London (Part IV): Tag 2

Es folgt Teil zwei meiner diesjährigen London-Nachlese. Was zuvor geschah, kann kann bei Interesse unter dem Schlagwort London nachgelesen werden.

Der erste Programmpunkt nach dem Frühstück am nächsten Morgen ist ein längst überfälliger Besuch der British Library. Ich habe ein Ticket für die Sonderausstellung “Leonardo da Vinci – A Mind in Motion”, welches mit einem Zeitfenster versehen ist und muß daher pünktlich zu Beginn der Öffnungszeit am Gebäude sein. In der Tube Richtung King’s Cross/St Pancras geschieht etwas äußerst Ungewöhnliches: Ein Pendler spricht mich an. Der Herr – ein Brite, schätzungsweise Anfang/Mitte 60, vielleicht älter, groß, sportlich, offenes Lächeln, perfekt sitzender Anzug, Krawatte, teures Schuhwerk, Rucksack und Tretroller – interessiert sich für meine Tasche: “I like your bag!” Schnell findet er heraus, daß ich Touristin und aus Deutschland bin. In Hamburg sei er zuletzt als kleiner Junge gewesen, erzählt er. Ich verrate ihm, daß während meines Aufenthalts sehr wahrscheinlich die Royal Botanic Gardens in Kew besuchen werde. Das begeistert ihn. “The place is like a TARDIS!” Er legt mir insbesondere die zurzeit dort ausgestellten Skulpturen von Dale Chihuly ans Herz. Es ist der Tag, an dem Boris Johnson seinen Antrittsbesuch bei Angela Merkel in Berlin absolviert. “Let’s hope she’ll be able to talk some sense into our idiot”, lautet sein Kommentar dazu. Am Piccadilly Circus verabschiedet er sich formvollendet, wünscht mir eine tolle Zeit und verschwindet im Gewühl.

Ich bin gegen 9 Uhr am Bahnhof King’s Cross und habe noch ein paar Minuten Zeit, um beim Platform 9 3/4-Shop vorbeizuschauen. Selbst zu dieser vergleichsweise frühen Stunde ist der Andrang am Trolley bereits beachtlich. Im Shop finde ich nichts, was ich unbedingt kaufen müßte. Er sieht ein wenig abgeräumt aus. Gegen 9:20 Uhr erreiche ich den Eingang der British Library und reihe mich in die Schlange ein.

Die Da Vinci-Schau enttäuscht mich. Ich bin nicht sicher, was ich erwartet habe, aber vielleicht doch etwas mehr als je ein paar Blätter aus dem Codex Arundel, dem Codex Forster und dem Codex Leicester, mit knappen Kommentaren versehen und ausgestellt in einem recht beengten, kellerartigen Raum. Eine Gruppe wird herumgeführt und durch die Ausführungen des Guides wird mir klar, warum die Codex Leicester-Blätter in speziell gesicherten Vitrinen präsentiert werden: Sie sind eine Leihgabe von Bill Gates, der die Sammlung 1994 für rund 30 Millionen Dollar erwarb. Es ist seither das erste Mal, daß Teile des Manuskripts wieder in Großbritannien zu sehen sind. Die Seiten sind in Spiegelschrift und natürlich in italienischer Sprache verfaßt. Als umso hilfreicher entpuppt sich deshalb der mitgelieferte “Codescope”, eine interaktive Darstellung der Manuskriptseiten, mit der sich die Texte spiegeln, vergrößern und übersetzen lassen.

In einem weiteren, sehr viel größeren Ausstellungsraum sind die besonderen Schätze der British Library versammelt. Ich komme aus dem Staunen nicht wieder heraus: Nicht nur alte Land- und Seekarten, zahlreiche Manuskripte, die obligatorische Gutenberg-Bibel und eines von nur vier erhaltenen Exemplaren der Magna Carta sind zu bewundern, sondern auch historische Berichte von der Sichtung des Ungeheuers von Loch Ness aus dem 12. Jahrhundert bis zum Regierungsmemorandum über die Osteraufstände von 1916. Im Abschnitt “Science” findet sich neben dem Brief von Ada Lovelace an Charles Babbage aus dem Jahr 1869, der als erste Beschreibung eines Computerprogramms gilt, auch das Tagebuch von Robert Falcon Scott. Natürlich darf auch Literarisches nicht fehlen; vertreten sind unter anderen William Shakespeare, Robert Burns, Jane Austen, Charles Dickens, Virginia Woolf und Ian Fleming. Und Musik! Gezeigt werden Manuskripte von Bach, Mozart, Händel, Vaughan Williams und Elgar – die “Enigma Variations”, natürlich, aufgeschlagen ist der “Nimrod” – sowie der Beatles-Songtexte “Yesterday” und “Strawberry Fields Forever”.

