlich zum TweetUp, einer Veranstaltung, für die ich mich sehr gern beworben hätte. Da diese aber im Rahmen der Hauptprobe zur Neuinszenierung der Oper “Lulu” durch Christoph Marthaler stattfand, handelte es sich um einen Termin unter der Woche nachmittags. Das ist mit meinen Arbeitszeiten nur schwer vereinbar.

Ich verfolgte den Hashtag #LuluHH daher zunächst nur aus den Augenwinkeln und war hin- und hergerissen. Einerseits hatte ich nach dem Spontanbesuch von Calixto Bieitos “Otello” große Lust, mir eine weitere Opern(-neu-)inszenierung anzuschauen. Andererseits ging es da um Alban Berg. Während der Schulzeit hatte ich dessen ersten Oper “Wozzeck” gesehen, als Begleitung zum Musikunterricht, und obwohl es mir seinerzeit einigermaßen gelang, mich in die Zwölftonmusik einzuarbeiten, erinnerte ich die Angelegenheit doch als reichlich anstrengend. Ohne gründliche Vorbereitung, das war mir bewußt, würde mir der Besuch einer “Lulu”-Vorstellung wenig Freude bereiten. Das gilt nicht nur für den musikalischen Teil. Alban Berg hat Lulus Geschichte aus zwei Stücken des Schriftstellers und Dramatikers Frank Wedekind zusammengebaut. Beim ersten Überfliegen der Zusammenfassung dachte ich: “Was für eine schreckliche, ja, hanebüchene Story. Überhaupt gar nicht mein Fall. Als Roman oder Film würde ich mir das nicht geben.”

Es kam die Premiere und mit ihr die ersten Kritiken. Ich sah Fotos des Bühnenbilds, las über die außerordentliche Leistung Barbara Hannigans in der Rolle der “Lulu” und erfuhr die Auflösung des Rätsels um die Soloviolinistin auf der Besetzungsliste. Schließlich siegte die Neugier. Ich beschäftigte mich mit der Geschichte des Werks, studierte verschiedene Inhaltszusammenfassungen und kaufte ein 19 Euro-Ticket für die Dernière.

Der Abend begann einigermaßen kurios. Neben mir im zweiten Rang rechts, Loge 4, saß ein enthusiastischer Wiederholungstäter, der alle Umsitzenden vorwarnte: Nach dem ersten Akt sollten wir bitte noch nicht gehen, es würde besser. Dritter Akt und Epilog lohnten sich besonders. Der Mann sollte recht behalten.

Mit dem ersten Akt fremdelte ich nicht nur, weil es geraume Zeit dauerte, bis ich mich eingehört hatte. Ich saß in der Loge ganz rechts und hatte daher leider die vordere linke Ecke von Loge 3 im Blickfeld. Dummerweise passiert gerade im 1. Akt ziemlich viel auf der rechten Bühnenseite, was mir einige Verrenkungen abverlangte. Dann irritierten mich ein weiteres Mal die Diskrepanzen zwischen Libretto und Bühnengeschehen. Wo die Dialoge größte emotionale Turbulenz beschreiben, wirken die handelnden Personen seltsam teilnahmslos und erstarrt. “Hände weg!”, singt Lulu an einer Stelle, “Hab ich dich!” antwortet der Maler, aber beide sitzen in der zwar langsamen, aber in Teilen durchaus aktionsfreudigen Inszenierung in beinahe maximal möglicher Distanz voneinander auf der Bühne und singen ihren Text mit ins Publikum gerichteten Gesichtern. Überhaupt, der Maler: Alle anderen Darsteller spielten in erster Linie Theater. Einzig Peter Lodahl als Maler blieb Opernsänger, in Gestus und Habitus. Es fiel zwar nur im Vergleich auf, dafür aber deutlich.

