März

Mit dem März kam der Pollenflug. Ich bin immer wieder fasziniert von dem Energieknick, der damit einhergeht. Trotz erfolgreicher medikamentöser Bekämpfung der äußerlich wahrnehmbaren Symptome. Immerhin, es sind bei mir „nur“ die Frühblüher. Spätestens wenn die Birke durch ist, beginnt der Sommer und die Kurve geht wieder nach oben. Und im Frühjahr findet Kultur ja auch noch vermehrt drinnen statt.

„Siegfried Lenz zum 100.“ im Rolf-Liebermann-Studio

So zum Beispiel der Festivalauftakt zu „Hamburg liest Lenz“, veranstaltet von NDR Kultur in Kooperation mit der Siegfried Lenz Stiftung im Rolf-Liebermann-Studio. Dass das Studio einst eine Synagoge beziehungsweise ein jüdischer Tempel war, erfuhr ich erst letzten Herbst bei einer der öffentlichen Architektur- und Kunstführungen über das NDR-Gelände am Rotherbaum. In den Saal konnten wir damals nicht, weil dort geprobt wurde. Auch weil man uns mitteilte, dass das Studio möglicherweise nicht mehr lange zum Gebäudeensemble des NDR gehören würde, achtete ich in der Folge verstärkt auf Veranstaltungsankündigungen, um dann bei „Siegfried Lenz zum 100.“ zuzuschlagen.

Aber Raumneugier war nicht meine einzige Motivation. Das Literaturfestival „Hamburg liest“, in dem jedes Jahr ein anderes Thema in den Mittelpunkt gestellt wird, hatte ich bisher nämlich ebenfalls nur am Rande wahrgenommen. Dieses Jahr liest (beziehungsweise las, das Festival ging bis zum 31. März) Hamburg Siegfried Lenz, der im vergangenen Monat 100 Jahre alt geworden wäre. Neben der offiziellen (und wie immer hörenswerten) Eröffnungsrede durch Kultursenator Carsten Brosda wurden das TV-Doku-Drama „100 Jahre Siegfried Lenz – Was würdest du tun?“, eine anlässlich des Jubiläums neu erschienene Graphic Novel mit Episoden aus dem Leben des Schriftstellers und die „Lenz Challenge“, ein vom NDR initiiertes Projekt für Schulklassen, vorgestellt.

In dem Doku-Drama begibt sich mit Inspektor Tondi eine von Jonas Nay gespielte Siegfried-Lenz-Figur auf die Suche nach der Relevanz Lenz’scher Themen und Motive in der heutigen Zeit. Ich fange mit solchen Formaten gar nichts an – ich mag meine Dokus möglichst ohne Drama. Für mich zugänglicher waren da die exemplarisch von drei der insgesamt 16 beteiligten Künstlerinnen und Künstlern vorgestellten Auszüge aus der Graphic Novel und auch die Schulklasse aus Osterholz-Scharmbeck hat mich beeindruckt, die mit ihrem Reel über das Lenz-Hörspiel „Zeit der Schuldlosen“ den Landeswettbewerb Niedersachsen der „Lenz Challenge“ gewonnen hatte. Hinzu kamen von Catrin Striebeck, Bjarne Mädel und Stephan Kampwirth vorgetragenen und teils von Jonas Landerschier am Klavier begleiteten Texte des Jubilars, darunter „Der Seehund aus der Wasserleitung“ und „Jütländische Kaffeetafeln“.

Leider ist mir nicht gelungen, eine der übrigen „Hamburg liest Lenz“-Veranstaltungen zu besuchen. Auch an den bei ARD Sounds neu eingestellten Hörspielen habe ich mich vergeblich versucht. Was allerdings daran liegt, dass ich trotz vielfacher Bemühungen einfach keinen Zugang zu Hörspielen finde. Egal vom wem oder worüber. Ansonsten beschlich mich während der von Christoph Bungartz souverän moderierten, unterhaltsamen und rundherum gelungenen Veranstaltung trotz aller Bemühungen der Beteiligten der Eindruck, als wolle man den Nachkriegserzähler Lenz wenn auch nicht mit Gewalt, so aber doch auf Teufel komm raus und mit pädagogisch anmutendem Nachdruck in die Gegenwart zerren. Ich bin nicht sicher, ob das gelingen konnte. Mich würde auch deshalb der Altersschnitt der Besucherinnen und Besucher der „Hamburg liest Lenz“-Veranstaltungen interessieren. Bei der Matinee am 1. März war dieser jedenfalls recht hoch.

