Wer suchet, der findet

Worauf ich mich ja besonders gefreut hatte beim Start dieses Blogs: Endlich eine eigene „Service für Google-Suchende“-Rubrik aufmachen zu können. Bei anderen hatte ich dazu schon viele unterhaltsame Beispiele entdeckt, insbesondere drüben bei Isabel.

Jetzt sind die Besucherzahlen im Susammelsurium weiterhin äußerst moderat, was mich grundsätzlich nicht stört. Nur werden Suchbegriffe zwar gezählt, mir aber überwiegend als „unbekannt“ angezeigt. Aus dem kläglichen, im Klartext angezeigten Rest tauchte beispielsweise „thor steinar barmbek“ auf, wohl des Artikels über die neuen Nachbarn wegen. Daran ist wenig Lustiges zu finden. Die „#30daymusicchallenge“ war dabei, es wurde nach „katrin seddig“, „archäologisches museum hamburg ausstellungsstücke“ sowie „das buch der wunder stefan beuse empfehlung“ geforscht und sogar nach dem „susammelsurium“ höchstselbst. Alles überaus vernunftvoll und zielgerichtet und somit wenig ergiebig für phantasievolle Interpretationen.

Bis gestern! Endlich!

Wie Google es hingebogen hat, daß dieses Blog bei der Suche nach „elbphilharmonie toilettenplan“ angezeigt wurde, ist mir tatsächlich schleierhaft. Aber die Wege der Algorithmen sind nicht immer erforschlich. Das weiß jeder, dem auf Facebook schon einmal abstruse Gruppenmitgliedschaften angetragen wurden. Wie oft habe ich dabei schon gedacht, daß ich mich beruhigt zurücklehnen kann: Vom gläsernen Konsumenten scheinen wir doch bisweilen noch weit entfernt. Wer mir allen Ernstes vorschlägt, der Gruppe „Tantra Dating“ beizutreten, kann unter Berücksichtigung meines vergleichsweise hohen digitalen Freizügigkeitsgrads bisher nicht weit gekommen sein bei der Datenauswertung.

Andererseits war ich gerade vorgestern in der Elbphilharmonie und saß dabei erstmalig in der 16. Etage. Als ich zwischen Einführung und Konzert „nur noch einmal schnell“ ums Eck gehen wollte, stellte ich fest, daß es a. auf der 16. gar kein stilles Örtchen gibt und b. auf der 15. die Damentoilette nur aus zwei Kabinen besteht. Da wäre ein vollständig entschüsselter Toiletten- und Treppenhausplan vor meinem inneren Auge durchaus sinnvoll gewesen. Dem war leider nicht so, weshalb ich mich nach bummelig 15 Minuten Kloschlange ziemlich beeilen mußte, um rechtzeitig zum Konzertbeginn wieder im Großen Saal zu sein. Ich hatte es zwar in Erwägung gezogen, aber geschrieben habe ich darüber nicht in meinem Blogpost über Beethovens Neunte in der südamerikanischen Fassung. Keine Zeile. Nicht mal im Entwurf. Das bringt mich dann ja doch ins Grübeln.

Im Labyrinth
Im Labyrinth

Aber wir wollen den Service nicht vergessen. Einen Toilettenplan der Elbphilharmonie habe ich leider nicht ausfindig machen können, aber immerhin man kann sich via Google Street View in den Foyers verirren. Ungefähr genausogut wie in echt.

Gern geschehen!

In Concert: Gustavo Dudamel und das Orquesta Sinfónica Simón Bolívar in der Elbphilharmonie

Gustavo Dudamel und das Orquesta Sinfónica Simón Bolívar haben Beethoven durchgespielt, und zwar im Wortsinne: Unter der Überschrift „¡Viva Beethoven!“ standen in der Elbphilharmonie in den vergangenen fünf Tagen alle neun Sinfonien auf dem Programm.

