In Concert: Die SHMF Klub-Nacht in der S-Bahn-Station Hamburg Airport

Daß ich mir zuletzt zu 50% wegen Ólafur Arnalds eine Nacht um die Ohren geschlagen habe, ist etwas über ein Jahr her. Dieses Mal war die Anreise nicht so lang – bis zum Airport sind es von meiner Wohnung aus nur drei Stationen mit der S1 – und bei der anderen Hälfte handelte es sich nicht um Nils Frahm, sondern um Janus Rasmussen.

Unter dem Namen Kiasmos präsentierten die beiden ein weiteres Mal ihre minimalistisch-experimentelle Version des Techno und wurden dabei unterstützt durch DJ-Sets von Melbo und Aparde. Das Außergewöhnliche bei diesem Auftritt war sowohl der Rahmen des Schleswig-Holstein Musik Festivals als auch der Veranstaltungsort, die S-Bahn-Station des Hamburger Flughafens. Zwei Sonderzüge brachten die Ticketinhaber auf den Bahnsteig, auf dem bereits Licht- und Tontechnik sowie ein DJ-Pult aufgebaut war. Die S-Bahn-Züge dienten während des Konzerts als Sitzgelegenheit und Bar und im Anschluß als Rücktransportmittel.

Laut Veranstalterangabe war die Klub-Nacht ausverkauft. Dafür befanden sich für mein Empfinden erstaunlich wenige Menschen in den Sonderzügen und auf dem Bahnsteig, der obendrein ungefähr zur Hälfte abgesperrt war. Der Stimmung tat das keinen Abbruch, wozu das longdrink- und shotlastige Getränkeangebot sicher beigetragen hat. Der Altersdurchschnitt lag erwartungsgemäß deutlich unter dem der Mehrzahl der übrigen Programmteile des Schleswig-Holstein Musik Festivals, wobei ich einige Besucher sah, die sich unter „SHMF Klub-Nacht“ möglicherweise etwas anderes vorgestellt hatten. „‚Klub‘ wie Rave, nicht das mit den Zweireihern“, wollte man Ihnen nachträglich zuraunen.

Den Anfang machte Melbo, eine gelungene Wahl. Gegen halb zwei übernahmen Kiasmos das Ruder. An dieser Stelle machte sich erneut ein Phänomen bemerkbar, welches mir zunehmend auf den Senkel geht: das Partyvolk unter den Konzertbesuchern, das in erster Linie daran interessiert ist, sich selbst zu feiern. Da betritt der Hauptact die Bühne und die gehen erst einmal Getränke holen. Ist irgendwie Krach da vorne, groovt auch gut, aber wer da steht und was wir da hören – who cares! Selfiesmile! Noch’n Wodka-Red Bull? Ups, ahahaha, Drink verschüttet, der Tante direkt auf die Füße! Lustig!

Zugegeben, ich setze da wohl zu strenge Maßstäbe an, zumal bei einer Veranstaltung, die offensiv als Party beworben wurde. Es führte jedenfalls dazu, daß ich mich nach wenigen Minuten aus der Menge an den seitlichen Rand des DJ-Pults verzog. Da war die Luft besser, ich hatte Platz, mich zu bewegen und außerdem konnte ich den Akteuren aus etwa drei Metern Entfernung direkt auf die Finger gucken.

Ólafur Arnalds und Janus Rasmussen agierten verhalten. Ein wenig mehr Animation Richtung Publikum hätte dazu beitragen können, die Aufmerksamkeitsrate zu erhöhen und die Stimmung trotz der vergleichsweise übersichtlichen Menge anzuheizen. So blieb es bei dem Eindruck, daß Publikum und Künstler während des rund 1 1/2-stündigen Sets nicht ganz zueinander fanden.

Um kurz nach drei Uhr löste Aparde das Duo ab, Schlag vier erklangen die letzten Beats und das Licht wurde angeschaltet. Binnen weniger Minuten waren Reinigungsfahrzeuge auf den Bahnsteigen im Einsatz. Die Bahnen füllten sich, die Besucher mußten allerdings noch geschlagene zwanzig Minuten auf die Abfahrt der Züge warten. Das alles hatte sicherlich gute und auch sicherheitsrelevante Gründe, erzeugte aber nichtsdestotrotz das Gefühl einer ziemlich brachialen Rückbeförderung in die Realität. Ich behalte die SHMF Klub-Nacht am Hamburger Airport daher als eine unterhaltsame und perfekt organisierte, aber auch irgendwie sterile Veranstaltung in Erinnerung.

Und was die Stimmung betrifft: Vielleicht sollte ich irgendwann mal einen Kiasmos-Gig außerhalb von Hamburg besuchen. Da ist eindeutig noch Luft nach oben.

