In Concert: Elbjazz 2017

Zum Elbjazz-Festival kam ich sehr spät – nämlich erst 2014 – und sehr spontan. So spontan, daß zunächst keine Gelegenheit blieb, sich vorab mit dem Programm zu beschäftigen. Ohnehin stand der Jazz als Genre zu dieser Zeit auf meiner Liste nicht sehr weit oben. Ich ließ mich also mitziehen, ganz ohne Erwartung, und wurde positiv überrascht. Entsprechend angefixt war ich im Jahr darauf wieder dabei. Ich erinnere zahlreiche Highlights aus dem Programm, scheiterte aber – abgesehen vom Wetter, für das keiner etwas kann – an einer überambitionierten „Möchte ich unbedingt sehen“-Wunschliste in Kombination mit dem zeitweise stockenden Barkassen- und Busshuttle zwischen den verstreuten Veranstaltungsorten. Insbesondere das Hafenmuseum erwies sich als Sackgasse; effektives Pendeln zum Werftgelände von Blohm+Voss und retour war praktisch unmöglich.

Für den diesjährigen Neustart nach der Festivalpause nahm ich mir daher vor, größere Zeitpuffer einzubauen, bevorzugt shuttleunabhängige Transfermöglichkeiten zu nutzen, mich am Hallenprogramm (und nicht an den Headlinern) zu orientieren und im Zweifel konsequent vom vorgefaßten Plan abzuweichen – alles unter dem Motto „Weniger ist mehr“.

Tag eins

Ich startete am Freitag abend mit Beady Belle & Bugge Wesseltoft. Der Mann an den Tasten hielt sich vornehm zurück, was in der vorliegenden Konstellation zwar nachvollziehbar, für mich jedoch ein wenig enttäuschend war. Nichts gegen die Dame – phantastische Stimme! -, nur trafen die Songs nicht ganz meinen Geschmack. Aber dann kam Joshua Redman für ein Stück mit auf die Bühne. Highlight-Alarm! Ich schmiß auf der Stelle meine Planung um, um ihn eine Stunde später mit seinem Trio an gleicher Stelle erleben zu können. Eine sehr gute Entscheidung.

Eingedenk der Wegstrecke entschied ich mich anschließend, Richtung St. Katharinen aufzubrechen, um dort noch rechtzeitig zum Konzert von ALA.NI einzutreffen – gewissermaßen die Zwischenstation vor dem fest reservierten Mitternachtstermin in der Elbphilharmonie. Es half dabei sehr, gut zu Fuß und obendrein ortskundig zu sein. Über die Künstlerin wußte ich nichts und der Billie Holiday-Vergleich in der Ankündigung hatte bei mir reflexartig Skepsis ausgelöst. Im Falle von ALA.NI komplett unnötig. Diese Stimme vergißt man nicht so leicht – Gänsehaut pur! Die Akustik des Kirchenschiffs tat das Übrige hinzu, überhaupt, St. Katharinen! „Klug, mutig, schön“ – eine traumhafte Location. Was mich ein wenig abgelenkt hat, war das kleinmädchenhafte Gehabe der Dame. Das nervt mich tendenziell, bei solchen Gelegenheiten frage ich mich immer: Ist das Masche, gehört das zur Marke oder ist die wirklich so?

Aber dann stimmte sie auch schon den nächsten Song an und das ganze Drumherum wurde ganz und gar nebensächlich.

Der Weg von St. Katharinen zur Elbphilharmonie ist kurz und so hatte ich genügend Muße, mich zum Abschluß des ersten Festivaltages auf mein mittlerweile siebtes Konzert im Großen Saal einzustimmen.

Daß die Elphi-Konzerte des Elbjazz nur über Vorreservierung zugänglich waren, ist einerseits verständlich, widerspricht aber auf der anderen Seite dem Grundgedanken des Festivals. Die Tickets gab es nur über den sehr rechtzeitig zu tätigenden Vorverkauf, man mußte sich weit vor Termin festlegen und viele der angekündigten Künstler traten ausschließlich dort auf. Ich hatte mich also im Vorfeld nicht nur für Christoph Spangenberg entscheiden müssen, sondern auch gegen Jan Garbarek. Immerhin, als „Early Bird“-Ticketkäuferin konnte ich alle Optionen nutzen und hatte dann auch noch Losglück bei der Platzverteilung: Bereich 13 I bedeutet noch nicht hinter, sondern seitlich von der Bühne und ziemlich nahe dran zu sitzen.

