März

Mit dem März kam der Pollenflug. Ich bin immer wieder fasziniert von dem Energieknick, der damit einhergeht. Trotz erfolgreicher medikamentöser Bekämpfung der äußerlich wahrnehmbaren Symptome. Immerhin, es sind bei mir „nur“ die Frühblüher. Spätestens wenn die Birke durch ist, beginnt der Sommer und die Kurve geht wieder nach oben. Und im Frühjahr findet Kultur ja auch noch vermehrt drinnen statt.

„Siegfried Lenz zum 100.“ im Rolf-Liebermann-Studio

So zum Beispiel der Festivalauftakt zu „Hamburg liest Lenz“, veranstaltet von NDR Kultur in Kooperation mit der Siegfried Lenz Stiftung im Rolf-Liebermann-Studio. Dass das Studio einst eine Synagoge beziehungsweise ein jüdischer Tempel war, erfuhr ich erst letzten Herbst bei einer der öffentlichen Architektur- und Kunstführungen über das NDR-Gelände am Rotherbaum. In den Saal konnten wir damals nicht, weil dort geprobt wurde. Auch weil man uns mitteilte, dass das Studio möglicherweise nicht mehr lange zum Gebäudeensemble des NDR gehören würde, achtete ich in der Folge verstärkt auf Veranstaltungsankündigungen, um dann bei „Siegfried Lenz zum 100.“ zuzuschlagen.

Aber Raumneugier war nicht meine einzige Motivation. Das Literaturfestival „Hamburg liest“, in dem jedes Jahr ein anderes Thema in den Mittelpunkt gestellt wird, hatte ich bisher nämlich ebenfalls nur am Rande wahrgenommen. Dieses Jahr liest (beziehungsweise las, das Festival ging bis zum 31. März) Hamburg Siegfried Lenz, der im vergangenen Monat 100 Jahre alt geworden wäre. Neben der offiziellen (und wie immer hörenswerten) Eröffnungsrede durch Kultursenator Carsten Brosda wurden das TV-Doku-Drama „100 Jahre Siegfried Lenz – Was würdest du tun?“, eine anlässlich des Jubiläums neu erschienene Graphic Novel mit Episoden aus dem Leben des Schriftstellers und die „Lenz Challenge“, ein vom NDR initiiertes Projekt für Schulklassen, vorgestellt.

In dem Doku-Drama begibt sich mit Inspektor Tondi eine von Jonas Nay gespielte Siegfried-Lenz-Figur auf die Suche nach der Relevanz Lenz’scher Themen und Motive in der heutigen Zeit. Ich fange mit solchen Formaten gar nichts an – ich mag meine Dokus möglichst ohne Drama. Für mich zugänglicher waren da die exemplarisch von drei der insgesamt 16 beteiligten Künstlerinnen und Künstlern vorgestellten Auszüge aus der Graphic Novel und auch die Schulklasse aus Osterholz-Scharmbeck hat mich beeindruckt, die mit ihrem Reel über das Lenz-Hörspiel „Zeit der Schuldlosen“ den Landeswettbewerb Niedersachsen der „Lenz Challenge“ gewonnen hatte. Hinzu kamen von Catrin Striebeck, Bjarne Mädel und Stephan Kampwirth vorgetragenen und teils von Jonas Landerschier am Klavier begleiteten Texte des Jubilars, darunter „Der Seehund aus der Wasserleitung“ und „Jütländische Kaffeetafeln“.

Leider ist mir nicht gelungen, eine der übrigen „Hamburg liest Lenz“-Veranstaltungen zu besuchen. Auch an den bei ARD Sounds neu eingestellten Hörspielen habe ich mich vergeblich versucht. Was allerdings daran liegt, dass ich trotz vielfacher Bemühungen einfach keinen Zugang zu Hörspielen finde. Egal vom wem oder worüber. Ansonsten beschlich mich während der von Christoph Bungartz souverän moderierten, unterhaltsamen und rundherum gelungenen Veranstaltung trotz aller Bemühungen der Beteiligten der Eindruck, als wolle man den Nachkriegserzähler Lenz wenn auch nicht mit Gewalt, so aber doch auf Teufel komm raus und mit pädagogisch anmutendem Nachdruck in die Gegenwart zerren. Ich bin nicht sicher, ob das gelingen konnte. Mich würde auch deshalb der Altersschnitt der Besucherinnen und Besucher der „Hamburg liest Lenz“-Veranstaltungen interessieren. Bei der Matinee am 1. März war dieser jedenfalls recht hoch.

