Internationales Sommerfestival 2026 auf Kampnagel

Kein übliches Sommerfestival war das auf Kampnagel in diesem Jahr, sondern der letzte Akt vor dem großen Umbau: Geplant ist eine Sanierung und Vergrößerung bei gleichzeitiger Wahrung des Gelände-Charakters. Als Konsequenz werden mindestens die nächsten zwei Sommerfestivals sehr anders ausfallen müssen. Für sich genommen war das schon ein sehr guter Grund, um sich 2026 noch einmal richtig ausgetobt zu haben. Für mich kam noch ein ganz persönliches, schlagendes Argument hinzu: Weil ich’s (wieder) kann.

Nach den Außergewöhnlichkeiten des letzten Jahres lieferte die Eröffnungsveranstaltung in diesem Jahr wieder zuverlässig mit Brosda-Rede, Sekt und bekannten Gesichtern. Ich war frühzeitig auf dem Gelände und inspizierte vorab den Avant-Garten (dazu später mehr).

hope!
hope!
Wege
Wege

Ayelen Parolin: Irresistible Revolution (Eröffnung)

Offenbar hatte die 2025er Eröffnung auch programmatische Spuren hinterlassen – Festivalleiter András Siebold höchstselbst erwähnte die Bitte des Marketings, für diese Festival-Ausgabe doch bitte ein Stück mit etwas mehr Aufbruchsstimmung auszuwählen. Die vielfach als Wimmelbild bezeichnete, vom argentinischen Karneval inspirierte Produktion „Irresistible Revolution“ lieferte die dazu passenden energetischen Vibes, wobei die Grenzen zwischen Fröhlichkeit, Komik und Groteske fließend verliefen. Eine ziemlich perfekte Mischung.

Den Tänzer mit dem ausgeprägten komödiantischen Talent im schwarzen Netzoberteil und roten Röckchen habe ich sehr sicher schon in einer anderen Produktion gesehen. Mir fällt nur nicht ein, wann und wo das war. Bei einer früheren Sommerfestival-Auflage vermutlich.

Nan Goldin: The Ballad of Sexual Dependency (1992)

So richtig verstehe ich nicht, was an der Fotografie Nan Goldins künstlerisch wertvoll sein soll. Ich erkenne aber vorbehaltlos den dokumentarischen Wert von Werken wie „The Ballad of Sexual Dependency“ an. Die tagebuchartige Zusammenstellung aus 694 Kleinbilddias nebst Soundtrack portraitiert Personen aus Goldins persönlichen Umfeld mit ihren Bindungen und Abhängigkeiten: Sex, Gewalt und Drogen, Parties und Alltag, Hochzeiten, Kinder, queere Lebenswelten und nicht zuletzt die AIDS-Krise. Akustisch wie optisch beeindruckend war dabei unverhofft auch das zeitgleiche Zurückfahren der neun Kodak-Projektoren nach Ende der Dia-Show.

Ich kann ja kein „Carousel“ mehr sehen, ohne an Don Draper zu denken („Mad Men“, Staffel 1, Folge 13 „The Wheel“).

Cuqui Jerez: Sugar Island + Publikumsgespräch

Vielleicht hätte ich mehr vom Ballett verstehen müssen, um „Sugar Island“ verstehen zu können. So interpretierte ich zumindest die Wortbeiträge von Choreographin und Tänzerin beim Publikumsgespräch im Anschluss an die Vorstellung. Bei dieser Gelegenheit erfuhr ich auch, dass ein Großteil der Lichteffekte und des Sounds improvisiert waren. Das hätte ich gern vorher gewusst; vielleicht hätte ich das Gesehene dann besser wertschätzen können.

Publikumsgespräch zu "Sugar Island"
Publikumsgespräch zu „Sugar Island“

So habe ich mich leider die meiste Zeit gelangweilt. Und gelacht hat auch kaum jemand, nur ein-, zweimal, ganz zum Schluss, obwohl der Beschreibungstext im Festivalprogramm die humoristische Dimension des Stücks eigens hervorhob.

