Stand der Dinge

Noch kein ganzer Monat ist vergangen, seit ich an dieser Stelle meinem Entsetzen über die Art und Weise des Amtsantritts des 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika Ausdruck zu verleihen versuchte. Zu meiner eigenen Überraschung geschah das in englischer Sprache. Das hatte keinen besonderen Hintergrund; die ersten Sätze des Textes kamen mir während der morgendlichen Joggingrunde genau so in den Kopf, mutmaßlich meines derzeit enormen Konsums auswärtiger Quellen wegen, und der Rest entwickelte sich daraus. Und warum auch nicht, erreicht man doch mit dem Englischen im Zweifel ein größeres Publikum.

Unabhängig vom verwendeten Idiom kommt mir mein Gedankensortierversuch mittlerweile wie ein gigantisches Mimimi vor. Die Dinge jenseits des Atlantiks haben in kürzester Zeit ein Ausmaß angenommen, das ich gar nicht mehr versuchen werde, in Worte zu fassen.

Immerhin konnte ich feststellen, daß ich mit meiner unter Zähnenknirschen vorgetragenen Erwägung, Angela Merkel bei der nächsten Bundestagswahl zu unterstützen, keineswegs allein bin. Auch vom Prinzip her nicht.

… the great shifts of 2016 left [the progressives] – us – in a new place. Suddenly we find ourselves campaigning not for what could be, but for what was

schreibt Jonathan Freedland in seinem Artikel “A strategy to bring down the world order”*), in dem es vornehmlich um Steve Bannon, den Chefstrategen des Weißen Hauses, und um dessen zunächst mutmaßliche, sich nun aber immer deutlicher offenbarende Kriegslust geht. Freedland schließt mit den Worten:

If that makes us the new conservatives – with Bannon, Trump and the Brexiteers as the wrecking-ball radicals – then so be it.

Amen in der Tat.

Ob Martin Schulz, der neu gekürte Spitzenkandidat der SPD, meine Haltung noch ändern kann: Wir werden sehen. Als Coup war seine Berufung nicht ohne (und ich weine Sigmar Gabriel keine Träne nach). Die aktuellen Umfragewerte und der zu erwartende lebhafte politische Schlagabtausch werden hoffentlich die Wahlmüdigkeit bekämpfen helfen. Und den medialen Fokus wieder auf den Diskurs zwischen ausgewiesen demokratischen Parteien bringen, anstatt sich auf Rechtsaußen zu konzentrieren und den Protagonisten dieses Lagers dadurch noch mehr Aufmerksamkeit frei Haus zu verschaffen. Aber “Germany’s new pretender” – der “Guardian Weekly” schon wieder, hübsch doppeldeutig: Wird “Pretender” hier in der Bedeutung von “Thronbewerber” verwendet oder im Sinne von “mehr Schein als Sein”? – muß erst noch beweisen, daß da mehr kommt, als heiße Luft Aufbruchstimmung. Meine Skepsis wohnt irgendwo tief im Bauch und ist beträchtlich.

Wie dem auch sei, vor der Bundestagswahl im September sieht der Kalender 2017 noch den G20-Gipfel in Hamburg vor. Diese Veranstaltung werde ich mindestens abwarten, bevor ich eine endgültige Entscheidung treffe.


*) Guardian Weekly, No. 196, Vol. 10, 10-16 February 2017, Seite 18 f

Getting political

Looking back at the presidency of Barack Obama, I feel that I owe him an apology.

As much as I liked the man (and I still do): His political achievements neither seemed to meet his nation’s nor the world’s expectations, not even his own announcements. I kept thinking that being a decent, educated, graceful, humorous, compassionate, witty and, as far as the office would allow it, honest human being was not enough to fulfill the tasks he encountered.

I regret that now.

It is only day two after the transition of power and Obama’s successor has cut back the newly installed healthcare system without providing an alternative – I seriously doubt that we will ever see one -, declared war on the media and let his press secretary shout out an outright lie. He fired all foreign US ambassadors without granting them even the shortest period of grace. With his wife he opened the dance at one of the inauguration balls to Frank Sinatra’s “My Way”, of all songs (though I loved that line about facing the final curtain being sung in this context). And this inauguration speech… well. Let us say it left no doubt about his goals and in which style he is going to pursue them.

Our hope now lies not only in the US constitutional entities, the opposition, international media and, last but not least, the people (look at those marches! Restored my faith! Well, in parts) to check on this presidency to the best of their abilities. It also depends on the world’s leaders including, much as I hate to say it, Vladimir Putin to keep calm and act sensibly in the face of threat, bully, desinformation and narcissism.

Thus I am considering in earnest, for the first time in my life as a voter, to support the conservative candidate in the upcoming German federal election. Due to our electoral system, I am able to do so only by voting for her party, the none too Christan democrats. But all facts considered, as of today, they may be the only ones capable of rallying enough votes to build a sustainable majority. I do not like the thought of Angela Merkel now being the leader of the free world, as so many people seem to think. I do not like it at all. Nevertheless there may be some truth in it.

