Theater, Theater: „Hotel Paradiso“ im Ernst Deutsch Theater

Es mag nicht allgemein bekannt sein, aber das Programm des Schleswig-Holstein Musik Festivals beschränkt sich keinesfalls nur auf klassische Musik. Meine diesjährige Auswahl spiegelt diese Tatsache nahezu perfekt wieder:

  1. Kammermusikensemble trifft Mandolinist trifft präpariertes Klavier,
  2. Orchesterkonzert,
  3. Theater und
  4. (Minimal) Techno.

Gestern war das Theater dran: Familie Flöz lud ein ins „Hotel Paradiso“. Ich saß in der vorletzten Reihe des vollgepackten Ernst Deutsch Theaters und staunte darüber, daß ich da vor mir auf der Bühne ein Stück ganz ohne Worte und ohne Mienenspiel sah – alle Darsteller trugen Masken – und doch alles verstand. Allein mittels Bühnenbild, Requisiten und Toneinspielungen, aber vor allem durch den körperlichen Ausdruck der jeweils handelnden Personen.

So gut war das, daß ich erst zum Schlußapplaus begriff: Die insgesamt 16 Charaktere*) des Stückes wurden von nur vier Schauspielern verkörpert. Und hinter der Maske der alten Dame war gar keine. Also, eine Dame jetzt.

Einzig das Stück selbst war nicht ganz nach meinem Geschmack. „Nie war Familie Flöz böser und abgründiger“, heißt es in der Beschreibung, „ein Alpen-Traum voll von schwarzem Humor, stürmischen Gefühlen und einem Hauch Melancholie.“ Von mir aus hätte der Melancholieanteil gerne höher und der Humor dafür etwas weniger robust ausfallen dürfen.

Momentan ist Familie Flöz noch mit drei weiteren Produktionen unterwegs: „Haydi!“, „Teatro Delusio“ und „Infinita“. Die vier Aufführungen von „Teatro Delusio“ ab morgen bis zum 21. 7. im Kieler Schauspielhaus sind allerdings bereits restlos ausverkauft.


*) Die Seniorchefin, der Sohn, die Tochter, der Seniorchef;
der Koch, das Zimmermädchen, der rotlivrierte Bellboy;
der Dieb, der Kommissar, der Assistent;
der Hotelkritiker;
die aufgetakelte Frau, die Frau mit dem Fotoapparat,
der Jogger, der Erleuchtete, der Gast, der dann doch keiner wurde und ich habe bestimmt noch jemanden vergessen.

Vermischtes

Ich mache nicht so gerne Sammeleinträge ins Susammelsurium, aber es sind schon wieder drei Veranstaltungen aufgelaufen und es soll nicht in Streß ausarten. Ganz im Gegenteil. Ich bemühe daher ausnahmsweise den Schnelldurchlauf.

Montag

Frau F. und ich waren bei hidden shakespeare im Schmidt Theater! Endlich! Das wollten wir ja, seit wir „Heiligabend mit Hase“ und „Ein Endspiel“ im Abaton gesehen hatten. Es war grandios. Meine Lieblinge: das Lacrosse-Pony und der Galoppflamingo. Wobei ich ein wenig mit dem Publikum fremdelte. Das Prinzip des Verzehrtheaters – was für ein schönes Wort! – scheint doch die ein oder andere Spezies anzulocken, die man in die Kategorie Mädelsabend, Junggesell(inn)enabschied oder Betriebsausflug stecken kann. Nicht unbedingt die Atmosphäre, in der ich mich zuhause fühle. Andererseits war ich ja tatsächlich mal selbst im Rahmen eines Betriebsausflugs, also, das ist Jahre her, bei „Cavemusic“ im Schmidts Tivoli, und da hat es mich gar nicht gestört. Was meiner Erinnerung nach ganz wesentlich mit dem Auftritt Christian von Richthofens zu tun hatte. Für solche Menschen wurde der Begriff „musikalisch“ erfunden. Was für eine Rampensau! Er stahl dem Caveman die Show, nach allen Regeln der Kunst, und man konnte ihm nicht böse sein. Jedenfalls nicht aus der Publikumsperspektive – Kristian Bader mag seinerzeit anders darüber gedacht haben.

Bei Bodo Wartkes „König Ödipus“ vor fast genau acht Jahren war widerum deutlich mehr Theater spürbar, trotz des Kabarettansatzes. Zwei Gegenstände in meiner Wohnung erinnern mich seither an diesen Abend: Das gelbe Reclamheftchen im Buchregal und Carl der Löwe alias die Sphinx („Wie ‚Pfingsten‘ nur mit ‚S‘!“) auf dem Kleiderschrank. Bodo Wartke wird mit gemischten Gefühlen an diese Premiere zurückdenken, er brach sich nämlich während der Vorstellung das rechte Wadenbein.