Das hat mich nicht überzeugt.

Bonnie „Prince“ Billy (St. Gertrud)

Ganz anders der Auftritt von Will Oldham aka Bonnie „Prince“ Billy in der St. Gertrud-Kirche. Ich mag Singer/Songwriter, aber oft stört mich, dass Texte düster, subversiv oder sozialkritisch sind, die Töne dazu aber harmlos klingen. Nicht so bei Bonnie „Prince“ Billy: In jedem einzelnem Song war mindestens ein musikalischer Twist eingebaut, der wie ein Drahtseilakt wirkte. Kippt das jetzt ins (kontrollierte) Chaos oder kommt das Stück zurück in die Spur? Man konnte sich nie sicher sein. Jedenfalls hat Bonnie „Prince“ Billy in meiner Genre-Wahrnehmung ein neues Level freigeschaltet. Ich war (und bin noch immer) angemessen beeindruckt. Der Veranstaltungsort trug einiges zum Gelingen bei: Die Kirchenakustik erlaubte auch die unverstärkten Sequenzen, die Sänger und Band ins Programm einbauten.

Nesterval: Das Schiff (MS Stubnitz)

Dieses Mal hatte ich direkt beim ersten Vorverkaufstermin für Sommerfestivalclub-Mitglieder eine Karte ergattern können. Ein extrem glücklicher Umstand, war diese erste Tranche doch angeblich nach gerade einmal zwei Minuten ausverkauft!

Die MS Stubnitz am Liegeplatz
Die MS Stubnitz am Liegeplatz

In „Das Schiff“ treffen die Gäste und einzelne Mitglieder der Besatzung der zuvor untergegangenen „MS Nesterval“ auf die Crew der „MS Stubnitz“, die die Schiffbrüchigen aufgenommen und das eigene Schiff kurzerhand zum Kreuzfahrer umfunktioniert hatte. Nach Hawaii soll die Reise nun gehen. Auf dem Weg dahin beziehungsweise noch bis zum Auslaufen der „MS Stubnitz“ begegnen sich Menschen und Schicksale, nicht unähnlich einer der handelsüblichen ZDF-„Traumschiff“-Folgen, bei der alle wild gesponnenen Handlungsfäden am Ende mehr oder weniger glücklich verbunden im Captain’s Dinner münden (bei Nesterval allerdings ohne die dort obligatorischen Eisbomben zum „Dinner Marsch“ von James Last). Aufgeteilt in zwei Wachen und mehrere Untergruppen wurde das Publikum, jeweils begleitet von einem der Charaktere, an Deck und unter Deck in den zu verrichtenden Dienst und damit in die erzählten Geschichten eingeführt. Den Wachwechsel markierte einen gemeinsamer Sirtaki-Tanz an Deck*. (Sexualisierte) Gewalt, Rassismus, Queer- und Transfeindlichkeit und anderes Unglück kamen auch in „Das Schiff“ vor, wurden aber anders als in anderen Nesterval-Stücken nicht ausgesprochen und -gespielt, sondern lediglich in Slow-Motion-Sequenzen angedeutet.

Unbedingt mitnehmen sollte man das bei Nesterval übliche Zusammentreffen von Publikum und Darstellenden nach der Vorstellung. Zuerst, weil man sich mit anderen austauschen und dabei die unvermeidlichen Handlungs-Lücken füllen kann (niemand kann alles sehen in einer Vorstellung, nicht einmal in mehreren, es sind einfach zu viele Szenen). Ich traf Menschen wieder, die ich im letzten Jahr bei „Das Dorf“ kennengelernt hatte und lernte österreichische Nesterval-Fans kennen, die mir eine Übernachtungsgelegenheit anboten, sollte ich es jemals schaffen, für eine Wiener Vorstellung Karten zu erstehen. Und auch von einigen aus der Nesterval-Crew werde ich mittlerweile als Wiederholungstäterin erkannt. Schöner Nebeneffekt, macht Spaß!