„FAST FORWARD“ in der Hamburgischen Staatsoper

Nachdem ich neulich so begeistert von John Neumeiers „Tod in Venedig“ war, lockte es mich erneut zu einer Ballettaufführung in die Hamburgische Staatsoper. Gegeben wurden vier Stücke aus unterschiedlichen Phasen der Tanzgeschichte des 20. und 21. Jahrhunderts: „Serenade“ von George Balanchine (1935), „Totentanz“ von Marcos Morau (2023), „Annoncation“ von Angelin Preljocaj (1995) und dem Auftragswerk „The Moon in the Ocean“ von Xie Xin (2026). Meine beiden Favoriten waren „Totentanz“ und „The Moon in the Ocean“ und meine Faszination mit dem Tanz als künstlerischer Ausdrucksform insgesamt ist an diesem Abend ein weiteres Stück gewachsen. Ich saß auf einem sehr guten Platz, was in der Staatsoper – ich erwähnte es bereits – einen signifikanten Unterschied macht. Der leider auch im Geldbeutel signifikant spürbar war, denn beim Ticketdeal-Angebot für diese Veranstaltung hatte ich dummerweise nicht rechtzeitig zugeschlagen. Diesen Fehler werde ich nach Möglichkeit nicht wiederholen.

Brad Mehldau und die Hamburger Camerata unter der Leitung von Clark Rundell im Großen Saal der Elbphilharmonie

Als ich das Ticket für das Konzert am 12. März 2026 kaufte, war es mir nicht bewusst gewesen. Als ich dann aber im Großen Saal der Elbphilharmonie Platz nahm, um die beiden Mehldau-Kompositionen „Variations on a Melancholy Theme“ und „Concerto für Klavier und Orchester“ sowie die beiden Zugaben – Improvisationen zu „Variations on a Melancholy Theme“ und „Cry Me a River“ – zu hören, fiel es mir wieder ein: Ich hatte schon einmal an einem 12. März im Großen Saal bei Brad Mehldau gesessen, vor sechs Jahren nämlich; sicher nicht nur mir besonders im Gedächtnis geblieben als das letzte Konzert vor der Coronaschließung.

Dieses Mal trat Mehldau nicht als Teil seines Trios, sondern gewissermaßen als mitausführender Komponist zweier Stücke für Klavier und Orchester auf. Beide haben mir sehr gefallen. Die beiden (Solo-)Zugaben fungierten einerseits als Sahnehäubchen, andererseits hätte sich allein dafür der Eintritt gelohnt.

Ein wenig bedauerte ich, nicht noch weitere Termine des Mini-Festivals „Reflektor Brad Mehldau“ wahrgenommen zu haben. Aber wahrscheinlich wäre mir das zu viel geworden.

Kai Schumacher und Benedict Kloeckner mit „Fratres“ im Kleinen Saal der Elbphilharmonie

Im Kleinen Saal der Elbphilharmonie sah und hörte ich wenige Tage später ein um die Komposition „Fratres“ von Arvo Pärt konzipiertes Programm, in dem sich Schumacher und Kloeckner gemäß Beschreibungstext „auf die Suche nach Arvo Pärts Brüdern (und Schwestern) im Geiste“ begaben.

Neben dem Pärt-Stück wurden unter anderem „Metamorphosis Nr. 2“ von Philip Glass, „The Pleasure at Being the Cause“ von Christopher Cerrones, die Auftragskomposition „Reminiscenza“ von Sophia Jani sowie das Stück „Sayyid Chant And Dance Nr. 9“ von Georges Gurdjieff aufgeführt. Obwohl zum Teil wild unterschiedlich anmutend, waren die Bezüge zu Pärt geschickt gewählt und – zumindest für mich – aus jedem der präsentierten Blickwinkel überzeugend und nachvollziehbar.

Im Stück „Rausch“ von und mit Kai Schumacher hörte ich indes weniger Pärt, dafür aber viel Nils Frahm. Davon wollte Schumacher auf meine Nachfrage hin zwar nichts wissen. Dass beide sich auf ähnliche Wurzeln und Vorbilder berufen, ist allerdings nicht zu leugnen. Abgesehen davon haben mir Idee, Zusammenstellung und Ausführung des Projekts so gut gefallen, dass ich mir die CD kaufte und signieren lies. Das kommt so oft nicht vor.

