12 von 12 im August

Das war eine ereignisreiche Woche.

AFM

Zum einen bin ich seit vergangenen Mittwoch Mitglied des FC St. Pauli. Passives Mitglied genauer gesagt, und zwar der Abteilung Fördernder Mitglieder (AFM). So ganz genau weiß ich nicht, wie das passieren konnte. Aber so ist das eben, wenn man sich verliebt. Und verliebt bin ich, nämlich immer wieder neu in die Stadt, in der ich jetzt seit ziemlich genau zwölf Jahren lebe.

Hamburg, meine P... - ach nee
Hamburg, meine P… – ach nee

Zum anderen hat sich an der beruflichen Front nach Monaten der Ungewissheit endlich etwas bewegt. Es ist nicht die Lösung, die mir gut gefallen hätte. Aber wenigstens eine Entscheidung.

Die Axt im Haus...
Die Axt im Haus usw.

Was das Lineal damit zu tun hat, kann ich hier im einzelnen nicht darlegen. Unabhängig von dem eigentlichen Zweck des Kaufs erinnert es mich aber an eine gewisse Kneipe in Bonn, die ich bis zu meinem Umzug nach Hamburg gerne besuchte. Dort gab es guten Whisk(e)y und ebensoguten Blues und nahe der Theke war eine Axt aufgehängt. Falls alle Stricke reißen, könne er immer noch auf Axtmörder umschulen, so hörten wir den Wirt mehr als einmal sagen. Wohl dem, der einen Plan B hat.

I put the "wet" in "Wetter"
I put the „wet“ in „Wetter“

Das Wetter – ach, das Wetter. Ich bin nur froh, daß es letztes Wochenende zum „A Summer’s Tale“ so schön war. Die Erdbeeren tragen zum zweiten Mal in diesem Jahr, aber ich mache mir aufgrund der Witterung keine großen Hoffnungen, was den Geschmack der Früchte angeht.

Frosch

Einen Vorteil hat der Dauerregen: Wenn es draußen garstig ist, fällt drinnen das Putzen leichter.

Overnight
Overnight

Und ich habe Muße, das Klavier zu quälen. Ich war ziemlich fleißig in letzter Zeit, bin aber durch den Festivalbesuch ein paar Tage nicht zum Spielen gekommen. Das rächt sich sofort, die Finger werden ganz schnell wieder schwerfällig. Jetzt abreißen zu lassen, kann ich mir nicht leisten. Zu Mitte September habe ich mir nämlich ein ganz bestimmtes Ziel gesetzt.

Kekse!
Kekse!

Zum Nachmittagstee gibt es selbstgebackene Kekse. Von meiner Mama!

Open Air
Open Air

Nebenbei schmökere ich in der neuesten Ergänzung meiner Kochbuchbibliothek. Stevan Paul sollte auf dem „A Summer’s Tale“ eigentlich seinen Roman „Der große Glander“ vorstellen, konnte aber nicht umhin, zugunsten des Titels „Open Air – das Festival- & Camping-Kochbuch“ einen kurzen Werbeblock einzuschieben. Das kann man ihm kaum verdenken, saß doch die Zielgruppe direkt vor ihm. Bei mir hat es auch gleich gewirkt. Ein wundervolles Buch! Allerdings ist es zu schön und zu unförmig, als daß ich es selbst mit auf Reisen nehmen würde.

Wolkenkino
Wolkenkino

Gegen Abend reißt der Himmel auf.

Ceci n'est pas un tapis rouge
Ceci n’est pas un tapis rouge

Ich nutze die Regenlücke und schwinge mich auf mein Fahrrad Richtung Kampnagel. Ich könnte auch mit dem Bus hinfahren, aber so geht es schneller und unkomplizierter – wenn es nicht gerade in Strömen schüttet. Vorsichtshalber habe ich die Regenhose und den Südwester eingepackt.

#Juan2017
#Juan2017

Am Donnerstag wurde das jährlich stattfindende Internationale Sommerfestival (sic!) eröffnet. Dieses Jahr habe ich kräftig zugeschlagen und vorab Tickets für insgesamt fünf Veranstaltungen gekauft. Da lohnte sich sogar die Festivalkarte.

Festival Avant-Garden
Festival Avant-Garden

Der Festival Avant-Garden steht mehr oder weniger unter Wasser. Drinnen ist es trocken und ich amüsiere mich köstlich bei „The 2nd Season featuring Fred Wesley“ von Socalled & Friends.

