Internationales Sommerfestival 2026 auf Kampnagel

Kein übliches Sommerfestival war das auf Kampnagel in diesem Jahr, sondern der letzte Akt vor dem großen Umbau: Geplant ist eine Sanierung und Vergrößerung bei gleichzeitiger Wahrung des Gelände-Charakters. Als Konsequenz werden mindestens die nächsten zwei Sommerfestivals sehr anders ausfallen müssen. Für sich genommen war das schon ein sehr guter Grund, um sich 2026 noch einmal richtig ausgetobt zu haben. Für mich kam noch ein ganz persönliches, schlagendes Argument hinzu: Weil ich’s (wieder) kann.

Nach den Außergewöhnlichkeiten des letzten Jahres lieferte die Eröffnungsveranstaltung in diesem Jahr wieder zuverlässig mit Brosda-Rede, Sekt und bekannten Gesichtern. Ich war frühzeitig auf dem Gelände und inspizierte vorab den Avant-Garten (dazu später mehr).

hope!
hope!
Wege
Wege

Ayelen Parolin: Irresistible Revolution (Eröffnung)

Offenbar hatte die 2025er Eröffnung auch programmatische Spuren hinterlassen – Festivalleiter András Siebold höchstselbst erwähnte die Bitte des Marketings, für diese Festival-Ausgabe doch bitte ein Stück mit etwas mehr Aufbruchsstimmung auszuwählen. Die vielfach als Wimmelbild bezeichnete, vom argentinischen Karneval inspirierte Produktion „Irresistible Revolution“ lieferte die dazu passenden energetischen Vibes, wobei die Grenzen zwischen Fröhlichkeit, Komik und Groteske fließend verliefen. Eine ziemlich perfekte Mischung.

Den Tänzer mit dem ausgeprägten komödiantischen Talent im schwarzen Netzoberteil und roten Röckchen habe ich sehr sicher schon in einer anderen Produktion gesehen. Mir fällt nur nicht ein, wann und wo das war. Bei einer früheren Sommerfestival-Auflage vermutlich.

Nan Goldin: The Ballad of Sexual Dependency (1992)

So richtig verstehe ich nicht, was an der Fotografie Nan Goldins künstlerisch wertvoll sein soll. Ich erkenne aber vorbehaltlos den dokumentarischen Wert von Werken wie „The Ballad of Sexual Dependency“ an. Die tagebuchartige Zusammenstellung aus 694 Kleinbilddias nebst Soundtrack portraitiert Personen aus Goldins persönlichen Umfeld mit ihren Bindungen und Abhängigkeiten: Sex, Gewalt und Drogen, Parties und Alltag, Hochzeiten, Kinder, queere Lebenswelten und nicht zuletzt die AIDS-Krise. Akustisch wie optisch beeindruckend war dabei unverhofft auch das zeitgleiche Zurückfahren der neun Kodak-Projektoren nach Ende der Dia-Show.

Ich kann ja kein „Carousel“ mehr sehen, ohne an Don Draper zu denken („Mad Men“, Staffel 1, Folge 13 „The Wheel“).

Cuqui Jerez: Sugar Island + Publikumsgespräch

Vielleicht hätte ich mehr vom Ballett verstehen müssen, um „Sugar Island“ verstehen zu können. So interpretierte ich zumindest die Wortbeiträge von Choreographin und Tänzerin beim Publikumsgespräch im Anschluss an die Vorstellung. Bei dieser Gelegenheit erfuhr ich auch, dass ein Großteil der Lichteffekte und des Sounds improvisiert waren. Das hätte ich gern vorher gewusst; vielleicht hätte ich das Gesehene dann besser wertschätzen können.

Publikumsgespräch zu "Sugar Island"
Publikumsgespräch zu „Sugar Island“

So habe ich mich leider die meiste Zeit gelangweilt. Und gelacht hat auch kaum jemand, nur ein-, zweimal, ganz zum Schluss, obwohl der Beschreibungstext im Festivalprogramm die humoristische Dimension des Stücks eigens hervorhob.

Das hat mich nicht überzeugt.

Bonnie „Prince“ Billy (St. Gertrud)

Ganz anders der Auftritt von Will Oldham aka Bonnie „Prince“ Billy in der St. Gertrud-Kirche. Ich mag Singer/Songwriter, aber oft stört mich, dass Texte düster, subversiv oder sozialkritisch sind, die Töne dazu aber harmlos klingen. Nicht so bei Bonnie „Prince“ Billy: In jedem einzelnem Song war mindestens ein musikalischer Twist eingebaut, der wie ein Drahtseilakt wirkte. Kippt das jetzt ins (kontrollierte) Chaos oder kommt das Stück zurück in die Spur? Man konnte sich nie sicher sein. Jedenfalls hat Bonnie „Prince“ Billy in meiner Genre-Wahrnehmung ein neues Level freigeschaltet. Ich war (und bin noch immer) angemessen beeindruckt. Der Veranstaltungsort trug einiges zum Gelingen bei: Die Kirchenakustik erlaubte auch die unverstärkten Sequenzen, die Sänger und Band ins Programm einbauten.

