London (Part IV): Tag 1

Seit Tagen schon will ich mit der Nachlese zu “London (Part IV)” beginnen, weiß aber nicht so recht, wie.

Vielleicht sollte ich mit der Vorfreude anfangen. Nach den Aufenthalten 2016 und 2017 habe ich 2018 einmal aussetzen müssen, des Jobwechsels wegen. Das ist mir überraschend schwergefallen. Zum Ausgleich nahm ich mir für 2019 einen längeren Aufenthalt auf der Insel vor. Ein paar Tage London, dann vielleicht hoch nach Schottland. Oder in den Lake District. Oder den Peak District. Oder in die Yorkshire Dales. Oder erstmal nach Wales. Aber da war ja auch noch die Sache mit dem Brexit. Man erinnere sich: Im Februar, als ich meinen Urlaub zu planen begann, stand als Austrittstermin noch der 29. März zur Debatte. Einen zwei- bis dreiwöchigen Aufenthalt ausschließlich mit ÖPNV-Transfers mitten ins “Deal or No Deal”-Ungewisse zu verlegen – vielleicht doch keine so gute Idee. Ich verwarf meine Überlegungen, entschied mich per Unterkunftsreservierung zu einem sechstägigen Londonaufenthalt und buchte daneben noch einen zehntägigen Ostsee-Segeltörn.

Ich hätte im Traum nicht gedacht, daß zum Zeitpunkt meines Aufenthalts der Brexit immer noch nicht vollzogen sein würde. Von Boris Johnson als britischem PM ganz zu schweigen.

Die London-Tage mit Inhalt zu füllen, fiel mir angesichts des reichhaltigen Angebots nicht sonderlich schwer. Die BBC Proms waren natürlich gesetzt, außerdem wollte ich als bekennender NT Live-Fan unbedingt auch mal eine National Theatre-Produktion vor Ort besuchen. Das Musical (“Jesus Christ Superstar”) im Barbican Centre reizte mich weniger, die Backstage-Führung dafür umso mehr. Und noch während ich über den Kauf eines Tickets für ein Kammermusikkonzert in St Martin in the Fields nachsann, kündigten Erased Tapes zu ebendiesem Datum einen Auftritt von Nils Frahm im Londoner Süden an. Innerhalb kürzester Zeit baute sich so in meinem Terminkalender eine nahezu perfekte Aneinanderreihung von Highlights auf. Die Tage bis zum Abreisedatum zogen und zogen sich…

Die Anreise verläuft ohne jeden Zwischenfall. Bis zum Check In-Zeitfenster meiner Unterkunft habe ich eine knappe Stunde zu überbrücken. Da kommt mir der wöchentliche Farmers Market auf bzw. am Queen’s Lawn sehr gelegen. Bei strahlendem Sonnenschein stärke ich mich mit einem Pulled Lamb-Burger und einem extrem schokoladigen Brownie – ein guter Anfang. Es ist Mittagspausenzeit: Der Markt ist gut besucht, das Publikum überwiegend studentisch und sehr international. Anschließend setze ich mich ein Viertelstündchen in den Innenhof des Beit Quadrangle, einem Gebäudekomplex unmittelbar neben der Royal Albert Hall, in dem auch mein Zimmerchen liegt. Wie schon vor zwei Jahren habe ich mich auch diesmal wieder in eines der Studentenwohnheime des Imperial College eingebucht. Beit Hall ist von außen wesentlich hübscher als Prince’s Gardens. Von innen betrachtet entpuppt sich die historische Substanz jedoch als weniger charmant. Dessen ungeachtet ist das Zimmer sauber und ordentlich und für meine Zwecke vollkommen ausreichend. Ich habe Glück: Das Fenster geht nach hinten raus, zum Hinterhof der Holy Trinity Church. Der Innenhof des Beit Quadrangle mag idyllisch erscheinen, beherbergt aber eine Bar mit Außenplätzen und der beachtliche Lärmpegel sinkt auch nach Beginn der offiziellen Nachtruhe nicht signifikant. Gut zu wissen fürs nächste Mal.

Nach dem Bezug des Zimmers muß ich erst einmal richtig ankommen. Ich laufe um die Albert Hall Richtung Albert Memorial und Kensington Gardens.