„FAST FORWARD“ in der Hamburgischen Staatsoper

Nachdem ich neulich so begeistert von John Neumeiers „Tod in Venedig“ war, lockte es mich erneut zu einer Ballettaufführung in die Hamburgische Staatsoper. Gegeben wurden vier Stücke aus unterschiedlichen Phasen der Tanzgeschichte des 20. und 21. Jahrhunderts: „Serenade“ von George Balanchine (1935), „Totentanz“ von Marcos Morau (2023), „Annoncation“ von Angelin Preljocaj (1995) und dem Auftragswerk „The Moon in the Ocean“ von Xie Xin (2026). Meine beiden Favoriten waren „Totentanz“ und „The Moon in the Ocean“ und meine Faszination mit dem Tanz als künstlerischer Ausdrucksform insgesamt ist an diesem Abend ein weiteres Stück gewachsen. Ich saß auf einem sehr guten Platz, was in der Staatsoper – ich erwähnte es bereits – einen signifikanten Unterschied macht. Der leider auch im Geldbeutel signifikant spürbar war, denn beim Ticketdeal-Angebot für diese Veranstaltung hatte ich dummerweise nicht rechtzeitig zugeschlagen. Diesen Fehler werde ich nach Möglichkeit nicht wiederholen.

Brad Mehldau und die Hamburger Camerata unter der Leitung von Clark Rundell im Großen Saal der Elbphilharmonie

Als ich das Ticket für das Konzert am 12. März 2026 kaufte, war es mir nicht bewusst gewesen. Als ich dann aber im Großen Saal der Elbphilharmonie Platz nahm, um die beiden Mehldau-Kompositionen „Variations on a Melancholy Theme“ und „Concerto für Klavier und Orchester“ sowie die beiden Zugaben – Improvisationen zu „Variations on a Melancholy Theme“ und „Cry Me a River“ – zu hören, fiel es mir wieder ein: Ich hatte schon einmal an einem 12. März im Großen Saal bei Brad Mehldau gesessen, vor sechs Jahren nämlich; sicher nicht nur mir besonders im Gedächtnis geblieben als das letzte Konzert vor der Coronaschließung.

Dieses Mal trat Mehldau nicht als Teil seines Trios, sondern gewissermaßen als mitausführender Komponist zweier Stücke für Klavier und Orchester auf. Beide haben mir sehr gefallen. Die beiden (Solo-)Zugaben fungierten einerseits als Sahnehäubchen, andererseits hätte sich allein dafür der Eintritt gelohnt.

Ein wenig bedauerte ich, nicht noch weitere Termine des Mini-Festivals „Reflektor Brad Mehldau“ wahrgenommen zu haben. Aber wahrscheinlich wäre mir das zu viel geworden.

Kai Schumacher und Benedict Kloeckner mit „Fratres“ im Kleinen Saal der Elbphilharmonie

Im Kleinen Saal der Elbphilharmonie sah und hörte ich wenige Tage später ein um die Komposition „Fratres“ von Arvo Pärt konzipiertes Programm, in dem sich Schumacher und Kloeckner gemäß Beschreibungstext „auf die Suche nach Arvo Pärts Brüdern (und Schwestern) im Geiste“ begaben.

Neben dem Pärt-Stück wurden unter anderem „Metamorphosis Nr. 2“ von Philip Glass, „The Pleasure at Being the Cause“ von Christopher Cerrones, die Auftragskomposition „Reminiscenza“ von Sophia Jani sowie das Stück „Sayyid Chant And Dance Nr. 9“ von Georges Gurdjieff aufgeführt. Obwohl zum Teil wild unterschiedlich anmutend, waren die Bezüge zu Pärt geschickt gewählt und – zumindest für mich – aus jedem der präsentierten Blickwinkel überzeugend und nachvollziehbar.