Wie komme ich jetzt darauf? Ach ja: Theater.

Mittwoch

Nächste Station: „Unwiderstehlich“ im Ernst Deutsch Theater. Im Vergleich zum Montag war das naturgemäß ein komplett anderer Film. Frau F. und ich hatten beide Schwierigkeiten mit dem Stück, wobei mir nicht ganz klar war, ob es am Text selbst oder an der Regie lag oder vielleicht an der Kombination von beidem. Das hat uns aber keineswegs daran gehindert, die schauspielerische Leistung von Anika Maurer und Boris Aljinovic anzuerkennen.

Die Vorstellung war in zwei Teile gegliedert, unterbrochen durch eine Pause. Mir persönlich hat der dritte Teil am allerbesten gefallen. Ich habe mich lange nicht mehr so gründlich und so nett verquatscht. Ganz lieben Dank auch dafür.

Donnerstag

Ein klein wenig Theater gab es auch bei Lambert im resonanzraum, und sei es nur des Maskenspiels wegen. Anders als vor anderthalb Jahren auf Kampnagel waren dieses Mal keine Bläser dabei (die Gitarre war ok, hätte aber nicht sein müssen). Dadurch wirkte das Programm ernster, was sich auch in den tendenziell weniger spaßigen Ansagen widerspiegelte. Ich mochte auch diese Variante sehr. Schade nur um das Bundesamt für Notenschutz, das offenbar inzwischen aufgelöst wurde.

Ich hatte mich bewußt so plaziert, daß ich Lambert etwas von der Seite sehen konnte. Dadurch saß ich direkt vor dem Schlagzeuger und Perkussionisten, dem ich im Laufe des Konzerts mehr und mehr verfiel. Da bildet sich allmählich ein Muster heraus; man kann durchaus Parallelen zu meiner Faszination für Andrea Belfi (bei Nonkeen) und Fabian Prynn (bei Douglas Dare) ziehen.

Ich behalte das im Auge. Bzw. im Ohr.

Theater, Theater: „4.000 Tage“ im St. Pauli Theater

Boris Aljinovic ist Hochseesegler, ein im Wortsinne ausgezeichneter sogar. Insofern nicht verwunderlich, daß sich unsere Wege bereits kreuzten. Allerdings nur in meinem beruflichen Umfeld. Abgesehen von diversen Hörbucheinspielungen und Fernsehrollen hatte ich ihn bei seiner Arbeit bislang noch nicht erlebt, dabei ist er regelmäßig auf Hamburgs Bühnen zu sehen. Höchste Zeit also, das nachzuholen. Und überhaupt, wie lange ist es her, daß ich im St. Pauli Theater zuletzt ein Theaterstück sah? Lustiges Volk da übrigens (Spontangedanke: „Ach, hier treiben die sich alle herum.“). Unter anderem sah ich Dagmar Berghoff und lokale Politprominenz.

Zum Stück.

In „4.000 Tage“, geschrieben von Peter Quilter und im Januar 2016 am Londoner Park Theatre uraufgeführt, erwacht Michael (Boris Aljinovic) nach drei Wochen im Koma mit einer Gedächtnislücke von elf Jahren. Das entspricht 4.000 Tagen und exakt dem Zeitraum, in dem er mit seinem Partner Paul (Gustav Peter Wöhler) zusammengelebt hat. Der kämpft nun darum, daß Michael sein Erinnerungsvermögen wiedererlangt, während seine Mutter Carol (Judy Winter) das Ereignis als eine ihr äußerst willkommene Gelegenheit zum Neustart begreift – vorzugsweise in eine Zukunft Michaels ohne Paul an dessen Seite.

Angesichts dieser Ausgangslage hatte ich eine Tragikkomödie erwartet. Dafür war das Stück aber dann doch zu ernst. Ob das eventuell auch an der deutschen Fassung lag, deren Erstaufführung da heute abend stattgefunden hat? Schwer zu sagen. Dafür müßte man das Stück im Original kennen.

Wie dem auch sei, der Kampf zwischen Michaels Mutter und seinem Partner Paul wird in dem Moment zur Nebensache, als Michael aus dem Koma erwacht. Besonders im ersten Teil agierte Judy Winter eine Spur zu exaltiert, während Gustav Peter Wöhler seltsam blaß blieb. Was meines Erachtens nicht allein darauf zurückzuführen ist, daß sie die überdominante Mutter und er eine Spießerfigur spielt. Boris Aljinovic hingegen ist nicht nur ein ausgezeichneter Hochseesegler. Ich bin hin und weg und obendrein ziemlich sicher, heute abend einen der zauberhaftesten Theaterküsse des Jahres gesehen zu haben.