*) Anmerkung der Traditionsschiffseglerin: Interessantes Konzept, wird sich aber in der Seefahrt vermutlich nicht durchsetzen. Vor allem bei nächtlichem Wachwechsel auch eher unpraktisch.

Pankaj Tiwari: The Harvest of Broken Promises + Publikumsgespräch

„The Harvest of Broken Promises“ litt in meinen Augen ein bisschen darunter, dass im Ankündigungstext schon vieles über Botschaft des Stücks verraten wurde: Es geht um die Zerstörung traditioneller Anbaumethoden durch multinationale Konzerne unter besonderer Berücksichtigung der Saatgutgewinnung und der Landwirtschaft in Balrampur, dem Heimatort Pankaj Tiwaris in Nordindien. Beeindruckt war ich dennoch, vor allem, weil die persönliche Verbindung Tiwaris zur Thematik nicht nur konzeptionell im Vordergrund stand, sondern auch in der Ausführung sehr spürbar wurde. Im anschließenden Publikumsgespräch äußerte Tiwari unter anderem die Absicht, sich thematisch nicht festlegen zu wollen in seinem Schaffen, nur weil bestimmte Inhalte zu bestimmten Zeiten im gesellschaftlichen Fokus stehen oder er gar mit spezifischen Themenbereichen identifiziert wird. Auch das hat mir imponiert. Nach diesem ersten Eindruck schaue ich mir gerne noch andere Arbeiten Tiwaris an.

The Cinematic Orchestra (Elbphilharmonie)

Vermutlich hatte das Ensemble aus Großbritannien in der Elbphilharmonie schon deshalb Publikums-Verluste zu verzeichnen, weil sich manche unter „Orchestra“ ein ebensolches vorgestellt hatten. Ich habe aber auch von Menschen gehört, die den Sound furchtbar und die ganze Angelegenheit für entschieden zu laut hielten.

Mir dagegen hat der Auftritt der drei Herren, die bei einigen Songs von der britischen Soul-Sängerin Tawiah unterstützt wurden, gut gefallen.

Vimala Pons: Honda Romance

„Honda Romance“ hat mich ziemlich mitgenommen. Die Darstellung einer Depression (in Form einer Person, die von einem Satelliten buchstäblich niedergedrückt wird) gefolgt von verschiedensten emotionalen Ausnahmezuständen in rapider Abfolge und nicht zuletzt der Lärm der auf der Bühne verteilten Druckluftkanonen, die Vimala Pons‘ Charakter Nathalie Atlast immer wieder aus der Bahn beziehungsweise zu Boden warfen – und bedauerlicherweise auch ihr Mikroport außer Gefecht setzten – brachten mich zeitweise an den Rand meiner Fassung.

Im dritten, etwas weniger herausfordernden Teil des Abends präsentierten sich neben Atlast neun weitere Charaktere in Form einer ausgedehnten Modenschau. Immer wieder neue Konstellationen taten sich auf, diverse Requisiten verhalfen zu Miniszenen, lustigen und bestürzenden Momenten. Sehr effektvoll, aber nicht auf die effekthascherische Art. Dazu auch musikalisch interessant, denn die Darstellerinnen und Darsteller stellten nicht nur dar, sie sangen auch. Was merkwürdig hätte wirken können, sich aber perfekt in die erzeugten Bilder einfügte. Ein weiteres Festival-Highlight.

Xavier Le Roy: Monsters of Circumstances (Kunsthalle)

Ich glaube, in etwa verstanden zu haben, was Xavier Le Roy mit „Monsters of Circumstandes“ sagen wollte. Ich befürchte nur, er hat es nicht besonders geschickt angestellt und werde mich daher nicht an einer Nacherzählung versuchen. Immerhin weiß ich jetzt, was eine „Lecture Performance“ ist. Ich dachte allerdings, dass ich eine „Performance“ sehen werde – so war die Veranstaltung beworben worden – und hätte aus bereits genanntem Grund auf den „Lecture“-Teil auch gerne verzichtet.

