Februar

Nun ist der Februar auch schon Geschichte. Trotz kalt und dunkel: Das geht ja doch immer schnell. Und ein bisschen Kultur gab es auch.

Olga Neuwirth/Elfriede Jelinek: „Monster’s Paradise“ in der Staatsoper Hamburg

„Monster’s Paradise“ ist die zweite Inszenierung von Tobias Kratzer in seiner Rolle als Intendant der Hamburgischen Staatsoper und die erste Uraufführung.

Olga Neuwirth und Elfriede Jelinek, so erfuhr ich in der Einführung durch Dramaturg Christopher Warmuth, hatten eigentlich keine Oper mehr schreiben wollen. Das Stück sei als Alterswerk zu deuten, in dem sich die Erkenntnis der eigenen Ohnmacht gegenüber dem Zustand der Welt manifestiere. Zum Ausdruck käme dies insbesondere in der Schlussszene, in der die zwei der Komponistin und der Librettistin nachgebildeten Hauptfiguren Vampi und Bampi auf einem Floß in einer überschwemmten Welt an einem schlimm verstimmten Flügel ein Schubert-Duett spielen, der Flügel sich aber mehr und mehr selbstständig macht – die Kontrolle über die Ereignisse gleite ihnen buchstäblich aus den Händen.

Zuvor hatten Vampi und Bampi als unsterbliche Beobachterinnen des Weltgeschehens vergeblich versucht, einen in der Manier eines Donald Trump regierenden, despotischen und golfkartfahrend die Natur zerstörenden König-Präsidenten zu töten. Der wird letztes Endes von Gorgonzilla gefressen, einem Seeungeheuer, das aus einem Kernkraftwerksunfall entstanden war (und aus rechtlichen Gründen nicht Godzilla heißen durfte).

Von der Grundidee her hätte mir das alles durchaus gefallen können und einzelne Teile davon haben es auch. Georg Nigl war zum Beispiel super als König-Präsident und Charlotte Rampling großartig als an die Seitenwände des Saals projizierte Goddess. Die Schlussszene auf dem Floß war berührend, auch wenn mir der Sound des verstimmten Flügels beinahe körperliche Schmerzen bereitet hat. Aber beim Anblick der absurden Szenerie des unmissverständlich dem Weißen Haus nachgebildeten Regierungssitzes des König-Präsidenten ist mir das Lachen zumeist im Hals stecken geblieben. Das Amüsement über den vermeintlichen Clown im Präsidentenamt hat sich doch ziemlich abgenutzt. Zeitweise hat mich auch die Musik genervt. Schwierig, wenn eine textlastige Oper auch noch musikalisch so dicht ist (man solle gar nicht erst versuchen, die zahlreichen Anspielungen und Zitate zu identifizieren, hatte Warmuth in der Einführung geraten). Mir kam zwischendrin der Gedanke, dass „Monster’s Paradise“ als reines Theaterstück möglicherweise besser funktioniert hätte. Wobei ich andererseits nicht die einzige bin, die das Libretto, naja, dünn fand. Schon bei der Namensfindung für die beiden Hauptfiguren hätte Jelinek sich etwas mehr Mühe machen können. Oder sollte das vielleicht so sein? War das der ultimative Mittelfinger? Nach dem Motto: „Guck mal, ich texte hier irgendeinen Unsinn und die verkaufen das dann als hohe Kunst?“

Kurzum: Es war spektakulär inszeniert und spannend anzugucken und ich bereue nicht, das Geld für die Karte ausgegeben zu haben. Aber überzeugt hat mich das Werk in seiner Gesamtheit nicht.

„Nils 70 – A Birthday Celebration“ in der Elbphilharmonie

Nils Landgren hatte sich den Großen Saal der Elbphilharmonie ausgesucht, um in seinen 70. Geburtstag hineinzufeiern. Mit ihm standen zunächst Teile der Symphoniker Hamburg auf der Bühne, daneben sein „aus Schweden mitgeschlepptes“ Trio bestehend aus Joel Lyssarides (Klavier), Lars Danielsson (Bass) und İkiz (Schlagzeug). Für einige Stücke kam Sängerin Ida Sand dazu. Nach einem etwas verhaltenen Beginn in der ersten Hälfte (Stücke von Leonard Bernstein) steigerten sich Landgren und seine Mitstreiterinnen und Mitstreiter von Song zu Song, um dann in der in der zweiten Hälfte (Songs aus dem neuen Album „Love of my life“), in der auch das komplette Orchester auf die Bühne kam, richtig aufzudrehen.