Im Stück „Rausch“ von und mit Kai Schumacher hörte ich indes weniger Pärt, dafür aber viel Nils Frahm. Davon wollte Schumacher auf meine Nachfrage hin zwar nichts wissen. Dass beide sich auf ähnliche Wurzeln und Vorbilder berufen, ist allerdings nicht zu leugnen. Abgesehen davon haben mir Idee, Zusammenstellung und Ausführung des Projekts so gut gefallen, dass ich mir die CD kaufte und signieren lies. Das kommt so oft nicht vor.

Symphonieorchester und Chor des Bayerischen Rundfunks unter der Leitung von Sir Simon Rattle im Großen Saal der Elbphilharmonie

Für den Auftritt des BRSO unter Sir Simon Rattle im Großen Saal der Elbphilharmonie hatte ich erheblich tiefer in die Kasse greifen müssen als ich es sonst für Orchesterkonzerte gewöhnlich tue. Natürlich hätte ich auch eine andere als meine Stammpreisklasse wählen können. Aber irgendwas in mir widerstrebte dem und glücklicherweise hatte ich noch einen Gutschein zu verbraten – warum also den nicht in eines der besten Orchester der Welt unter einem meiner Lieblingsdirigenten investieren! Man muss den für die Preisgestaltung verantwortlichen Personen auch zugestehen, dass es für das Hauptwerk des Abends, der Sinfonie Nr. 2 c-Moll („Auferstehung“) von Gustav Mahler, einfach verdammt viel Personal braucht. Neben richtig viel Orchester bedurfte es auch eines Chors, in diesem Fall dem des Bayerischen Rundfunks, sowie eines Soprans (Louise Alder) und eines Alt- beziehungsweise Mezzosoprans (Beth Taylor).

Vorangestellt wurde der Sinfonie „Remember Not Lord Our Offences Z 50“ von Henry Purcell, ein als Vokalstück arrangiertes Kirchenlied, das Rattle nahtlos in das „Nachtlied für gemischten Chor und Orchester op. 108“ von Robert Schumann übergehen lies. Man musste die Zusammenstellung nicht intellektuell verstehen wollen oder den im Programmheft abgedruckten Versuch einer solchen Herleitung nachvollziehen können. Sie funktionierte einfach. Wohl auch deshalb, weil im Programm insgesamt keine Pause vorgesehen war. Schade, dass Teile des Publikums diese Dramaturgie durch Beifallsbekundungen nach dem ersten Sinfoniesatz störten. Zerstören konnte aber auch diese Unterbrechung den Gesamteindruck nicht. Auch der teure Platz zahlte sich aus: Nicht nur ist das BRSO tatsächlich mindestens eine Klasse besser als die örtlichen Ensembles, von meinem Platz seitlich der Bühne in 13 F konnte man auch Mimik und Körpersprache des Dirigenten ganz wunderbar beobachten. Ich lege mich fest: Niemand dirigiert so schön mit den Augenbrauen wie Sir Simon! Auch der Chor und die beiden Solistinnen beeindruckten (mich vor allem Beth Taylor). Ein phantastischer Abend und im Nebeneffekt eine perfekte Ergänzung zu meiner Teilbegegnung mit der Auferstehungssinfonie in Christoph Marthalers „Die Unruhenden“ im vergangenen Januar.

Wer nachhören und -empfinden will: Eine Aufzeichnung des Konzerts ist bis zum 21. September 2027 in der Elbphilharmonie-Mediathek verfügbar. Darin auch enthalten: Die Verabschiedung des Trompeters Hannes Läubin, der fünfzig Jahre zuvor beim NDR Sinfonieorchester seine Karriere als professioneller Orchestermusiker begonnen hatte und an diesem Abend in den Reihen des BRSO sein letztes Konzert als ebensolcher bestritt.

Ein schönes Erlebnis jenseits der Kameras möchte ich ebenfalls nicht unerwähnt lassen: Da an diesem Tag ein U-Bahn-Streik sehr ungünstig mit Bauarbeiten auf „meiner“ S-Bahn-Strecke kollidierte und sich herausstellte, dass auch mein 85jähriger Sitznachbar davon betroffen war, taten wir uns kurz entschlossen zusammen und teilten uns für den Heimweg ein Taxi. Wir lernten dabei sogar einen klassikaffinen Taxifahrer kennen. Das war richtig nett.

