Internationales Sommerfestival 2025 auf Kampnagel

Immer diese guten Vorsätze… Der Sommerfestival-Bericht hätte eigentlich noch vor der Roald-Postkarte erscheinen sollen. Aber vor der Reise nach Lettland schaffte ich gerade Mal das erste Drittel und in der Woche nach dem Törn nur wenig mehr als das zweite Drittel. So groß war mein Verlangen nach einer ausgedehnten Schreibtisch- bzw. Computerpause lange nicht. Und das letzte Drittel dauert sowieso immer am Längsten.

Aber nun!

Auch wenn ich in der letzten Festivalwoche bereits auf See war, sind es letztlich noch sechs Sommerfestival-Veranstaltungen geworden: fünf auf Kampnagel und eine im Volksdorfer Museumsdorf.

Marlene Monteiro Freitas: Nôt (Eröffnung)

Das sattsam eingeübte Eröffnungsprozedere wurde in diesem Jahr empfindlich gestört: Pünktlich zum Beginn des Sommerfestivals hatte ver.di die tarifbeschäftigten Kampnagel-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeiter zu einem dreistündigen Kurzstreik aufgerufen.

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Die Eröffnungsveranstaltung fand zwar statt, der Beginn musste jedoch um eine Stunde nach hinten verschoben werden. Das gab Kampnagel-Intendantin Amelie Deufelhard und Festivalleiter András Siebold ausnahmsweise reichlich Zeit, sich über das Programm auszubreiten (die dies aber kaum nutzten). Den Sekt musste ich aus Migränegründen stehenlassen und eine Brosda-Rede gab es urlaubsbedingt auch nicht, dafür aber Beiträge von Staatsräten Jana Schiedek (Hamburger Behörde für Kultur und Medien) und Professor Tricia Rose (Brown University).

Essen - Trinken
Essen – Trinken

Ersteren bekam ich allerdings gar nicht mit, weil ich viel Zeit in den beiden Essensschlangen (1. Bestellen/Bezahlen und 2. Abholen) verbrachte. Um am Ende aufgrund mangelnder Kommunikation zwischen den beiden Stationen unnötigerweise nicht das zu bekommen, was ich eigentlich haben wollte und mir prompt den Ketchup zu den Verlegenheits-Fritten aufs Shirt zu kleckern. Eine der beiden Schlangen (und das Ausweichen auf die immerhin okayen Skinny Fries) hätte ich mir sparen können: Es gab nicht wenige Menschen, die das per Aushang kommunizierte Prozedere völlig straflos ignorierten und in der Abholschlange bestellten, bezahlten und bekamen. Aber gut, es war ja genügend Zeit da. Und nächstes Jahr weiß ich es besser und bringe zur Eröffnung eine Stulle mit.

Ach ja, das Stück: Mein rot bekleckertes Shirt passte ganz gut zur Show und der Titel der Nachtkritik, “Keuchen, Kotzen, Kacken”, brachte die Inszenierung sonstiger Körperflüssigkeiten sehr gut auf den Punkt. Immerhin wurde das Kotzen und Kacken lediglich pantomimisch ausgeführt, zusammen mit der Geräuschkulisse reichte es aber zu einem veritablen Würgereflex. Wohl nicht nur bei mir: Menschen verließen zahlreich das laufende Stück, wenn auch mehrheitlich nicht auf den teureren Rängen. Das alptraumhafte “Nacht”-Szenario – in dem ich, anders als Programmheft und Text des Abendzettels behaupteten, keine Spur von einer Auseinandersetzung mit “1.001 Nacht” erkennen konnte, was mich aber überhaupt erst dazu bewogen hatte, eine Karte zu erstehen – hätte man sicher auch ohne diese zu allem Übel in aller Ausführlichkeit und unter Einbeziehung von Teilen des Publikums ausgeführten, hm, Spezialeffekte transportieren können. Aber wenn es denn unbedingt sein muss: Liebe Leute auf Kampnagel, ihr hattet mir zwei Tage vor dem Event “Hinweise zu sensorischen Reizen” per E-Mail zukommen lassen, in denen vor “Stroboskoplicht und lauter Musik” gewarnt wurde. Auch die Programmbeschreibung auf der Webseite enthielt diese Triggerwarnung. Macht es doch bitte vollständig und schreibt “Darstellung von körperlicher Gewalt, Darstellung von Blut, Erbrechen, Defäkation” dazu. Bei bei anderen Stücken (beispielsweise “A Year Without Summer” von Florentina Holzinger) habt ihr es gemacht, warum um Himmels Willen nicht bei “Nôt”?!