Ich mag Nils Landgren grundsätzlich ja lieber Posaune spielen als singen hören. Nur wird dummerweise bei jedem weiteren Landgren-Konzert, das ich besuche, gefühlt weniger Posaune gespielt und mehr gesungen. Toll ist es trotzdem immer und die Kombination mit dem Orchester gab dem eh schon besonderen Abend eine extrabesondere Note. Die von Schlagzeuger İkiz geteilten Szenen aus Proben, Soundcheck und den eigentlichen Konzerten vermitteln davon zumindest einen kleinen Eindruck.

Meine persönlichen Highlights waren alle Instrumentalstücke (aus genanntem Grund), „One day I’ll fly away“ (im Original gesungen von Randy Crawford) und „Somewhere“ (aus „West Side Story“).

Angeblich war übrigens auch der Bundespräsident nebst Gattin anwesend. Gesehen habe ich die beiden nicht, aber ich saß dieses Mal auch sehr weit von den Promiplätzen entfernt.

„Blind Date“ mit in der Elbphilharmonie

Als Februar-„Blind Date“ entpuppten sich die Herren Thomas Dunford (Laute) und Nicolas Altstaedt (Cello). Geboten wurden Werke von Marin Marais, Antoine Forqueray, Johann Sebastian Bach und Henri Duparc und das sehr überzeugend.

Anders als beim „Prinsengrachtconcert 2022“ waren die beiden Musiker im Kleinen Saal der Elbphilharmonie nicht elektronisch verstärkt. Dabei fällt dann schon auf, wie leise so eine Laute eigentlich ist. Fast ein bisschen zu leise für das Cello, was in der Kombination vielleicht besser eine Viola da Gamba gewesen wäre? Aber die wäre ja auch wieder sehr leise gewesen. Jedenfalls musste ich in Reihe 7 zeitweise ganz schön die Ohren spitzen. Wie viel wohl die Zuhörer in den letzten Reihen noch mitbekommen haben?

Nach dem überwiegend barocken Hauptprogramm kamen die beiden Zugaben „Blackbird“ (The Beatles) und „Spiegel im Spiegel“ (Arvo Pärt) unerwartet. Aber wie zauberhaft, beides auf seine Art! Große „Blind Date“-Liebe, mal wieder.

Philippe Quesne: „Le Paradoxe du John“ auf Kampnagel

Als ich den Newsletter mit der Ankündigung des Stückes las, kam mir bei dem Namen Philippe Quesne spontan das Wort „Maulwurf“ in den Kopf. Aber woher das kam, war mir zunächst schleierhaft. Dann fiel mir wieder ein, warum ich blogge. Also, in der Hauptsache. Denn das Susammelsurium ist letztlich nicht viel mehr als ein Tagebuch meiner Musik- und Kultureventerlebnisse, das mir vor allem als Gedächtnisstütze gute Dienste leistet. So auch im Fall Quesne: Ich hatte beim Sommerfestival 2017 „Die Nacht der Maulwürfe“ gesehen und für zumindest interessant befunden.

Im Gegensatz zu den Maulwürfen ist „Le Paradoxe du John“ alles andere als derb. Die meiste Zeit überwogen auf der Bühne leise und sehr leise Töne. In einer Art Fortsetzung des Stücks „L‘Effet de Serge“ wird erzählt, wie eine Freundin zusammen mit einer Gruppe von Künstlerinnen und -künstlern die Einrichtung einer Galerie in Serges ehemaliger Wohnung vorantreibt. Quesne nimmt dabei Entstehung, Verwandlung und Zerstörung zeitgenössischer Kunstwerke und Performances und dabei vor allem die (übertriebene) Ernsthaftigkeit der Kunstschaffenden aufs Korn, zur großen Erheiterung des Publikums. Gekonnt kontrastiert wird diese Karikatur durch Texte von Laura Vazquez, einer 2023 mit dem „Prix Goncourt für Dichtung“ ausgezeichneten französischen Dichterin und Schriftstellerin. Entscheidend dafür war, dass die deutsche Übertitelung der französisch-englischen Vorstellung gut funktionierte, was sie auch tat. Fast ganz zum Schluss traten noch eine Handvoll nicht-humaner, mit Gesten, Quietsch- und Brummlauten kommunizierender Wesen in den Mittelpunkt der Erzählung. Anders als viele der übrigen Anwesenden war ich nicht ganz überrascht, hatte ich doch zwischendrin schon bemerkt, dass sich einige der verhüllten Gestalten im rechten hinteren Bühnenbereich nicht vollkommen reglos halten konnten. Wer oder was sich unter der Kostümierung verbarg, wurde auch beim Schlussapplaus nicht aufgelöst und blieb damit rätselhaft. Wie übrigens auch die Frage nicht beantwortet wurde, wer eigentlich dieser John ist. Aber damit konnte ich gut leben. Wie auch überhaupt mit dem Stück.