In Concert: Philip Glass zum 80. in der Elbphilharmonie

Wie das immer so ist: Erst passiert ewig nichts und dann alles auf einmal. Mein zweiter SHMF-Konzertbesuch ist noch immer unverbloggt, dabei war das schon vor einer Woche. Höchste Zeit, es nachzuholen.

Als ich irgendwann im Februar das aktuelle Programm des Schleswig-Holstein Musik Festivals in die Hände bekam, war aus diesem „Philip Glass zum 80.“ mit Daniel Hope und dem hr-Sinfonieorchester unter der Leitung von Hugh Wolff das eine Konzert, für das ich unbedingt eine Karte haben wollte. Mit Blick auf den Veranstaltungsort verpuffte meine Euphorie jedoch schlagartig. „Keine Chance“, dachte ich, „auf die Elphi-Konzerte werden sich Sponsoren und Vereinsmitglieder stürzen wie die Geier. Das kannste gepflegt knicken.“ Ich verdrängte meine Enttäuschung, suchte mir drei andere Perlen aus dem Programm, bestellte und bekam, was ich sehen und hören wollte.

Ganz aus dem Kopf schlagen konnte ich mir das Traumkonzert jedoch nicht, weswegen ich ein paar Wochen später die Wartelistenoption warnahm und zu meiner großen Überraschung und Freude berücksichtigt wurde. Man soll halt nie vorzeitig die Flinte ins Korn*) werfen.

Zu Beginn des Abends begrüßte Dr. Christian Kuhnt, Intendant des SHMF, die Anwesenden und bekannte, schon vor Jahren davon geträumt zu haben, in der dann neu erbauten Philharmonie einen Philip Glass-Abend veranstalten zu dürfen. Zunächst aber hatte Maurice Ravel mit „Une barque sur l‘ océan“ das Wort. Als Intro für Philip Glass mag diese Wahl etwas ungewöhnlich anmuten, ist aber insofern sinnig, als das Ravel in diesem Jahr im Fokus des Festivals steht. Und ein schönes Stück ist es ohne Frage.

Es war mein erstes Zusammentreffen mit dem hr-Sinfonieorchester unter Hugh Wolff, für mich zuvor ein unbeschriebenes Blatt, und ich entwickelte eine Spontansympathie schon nach wenigen Takten. Diese vertiefte sich noch durch die weiteren Programmpunkte des Abends, dem 1. Violinkonzert und der 1. Sinfonie („Low Symphony“) von Philip Glass sowie der Zugabe „Alborada del Gracioso“, wiederum von Maurice Ravel.

Solist beim Violinkonzert war Daniel Hope, und eigentlich bin ich ja Fan. Aber auch ohne das Stück vorher gehört zu haben, fiel mir auf, daß das Zusammenspiel mit dem Orchester an einigen Stellen nicht ganz synchron war. Auf der Suche nach Beurteilungen anderer stieß ich auf zwei nahezu gegensätzliche Kritiken: „hpe“ lobt in der „Welt“ den Solisten und schmäht das Orchester – ok, die Trompete habe ich auch gehört, aber das war wirklich der einzige Patzer, der mir in Erinnerung geblieben ist -, während Verena Fischer-Zernin im „Hamburger Abendblatt“ meine Beobachtungen bestätigt. Es ist schon faszinierend, wie unterschiedlich Menschen Kulturereignisse wahrnehmen. Von Kritikern ganz zu schweigen.

Wie dem auch sei, Hopes Zugabe merzte den zwiespältigen Eindruck im Anschluß gänzlich wieder aus. Er spielte das Kaddish von Maurice Ravel und widmete es dem kürzlich verstorbenen Sir Jeffrey Tate. Ein Stein, der da keine Träne im Knopfloch hatte.

Als kleinen Nebeneffekt habe ich durch die Wartelistenlotterie übrigens in Erfahrung bringen können, auf welchen Plätzen man im Großen Saal sowohl perfekt sehen als auch sehr gut hören kann. Leider sind es mit die teuersten, wodurch dieser Genuß künftig die Ausnahme von der Regel bilden wird.


*) Apropos, falls jemand eine (seriöse) Kartenquelle fürs Tingvall Trio weiß, Termin: 8. 11. 2017 in der Elbphilharmonie: bitte melden!

Musik liegt in der Luft

Hamburg-Winterhude. Hinter dem Planetarium zerparkt Mousse T. den gerade erst frisch wieder angewachsenen Grünstreifen. Zugegeben, es ist eine schicke Karre – Maserati hat häßlichere Autos gebaut – und der Mann ist in guter (bzw. schlechter) Gesellschaft, wie die zahlreichen Reifenspuren beweisen. Dennoch, nicht sehr gentlemanlike, Herr von und zu! So weit ist der Parkplatz nicht entfernt. Und wer keinen Fahrer hat, darf ruhig auch mal ein paar Schritte zu Fuß laufen.

