Dezember

Nein, das ist noch nicht der Jahresrückblick! Ich muss ja erst noch auf den Dezember zurückblicken.

Nachgeholt aus dem November habe ich zunächst das Ende von „Sie sagt. Er sagt.“, indem ich mir die DVD mit der 2024er ZDF-Verfilmung bei der Bücherhalle auslieh. Eigentlich hatte ich „Auflösung“ statt „Ende“ schreiben wollen, aber eine Auflösung ist das Ende nicht wirklich – irgendwie unbefriedigend alles, wobei es sich aber mutmaßlich um den gewünschten Effekt handelt. Ich fand das Stück auch in der Filmversion noch fad, nur halt nicht so furchtbar schlecht gespielt. Hätte die Filmbesetzung auf der Bühne der Hamburger Kammerspiele gestanden (beziehungsweise gesessen), wäre ich wahrscheinlich nicht in der Pause geflüchtet.

Das allererste Dezember-Live-Event wäre „Schwanensee“ von Christoph Marthaler gewesen – der dritte Teil der im November-Beitrag bereits erwähnten Trilogie. Leider musste die Veranstaltung krankheitsbedingt ausfallen. Ich nutzte die ungeplante Abendfreizeit für den Besuch des Adventskalenders der Staatsoper. Das ist eine schon ältere Einrichtung: Vom 1. bis 23. Dezember wird jeden Tag im Foyer eine „künstlerische Kostbarkeit“ präsentiert; werktags um 16:30 und sonntags um 12:00 Uhr. Der Eintritt ist frei, um Spende wird gebeten (in diesem Jahr für die Deutsche Muskelschwundhilfe). Am fraglichen Nachmittag wurde das jeweils ungefähr zwanzig- bis dreißigminütige Programm vom Bundesjugendballett gestaltet. Der Andrang war groß, selbst ein vergleichsweise frühes Kommen sicherte mir keinen regulären Sitzplatz. Trotzdem oder gerade deswegen: Eine schöne Stimmung ist das da! Nur die Vorderhauscrew schien leicht gestresst.

Tags drauf war ich bei Art’n’Voices im Kleinen Saal der Elbphilharmonie. „Christmas at Sea“, der Titel des Programms, erwies sich indes als Etikettenschwindel. Es gab zwar jede Menge Weihnachtslieder, aber der „Sea“-Bezug erschloss sich mir nicht, außer vielleicht bei „Ave Maris Stella“ und „Es kommt ein Schiff geladen“. Aber das verblasste angesichts der teils spektakulären Arrangements der interpretierten Stücke.

Das war meine erste Begegnung mit zeitgenössischer polnischer Vokalmusik und ich weite diese Bekanntschaft gerne bei Gelegenheit aus.

Im letzten Jahr feierte ich meine  Weihnachtsoratorium-Premiere. Einige Tage zuvor hatte ich im hiesigen Regionalfernsehen einen Beitrag über eine urbane Hausmusik-Version des Werks von und mit dem ensemble resonanz gesehen. Das schien mir eine logische Fortsetzung der im Michel begonnenen Reihe zu sein, weswegen ich mir zeitig ein Ticket für den 2025er Termin sicherte.

Die Version mit dem goldenen Esel hat mich vollumfänglich überzeugt. Mehr noch, ich möchte das eigentlich gar nicht mehr anderes hören. Besonders fasziniert war ich von Michael Petermann an den Vintage Keyboards. Wahrscheinlich auch, weil ich ihm aus der Loge 2 im 1. Rang so schön auf die Finger gucken konnte.

Weihnachtsoratorium in Wohnzimmeratmosphäre
Weihnachtsoratorium in Wohnzimmeratmosphäre

Da habe ich also schon im zweiten Anlauf „meine“ Weihnachtsoratoriums-Variante gefunden! Deren Besuch werde ich nun nach Möglichkeit zu einer ständigen Einrichtung erheben. Damit bin ich nicht allein: Der resonanzraum ist schon lange nicht mehr groß genug für das Event und auch die Laeiszhalle war in diesem Jahr schon sehr gut gefüllt. Im nächsten Jahr wird folgerichtig gleich es zwei Termine geben, am 16. und am 18. Dezember. Der Vorverkauf hat bereits begonnen.