Spangenberg spielt Nirvana – nicht der erste Programmpunkt, bei dem man sich fragen kann: Was hat das mit Jazz zu tun? Wobei es letztlich auf das musikalische Ergebnis ankommt, unabhängig davon, ob es sich um originäre Jazzstücke oder -standards handelt oder eben nicht. Spangenbergs Interpretationen hingen an der Grenze, aber doch, es paßte schon. Von mir aus hätten sie im Schnitt noch ein bis zwei Stufen dreckiger sein können. Vielleicht war die relative Zuckrigkeit doch der Tatsache geschuldet, daß Spangenberg im Gründungsjahr von Nirvana (1989) gerade ein Jahr alt war und sich den Grunge gewissermaßen nachträglich erarbeiten mußte. Der besonderen Atmosphäre des Konzerts zur Geisterstunde tat das keinen Abbruch. Im Gegenteil.

Dazu kam das surreale Element. Als das Nirvana-Album „Nevermind“ in den Charts stand, war ich kurz vorm Abitur. Hätte mir damals jemand gesagt, daß ich 26 Jahre später im Großen Saal einer nach allen Regeln der Kunst neu erbauten Hamburger Philharmonie sitzen und diesen Songs in einer Version für Konzertflügel lauschen würde, ich hätte wohl ohne Umschweife mit „Was hast Du denn geraucht?!“ gekontert.

Tag zwei

Ich schaffte es gerade rechtzeitig zurück aufs Gelände, um noch ein halbes Stündchen der Band Mörk zuhören zu können. Sehr dynamisch, aber hier bleibe ich streng: Mit Jazz hatte das wenig gemein. Wie übrigens abends zuvor auch die Musik von Agnes Obel, deren Auftritt auf der Hauptbühne ich zugunsten von ALA.NI ausgelassen hatte.

Beim zweiten Konzert des Tages hatte ich mich glücklicherweise an der Elbjazz-App orientiert: Der einstündige Auftritt von Vincent Peirani & Émile Parisien auf der neuen NDR Info Radio Stage wurde zwar sowohl dort als auch auf der Webseite angepriesen, war aber nicht im Programmheft abgedruckt. Aus dem Bauch heraus entschied ich, mir bereits vierzig Minuten vor Beginn einen Sitzplatz zu sichern. Keine dumme Idee, wie sich bereits rund zwanzig Minuten später herausstellte. Und was für ein sensationeller Auftritt war das! Vincent Peirani am Akkordeon und Émile Parisien am Sopransaxophon demonstrierten eindrucksvoll mit Witz und Können, daß miteinander zu musizieren im Idealfall eine ausnehmend intensive Kommunikationsform darstellt. Insbesondere Parisien zeigte dabei vollen Körpereinsatz. Mein persönlicher Elbjazz-Höhepunkt.

In der Schiffbauhalle 3 wurde nebenbei bewiesen, daß man nicht nur bei klassischen Stücken an den falschen Stellen klatschen kann. Eine kleine Herausforderung für die Radiocrew, denn ein Großteil der Interaktion zwischen Künstlern und Publikum an diesen Stellen kommt im Mitschnitt naturgemäß unter die Räder.

Mein nächstes Ziel war der Auftritt von Dhafer Youssef in der Alten Maschinenbauhalle. Auch hier sicherte ich mir sehr rechtzeitig einen guten Stehplatz nahe der Bühne, denn leider war dort für den Festivalsamstag die Bestuhlung abgebaut worden. Stilistisch kam ich zwar nicht ganz mit, aber der Gesang! Beeindruckend.

Blieb nur noch eine halbe Stunde bis zum Konzert von Greogry Porter & Band auf der Hauptbühne. Der Headliner bekam anders als die übrigen Künstler einen anderthalbstündigen Slot ganz am Ende des zweiten Festivaltags – zu Recht. Das ist schon amtlich, was der Mann da abliefert. Unterstützt wurde Porter vom Kaiser Quartett, welches ich aus der Ferne allerdings kaum hören konnte. Überhaupt schien der Sound gedrosselt zu sein. Von den seitlichen Rändern der Bühne aus war der Auftritt akustisch so gut wie nicht zu verfolgen, ganz anders als noch bei Mörk am Nachmittag. Aufgrund des Gedränges im Vordergrund sicherte ich mir einen halbwegs akzeptablen Hörplatz in einem der NDR Info-Liegestühle, um mich dann knapp vor Konzertende aus dem Staub zu machen, dem Massenaufbruch erfolgreich zuvorkommend. Ich hätte noch Lust gehabt, zu Mousse T. in den Mojo Club zu gehen, aber der tote Punkt erwischte mich auf halber Strecke zwischen dem alten Elbtunnel und der Reeperbahn.