Auch das Gebäude der British Library gefällt mir gut. Aus der Eingangshalle führen Stufen hinauf zu den Lesesälen und zur King’s Library, die in einem gläsernen Turm ausgestellt ist und so optisch den Kern der Sammlungen bildet.

King's Library
King’s Library

Die Lesesäle sind für registrierte Nutzer reserviert. Für den Besuch der Da Vinci-Ausstellung, das ausgiebige Bewundern der Schätze und das Stöbern im hauseigenen Shop habe ich fast zwei Stunden gebraucht. Ich nehme mir vor, einen nächsten Besuch mit entweder einer “Building Tour” oder der “Conservation Studio Tour” zu verbinden.

Auf meiner Liste steht noch ein weiteres Bücherparadies in der Nähe. Der Weg dorthin führt mich durch den Bahnhof St Pancras International. Ich erstehe ein Mittagspausensandwich, suche und finde die Brücke über den Regent’s Canal und gelange an einen großen Platz, dem Granary Square, auf dem sich zahlreiche Foodtrucks eingefunden haben.

Granary Square
Granary Square
Coal Drops Yard
Coal Drops Yard

“Coal Drops Yard” nennt sich die Ecke an einem Ende, ein ehemaliges Kohlelager, in dem Restaurants und Läden der Kategorie teuer, individuell & künstlerisch wertvoll untergekommen sind (unter anderem ein Craft Jeans Maker).  Daneben befindet sich das Gebäude des Central Saint Martin, einem College der University of the Arts London. Worauf man als Auswärtiger erst kommen muß, denn auf der Beschilderung wird die Abkürzung “ual” nicht aufgelöst. Auffällig sind die bunten “Semaphores”-Skulpturen von Amalia Pica.

Semaphore
Semaphore

Östlich des Gastropubs “The Lighterman”, auf dem einer der beiden Chappe-Telegrafen steht, finde ich schließlich den Liegeplatz von “Word on the water”. “Bookbarge” – allein das Wort! Was für eine herrliche Kombination!

Regent's Canal
Regent’s Canal
Word on the Water
Word on the Water

Ich durchstöbere das gesamte Schiff, wechsele einige Worte mit dem Inhaber und begebe mich zurück zum Bahnhof. Um 14 Uhr will ich an der U-Bahn-Station Hampstead sein. Von dort startet nämlich die “Old Hampstead Village”-Tour von London Walks.

Frei nach dem Motto: Kein Londonaufenthalt ohne London Walks! In diesem Jahr schaffe ich leider nur eine Tour, die sich dafür aber als besonderes Juwel entpuppt. Was nicht unwesentlich an Richard III liegt, dem Guide.

Richard III
Richard III

Nach der kurzen Einführung auf der Heath Street biegen wir ab in die Church Row. Spätestens ab hier wird klar, warum der Stadtteil von den Reichen und Berühmten besonders geschätzt wird: Er liegt ruhig, ist sehr grün, überhaupt von ausgesprochen ländlichem Charakter und trotzdem braucht man nur rund zwanzig Minuten mit der Tube bis zum Piccadilly Circus. Entsprechend sind die Immobilienpreise: Wir stehen vor dem ehemaligen Wohnsitz von Ridley Scott und hören, daß er das Haus vor einiger Zeit für rund 22 Millionen Pfund verkauft hat.

George du Maurier lived here
George du Maurier lived here
Private
Private

Ich erfahre einiges über den früheren Badeort Hampstead, über die du Maurier-Familie, John Constable, John Keats und über Champagner-Sozialisten, lerne, daß sich bei dem örtlichen “Old Bull and Bush”-Pub um ebenjenes Etablissement aus dem Music Hall-Song “Down at the Old Bull and Bush” handelt und daß Hampstead Heath zur City of London gehört und bereits im 19. Jahrhundert per Gesetz vor Bebauung geschützt wurde.