Miet Warlop: Inhale Delirium Exhale

Auch bei Miet Warlop gab Verzögerungen im Betriebsablauf, allerdings aus technischen Gründen: Ein Performer war ausgefallen, sodass Warlop selbst einspringen, das Stück umgestellt und neu geprobt werden musste. Das gab mir Zeit zur Nahrungsaufnahme. Die Verpflegungs-Logistik war ab Festivaltag 2 unkompliziert und ich aß ein leckeres Gemüse-Curry.

Warum die erwähnten Anpassungen nicht ganz unproblematisch waren, erschloss sich bereits wenige Minuten nach Beginn der Aufführung. Große Ballen mit sehr viel Stoff ergossen sich da aus der Höhe, Stoffbahnen wurden mit maschineller Unterstützung auch wieder aufgewickelt, die Tänzerinnen und Tänzer rannten und sprangen um die Röhren, auf denen die Stoffe aufgewickelt waren; all dies wirkte zeitweise nicht sonderlich souverän oder auch nur kontrolliert. Ich konnte mich nicht uneingeschränkt auf die erzeugten Bilder konzentrieren, so sehr hat mich gestresst, dass sich praktisch jeden Moment jemand hätte verletzten können – noch ein Alptraum also, aber einer für den Arbeitsschutz. Diese Ablenkung gepaart mit dem Wissen darum, dass ich das Stück nicht so sah, wie es geplant war und dass einige Effekte auch sichtbar nicht funktionierten wie gedacht, schmälerten den Genuss. Auf der anderen Seite behielt András Siebold recht mit seiner Ansage: Ich war Zeugin einer einmaligen Performance.

Apropos Ansage: Denjenigen im Publikum, die noch ein Ticket für die Aufführung von “Nôt” im Anschluss hatten, teilte Siebold sinngemäß und unter Augenzwinkern mit: “Sie verpassen ungefähr die ersten zwanzig Minuten, in denen wird aber nur gekotzt und gekackt”.

Da hätte ich beinahe etwas gesagt.

Nesterval: Das alte Dorf

Wie bereits erwähnt war es mir im ersten Anlauf nicht gelungen, Karten für “Das alte Dorf” zu ergattern: In Hamburg herrschen mittlerweile wienerische Verhältnisse, wenn ein Nesterval-Stück in den Vorverkauf geht. Allerdings war das diesjährige Gastspiel auch dadurch geprägt, dass es nur ganze fünf Vorstellungen gab.

Museumsdorf Volksdorf
Museumsdorf Volksdorf

Das mag am dem mit der Location verbundenen Aufwand gelegen haben, wurde doch das gesamte Volksdorfer Museumsdorf bespielt. Mir verhalf im Nachgang zum Vorverkauf ein zarter Hinweis auf das Blog letztendlich noch zum Erwerb eines Tickets. Wie begehrt diese waren, war selbst am Einlass noch zu spüren, vor dem hitzige Wortgefechte um die Rangfolge auf der Warteliste ausgetragen wurden.

In “Das alte Dorf” wird die Geschichte der Bauerstochter Anna-Lisa erzählt, die eigentlich den auswärtigen (“dosigen”) Knecht Johannes aus Fulda heiraten sollte. Anstatt der Hochzeit wohnt das Publikum, das zunächst in Familien als Gäste entweder des Bräutigams oder der Braut eingeteilt wird, jedoch der Beerdigung Anna-Lisas bei. Beziehungsweise dem Trauerzug inklusive eines von Pferden gezogenen historischen Bestattungswagens. Um zu erfahren, wie es zum Tod Anna-Lisas kam, reisen die Gäste zusammen mit den Charakteren der Handlung zurück in die Zeit. Wie bei fast allen von mir bisher besuchten Nesterval-Stücken hing das individuelle Theatererlebnis sehr davon ab, welchen Figuren man folgte. Da habe ich vom Schauspielerischen her inzwischen meine Lieblinge. Was für sich genommen aber keine Garantie ist: Der “Das alte Dorf” kam mir vergleichsweise lahm vor und die Erzählweise in Rückschritten funktionierte nach meinem Empfinden nicht sonderlich gut. Irgendwie unpassend (im Sinne von “too much”) erschien mir auch das “Lohengrin”-Vorspiel als musikalische Untermalung ganz zu Anfang. Als Gesamtkunstwerk und Event hätte ich “Das alte Dorf” aber auf keinen Fall verpassen wollen. Und wie toll ist denn bitte das Museumsdorf selbst, da muss ich unbedingt nochmal hin – vielleicht schon zum Erntefest am kommenden Wochenende.

