Wie bereits erwähnt: Ich habe Nachholbedarf. Das schlägt dermaßen durch, dass ich aus Kapazitätsgründen vorerst keine Einzelereignisse mehr verbloggen kann. Ich probiere es daher mit einem monatlichen Rhythmus.
Mein Kulturnovember begann mit der Buchpremiere von Saša Stanišićs „Mein Unglück beginnt damit, dass der Stromkreis als Rechteck abgebildet wird“ im Thalia Theater. Eine rechtzeitige Buchung sicherte mir einen Platz in der zweiten beziehungsweise dritten Reihe – im Thalia gibt es nämlich eine „Row Zero“ -, was vorteilhaft ist, denn Stanišić sitzt nicht einfach still am Tisch und liest, wenn er liest. Erst recht nicht, wenn es sich bei den Texten um (zu verschiedenen Anlässen) gehaltene und ungehaltene Reden handelt. Schon deshalb lohnt sich eine Veranstaltung mit Saša Stanišić immer und grundsätzlich: Weil er jeden vorgetragenen Text lebt, selbst wenn es gar nicht sein eigener ist. Wem sich also demnächst eine ähnliche Gelegenheit bietet, der möge bitte hingehen; Termine gibt es bei Luchterhand. Den Interview-Anteil im Hamburg bestritt übrigens Daniel Beskos vom Mairisch-Verlag und das ist auch ein Guter.
Neulich berichtete ich von meinem ersten Besuch der Sammlung Falckenberg. Zum Tag des offenen Denkmals war der Umbau noch im vollen Gange, nun ist seit Ende September 2025 und noch bis zum Ende April 2026 die Ausstellung „Daniel Spoerri: Ich liebe Widersprüche“ zu bewundern. Da es mir bei den bildenden Künsten im geradezu dramatischen Ausmaß an Hintergrundwissen fehlt, buchte ich eine Führung. Das ist sehr zu empfehlen und hat den zusätzlichen Vorteil, dass man mit der Gruppe allein im Gebäude ist.

Daniel Spoerri, das hatte ich zuvor nicht gewusst, kam ursprünglich vom Tanz. Bekannt ist er vor allem als Mitbegründer der Künstlergruppe Nouveau Réalisme und Erfinder der Eat-Art. Mir haben besonders die frühen sogenannten Fallenbilder („Tableaux pièges“) wie „Why don’t you live with me?“ gefallen.

Und die freistehenden Metall-Skulpturen. Außerdem die remixten Wandtücher-Sprüche, auch „fadenscheinige Orakel“ genannt, und das Künstlerbuch „Anekdoten zu einer Topographie des Zufalls“.

Die Brotteigobjekte haben mich dagegen nicht so sehr überzeugt und noch weniger die späten Fallenbilder. Weil sie keine Zufallsschnappschüsse der Realität, sondern gestellt und konstruiert sind (und man ihnen das auch ansieht, wie ich finde).
Jimmie Durham: Contemporary Gargoyle for Home or Office (2007)
Mein Lieblingsobjekt war dann aber gar nicht von Daniel Spoerri, sondern von Jimmie Durham. Käme dessen „Contemporary Gargoyle for Home or Office“ in meinen Besitz, würde ich ihn Erwin taufen und ihn voraussichtlich wechselweise im Home und im Office aufstellen. So süß!
Noch am gleichen Tag sah ich abends The Notwist Pocketband im Knust. Da bin ich ein bisschen reingefallen, weil ich nicht ins Kleingedruckte geguckt hatte: Die Pocketband servierte fast ausschließlich Stücke der ersten drei Notwist-Alben. Deren Klang hat mit dem Indie-Sound ab „Neon Golden“ recht wenig zu tun. Da ging’s ganz schön zur Sache im ausverkauften und deshalb auch reichlich kuschligem Knust. Normalerweise ist Hardcore-Punk überhaupt nicht mein Genre, aber das war echt gut. Ein bisschen wird auch die Freude eine Rolle gespielt haben, es endlich zu einem Notwist-Konzert irgendeiner Art geschafft zu haben, waren doch die letzten drei Anläufe aus den unterschiedlichsten Gründen gescheitert. Das nächste Mal habe ich aber besser Gehörschutz im Gepäck. Apropos, die vollständige Band spielt am 26. April 2026 in der Großen Freiheit 36. Ein sehr schönes Datum! Da der Notwist-Fluch ja jetzt gebrochen zu sein scheint, habe ich bereits frohen Mutes eine Karte erworben.
Der letzte Auftritt von Teodor Currentzis und Utopia in der Elbphilharmonie hatte mich nicht wirklich überzeugt. Die Karte für „Der Ring ohne Worte“ erwarb ich daher mit einer gewissen Skepsis und in einer niedrigeren Preiskategorie. Joachim Mischke äußerte sich im Abendblatt erneut kritisch („Hau rein, is‘ Wagner“) und sprach von Überwältigung und davon, dass „Wagners Größenwahnsinnkeit ideal zu [Currentzis‘] eigener Pultstar-Befindlichkeit“ passe. Ich hingegen mochte den „Ring“ in der Currentzis-Fassung.