Prädikat unterm Strich: Gelungene Wiederaufnahme! Diesmal spielte sogar der Himmel mit. Wenn nichts dazwischenkommt, bin ich 2018 wieder dabei.

Wetterchen
Wetterchen

Einen Wunsch habe ich fürs nächste Mal: Früher war mehr Klavier beim Elbjazz. Da geht doch sicher noch was – looking at you, Karsten Jahnke!

In Concert: Jarvis Cocker & Chilly Gonzales auf Kampnagel

„Wie war denn nun das Konzert? Hast Du die Zottelrinder getroffen?“

Anders als in meinem Traum über die Premiere von „Room 29“ mit Chilly Gonzales und Jarvis Cocker auf Kampnagel verlief mein Konzertbesuch am Sonntag vor einer Woche (fast) ohne besondere Vorkommnisse. Ich war am richtigen Tag zur richtigen Stunde da, hatte mein Ticket nicht an der Küchenpinnenwand vergessen, fand den regulären Eingang und traf weder auf Viehzeug noch auf rheinische Bekannte.

Nur den Zimmerschlüssel aus der „Work in Progress“-Vorstellung von vor knapp einem Jahr hatte ich an der Klavierleuchte hängen lassen. Dabei wollte ich doch schauen, ob er noch paßt. Aber offenbar ist „Room 29“ seither nicht nur renoviert worden, es wurde auch das Schloß ausgetauscht. Schade – das kleinere, altmodische Exemplar erschien mir irgendwie passender.

Schlüsselvergleich
Schlüsselvergleich: Oben die „Work in Progress“-, darunter die finale Version

„Room 29“ als „Song Cycle“, also „Liederzyklus“ zu bezeichnen, ist einer der zahlreichen genialen Einfälle des Duos Cocker/Gonzales: Nicht auf ein enger definiertes Format festgelegt zu sein, eröffnet maximalen Spielraum. Den beide weidlich nutzen, insbesondere Cocker in der Rolle als (Ich-)Erzähler und Moderator. Wobei „Room 29“ dadurch in Teilen auszufransen droht – die Episode „Jarvis im Fernseher“ hätte man beispielsweise auslassen können und der an sich großartige Song zum Epilog („Ice Cream As Main Course“) wirkte mühsam angebaut.

Aber das ist letztlich Rosinenpickerei. Unabhängig von Konzept und Inszenierung bleibt es ein ausgemachtes Vergnügen, Jarvis Cocker singen und erzählen und Chilly Gonzales (und das Kaiser Quartett) spielen zu hören. Eine Talentkombination, die sich gesucht und gefunden hat.

Übrigens, wem bei „Room 29“ musikalisch einiges bekannt vorkommen sollte, der hat richtig gehört. Der Song „Clara“ beispielsweise basiert auf „Armellodie“ („Solo Piano“). Den Rest konnte ich nicht dingfest machen, aber es war nicht das einzige akustische Déjà-vu des Abends.

Bleibt noch, eine kleine Warnung auszusprechen: „Room 29“ setzt an einigen Stellen auf Publikumsbeteiligung. Drüben im Soul Stew Blog erzählt Martin, wie es ihm dabei ergangen ist. Insbesondere Jarvis Cocker zeigt trotz seines betont britischen Auftretens keinerlei Berührungsängste. So tauchte er nach dem Kurzausflug in die Flimmerkiste mitten in den Rängen wieder auf und bahnte sich durch das Publikum den Weg zurück auf die Bühne. Aufgrund meines Randplatzes in Reihe 13 kam ich auf diese Weise in den Genuß, eine Zeile lang „angesungen“ zu werden. Ich widerstand dabei nur mit großer Mühe dem absurden Impuls, dem Mann an der Krawatte zu zupfen. „Das kannst Du nicht bringen, der singt doch hier gerade“, warf mein Verstand eben noch rechtzeitig ein.