Italian Gardens
Italian Gardens

Fast zwei Stunden lang spaziere ich durch den Park und komme schließlich an einem schattigen Plätzchen im “Sunken Garden” des Kensington Palace zur Ruhe. 2017 noch als “White Garden” zu Ehren von Diana, Princess of Wales gestaltet, steht hier 2019 der 200. Geburtstag von Queen Victoria im Vordergrund.

Im collegeeigenen Minisupermarkt besorge ich mir anschließend meinen Lieblingstee und ein Sandwich und stimme mich auf den abendlichen Programmpunkt ein: die Prom 44 “Belshazzar’s Feast” mit Sir Simon Rattle, dem London Symphony Orchestra, Gerald Finley, dem London Symphony Chorus, dem Orfeó Català und dem Orfeó Català Youth Choir.

BBC Proms
BBC Proms

Ich habe im zweiten Anlauf einen Gangplatz in den Stalls ergattert, Buchstabe M, Reihe 9, mit einem sehr guten Blick auf die Bühne. Schon nach wenigen Minuten vor Ort fällt mir ein Mann auf, der schräg gegenüber sitzt, von zahlreichen Konzertbesuchern persönlich begrüßt wird und mir irgendwie bekannt vorkommt. Das Sitzen fällt ihm schwer. Er wirkt angespannt, springt immer wieder auf und unterhält sich mit einer Reihe von Personen direkt hinter mir, die mit spanischem Akzent sprechen. Offenbar geht es um eine Reise nach Schottland am folgenden Tag. Es dauert eine Weile, bis mir aufgeht, daß eventuell ein Zusammenhang mit dem Gastchor des Abends, dem Orfeó Català, bestehen könnte.

Schließlich beginnt das Konzert und zunächst haben Sir Simon Rattle und das LSO meine volle Aufmerksamkeit. “Les Bandar-Log” von Charles Koechlin und “Amériques” von Edgard Varèse gefallen mir gut. Leider fällt die knackige Schärfe einiger Passagen – insbesondere des Stücks von Varèse, bei dem sage und schreibe zehn Schlagwerker zum Einsatz kommen – der halligen Akustik zum Opfer. Was aber durch die sehr spezielle Proms-Stimmung mehr als wettgemacht wird. Insbesondere der Einsatz von Sirenenlauten in “Amériques” löst beim Publikum Heiterkeit aus. Eine Reaktion wie diese hätte in der Elbphilharmonie bei einem Abokonzert oder einer Veranstaltung im Rahmen des Internationalen Musikfests vermutlich peinlich gewirkt. Die BBC Proms sind dagegen schon von der Grundidee her keine elitäres Festival und allein deshalb niemals bierernst zu nehmen. Dazu tragen nicht zuletzt die Prommers mit ihren teils bizarr anmutenden Ritualen bei. Wer die “Konzerte für Hamburg” ins Feld führt, übersieht, daß diese Reihe für ein lokales, wenig klassikaffines Publikum konzipiert ist und im Konzertprogramm eine Nebenrolle spielt. Was man von den BBC Proms nun wirklich nicht behaupten kann. Eine riesige musikalische Bandbreite, Karten in allen Preisklassen, extensive Übertragung in Funk und Fernsehen: “Für alle” funktioniert hier. Und sei es auch nur auf diesem einen Sektor.

Zurück zur Prom 44. Die Pause beginnt und mein Gegenüber wird zusehends nervöser. Ein Eisverkäufer läuft an mir vorbei, ich stoppe ihn, gönne mir einen Becher und freue mich darüber, den Zuschauerraum dafür nicht verlassen zu müssen. Rund drei Jahre sind vergangen seit meinem ersten und bisher einzigen Proms-Konzert. Eine gefühlte Ewigkeit. Ich will die Atmosphäre in vollen Zügen auskosten.

Der zweite Teil des Konzerts besteht aus “Belshazzar’s Feast”, einer Kantate von William Walton. Ich kannte zuvor weder das Stück noch den Komponisten und komplettiere meine Konzertvorbereitung durch das zwar werbelastige, aber ansonsten gut gestaltete Programmheft. In der Albert Hall werden nun alle Register gezogen: Im Gestühl hinter der Bühne mit dem LSO ziehen rund 300 Sängerinnen und Sänger auf, der Orgelspieltisch wird besetzt. Henry Woods Büste wirkt plötzlich sehr klein. Zwischenzeitlich bin ich mir nicht sicher, ob Orchester und Chöre noch synchron sind, aber auch hier wird die Raumakustik eine Rolle gespielt haben. Der Wirkung tut das keinen Abbruch. Ich bin überwältigt.