Danach radle ich wieder zurück und beschließe den Abend mit einem Glas Wein (ohne Abbildung).

Fortsetzung folgt (im September).


„12 von 12“ ist ein Fotoprojekt für Blogger, wobei es mittlerweile auch viele Mitstreiter ohne Blog auf Twitter und Instagram gibt. Die gemeldeten Blogeinträge des heutigen Tages werden hier gesammelt.

Mein besonderer Dank gilt Frau stedten*hopp, ohne deren Twitter- bzw. Instagram-Account ich das heutige Datum und somit die Projektteilnahme glatt verschwitzt hätte.

Glaube – Liebe – Honig

Ich habe es wieder getan und mich zu einem Heimspiel verführen lassen. Dabei habe ich zum ersten Mal den FC St. Pauli live & in Farbe Tore schießen sehen. Sogar gleich zwei! Eigentlich drei – na gut, sagen wir zweieinhalb. Leider landeten auch die Dresdner zwei Treffer. Unterm Strich paßte es zur Partie, Details gibt es drüben bei Stefan und Übersteiger- wie Magischer FC-Blog werden sicher bald nachziehen.

Gegengerade

Daß das FC St. Pauli-Universum ein sehr besonderes ist, ist keine neue Erkenntnis. Auch für mich war es das nicht. Selbst mittendrin zu stehen statt es nur aus zweiter Hand zu wissen, macht allerdings einen riesigen Unterschied. Ich habe zwar keinen Vergleichsmaßstab, aber was ich bisher im Umfeld der Gegengeraden beobachtet und erlebt habe, ist wahrscheinlich nicht die Norm. Es ist quasi unmöglich, sich dem zu entziehen. Und warum sollte man auch.

Konfetti

Fankultur ist dabei das eine, gesellschaftliches Engagement das andere, und beides tritt beim FC St. Pauli sowohl Hand in Hand als auch in allen denkbaren Facetten auf. So stieß ich bei meinen braunweiß-motivierten Streifzügen durchs Netz auf einen originellen Pressetermin, nämlich den anläßlich der diesjährigen Abfüllung des Ewaldbienenhonigs („Hamburg blüht braun-weiß“). Ewaldbienenhonig, das muß man sich wortwörtlich auf der Zunge zergehen lassen, die neue Ernte, ab jetzt zu erwerben im Fanshop; so beliebt, daß die Abgabe auf zwei Gläser pro Person limitiert ist. Die rund 160.000 Bienen wohnen zurzeit neben der Haupttribüne des Millerntor-Stadions und produzierten in diesem Sommer immerhin 67kg Honig. Mit dem Projekt will der FC St. Pauli auf das Bienensterben aufmerksam machen.

(St.) Pau(li)

„What’s not to love“, wie der Engländer sagen würde. Was kostet eigentlich die Vereinsmitgliedschaft?

A Summer’s Tale 2017

Da mußte ich also stolze 44 Jahre alt werden, um das erste Mal „so richtig“ ein Festival zu besuchen. „So richtig“ im Sinne von alle Tage morgens bis abends da sein und auf dem Gelände campen – das eine, inzwischen eh verjährte MS Dockville-Tagesticket kann man wohl nicht dazuzählen. Mit „A Summer’s Tale“ bin ich gleich von Null auf Zweihundertfünfzig gegangen und da liegt die Latte jetzt: ziemlich weit oben.

Natürlich hätte ich von Hamburg aus auch pendeln können. Grundsätzlich erschien mir das Shuttlebuskonzept schlüssig, nur erweitert leider weder die Deutsche Bahn noch der metronom seinen Takt, bloß weil irgendwo am buchstäblichen Arm der Heide ein Festival stattfindet. Was dumm ist für die, die auch den letzten Musikact des jeweiligen Tages sehen wollen. Das ist mit den Zugabfahrtzeiten leider gar nicht kompatibel. Also organisierte ich kurz entschlossen ein Leihzelt, buchte ein Kombiticket mit Komfort-Camping und bekam glücklicherweise obendrein noch eine Mitfahrgelegenheit angeboten.