Hampstead Heath
Hampstead Heath

Auf dem Weg durchs Grün trampeln wir quer durch etwas, was zuerst wie ein exzentrisches Picknick aussieht, sich dann aber als Filmset entpuppt. Apropos: Der Gruppe wird unter anderem ein Besuch des Kenwood House empfohlen und das nehme ich mir für meinen nächsten Ausflug in die Heide ganz fest vor.

The Wells Tavern
The Wells Tavern
Ein Knick - in der Optik oder im Schornstein?
Ein Knick – in der Optik oder im Schornstein?

Richard III trägt seine Schilderungen mit feinem Humor vor, der bisweilen mit einer Prise Sarkasmus gewürzt ist. Am Friedhof wird die Gruppe um einen Augenblick Stille gebeten, damit besser zu hören ist, wie Hugh Gaitskell, ein früherer Labour-Parteichef, in seinem Grabe rotiert. Wann immer die Rede auf aktuelle politische Ereignisse kommt, beendet unser Guide den Anflug mit einem “but let’s not go there” – und der Tonfall spricht Bände. Ich habe schon einige Walks absolviert; alle Guides waren gut, einige waren sehr gut, aber Richard III spielt unbestritten in einer eigenen Liga. Chapeau!

Flask Walk
Flask Walk

Eigentlich bin ich rundum platt, als ich gegen 17 Uhr zu meiner Unterkunft zurückkehre. Aber ich bin schließlich nicht zum Schlafen in der Stadt. Das Wetter zeigt sich sommerlich und auf der Webseite des Southbank Centre lese ich, daß dort umsonst und draußen die “Rocky Horror Picture Show” gezeigt wird. Nach einer kurzen Verschnaufpause breche ich also wieder auf, fahre mit der Tube bis zur Station Embankment und spaziere über eine der beiden Golden Jubilee Bridges. Schon über 24 Stunden bin ich in der Stadt, und erst jetzt komme ich zum ersten Mal nach zwei Jahren wieder ans Themseufer.

Das Open Air-Kino am Southbank Centre wird von Electric Pedals präsentiert. Das bedeutet, daß der zur Vorführung des Films benötigte Strom von den Kinobesuchern biomechanisch durch fleißiges Betrampeln der bereitgestellten Drahtesel produziert werden muß. Eventuelle Stromengpässe werden durch eine Ampel angezeigt, aber dazu kommt es an dem Abend erst gar nicht. Das Publikum ist erwartungsgemäß bunt und gut gelaunt. Keine Versammlung von Hardcore-Fans, aber ein paar Reiskörner verirren sich doch in meine Jacke. Gegen Ende des Films taucht vor der Leinwand ein als Frank-N-Furter kostümierter Zuschauer auf, der textsicher die gesamte Choreographie mittanzt und dafür mit viel Applaus belohnt wird. Auch die Southbank Centre-Crew bedankt sich anschließend bei dem “Man in fancy dress… or regular dress!”, was einige Heiterkeit auslöst. Ich laufe zurück zur U-Bahn und bin nun endgültig reif für die Horizontale.

London (Part III): Tag 3

Zeit für “London (Part III) – die Nachlese”! Es folgt die Rückschau auf Tag 3. Was zuvor bzw. im letzten Jahr geschah, kann bei Interesse unter dem Schlagwort London nachgelesen werden.

Auch dieses Mal mache ich wieder den Fehler, ein Programm für zwei Wochen in sieben Tage pressen zu wollen. Die Stadt ist einfach zu groß dafür; selbst wenn man die Transfers geschickt vorplant, erfordern alle Wege von A über B nach C grundsätzlich mehr Zeit, als zuvor am Reißbrett ausbaldowert. Das merke ich am dritten Tag, als ich “nur mal eben” durch den Hyde und Green Park laufen, bei Fortnum & Mason etwas besorgen und einen kurzen Blick in Burlington Arcade und Savile Row werfen will. Bis ich damit durch bin, wird es für mein Vorhaben, zwei bestimmte Orte in der Nähe von Euston Station und St. Pancras/King’s Cross zu besuchen, schon ziemlich knapp. Ab 14 Uhr möchte ich nämlich an der London Walks-Führung durch Kensington teilnehmen, um Näheres über den Stadtteil zu erfahren, in dem meine Unterkunft liegt.

Aber zunächst zurück nach Mayfair. Um in der Burlington Arcade shoppen gehen zu können, müßte ich in eine ganz andere Gehaltsklasse springen. Aber schön anzusehen ist sie, keine Frage, und dann hängt da auch noch ausgesprochen hübsche Kunst!