Nesterval: Das Schiff (MS Stubnitz)

Dieses Mal hatte ich direkt beim ersten Vorverkaufstermin für Sommerfestivalclub-Mitglieder eine Karte ergattern können. Ein extrem glücklicher Umstand, war diese erste Tranche doch angeblich nach gerade einmal zwei Minuten ausverkauft!

Die MS Stubnitz am Liegeplatz
Die MS Stubnitz am Liegeplatz

In „Das Schiff“ treffen die Gäste und einzelne Mitglieder der Besatzung der zuvor untergegangenen „MS Nesterval“ auf die Crew der „MS Stubnitz“, die die Schiffbrüchigen aufgenommen und das eigene Schiff kurzerhand zum Kreuzfahrer umfunktioniert hatte. Nach Hawaii soll die Reise nun gehen. Auf dem Weg dahin beziehungsweise noch bis zum Auslaufen der „MS Stubnitz“ begegnen sich Menschen und Schicksale, nicht unähnlich einer der handelsüblichen ZDF-„Traumschiff“-Folgen, bei der alle wild gesponnenen Handlungsfäden am Ende mehr oder weniger glücklich verbunden im Captain’s Dinner münden (bei Nesterval allerdings ohne die dort obligatorischen Eisbomben zum „Dinner Marsch“ von James Last). Aufgeteilt in zwei Wachen und mehrere Untergruppen wurde das Publikum, jeweils begleitet von einem der Charaktere, an Deck und unter Deck in den zu verrichtenden Dienst und damit in die erzählten Geschichten eingeführt. Den Wachwechsel markierte einen gemeinsamer Sirtaki-Tanz an Deck*. (Sexualisierte) Gewalt, Rassismus, Queer- und Transfeindlichkeit und anderes Unglück kamen auch in „Das Schiff“ vor, wurden aber anders als in anderen Nesterval-Stücken nicht ausgesprochen und -gespielt, sondern lediglich in Slow-Motion-Sequenzen angedeutet.

Unbedingt mitnehmen sollte man das bei Nesterval übliche Zusammentreffen von Publikum und Darstellenden nach der Vorstellung. Zuerst, weil man sich mit anderen austauschen und dabei die unvermeidlichen Handlungs-Lücken füllen kann (niemand kann alles sehen in einer Vorstellung, nicht einmal in mehreren, es sind einfach zu viele Szenen). Ich traf Menschen wieder, die ich im letzten Jahr bei „Das Dorf“ kennengelernt hatte und lernte österreichische Nesterval-Fans kennen, die mir eine Übernachtungsgelegenheit anboten, sollte ich es jemals schaffen, für eine Wiener Vorstellung Karten zu erstehen. Und auch von einigen aus der Nesterval-Crew werde ich mittlerweile als Wiederholungstäterin erkannt. Schöner Nebeneffekt, macht Spaß!

*) Anmerkung der Traditionsschiffseglerin: Interessantes Konzept, wird sich aber in der Seefahrt vermutlich nicht durchsetzen. Vor allem bei nächtlichem Wachwechsel auch eher unpraktisch.

Pankaj Tiwari: The Harvest of Broken Promises + Publikumsgespräch

„The Harvest of Broken Promises“ litt in meinen Augen ein bisschen darunter, dass im Ankündigungstext schon vieles über Botschaft des Stücks verraten wurde: Es geht um die Zerstörung traditioneller Anbaumethoden durch multinationale Konzerne unter besonderer Berücksichtigung der Saatgutgewinnung und der Landwirtschaft in Balrampur, dem Heimatort Pankaj Tiwaris in Nordindien. Beeindruckt war ich dennoch, vor allem, weil die persönliche Verbindung Tiwaris zur Thematik nicht nur konzeptionell im Vordergrund stand, sondern auch in der Ausführung sehr spürbar wurde. Im anschließenden Publikumsgespräch äußerte Tiwari unter anderem die Absicht, sich thematisch nicht festlegen zu wollen in seinem Schaffen, nur weil bestimmte Inhalte zu bestimmten Zeiten im gesellschaftlichen Fokus stehen oder er gar mit spezifischen Themenbereichen identifiziert wird. Auch das hat mir imponiert. Nach diesem ersten Eindruck schaue ich mir gerne noch andere Arbeiten Tiwaris an.