Wem der Name Dudamel nichts sagen sollte, der möge sich doch kurz das folgende Video anschauen:

Gut, ganz so turbulent wie Leonard Bernsteins „Mambo“ war es dann doch nicht bei der Neunten. Aber südamerikanisches Feuer in Kombination mit Beethoven, holla, ich sage es euch. Da geht was! Sogar in Hamburg. Standing Ovations, Begeisterung, Jubel!

Gustavo Dudamel, das weiß ich nun also auch aus eigener Anschauung, ist ohne Frage eine Ausnahmeerscheinung. Und zwar eine mit Suchtpotential. Ich habe bisher noch keinen Dirigenten erlebt, der ohne Partitur auskommt, dessen Musikleidenschaft in einem solchen Ausmaß mitreißt und dessen Körpersprache derart im Einklang mit dem dirigierten Stück steht. Dudamel führt Musiker per Schulterzucken präziser und eindeutiger als andere mittels ausladender Armbewegungen. Selbst jemand ohne (klassische) Konzerterfahrung hätte diese Verbindung sehen und hören können.

Apropos hören können, es stimmt, was inzwischen allgemein Verbreitung gefunden hat: Auf den billigen Plätzen bekommt man den besten Elphi-Sound. Wobei es auch unterm Dach noch reichlich gläsern klingt, was ich weiterhin gewöhnungsbedürftig finde. Ein gewisser Herr, den ich einst besser kannte, würde vermutlich etwas in Richtung „untere Mitten… ausbaufähig“ gemurmelt haben. Aber geschenkt. Meine Ohren können da mit.

Die 16. Etage
Die 16. Etage

Das Programmheft hielt zu alledem noch eine Überraschung bereit, denn aus luftiger Höhe und nach mehr als 25 Jahren hätte ich ihn ansonsten wohl nicht erkannt: Neben Orchester, Dirigent und den vier Solisten trat der Chor der EuropaChorAkademie an, gegründet und geleitet von Joshard Daus. Unter ihm habe ich auch schon einmal singen dürfen, damals, im Konzertchor des Städtischen Musikvereins in Lippstadt. Die „Schöpfung“ war’s. Und beinahe auch die „Carmina Burana“, hätte ich nicht damals unmittelbar vor Konzertbeginn ganz spontan mein Abendessen im hinteren Bereich der Bühne… aber so genau will das sicher niemand mehr wissen. Viel wichtiger ist eh die Frage, wie ich den „Freude, schöner Götterfunken“-Ohrwurm je wieder losbekommen soll.

¡Muchas Gracias, Maestro!

Theater, Theater: „Just call me God“ in der Elbphilharmonie

Wenn ich mich recht erinnere, lief bereits zur Spielzeit 2009/10 ein Konzertprogramm in Hamburg, welches unter dem Stichwort „Elbphilharmonie“ vermarktet wurde. Teil dieses Programms waren zwei Aufführungen des Stücks „The Infernal Comedy“, eine grandiose One-Man-Show von, für und mit John Malkovich. Aus sattsam bekannten Gründen fanden diese seinerzeit nicht in der Elbphilharmonie, sondern im Schauspielhaus statt.

Nicht weniger als eine weitere solche One-Man-Show erwartete ich knapp sieben Jahre später von „Just call me God“, der mittlerweile dritten Produktion des Trios Malkovich/Sturminger/Haselböck, und zumindest diese Erwartung wurde voll erfüllt.

Das Drumherum hingegen, naja. Das Stück selbst: schwach. Das Gefälle zwischen Malkovich und seinen Mitstreitern auf der Bühne: gigantisch. Ein paar Leute spielten Soldaten, Sophie von Kessel spielte eine Journalistin, John Malkovich war der Diktator; so deutlich konnte man tatsächlich unterscheiden.