"DJ, wir wissen, wo Dein Auto steht!"
„DJ, wir wissen, wo Dein Auto steht!“

Damit beende ich die Lästerei, sonst macht es morgen abend am Ende noch „Meeep!“ bei der Ticketkontrolle und ich werde nicht reingelassen. Das wäre fatal, immerhin steht das erste Mousse T./Schiller/Marionneau nach 3 1/2 Jahren an. Ich schmunzele immer noch ein bißchen über die Veranstaltungsankündigung von heute morgen, die mir die Facebook-App ungefragt aus dem Französischen übersetzte: „T-Schaum./Schiller/Marionneau“. Immer, wenn ich glaube, daß ich endlich alle Automatismen abgestellt habe, die mir den Newsfeed versauen, denken sich Zuckerbergs Schergen eine neue Finte aus. Wenigstens hat mir diese einen Lacher entlockt.

Auf der anderen Seite des Stadtparks kündigen Fury in the Slaughterhouse einen Konzeptabend an. „30 Jahre Fury, 30 Songs. Ich hoffe, ihr habt Zeit mitgebracht!“ Es erklingt das Intro von „Radio Orchid“. Ich singe die erste Strophe und den Refrain mit, bis ich außer Hörweite bin.

12 von 12 im Juli

Mit der Panasonic-Systemkamera, die ich im letzten Jahr gekauft habe, bin ich leider nie so richtig warm geworden. Also verkaufte ich sie kurz entschlossen wieder und bestellte mir eine Nachfolgerin. Die neue X-T20 von Fujifilm sollte es werden. Auf die Idee sind dummerweise viele, viele andere Menschen auch gekommen, weswegen es zurzeit massive Lieferprobleme gibt. Ich warte jetzt schon über vier Wochen und da zeitgleich meine alte Spiegelreflex den Dienst quittierte, mußte ich auch schon das letzte „12 von 12“ größtenteils mit der Handyknipse improvisieren. Was bei ordentlichem Sommerwetter wenig problematisch ist.

Hamburger Sommer
Hamburger Sommer

Nur ist damit heute wohl nicht zu rechnen.

Capitalism
Capitalism

Auf dem Weg zur Arbeit. An der großen Kreuzung hängt eine Gipfelhinterlassenschaft. Ich spare mir jeden Kommentar dazu.

Wahlkampf
Wahlkampf

Selbst wenn man alle einschlägigen Medienkanäle meidet, kommt man in Hamburg nicht darum herum, daß Wahlkampfzeit ist. In Barmbek bietet Johannes Kahrs (SPD) eine politische Kanalfahrt an, in der Neustadt lädt Farid Müller (Grüne) zum Kaffeetrinken. „Auch älter geworden“, denke ich beim Anblick seines Konterfeis. Je nun, es geht den Menschen wie den Leuten.

Tagesform
Tagesform

Das ist mein Büroschlüssel und außerdem ein treffliches Symbolfoto für meine aktuelle und leider bloguntaugliche Arbeitssituation. Ich habe früher nicht verstanden, warum manche Blogger nahezu wahnsinnig werden, wenn sie über Dinge nicht öffentlich schreiben können. Inzwischen kann ich das sehr gut nachvollziehen.

Budni-Tasche
Budni-Tasche

Die Mittagspause nutze ich zum Einkaufen. Das ist die kleine Recycling-Tasche von Budni. Extrem praktisch und hübsch ist das aktuelle Design obendrein. Das Vorgänger-Modell mit der Aufschrift „beautybox“ war ja nicht so meins.

Alsterschwan

An der Kleinen Alster läuft das Geschäft für die Schwäne wetterbedingt eher schleppend.

Yet another Gerüstaufbau
Yet another Gerüstaufbau

In Hamburg ist nach dem (Groß-)Event immer auch vor dem (Groß-)Event. Kaum ist der Gipfelspuk vorbei, droht am kommenden Wochenende schon wieder ein Triathlon und der Schlagermove.

Feierabend

Feierabend. (Uff.)

Schnell die Laufschuhe an und ab in den Stadtpark, bevor die nächste Dusche von oben kommt. Wenn mich auf der Strecke ein Schauer erwischt, stört mich das wenig. Aber im Regen loszulaufen find ich blöd.

Blau!
Blau!

Unterwegs geschieht das Wunder: Der Himmel reißt auf, die Sonne kommt durch. Hurra!