Insbesondere den Campern sei empfohlen, die Gepäckbestimmungen genau zu studieren. Der Veranstalter hat unter anderem ein striktes Glasverbot verhängt, was sich keineswegs nur auf Wein-, Bier- und andere Flaschen bezieht. An der Kontrolle mußten beispielsweise auch Marmeladen- und Pestogläser abgegeben werden. Einerseits verständlich: Niemand möchte Glasscherben auf den Plätzen haben, weder die Festivalteilnehmer noch die, die das Gelände ansonsten nutzen. Andererseits ist Nachhaltigkeit ein großes Thema bei „A Summer’s Tale“ und zur Plastikmüllvermeidung trägt eine solche Strategie wenig bei.

Andere Tücken im Detail waren schwieriger zu recherchieren. So manches Angebot entpuppte sich erst vor Ort als kostenpflichtig und teilweise auch recht kostspielig.

Kräuterwanderung
Kräuterwanderung

Knifflig war auch die Sache mit den Workshops. Ein Teil der Plätze konnte online gebucht werden und um eines der übrigen Tickets zu ergattern, mußte man sich mit einer Vorlaufzeit von zwischen einer halben und einer Dreiviertelstunde in die sich zuverlässig bildende Schlange einreihen. Das Prinzip fand auch bei Programmpunkten Anwendung, die zwar keiner Anmeldung bedurften, für die es aber sehr wohl eine maximale Teilnehmerzahl gab. Die Information darüber hätte so manchem Besucher Frustration erspart, fehlte aber sowohl auf der Webseite als auch in der (ansonsten fabelhaften) Festival-App.

Mäh

Zugvögel

Daß die Abgewiesenen dennoch zumeist gelassen blieben, sagt eine Menge über die Grundatmosphäre des Festivals aus. „Entspannt“ ist wohl das am häufigsten genannte Adjektiv, wenn es darum geht, „A Summer’s Tale“ in einem Wort zu beschreiben. Ich habe noch keine Veranstaltung mit Familien, Grüppchen, Paaren und Einzelbesuchern in derart friedlicher Koexistenz erlebt. Für kleine und kleinste Festivalteilnehmer gab es eine große Auswahl an Beschäftigungsmöglichkeiten, ohne daß der Eindruck entstand, daß es sich um ein reines Familienevent handelte. Bei den Konzerten bis spät in die Nacht tobten Kinder durch die Menge, zumeist mit knallbuntem Gehörschutz bestückt, und niemand störte sich daran – ganz im Gegenteil.

Mut zur Farbe
Mut zur Farbe

Heile Welt in der Heide also und tatsächlich wurde sogar gebatikt. Darüberhinaus war ein Großteil des Programms jedoch erfreulich handfest. Auch beim kulinarischen Angebot standen zwar bio und regional im Vordergrund, aber fleischlos oder gar vegan mußte sich niemand ernähren, der das nicht wollte. Es wäre insbesondere schade gewesen um die Sandwiches von Frau Dr. Schneider’s Grilled Cheese Wonderland, die sauleckeren Gnocchi von Santa Mamma (mit extra viel Parmesan) und den Don Caramello-Becher aus der Quarkerei.

Give Cheese a Chance
Frau Dr. Schneider’s Grilled Cheese Wonderland: Give Cheese a Chance

Da das leibliche Wohl auf diese Weise gesichert war, blieb umso mehr Zeit, sich in der Vielfalt des Angebots treiben zu lassen. Ich fabrizierte Sommerrollen mit Nina Sonntag vom Hamburger Herdgeflüster, begab mich auf Kräuter-, Wald- und Barfußwanderungen, lernte die Line sowie fünf verschiedene Moves beim Madison-Workshop, scheiterte beim Massenkaraoke kollektiv an „Bohemian Rhapsody“, besuchte Lesungen von Heinz Strunk und Stevan Paul und hörte unter anderem Bernd Begemann & die Befreiung, Die Sterne, Dan Croll, PJ Harvey, Pixies, Conor Oberst, Birdy, The Notwist, Franz Ferdinand, Rocko Schamoni, den Electric Swing Circus, Judith Holofernes, Element of Crime, die Stereo MC’s und Feist.

Chillaxed
Alles chillaxed an der Konzertbühne
Zeltraum
Zeltraum
An der Waldbühne
Blick auf die Waldbühne

Dabei lernte ich zum einen, daß ich weder Rocko Schamoni noch Heinz Strunk lustig finde, mir die Pixies zu anstrengend sind und ich mich für Franz Ferdinand immer noch nur mäßig begeistern kann. Auf der anderen Seite entdeckte ich zu meiner großen Freude, daß The Notwist tatsächlich auch live funktionieren (Und wie! Hammer!). Zu den Highlights zähle ich außerdem die Auftritte von Dan Croll, PJ Harvey, dem Electric Swing Circus, Judith HolofernesElement of Crime und vor allem Leslie Feist, die den perfekten Abschluß eines nahezu perfekten Festivals bildete.

