Es ist kompliziert: eine Klaviergeschichte

Bevor ich an dieser Stelle endgültig neue Seiten aufschlage, möchte ich noch einen älteren Beitrag nachreichen bzw. wieder aufnehmen. Es ist gewissermaßen die Vorgeschichte zum allem, was meine (fortgesetzt nicht ganz unproblematische) Beziehung zum Klavierspielen betrifft. Es erklärt auch, warum die Sache mit Nils Frahm und “Sheets Zwei” in London für mich nicht nur einfach etwas Besonderes, sondern quasi die ultimative Mutprobe war – ein Teil von mir faßt ja immer noch nicht, daß ich da tatsächlich hingefahren bin.

Der Text erschien am 26. 5. 2015 auf Facebook und einen Tag später als Gastbeitrag bei “Is a Blog”.

“Es ist kompliziert”: Dieser Satz beschreibt die Beziehung zwischen mir und meinem Klavier wohl immer noch am besten. Wir arbeiten daran, dass es weniger kompliziert wird und deswegen geht es diese Woche in die Werkstatt.

In der Zwischenzeit kann ich die Geschichte dazu erzählen.

Klavierunterricht war in meinem Falle eine freiwillige Angelegenheit. Ein ausdrücklicher Wunsch sogar. Der erste Unterrichtsversuch war zwar eine Katastrophe und das erste Instrument kein Klavier, sondern ein Zustand in Form einer elektronischen Heimorgel. Aber irgendwann stiegen meine beiden Schwestern mit ein, ein echtes Klavier kam ins Haus und wir zu einem richtigen Lehrer.

Das ging so bis zur Oberstufe. Dann, nach dem Abitur, kam ein großes, schwarzes Loch. Kein Klavier mehr, kein Unterricht mehr; keine nennenswerte Verbindung mehr zum aktiven Musizieren. Zehn Jahre lang.

Bis zu dem Tag, an dem ein Freund zu mir diesen Satz sagte: “Ich finde, in jedem Haushalt sollte ein Instrument stehen.” “Klick!”, machte es bei mir, und von jetzt auf gleich wollte ich wieder ein Klavier haben.

Grotrian(-Steinweg)
Grotrian(-Steinweg)

Ich fing an zu suchen und fand. Es war Liebe auf den ersten Ton. Aber es war kompliziert, denn etwas war unterbrochen zwischen meinem Kopf und meinen Händen. Ich konnte nicht spielen, was ich hören wollte. Das hatte nichts mit übertriebenem Ehrgeiz zu tun. Alles, was ich wollte war mich ausdrücken können und mir selbst nicht wehtun dabei. Das klappte nicht. Egal was ich versuchte.

Über lange Zeit blieb das so und es gab immer wieder Phasen, in denen ich monatelang keinen Ton spielte. Dennoch, nie wäre mir in den Sinn gekommen, das Klavier wieder wegzugeben. Ich ahnte: Es ist eine Frage des richtigen Zeitpunkts und es fehlt noch etwas. Eines Tages finde ich es vielleicht.

"Do androids wish upon electric stars?"
“Do androids wish upon electric stars?”

Und dann, am 30. Jahrestag des Starts der Voyager 1-Mission, saß ich im Planetarium und sah einer nicht ganz unprominenten Dame dabei zu, wie sie am Flügel mein Lieblingsklavierstück zerholzte. Ich hatte das Stück lange nicht gehört und noch länger nicht versucht, es zu spielen. Trotzdem sprang während dieser fragwürdigen Performance ein ebenso ketzerischer wie absurder Satz in meinen Kopf: “Das könntest du besser!” Technisch nie, aber vom Gefühl her.

Wenige Minuten später sahen wir eine Projektion der Voyager 1-Sonde an der Sternenkuppel und hörten dazu ein Musikstück, das absolut perfekt dazu passte und mir anschließend tagelang nicht mehr aus dem Kopf ging. Ich bemühte meinen damaligen Kontakt beim Planetarium, bekam Interpret und Titel genannt und begab mich auf die Suche. Ich stellte sehr schnell fest, dass die gehörte Version des Stücks mit dem treffenden Titel “Numero Uno” offenbar nur auf einer CD enthalten war. Ein Blick auf die Tracklist: Ok, Du hast mich. Es gibt mehr davon? Sogar noch mehr? Gekauft.