Gib mir den Rest
Gib mir den Rest

Fundstück auf dem Rückweg. Da ist wohl etwas gründlich schiefgelaufen.

Harzfeuer
Harzfeuer

Im Balkongarten ist die Dschungelphase mittlerweile in vollem Gange.

Buddenbrooks
Buddenbrooks

Mein Lübeck-Ausflug am Wochenende hatte Spätfolgen. Der Einband dieser ausnehmend schöne Sonderausgabe (für nur 14,00 Euro!) ist dem der ersten einbändigen Ausgabe aus dem Jahr 1903 nachempfunden. Die „Buddenbrooks“ waren 1901 zunächst in zwei Bänden erschienen, des voluminösen Umfangs wegen. Aus der Entstehungsgeschichte ist ein Briefwechsel zwischen Autor Thomas Mann und Verleger S. Fischer erhalten, der in der Dauerausstellung des Buddenbrookhauses Erwähnung findet. Meine Lieblingspassage daraus:

Glauben Sie, dass es Ihnen möglich ist, Ihr Werk um etwa die Hälfte zu kürzen, so finden Sie mich im Prinzip sehr geneigt, Ihr Buch zu verlegen. Ein Roman von 65 eng geschriebenen Bogen ist für unser heutiges Leben fast eine Unmöglichkeit; ich glaube nicht, ob sich viele Menschen finden, die Zeit und Conzentrationslust haben, um ein Romanwerk in diesem Umfange in sich aufzunehmen.

S. Fischer an Thomas Mann, 26. 10. 1900

Man beachte das Datum. Ich bin sehr gespannt, ob ich die Conzentrationslust aufbringen kann, das Buch komplett zu lesen. Heute abend wird das allerdings nichts mehr. Was jetzt noch geht: Kochen, essen, bloggen, Bett. Fertig.

Fortsetzung folgt (im August).


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In Concert: DenManTau im Knust

Es kommt nicht oft vor, daß ich auf der Straße eine Band mit eigenen Songs höre, die mich vom Fleck weg begeistert. Genau genommen ist das erst zweimal passiert. Das erste Mal ist ziemlich lange her, 1995 oder 1996 muß das gewesen sein. Die Truppe hieß Tonic (später Woodhall Four), stammte aus Großbritannien und gewisse Anklänge an die frühen Beatles waren nicht zu überhören. Der Bassist trug eine Brille im Stile der 60er, sah immer äußerst lässig aus und stand nicht neben, sondern auf seinem kleinen Verstärker. Bei den Konzerten in der Kölner Innenstadt drängelten sich die Menschen. Ich kaufte den Jungs eine CD ab; der Song „6:45am“ wurde zu meinem persönlichen Sommerhit. Bald gab es auch überdachte Auftritte, eine zweite Scheibe erschien. Leider verschwanden die vier kurz danach plötzlich von der Bildfläche. Später habe ich eine Hälfte des Quartetts wieder auf der Straße spielen sehen.

Das zweite Mal war im Januar 2014. Nach einem langen Elbspaziergang stieß ich an den Landungsbrücken zufällig auf DenManTau. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich andere Dinge im Kopf und völlig andere Musik auf den Ohren, aber an DenManTau konnte man nicht vorbeilaufen. Das Durchschnittsalter der Bandmitglieder konnte höchstens um die Mitte 20 betragen, dennoch standen da ganz eindeutig Profis auf dem Pflaster.

Ich hielt die Augen offen, verpaßte aber in der Folge jeden weiteren Auftritt in Hamburg und Umgebung. Als DenManTau wenig später in die USA auswanderten, um „die erste Band auf dem Mond“ zu werden, ärgerte ich mich mächtig. „Die siehst Du nie wieder“, dachte ich, „außer, Du fliegst nach Kalifornien.“

Umso erfreuter war ich, als ich Anfang der Woche und somit gerade noch rechtzeitig von der Deutschlandtour unter anderem mit Station im Knust erfuhr.

Ich sag’s mal so: Zum Mond werden die fünf es wohl nicht schaffen. Aber alles andere drunter wär schon drin.

In Concert: Abschied von Sir Jeffrey Tate

Eigentlich mache ich das nicht.

Wenn ich auf dem Lotsenschoner No. 5 Elbe als Crew eingeteilt bin, bin ich als Crew eingeteilt. Das heißt unter anderem: Mindestens zwei Stunden vor Abfahrt an Bord zu sein und nach dem Anlegemanöver gemeinsam aufzuklaren. Noch vor dem Anlegebier und ohne sich ordentlich zu verabschieden fluchtartig das Schiff zu verlassen, war nach etwas mehr als 11 Jahren Vereinszugehörigkeit ein Novum und soll auch die Ausnahme bleiben. Ebenso nach einem schweißtreibenden Segeltag ungeduscht und nur notdürftig zurechtgemacht mit der großen Tasche unterm Arm in neuer persönlicher Bestzeit für die Strecke Sandtorhafen – Johannes-Brahms-Platz die Laeiszhalle zu entern.