Der Name Thorsten Nagelschmidt war mir nicht geläufig, aber irgendwo habe ich das Gesicht schon gesehen. Es fällt mir nur nicht ein, wo. Dagegen ist Lambert mir natürlich ein Begriff und der Ankündigungstext des gemeinsamen Auftritts unter dem Titel „Nur für Mitglieder“ auf Kampnagel reichte mir, um ein Ticket zu erwerben. Ich würde die Veranstaltung allerdings nicht unbedingt als Weihnachtsrevue betitelt haben, sondern als Lesung mit Musik. Was deutlich spröder klingt, aber eher dem Gebotenen entsprach. Der Abend kam mir fast ein bisschen zu kurz für das Thema oder vielmehr die vielschichtige Themenwelt vor. Einiges wurde angerissen, kam dann aber nicht rund zum Ende. Was man aber auch als gewollten Anreiz für den Kauf von Buch und Tonträgern werten kann.

Kurz hatte ich mich übrigens noch gewundert, dass Lamberts Maske auf dem Klavier drapiert war. Dann betrat der Mann die Bühne – unmaskiert. Ziemlich ungewohnt. Ich glaube, auch noch für ihn. Ob er die Maske beim Lambert & Friends-Konzert im Mai wohl wieder anlegt?

Als ich die Ankündigung eines weiteren Orchesterkaraoke mit Jan Dvorak, Matthias von Hartz und den Jungen Symphonikern auf Kampnagel entdeckte, zögerte ich noch kurz, ein Ticket zu kaufen. Es ist ja eigentlich immer nett, dachte ich, aber es wiederholt sich auch viel. Ich tat es dann doch und bereute es nicht. Die Stimmung war großartig, die Sängerinnen und Sänger schlugen sich tapfer bis hervorragend. Ein Highlight war der Background-Chor des Orchesters bei der Joe Cocker-Version von „With a Little Help from My Friends“. Außerdem hebt das Gesamtkonzept mit Jan Wulf als lebender Karaokemaschine einfach zuverlässig die Laune. Wenn das eine neue (Vor-)Weihnachtstradition auf Kampnagel wird, bin ich auch im nächsten Jahr wohl wieder dabei. Abgesehen davon: Nichts gegen Coldplays „Viva la Vida“ als Abschluss, aber es kann gerne auch mal wieder „My Way“ sein!

Ich hatte mich auf das Konzert von Ibrahim Maalouf im Großen Saal der Elbphilharmonie sehr gefreut, weil bei seinem Auftritt im April er selbst als Trompeter für meinen Geschmack zu wenig im Mittelpunkt gestanden hatte. Das war bei „Kalthoum“ anders, aber wieder hatte ich nicht das Kleingedruckte gelesen: Auf dem 2016 erschienenen gleichnamigen Album widmet sich Maalouf der 1975 verstorbenen legendären ägyptischen Sängerin und Schauspielerin Umm Kulthum, in dem er einen Song von ihr, „Alf Leila We Leila“, zu einer Jazz-Suite aus- und umbaut. Teile des Albums wurden nun im Rahmen eines Elbphilharmonie-Schwerpunkts zu Umm Kulthum präsentiert. Das war sehr beeindruckend und ebenso lehrreich, denn mir war der Name zuvor tatsächlich nicht geläufig gewesen.

Aber es war eben doch wieder nicht Maalouf pur. Ob ich das wohl noch erwische? Eine Chance ergäbe sich 2027 in Paris, wo Maalouf sein zwanzigjähriges Bühnenjubiläum feiern will. In der Paris La Défense Arena, no less, da passen über 40.000 Leute rein. Ein bisschen hoch gegriffen, aber nicht unpassend für den Trompeter, der sich im Laufe seiner Karriere nach eigener Aussage gegen viele Widerstände beweisen musste und nun offenbar ultimativ beweisen will, indem er eben genau diese Halle füllt.

Das letzte Konzert des Jahres war „Weihnachten mit Salut Salon“ im Thalia Theater. Veranstaltungen von Salut Salon sind in Hamburg normalerweise recht zügig ausverkauft. Die Ränge bei den beiden Vorstellungen am vierten Advent waren hingegen zwar gut gefüllt, aber es gab lange und ich glaube sogar noch an der Abendkasse Karten zu kaufen.