Jochen Malmsheimer: „Wenn Worte reden könnten oder: 14 Tage im Leben einer Stunde“ in Alma Hoppes Lustspielhaus

Nicht ganz so begeistert war ich von Jochen Malmsheimers Auftritt in Alma Hoppes Lustspielhaus ein paar Tage später. Nicht nur Texte wie „Omma“ wirken doch mittlerweile etwas (haha) angegraut.

Nummern wie „Bahnhof basteln“, „Der mit dem Hund tanzt“, „Wenn Worte reden könnten“ und die Beschreibung einer Fete in den 80ern (Stichwort Partykeller, zu wenig Bier, Lambrusco und Nudelsalat) haben ebenfalls schon einige Jahre auf dem Buckel. Malmsheimer griff tief ins Archiv und schien auch nicht auf der Suche nach jüngerem Publikum zu sein. Ich hingegen hatte auch auf neue Texte gehofft und wurde daher enttäuscht. Schade.

Januar

Ich habe beschlossen: Auch im mittlerweile nicht mehr ganz so neuen Jahr wird es vorerst beim monatlichen Blogrhythmus bleiben. Der hat sich in den letzten Monaten bewährt.

Der Januar, ein normalerweise gefühlt ewig langer Monat, ist irgendwie ganz schön schnell vorbei gewesen. Was den Besuch von Musik- und Kulturevents angeht, habe ich es aber vergleichsweise langsam angehen lassen. Man muss ja nicht gleich in den ersten vier Wochen des Jahres sein ganzes Pulver für den restlichen Winter verschießen. Der ja noch dauern wird: Sechs weitere Wochen hat uns Punxsutawney Phil am Murmeltiertag vorhergesagt.

Olivia Trummer in der Klangmanufaktur

Der erste Konzertbesuch des neuen Jahres führte mich in die Klangmanufaktur. Die Reihe „Kohärenzen“ funktioniert ein bisschen so wie die „Blind Dates“ in der Elbphilharmonie. Man weiß also vorher nicht, was man bekommt. Bisher hatte ich dort ausschließlich Klassik gehört; mit dem Auftritt von Olivia Trummer erlebte ich nun meinen ersten Jazz-Abend in der Werkstatt. Wobei sich auch zu dieser Gelegenheit die Klassik einschlich, vor allem in Gestalt von Johann Sebastian Bach. Das kann gutgehen, muss aber nicht. Hier ging es richtig gut: Eine derart ausgefeilte Fusion von Bachstücken mit Jazzklängen ist mir noch nicht untergekommen. Eine nicht unwesentliche Rolle mag dabei gespielt haben, dass Frau Trummer den Bach wohl auch pur überzeugend hätte vortragen können.

Eines der allerschönsten Stücke der Setlist war jedoch das Cover von Stings „Fragile“.

„Tod in Venedig“ von John Neumeier in der Staatsoper

Im Ballett bin ich ewig nicht gewesen (wenn man den Adventskalender im Foyer der Staatsoper nicht mitzählt). Nun gibt es aber neuerdings statt der einzelnen Newsletter für Ballett, Staatsorchester und Oper einen Staatsoper-Gesamtnewsletter, über diesen Gesamtnewsletter werden Tickets ausgewählter Vorstellungen zum halben Preis angeboten – „Ticketdeal“ nennt sich das – und unter den angebotenen Veranstaltungen war auch die Wiederaufnahme von John Neumeiers „Tod in Venedig“.

In meinem Fall ist die Rechnung der „Ticketdeal“-Erfinderinnen und -Erfinder voll aufgegangen: Das war der perfekte Köder; ich werde künftig öfter ins Ballett gehen müssen. Allerdings ist der „Tod in Venedig“ aber auch wirklich ein phantastisches Stück. Ich habe außerdem genossen, mal nicht ständig darüber rätseln zu müssen, was uns der Künstler mit der Inszenierung sagen will: Jeder, dem die Story der Thomas Mann-Novelle in groben Zügen bekannt ist und der bei der Einführung aufgepasst hatte, konnte der Umsetzung in die Ballettform problemlos folgen. Stattdessen konnte ich mich entspannt auf Feinheiten und Ausführung konzentrieren, vor allem auf die beeindruckenden (um nicht zu sagen: bewegenden) Performances von Edvin Revazov als Gustav Aschenbach und Caspar Sasse als Tadzio.