Melanie Jame Wolf: Finite Jest

Auch „Finite Jest“ zähle ich zu den Festival-Highlights. Unter anderem in der Rolle des (Hof-)Narren – Shakespeares Yorick ließ grüßen – beleuchtete die in Berlin lebende australische Choreografin, Performerin und Künstlerin Melanie Jame Wolf ausgehend von ihrer eigenen Brustkrebserkrankung die Themen Krankheit, Sterben und Tod als den ultimativen Witz**. Lacher der Sorte also, die einem im Halse stecken bleiben können. Extrem befreiend kann das aber auch sein, selbst wenn man nicht gerade persönlich mit einer potenziell tödlichen Krankheit zu tun hat und zuvorderst damit beschäftigt ist, möglichst nicht zu sterben („trying not to die“). Grundlage des Soloprogramms war der Text „The Mean Well“, den Wolf 2024 im Delfi-Magazin des Ullstein-Verlags veröffentlicht hatte. Und so behandelte auch das Soloprogramm die wohlmeinenden, mitgefühligen bis schmalztriefenden Ratschläge, die die Diagnose Krebs (und vergleichbare Maladitäten) unweigerlich auszulösen scheint („I was only trying to help“). Was Melanie Jame Wolf davon hält: weniger als nichts. Das ist mir überaus sympathisch.

**) „Endlicher Spaß“ in Analogie zur deutschen Titelübersetzung des Romans „Infinite Jest“ erscheint mir hier weniger treffend

Christoph Marthaler: Erste letzte Sekunde – eine Gala (mit den Hamburger Symphonikern unter der Leitung von Sylvain Cambreling)

Die Marthaler’sche Abschluss-Gala entpuppte sich als Aneinanderreihung unterschiedlichster Galas und Preisverleihungen zu so verschiedenen Themen und Anlässen wie guter Schlaf und ungestörte REM-Phasen, das deutsche Schiedsrichterwesen und die Polka des Jahres (Preisträger selbstredend: Sylvain Cambreling und die Hamburger Symphoniker).

Erste letzte Sekunde
Erste letzte Sekunde

Das konnte man wahlweise langweilig-lahm (Peter Helling bei NDR Kultur) oder auch grausam-genial finden (Falk Schreiber in der Nachtkritik). Ich habe mich einfach nur köstlich amüsiert. So viel Action bei einem Marthaler-Stück – ungewohnt, aber gar nicht mal so unangenehm! Und sowieso herrlich gespielt, allen voran von Rosemary Hardy und Ueli Jäggi. Das Bühnenbild und alles Musikalische funktionierte ebenfalls hervorragend. Sehr gelungen, rundherum!

Käseschlacht
Käseschlacht in der k2

Was ich lange nicht kapiert hatte: Die zum Abschluss des Festivals aufgebaute Käseschlacht ist nicht bloß für geladene Gäste gedacht, sondern für jede und jeden, der oder die sich zum rechten Zeitpunkt im Kampnagel-Foyer (beziehungsweise in der k2, siehe Bild) einfindet. In diesem Jahr habe ich erstmals davon profitieren und zum Abschluss des Spektakels nebenbei noch ein paar nette Gespräche führen können.

Verpasste Chancen

Verpasst habe ich leider Saâdane Afif/Augustin Maurs mit „King Coal Laments/Musiques pour Tuyauterie“ in der Kunsthalle, und zwar aufgrund einer kurzfristigen Unpässlichkeit. Zum „Palimpsest“-Releasekonzert von Levitation (Tobias Preisig & Stefan Rusconi) in St. Gertrud kam ich nicht mehr rechtzeitig, weil die Deutsche Bahn Deutsche Bahn-Sachen machte und mein Zug mit 45 Minuten Verspätung und damit genau zu Konzertbeginn im Hamburger Hauptbahnhof einfuhr. Blöd gelaufen.

Und was sonst?