Ich mag Salut Salon eigentlich sehr, aber das Weihnachtsprogramm war mir in Teilen zu krawallig. Das wird bei mir wohl keine Weihnachtstradition.

Den Abschluss des Kulturjahres bildete erneut Christoph Marthaler mit dem ersten Teil der oben genannten Trilogie im MalerSaal des Schauspielhauses. In „Die Sorglosschlafenden, die Frischaufgeblühten“ werden Texte von Friedrich Hölderlin bespielt.

Des Öfteren entwickelte sich Heiterkeit im Publikum; auch in Momenten, bei denen die Verbindung von Text und Spiel komische Züge aufwies, wenn man aber die Lebensgeschichte Hölderlins kennt, möglicherweise als eher tragikkomisch zu werten gewesen wären. Ein tragisches Element stellten dagegen zweifelsfrei die zerschmetterten Streichinstrumente in der linken oberen Ecke des Bühnenbilds dar. Dieser Anblick hat mir fast körperlich wehgetan, ebenso wie die Art der Einbeziehung der Instrumententrümmer in das Spiel. Absurder als „Im Namen der Brise“ kam mir der Hölderlin-Abend vor, und doppelbödiger.

Und das war’s mit 2025! Es folgt der Jahresrückblick und dann drehe ich die Uhr endgültig auf Januar. Es ist schon einiges in der Pipeline, ich freue mich!

November

Wie bereits erwähnt: Ich habe Nachholbedarf. Das schlägt dermaßen durch, dass ich aus Kapazitätsgründen vorerst keine Einzelereignisse mehr verbloggen kann. Ich probiere es daher mit einem monatlichen Rhythmus.

Mein Kulturnovember begann mit der Buchpremiere von Saša Stanišićs „Mein Unglück beginnt damit, dass der Stromkreis als Rechteck abgebildet wird“ im Thalia Theater. Eine rechtzeitige Buchung sicherte mir einen Platz in der zweiten beziehungsweise dritten Reihe – im Thalia gibt es nämlich eine „Row Zero“ -, was vorteilhaft ist, denn Stanišić sitzt nicht einfach still am Tisch und liest, wenn er liest. Erst recht nicht, wenn es sich bei den Texten um (zu verschiedenen Anlässen) gehaltene und ungehaltene Reden handelt. Schon deshalb lohnt sich eine Veranstaltung mit Saša Stanišić immer und grundsätzlich: Weil er jeden vorgetragenen Text lebt, selbst wenn es gar nicht sein eigener ist. Wem sich also demnächst eine ähnliche Gelegenheit bietet, der möge bitte hingehen; Termine gibt es bei Luchterhand. Den Interview-Anteil im Hamburg bestritt übrigens Daniel Beskos vom Mairisch-Verlag und das ist auch ein Guter.

Neulich berichtete ich von meinem ersten Besuch der Sammlung Falckenberg. Zum Tag des offenen Denkmals war der Umbau noch im vollen Gange, nun ist seit Ende September 2025 und noch bis zum Ende April 2026 die Ausstellung „Daniel Spoerri: Ich liebe Widersprüche“ zu bewundern. Da es mir bei den bildenden Künsten im geradezu dramatischen Ausmaß an Hintergrundwissen fehlt, buchte ich eine Führung. Das ist sehr zu empfehlen und hat den zusätzlichen Vorteil, dass man mit der Gruppe allein im Gebäude ist.

Daniel Spoerri: Why don't you live with me? (1963)
Daniel Spoerri: Why don’t you live with me? (1963)

Daniel Spoerri, das hatte ich zuvor nicht gewusst, kam ursprünglich vom Tanz. Bekannt ist er vor allem als Mitbegründer der Künstlergruppe Nouveau Réalisme und Erfinder der Eat-Art. Mir haben besonders die frühen sogenannten Fallenbilder („Tableaux pièges“) wie „Why don’t you live with me?“ gefallen.

Daniel Spoerri: Marstaucher (2008)
Daniel Spoerri: Marstaucher (2008)

Und die freistehenden Metall-Skulpturen. Außerdem die remixten Wandtücher-Sprüche, auch „fadenscheinige Orakel“ genannt, und das Künstlerbuch „Anekdoten zu einer Topographie des Zufalls“.