Symphonieorchester und Chor des Bayerischen Rundfunks unter der Leitung von Sir Simon Rattle im Großen Saal der Elbphilharmonie

Für den Auftritt des BRSO unter Sir Simon Rattle im Großen Saal der Elbphilharmonie hatte ich erheblich tiefer in die Kasse greifen müssen als ich es sonst für Orchesterkonzerte gewöhnlich tue. Natürlich hätte ich auch eine andere als meine Stammpreisklasse wählen können. Aber irgendwas in mir widerstrebte dem und glücklicherweise hatte ich noch einen Gutschein zu verbraten – warum also den nicht in eines der besten Orchester der Welt unter einem meiner Lieblingsdirigenten investieren! Man muss den für die Preisgestaltung verantwortlichen Personen auch zugestehen, dass es für das Hauptwerk des Abends, der Sinfonie Nr. 2 c-Moll („Auferstehung“) von Gustav Mahler, einfach verdammt viel Personal braucht. Neben richtig viel Orchester bedurfte es auch eines Chors, in diesem Fall dem des Bayerischen Rundfunks, sowie eines Soprans (Louise Alder) und eines Alt- beziehungsweise Mezzosoprans (Beth Taylor).

Vorangestellt wurde der Sinfonie „Remember Not Lord Our Offences Z 50“ von Henry Purcell, ein als Vokalstück arrangiertes Kirchenlied, das Rattle nahtlos in das „Nachtlied für gemischten Chor und Orchester op. 108“ von Robert Schumann übergehen lies. Man musste die Zusammenstellung nicht intellektuell verstehen wollen oder den im Programmheft abgedruckten Versuch einer solchen Herleitung nachvollziehen können. Sie funktionierte einfach. Wohl auch deshalb, weil im Programm insgesamt keine Pause vorgesehen war. Schade, dass Teile des Publikums diese Dramaturgie durch Beifallsbekundungen nach dem ersten Sinfoniesatz störten. Zerstören konnte aber auch diese Unterbrechung den Gesamteindruck nicht. Auch der teure Platz zahlte sich aus: Nicht nur ist das BRSO tatsächlich mindestens eine Klasse besser als die örtlichen Ensembles, von meinem Platz seitlich der Bühne in 13 F konnte man auch Mimik und Körpersprache des Dirigenten ganz wunderbar beobachten. Ich lege mich fest: Niemand dirigiert so schön mit den Augenbrauen wie Sir Simon! Auch der Chor und die beiden Solistinnen beeindruckten (mich vor allem Beth Taylor). Ein phantastischer Abend und im Nebeneffekt eine perfekte Ergänzung zu meiner Teilbegegnung mit der Auferstehungssinfonie in Christoph Marthalers „Die Unruhenden“ im vergangenen Januar.

Wer nachhören und -empfinden will: Eine Aufzeichnung des Konzerts ist bis zum 21. September 2027 in der Elbphilharmonie-Mediathek verfügbar. Darin auch enthalten: Die Verabschiedung des Trompeters Hannes Läubin, der fünfzig Jahre zuvor beim NDR Sinfonieorchester seine Karriere als professioneller Orchestermusiker begonnen hatte und an diesem Abend in den Reihen des BRSO sein letztes Konzert als ebensolcher bestritt.

Ein schönes Erlebnis jenseits der Kameras möchte ich ebenfalls nicht unerwähnt lassen: Da an diesem Tag ein U-Bahn-Streik sehr ungünstig mit Bauarbeiten auf „meiner“ S-Bahn-Strecke kollidierte und sich herausstellte, dass auch mein 85jähriger Sitznachbar davon betroffen war, taten wir uns kurz entschlossen zusammen und teilten uns für den Heimweg ein Taxi. Wir lernten dabei sogar einen klassikaffinen Taxifahrer kennen. Das war richtig nett.

Jochen Malmsheimer: „Wenn Worte reden könnten oder: 14 Tage im Leben einer Stunde“ in Alma Hoppes Lustspielhaus

Nicht ganz so begeistert war ich von Jochen Malmsheimers Auftritt in Alma Hoppes Lustspielhaus ein paar Tage später. Nicht nur Texte wie „Omma“ wirken doch mittlerweile etwas (haha) angegraut.

Nummern wie „Bahnhof basteln“, „Der mit dem Hund tanzt“, „Wenn Worte reden könnten“ und die Beschreibung einer Fete in den 80ern (Stichwort Partykeller, zu wenig Bier, Lambrusco und Nudelsalat) haben ebenfalls schon einige Jahre auf dem Buckel. Malmsheimer griff tief ins Archiv und schien auch nicht auf der Suche nach jüngerem Publikum zu sein. Ich hingegen hatte auch auf neue Texte gehofft und wurde daher enttäuscht. Schade.