Ein neuer Sommertag
Morgendämmerung über Luhmühlen

Sogar die Wettergötter hatten ein Einsehen: Bis auf leichte Niederschläge in der Nacht zum Donnerstag, ein paar stärkere Windböen am Freitag, einem Schäuerchen am Samstag nachmittag und einem kräftigen Platzregen am frühen Samstag abend war es tatsächlich Sommer. Vier Tage lang.

Nächstes Jahr sehr gerne wieder.

In Print: „Watching the English“ von Kate Fox

Was ich gerade lese und sehr empfehlen kann: „Watching the English“ von Kate Fox.

Watching the English

Aus der Rolle der teilnehmenden Beobachterin heraus versucht die Sozialanthropologin in diesem Buch, typisch englische Verhaltensweisen herauszuarbeiten und zu analysieren. Dabei befolgt sie durchgehend die wichtigste der selbstformulierten Regeln für „Englishness“: sich selbst niemals allzu ernst zu nehmen („The Importance of Not Being Earnest Rule“).

Abgesehen vom Unterhaltungswert und (Sprach-)Lerneffekt – auch als mittlerweile einigermaßen fortgeschrittene Leserin habe ich noch einiges an Vokabular nachschlagen müssen – entpuppt sich die Lektüre gerade für den Außenstehenden als kulturell sehr erhellend. Bei so mancher selbstironisch gemeinten Anspielung in britischen Filmproduktionen, Romanen und Songtexten habe ich bisher höchstens geahnt, daß es sich um eine solche handelt. Durch „Watching the English“ vervollständigt sich das Bild.

Being English means always having to say that you’re sorry.

Die Sache hat darüberhinaus einen hohen praktischen Nutzwert: Das neu erworbene Wissen wird mir sowohl im Berufsleben als auch bei meinem nächsten Londonbesuch sehr nützlich sein. Mir gehen wenigstens drei schlimme Fettnäpfe auf, in die ich während der letzten Inselaufenthalte halbwissentlich gestolpert bin. Ohne ins Detail gehen zu wollen: Mindestens einer davon ist mir auch nachträglich noch unfaßbar peinlich. So sehr peinlich, wie laut Kate Fox eigentlich nur den Briten etwas peinlich sein kann. Aber eine familienforschende Großtante mütterlicherseits vermutete unsere Clanwurzeln ja einst im verarmten englischem Landadel. Überraschen tät’s mich nicht.

Last but not least bringt mich das Buch auf völlig neue Reiseideen und -ziele. So werde ich beispielsweise unbedingt irgendwann einmal ein englisches Pferderennen besuchen müssen.

Wem das Studium von „Watching the English“, das bisher leider nicht in deutscher Sprache erschienen ist, als zu herausfordernd erscheint, möge sich alternativ den „Very British Problems“ zuwenden, vorzugsweise in der 140-Zeichen-Version. Das mag zwar schon wieder arg kurzgefaßt sein. Aber als Comic relief taugt diese Variante allemal.

Sonntagsrunde

Inzwischen bin ich bei meinen Laufbemühungen wieder auf dem Stand „15km am Stück sind mühsam, aber machbar“ angelangt. Wenn irgend möglich beschränke ich mich daher Sonntag morgens nicht mehr auf den Stadtpark, sondern trabe an dessen südlichen Rand entlang weiter bis zur Alster, einmal links um ebenjene herum und wieder zurück durch den Stadtpark nach Hause.

Die Alsterrunde ist eine sensationell schöne Strecke, aber zugleich auch Naherholungsgebiet und Laufsteg und entsprechend gut frequentiert. Schlau ist, wer möglichst früh startet. Was heute morgen leider wieder nicht geklappt hat. Diesmal nicht etwa, weil ich zu spät aus den Federn kam, sondern weil ich es für sicherer hielt, den Durchzug des Gewitters abzuwarten. Zu eindrucksvoll ist mir noch das Bild vom Freitag abend im Gedächtnis: das Rettungssanitätergrüppchen, heftig bemüht um einen kollabierten Jogger. Ein Teil von mir hofft ja immer noch, daß das ein Training war. Da standen verdächtig viele Retter herum, darunter ein hoher Anteil an jungen Leuten. Andererseits hätte ich mich als Übungsobjekt nicht so bearbeiten lassen. Eine Puppe war das jedenfalls nicht.