Daniel Spoerri: Brotteigobjekt – Schreibmaschine (1980)
Daniel Spoerri: Brotteigobjekt – Schreibmaschine (1980)

Die Brotteigobjekte haben mich dagegen nicht so sehr überzeugt und noch weniger die späten Fallenbilder. Weil sie keine Zufallsschnappschüsse der Realität, sondern gestellt und konstruiert sind (und man ihnen das auch ansieht, wie ich finde).

Jimmie Durham: Contemporary Gargoyle for Home or Office (2007)Jimmie Durham: Contemporary Gargoyle for Home or Office (2007)

Mein Lieblingsobjekt war dann aber gar nicht von Daniel Spoerri, sondern von Jimmie Durham. Käme dessen „Contemporary Gargoyle for Home or Office“ in meinen Besitz, würde ich ihn Erwin taufen und ihn voraussichtlich wechselweise im Home und im Office aufstellen. So süß!

Noch am gleichen Tag sah ich abends The Notwist Pocketband im Knust. Da bin ich ein bisschen reingefallen, weil ich nicht ins Kleingedruckte geguckt hatte: Die Pocketband servierte fast ausschließlich Stücke der ersten drei Notwist-Alben. Deren Klang hat mit dem Indie-Sound ab „Neon Golden“ recht wenig zu tun. Da ging’s ganz schön zur Sache im ausverkauften und deshalb auch reichlich kuschligem Knust. Normalerweise ist Hardcore-Punk überhaupt nicht mein Genre, aber das war echt gut. Ein bisschen wird auch die Freude eine Rolle gespielt haben, es endlich zu einem Notwist-Konzert irgendeiner Art geschafft zu haben, waren doch die letzten drei Anläufe aus den unterschiedlichsten Gründen gescheitert. Das nächste Mal habe ich aber besser Gehörschutz im Gepäck. Apropos, die vollständige Band spielt am 26. April 2026 in der Großen Freiheit 36. Ein sehr schönes Datum! Da der Notwist-Fluch ja jetzt gebrochen zu sein scheint, habe ich bereits frohen Mutes eine Karte erworben.

Der letzte Auftritt von Teodor Currentzis und Utopia in der Elbphilharmonie hatte mich nicht wirklich überzeugt. Die Karte für „Der Ring ohne Worte“ erwarb ich daher mit einer gewissen Skepsis und in einer niedrigeren Preiskategorie. Joachim Mischke äußerte sich im Abendblatt erneut kritisch („Hau rein, is‘ Wagner“) und sprach von Überwältigung und davon, dass „Wagners Größenwahnsinnkeit ideal zu [Currentzis‘] eigener Pultstar-Befindlichkeit“ passe. Ich hingegen mochte den „Ring“ in der Currentzis-Fassung.

Utopia, Currentzis: Nach dem Ring ohne Worte
Standing Ovations nach dem „Ring ohne Worte“

Traditionellerweise gehört zu den Utopia-Auftritten eine Überraschungszugabe. Da es jedoch, wie Intendant Christoph Lieben-Seutter zu Anfang höchstpersönlich erklärte, nach dem „Ring ohne Worte“ keine Zugabe mehr geben könne, wurde die Überraschung vorab serviert: Utopa-Mitglied Giuseppe Mengoli dirigierte Magnus Lindbergs „Arena“, ein Stück für Orchester von 1995. Ich kannte den 1958 geborenen finnischen Komponisten bisher nicht, höre mir nach dieser Kostprobe aber gerne noch weitere Werke von ihm an.

In meinem Sommerfestival-Betrag bedauerte ich, „Der Gipfel“ von Christoph Marthaler verpasst zu haben. Bei meinem Streifzug durch die Spielzeitprogramme der Staatsoper und der diversen Theater der Stadt stellte ich allerdings zu meiner Freude fest: Ich muss gar nicht bis zum nächsten oder gar übernächsten Sommerfestival warten, um ein Marthaler-Stück in Hamburg zu sehen! In der Staatsoper steht eines und im Schauspielhaus beziehungsweise MalerSaal gleich eine ganze Trilogie auf dem Plan. Weswegen ich nun von Mitte November 2025 bis Ende Januar 2026 insgesamt viermal marthalern muss.