The Cinematic Orchestra (Elbphilharmonie)

Vermutlich hatte das Ensemble aus Großbritannien in der Elbphilharmonie schon deshalb Publikums-Verluste zu verzeichnen, weil sich manche unter „Orchestra“ ein ebensolches vorgestellt hatten. Ich habe aber auch von Menschen gehört, die den Sound furchtbar und die ganze Angelegenheit für entschieden zu laut hielten.

Mir dagegen hat der Auftritt der drei Herren, die bei einigen Songs von der britischen Soul-Sängerin Tawiah unterstützt wurden, gut gefallen.

Vimala Pons: Honda Romance

„Honda Romance“ hat mich ziemlich mitgenommen. Die Darstellung einer Depression (in Form einer Person, die von einem Satelliten buchstäblich niedergedrückt wird) gefolgt von verschiedensten emotionalen Ausnahmezuständen in rapider Abfolge und nicht zuletzt der Lärm der auf der Bühne verteilten Druckluftkanonen, die Vimala Pons‘ Charakter Nathalie Atlast immer wieder aus der Bahn beziehungsweise zu Boden warfen – und bedauerlicherweise auch ihr Mikroport außer Gefecht setzten – brachten mich zeitweise an den Rand meiner Fassung.

Im dritten, etwas weniger herausfordernden Teil des Abends präsentierten sich neben Atlast neun weitere Charaktere in Form einer ausgedehnten Modenschau. Immer wieder neue Konstellationen taten sich auf, diverse Requisiten verhalfen zu Miniszenen, lustigen und bestürzenden Momenten. Sehr effektvoll, aber nicht auf die effekthascherische Art. Dazu auch musikalisch interessant, denn die Darstellerinnen und Darsteller stellten nicht nur dar, sie sangen auch. Was merkwürdig hätte wirken können, sich aber perfekt in die erzeugten Bilder einfügte. Ein weiteres Festival-Highlight.

Xavier Le Roy: Monsters of Circumstances (Kunsthalle)

Ich glaube, in etwa verstanden zu haben, was Xavier Le Roy mit „Monsters of Circumstandes“ sagen wollte. Ich befürchte nur, er hat es nicht besonders geschickt angestellt und werde mich daher nicht an einer Nacherzählung versuchen. Immerhin weiß ich jetzt, was eine „Lecture Performance“ ist. Ich dachte allerdings, dass ich eine „Performance“ sehen werde – so war die Veranstaltung beworben worden – und hätte aus bereits genanntem Grund auf den „Lecture“-Teil auch gerne verzichtet.

Melanie Jame Wolf: Finite Jest

Auch „Finite Jest“ zähle ich zu den Festival-Highlights. Unter anderem in der Rolle des (Hof-)Narren – Shakespeares Yorick ließ grüßen – beleuchtete die in Berlin lebende australische Choreografin, Performerin und Künstlerin Melanie Jame Wolf ausgehend von ihrer eigenen Brustkrebserkrankung die Themen Krankheit, Sterben und Tod als den ultimativen Witz**. Lacher der Sorte also, die einem im Halse stecken bleiben können. Extrem befreiend kann das aber auch sein, selbst wenn man nicht gerade persönlich mit einer potenziell tödlichen Krankheit zu tun hat und zuvorderst damit beschäftigt ist, möglichst nicht zu sterben („trying not to die“). Grundlage des Soloprogramms war der Text „The Mean Well“, den Wolf 2024 im Delfi-Magazin des Ullstein-Verlags veröffentlicht hatte. Und so behandelte auch das Soloprogramm die wohlmeinenden, mitgefühligen bis schmalztriefenden Ratschläge, die die Diagnose Krebs (und vergleichbare Maladitäten) unweigerlich auszulösen scheint („I was only trying to help“). Was Melanie Jame Wolf davon hält: weniger als nichts. Das ist mir überaus sympathisch.

**) „Endlicher Spaß“ in Analogie zur deutschen Titelübersetzung des Romans „Infinite Jest“ erscheint mir hier weniger treffend

Christoph Marthaler: Erste letzte Sekunde – eine Gala (mit den Hamburger Symphonikern unter der Leitung von Sylvain Cambreling)

Die Marthaler’sche Abschluss-Gala entpuppte sich als Aneinanderreihung unterschiedlichster Galas und Preisverleihungen zu so verschiedenen Themen und Anlässen wie guter Schlaf und ungestörte REM-Phasen, das deutsche Schiedsrichterwesen und die Polka des Jahres (Preisträger selbstredend: Sylvain Cambreling und die Hamburger Symphoniker).

Erste letzte Sekunde
Erste letzte Sekunde

Das konnte man wahlweise langweilig-lahm (Peter Helling bei NDR Kultur) oder auch grausam-genial finden (Falk Schreiber in der Nachtkritik). Ich habe mich einfach nur köstlich amüsiert. So viel Action bei einem Marthaler-Stück – ungewohnt, aber gar nicht mal so unangenehm! Und sowieso herrlich gespielt, allen voran von Rosemary Hardy und Ueli Jäggi. Das Bühnenbild und alles Musikalische funktionierte ebenfalls hervorragend. Sehr gelungen, rundherum!