Man mische das mit der weiterhin ungelösten Arbeitssituation sowie dem mehr als unbehaglichen Gefühl, Bilder vom „eigenen“ Edekamarkt in den Abendnachrichten zu sehen und die entsprechende Meldung dazu zu hören und erhalte einen sehr verhaltenen Wochenendstart.

We shall overcome

Apropos Edeka. Während ich nach absolviertem Sonntagslauf beim Bäcker schräg gegenüber meine Kuchenbelohnung erstehe, steht vor dem Laden ein buntgemischter Chor und singt „We shall overcome“.

One sincerely hopes so.

In Concert: Die SHMF Klub-Nacht in der S-Bahn-Station Hamburg Airport

Daß ich mir zuletzt zu 50% wegen Ólafur Arnalds eine Nacht um die Ohren geschlagen habe, ist etwas über ein Jahr her. Dieses Mal war die Anreise nicht so lang – bis zum Airport sind es von meiner Wohnung aus nur drei Stationen mit der S1 – und bei der anderen Hälfte handelte es sich nicht um Nils Frahm, sondern um Janus Rasmussen.

Unter dem Namen Kiasmos präsentierten die beiden ein weiteres Mal ihre minimalistisch-experimentelle Version des Techno und wurden dabei unterstützt durch DJ-Sets von Melbo und Aparde. Das Außergewöhnliche bei diesem Auftritt war sowohl der Rahmen des Schleswig-Holstein Musik Festivals als auch der Veranstaltungsort, die S-Bahn-Station des Hamburger Flughafens. Zwei Sonderzüge brachten die Ticketinhaber auf den Bahnsteig, auf dem bereits Licht- und Tontechnik sowie ein DJ-Pult aufgebaut war. Die S-Bahn-Züge dienten während des Konzerts als Sitzgelegenheit und Bar und im Anschluß als Rücktransportmittel.

Laut Veranstalterangabe war die Klub-Nacht ausverkauft. Dafür befanden sich für mein Empfinden erstaunlich wenige Menschen in den Sonderzügen und auf dem Bahnsteig, der obendrein ungefähr zur Hälfte abgesperrt war. Der Stimmung tat das keinen Abbruch, wozu das longdrink- und shotlastige Getränkeangebot sicher beigetragen hat. Der Altersdurchschnitt lag erwartungsgemäß deutlich unter dem der Mehrzahl der übrigen Programmteile des Schleswig-Holstein Musik Festivals, wobei ich einige Besucher sah, die sich unter „SHMF Klub-Nacht“ möglicherweise etwas anderes vorgestellt hatten. „‚Klub‘ wie Rave, nicht das mit den Zweireihern“, wollte man Ihnen nachträglich zuraunen.

Den Anfang machte Melbo, eine gelungene Wahl. Gegen halb zwei übernahmen Kiasmos das Ruder. An dieser Stelle machte sich erneut ein Phänomen bemerkbar, welches mir zunehmend auf den Senkel geht: das Partyvolk unter den Konzertbesuchern, das in erster Linie daran interessiert ist, sich selbst zu feiern. Da betritt der Hauptact die Bühne und die gehen erst einmal Getränke holen. Ist irgendwie Krach da vorne, groovt auch gut, aber wer da steht und was wir da hören – who cares! Selfiesmile! Noch’n Wodka-Red Bull? Ups, ahahaha, Drink verschüttet, der Tante direkt auf die Füße! Lustig!

Zugegeben, ich setze da wohl zu strenge Maßstäbe an, zumal bei einer Veranstaltung, die offensiv als Party beworben wurde. Es führte jedenfalls dazu, daß ich mich nach wenigen Minuten aus der Menge an den seitlichen Rand des DJ-Pults verzog. Da war die Luft besser, ich hatte Platz, mich zu bewegen und außerdem konnte ich den Akteuren aus etwa drei Metern Entfernung direkt auf die Finger gucken.