Den Anfang machte „Im Namen der Brise“, was zugleich eine Raum-Premiere war (zwanzig Jahre in Hamburg und noch nie im MalerSaal gewesen – schlimm!). Dargestellt wurden Texte von Emily Dickinson, überwiegend in deutscher Übersetzung, teils auch im englischen Original. Die Umsetzung kann ich schlecht beschreiben, wie ich auch ansonsten schlecht begründen kann, warum ich Marthaler-Stücke mag. Vielleicht ist es das Tempo, was mich immer zuerst wahnsinnig ungeduldig werden lässt, dann aber perfekt entschleunigt? Vielleicht die Poesie des Unerwarteten, des scheinbar zusammenhanglosen, vom Text unabhängigen Agierens der Charaktere? Die stets verlässlich große Rolle, die der Musik eingeräumt wird? Ganz sicher trägt dazu bei, dass ich Magne Håvard Brekke so gerne beim Spielen zusehe. Ich freue mich jedenfalls schon auf „Die Sorglosschlafenden, die Frischaufgeblühten“ (Texte von Friedrich Hölderlin) und „Schwanensee“ (Texte von Elfriede Jelinek), beides noch im Dezember und wieder im MalerSaal, sowie auf „Die Unruhenden“ (irgendwas mit Gustav Mahler) im Januar in der Staatsoper.

Die letzte Novemberwoche begann mit dem Auftritt von Árstíðir im Knust. Es muss mein insgesamt viertes Árstíðir-Konzert gewesen sein. Atmosphärisch am schönsten war es im Rope Shack und von der Songauswahl her hat mir München am besten gefallen. Auch den Gig in der Christianskirche zu Ottensen habe ich in guter Erinnerung. Das Konzert im Knust wird jedoch als das mit dem grottigsten Sound in die Annalen eingehen. Die anwesenden Superfans quittierten diesen Umstand mit nachdrücklichem Gegrummel. Hamburg war der Start der „Vetrarsól 2025“-Tour und ich hoffe, die Jungs konnten diesen etwas holprigen Auftakt als Generalprobe abhaken. Immerhin: Wie ich aus gut unterrichteten Kreisen erfuhr, waren die Begleitumstände am darauffolgenden Tag in Bochum schon sehr viel günstiger.

Als grottig empfand ich auch die Inszenierung von Ferdinand von Schirachs „Sie sagt. Er sagt.“ in den Hamburger Kammerspielen. So grottig, dass ich zum allerersten Mal bei einem Theaterstück in der Pause gegangen bin. Das war alles so zäh und statisch und teils auch erschütternd schlecht gespielt. In seiner Kritik, die in den diversen Blättern der Mediengruppe Kreiszeitung zu lesen war, formulierte es Jens Fischer wie folgt: „Überspitzt formuliert wirkt der Abend so, als hätten die Darsteller ihre Rollen allein eingeübt und sich erst zur Generalprobe zusammengefunden.“ Das fasst auch meinen Eindruck gut zusammen. Wirklich schade, ich war zum ersten Mal in den Kammerspielen und das Gebäude hat ja durchaus Charme.

Und zack, Dezember! Munter geht es weiter…

Im Rückstand

Um den Faden nicht komplett zu verlieren, hilft jetzt nur noch Kompaktverbloggen. Es folgen zweimal Theater und zweimal Musik.

„Antigone“ mit Bodo Wartke und Melanie Haupt im Schmidts Tivoli

Darauf war ich sehr gespannt: Wie gehen ein hochdramatisch klassisches Werk und Klavierkabarett zusammen? Zwar hatte Bodo Wartke zuvor schon mit „König Ödipus“ unter Beweis gestellt, dass man Sophokles auch humorvoll präsentieren kann, ohne respektlos zu wirken. Aber „Antigone“ ist da noch einmal eine andere Liga. Abgesehen davon wird einem bei näherer Betrachtung des Stücks mehr und mehr bewusst, wie geradezu unangenehm aktuell dieser Stoff eigentlich ist. So gab es nicht wenige Momente während der öffentlichen Generalprobe (bzw. inoffiziellen Premiere), in denen im Raum gebannte Stille herrschte und einem das Lachen im Halse stecken blieb. Nachdem alle Tode gestorben sind, sitzen Bodo Wartke und Melanie Haupt auf der Bühne, reflektieren das Geschehene und schaffen das nahezu Unmögliche: die Transformation von Tragik und Moral zu einem mitreißend gesungenen Plädoyer für die Notwendigkeit des zivilen Ungehorsams. Auch das kann Unterhaltung. Hut ab!