Übrigens kommt in einer Szene des Stücks ein Text vor, der unmittelbar im Anschluss als Zitat aus dem ersten Teil der “Sissi”-Trilogie identifiziert wurde. Für diese prompte Auflösung möchte ich mich ausdrücklich bedanken, hätte ich doch sonst bis zum Ende der Aufführung darüber rätseln müssen. Dabei war ich bereits ausreichend abgelenkt von dem Viechzeuch im Dorf, zum Beispiel diesem einen federfüßigen Zwergpuschelhuhn, welches sich auch von höchster Dramatik nicht im Mindesten beeindruckt zeigte und den Tönen, die sich nach längerer Überlegung und kurzer Vergewisserung als die Verlautbarungen eines Truthahns erwiesen. Dass es sich auch beim Abschlusssong “Chapel of Love” sehr wahrscheinlich um ein Zitat beziehungsweise um eine Referenz handelte – der Abspann von “Four Weddings and a Funeral”! -, ist mir dagegen erst Tage später aufgegangen.

akua naru, Tyshawn Sorey, Anta Helena Recke, Ensemble Resonanz: Longing to tell

Kommen wir zum ersten Festival-Highlight. Im Programm wurde “Longing to tell” einerseits als “Blues Opera”, andererseits als Konzertinszenierung bezeichnet – die Genrefrage sowie der Anteil des Szenischen wird ausführlich in der Nachtkritik behandelt. Nach meinem Empfinden trifft es “Blues Oratorio” am besten.

Basierend auf dem gleichnamigen Buch von Professor Tricia Rose wird die Lebensgeschichte von Linda Rae dargestellt, einer hellhäutigen Schwarzen, deren Leben lange Zeit von Sex, Gewalt und Drogenmissbrauch geprägt ist. Auf jeder Stufe des siebzehnteiligen Librettos wird vermittelt, wie sehr systemisch bedingte Benachteiligung, struktureller Rassismus und Kriminalisierung diesen Teufelskreis befeuern. Die Abwärtsspirale wird erst durchbrochen, als Linda Rae am absoluten Tiefpunkt ankommt und sich deren Ursachen bewusst wird. Ich konnte den Text überraschend gut verstehen, war allerdings doch froh über die ausgeteilte zweisprachige Synopsis, die in kurzen Sätzen die Handlung der jeweiligen Teile zusammenfasste.

Musikalisch bewegt sich “Longing to tell” zwischen Hip-Hop, Blues, Gospel, Jazz und Soul. Als Erzählerin und in der Rolle der Linda Rae stand akua naru zwar als Person im Vordergrund, die “synergetische Zusammenarbeit zwischen den Texten und der Stimme von akua naru und der musikalischen Komposition von Tyshawn Sorey” (Abendzettel) war aber durchgehend spürbar und der Anteil insbesondere der dialogischen Parts der Sängerinnen und Sänger – Monique B. Thomas, Raymond Thompson und Journi Sings – am harmonisch-dynamischen Gesamteindruck ebenfalls nicht zu unterschätzen. Das Ensemble Resonanz steuerte Klangfarbe und Atmosphäre bei. Sicherlich hätte das Stück auch ohne Streicher funktioniert, aber so war es eben noch runder, ausdrucksvoller und facettenreicher. Ebenso wie die Geschichte von Linda Rae endet “Longing to tell” auch musikalisch auf einer energetischen, hoffnungsvollen Note, die das Publikum von den Sitzen riss.

Das Künstlergespräch mit akua naru, Tricia Rose und Anta Helena Recke (moderiert von András Siebold) im Anschluss brachte weitere Erkenntnisse über Motivation und Entstehungsprozess des Stücks.

Ich habe geweint, gelacht, mitgelitten, mitgesungen und viel gelernt; alles in einer Spanne von rund drei Stunden. Besser kann man es beinahe nicht machen.

Davi PontesWallace Ferreira: REPERTÓRIO N. 3

Das Künstlergespräch zu REPERTÓRIO N. 3 zerfaserte leider etwas in Übersetzungsproblemen. Was besonders schade war, denn ich hätte etwas mehr Kontext gebraucht, um das Stück zu begreifen. Immerhin wurde mir klar, wie viel Improvisation ich da kurz zuvor gesehen hatte.

Künstlergespräch (u.a.) mit Davi Pontes und Wallace Ferreira
Künstlergespräch (u.a.) mit Davi Pontes und Wallace Ferreira

Unter anderem deshalb hätte ich den Auftritt von Davi Pontes und Wallace Ferreia, die unterbrochen von statischen Phasen immer wieder minutenlang bis auf weiße Sneakers und weiße Socken splitterfasernackt mal mehr, mal weniger synchron ohne jegliche musikalische Begleitung durch den Raum stapften und Zuschauerinnen und Zuschauer ungefähr zu gleichen Teilen amüsierten, peinlich berührten und irritierten, nicht mit “Tanz”, sondern mit “Performance” übertitelt.