Ólafur Arnalds und Janus Rasmussen agierten verhalten. Ein wenig mehr Animation Richtung Publikum hätte dazu beitragen können, die Aufmerksamkeitsrate zu erhöhen und die Stimmung trotz der vergleichsweise übersichtlichen Menge anzuheizen. So blieb es bei dem Eindruck, daß Publikum und Künstler während des rund 1 1/2-stündigen Sets nicht ganz zueinander fanden.

Um kurz nach drei Uhr löste Aparde das Duo ab, Schlag vier erklangen die letzten Beats und das Licht wurde angeschaltet. Binnen weniger Minuten waren Reinigungsfahrzeuge auf den Bahnsteigen im Einsatz. Die Bahnen füllten sich, die Besucher mußten allerdings noch geschlagene zwanzig Minuten auf die Abfahrt der Züge warten. Das alles hatte sicherlich gute und auch sicherheitsrelevante Gründe, erzeugte aber nichtsdestotrotz das Gefühl einer ziemlich brachialen Rückbeförderung in die Realität. Ich behalte die SHMF Klub-Nacht am Hamburger Airport daher als eine unterhaltsame und perfekt organisierte, aber auch irgendwie sterile Veranstaltung in Erinnerung.

Und was die Stimmung betrifft: Vielleicht sollte ich irgendwann mal einen Kiasmos-Gig außerhalb von Hamburg besuchen. Da ist eindeutig noch Luft nach oben.

Theater, Theater: „Hotel Paradiso“ im Ernst Deutsch Theater

Es mag nicht allgemein bekannt sein, aber das Programm des Schleswig-Holstein Musik Festivals beschränkt sich keinesfalls nur auf klassische Musik. Meine diesjährige Auswahl spiegelt diese Tatsache nahezu perfekt wieder:

  1. Kammermusikensemble trifft Mandolinist trifft präpariertes Klavier,
  2. Orchesterkonzert,
  3. Theater und
  4. (Minimal) Techno.

Gestern war das Theater dran: Familie Flöz lud ein ins „Hotel Paradiso“. Ich saß in der vorletzten Reihe des vollgepackten Ernst Deutsch Theaters und staunte darüber, daß ich da vor mir auf der Bühne ein Stück ganz ohne Worte und ohne Mienenspiel sah – alle Darsteller trugen Masken – und doch alles verstand. Allein mittels Bühnenbild, Requisiten und Toneinspielungen, aber vor allem durch den körperlichen Ausdruck der jeweils handelnden Personen.

So gut war das, daß ich erst zum Schlußapplaus begriff: Die insgesamt 16 Charaktere*) des Stückes wurden von nur vier Schauspielern verkörpert. Und hinter der Maske der alten Dame war gar keine. Also, eine Dame jetzt.

Einzig das Stück selbst war nicht ganz nach meinem Geschmack. „Nie war Familie Flöz böser und abgründiger“, heißt es in der Beschreibung, „ein Alpen-Traum voll von schwarzem Humor, stürmischen Gefühlen und einem Hauch Melancholie.“ Von mir aus hätte der Melancholieanteil gerne höher und der Humor dafür etwas weniger robust ausfallen dürfen.

Momentan ist Familie Flöz noch mit drei weiteren Produktionen unterwegs: „Haydi!“, „Teatro Delusio“ und „Infinita“. Die vier Aufführungen von „Teatro Delusio“ ab morgen bis zum 21. 7. im Kieler Schauspielhaus sind allerdings bereits restlos ausverkauft.


*) Die Seniorchefin, der Sohn, die Tochter, der Seniorchef;
der Koch, das Zimmermädchen, der rotlivrierte Bellboy;
der Dieb, der Kommissar, der Assistent;
der Hotelkritiker;
die aufgetakelte Frau, die Frau mit dem Fotoapparat,
der Jogger, der Erleuchtete, der Gast, der dann doch keiner wurde und ich habe bestimmt noch jemanden vergessen.

Nachtrag: MSM im Planetarium Hamburg

Preisfrage: Wo bekommt man – unter anderem! – Peter Schilling, The Korgis, Johann Sebastian Bach, Monolake, Reinhard Mey, den Erdbeermund (das waren Culture Beat, oder? Meine Güte, ist das lange her), Phil Collins, Schiller, Sade, Brian Eno und Autograf in einem Set zu hören? Und dann auch noch so fabulös bebildert und belasert?

Antwort: Das gibt es nur bei MSM aka Mousse T./Schiller/Marionneau im Planetarium Hamburg.