Wäre da nicht das Abschiedskonzert für Sir Jeffrey Tate gewesen.

Nach zwei Orchesterkonzerten des damals noch NDR Sinfonieorchesters auf Kampnagel trieb es mich im September 2014 erstmalig zu den Hamburger Symphonikern. Zunächst des Programmes wegen: „Die Planeten“ von Gustav Holst hatte ich zuvor schon in Auszügen gehört und war nun darauf erpicht, das Werk in seiner Gesamtheit genießen zu können. Ich buchte einen Platz vorne rechts im 1. Rang und erwarb dadurch einen ungeahnten Nebeneffekt: Man kann von dort zwar nicht das Orchester in seiner Gesamtheit, dafür aber dem Dirigenten ins Gesicht sehen.

Was man während eines Konzerts in Sir Jeffrey Tates Mienenspiel erkennen konnte, hat Daniel Kühnel in seiner Trauerrede heute abend besser in Worte gefaßt, als ich es zu tun vermag. Insbesondere dieses erste Konzert bleibt für mich unvergeßlich: Ich überwand die mittelschwere Befremdung ob der damals für mich noch ungewohnten Konzertsaal-Atmosphäre und des jedes denkbare Klischee erfüllenden Abo-Publikums um mich herum und war vollkommen fasziniert. Knapp zwei Monate später war ich wieder vor Ort. Dann nochmal (der Holmboe! der Sibelius!). Und wieder. Schließlich auch bei den Philharmonikern und den Stummfilmkonzerten. Als nächstes entdeckte ich das Schleswig-Hostein Musik Festival und mittlerweile sind Symphonie- und andere Orchesterkonzerte aus meinem musikalischen Jahreskalender nicht mehr wegzudenken.

Bei meinem letzten Konzertbesuch in der Laeiszhalle hatte mich die anfängliche und in der Hauptsache umgebungsbedingte Befremdung zwar wieder eingeholt. Dieser Umstand schmälert indes weder meine Bewunderung noch meinen Respekt und erst recht nicht meine Dankbarkeit gegenüber einer herausragenden Künstlerpersönlichkeit.

Fair winds, Sir Jeffrey. See you on the other side.

12 von 12 im Juni

Diesen Monat habe ich es endlich wieder geschafft! Es sind zwölf Bilder für den Juni zusammengekommen.

Ein stinknormaler Montag: Weckerklingeln – wie meistens gefühlt viel zu früh -, Aufstehen, Dusche, Frühstück, Arbeitsweg.

Die S-Bahn-Haltestelle und die angrenzende Straße bilden momentan eine riesige Baustelle, die der Nachbarschaft bis weit ins nächste Jahr erhalten bleiben wird. Einige Mitmenschen nutzen die Situation zu Kommunikationszwecken, wie dieses zauberhafte Beispiel an der Hilfstreppe zu den Gleisen beweist.

Dialog
Dialog

An der Ausstiegsstation bewirbt das Archäologische Museum die neueste Sonderausstellung. Der Zusammenhang zwischen Archäologie und den „Mom-Enten der Weltgeschichte“ ist mir zwar nicht ganz klar, aber sei’s drum. Sieht nach Spaß aus.

Duckomenta
Duckomenta

Für den späteren Tagesverlauf ist fieses Wetter angesagt. Davon ist am Himmel noch nichts zu sehen.

Himmelsblau an Rotklinker
Himmelsblau an Rotklinker

Vorm Büro steht der Eierlieferant, der regelmäßig das gegenüberliegende Hotel anfährt. Ob da wohl alles heil geblieben ist?

Alle Größen
Alle Größen

Im Büro warten die Seekarten. Vor allem aber die Kunden. Bis zum Mittag bleibt keine Zeit für (weitere) Fotos.

D 48
D 48

In der Pause habe ich einen Termin bei der Bank. Da hat am Samstag eine kuriose Überraschung im Briefkasten gelegen, die der Klärung bedarf. Ich bin sehr gespannt, was dabei herauskommt.

Wenn's um Geld geht
„Wenn’s um Geld geht…“

Auf dem Rückweg laufe ich an der Schlange vor dem Ticketshop des Hamburger Abendblatts vorbei. Um 10 Uhr hatte der Vorverkauf für die Saison 2017/18 begonnen. Der ungebrochene Run auf die Elbphilharmonie-Tickets sorgt offenbar auch stationär für lahmende Systeme.