Dennoch fällt mein Blick immer wieder auf den nervösen Herrn jenseits des Ganges. Er sitzt wie auf Kohlen, singt, nein, fiebert jeden Choreinsatz mit. Kaum ist der letzte Ton verklungen, springt er auf, rast wie der Blitz aus dem Zuschauerraum, um wenige Minute später neben Sir Simon Rattle auf der Bühne aufzutauchen. Ich zücke mein Smartphone, bemühe Tante Google und finde heraus, daß es sich um Simon Halsey handelt, dem Leiter des London Symphony Chorus und Chordirektor des Orfeó Català. Er darf neben gleich drei Ehrendoktortiteln vor seit 2015 auch ein “CBE” hinter seinem Namen führen, hat die “Queen’s Medal for Music” verliehen bekommen und ist obendrein noch Träger des Bundesverdienstkreuzes 1. Klasse. Laut Wikipedia hat er in Deutschland u. a. mit den Berliner Philharmonikern und als Berater für das Schleswig Holstein Musik Festival gearbeitet und war von 2001 bis 2015 Chefdirektor des Rundfunkchors Berlin. Vielleicht habe ich ihn tatsächlich schon einmal auf irgendeiner Bühne stehen sehen.

Nach dem Konzert treibe ich mich noch eine Weile am Künstlerausgang herum, beobachte, wie Musiker mit ihren Instrumentenkoffern die Treppen zur Prince Consort Road hinunter laufen und lausche dem Stimmengewirr der umherstehenden Chormitglieder. Es ist großartig. Ich bin wirklich da. Und mittendrin.

Hello London. It’s good to be back.

Very british

Apropos Royal Albert Hall.

Das kam bei der Planung meines Londonbesuchs im September direkt an dritter Stelle, gleich hinter Flug und Unterkunft: Gibt es noch Tickets für ein BBC Prom-Konzert im fraglichen Zeitraum? Es waren nicht mehr viele, aber es gab, und um die Sache abzurunden, buchte ich noch die “Grand Public Tour” dazu.

Die ist, gemessen an der Länge, zwar kein Schnäppchen und der Blick hinter die Kulissen hält sich in Grenzen, wenn die Halle in Konzertvorbereitung steht und es bis zur berühmten “Last Night” kaum mehr eine Woche ist. Dennoch, ich lernte eine Menge und hatte zudem mein Vergnügen an der energiegeladenen Präsentation der jungen Dame, die uns herumführte.

Was ich unter anderem nicht wußte:

  • Der volle Name des Hauses lautet “Royal Albert Hall of Arts and Sciences”.
  • In der Royal Albert Hall kann man nicht nur Konzerte erleben, sondern auch Boxkämpfe und hochkarätige Tennisereignisse.
  • Im Elgar Room auf der “Rausing Circle”-Ebene steht “Big Red”, der rote Flügel, auf dem Elton John während seiner “Red Piano Tour” spielte. Auch hier finden Konzerte statt.
  • Für eine Aufführung von “Madame Butterfly” wurde die Bühne geflutet.
  • Die Akustik in der Hall war ursprünglich ganz furchtbar. Die Form der Decke erzeugte ein mehrsekündiges Echo – schrecklicher geht es kaum, bedenkt man die hauptsächliche Nutzung des Gebäudes als Konzertsaal. Erst durch den Einbau der “Mushrooms” genannten Fiberglasscheiben im Jahre 1969 wurde dieses Problem beseitigt.