Käseschlacht
Käseschlacht in der k2

Was ich lange nicht kapiert hatte: Die zum Abschluss des Festivals aufgebaute Käseschlacht ist nicht bloß für geladene Gäste gedacht, sondern für jede und jeden, der oder die sich zum rechten Zeitpunkt im Kampnagel-Foyer (beziehungsweise in der k2, siehe Bild) einfindet. In diesem Jahr habe ich erstmals davon profitieren und zum Abschluss des Spektakels nebenbei noch ein paar nette Gespräche führen können.

Verpasste Chancen

Verpasst habe ich leider Saâdane Afif/Augustin Maurs mit „King Coal Laments/Musiques pour Tuyauterie“ in der Kunsthalle, und zwar aufgrund einer kurzfristigen Unpässlichkeit. Zum „Palimpsest“-Releasekonzert von Levitation (Tobias Preisig & Stefan Rusconi) in St. Gertrud kam ich nicht mehr rechtzeitig, weil die Deutsche Bahn Deutsche Bahn-Sachen machte und mein Zug mit 45 Minuten Verspätung und damit genau zu Konzertbeginn im Hamburger Hauptbahnhof einfuhr. Blöd gelaufen.

Und was sonst?

Die Gestaltung des Festival Avant-Garten durch das Künstlerkollektiv Baltic Raw Org hat mich nicht sonderlich bewegt. Zwei Beispiele: „Shift The Probabilites“ ging buchstäblich unter und „The Ark/Arapolis“ ist mir lediglich als Redner-Pult aufgefallen.

"Shift the Probabilities" (Auszug)
„Shift the Probabilities“ (Auszug)
"The Ark/Arapolis"
„The Ark/Arapolis“ (Seitenansicht)

Einige der Vortragenden der Eröffnungsveranstaltung, darunter auch der Kultursenator, kamen sich auf der Installation wie auf einer Kasperltheater-Bühne vor (und merkten dies auch an). Ob das wohl im Sinne der Gestaltenden war?

Waldbühne
Waldbühne
Sonnenblume am Peacetanbul
Sonnenblume am Peacetanbul
Trüffelmayonaise
Trüffelmayo

Die Waldbühne blieb weitgehend unangetastet von Umgestaltungsbemühungen – ich sah dort unter anderem einen Teil des Auftritts der anatolischen Sängerin und Spoken-Word-Künstlerin Rûveyda -, die Verpflegung funktionierte gut bis sehr gut und die Buchauswahl am Stand von cohen+dobernigg (ohne Bild) war inspirierend wie immer.

Einmal schaffte ich es auch zu JAJAJAs Kopfhörer-Disko („Radio Atopia: The Return of the Firefly-Rave“). Diesmal war ich zeitig genug an Ort und Stelle, um das Getümmel bei der Ausgabe der Kopfhörer mitzuerleben. Bei aller Liebe unter den Menschen in der Kampnagel-Community: Das war ein veritables Hauen und Stechen! Ich hielt nach erfolgreicher Jagd ungefähr zwei Stunden durch und hatte nicht nur großen Spaß, sondern auch eine unvermutete Begegnung der skurrilen Art, auf die ich hier aus Gründen nicht weiter eingehen möchte.

Boy Division Fernsehgarten

Und dann war da noch der Boy Division Fernsehgarten! Eine Stunde war dafür im Programm vorgesehen, am Ende waren des zweieinhalb.

Boy Division Fernsehgarten
Boy Division Fernsehgarten

Den Boy Division-Humor muss man mögen; das Niveau der Witzchen ist gelegentlich eher, naja. Flach. Was nicht bedeutet, dass man nicht auch sehr, sehr viel Spaß haben kann.

Hobby Horse Polo
Hobby Horse Polo

Die diesjährige fünfte Ausgabe drehte sich um das Thema Royals und Royales. Da durfte Polo als königlicher Sport natürlich nicht fehlen. Nur halt eben in der Boy Division-Version: als Hobby Horse Polo. Wobei es das ja auch tatsächlich gibt. Sogar in Deutschland!

Das große Finale
Das große Finale

Aufgrund des Kampnagel-Umbaus wird der Boy Division Fernsehgarten künftig wahrscheinlich nicht mehr stattfinden können. Die Gang verabschiedete sich daher ausführlich und mit gleich mehreren Final-Nummern von ihrem Publikum. Ich hoffe insgeheim, dass sich 2027 vielleicht doch noch ein alternatives Plätzchen findet für das Spektakel.

Ansonsten wird sich zeigen, ob und wie der Auszug des Sommerfestivals in die Stadt ab dem nächsten Jahr funktioniert.