„Insight Cello“ bei Geigenbau Schellong Osann (Elbphilharmonie)

Auch ich finde ja immer noch Perlen im Elbphilharmonie-Programm, die sich erst auf den zweiten oder dritten Blick erschließen. Zum Beispiel die „Insight“-Reihe, die sich jeweils auf ein Instrument konzentriert und dort stattfindet, wo mit diesem Instrument gearbeitet wird. Bei „Insight Cello“ war dies Showroom und Werkstatt von Geigenbau Schellong Osann am Kaiserkai, unweit des Konzerthauses selbst.

Bei Geigenbau Schellong Osann am Kaiserkai
Bei Geigenbau Schellong Osann am Kaiserkai

Auf der winzig kleinen Bühne saßen „Rising Star“ Valerie Fritz (Violoncello), Goran Stevanovich (Akkordeon), Hausherr Nikolaus Osann und Moderatorin Anne Kussmaul. Während Cellistin und Akkordeonist sich versiert im Beantworten der Fragen und der eigenen Präsentation zeigten, blieb Nikolaus Osann zunächst einsilbig, um dann im Laufe der Veranstaltung sichtlich aufzutauen und mehr und mehr aus dem Nähkästchen zu plaudern. Davon hätte ich sehr gerne noch sehr viel mehr gehört. In der Kürze der Zeit lernte ich unter anderem immerhin, wieviel ein guter Bogen ausmacht und dass man die drei Millionen Euro eben doch hört, die das von Valerie Fritz gespielte Instrument, angefertigt anno 1744 in der Werkstatt von Giovanni Battista Guadagnini, nach Schätzung von Herrn Osann wohl ungefähr wert ist.

Leider sind die „Insight“-Termine meist schnell ausgebucht – nicht nur sind die Kapazitäten teils sehr begrenzt, die Tickets sind auch vergleichsweise günstig. Trotzdem, es lohnt sich, ein Auge darauf zu haben.

„ARENDT. DENKEN IN FINSTEREN ZEITEN“ im Thalia Theater

„Mehr Theater“ hatte ich mir unter anderem fürs neue Jahr vorgenommen und diesen Vorsatz gleich noch im alten Jahr mit einem Kauf einer Karte für „ARENDT. DENKEN IN FINSTEREN ZEITEN“ mit Corinna Harfouch in der Titelrolle ausgeführt. Seit der Vorstellung hatte ich ausgiebig Zeit, über das Gesehene und Gehörte nachzudenken. Fakt ist nämlich, dass mir das Stück nicht besonders gefallen hat. Ich weiß aber nicht genau, warum. Bis heute nicht. Auch das Lesen der teils wohlwollenden, teils vernichtenden Kritiken hat mir nicht dabei helfen können. Falls mir zu einem späteren Zeitpunkt noch etwas dazu einfallen sollte, reiche ich es nach.

Brandee Younger Trio in der Elbphilharmonie

So richtig konnte ich mir die Harfe vor dem Konzert des Brandee Younger Trio im Großen Saal der Elbphilharmonie nicht als Jazzinstrument vorstellen.

Das gelingt mir nun nach dem Konzert erheblich besser. Nur eines hat mich gestört: Brandee Younger hat kaum eine Pause zugelassen und nahezu jede Lücke ihrer Parts mit Arpeggios gefüllt. Weniger wäre an manchen Stellen in meinen Augen (und Ohren) mehr gewesen. Aber das ist wahrscheinlich auch Geschmackssache.