Eine ganz anders geartete Inspiration für künftige Erlebnisse ergab sich im Vorfeld des Einlasses in die K2. Parallel war nämlich in der K6 mit Choke Hole eine Drag-Wrestling-Truppe aus den USA zu Gast. Dementsprechend trafen im Foyer Welten aufeinander. Ich gebe zu, „Extreme Drag Wrestling“ gehört nicht unbedingt zu meinem Beuteschema. Mehr noch, dieses doch sehr spezielle Sub-Genre war mir bis gestern Abend sogar vollkommen unbekannt. Aber das Drumherum sah wirklich extrem bunt und lustig aus und die Stimmung in Foyer und Halle war mehr als bombig. Vielleicht doch mal im Blick behalten!

Internationales Sommerfestival 2017 auf Kampnagel

Ich bin seit 2014 großer Fan des Internationalen Sommerfestivals. Seinerzeit lockte mich Chilly Gonzales mit „The Shadow“ auf das Kampnagel-Gelände. Von der Festivalatmosphäre angefixt, hangelte ich mich im Anschluss von einem Highlight zum nächsten, darunter „Nufonia must fall“ von Kid Koala und mein allererstes Orchesterkaraoke mit den Jungen Symphonikern.

Da ist die Sommerstimmung, der jährlich neu formierte Avant-Garden und das große Foyer, in dem Künstler, Mitarbeiter und Besucher bunt durcheinander wuseln – bisweilen derart bunt, dass man sich trotz Verabredung verpassen kann -; alle Sorten Kunst kommen vor, mit vielen Sorten Mensch von überallher und die Kollegen von cohen + dobernigg offerieren die dazu passende Literatur. Mit einem Wort: Es ist großartig.

#Juan2017: Mit Sicherheit unsicher

In diesem Jahr hatte das Sommerfestival ein Gesicht: Unter dem Hashtag #Juan2017 und mit dem Slogan „Mit Sicherheit unsicher“ dominierte das Konterfei des Kampnagel-Spitzenkandidaten Juan Dominguez das Gelände und gefühlt auch die halbe Stadt. Ein schönes Lehrstück darüber, wie man mittels massiver Plakatierung in kürzester Zeit gesichtsbekannt werden kann.

Notausgang freihalten

Spiegelspiele

Der Festival Avant-Garden, gestaltet vom Studio für Experimentelles Design der HFBK Hamburg, glich einem Spiegelkabinett: Hinter den großen Wänden war unter anderem auch die Gastronomie versteckt, was einige Orientierungsprobleme mit sich brachte.

Orientierungshilfe

Glotz nicht

Nicht im Bild: Die splitternackten Skulpturendarsteller, die wetterbedingt zu zeitweisen Ausflügen in die Innenräume gezwungen waren. Die Aktion irritierte und amüsierte gleichermaßen. Den Ausruf „Huch, die sind ja echt!“ hörte ich mehr als einmal.

Meine Programmauswahl ist zwar auch nach vier Jahren immer noch sehr musiklastig, ich meide konsequent Performances mit (un-)freiwilliger Zuschauerbeteiligung und suche in erster Linie nach Unterhaltung und nicht nach Auseinandersetzung oder gar Provokation. Aber ganz allmählich verschiebt sich der Schwerpunkt von Musik Richtung Tanz und Theater. Es hilft dabei enorm, dass sich viele Festivalveranstaltungen nicht an gängige Genregrenzen halten.

Michael Clarke Company: To a Simple, Rock ’n‘ Roll… Song

Wer wie ich ein Ticket für die Deutschlandpremiere am ersten Festivaltag ergattert hatte, konnte als Nebeneffekt ein Gläschen Sekt zu den Eröffnungsredebeiträgen im Avant-Garden genießen. Gut zu wissen! Ich merke es mir fürs nächste Jahr.

Im Vorfeld war viel von einer Hommage an David Bowie die Rede. Tatsächlich wurde nur der letzte von insgesamt drei Akten mit der Musik Bowies untermalt. Die einzelnen Akte wurden durch eine kurze und eine lange Pause unterbrochen, obwohl das Stück mit einer knappen Stunde Nettolaufzeit nicht sonderlich lang war. Das war der Konzentration auf das Gesamtkunstwerk nicht förderlich. Mir ist es nicht gelungen, dem roten Faden zu folgen, der dem Projekt zweifelsohne zugrunde liegt. Dazu kamen verwirrende Informationen im Programmheft, bestes Beispiel: Dafür, dass der zweite Akt aus drei Teilen bestehen sollte, war er meines Erachtens viel zu kurz. Ist jetzt schon die große Pause oder kommt da noch was? Ich war mit diesem Fragezeichen nicht allein und die Begeisterung, die die Weltpremiere im Londoner Barbican Centre ausgelöst hatte, konnte ich nicht teilen. Mir war es zu glatt, zu streng und trotz der (kalkulierten?) Wackler im ersten Teil zu perfekt – um das böse Wort „langweilig“ zu vermeiden.