Davon abgesehen traue ich künftig Aussagen wie “keine Angst, Sie werden nicht einbezogen” grundsätzlich nicht mehr, zumindest nicht auf Kampnagel. Für mich ein Ärgernis, das ungefähr gleichauf rangiert mit Triggerwarnungen, bei denen die Hälfte fehlt (siehe oben).

Oona Doherty: Specky Clark – a Series of Theatrical Images

Auch bei “Specky Clark” gab es relativ wenig Tanz. Dafür aber viel Theater, was man vorher wissen konnte – the clue lies in “a Series of Theatrical Images” – und es war schlichtweg großartig. Das zweite Festival-Highlight!

Oona Doherty verarbeitet in “Specky Clark” die Geschichte ihres Ururgroßvaters, der im Alter von zehn Jahren nach dem Tod seiner Mutter zu Verwandten nach Belfast geschickt wird und vor Ort in einer Schlachterei arbeiten muss. Dort kommt es an Samhain zu unheimlichen Begegnungen, unter anderem mit einem Schwein, das Specky kurz zuvor hatte töten müssen.

Sehr froh war ich über die “mitspielenden” Übertitel, sonst hätte ich wohl bei weiten Teilen des vom irischen Schauspieler Stephen Rea vorgetragenen Textes passen müssen. Das Tempo erschien am Anfang etwas zu langsam, was sich aber in der Gesamtrückschau auf das Stück relativierte.

Einen Extra-Stern verteile ich für die Musik von Lankum!

HauptplatzHauptplatz

Verkabelt (innen)
Verkabelt (innen)

Die Gestaltung des Festival Avant-Garten von JASCHA&FRANZ hat mir gut gefallen. Neben der an Straßen- und Ortsschilder erinnernden Beschilderung stach als wesentliches Desginelement die Nachbildung von Stromtrassen heraus. Dieses wurde auch im Foyer aufgenommen.

Foyer
Foyer
Avant-Garten
Avant-Garten
Boy Division Fernsehgarten
Boy Division Fernsehgarten

Vom Boy Division Fernsehgarten bekam ich leider nur die letzten Töne mit. Dafür schaffte ich es zum ersten Mal, einen Kopfhörer für eine der JAJAJA-“Radio Atopia”-Parties  zu ergattern. Leider war ich an dem fraglichen Abend schon ein bisschen zu müde, um das auch vollends genießen zu können und meinen Musikgeschmack traf die Auswahl auch nicht so ganz. Trotzdem, endlich mal mitgemacht!

Gerne hätte ich auch den Auftritt von Eda Tanses im Rahmen der Gesprächs- und Konzertreihe “Love & Labour” auf der Waldbühne genossen. Allerdings gab es Probleme bei der Einhaltung des Zeitplans. Wenn zehn Minuten nach der angekündigten Startzeit erst der Soundcheck beginnt, passt das im Zweifel so gar nicht zur eigenen, auf andere Veranstaltungen abgestimmten Zeitplanung. Wer ohnehin nur als Freigänger auf dem Gelände unterwegs war, wird sich daran aber nicht gestört haben. Allein, es war nicht die einzige Abweichung.

The show must go online
The show must go online

Auch beim Draußenprogramm schien sich in diesem Jahr ein wenig Sand ins Getriebe geschlichen zu haben.

Die persönliche Festival-Premiere No. 2: Beim Codo-Buchstand habe ich in diesem Jahr nicht nur gestöbert, sondern tatsächlich auch ein Buch gekauft; “Arbeiten” von Heike Geißler nämlich. Der Text ist Teil einer Reihe des Verlags Hanser Berlin, in der diverse Lebensthemen essayistisch behandelt werden. “Altern” von Elke Heidenreich muss ich vielleicht nicht zwingend lesen, aber sehr wahrscheinlich “Spielen” von Karen Köhler und “Wohnen” von Doris Dörrie und möglicherweise auch “Essen” von Alina Bronsky.

Oona Doherty: Death of a Hunter (2018)
Oona Doherty: Death of a Hunter (2018)

Bleibt noch die Präsentation von Werken von Oona Doherty in der Vorhalle. Ich mache es kurz: Mit “Death of a Hunter” konnte ich wenig bis nichts anfangen.

Oona Doherty (Filmprojektion)
Oona Doherty (Filmprojektion)

Von den Kurzfilmen fand ich “Carpet” super. Der Rest sprach nicht zu mir.

Aus bereits genannten Gründen habe ich leider einiges verpasst, darunter bedauerlicherweise auch “Der Gipfel” von Christoph Marthaler.

Vielleicht kann ich das mit dem Sommerfestival und dem Urlaub im nächsten Jahr doch noch etwas optimieren. Ich kann es mir jedenfalls vornehmen.