Die Gestaltung des Festival Avant-Garten durch das Künstlerkollektiv Baltic Raw Org hat mich nicht sonderlich bewegt. Zwei Beispiele: „Shift The Probabilites“ ging buchstäblich unter und „The Ark/Arapolis“ ist mir lediglich als Redner-Pult aufgefallen.

"Shift the Probabilities" (Auszug)
„Shift the Probabilities“ (Auszug)
"The Ark/Arapolis"
„The Ark/Arapolis“ (Seitenansicht)

Einige der Vortragenden der Eröffnungsveranstaltung, darunter auch der Kultursenator, kamen sich auf der Installation wie auf einer Kasperltheater-Bühne vor (und merkten dies auch an). Ob das wohl im Sinne der Gestaltenden war?

Waldbühne
Waldbühne
Sonnenblume am Peacetanbul
Sonnenblume am Peacetanbul
Trüffelmayonaise
Trüffelmayo

Die Waldbühne blieb weitgehend unangetastet von Umgestaltungsbemühungen – ich sah dort unter anderem einen Teil des Auftritts der anatolischen Sängerin und Spoken-Word-Künstlerin Rûveyda -, die Verpflegung funktionierte gut bis sehr gut und die Buchauswahl am Stand von cohen+dobernigg (ohne Bild) war inspirierend wie immer.

Einmal schaffte ich es auch zu JAJAJAs Kopfhörer-Disko („Radio Atopia: The Return of the Firefly-Rave“). Diesmal war ich zeitig genug an Ort und Stelle, um das Getümmel bei der Ausgabe der Kopfhörer mitzuerleben. Bei aller Liebe unter den Menschen in der Kampnagel-Community: Das war ein veritables Hauen und Stechen! Ich hielt nach erfolgreicher Jagd ungefähr zwei Stunden durch und hatte nicht nur großen Spaß, sondern auch eine unvermutete Begegnung der skurrilen Art, auf die ich hier aus Gründen nicht weiter eingehen möchte.

Boy Division Fernsehgarten

Und dann war da noch der Boy Division Fernsehgarten! Eine Stunde war dafür im Programm vorgesehen, am Ende waren des zweieinhalb.

Boy Division Fernsehgarten
Boy Division Fernsehgarten

Den Boy Division-Humor muss man mögen; das Niveau der Witzchen ist gelegentlich eher, naja. Flach. Was nicht bedeutet, dass man nicht auch sehr, sehr viel Spaß haben kann.

Hobby Horse Polo
Hobby Horse Polo

Die diesjährige fünfte Ausgabe drehte sich um das Thema Royals und Royales. Da durfte Polo als königlicher Sport natürlich nicht fehlen. Nur halt eben in der Boy Division-Version: als Hobby Horse Polo. Wobei es das ja auch tatsächlich gibt. Sogar in Deutschland!

Das große Finale
Das große Finale

Aufgrund des Kampnagel-Umbaus wird der Boy Division Fernsehgarten künftig wahrscheinlich nicht mehr stattfinden können. Die Gang verabschiedete sich daher ausführlich und mit gleich mehreren Final-Nummern von ihrem Publikum. Ich hoffe insgeheim, dass sich 2027 vielleicht doch noch ein alternatives Plätzchen findet für das Spektakel.

Ansonsten wird sich zeigen, ob und wie der Auszug des Sommerfestivals in die Stadt ab dem nächsten Jahr funktioniert.

Ich bin auf alle Fälle wieder dabei.

Chorstafette

Da ist dieses eine Mitglied des Hamburger Mendelssohnchors, eine ehemalige Kollegin, die mir seit Jahren hartnäckig immer wieder per Postkarte Informationen zu dessen Konzertprogramm weiterleitet. Bis vor kurzem leider ohne Erfolg. Peinlich genug, sind mir doch insgesamt drei Chormitglieder – darunter ein weiterer ehemaliger Kollege – und die Chorleiterin persönlich bekannt. Aber in diesem Jahr passte es endlich einmal; von den drei zur Auswahl stehenden Terminen allerdings nur der in der Paul-Gerhardt-Kirche. Wesentlich näher wäre die Kreuzkirche Alt-Barmbek gewesen, und zwar nicht nur für mich, sondern auch für das Mitglied des Chors St. Johannis, welches mir vor Ort in Altona unverhofft über den Weg lief – wir wohnen nämlich beide in Barmbek Nord und kennen uns über einen Herrn, der beinahe mein Kollege geworden wäre.