„Die Unruhenden“ von Christoph Marthaler in der opera stabile (Staatsoper)

Eine Premiere, eine Premiere! Mein erstes Mal in der opera stabile. Und dann gleich ein Marthaler! Der Abend stand indes noch bis ungefähr eine halbe Stunde nach dem eigentlichen Vorstellungsbeginn auf der Kippe, weil eine der Hauptdarstellerinnen mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen hatte. Die rund 110 Zuschauerinnen und Zuschauer harrten dennoch unbeirrt aus. Mit Johannes Harneit betätigte sich der musikalische Leiter höchstselbst als Pausenfüller und studierte mit dem Publikum im Schnellverfahren den Anfang des Schlusschors der Auferstehungssinfonie von Gustav Mahler ein: „Auferstehen, ja auferstehen wirst du, mein Staub, nach kurzer Ruh!“. Zeilen, die uns in dem Stück „Die Unruhenden“, das mit einer Verspätung von circa 45 Minuten schließlich doch noch gestartet werden konnte, mehrfach wiederbegegnen sollten.

Mir war aufgefallen, wie sehr in der Einführung – noch eine Premiere: im Chorsaal der Staatsoper! – die Wichtigkeit des Überwindens von Hörerwartungen und -gewohnheiten gerade im Zusammenhang mit Mahler betont worden war. Dabei hätten eventuell enttäuschte Zuhörende schlicht auf den Untertitel achten müssen: „Ein Abend in Zimmerlautstärke“. Oder auch weniger als das: Man musste zeitweise schon ziemlich die Ohren spitzen, um das minimal besetzte Fernorchester überhaupt hören zu können. Den drei oder vier Flüchtenden unterstelle ich aber eher eine Marthaler-Inkompatibilität und ich gebe zu, selbst mir als Fan ist das Stück ein bisschen arg lang vorgekommen. Dabei werden aber auch die speziellen Umstände eine Rolle gespielt haben. Wir saßen da immerhin rund drei Stunden an einem kleinen, mittelgut belüfteten Ort auf mittelbequemen Stühlen und das Dargebotene erforderte eine Konzentration, die zu späterer Stunde vielleicht nicht mehr jede und jeder hat aufbringen können. Hilfreich wäre auch das Studium des Programmhefts vor der Vorstellung gewesen. In diesem erfährt man nämlich unter anderem, dass „Die Unruhenden“ nicht als Abend über Gustav Mahler, sondern als Abend mit der Musik von Gustav Mahler konzipiert ist. Ein himmelweiter Unterschied.

Apropos Programmheft: In dem hat mich das Kapitel „Statt Handlung“ beziehungsweise eben diese Überschrift irritiert. Weil ich nämlich eine Handlung erkannt zu haben glaube. Vielleicht habe ich aber bloß erkannt, was ich erkennen wollte? Knifflig. Aber die gute Sorte knifflig.

„Die Unruhenden“ ist übrigens als Auftakt einer Reihe über die sogenannten eigenschöpferischen Intendanten und Generalmusikdirektoren der Hamburgischen Staatsoper gedacht, die den 350. Geburtstag des Hauses im Jahr 2028 vorbereiten sollen. Ich bin gespannt auf die weiteren Teile.

Dezember

Nein, das ist noch nicht der Jahresrückblick! Ich muss ja erst noch auf den Dezember zurückblicken.

Nachgeholt aus dem November habe ich zunächst das Ende von „Sie sagt. Er sagt.“, indem ich mir die DVD mit der 2024er ZDF-Verfilmung bei der Bücherhalle auslieh. Eigentlich hatte ich „Auflösung“ statt „Ende“ schreiben wollen, aber eine Auflösung ist das Ende nicht wirklich – irgendwie unbefriedigend alles, wobei es sich aber mutmaßlich um den gewünschten Effekt handelt. Ich fand das Stück auch in der Filmversion noch fad, nur halt nicht so furchtbar schlecht gespielt. Hätte die Filmbesetzung auf der Bühne der Hamburger Kammerspiele gestanden (beziehungsweise gesessen), wäre ich wahrscheinlich nicht in der Pause geflüchtet.

Das allererste Dezember-Live-Event wäre „Schwanensee“ von Christoph Marthaler gewesen – der dritte Teil der im November-Beitrag bereits erwähnten Trilogie. Leider musste die Veranstaltung krankheitsbedingt ausfallen. Ich nutzte die ungeplante Abendfreizeit für den Besuch des Adventskalenders der Staatsoper. Das ist eine schon ältere Einrichtung: Vom 1. bis 23. Dezember wird jeden Tag im Foyer eine „künstlerische Kostbarkeit“ präsentiert; werktags um 16:30 und sonntags um 12:00 Uhr. Der Eintritt ist frei, um Spende wird gebeten (in diesem Jahr für die Deutsche Muskelschwundhilfe). Am fraglichen Nachmittag wurde das jeweils ungefähr zwanzig- bis dreißigminütige Programm vom Bundesjugendballett gestaltet. Der Andrang war groß, selbst ein vergleichsweise frühes Kommen sicherte mir keinen regulären Sitzplatz. Trotzdem oder gerade deswegen: Eine schöne Stimmung ist das da! Nur die Vorderhauscrew schien leicht gestresst.