Socalled & Friends: The 2nd Season featuring Fred Wesley

Von Langeweile konnte bei „The 2nd Season“ dagegen nicht die Rede sein. Dafür sorgte allein schon das Bühnenbild: Auf zweieinhalb Ebenen waren Puppenspieler, Tänzer und Musiker untergebracht, wobei dem Posaunisten Fred Wesley als Darsteller und Star des Abends ein herausgehobenes Plätzchen gewissermaßen zwischen den Welten reserviert war. Die Story hatte keine sonderliche Tiefe, aber Umsetzung und musikalisches Level verdienten das Prädikat Weltklasse.

Unter den Musikern war unter anderem das Kaiser Quartett anzutreffen, bekannt durch die Auftritte mit Chilly Gonzales (siehe oben) und dieser Tage auch anderweitig viel beschäftigt. Zumindest in einem Punkt mussten sich die vier Streicher auf Kampnagel nicht umgewöhnen, saß doch mit Josh Dolgin aka Socalled ebenfalls ein Kanadier am Flügel und gab den Ton an.

Philippe Quesne: Die Nacht der Maulwürfe

Es hilft beim Genuss eines Theaterabends ungemein, wenn man von vorneherein weiß, dass das Stück keine Handlung hat. „The Night of the Moles“ ist simpel, derb und grotesk, aber darüber ließ sich gut hinwegsehen: Bühnenbild, Requisite, Beleuchtung, Projektionen und vor allem Kostüme sowie die schauspielerischen und musikalischen Darbietungen (das Theremin!) boten ausreichend Faszination.

Neben den Auftritten in der K6 machten die Maulwürfe im Rahmen einer Parade außerdem noch Teile der Hamburger Innenstadt und die Elbphilharmonie-Plaza unsicher.

Wolfgang Voigt presents GAS live

Apropos Elbphilharmonie. Als ich am zweiten Festivalsonntag einen nahezu verwaisten Avant-Garden vorfand, hatte ich kurzzeitig die terminliche Überschneidung mit dem MS Dockville in Verdacht. Dann erst fiel mir wieder ein, dass die Elbphilharmonie in diesem Jahr erstmals Spielstätte des Sommerfestivals war. Normalerweise hätten zu diesem Zeitpunkt endorphinbeglückte Besucher des Orchesterkaraokes das Kampnagel-Foyer geflutet. Stattdessen herrschte dort gähnende Leere, denn das Karaoke fand in der Elphi statt und von der Schwierig- bzw. Unmöglichkeit, an die Tickets zu kommen, möchte ich erst gar nicht anfangen. Künftig werde ich also wohl nicht nur die Kampnagel-Konzerte des NDR Elbphilharmonie Orchesters schmerzlich vermissen müssen. Sehr schade.

Wolfgang Voigt präsentierte sein Musikprojekt GAS in der kleinen K2, die trotz der Konkurrenzveranstaltung am prominenteren Ort einigermaßen gut gefüllt war. Die Mischung aus Projektionen und Liveelektronik war grundsätzlich stimmig und stimmungsvoll, aber ein bisschen weniger Wumms in der Anlage hätte den Ohren gutgetan. Ich wankte anschließend weniger narkotisiert als gerädert aus dem Saal.

Eisa Jocson: Your Highness

Mein Beweggrund für den Besuch von „Your Highness“ war reine Neugier: Welche Form erhält ein zeitgenössisches Projekt, das sich mit Ballett- und Disneyprinzen bzw. -prinzessinnen beschäftigt? Die Antwort: Eine überraschend klassische, aber als Mittel zum Zweck. Die fünf Tänzerinnen und Tänzer tanzten und ironisierten gleichzeitig Standards aus klassischem Ballett und Versatzstücke der Disney-Welt im fließenden Übergang und das in einer technisch nahezu perfekten Ensembleleistung. Beklemmend und faszinierend. Kostüme und Bühnenbild taten das Übrige dazu. Einziger Kritikpunkt: Etwas kürzer hätte es ausfallen können. Es gab einen natürlichen Schlusspunkt, der dann doch keiner war. Das mag als taktische Publikumsverwirrung gedacht gewesen sein, schmälerte aber die Wirkung des Stücks ein wenig.

Presse

Verpasst habe ich neben dem Orchesterkaraoke und dem Konzert von Rufus Wainwright (Ach! Elphi!) leider auch Mocky and Friends. Wenn ich geahnt hätte, dass Chilly Gonzales dort als Gastmusiker… Aber es wird wohl nicht sein letzter Auftritt an der Jarrestraße gewesen sein. Und der nächste Sommer kommt bestimmt.