Lieferung abwarten. Anhören. Nochmal anhören. Und nochmal. Und wieder. Dabei bei einem der Stücke wieder einen Satz im Kopf haben. Einen, den ich jahrelang nicht gedacht hatte. “Ob es dazu wohl Noten gibt?”

Es gab. Rund drei Wochen nach dem Abend im Planetarium versuchte ich mich zum ersten Mal an Ludovico Einaudis “Le Onde”.

Dann hat es, und hier muss ich abkürzen, noch einmal 5 Jahre und 10 Monate gedauert, bis der letzte Knoten platzte, ich es endlich mit Schwung durchspielen konnte und bis aus Tastengestolper so etwas wie Musik wurde. Diesmal mit einem “Klick”, der, wenn es dort ein Ohr dafür gibt, vermutlich irgendwann noch im interstellaren Raum zu hören sein wird. Da ist Voyager 1 nämlich gerade.

Dummerweise ist es genau deshalb immer noch ziemlich kompliziert. Aber wir arbeiten dran, mein Klavier und ich, und wenn es aus der Werkstatt kommt, geht das auch endlich 24/7. Den Nachbarn zum Trotze.

Fortsetzung folgt.

In Concert: Ludovico Einaudi und Ensemble in der Laeiszhalle

Die 1. Reihe in der 1. Loge des 2. Ranges der Laeiszhalle entpuppte sich heute wider erwarten als perfekter Platz. Von dort aus sieht man die Bühne aus der Art Vogelperspektive, wie man sie aus Musikvideos kennt. Nur die Zoomstufe hätte etwas größer sein können. Sowieso, denn von der Höhe her ist das meine Schmerzgrenze. Ludovico Einaudi war zudem dankenswerterweise mit dem Rücken zum Publikum am Flügel positioniert und dann sitzt man dort sogar noch hinter den Boxen. Man hört die Musik also ungefähr so, wie auch die Musiker sie hören.

Signor Einaudi und sein Ensemble starteten verhalten. Aber spätestens bei der Solostrecke wußte ich wieder, warum ich fast 60 Euro für das Ticket in luftiger Höhe bezahlt und ca. 6 Monate vor dem Konzerttermin damit gerade eben den letzten Platz ergattert hatte, von dem aus man die Bühne noch einigermaßen einsehen konnte. “Nuvole Bianche” motte ich hiermit ein. Ich werde das Stück nie wieder spielen können, ohne die Version im Kopf zu haben, die ich heute gehört habe. Ich kann das so nicht einmal ansatzweise reproduzieren. Das muß ich gar nicht erst versuchen, da kenne ich mein Limit.

Zu meiner Überraschung lernte ich heute außerdem zwei mir komplett neue Musikinstrumente kennen: Eine Metallplatte, die, in einen Wasserbehälter getaucht, mit einem Schlägel geschlagen wird und ein Objekt, das wie ein schräg abgesägter Vogelkäfig mit Mittelstange aussah, mit einem Bogen gespielt wurde und ebenfalls Wasser enthielt. Keine Ahnung, wie die Dinger heißen. Eine Umfrage in Reihe 1 der Loge 1 brachte kein Ergebnis; wir hatten alle die gleichen Fragezeichen im Gesicht.

Eine andere Geschichte ist, warum ich beinahe mit einer Bohrmaschine unterm Arm zum Konzert gekommen wäre. Mir schien das unangemessen, weswegen ich es dann doch nicht tat. Das wäre nicht nötig gewesen: Auf der Bühne gab es nämlich außerdem noch eine (singende) Säge.

Es ist kompliziert: Eine Klaviergeschichte

“Es ist kompliziert”: Dieser Satz beschreibt die Beziehung zwischen mir und meinem Klavier wohl immer noch am besten. Wir arbeiten daran, dass es weniger kompliziert wird und deswegen geht es diese Woche in die Werkstatt.

In der Zwischenzeit kann ich die Geschichte dazu erzählen.