Meine Begleitung murmelte etwas von „… auch am Ernst Deutsch Theater, ab nächsten Monat…“. Das Stück trägt den Titel „Unwiderstehlich“.

Count me in.

Theater, Theater: „Just call me God“ in der Elbphilharmonie

Wenn ich mich recht erinnere, lief bereits zur Spielzeit 2009/10 ein Konzertprogramm in Hamburg, welches unter dem Stichwort „Elbphilharmonie“ vermarktet wurde. Teil dieses Programms waren zwei Aufführungen des Stücks „The Infernal Comedy“, eine grandiose One-Man-Show von, für und mit John Malkovich. Aus sattsam bekannten Gründen fanden diese seinerzeit nicht in der Elbphilharmonie, sondern im Schauspielhaus statt.

Nicht weniger als eine weitere solche One-Man-Show erwartete ich knapp sieben Jahre später von „Just call me God“, der mittlerweile dritten Produktion des Trios Malkovich/Sturminger/Haselböck, und zumindest diese Erwartung wurde voll erfüllt.

Das Drumherum hingegen, naja. Das Stück selbst: schwach. Das Gefälle zwischen Malkovich und seinen Mitstreitern auf der Bühne: gigantisch. Ein paar Leute spielten Soldaten, Sophie von Kessel spielte eine Journalistin, John Malkovich war der Diktator; so deutlich konnte man tatsächlich unterscheiden.

Enttäuscht war ich aber vor allem vom Einsatz der Elbphilharmonieorgel, auf die ich mich besonders gefreut hatte. Bachs „Toccata und Fuge d-Moll“ (BWV 565) und Procul Harums „A Whiter Shade of Pale“, das ist so ungefähr das, was Lieschen Müller zum Thema Orgel jenseits des üblichen Sakralprogramms einfällt. Dazu Wagners Walkürenritt als musikalischer Holzhammer („Faschismus! Totalitarismus!“), noch ein wenig Bach, unter anderem ein Stück mit dem allzu passenden Titel „Alle Menschen müssen sterben“, ein Medley aus Nationalhymnen (aber nur die bekannten), ein wenig Improvisation hier und da, fertig. Irgendwann übernahmen dann die komplett verzichtbaren Elektronikeffekte das Zepter. Mal ehrlich: Wenn eine ausgewachsene Orgel in einem solchen Raum in Kombination mit John Malkovichs Spiel nicht ausreicht, um das gewünschte diabolische Gesamtbild zu erzeugen, dann stimmt etwas ganz Grundsätzliches nicht.

Ich hoffe, es wird mir bei Gelegenheit gelingen, ein Ticket für ein reines Orgelkonzert im Großen Saal zu erbeuten. Was ich da heute in „Just call me God“ gehört habe, kann’s jedenfalls noch nicht gewesen sein.

Theater, Theater: Der Schimmelreiter im Thalia

„Erzählt, erzählt nur, Schulmeister“, riefen ein paar der jüngeren aus der Gesellschaft.

„Nun freilich“, sagte der Alte, sich zu mir wendend, „will ich gern zu Willen sein; aber es ist viel Aberglaube dazwischen und eine Kunst, es ohne diesen zu erzählen.“

„Ich muß Euch bitten, den nicht auszulassen“, erwiderte ich; „traut mir nur zu, daß ich schon selbst die Spreu vom Weizen sondern werde!“

Theodor Storm: Der Schimmelreiter

Das Theater und ich, wir sind bisher nicht so recht warm geworden miteinander. Insbesondere, wenn es um zeitgenössische Inszenierungen und Formate geht. Wie ich neulich bei einer lebhaften Facebook-Diskussion über die von Jette Steckel inszenierte „Zauberflöte“ lernte, kann man das, mit dem ich in der Hauptsache fremdele, unter dem Begriff „Regietheater“ zusammenfassen.