Enttäuscht war ich aber vor allem vom Einsatz der Elbphilharmonieorgel, auf die ich mich besonders gefreut hatte. Bachs „Toccata und Fuge d-Moll“ (BWV 565) und Procul Harums „A Whiter Shade of Pale“, das ist so ungefähr das, was Lieschen Müller zum Thema Orgel jenseits des üblichen Sakralprogramms einfällt. Dazu Wagners Walkürenritt als musikalischer Holzhammer („Faschismus! Totalitarismus!“), noch ein wenig Bach, unter anderem ein Stück mit dem allzu passenden Titel „Alle Menschen müssen sterben“, ein Medley aus Nationalhymnen (aber nur die bekannten), ein wenig Improvisation hier und da, fertig. Irgendwann übernahmen dann die komplett verzichtbaren Elektronikeffekte das Zepter. Mal ehrlich: Wenn eine ausgewachsene Orgel in einem solchen Raum in Kombination mit John Malkovichs Spiel nicht ausreicht, um das gewünschte diabolische Gesamtbild zu erzeugen, dann stimmt etwas ganz Grundsätzliches nicht.

Ich hoffe, es wird mir bei Gelegenheit gelingen, ein Ticket für ein reines Orgelkonzert im Großen Saal zu erbeuten. Was ich da heute in „Just call me God“ gehört habe, kann’s jedenfalls noch nicht gewesen sein.

Ein Satz mit X (und einer mit Ätsch)

Nein, ich will mich nicht beschweren. Ich war ja schon im Großen Saal der Elbphilharmonie und ich habe per Stand heute noch Karten für fünf*) weitere Veranstaltungen in diesem Jahr. Beim Vorverkaufsstart im letzten Sommer war geraume Zeit nahezu freie Wahl für Frühentschlossene – von ein paar sehr begehrten Konzerten einmal abgesehen. Es kamen nach und nach ein paar Festivals sowie Konzerte externer Veranstalter dazu; es lohnte sich, immer mal wieder einen Blick auf das Programm zu werfen. Und zeitnah zuzugreifen.

Dann wurde es Januar, die spektakuläre Eröffnung rückte näher und plötzlich brach allenthalben Torschlußpanik aus. „Wie, Du hast Elphi-Karten?!? Wie hast Du das geschafft?“ Siehe oben. Keine Hexerei.

Inzwischen gleicht es einer Lotterie. In dem stetig anschwellenden „Ist mir doch egal, was ich sehe/höre, Hauptsache ich war mal drin“-Hype geht der Elbphilharmonie-Ticketshop bei jeder weiteren Vorverkaufsstartankündigung gnadenlos in die Knie. Trotz kontinuierlicher Aufrüstung.

Oh! Ein Ticket! Hurra!
Oh! Ein Ticket! Hurra!
Hübsches Dach. Aber wo geht's zum Checkout?
Hübsches Dach. Aber wo geht’s zum Checkout?
Nu komm mal in die Hufe. Die Warenkorbfrist läuft gleich ab.
Nu komm mal in die Hufe. Die Warenkorbfrist läuft gleich ab!
Orrrr.
Orrrr.

„Pffft, kauf ich mir halt ein Ticket für GoGo Penguin im Uebel & Gefährlich„, denk ich. Und während alles noch auf die rotierende Elphi-Webseite starrt, finde ich via Eventim zufällig heraus, daß heimlich, still und leise auch der Vorverkauf für das Konzert von Martin Kohlstedt Ende Dezember begonnen hat. Veranstaltungsort: Der Große Saal der Elbphilharmonie.

Ätsch.


*) Jetzt: Sechs.

In Concert: Die lange Elphi-Nacht

Was hatte ich nicht alles versucht, um an Karten für die Eröffnungskonzerte zu kommen. Ich baute für NDR Info eine Elphi aus alten Seekarten (was mir immerhin einen hübschen Trostpreis einbrachte), ich reichte ein Geräusch für den Sounddown ein; ich nahm praktisch an jedem verfügbaren Gewinnspiel teil, in dessen Ausschreibung das Wort „Elbphilharmonie“ vorkam. Vergebliche Liebesmüh!