Ich bin auf alle Fälle wieder dabei.

Internationales Sommerfestival 2025 auf Kampnagel

Immer diese guten Vorsätze… Der Sommerfestival-Bericht hätte eigentlich noch vor der Roald-Postkarte erscheinen sollen. Aber vor der Reise nach Lettland schaffte ich gerade Mal das erste Drittel und in der Woche nach dem Törn nur wenig mehr als das zweite Drittel. So groß war mein Verlangen nach einer ausgedehnten Schreibtisch- bzw. Computerpause lange nicht. Und das letzte Drittel dauert sowieso immer am Längsten.

Aber nun!

Auch wenn ich in der letzten Festivalwoche bereits auf See war, sind es letztlich noch sechs Sommerfestival-Veranstaltungen geworden: fünf auf Kampnagel und eine im Volksdorfer Museumsdorf.

Marlene Monteiro Freitas: Nôt (Eröffnung)

Das sattsam eingeübte Eröffnungsprozedere wurde in diesem Jahr empfindlich gestört: Pünktlich zum Beginn des Sommerfestivals hatte ver.di die tarifbeschäftigten Kampnagel-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeiter zu einem dreistündigen Kurzstreik aufgerufen.

Lohngerechtigkeit für [K] JETZT!
Lohngerechtigkeit für [k] JETZT!
Die Eröffnungsveranstaltung fand zwar statt, der Beginn musste jedoch um eine Stunde nach hinten verschoben werden. Das gab Kampnagel-Intendantin Amelie Deufelhard und Festivalleiter András Siebold ausnahmsweise reichlich Zeit, sich über das Programm auszubreiten (die dies aber kaum nutzten). Den Sekt musste ich aus Migränegründen stehenlassen und eine Brosda-Rede gab es urlaubsbedingt auch nicht, dafür aber Beiträge von Staatsräten Jana Schiedek (Hamburger Behörde für Kultur und Medien) und Professor Tricia Rose (Brown University).

Essen - Trinken
Essen – Trinken

Ersteren bekam ich allerdings gar nicht mit, weil ich viel Zeit in den beiden Essensschlangen (1. Bestellen/Bezahlen und 2. Abholen) verbrachte. Um am Ende aufgrund mangelnder Kommunikation zwischen den beiden Stationen unnötigerweise nicht das zu bekommen, was ich eigentlich haben wollte und mir prompt den Ketchup zu den Verlegenheits-Fritten aufs Shirt zu kleckern. Eine der beiden Schlangen (und das Ausweichen auf die immerhin okayen Skinny Fries) hätte ich mir sparen können: Es gab nicht wenige Menschen, die das per Aushang kommunizierte Prozedere völlig straflos ignorierten und in der Abholschlange bestellten, bezahlten und bekamen. Aber gut, es war ja genügend Zeit da. Und nächstes Jahr weiß ich es besser und bringe zur Eröffnung eine Stulle mit.

Ach ja, das Stück: Mein rot bekleckertes Shirt passte ganz gut zur Show und der Titel der Nachtkritik, „Keuchen, Kotzen, Kacken“, brachte die Inszenierung sonstiger Körperflüssigkeiten sehr gut auf den Punkt. Immerhin wurde das Kotzen und Kacken lediglich pantomimisch ausgeführt, zusammen mit der Geräuschkulisse reichte es aber zu einem veritablen Würgereflex. Wohl nicht nur bei mir: Menschen verließen zahlreich das laufende Stück, wenn auch mehrheitlich nicht auf den teureren Rängen. Das alptraumhafte „Nacht“-Szenario – in dem ich, anders als Programmheft und Text des Abendzettels behaupteten, keine Spur von einer Auseinandersetzung mit „1.001 Nacht“ erkennen konnte, was mich aber überhaupt erst dazu bewogen hatte, eine Karte zu erstehen – hätte man sicher auch ohne diese zu allem Übel in aller Ausführlichkeit und unter Einbeziehung von Teilen des Publikums ausgeführten, hm, Spezialeffekte transportieren können. Aber wenn es denn unbedingt sein muss: Liebe Leute auf Kampnagel, ihr hattet mir zwei Tage vor dem Event „Hinweise zu sensorischen Reizen“ per E-Mail zukommen lassen, in denen vor „Stroboskoplicht und lauter Musik“ gewarnt wurde. Auch die Programmbeschreibung auf der Webseite enthielt diese Triggerwarnung. Macht es doch bitte vollständig und schreibt „Darstellung von körperlicher Gewalt, Darstellung von Blut, Erbrechen, Defäkation“ dazu. Bei bei anderen Stücken (beispielsweise „A Year Without Summer“ von Florentina Holzinger) habt ihr es gemacht, warum um Himmels Willen nicht bei „Nôt“?!