Elphi-Schlange
Elphi-Schlange

Ein paar Meter weiter hat die Litfaßsäule heute leider keine Veranstaltungstipps für mich. Montag halt.

Reset
Reset

Derweil wird am Steigenberger mal wieder gefilmt. Die Hamburger Neustadt ist als Location sehr beliebt, nicht nur bei der Crew des „Großstadtreviers“.

Filmreif
Filmreif

Der Rest des Arbeitstages vergeht wie im Flug. Auf dem Nachhauseweg versuche ich, den Krimifaden weiterzuspinnen. Es gelingt mir nur mäßig.

With No One As Witness
With No One As Witness

Da die S-Bahn nicht wollte, bin ich kurzfristig auf die U-Bahn umgestiegen. Das bedeutet ab dem Bahnhof Barmbek entweder zwei Stationen mit dem Bus oder einen rund zehnminütigen Fußweg. Ich entscheide mich für letzteres. Dabei fällt mir ein Protestplakat ins Auge.

Stoppt U5
Stoppt U5

Den Ausbau von straßenunabhängigem ÖPNV finde ich zwar grundsätzlich super. Blöd ist nur, daß man so große, langwierige, staubige und mit Lärmbelästigung verbundene Löcher dafür buddeln muß.

Zuhause angekommen mache ich einen kurzen Balkongartencheck. Die Tomaten sind kurz vor dem Stadium, das ich als Dschungelphase bezeichne. Noch kann ich durchs Küchenfenster gucken. Das wird sich bald ändern.

Welcome to the Jungle
Welcome to the Jungle

Der Tag war anstrengend. Der Abend wird entsprechend kurz ausfallen und undokumentiert bleiben.

Fortsetzung folgt (im Juli).


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In Concert: Elbjazz 2017

Zum Elbjazz-Festival kam ich sehr spät – nämlich erst 2014 – und sehr spontan. So spontan, daß zunächst keine Gelegenheit blieb, sich vorab mit dem Programm zu beschäftigen. Ohnehin stand der Jazz als Genre zu dieser Zeit auf meiner Liste nicht sehr weit oben. Ich ließ mich also mitziehen, ganz ohne Erwartung, und wurde positiv überrascht. Entsprechend angefixt war ich im Jahr darauf wieder dabei. Ich erinnere zahlreiche Highlights aus dem Programm, scheiterte aber – abgesehen vom Wetter, für das keiner etwas kann – an einer überambitionierten „Möchte ich unbedingt sehen“-Wunschliste in Kombination mit dem zeitweise stockenden Barkassen- und Busshuttle zwischen den verstreuten Veranstaltungsorten. Insbesondere das Hafenmuseum erwies sich als Sackgasse; effektives Pendeln zum Werftgelände von Blohm+Voss und retour war praktisch unmöglich.

Für den diesjährigen Neustart nach der Festivalpause nahm ich mir daher vor, größere Zeitpuffer einzubauen, bevorzugt shuttleunabhängige Transfermöglichkeiten zu nutzen, mich am Hallenprogramm (und nicht an den Headlinern) zu orientieren und im Zweifel konsequent vom vorgefaßten Plan abzuweichen – alles unter dem Motto „Weniger ist mehr“.

Tag eins

Ich startete am Freitag abend mit Beady Belle & Bugge Wesseltoft. Der Mann an den Tasten hielt sich vornehm zurück, was in der vorliegenden Konstellation zwar nachvollziehbar, für mich jedoch ein wenig enttäuschend war. Nichts gegen die Dame – phantastische Stimme! -, nur trafen die Songs nicht ganz meinen Geschmack. Aber dann kam Joshua Redman für ein Stück mit auf die Bühne. Highlight-Alarm! Ich schmiß auf der Stelle meine Planung um, um ihn eine Stunde später mit seinem Trio an gleicher Stelle erleben zu können. Eine sehr gute Entscheidung.

Eingedenk der Wegstrecke entschied ich mich anschließend, Richtung St. Katharinen aufzubrechen, um dort noch rechtzeitig zum Konzert von ALA.NI einzutreffen – gewissermaßen die Zwischenstation vor dem fest reservierten Mitternachtstermin in der Elbphilharmonie. Es half dabei sehr, gut zu Fuß und obendrein ortskundig zu sein. Über die Künstlerin wußte ich nichts und der Billie Holiday-Vergleich in der Ankündigung hatte bei mir reflexartig Skepsis ausgelöst. Im Falle von ALA.NI komplett unnötig. Diese Stimme vergißt man nicht so leicht – Gänsehaut pur! Die Akustik des Kirchenschiffs tat das Übrige hinzu, überhaupt, St. Katharinen! „Klug, mutig, schön“ – eine traumhafte Location. Was mich ein wenig abgelenkt hat, war das kleinmädchenhafte Gehabe der Dame. Das nervt mich tendenziell, bei solchen Gelegenheiten frage ich mich immer: Ist das Masche, gehört das zur Marke oder ist die wirklich so?