Zum zweiten Akt ändert sich das Bühnenbild: Es wird geschlossener, was mir sehr viel besser gefiel. Die Ohren hatten sich einigermaßen auf Zwölfton eingestellt und die Vorbereitung zahlte sich aus, da ich alle Figuren der Handlung zuzuordnen vermochte. So konnte ich mich auf die schauspielerischen und sängerischen Leistungen konzentrieren, wobei mir insbesondere Jochen Schmeckenbecher (Dr. Schön) und Barbara Hannigan imponierten. Eine leichtfüßigere und akrobatischere Lulu hat es wahrscheinlich noch nicht gegeben. Das Publikum reagierte amüsiert auf einzelne Textstellen, die Inszenierung kippte aber niemals ins Klamaukhafte. Und dann war da noch Anne Sofie von Otter: Als schwarzgekleidete Gräfin von Geschwitz blieb sie trotz dieser vermeintlichen Unscheinbarkeit unübersehbar. Ein Paradebeispiel für Bühnenpräsenz, die ohne große Gestik auskommt.

Alban Berg hat seine zweite Oper nicht vollenden können. Vom 3. Akt schaffte er noch 268 Takte, die übrigen 1.058 liegen lediglich als Particell mit vereinzelten Hinweisen zur Orchestrierung vor. Bis zum Tod der Witwe Bergs, die eine Vollendung durch dritte Hand verhinderte, wurde die Oper als Fragment aufgeführt. Seit der nachträglichen Instrumentierung durch Friedrich Cerha, uraufgeführt 1979, wird bevorzugt diese Version verwendet. Christoph Marthaler und Kent Nagano gehen einen dritten Weg. Zum dritten Akt räumt das Orchester den Graben, zwei Klaviere und die Soloviolinistin Veronika Eberle übernehmen. Eberle und eines der beiden Klaviere samt Spieler(in) werden dabei als Bühnenfiguren Teil der Inszenierung. Die musikalische Sparsamkeit erlaubt eine noch größere Konzentration auf Handlung, Inszenierung und Gesang und ich gebe zu, mir hat das Orchester an dieser Stelle nicht gefehlt.

Am Ende flieht Lulu nach London, prostituiert sich und wird zusammen mit der Gräfin von Geschwitz von niemand Geringerem als Jack the Ripper ermordet. Anne Sofie von Otter wird ausgeblendet, Barbara Hannigan bleibt mit Veronika Eberle auf der Bühne zurück; die Orchestermusiker waren zuvor nach der zweiten Pause auf ihre Plätze zurückgekehrt. Als Epilog wird nun Alban Bergs Violinkonzert “Dem Andenken eines Engels” gegeben, eben jenes Werk, für dessen Erstellung er die Arbeit an seiner unvollendet gebliebenen “Lulu” unterbrach. Es gab Stimmen, die das überflüssig und unverständlich nannten. Unabhängig davon, ob man ein solches Vorgehen für sinnvoll hält oder nicht: Es war musikalisch großartig ausgeführt. Nicht ohne Grund ernteten Veronika Eberle und Kent Nagano nach Barbara Hannigan die lautesten “Bravo!”-Rufe.

Weder Story noch Inszenierung, auch nicht die Musik für sich genommen, sondern die Aufführungsstrategie war, was mich an der neuen Hamburger “Lulu” am meisten fasziniert hat. Um musikalisch weiter einzutauchen, hätte es allerdings einer noch gründlicheren Vorbereitung bedurft. Vielleicht beim nächsten Mal. Ich bin ja jetzt wieder dran.

Ein abschließendes Wort noch an die Staatsoper Hamburg: TweetUps wirken! Ich bin der lebende Beweis. Gut gemacht! Das Blog übrigens auch.

“Otello” in der Staatsoper Hamburg

In der Staatsoper Hamburg war ich nun schon ein paar Mal, aber erst als ich im vergangenen Herbst die Liveübertragung der Spielzeiteröffnung 2016/17 am Jungfernstieg sah, fiel mir auf, dass ich dort zwar Ballettvorführungen und Konzerte, aber noch nie eine Oper besucht hatte. In über 11 Jahren in Hamburg nicht. Höchste Zeit, das nachzuholen.