Seekarten-Elphi
Seekarten-Elphi

So mußte ich also auf den ersten Termin warten, für den ich bereits im Sommer letzten Jahres nach dem Start des regulären Vorverkaufs eine Karte ergattert hatte: Ein Konzert aus der Reihe „Into Iceland“ mit dem isländischen Pianisten Víkingur Ólafsson und dem NDR Elbphilharmonie Orchester unter der Leitung von Esa-Pekka Salonen. Der Zufall wollte, daß später noch das NDR Kultur Neo Klubkonzert mit Jóhann Jóhannsson und Ensemble hinzukam. Macht zwei Konzerte an einem Tag, 20 Uhr und 23:45 Uhr. Was für ein Einstand!

Zur Einführung, eine Stunde vor Beginn des ersten Konzerts, betrat ich zum ersten Mal den Aufgang zum Großen Saal. Man hatte mich bereits gewarnt, daß die Treppen nicht ganz ohne sind. Das muß ich leider voll unterschreiben. Es geht die Mähr, der Architekt höchstselbst sei schon über seine eigenen Stufen gefallen. Seh- und gehbehinderten sowie motorisch anderweitig eingeschränkten Personen empfehle ich die Nutzung des Fahrstuhls. Die Orientierung in den Foyers ist die zweite kleine Herausforderung. Eine wichtige, aber nicht augenfällige Information ist beispielsweise, daß es zwar auf jeder Ebene Toiletten und Bars gibt, aber nur eine Garderobe, und zwar auf der No. 11.

Nach Überwindung dieser Hürden führte mich schließlich ein langer Schlauchgang ins Herz der Elbphilharmonie, zum meinem Platz auf Ebene 13, Bereich G, Reihe 3. Diesen hatte ich mit Bedacht gewählt: Man sitzt zwar nahe am, aber hinter dem Orchester. Dort angekommen mußte ich erst einmal gucken. Und staunen.

Eindeutig ein Fall von Liebe auf den ersten Blick: Saalaufteilung und Sitzanordnung überzeugten mich sofort. Es ist ein großer und gleichzeitig sehr intimer Raum – dieses Kunststück muß man erst einmal schaffen. Die „weiße Haut“ entpuppte sich als gräulich-gesprenkelt und keinesfalls so steril, wie befürchtet, Holzfußböden und Beleuchtung taten das Übrige dazu. Ich testete verschiedene Blickwinkel auf mehreren Ebenen und war mir bald sicher: Zumindest gut sehen kann man von ausnahmslos jedem Platz, es sei denn, man hat in den ersten Reihen des Parketts das undankbare Los gezogen, Hintermann eines (Sitz-)Riesen zu sein. Ein Applaus auch demjenigen, der die Sitzpolster ausgewählt hat! Ganz hervorragend.

Zurück zur eigentlichen Veranstaltung.

Daß die Bühne sich in der Mitte des Raumes befindet, ist offenbar noch nicht bei allen Beteiligten angekommen. Die Einführung war von der Ansprache her ausschließlich auf die Parkettseite ausgerichtet. Ein Manko, das sich leicht beheben läßt: einfach zwischendurch mal umdrehen. Think Sportarena, not Konzertsaal! Dann klappt es auch mit der Aufmerksamkeit. Wobei diese zugegebenermaßen schwer zu Erringen war. Es sind dieser Tage einfach noch zu viele Erstbesucher im Raum, denen Schauen (und Knipsen) wichtiger ist, als ein paar zudem etwas fahrig wirkenden Sätzen zu Igor Strawinskys „Feuervogel“ zu lauschen.

Das eigentliche Konzert begann mit „The Unanswered Question (Two Contemplations Nr. 1)“ von Charles Ives. Das Stück ist für drei Instrumentengruppen komponiert: Streicherensemble, Solotrompeter und ein Quartett aus Holzbläsern. Diese repräsentieren „Das Schweigen der Druiden“, „Die ewige Frage nach der Existenz“ und „Die (Möchtegern-)Antwortgeber“ (freie Eigenübersetzung). Kein ganz fairer Akustiktest, denn die Gruppen dürfen sich gegenseitig nicht sehen und die bedauernswerten Streicher müssen gar im Off spielen. Das Holzblasquartett saß auf der Bühne und den Standort des Trompeters konnte ich nicht ausmachen – vermutlich war er irgendwo über und hinter mir plaziert. Die erste Auffälligkeit: Sobald die Holzbläser zum Einsatz kamen, hörte ich nur noch diese. Mir fehlt zwar der Vergleichsmaßstab, aber daß das in dieser Deutlichkeit zum Plan des Stücks gehört, wage ich zu bezweifeln.