Aber dann stimmte sie auch schon den nächsten Song an und das ganze Drumherum wurde ganz und gar nebensächlich.

Der Weg von St. Katharinen zur Elbphilharmonie ist kurz und so hatte ich genügend Muße, mich zum Abschluß des ersten Festivaltages auf mein mittlerweile siebtes Konzert im Großen Saal einzustimmen.

Daß die Elphi-Konzerte des Elbjazz nur über Vorreservierung zugänglich waren, ist einerseits verständlich, widerspricht aber auf der anderen Seite dem Grundgedanken des Festivals. Die Tickets gab es nur über den sehr rechtzeitig zu tätigenden Vorverkauf, man mußte sich weit vor Termin festlegen und viele der angekündigten Künstler traten ausschließlich dort auf. Ich hatte mich also im Vorfeld nicht nur für Christoph Spangenberg entscheiden müssen, sondern auch gegen Jan Garbarek. Immerhin, als „Early Bird“-Ticketkäuferin konnte ich alle Optionen nutzen und hatte dann auch noch Losglück bei der Platzverteilung: Bereich 13 I bedeutet noch nicht hinter, sondern seitlich von der Bühne und ziemlich nahe dran zu sitzen.

Spangenberg spielt Nirvana – nicht der erste Programmpunkt, bei dem man sich fragen kann: Was hat das mit Jazz zu tun? Wobei es letztlich auf das musikalische Ergebnis ankommt, unabhängig davon, ob es sich um originäre Jazzstücke oder -standards handelt oder eben nicht. Spangenbergs Interpretationen hingen an der Grenze, aber doch, es paßte schon. Von mir aus hätten sie im Schnitt noch ein bis zwei Stufen dreckiger sein können. Vielleicht war die relative Zuckrigkeit doch der Tatsache geschuldet, daß Spangenberg im Gründungsjahr von Nirvana (1989) gerade ein Jahr alt war und sich den Grunge gewissermaßen nachträglich erarbeiten mußte. Der besonderen Atmosphäre des Konzerts zur Geisterstunde tat das keinen Abbruch. Im Gegenteil.

Dazu kam das surreale Element. Als das Nirvana-Album „Nevermind“ in den Charts stand, war ich kurz vorm Abitur. Hätte mir damals jemand gesagt, daß ich 26 Jahre später im Großen Saal einer nach allen Regeln der Kunst neu erbauten Hamburger Philharmonie sitzen und diesen Songs in einer Version für Konzertflügel lauschen würde, ich hätte wohl ohne Umschweife mit „Was hast Du denn geraucht?!“ gekontert.

Tag zwei

Ich schaffte es gerade rechtzeitig zurück aufs Gelände, um noch ein halbes Stündchen der Band Mörk zuhören zu können. Sehr dynamisch, aber hier bleibe ich streng: Mit Jazz hatte das wenig gemein. Wie übrigens abends zuvor auch die Musik von Agnes Obel, deren Auftritt auf der Hauptbühne ich zugunsten von ALA.NI ausgelassen hatte.

Beim zweiten Konzert des Tages hatte ich mich glücklicherweise an der Elbjazz-App orientiert: Der einstündige Auftritt von Vincent Peirani & Émile Parisien auf der neuen NDR Info Radio Stage wurde zwar sowohl dort als auch auf der Webseite angepriesen, war aber nicht im Programmheft abgedruckt. Aus dem Bauch heraus entschied ich, mir bereits vierzig Minuten vor Beginn einen Sitzplatz zu sichern. Keine dumme Idee, wie sich bereits rund zwanzig Minuten später herausstellte. Und was für ein sensationeller Auftritt war das! Vincent Peirani am Akkordeon und Émile Parisien am Sopransaxophon demonstrierten eindrucksvoll mit Witz und Können, daß miteinander zu musizieren im Idealfall eine ausnehmend intensive Kommunikationsform darstellt. Insbesondere Parisien zeigte dabei vollen Körpereinsatz. Mein persönlicher Elbjazz-Höhepunkt.

In der Schiffbauhalle 3 wurde nebenbei bewiesen, daß man nicht nur bei klassischen Stücken an den falschen Stellen klatschen kann. Eine kleine Herausforderung für die Radiocrew, denn ein Großteil der Interaktion zwischen Künstlern und Publikum an diesen Stellen kommt im Mitschnitt naturgemäß unter die Räder.