    BBC Proms
    Mushrooms
  • Während der Prom-Konzerte zieht eine Büste Sir Henry Woods aus der Royal Academy of Music in die Royal Albert Hall um. Sir Henry Wood (1869-1944) gilt als der Erfinder der (BBC) Proms.
  • Zur Finanzierung des Gebäudes wurden in den 1860er Jahren unter anderem Plätze zum Preis von je 100 Pfund an Privatpersonen verkauft. Das Nutzungsrecht für diese beläuft sich auf 999 Jahre, gezählt ab der Eröffnung im März 1871. Rund 1.300 der bis zu knapp über 5.200 (Sitz-)Plätze sind somit noch immer in Privatbesitz und wenn davon einige zum Verkauf angeboten werden, steht das als “seltene Gelegenheit” in der Presse.
  • Queen Victoria erwarb seinerzeit 20 Plätze, die in der Queen’s Box zusammengefaßt sind. Das ist die Doppelbox mit dem Krönchen auf der “Grand Tier”, der Beletage des Konzertsaals. Wenn in der Queen’s Box keine Königlichen sitzen, werden die Plätze unter den Mitarbeitern des Buckingham Palace verlost.
  • Die Queen selbst besucht die Royal Albert Hall nur einmal im Jahr, und zwar zum “Festival of Remembrance” im November.
  • Es gibt einen Treppenaufgang nebst Aufenthaltsraum, der den Mitgliedern der königlichen Familie vorbehalten ist, wenn sie sich im Gebäude aufhalten. Die Tür zu beidem liegt praktischerweise direkt gegenüber der Queen’s Box. Sie befindet sich zwischen Tür 7 und 8, ist selbst aber unmarkiert. Einige Mitarbeiter der Royal Albert Hall nennen sie deshalb “Tür 7 3/4” – in Anlehnung an Gleis 9 3/4 der King’s Cross Station aus “Harry Potter”.

Im Anschluß durfte ich dann die Hall als Konzertsaal live erleben: Im Prom 70-Konzert spielten Daniel Barenboim und die Staatskapelle Berlin Mozart und Bruckner. Von meinem Sitz in den Stalls aus hatte ich einen guten Blick auf die Bühne, aber auch auf die Stehplätze im Innenraum, dem Reich der sogenannten Prommers. Diese Stehplätze kosten 6 Pfund und man muß sich lange vor dem Konzertbeginn einen guten Platz in der Schlange sichern, um vorne dabei zu sein. Die Prommers sammeln während der Konzerte für karitative Zwecke und sind auch ansonsten immer für eine Aktion gut. Da stehen alle Sorten Leute, darunter auch solche, die sich während des Konzerts ungefähr so bewegen, wie ein Hanseat bei einem Rockkonzert – gemäßigt enthusiastisch also, aber definitiv agiler, als man es vom gemeinen Klassikgenießer her gewohnt ist. Sehr sympathisch.

Zur Krönung des Tags und Abends machte ich schließlich noch die (fortdauernde) Bekanntschaft meiner sehr netten Sitznachbarin.

Da muß ich nochmal hin.

London (Part II): Tag 6

The Sky Garden, Leadenhall Market, Old Spitalfields Market, Rough Trade East und die BBC Proms in der Royal Albert Hall.

20 Fenchurch Street...
20 Fenchurch Street…
... The Sky Garden
… The Sky Garden

Eigentlich war ich durch mit der City, aber ich hatte den Besuch im “Sky Garden” von 20 Fenchurch Street fest vorgebucht, auf mehrfache Empfehlung hin. Ihr hattet alle recht: sensationell, und für lau! Nur rechtzeitig reservieren muß man.

Diagon Alley (Winkelgasse)
Diagon Alley (Winkelgasse)

Als Nebeneffekt konnte auf dem Fußweg von dort Richtung Spitalsfield die City in Wochentagsaktion erleben: ein völlig anderes Bild. Außerdem entdeckte ich den Leadenhall Market, der mich ein bißchen an den “Victorian Walk” im Museum of London erinnerte. Ich fühlte mich fast wie in einer Filmkulisse. Wie ich später erfuhr, stand ich tatsächlich in einer: Stichwort Harry Potter.

Old Spitalsfield Market
Old Spitalsfield Market
Street Art
Street Art

In Spitalsfield stolperte ich dann noch über Rough Trade East. Das entschädigte mich mehr als reichlich dafür, daß ich das irgendwo in der Nähe gelegene und auf meiner Karte eingezeichnete Museum of Happiness partout nicht finden konnte.

Royal Albert Hall
Royal Albert Hall
BBC Proms
BBC Proms

Über den Besuch des Prom 70-Konzerts (Daniel Barenboim und die Staatskapelle Berlin, Mozart & Bruckner) in der Royal Albert Hall am Abend und die “Grand Public Tour” zuvor könnte ich jetzt noch einen halben Roman schreiben. Mach ich vielleicht auch mal irgendwann.