Da nimmt also ein Regisseur ein Stück bzw. einen Stoff, transportiert ihn in einen anderen Zeitrahmen oder Zusammenhang und baut eigene Elemente ein. Im Falle der „Zauberflöte“ hinterließ mich das mit großen Fragezeichen, denn da tauchten Dinge auf, die sich meines Erachtens in keiner Weise mit der im Libretto erzählten Geschichte in Einklang bringen ließen. Was mich zu der Frage brachte: Wenn jemand eine neue/andere Geschichte erzählen will, warum gibt er nicht einfach ein neues Stück oder eine neue Oper in Auftrag? Oder: Warum heißt es dann „Wolfgang Amadeus Mozart: ‚Die Zauberflöte‘, Inszenierung: Jette Steckel“ und nicht „Jette Steckels ‚Zauberflöte'“? Das wäre für mich als unbelecktes Element jedenfalls deutlich übersichtlicher.

Ich mag außerdem keine Stücke, bei denen schauspielerische Leistung darin besteht, scheinbar zusammenhanglos herumzulaufen und zu schreien und in denen Blut, Sex, Exkremente, Gewalt und Nacktheit um ihrer selbst willen zum Einsatz kommen. Das mag für manche Menschen Theater sein, aber damit fange ich nichts an. Für mich ist das blanker Unsinn. Auf einem meiner neu entdeckten Lieblingssender, dem Deutschlandfunk, hörte ich unlängst zufällig die Sendung „Zwischentöne“, in der der Theaterkritiker Gerhard Stadelmaier zu Gast war. Der nannte diese Art von Darstellung „Blut-und-Hoden-Theater“ und brachte überhaupt ziemlich genau auf den Punkt, was mich an solcherlei Ausprägungen dieser Kunstform so irritiert. Womit ich mich vermutlich als stockkonservativ oute, aber dazu stehe ich, zumindest in diesem Zusammenhang, uneingeschränkt.

Trotz dieser Voraussetzungen wagte ich mich also gestern ins Thalia zur Premiere des „Schimmelreiters“ unter der Regie von Johan Simons. Der, wie in seiner Biografie zu lesen ist, im Alter von 7 Jahren die Flutkatastrophe von 1953 miterlebte. Wie geht so jemand mit dem Schimmelreiter um?

Die Antwort: Erstaunlich puristisch. Der Deich war ein Deich, die Glocke eine Glocke und der (tote) Schimmel ein (toter) Schimmel. Eine halbe Stunde verging und immer noch passierte nichts Ungeheuerliches. Ich war beinahe ein bißchen enttäuscht, genoß dann aber bald, mich nur auf das Spiel konzentrieren zu können (Barbara Nüsse! Jens Harzer!), auf den zyklischen Aufbau und die feinen, aber signifikanten Änderungen an der Konstellation des Ensembles, gerade bei den Wiederholungen. Erst ganz zum Schluß gab es einen Ausfallschritt, den man als Bruch werten kann. Ich möchte ungern spoilern und daher nur sagen: Ich meine das nicht, weil sich da kurz vor Dunkeltuten tatsächlich noch jemand auszieht. An dieser Stelle war Nacktheit sehr schlüssig und wurde zudem durch geschickte Beleuchtung abstrahiert.

Das Publikum wirkte am Ende ermattet: Dafür, daß außer dem Schimmelreiter nichts passierte, war’s dann doch arg lang. Vielleicht hätte man etwas straffen können. Aber als (Wieder-)Einstiegsdroge war das alles gar nicht so verkehrt.

Nachtrag: Neben mir saß übrigens jemand, der sich hauptberuflich mit der Materie beschäftigt. Was er zum Stück zu sagen hatte, kann man im „Hamburger Abendblatt“ nachlesen. Aber Achtung: Spoiler!

Theater, Theater: Monument 0.1 – Valda & Gus auf Kampnagel

Bei den Kulturnews zählen sie es zu den besten Theaterstücken 2016. Ich sah es am Mittwochabend auf Kampnagel und es war in der Tat großartig. Da spielen (und tanzen) zwei Persönlichkeiten mit einer beeindruckenden Bühnenpräsenz.

Bei mir nicht vorhandene Vorkenntnisse zum Thema Tanzgeschichte sind vermutlich von Vorteil, aber nicht notwendig, um fasziniert zu werden.

Internationales Sommerfestival (Symbolbild)
Internationales Sommerfestival (Symbolbild)

Theater, Theater: The Greatest Show on Earth auf Kampnagel

„The Greatest Show on Earth“ beim Sommerfestival auf Kampnagel – der ultimative Beweis dafür, daß man mir sogar einen singenden Scheißhaufen verkaufen kann, wenn die Musik dazu gut oder mindestens gut inszeniert ist. Ich amüsierte mich köstlich, trotz einiger Abzüge in der B-Note.

Apropos, ich hätte sehr gerne auch Socalled gesehen/gehört. Die „leichte Verschiebung“ des Auftritts heute abend kam da wohl nicht nur mir ein wenig ungelegen.