Klavierunterricht war in meinem Falle eine freiwillige Angelegenheit. Ein ausdrücklicher Wunsch sogar. Der erste Unterrichtsversuch war zwar eine Katastrophe und das erste Instrument kein Klavier, sondern ein Zustand in Form einer elektronischen Heimorgel. Aber irgendwann stiegen meine beiden Schwestern mit ein, ein echtes Klavier kam ins Haus und wir zu einem richtigen Lehrer.

Das ging so bis zur Oberstufe. Dann, nach dem Abitur, kam ein großes, schwarzes Loch. Kein Klavier mehr, kein Unterricht mehr; keine nennenswerte Verbindung mehr zum aktiven Musizieren. Zehn Jahre lang.

Bis zu dem Tag, an dem ein Freund zu mir diesen Satz sagte: “Ich finde, in jedem Haushalt sollte ein Instrument stehen.” “Klick!”, machte es bei mir, und von jetzt auf gleich wollte ich wieder ein Klavier haben.

Grotrian(-Steinweg)
Grotrian(-Steinweg)

Ich fing an zu suchen und fand. Es war Liebe auf den ersten Ton. Aber es war kompliziert, denn etwas war unterbrochen zwischen meinem Kopf und meinen Händen. Ich konnte nicht spielen, was ich hören wollte. Das hatte nichts mit übertriebenem Ehrgeiz zu tun. Alles, was ich wollte war mich ausdrücken können und mir selbst nicht wehtun dabei. Das klappte nicht. Egal was ich versuchte.

Über lange Zeit blieb das so und es gab immer wieder Phasen, in denen ich monatelang keinen Ton spielte. Dennoch, nie wäre mir in den Sinn gekommen, das Klavier wieder wegzugeben. Ich ahnte: Es ist eine Frage des richtigen Zeitpunkts und es fehlt noch etwas. Eines Tages finde ich es vielleicht.

"Do androids wish upon electric stars?"
“Do androids wish upon electric stars?”

Und dann, am 30. Jahrestag des Starts der Voyager 1-Mission, saß ich im Planetarium und sah einer nicht ganz unprominenten Dame dabei zu, wie sie am Flügel mein Lieblingsklavierstück zerholzte. Ich hatte das Stück lange nicht gehört und noch länger nicht versucht, es zu spielen. Trotzdem sprang während dieser fragwürdigen Performance ein ebenso ketzerischer wie absurder Satz in meinen Kopf: “Das könntest du besser!” Technisch nie, aber vom Gefühl her.

Wenige Minuten später sahen wir eine Projektion der Voyager 1-Sonde an der Sternenkuppel und hörten dazu ein Musikstück, das absolut perfekt dazu passte und mir anschließend tagelang nicht mehr aus dem Kopf ging. Ich bemühte meinen damaligen Kontakt beim Planetarium, bekam Interpret und Titel genannt und begab mich auf die Suche. Ich stellte sehr schnell fest, dass die gehörte Version des Stücks mit dem treffenden Titel “Numero Uno” offenbar nur auf einer CD enthalten war. Ein Blick auf die Tracklist: Ok, Du hast mich. Es gibt mehr davon? Sogar noch mehr? Gekauft.

Lieferung abwarten. Anhören. Nochmal anhören. Und nochmal. Und wieder. Dabei bei einem der Stücke wieder einen Satz im Kopf haben. Einen, den ich jahrelang nicht gedacht hatte. “Ob es dazu wohl Noten gibt?”

Es gab. Rund drei Wochen nach dem Abend im Planetarium versuchte ich mich zum ersten Mal an Ludovico Einaudis “Le Onde”.

Dann hat es, und hier muss ich abkürzen, noch einmal 5 Jahre und 10 Monate gedauert, bis der letzte Knoten platzte, ich es endlich mit Schwung durchspielen konnte und bis aus Tastengestolper so etwas wie Musik wurde. Diesmal mit einem “Klick”, der, wenn es dort ein Ohr dafür gibt, vermutlich irgendwann noch im interstellaren Raum zu hören sein wird. Da ist Voyager 1 nämlich gerade.

Dummerweise ist es genau deshalb immer noch ziemlich kompliziert. Aber wir arbeiten dran, mein Klavier und ich, und wenn es aus der Werkstatt kommt, geht das auch endlich 24/7. Den Nachbarn zum Trotze.

Fortsetzung folgt.