Traditionellerweise gehört zu den Utopia-Auftritten eine Überraschungszugabe. Da es jedoch, wie Intendant Christoph Lieben-Seutter zu Anfang höchstpersönlich erklärte, nach dem „Ring ohne Worte“ keine Zugabe mehr geben könne, wurde die Überraschung vorab serviert: Utopa-Mitglied Giuseppe Mengoli dirigierte Magnus Lindbergs „Arena“, ein Stück für Orchester von 1995. Ich kannte den 1958 geborenen finnischen Komponisten bisher nicht, höre mir nach dieser Kostprobe aber gerne noch weitere Werke von ihm an.
In meinem Sommerfestival-Betrag bedauerte ich, „Der Gipfel“ von Christoph Marthaler verpasst zu haben. Bei meinem Streifzug durch die Spielzeitprogramme der Staatsoper und der diversen Theater der Stadt stellte ich allerdings zu meiner Freude fest: Ich muss gar nicht bis zum nächsten oder gar übernächsten Sommerfestival warten, um ein Marthaler-Stück in Hamburg zu sehen! In der Staatsoper steht eines und im Schauspielhaus beziehungsweise MalerSaal gleich eine ganze Trilogie auf dem Plan. Weswegen ich nun von Mitte November 2025 bis Ende Januar 2026 insgesamt viermal marthalern muss.
Den Anfang machte „Im Namen der Brise“, was zugleich eine Raum-Premiere war (zwanzig Jahre in Hamburg und noch nie im MalerSaal gewesen – schlimm!). Dargestellt wurden Texte von Emily Dickinson, überwiegend in deutscher Übersetzung, teils auch im englischen Original. Die Umsetzung kann ich schlecht beschreiben, wie ich auch ansonsten schlecht begründen kann, warum ich Marthaler-Stücke mag. Vielleicht ist es das Tempo, was mich immer zuerst wahnsinnig ungeduldig werden lässt, dann aber perfekt entschleunigt? Vielleicht die Poesie des Unerwarteten, des scheinbar zusammenhanglosen, vom Text unabhängigen Agierens der Charaktere? Die stets verlässlich große Rolle, die der Musik eingeräumt wird? Ganz sicher trägt dazu bei, dass ich Magne Håvard Brekke so gerne beim Spielen zusehe. Ich freue mich jedenfalls schon auf „Die Sorglosschlafenden, die Frischaufgeblühten“ (Texte von Friedrich Hölderlin) und „Schwanensee“ (Texte von Elfriede Jelinek), beides noch im Dezember und wieder im MalerSaal, sowie auf „Die Unruhenden“ (irgendwas mit Gustav Mahler) im Januar in der Staatsoper.
Die letzte Novemberwoche begann mit dem Auftritt von Árstíðir im Knust. Es muss mein insgesamt viertes Árstíðir-Konzert gewesen sein. Atmosphärisch am schönsten war es im Rope Shack und von der Songauswahl her hat mir München am besten gefallen. Auch den Gig in der Christianskirche zu Ottensen habe ich in guter Erinnerung. Das Konzert im Knust wird jedoch als das mit dem grottigsten Sound in die Annalen eingehen. Die anwesenden Superfans quittierten diesen Umstand mit nachdrücklichem Gegrummel. Hamburg war der Start der „Vetrarsól 2025“-Tour und ich hoffe, die Jungs konnten diesen etwas holprigen Auftakt als Generalprobe abhaken. Immerhin: Wie ich aus gut unterrichteten Kreisen erfuhr, waren die Begleitumstände am darauffolgenden Tag in Bochum schon sehr viel günstiger.
Als grottig empfand ich auch die Inszenierung von Ferdinand von Schirachs „Sie sagt. Er sagt.“ in den Hamburger Kammerspielen. So grottig, dass ich zum allerersten Mal bei einem Theaterstück in der Pause gegangen bin. Das war alles so zäh und statisch und teils auch erschütternd schlecht gespielt. In seiner Kritik, die in den diversen Blättern der Mediengruppe Kreiszeitung zu lesen war, formulierte es Jens Fischer wie folgt: „Überspitzt formuliert wirkt der Abend so, als hätten die Darsteller ihre Rollen allein eingeübt und sich erst zur Generalprobe zusammengefunden.“ Das fasst auch meinen Eindruck gut zusammen. Wirklich schade, ich war zum ersten Mal in den Kammerspielen und das Gebäude hat ja durchaus Charme.
Und zack, Dezember! Munter geht es weiter…