Mein nächstes Ziel war der Auftritt von Dhafer Youssef in der Alten Maschinenbauhalle. Auch hier sicherte ich mir sehr rechtzeitig einen guten Stehplatz nahe der Bühne, denn leider war dort für den Festivalsamstag die Bestuhlung abgebaut worden. Stilistisch kam ich zwar nicht ganz mit, aber der Gesang! Beeindruckend.

Blieb nur noch eine halbe Stunde bis zum Konzert von Greogry Porter & Band auf der Hauptbühne. Der Headliner bekam anders als die übrigen Künstler einen anderthalbstündigen Slot ganz am Ende des zweiten Festivaltags – zu Recht. Das ist schon amtlich, was der Mann da abliefert. Unterstützt wurde Porter vom Kaiser Quartett, welches ich aus der Ferne allerdings kaum hören konnte. Überhaupt schien der Sound gedrosselt zu sein. Von den seitlichen Rändern der Bühne aus war der Auftritt akustisch so gut wie nicht zu verfolgen, ganz anders als noch bei Mörk am Nachmittag. Aufgrund des Gedränges im Vordergrund sicherte ich mir einen halbwegs akzeptablen Hörplatz in einem der NDR Info-Liegestühle, um mich dann knapp vor Konzertende aus dem Staub zu machen, dem Massenaufbruch erfolgreich zuvorkommend. Ich hätte noch Lust gehabt, zu Mousse T. in den Mojo Club zu gehen, aber der tote Punkt erwischte mich auf halber Strecke zwischen dem alten Elbtunnel und der Reeperbahn.

Prädikat unterm Strich: Gelungene Wiederaufnahme! Diesmal spielte sogar der Himmel mit. Wenn nichts dazwischenkommt, bin ich 2018 wieder dabei.

Wetterchen
Wetterchen

Einen Wunsch habe ich fürs nächste Mal: Früher war mehr Klavier beim Elbjazz. Da geht doch sicher noch was – looking at you, Karsten Jahnke!

Meanwhile on the Balcony

  • Rucola „Wild West“,
  • Ringelblumen,
  • Pflücksalat „Drunken Woman“,
Drunken Woman
Drunken Woman
  • Erbeeren: 3x „Ostara“, 3x „Mieze Schindler“,
  • Tomaten: 2x „Harzfeuer“, 1x „Namenlos“ „Micro Cherry“,
Strawberry Fields
Strawberry Fields
Harzfeuer
Harzfeuer
  • Paprika „Orange Bell“
  • Thymian
  • Schnittlauch,
Sgt. Pepper
Sgt. Pepper
Schnittlauch
Schnittlauch
  • rotes Basilikum,
  • Kapuzinerkresse,
  • Borretsch,
  • Rosmarin und
  • anderthalb Hibiskusse.

In Concert: Die Elph-Cellisten mit J’nai Bridges in der Elbphilharmonie

Wenn ich jetzt sage, daß das Beste an den Elph-Cellisten die Sängerin war, klingt das nicht nur komisch, es ist auch ziemlich unfair: Unter dem Titel „A Cello Affair“ demonstrierten die Cellisten des NDR Elbphilharmonie Orchesters am vergangenen Montag in der Elbphilharmonie eindrucksvoll die Bandbreite ihres Könnens. Nach anfänglicher Zurückhaltung drehte das Ensemble spürbar auf, was sich insbesondere in den teilweise durch den Einsatz von diversem Schlagwerk aufgepeppten lateinamerikanischen Stücken manifestierte. Der Tango „Bien al Mango“ von Raúl Garello und „La Peregrinación“ von Ariel Ramírez gefielen mir von diesen am besten.

Dennoch, sobald J’nai Bridges die Bühne betrat, schrumpften die Elph-Cellisten beinahe zwangsläufig zur Begleitband. Was für ein Auftritt, was für eine Präsenz, was für eine Stimme! Fünf gemeinsame Stücke standen auf dem Programm, darunter auch Gershwins „Summertime“, was mich besonders bezauberte. Dazu trug ganz wesentlich das wunderschöne, an die Version von Ella Fitzgerald und Louis Armstrong angelehnte Arrangement von Valentin Priebus bei.

Als schließlich zur zweiten Zugabe ein James Bond-Medley angespielt wurde, blieb nur noch die Frage: „Diamonds are forever“ oder „Goldfinger“? Das Intro und J’nai Bridges‘ Garderobenwechsel gaben die Antwort beinahe simultan.

Golden words he will pour in your ear
But his lies can’t disguise what you fear
For a golden girl knows when he’s kissed her
It’s the kiss of death from

Mister Goldfinger

Und dazu hätte man ihr dann doch – nur ganz kurz, für die Dauer des Songs! – ein großes Orchester gewünscht.