Tags drauf war ich bei Art’n’Voices im Kleinen Saal der Elbphilharmonie. „Christmas at Sea“, der Titel des Programms, erwies sich indes als Etikettenschwindel. Es gab zwar jede Menge Weihnachtslieder, aber der „Sea“-Bezug erschloss sich mir nicht, außer vielleicht bei „Ave Maris Stella“ und „Es kommt ein Schiff geladen“. Aber das verblasste angesichts der teils spektakulären Arrangements der interpretierten Stücke.

Das war meine erste Begegnung mit zeitgenössischer polnischer Vokalmusik und ich weite diese Bekanntschaft gerne bei Gelegenheit aus.

Im letzten Jahr feierte ich meine  Weihnachtsoratorium-Premiere. Einige Tage zuvor hatte ich im hiesigen Regionalfernsehen einen Beitrag über eine urbane Hausmusik-Version des Werks von und mit dem ensemble resonanz gesehen. Das schien mir eine logische Fortsetzung der im Michel begonnenen Reihe zu sein, weswegen ich mir zeitig ein Ticket für den 2025er Termin sicherte.

Die Version mit dem goldenen Esel hat mich vollumfänglich überzeugt. Mehr noch, ich möchte das eigentlich gar nicht mehr anderes hören. Besonders fasziniert war ich von Michael Petermann an den Vintage Keyboards. Wahrscheinlich auch, weil ich ihm aus der Loge 2 im 1. Rang so schön auf die Finger gucken konnte.

Weihnachtsoratorium in Wohnzimmeratmosphäre
Weihnachtsoratorium in Wohnzimmeratmosphäre

Da habe ich also schon im zweiten Anlauf „meine“ Weihnachtsoratoriums-Variante gefunden! Deren Besuch werde ich nun nach Möglichkeit zu einer ständigen Einrichtung erheben. Damit bin ich nicht allein: Der resonanzraum ist schon lange nicht mehr groß genug für das Event und auch die Laeiszhalle war in diesem Jahr schon sehr gut gefüllt. Im nächsten Jahr wird folgerichtig gleich es zwei Termine geben, am 16. und am 18. Dezember. Der Vorverkauf hat bereits begonnen.

Der Name Thorsten Nagelschmidt war mir nicht geläufig, aber irgendwo habe ich das Gesicht schon gesehen. Es fällt mir nur nicht ein, wo. Dagegen ist Lambert mir natürlich ein Begriff und der Ankündigungstext des gemeinsamen Auftritts unter dem Titel „Nur für Mitglieder“ auf Kampnagel reichte mir, um ein Ticket zu erwerben. Ich würde die Veranstaltung allerdings nicht unbedingt als Weihnachtsrevue betitelt haben, sondern als Lesung mit Musik. Was deutlich spröder klingt, aber eher dem Gebotenen entsprach. Der Abend kam mir fast ein bisschen zu kurz für das Thema oder vielmehr die vielschichtige Themenwelt vor. Einiges wurde angerissen, kam dann aber nicht rund zum Ende. Was man aber auch als gewollten Anreiz für den Kauf von Buch und Tonträgern werten kann.

Kurz hatte ich mich übrigens noch gewundert, dass Lamberts Maske auf dem Klavier drapiert war. Dann betrat der Mann die Bühne – unmaskiert. Ziemlich ungewohnt. Ich glaube, auch noch für ihn. Ob er die Maske beim Lambert & Friends-Konzert im Mai wohl wieder anlegt?

