In den August fiel gerade noch das 1. Philharmonische Konzert mit dem Philharmonischen Staatsorchester unter der Leitung von Omer Meir Wellber und Fazıl Say in der Elbphilharmonie. Das Besondere daran: Es war nicht nur die Spielzeiteröffnung der Philharmoniker, sondern auch eines der Konzerte in der Beethoven-Saison 2026/27, in denen Omer Meir Wellber aus den insgesamt 37 Sätzen der 9 vollständigen Beethoven-Sinfonien neue Kombinationen vorstellte. So bestand „ZEITENLOS⁷⁴⁵⁵“ aus den Teilen I. Poco sostenuto – Vivace aus Sinfonie Nr. 7 A-Dur op. 92, II. Adagio aus Sinfonie Nr. 4 B-Dur op. 60, III. Allegro aus Sinfonie Nr. 5 c-Moll op. 67 und IV. Allegro aus Sinfonie Nr. 5 c-Moll op. 67. Das Verrückte dabei: Die Puzzelei funktionierte.
Vor dem Beethoven gab es noch „Fatum“, ein Frühwerk von Tschaikowsky, das bei bei mir keinen bleibenden Eindruck hinterlassen hat. Ganz anders als „Silence of Anatolia“ von und mit Fazıl Say. Da gucke beziehungsweise höre ich gern bei Gelegenheit nochmal genauer hin. Bloß ist das Werk leider bisher nicht in Gänze als Aufnahme verfügbar.

Da ich mich erst sehr kurzfristig zum Besuch des Konzerts entschloss, musste ich in den sauren Apfel beißen und in eine Karte der PK1 investieren. Erfreulicherweise war aber noch eines der in manchen Saalplänen mit „XL“ gekennzeichneten Elphi-Sofas zu haben. Da passen XL-Formate rein, oder aber auch zwei normal gebaute Menschen, wenn sie sich gern haben („Verlobungssofa“). Die Frage ist da halt nur, wie man das +1 in den Saal schmuggelt. Dafür habe ich noch keine Lösung.
Zweimal war ich kurz irritiert, als ich bei der Lesung von Miriam Metze im Rahmen des von mir neu entdeckten SORBET-Lesefests in der Erste Liebe Bar aus dem Fenster sah und draußen auf der Fleetinsel Kampnagel-Sommerfestivalleiter András Siebold erkannte. Und dann noch einmal beim Walk&Talk Galerien-Rundgang im Rahmen der Hamburg Art Week, in und vor der Sfeir-Semler Gallery, zusammen mit Kampnagel-Intendantin Amelie Deuflhard. Über die Omnipräsenz Siebolds während des dreiwöchigen Sommerfestivals in gefühlt jeder einzelnen Vorstellung an den verschiedensten Aufführungsorten überall in der Stadt hatte ich eh schon gestaunt. Und nun, war ich etwa in der inoffiziellen Verlängerung des Sommerfestivals gelandet? Macht der Mann eigentlich auch mal Urlaub?
Zurück zum Walk&Talk-Rundgang, bei dem wir zunächst die Galerie Kaufmann besuchten, in der die Ausstellung „Falling Seas“ von Abie Franklin gezeigt wurde. Der in Jerusalem geborene und in Berlin lebende Franklin beschäftigt sich in „Falling Seas“ mit der Frage, welche Folgen ein fallender Meeresspiegel haben könnte. Welche Grenzen verschieben sich, welche zuvor verborgenen Strukturen treten zutage?

Mit einigen Objekten konnte man spielen und selbst neue Grenzen stecken oder alternative Kombinationen zusammensetzen.

Am Gebäude und im Innenhof lohnte sich zudem der Blick nach oben zu „ByCatch“, einer Zusammenarbeit Franklins mit Daniel Hölzl. Da zuckt man schon kurz zusammen, denn die als Wellenbrecher genutzten Tetrapoden sind normalerweise aus Beton und wiegen rund sechs Tonnen pro Stück. Das möchte man nicht auf dem Kopf haben.
In der Produzentengalerie sahen wir Arbeiten von Nicole Wermers, darunter „Collective Baby Changing Station“ (2026) und „Marathon Dance Relief (extended)“ (2025/26).