Ob es mir gelungen wäre, steht auf einem anderen Blatt. Aber mittlerweile ärgert es mich, die Gelegenheit ausgelassen zu haben, Mr. Jarvis Cocker aus dem Konzept zu bringen. Hat man ja schließlich auch nicht alle Tage.

Bis in die Träume

Geträumt, ich bin auf dem Weg zur Premiere des Stücks „Room 29“ von und mit Chilly Gonzales und Jarvis Cocker auf Kampnagel. Es sind nur noch wenige Minuten bis zum Beginn der Vorstellung. Ich beeile mich und gelange irgendwie über den falschen Eingang und einen mir bisher unbekannten Nebenraum in die K6, ohne daß mein Ticket kontrolliert wird. Jetzt suche ich, unter den Rängen stehend, hektisch danach, der Sitzplatznummer wegen. Das erweist sich als umständlich, weil ich merkwürdigerweise plötzlich drei Taschen dabei habe und mir immer wieder etwas herunterfällt.

Derweil fängt das Stück an. Ich finde das Ticket nicht und mir geht auf, daß es wahrscheinlich noch an der Küchenpinnwand hängt. „Kein Problem“, denke ich, „du hast es ja online und direkt im Kampnagel-Shop gekauft. Guck einfach in deine E-Mails.“ Leider verweigert ausgerechnet in diesem Moment das Smartphone seinen Dienst.

Plötzlich fällt mir ein, daß ich überhaupt kein Ticket für die Freitags- sondern eins für die Sonntagsvorstellung habe. Ich verlasse peinlich berührt die Katakomben der K6 durch den zuvor neu entdeckten Nebenraum. Dort halten sich mehrere Personen auf. Es handelt sich augenscheinlich um Kongreßteilnehmer. Feldbetten stehen herum und man kann durch eine offene Tür einen Stall erkennen, in dem pechschwarze, zottelige Rinder gehalten werden.

Ich treffe überraschend auf flüchtige Bekannte aus dem Rheinland, darunter eine ehemalige Kommilitonin, die ich seit über 20 Jahren nicht gesehen habe. Die Gruppe begrüßt mich freudig, lacht mit mir über mein Mißgeschick und fragt mich, wo man in Hamburg am besten Tango tanzen könne. Ich muß leider passen, unterhalte mich noch eine Weile und schicke mich zum Gehen an. Da bricht ein gewaltiger Hagelsturm los, der mich zum Bleiben zwingt. Als der Hagel weicht, die Sonne wieder durchbricht und wir am Horizont einen Regenbogen sehen, der nur aus den Farben gelb, orange und rot besteht, klingelt der Wecker.

Hm.

Sind eventuell Traumdeuter anwesend?

In Concert: Das Kaiser Quartett im Golem

Wenn ich nun erzähle, daß ich vorgestern Abend im Golem war und dort Stücke unter anderem von Giorgio Moroder, Daft Punk, Chilly Gonzales und Depeche Mode hörte, daß Valeska Steiner von BOY als Gastmusikerin auftrat und zur Zugabe der schöne Satz „Das ist mir zu tonal, Alter!“ fiel, kommt man vielleicht nicht zwingend darauf, daß da ein Streichquartett sein erstes Soloprogramm vorstellte.

Das Kaiser Quartett ist allerdings kein gewöhnlicher Vertreter seiner Art. Vor zwölf Jahren als Studioensemble gegründet, wurde es einem breiteren Publikum durch zahlreiche Auftritte an der Seite von Chilly Gonzales bekannt. Und so hatte ich die Jungs zuvor schon dreimal live gehört: Als Teil der musikalischen Untermalung von „The Shadow“, im Rahmen der „Chambers“-Tour in der ausverkauften Laeiszhalle und zusammen mit Jarvis Cocker in der „Work in Progress“-Variante des Projekts „ROOM 29“, das im März 2017 offiziell Premiere feiern wird.

Am Samstag wurde bewiesen: Solo zu viert können sie auch! Das war nicht nur musikalisch fein, sondern auch darüberhinaus unterhaltsam, und vielleicht sage ich irgendwann: „Ich kannte sie ja schon, als sie noch in kleinen Clubs an der Elbe…“