„Junk“ im Deutschen Schauspielhaus

Ganz anders das Haus, der Ansatz, der Aufwand und naturgemäß das Publikum, aber ebenso aktuelles Thema: Ayad Akhtars Stück „Junk“ erzählt die Geschichte vom Aufstieg und Fall eines Investmentbankers, der das Finanzsystem auf den Kopf stellt, indem er aus Schulden Geld macht. Dass bei seinen Hochrisikooperationen regelrechte Blasen entstehen und real existierende Werte, Unternehmen und Arbeitsplätze zerstört werden, nimmt Robert Merkin billigend in Kauf. Die komplexen Abläufe hinter dem Geschäft mit den Ramschanleihen („Junk“) so zu erklären, dass man als Laie zumindest ansatzweise den (Aber-)Witz versteht, ist eine Schwierigkeit des Stücks. Text wie Regie meistern das gut. Der Anfang ist etwas zäh, aber dann bildet sich der Spannungsbogen, nicht zuletzt durch das laufend gesteigerte Tempo, und die letzten Minuten lassen erahnen, warum in diversen Kritiken das Wort „rasant“ verwendet wird. Obwohl nach wahren Begebenheiten erzählt, kamen mir einige Figuren überstilisiert vor. Ich fürchte allerdings, dass es sich dabei um reines Wunschdenken handelt – die Wahrscheinlichkeit, dass sich das alles genau so oder wenigstens sehr ähnlich abgespielt hat, ist vermutlich erschreckend hoch. Wie dem auch sei, „Junk“ hat mir gut gefallen. Auch schauspielerisch und vom Bühnenbild her.

Federico Albanese in der Elbphilharmonie

Es hätte ein perfekter Abend werden können, denn Federico Albaneses filigrane Mischung aus Elektronik, Klavier und Streichern und die sensible Akustik des Großen Saals der Elbphilharmonie sind quasi füreinander geschaffen.

Doch leider spielten weite Teile des Publikums nicht mit. Zu wenige ernsthaft Interessierte und zu viele zum Teil mit Bussen aus dem Umland herbei gekarrte Menschen zumeist fortgeschrittenen Alters saßen in den Rängen. Vermutlich hegten nicht wenige davon die Erwartung eines „schönen“ Konzerts mit einem italienischen Pianisten in dem sagenumwobenen Haus an der Elbe. Und so kam es, wie es kommen musste: Geraschel, Geflüster, Geklapper, aus dem Saal Gerenne; von den durch die gefühlt sechs bis acht im Raum befindlichen offenen Tuberkulosen komplett verhusteten und verröchelten Passagen fange ich gar nicht erst an, da riskiere ich am Ende noch einen Shitstorm. Ein Genuss war das jedenfalls nicht. Schade.

Nils Frahm in der Elbphilharmonie

Dass ich dem allerersten Auftritt von Nils Frahm in der Elbphilharmonie nur ein Viertel eines Blogbeitrags widme, möge mir bitte verziehen werden. Es war schon mein zweites Konzert der „All Melody“-Tour und die seinerzeit geäußerte Hoffnung, dass zwischen Januar und April ein weiteres Level erreicht werden könnte, erfüllte sich vollends. Hatte ich in Köln noch ungefähr 30% des Konzerts in den Bauch atmen müssen, so waren es jetzt 70%. Nur die aktuelle Liveversion von „Sunson“ ist mir (noch?) etwas zu hektisch, da wäre weniger eventuell mehr. Der gegenüber der Bühne leicht erhöhte Blick aus 13 I bot ein perfektes Sichtfeld, der Platz ist absolut wasserflaschensicher und entpuppte sich zudem als frei von störenden Nebengeräuschen. Wobei ich das begeisterte Mitschnarren der ortsansässigen Orgelpfeifen nicht mitzähle. Da hatte die Orgel im Kölner Pendant noch ganz andere Töne produziert. Apropos Orgel, über den „Panflötengenerator“ werde ich wohl noch eine Weile schmunzeln und ich finde es keineswegs bedauerlich, dass der Steinway keine Blutspritzer abbekommen hat (In die Hand hacken beim Messerschärfen, du meine Güte. Und das als Tastenmensch!). Das einzig Furchtbare an dem Abend: Er ist jetzt vorbei. Die Vorfreude auf die Musik einer meiner allerliebsten Künstler in einem meiner allerliebsten Konzertsäle – wie Geburtstag, Weihnachten und alle anderen Fest- und Feiertage zusammen! – wird mir fehlen.