Durch diese Begegnung kam ich in den Genuss eines weiteren Chorkonzerts, das gestern in St. Johannis-Harvestehude stattfand. Dort traf ich zufällig das eingangs erwähnte Mitglied des Mendelssohnchors, das spontan eine mir ebenfalls bekannte Freundin begleitete, die wiederum, man wird es mir kaum glauben, eine Karte für den Platz neben mir auf der Empore hatte.

Heute Morgen schließlich war das nämliche Mitglied des Mendelssohnchors meine Begleitung beim 1. Morgen Musik-Konzert „Fensterkreuz“ der Hamburger Symphoniker unter der Leitung von Sylvain Cambreling. Die Karten hatte ich ausnahmsweise nicht gekauft, sondern vor einigen Wochen über den Symphoniker-Newsletter gewonnen. Das Programm war außergewöhnlich – und außergewöhnlich chormusiklastig. Zu hören war die Europa Chor Akademie Görlitz, unter deren Gründer und Leiter Joshard Daus ich vor etlichen Jahren als kleinstes Licht im Chor des Lippstädter Musikvereins die „Schöpfung“ singen durfte.

Hattrick komplett, Kreis geschlossen. Fürs Erste zumindest.

Oh, und musikalisch? Die ganze Bandbreite. In Altona „Eine Winterreise zwischen Romantik und Pop“, in Harvestehude Duke Ellingtons „Sacred Concert“ (mit Big Band, einer sensationellen Steptanzeinlage und der noch sensationelleren Solistin Rita Maria) und zuletzt in der Laeiszhalle „Perlen der Chormusik“ von Mozart, Tschaikowsky, Szymanowski und Strawinsky, kontrastreich kombiniert mit Sufi-Gesang von Aïcha Redouane und dem Ensemble Al-Adwâr. Einige Konzertbesucher hatten hör- und sichtbar Schwierigkeiten mit den ungewohnteren Klängen des Programms, wobei die Grenze für manche offenbar gleich hinter den Mozartstücken lag. Innerlich seufzend erinnerte ich mich an ähnliche Reaktionen aus vergangenen Symphoniker-Konzerten. Da ist noch Luft nach oben – beim Publikum, wohlgemerkt, nicht etwa beim Orchester oder seinem Chefdirigenten. Das gilt, wie ich seit heute weiß, nicht nur für die von vorzugsweise durch Abonnenten belegten Plätze der Preisklassen 2 und 3 im 1. Rang, sondern auch für die Beletage im Parkett.

Wie dem auch sei, so viel Chormusik wie in den letzten Wochen habe ich seit Jahren nicht gehört. Und dabei gleich einiges gelernt, z. B. dass es von so unterschiedlichen Komponisten wie Duke Ellington und Peter I. Tschaikowsky Kirchenmusikwerke gibt. Schlagt mich, aber das war mir neu!

Das nächste Konzert ist wieder mit Klavier und Elektronik und ich weiß schon, welcher der üblichen Verdächtigen aus der örtlichen Neigungsgruppe neben mir sitzen wird. Langweilig wird es deshalb bestimmt nicht. Und wer weiß, vielleicht sitzt auf dem Platz auf der anderen Seite neben oder hinter mir der Beginn der nächsten Stafette durchs Hamburger Musikdorf.

Klavier hoch zwei

Hier fehlt noch etwas, nämlich wenigstens ein Kurzbericht über zweimal Klavier.