Miet Warlop: Inhale Delirium Exhale

Auch bei Miet Warlop gab Verzögerungen im Betriebsablauf, allerdings aus technischen Gründen: Ein Performer war ausgefallen, sodass Warlop selbst einspringen, das Stück umgestellt und neu geprobt werden musste. Das gab mir Zeit zur Nahrungsaufnahme. Die Verpflegungs-Logistik war ab Festivaltag 2 unkompliziert und ich aß ein leckeres Gemüse-Curry.

Warum die erwähnten Anpassungen nicht ganz unproblematisch waren, erschloss sich bereits wenige Minuten nach Beginn der Aufführung. Große Ballen mit sehr viel Stoff ergossen sich da aus der Höhe, Stoffbahnen wurden mit maschineller Unterstützung auch wieder aufgewickelt, die Tänzerinnen und Tänzer rannten und sprangen um die Röhren, auf denen die Stoffe aufgewickelt waren; all dies wirkte zeitweise nicht sonderlich souverän oder auch nur kontrolliert. Ich konnte mich nicht uneingeschränkt auf die erzeugten Bilder konzentrieren, so sehr hat mich gestresst, dass sich praktisch jeden Moment jemand hätte verletzten können – noch ein Alptraum also, aber einer für den Arbeitsschutz. Diese Ablenkung gepaart mit dem Wissen darum, dass ich das Stück nicht so sah, wie es geplant war und dass einige Effekte auch sichtbar nicht funktionierten wie gedacht, schmälerten den Genuss. Auf der anderen Seite behielt András Siebold recht mit seiner Ansage: Ich war Zeugin einer einmaligen Performance.

Apropos Ansage: Denjenigen im Publikum, die noch ein Ticket für die Aufführung von „Nôt“ im Anschluss hatten, teilte Siebold sinngemäß und unter Augenzwinkern mit: „Sie verpassen ungefähr die ersten zwanzig Minuten, in denen wird aber nur gekotzt und gekackt“.

Da hätte ich beinahe etwas gesagt.

Nesterval: Das alte Dorf

Wie bereits erwähnt war es mir im ersten Anlauf nicht gelungen, Karten für „Das alte Dorf“ zu ergattern: In Hamburg herrschen mittlerweile wienerische Verhältnisse, wenn ein Nesterval-Stück in den Vorverkauf geht. Allerdings war das diesjährige Gastspiel auch dadurch geprägt, dass es nur ganze fünf Vorstellungen gab.

Museumsdorf Volksdorf
Museumsdorf Volksdorf

Das mag am dem mit der Location verbundenen Aufwand gelegen haben, wurde doch das gesamte Volksdorfer Museumsdorf bespielt. Mir verhalf im Nachgang zum Vorverkauf ein zarter Hinweis auf das Blog letztendlich noch zum Erwerb eines Tickets. Wie begehrt diese waren, war selbst am Einlass noch zu spüren, vor dem hitzige Wortgefechte um die Rangfolge auf der Warteliste ausgetragen wurden.

In „Das alte Dorf“ wird die Geschichte der Bauerstochter Anna-Lisa erzählt, die eigentlich den auswärtigen („dosigen“) Knecht Johannes aus Fulda heiraten sollte. Anstatt der Hochzeit wohnt das Publikum, das zunächst in Familien als Gäste entweder des Bräutigams oder der Braut eingeteilt wird, jedoch der Beerdigung Anna-Lisas bei. Beziehungsweise dem Trauerzug inklusive eines von Pferden gezogenen historischen Bestattungswagens. Um zu erfahren, wie es zum Tod Anna-Lisas kam, reisen die Gäste zusammen mit den Charakteren der Handlung zurück in die Zeit. Wie bei fast allen von mir bisher besuchten Nesterval-Stücken hing das individuelle Theatererlebnis sehr davon ab, welchen Figuren man folgte. Da habe ich vom Schauspielerischen her inzwischen meine Lieblinge. Was für sich genommen aber keine Garantie ist: Der „Das alte Dorf“ kam mir vergleichsweise lahm vor und die Erzählweise in Rückschritten funktionierte nach meinem Empfinden nicht sonderlich gut. Irgendwie unpassend (im Sinne von „too much“) erschien mir auch das „Lohengrin“-Vorspiel als musikalische Untermalung ganz zu Anfang. Als Gesamtkunstwerk und Event hätte ich „Das alte Dorf“ aber auf keinen Fall verpassen wollen. Und wie toll ist denn bitte das Museumsdorf selbst, da muss ich unbedingt nochmal hin – vielleicht schon zum Erntefest am kommenden Wochenende.