So, und ab jetzt läuft es hier wieder im üblichen Takt! Ich werde mich zumindest bemühen…

„Unterwerfung“ im Deutschen Schauspielhaus

Anfang September stieß ich durch Zufall auf ein Bändchen, dessen Titel mir Unterstützung beim Erforschen meiner neu erwachten, noch sehr zart keimenden Theaterleidenschaft verhieß: „Wie es euch gefällt: der kleine Theaterversteher“ von Bernd C. Sucher. Untertitel („Alles was auf, vor und hinter der Bühne geschieht“), Klappentext, Einleitung und Kapitelaufteilung versprachen die kurze und knappe Vermittlung genau des Hintergrundwissens, an dem es mir mangelte. Was genau macht eigentlich ein Dramaturg? Woher kommt der Regisseurberuf und wie kommt es, dass er in Deutschland eine so besondere Rolle spielt? Wie erkenne ich, ob eine Produktion handwerklich stimmig ist, nach welchen objektiven Kriterien kann oder sollte ich eine Aufführung beurteilen? Ist das überhaupt (noch) möglich?

Als ich rund vier Wochen später endlich Muße fand, mich der Lektüre zu widmen, stellte sich nach wenigen Seiten herbe Enttäuschung ein. Was für eine Mogelpackung! Klare Definitionen und präzise Beschreibungen sind Mangelware. Stattdessen zitiert Sucher seitenweise um den heißen Brei herum, unter anderem Diderot, Lessing und Adorno, abwechselnd mit Schnipseln aus der Wikipedia. Dazwischen werden immer wieder Inszenierungsanalysen gestreut. Erstaunlich auch, wie viele Fachbegriffe bzw. generell Fremdwörter ich nachschlagen musste. Unter einem Einführungsband für Laien hatte ich mir etwas anderes vorgestellt. „Und so sehen wir betroffen / Den Vorhang zu und alle Fragen offen“, hallte es gleich mehrfach durch meinen Kopf. Für die Jüngeren unter uns: Das ist nicht original Brecht, aber beinahe.

Meinen Ärger herunterschluckend, kämpfte ich mich dennoch tapfer durch den Text. Zu den auf diese Weise härter als nötig errungenen Erkenntnissen gehört: Nicht das Regietheater im Allgemeinen ist, an dem ich mich in der Vergangenheit gestoßen habe. Es sind vielmehr die postdramatischen Auswüchse, bei denen Performance im Vordergrund steht und nicht ein Text oder die Schauspielkunst, und bei denen die Idee der Inszenierung in Reizüberflutung und Provokationslust untergeht – so denn überhaupt eine erkennbar, ja, vorhanden ist. Nichtsdestotrotz werde ich auch solche Veranstaltungen künftig mit anderen Augen betrachten können und mich fragen, ob ich bei der Beurteilung die richtigen, soll heißen: zur Gattung passenden Maßstäbe ansetze.

Nach Bernd C. Sucher habe ich in der Vorbereitung auf den gestrigen Theaterabend alles falsch gemacht, was man falsch machen kann. Ich hatte den dem Stück zugrundeliegenden Text, einen Roman von Michel Houellebecq, nicht gelesen und hätte das auch keinesfalls in der Originalsprache vermocht – meine Französischkenntnisse kann man bestenfalls als rudimentär passiv bezeichnen. Mir blieb keine Muße, mich mit der Inszenierung zu befassen, mit anderen Aufführungen, der Regisseurin, dem Bühnenbildner etc.; lediglich dem Namen Edgar Selge konnte ich ein Gesicht zuordnen. Ich beging sogar den Kardinalfehler, auf der Suche nach Orientierung noch vor dem Kartenkauf einzelne Kritiken zu überfliegen. Denen entnahm ich, dass eine überragende schauspielerische Leistung zu kargem, aber wirksamen Bühnenbild zu erwarten war.

Und wisst ihr was? Es stimmte nicht nur. Zumindest für den gestrigen Abend reichte es mir vollkommen.