Burlington Arcade
Burlington Arcade
"Birds" von Mathilde Nivet
“Birds” von Mathilde Nivet

Als weniger hübsch erweist sich die Savile Row, bekannt als erste Adresse für maßgeschneiderte Herrenbekleidung. Zwar sind einige ansprechende Schaufenster zu bewundern, aber der einst wohl erheblich noblere Gesamteindruck wird unter anderem dadurch geschmälert, daß sich an der Ecke Burlington Gardens/Savile Row eine Abercrombie & Fitch-Filiale befindet. Was man riecht, bevor man es optisch wahrnimmt. Örks.

"Is it overcoat weather?"
“Is it overcoat weather?”

Schon etwas abgehetzt mache ich mich dann auf den Weg zur Euston Station. Daß ich in Speedy’s Café nichts essen oder trinken, sondern in meiner Eigenschaft als Sherlock-Aficionado nur schnell ein Foto von dem Gebäude schießen will, verschafft mir für die Platform 9 3/4 in King’s Cross ein wenig Muße.

Rather a tourist trap nowadays
Rather a tourist trap nowadays

Die braucht man auch, denn sowohl am Trolley als auch im Shop direkt daneben drängen sich die Menschen. Ein ausgesprochen fröhliches Treiben, ich kann mich nicht erinnern, je eine so gut gelaunte Warteschlange gesehen zu haben.

Mit dem Trolley zum Gleis 9 3/4
Mit dem Trolley zum Gleis 9 3/4

Am Trolley kann man sich, mit Zauberstäben und Schals in den gewünschten Häuserfarben ausgestattet, professionell ablichten lassen. Ein freundliches Helferlein sorgt dafür, daß die Schals im richtigen Moment wehen, um den Bildern Dynamik zu verleihen. Das entsprechende Kommando des Fotografen lautet “… and: scarf!” und sowohl die jeweiligen Protagonisten als auch ausnahmslos alle Umstehenden haben großen Spaß dabei.

Platform 9 3/4
Platform 9 3/4

Der Shop ist in etwa so eingerichtet, wie man sich einen echten Zauberladen in der Winkelgasse vorstellt. Es werden dort neben allerhand lizenziertem Ramsch auch die hochwertigen Strickwaren des schottischen Betriebs angeboten, der die Verfilmungen ausgestattet hat. Mein Widerstand ist schnell dahin und ich erstehe einen original Ravenclaw-Schal – Gryffindor kann schließlich jeder.

Nach einer knappen Stunde sprinte ich zurück in die Tube und erreiche so noch rechtzeitig den Beginn der Führung am Bahnhof High Street Kensington. Da The Roof Gardens, normalerweise die erste Station und eines der Highlights des Walks, leider wegen einer Veranstaltung nicht öffentlich zugänglich sind, halten wir uns recht lange am Kensington Square und bei den Berühmtheiten auf, die die Gegend einst bewohnt haben. Besonders viel Strecke machen wir dadurch nicht, aber auch bei diesem Ausflug mit London Walks bekomme ich wieder Ecken zu sehen, in die ich so sonst nicht gekommen wäre und Geschichten erzählt, die in keinem der handelsüblichen Reiseführer stehen. Das lohnt sich einfach immer.

Kensington Square
Kensington Square

Nach einem kleinen Zwischenstop im Quartier geht es am Abend ins Theatre Royal Haymarket und zur Royal Shakespeare Company. Das Theater existiert seit 1720 und zählt somit zu den ältesten noch im Betrieb befindlichen Spielstätten Londons. Die Innenausstattung ist dementsprechend grandios. Das Stück heißt “Queen Anne” und ist, anders als Titel, Bühnenbild und Kostüme vermuten lassen, ein zeitgenössisches Werk. Zu meiner Freude habe ich keinerlei Verständnisprobleme und kann mir so von dem großartigen Ensemble die mir zuvor unbekannte Geschichte der Königin erzählen lassen, die England von 1702 bis zu ihrem Tod im Jahr 1714 regierte und auf deren Betreiben unter anderem die politische Vereinigung von England und Schottland zu Großbritannien (“Act of Union”) zustande kam.

Das Stück dauert inklusive der Pause fast drei Stunden. Gegen Ende beschleichen mich leichte Konzentrationsprobleme. Das stramme Tagesprogramm fordert seinen Tribut und ich nehme mir fest vor, es von jetzt an langsamer angehen zu lassen.