Übrigens kommt in einer Szene des Stücks ein Text vor, der unmittelbar im Anschluss als Zitat aus dem ersten Teil der „Sissi“-Trilogie identifiziert wurde. Für diese prompte Auflösung möchte ich mich ausdrücklich bedanken, hätte ich doch sonst bis zum Ende der Aufführung darüber rätseln müssen. Dabei war ich bereits ausreichend abgelenkt von dem Viechzeuch im Dorf, zum Beispiel diesem einen federfüßigen Zwergpuschelhuhn, welches sich auch von höchster Dramatik nicht im Mindesten beeindruckt zeigte und den Tönen, die sich nach längerer Überlegung und kurzer Vergewisserung als die Verlautbarungen eines Truthahns erwiesen. Dass es sich auch beim Abschlusssong „Chapel of Love“ sehr wahrscheinlich um ein Zitat beziehungsweise um eine Referenz handelte – der Abspann von „Four Weddings and a Funeral“! -, ist mir dagegen erst Tage später aufgegangen.

akua naru, Tyshawn Sorey, Anta Helena Recke, Ensemble Resonanz: Longing to tell

Kommen wir zum ersten Festival-Highlight. Im Programm wurde „Longing to tell“ einerseits als „Blues Opera“, andererseits als Konzertinszenierung bezeichnet – die Genrefrage sowie der Anteil des Szenischen wird ausführlich in der Nachtkritik behandelt. Nach meinem Empfinden trifft es „Blues Oratorio“ am besten.

Basierend auf dem gleichnamigen Buch von Professor Tricia Rose wird die Lebensgeschichte von Linda Rae dargestellt, einer hellhäutigen Schwarzen, deren Leben lange Zeit von Sex, Gewalt und Drogenmissbrauch geprägt ist. Auf jeder Stufe des siebzehnteiligen Librettos wird vermittelt, wie sehr systemisch bedingte Benachteiligung, struktureller Rassismus und Kriminalisierung diesen Teufelskreis befeuern. Die Abwärtsspirale wird erst durchbrochen, als Linda Rae am absoluten Tiefpunkt ankommt und sich deren Ursachen bewusst wird. Ich konnte den Text überraschend gut verstehen, war allerdings doch froh über die ausgeteilte zweisprachige Synopsis, die in kurzen Sätzen die Handlung der jeweiligen Teile zusammenfasste.

Musikalisch bewegt sich „Longing to tell“ zwischen Hip-Hop, Blues, Gospel, Jazz und Soul. Als Erzählerin und in der Rolle der Linda Rae stand akua naru zwar als Person im Vordergrund, die „synergetische Zusammenarbeit zwischen den Texten und der Stimme von akua naru und der musikalischen Komposition von Tyshawn Sorey“ (Abendzettel) war aber durchgehend spürbar und der Anteil insbesondere der dialogischen Parts der Sängerinnen und Sänger – Monique B. Thomas, Raymond Thompson und Journi Sings – am harmonisch-dynamischen Gesamteindruck ebenfalls nicht zu unterschätzen. Das Ensemble Resonanz steuerte Klangfarbe und Atmosphäre bei. Sicherlich hätte das Stück auch ohne Streicher funktioniert, aber so war es eben noch runder, ausdrucksvoller und facettenreicher. Ebenso wie die Geschichte von Linda Rae endet „Longing to tell“ auch musikalisch auf einer energetischen, hoffnungsvollen Note, die das Publikum von den Sitzen riss.

Das Künstlergespräch mit akua naru, Tricia Rose und Anta Helena Recke (moderiert von András Siebold) im Anschluss brachte weitere Erkenntnisse über Motivation und Entstehungsprozess des Stücks.

Ich habe geweint, gelacht, mitgelitten, mitgesungen und viel gelernt; alles in einer Spanne von rund drei Stunden. Besser kann man es beinahe nicht machen.

Davi Pontes, Wallace Ferreira: REPERTÓRIO N. 3

Das Künstlergespräch zu REPERTÓRIO N. 3 zerfaserte leider etwas in Übersetzungsproblemen. Was besonders schade war, denn ich hätte etwas mehr Kontext gebraucht, um das Stück zu begreifen. Immerhin wurde mir klar, wie viel Improvisation ich da kurz zuvor gesehen hatte.

Künstlergespräch (u.a.) mit Davi Pontes und Wallace Ferreira
Künstlergespräch (u.a.) mit Davi Pontes und Wallace Ferreira

Unter anderem deshalb hätte ich den Auftritt von Davi Pontes und Wallace Ferreia, die unterbrochen von statischen Phasen immer wieder minutenlang bis auf weiße Sneakers und weiße Socken splitterfasernackt mal mehr, mal weniger synchron ohne jegliche musikalische Begleitung durch den Raum stapften und Zuschauerinnen und Zuschauer ungefähr zu gleichen Teilen amüsierten, peinlich berührten und irritierten, nicht mit „Tanz“, sondern mit „Performance“ übertitelt.