Speaking of leaders, I am actually looking forward to Frank-Walter Steinmeier becoming our next federal president. Even if you do not approve of what he did during his time as Chief of Staff of the Chancellery under Gerhard Schröder, both to the German social democrats and their supporters, let alone to the German social security system: There is a diplomat and a professional if I ever saw one.

For we desperately need professionals to deal with an amateur going berserk.

“Otello” in der Staatsoper Hamburg

In der Staatsoper Hamburg war ich nun schon ein paar Mal, aber erst als ich im vergangenen Herbst die Liveübertragung der Spielzeiteröffnung 2016/17 am Jungfernstieg sah, fiel mir auf, daß ich dort zwar Ballettvorführungen und Konzerte, aber noch nie eine Oper besucht hatte. In über 11 Jahren in Hamburg nicht. Höchste Zeit, das nachzuholen.

Warum es nun ausgerechnet der “Otello” wurde, tja. Mag sein, daß die mannshohe Plakatierung im U-Bahn-Durchgang zwischen Rathausmarkt und Jungfernstieg eine Rolle spielte (Print wirkt!). Kann aber auch am Datum gelegen haben.

Wie dem auch sei, ich fand kurzfristig noch einen freien Platz mit halbwegs brauchbarem Blick auf das Bühnengeschehen für äußerst erschwingliche 12 Euro, konsultierte den zuvor entstaubten Opernführer und informierte mich grob über die Inszenierung: zeitgenössisch offenbar, von Buhrufen aus dem Publikum war zu lesen; das versprach Kontroverse.

Ob es in Calixto Bieitos Sinne war, daß sich in meinem Kopf angesichts der italienisch singenden Anzugträger auf der Bühne schon ab der ersten Szene Mafiaassoziationen festsetzten – ich bin mir da nicht ganz sicher.

Die vorgetragene Version der Geschichte um Intrigen, Eifersucht, Gewalt und Mord erinnerte mich jedenfalls an die klassischen Macho-Machtspiel-Szenarien innerhalb eines Clans. In einer Hafenstadt, des das Bühnenbild beherrschenden orangefarbenen Krans wegen, sei es nun auf Zypern, wie das Libretto es vorgibt, oder sonst irgendwo auf der Welt. Ein testosterongesteuertes Wetteifern, in dem Frauen nur als devote Opfer und Status- bzw. Sexobjekte vorkommen. Selbst die Liebesszenen atmen in dieser Inszenierung Unterdrückung und Mißbrauch und das ist soweit stimmig.

Was nicht ganz paßte, war der Chor. Ein Heer von abgerissenen, schicksalsergebenen und sich um die Champagnerspritzereien der Herrschenden balgender Gestalten, die Textstellen wie

Mentre all’aura vola,
vola lieta la canzon,
l’agile mandòla
ne accompagna il suon.

Zur Mandola klingen
Soll der Freude Lied,
Das auf leichten Schwingen
Durch die Lüfte zieht.

singen, während Desdemona mit einem Blumenstrauß im Arm sich unter ihnen bewegt – das läßt sich meines Erachtens höchstens mittels Ironie in Einklang bringen.

Vermutlich habe ich also auch hier wieder nicht in Gänze begriffen, was der Regisseur dem Publikum mit seiner Inszenierung sagen wollte. Es hat mir trotzdem sehr gut gefallen.

Die musikalischen Gewinner des Abends waren Claudio Sgura als Jago und Svetlana Aksenova als Desdemona – großartig. Und überhaupt, Verdi! Nicht kaputtzukriegen. Schlimmstenfalls hätte das auch mit geschlossenen Augen noch funktioniert.

Apropos, ich merke mir fürs Ohr: Die Staatsoper-Akustik funktioniert sehr gut auch in der Holzklasse auf den günstigen Plätzen (und ist gnadenlos zu klappernden Streichern).

Den dramatischen Abend mit einem doppelten Grappa ausklingen zu lassen, erschien mir im Anschluß nur recht und billig. Wobei das wiederum ganz bestimmt auch dem Datum geschuldet war. Und der anderen Oper da, jenseits des großen Teichs.

Salute.

Michelle Obama for President

Eigentlich wollte ich über die amerikanische Präsidentschaftswahl nichts mehr sagen. Aber Robert De Niros Rant für #Voteyourfuture hat dieses Vorhaben schon kurz ins Wanken gebracht und Michelle Obama hat es nun endgültig umgeschmissen.

Unglaublich, daß es so lange gedauert und so vieler Unerträglichkeiten bedurft hat, bis diese Worte in dieser Deutlichkeit gesprochen wurden. Bleibt zu hoffen, daß es nicht zu spät dafür war.