Schon vor einer Woche präsentierte Martin Tingvall sein neues Soloalbum „The Rocket“ im Kleinen Saal der Elbphilharmonie, zum ersten Mal live und obendrein vor heimischen Publikum, und gestand ganz offen seine Nervosität ob dieser Kombination ein. Die man auch tatsächlich hören konnte, da war noch nicht alles im Flow. Was zugegebenermaßen Jammern auf sehr hohem Niveau ist und sich zudem mit der Zeit von selbst erledigen wird. Auf alle Fälle hätte ich gerne mehr Soloauftritte von Martin Tingvall.

Womit ich aber ausdrücklich nichts gegen das Trio gesagt haben will! Wir merken uns schon einmal den 18.12.2019, da gibt’s nämlich wieder ein Jahresabschusskonzert in der Fabrik.

Tags zuvor hatte ich noch bei Martha Argerich und den Hamburger Symphonikern in der Laeiszhalle gesessen. Ich hatte mir aus den diesjährigen Festivalkonzerten ganz bewusst eines mit Sylvain Cambreling ausgesucht, wohl wissend, dass der Star des Abends und des Festivals vermutlich wieder nur einen kleinen Teil des Programms bestreiten würde. Die Rechnung ging auf: Von der ersten bis zur letzten Note war das alles ganz phantastisch. Und dass Martha Argerich aufgrund einer gerade erst überstandenen Bronchitis und der stickigen Luft in der so gar nicht klimatisierten Laeiszhalle etwas angeschlagen wirkte, konnte man zwar ahnen, aber nicht hören.

Das nächste Klaviervergnügen wird wieder ein ganz anderes, nämlich eins mit Bodo Wartke im Thalia Theater.

Sylvain Cambreling und die Hamburger Symphoniker in der Laeiszhalle

Da wollte ich mir nun doch auch einmal den neuen Chefdirigenten der Hamburger Symphoniker in Ausübung seiner neuen Funktion anschauen. Wobei ich Sylvain Cambreling schon einmal vor den Symphonikern erlebt hatte, und zwar in der öffentlichen Generalprobe zum 2. Symphoniekonzert „Le Double“, Anfang Oktober 2017. Der Auftritt erzeugte bei mir Spontansympathie schon deshalb, weil Cambreling sich nicht zu fein dafür war, das spärlich vorhandene Publikum während der Probe anzusprechen. Ich erinnere mich außerdem noch sehr gut an den sensationellen Solisten (das war Andrei Ioniță am Cello) und an Claude Debussys „La Mer“ (mit Debussy kriegt man mich ja immer).

Da schien schon damals die Chemie zu stimmen, sowohl zwischen Orchester und Dirigent, als auch zwischen diesen und dem Publikum. Dieser Eindruck bestätigte sich bei meinem Besuch in der Laeiszhalle in der letzten Woche voll und ganz. Die erste Programmhälfte, französisch und opernlastig, hat mir dabei besser gefallen als Schumanns „Rheinische“, aber das schlage ich zum größten Teil meinem Geschmack und meiner Tagesform zu. Davon abgesehen war es schon schön, die „Rheinische“ zur Abwechslung mal in voller Länge gehört zu haben. Als (Nordrhein-)Westfälin ist mir vor allem der Auszug bekannt, der seit gefühlten Urzeiten als Titelmelodie der WDR-Sendung „Hier und Heute“ dient.

So begeistert war ich, dass mich selbst die schräg hinter mir in vernehmlicher Lautstärke geflüsterten Kommentare zum Geschehen nicht irritieren konnten. Immerhin beschränkte sich der Herr im fortgeschrittenen Alter auf musikalisch Relevantes, wie beispielsweise unmittelbar nach Verklingen des letzten Tons der Suite aus „Pelléas et Melisande“: „Das war’s! Pelléas ist tot!“ Wobei das Stück „Mort de Mélisande“ heißt, aber so genau muss man es in diesem Fall nicht nehmen – am Ende des Stücks sterben nämlich beide.

Der Zusammenarbeit zwischen Sylvain Cambreling und den Hamburger Symphonikern sei dagegen ein langes Leben beschert. Der Mann ist ein sehr guter Fang!