Die Marathon Dances waren in den 1920er und 1930er Jahren wohl vor allem in den USA beliebt und weit verbreitet. Mich erinnerte mich das Relief an den Tanzmarathon in Staffel 4, Folge 3 von „Babylon Berlin“, hier ein Remix des zugehörigen MEUTE-Titels von Edgar Roock.
In der Galerie Mathias Güntner traf ich mit Thorsten Brinkmann ausnahmsweise auf einen mir bereits bekannten Künstler: Die zurzeit in der Hamburger Kunsthalle beheimatete und von mir sehr gemochte Installation „Salon Livresque“ (2014/24) stammt ebenfalls von ihm. Ich verliebte mich spontan in „Belli“; für das gute Stück habe ich aber bedauerlicherweise weder den Stellplatz zur Verfügung noch die zu berappenden 6.200 Euro übrig. Schade.

Nicht andocken konnte ich dagegen bei „Elyssa, ela, hela, Elyssa, I myth you more“ von Mounira Al Solh in der bereits erwähnten Sfeir-Semler Gallery.
Neben den genannten Häusern befinden sich in den Gebäudekomplexen in der Admiraltätstraße noch weitere Galerien, so zum Beispiel die von Holger Priess. In dessen aktueller Ausstellung „outside inside“ entdeckte ich unter anderem Werke von Stephan Balkenhol.

Ganz kurz konnte ich auch einen Blick in den Projektraum Admiralitätstraße 75 erhaschen, einem temporären Ausstellungsort des Kunsthaus Hamburg: Dort war „Keiner rannte“ von Andrey Klassen aufgebaut.

Als tendenziell Walk-unfreundlich entpuppte sich am fraglichen Tage das Wetter. Entschädigt wurde das wind- und regengebeutelte Hamburg immerhin mit einem Regenbogen der Extraklasse.

Die Hamburger Theaternacht verbrachte ich ausschließlich in der Staatsoper, und zwar zunächst mit 2x einer Stunde öffentlicher Bühnenorchester-Probe für „Macbeth“ unter der musikalischen Leitung von Tomáš Hanus. Tobias Kratzer als Intendant und Inszenierender übernahm die An- und Abmoderation, hielt sich aber ansonsten mit Einwürfen zurück. Von der Inszenierung habe ich in den Ausschnitten wenig wahrnehmen können und so richtig gelockt hat mich auch der Rest nicht. Bei der Auswahl von exklusiv im Rahmen der Theaternacht angebotenen extrem vergünstigten Tickets (je 20 Euro für einen Platz der PK1 oder 2!) entschied ich mich auch deshalb für eine Ballettvorstellung und ein Elphi-Konzert. Vom stellvertretenden Chefdramaturgen der Staatsoper bekam ich außerdem wertvolle Programm- und Sitzplatztipps sowie eine Literatur-Empfehlung („Eine Geschichte der Oper“ von Carolyn Abbate und Roger Parker), schaute mir zu späterer Stunde noch die Stifterlounge an und war insgesamt hochzufrieden mit dem Verlauf des Abends.
Was ich allerdings nicht verstanden habe: Warum fand zeitgleich zu Art Week und Theaternacht auch noch die Lange Nacht der Literatur statt? Die musste ich auslassen; klonen kann ich mich noch nicht.
Kurz erwähnt seien zum Abschluss die kulturellen Einsprengsel des Amrum-Aufenthalts.

Das MKdW erwischte ich dummerweise in einer Umbauphase, der Fährverbindungen und anderer Umstände wegen. Aber ein halbes MKdW ist besser als kein MKdW.

Auch das Friesenmuseum in Wyk ist sehenswert. Die Ausstellungspräsentation stopfte im Nebeneffekt einige museumspädagogische Lücken, die das kleine Heimatmuseum in der Amrumer Mühle hinterlassen hatte.


Sehr positiv überrascht hat mich schließlich die Huth-Ausstellung im Öömrang Hüs. Willy Robert Huth und seine zweite Frau Ruth („Ruth und Huth“) waren mir zuvor kein Begriff gewesen. Der Expressionist und Kunstprofessor urlaubte über lange Jahre hinweg jeden Sommer in Nebel und zog in diesem Zeitraum zahlreiche Künstlerkolleginnen und -kollegen auf die Insel. Die Schau im Öömrang Hüs, die noch bis zum 21. Februar 2027 läuft, ist schon deshalb einzigartig, weil sämtliche dort ausgestellte Originalwerke Huths normalweise in Amrumer Privathäusern hängen.
Der Rest des Septembers wird mit Familienbesuchen, einer Kunstprojekt-Teilnahme und Kleinteiligem vergehen. Im Oktober steht dann das nächste Event an: Dörte Hansens Lesung in der Laeiszhalle im Rahmen des diesjährigen HarbourFront Literaturfestivals!