Warum es nun ausgerechnet der “Otello” wurde, tja. Mag sein, dass die mannshohe Plakatierung im U-Bahn-Durchgang zwischen Rathausmarkt und Jungfernstieg eine Rolle spielte (Print wirkt!). Kann aber auch am Datum gelegen haben.

Wie dem auch sei, ich fand kurzfristig noch einen freien Platz mit halbwegs brauchbarem Blick auf das Bühnengeschehen für äußerst erschwingliche 12 Euro, konsultierte den zuvor entstaubten Opernführer und informierte mich grob über die Inszenierung: zeitgenössisch offenbar, von Buhrufen aus dem Publikum war zu lesen; das versprach Kontroverse.

Ob es in Calixto Bieitos Sinne war, dass sich in meinem Kopf angesichts der italienisch singenden Anzugträger auf der Bühne schon ab der ersten Szene Mafia-Assoziationen festsetzten – ich bin mir da nicht ganz sicher.

Die vorgetragene Version der Geschichte um Intrigen, Eifersucht, Gewalt und Mord erinnerte mich jedenfalls an die klassischen Macho-Machtspiel-Szenarien innerhalb eines Clans. In einer Hafenstadt, des das Bühnenbild beherrschenden orangefarbenen Krans wegen, sei es nun auf Zypern, wie das Libretto es vorgibt, oder sonst irgendwo auf der Welt. Ein testosterongesteuertes Wetteifern, in dem Frauen nur als devote Opfer und Status- bzw. Sexobjekte vorkommen. Selbst die Liebesszenen atmen in dieser Inszenierung Unterdrückung und Missbrauch und das ist soweit stimmig.

Was nicht ganz passte, war der Chor. Ein Heer von abgerissenen, schicksalsergebenen und sich um die Champagnerspritzereien der Herrschenden balgender Gestalten, die Textstellen wie

Mentre all’aura vola,
vola lieta la canzon,
l’agile mandòla
ne accompagna il suon.

Zur Mandola klingen
Soll der Freude Lied,
Das auf leichten Schwingen
Durch die Lüfte zieht.

singen, während Desdemona mit einem Blumenstrauß im Arm sich unter ihnen bewegt – das lässt sich meines Erachtens höchstens mittels Ironie in Einklang bringen.

Vermutlich habe ich also auch hier wieder nicht in Gänze begriffen, was der Regisseur dem Publikum mit seiner Inszenierung sagen wollte. Es hat mir trotzdem sehr gut gefallen.

Die musikalischen Gewinner des Abends waren Claudio Sgura als Jago und Svetlana Aksenova als Desdemona – großartig. Und überhaupt, Verdi! Nicht kaputtzukriegen. Schlimmstenfalls hätte das auch mit geschlossenen Augen noch funktioniert.

Apropos, ich merke mir fürs Ohr: Die Staatsoper-Akustik funktioniert sehr gut auch in der Holzklasse auf den günstigen Plätzen (und ist gnadenlos zu klappernden Streichern).

Den dramatischen Abend mit einem doppelten Grappa ausklingen zu lassen, erschien mir im Anschluss nur recht und billig. Wobei das wiederum ganz bestimmt auch dem Datum geschuldet war. Und der anderen Oper da, jenseits des großen Teichs.

Salute.

“Hamburger Pianosommer” in der Staatsoper Hamburg

Was passiert, wenn Joja Wendt, Axel Zwingenberger, Martin Tingvall und Sebastian Knauer zum “Hamburger Pianosommer” in die Staatsoper Hamburg einladen?

Vier grandiose Mini-Sets unterschiedlicher Stilrichtungen, diverse Duette sowie musikalische Staffelläufe, von denen einer in einem achthändigen Boogie Woogie nach Rachmaninoff auf zwei Konzertflügeln mündete. Sowas glaubt man ja auch erst, wenn man es sieht und hört.

Das war eine äußerst gelungene, hochklassige und sehr unterhaltsame Werbeveranstaltung für Steinway & Sons! Wobei das Product Placement, nun ja, die Viecher stehen eh überall in der Welt immer dann auf den Bühnen, wenn es darauf ankommt. Von daher: passt schon, gerne wieder!