Als ich die Ankündigung eines weiteren Orchesterkaraoke mit Jan Dvorak, Matthias von Hartz und den Jungen Symphonikern auf Kampnagel entdeckte, zögerte ich noch kurz, ein Ticket zu kaufen. Es ist ja eigentlich immer nett, dachte ich, aber es wiederholt sich auch viel. Ich tat es dann doch und bereute es nicht. Die Stimmung war großartig, die Sängerinnen und Sänger schlugen sich tapfer bis hervorragend. Ein Highlight war der Background-Chor des Orchesters bei der Joe Cocker-Version von „With a Little Help from My Friends“. Außerdem hebt das Gesamtkonzept mit Jan Wulf als lebender Karaokemaschine einfach zuverlässig die Laune. Wenn das eine neue (Vor-)Weihnachtstradition auf Kampnagel wird, bin ich auch im nächsten Jahr wohl wieder dabei. Abgesehen davon: Nichts gegen Coldplays „Viva la Vida“ als Abschluss, aber es kann gerne auch mal wieder „My Way“ sein!

Ich hatte mich auf das Konzert von Ibrahim Maalouf im Großen Saal der Elbphilharmonie sehr gefreut, weil bei seinem Auftritt im April er selbst als Trompeter für meinen Geschmack zu wenig im Mittelpunkt gestanden hatte. Das war bei „Kalthoum“ anders, aber wieder hatte ich nicht das Kleingedruckte gelesen: Auf dem 2016 erschienenen gleichnamigen Album widmet sich Maalouf der 1975 verstorbenen legendären ägyptischen Sängerin und Schauspielerin Umm Kulthum, in dem er einen Song von ihr, „Alf Leila We Leila“, zu einer Jazz-Suite aus- und umbaut. Teile des Albums wurden nun im Rahmen eines Elbphilharmonie-Schwerpunkts zu Umm Kulthum präsentiert. Das war sehr beeindruckend und ebenso lehrreich, denn mir war der Name zuvor tatsächlich nicht geläufig gewesen.

Aber es war eben doch wieder nicht Maalouf pur. Ob ich das wohl noch erwische? Eine Chance ergäbe sich 2027 in Paris, wo Maalouf sein zwanzigjähriges Bühnenjubiläum feiern will. In der Paris La Défense Arena, no less, da passen über 40.000 Leute rein. Ein bisschen hoch gegriffen, aber nicht unpassend für den Trompeter, der sich im Laufe seiner Karriere nach eigener Aussage gegen viele Widerstände beweisen musste und nun offenbar ultimativ beweisen will, indem er eben genau diese Halle füllt.

Das letzte Konzert des Jahres war „Weihnachten mit Salut Salon“ im Thalia Theater. Veranstaltungen von Salut Salon sind in Hamburg normalerweise recht zügig ausverkauft. Die Ränge bei den beiden Vorstellungen am vierten Advent waren hingegen zwar gut gefüllt, aber es gab lange und ich glaube sogar noch an der Abendkasse Karten zu kaufen.

Ich mag Salut Salon eigentlich sehr, aber das Weihnachtsprogramm war mir in Teilen zu krawallig. Das wird bei mir wohl keine Weihnachtstradition.

Den Abschluss des Kulturjahres bildete erneut Christoph Marthaler mit dem ersten Teil der oben genannten Trilogie im MalerSaal des Schauspielhauses. In „Die Sorglosschlafenden, die Frischaufgeblühten“ werden Texte von Friedrich Hölderlin bespielt.

Des Öfteren entwickelte sich Heiterkeit im Publikum; auch in Momenten, bei denen die Verbindung von Text und Spiel komische Züge aufwies, wenn man aber die Lebensgeschichte Hölderlins kennt, möglicherweise als eher tragikkomisch zu werten gewesen wären. Ein tragisches Element stellten dagegen zweifelsfrei die zerschmetterten Streichinstrumente in der linken oberen Ecke des Bühnenbilds dar. Dieser Anblick hat mir fast körperlich wehgetan, ebenso wie die Art der Einbeziehung der Instrumententrümmer in das Spiel. Absurder als „Im Namen der Brise“ kam mir der Hölderlin-Abend vor, und doppelbödiger.

Und das war’s mit 2025! Es folgt der Jahresrückblick und dann drehe ich die Uhr endgültig auf Januar. Es ist schon einiges in der Pipeline, ich freue mich!