Davon abgesehen traue ich künftig Aussagen wie „keine Angst, Sie werden nicht einbezogen“ grundsätzlich nicht mehr, zumindest nicht auf Kampnagel. Für mich ein Ärgernis, das ungefähr gleichauf rangiert mit Triggerwarnungen, bei denen die Hälfte fehlt (siehe oben).

Oona Doherty: Specky Clark – a Series of Theatrical Images

Auch bei „Specky Clark“ gab es relativ wenig Tanz. Dafür aber viel Theater, was man vorher wissen konnte – the clue lies in „a Series of Theatrical Images“ – und es war schlichtweg großartig. Das zweite Festival-Highlight!

Oona Doherty verarbeitet in „Specky Clark“ die Geschichte ihres Ururgroßvaters, der im Alter von zehn Jahren nach dem Tod seiner Mutter zu Verwandten nach Belfast geschickt wird und vor Ort in einer Schlachterei arbeiten muss. Dort kommt es an Samhain zu unheimlichen Begegnungen, unter anderem mit einem Schwein, das Specky kurz zuvor hatte töten müssen.

Sehr froh war ich über die „mitspielenden“ Übertitel, sonst hätte ich wohl bei weiten Teilen des vom irischen Schauspieler Stephen Rea vorgetragenen Textes passen müssen. Das Tempo erschien am Anfang etwas zu langsam, was sich aber in der Gesamtrückschau auf das Stück relativierte.

Einen Extra-Stern verteile ich für die Musik von Lankum!

HauptplatzHauptplatz

Verkabelt (innen)
Verkabelt (innen)

Die Gestaltung des Festival Avant-Garten von JASCHA&FRANZ hat mir gut gefallen. Neben der an Straßen- und Ortsschilder erinnernden Beschilderung stach als wesentliches Desginelement die Nachbildung von Stromtrassen heraus. Dieses wurde auch im Foyer aufgenommen.

Foyer
Foyer
Avant-Garten
Avant-Garten
Boy Division Fernsehgarten
Boy Division Fernsehgarten

Vom Boy Division Fernsehgarten bekam ich leider nur die letzten Töne mit. Dafür schaffte ich es zum ersten Mal, einen Kopfhörer für eine der JAJAJA-„Radio Atopia“-Parties  zu ergattern. Leider war ich an dem fraglichen Abend schon ein bisschen zu müde, um das auch vollends genießen zu können und meinen Musikgeschmack traf die Auswahl auch nicht so ganz. Trotzdem, endlich mal mitgemacht!

Gerne hätte ich auch den Auftritt von Eda Tanses im Rahmen der Gesprächs- und Konzertreihe „Love & Labour“ auf der Waldbühne genossen. Allerdings gab es Probleme bei der Einhaltung des Zeitplans. Wenn zehn Minuten nach der angekündigten Startzeit erst der Soundcheck beginnt, passt das im Zweifel so gar nicht zur eigenen, auf andere Veranstaltungen abgestimmten Zeitplanung. Wer ohnehin nur als Freigänger auf dem Gelände unterwegs war, wird sich daran aber nicht gestört haben. Allein, es war nicht die einzige Abweichung.

The show must go online
The show must go online

Auch beim Draußenprogramm schien sich in diesem Jahr ein wenig Sand ins Getriebe geschlichen zu haben.

Die persönliche Festival-Premiere No. 2: Beim Codo-Buchstand habe ich in diesem Jahr nicht nur gestöbert, sondern tatsächlich auch ein Buch gekauft; „Arbeiten“ von Heike Geißler nämlich. Der Text ist Teil einer Reihe des Verlags Hanser Berlin, in der diverse Lebensthemen essayistisch behandelt werden. „Altern“ von Elke Heidenreich muss ich vielleicht nicht zwingend lesen, aber sehr wahrscheinlich „Spielen“ von Karen Köhler und „Wohnen“ von Doris Dörrie und möglicherweise auch „Essen“ von Alina Bronsky.

Oona Doherty: Death of a Hunter (2018)
Oona Doherty: Death of a Hunter (2018)

Bleibt noch die Präsentation von Werken von Oona Doherty in der Vorhalle. Ich mache es kurz: Mit „Death of a Hunter“ konnte ich wenig bis nichts anfangen.

Oona Doherty (Filmprojektion)
Oona Doherty (Filmprojektion)

Von den Kurzfilmen fand ich „Carpet“ super. Der Rest sprach nicht zu mir.

Aus bereits genannten Gründen habe ich leider einiges verpasst, darunter bedauerlicherweise auch „Der Gipfel“ von Christoph Marthaler.

Vielleicht kann ich das mit dem Sommerfestival und dem Urlaub im nächsten Jahr doch noch etwas optimieren. Ich kann es mir jedenfalls vornehmen.