Sternstunde. Ab jetzt wieder jährlich, ja? Wir bitten darum.

In Concert: Philip Glass zum 80. in der Elbphilharmonie

Wie das immer so ist: Erst passiert ewig nichts und dann alles auf einmal. Mein zweiter SHMF-Konzertbesuch ist noch immer unverbloggt, dabei war das schon vor einer Woche. Höchste Zeit, es nachzuholen.

Als ich irgendwann im Februar das aktuelle Programm des Schleswig-Holstein Musik Festivals in die Hände bekam, war aus diesem „Philip Glass zum 80.“ mit Daniel Hope und dem hr-Sinfonieorchester unter der Leitung von Hugh Wolff das eine Konzert, für das ich unbedingt eine Karte haben wollte. Mit Blick auf den Veranstaltungsort verpuffte meine Euphorie jedoch schlagartig. „Keine Chance“, dachte ich, „auf die Elphi-Konzerte werden sich Sponsoren und Vereinsmitglieder stürzen wie die Geier. Das kannste gepflegt knicken.“ Ich verdrängte meine Enttäuschung, suchte mir drei andere Perlen aus dem Programm, bestellte und bekam, was ich sehen und hören wollte.

Ganz aus dem Kopf schlagen konnte ich mir das Traumkonzert jedoch nicht, weswegen ich ein paar Wochen später die Wartelistenoption warnahm und zu meiner großen Überraschung und Freude berücksichtigt wurde. Man soll halt nie vorzeitig die Flinte ins Korn*) werfen.

Zu Beginn des Abends begrüßte Dr. Christian Kuhnt, Intendant des SHMF, die Anwesenden und bekannte, schon vor Jahren davon geträumt zu haben, in der dann neu erbauten Philharmonie einen Philip Glass-Abend veranstalten zu dürfen. Zunächst aber hatte Maurice Ravel mit „Une barque sur l‘ océan“ das Wort. Als Intro für Philip Glass mag diese Wahl etwas ungewöhnlich anmuten, ist aber insofern sinnig, als das Ravel in diesem Jahr im Fokus des Festivals steht. Und ein schönes Stück ist es ohne Frage.

Es war mein erstes Zusammentreffen mit dem hr-Sinfonieorchester unter Hugh Wolff, für mich zuvor ein unbeschriebenes Blatt, und ich entwickelte eine Spontansympathie schon nach wenigen Takten. Diese vertiefte sich noch durch die weiteren Programmpunkte des Abends, dem 1. Violinkonzert und der 1. Sinfonie („Low Symphony“) von Philip Glass sowie der Zugabe „Alborada del Gracioso“, wiederum von Maurice Ravel.

Solist beim Violinkonzert war Daniel Hope, und eigentlich bin ich ja Fan. Aber auch ohne das Stück vorher gehört zu haben, fiel mir auf, daß das Zusammenspiel mit dem Orchester an einigen Stellen nicht ganz synchron war. Auf der Suche nach Beurteilungen anderer stieß ich auf zwei nahezu gegensätzliche Kritiken: „hpe“ lobt in der „Welt“ den Solisten und schmäht das Orchester – ok, die Trompete habe ich auch gehört, aber das war wirklich der einzige Patzer, der mir in Erinnerung geblieben ist -, während Verena Fischer-Zernin im „Hamburger Abendblatt“ meine Beobachtungen bestätigt. Es ist schon faszinierend, wie unterschiedlich Menschen Kulturereignisse wahrnehmen. Von Kritikern ganz zu schweigen.

Wie dem auch sei, Hopes Zugabe merzte den zwiespältigen Eindruck im Anschluß gänzlich wieder aus. Er spielte das Kaddish von Maurice Ravel und widmete es dem kürzlich verstorbenen Sir Jeffrey Tate. Ein Stein, der da keine Träne im Knopfloch hatte.

Als kleinen Nebeneffekt habe ich durch die Wartelistenlotterie übrigens in Erfahrung bringen können, auf welchen Plätzen man im Großen Saal sowohl perfekt sehen als auch sehr gut hören kann. Leider sind es mit die teuersten, wodurch dieser Genuß künftig die Ausnahme von der Regel bilden wird.


*) Apropos, falls jemand eine (seriöse) Kartenquelle fürs Tingvall Trio weiß, Termin: 8. 11. 2017 in der Elbphilharmonie: bitte melden!