Dieser Eindruck bestätigte sich bei den beiden folgenden Stücken, „Aerialty“ von Anna Thorvaldsdottir und insbesondere dem Klavierkonzert No. 2 von Haukur Tómasson (beide Komponisten waren anwesend). Der Konzertflügel stand von meinem Platz aus gesehen ganz am anderen Ende der Bühne, ich blickte auf die falsche Seite des aufgeklappten Deckels und hörte: nahezu nichts. Bei geschlossenen Augen und ohne die Kenntnis des Programms wäre ich nicht zwingend auf die Idee gekommen, daß es sich um ein Klavierkonzert handelt. Dafür waren die Hörner ganz hervorragend vernehmbar – als Einzelstimme, nicht als Teil des Orchesters. Direkt vor mir saßen die Schlagwerker und die äußerste Vorsicht, mit der sie mit ihren Gerätschaften hantierten, sprach Bände. Wahrscheinlich gibt es auf der Welt momentan keinen Konzertsaal, in dem Triangeln und Tamburine derart behutsam aufgenommen und abgelegt werden. So viele Einzeltöne; was davon war Nebengeräusch, was gehörte zum Stück? Über ganze Strecken sah ich vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr, denn wirklich alles, was auf der Bühne vor sich geht, ist gestochen scharf hörbar. Selbst das Umblättern einer Partitur sollte besser nicht allzu forsch ausfallen.

Víkingur Ólafsson – über dessen Spiel ich leider nicht viel sagen kann – gab im Anschluß eine kleine Zugabe, bei der bewiesen wurde, daß das auch für die Publikumsränge gilt. Eine Dame kam, mutmaßlich nach außerplanmäßigem Boxenstop, während sehr leiser Töne die Treppe heruntergepoltert. Was sicher nicht in ihrer Absicht lag. Man kann einfach nicht leise gehen in diesem Raum. Es ist eine Überlegung wert, hier das Planetariumsprinzip anzuwenden: Wer vorzeitig rausgeht, darf nicht vor der Pause wieder rein. Oder muß wenigstens eine Spielpause zwischen zwei Stücken abwarten, und dann fix genug sein, um nicht den Zorn des gesamten Saals auf sich zu ziehen.

Beim „Feuervogel“ von Igor Strawinksy relativierte sich das Bild. Da hatte ich zum ersten Mal für die Dauer eines Stücks den Eindruck, einem Orchester als Gesamtheit zuzuhören. Zwar waren auch hier die Instrumentengruppen deutlicher vernehmbar, die sich im hinteren Bereich der Bühne befanden. Aber warum nicht einmal die Bläser so hören, wie sonst immer die Streicher, nämlich in den Vordergrund verschoben? Das war zwar ein wenig gewöhnungsbedürftig, tat dem Hörgenuß als Ganzem aber wenig Abbruch.

Beim zweiten Konzert mit Jóhann Jóhannsson und Ensemble saß ich auf der anderen Seite des Raums im Parkett, zweite Reihe. Von einem unverhältnismäßig lautem Gebläsegeräusch abgesehen, war der Sound dort optimal – es war überhaupt ganz wundervoll, genau mein Gift! Der klangliche Vergleich hinkt allerdings, denn hier kamen Verstärker zum Einsatz.

Mein vorläufiges Urteil zur Elphi-Akustik? Für manches sehr gut, für einiges, darunter auch Ungeplantes und Unfreiwilliges, zu gut und leider, leider nicht auf allen Plätzen gleich gut. Ich gehe unter anderem deshalb zu Konzerten, weil ich dort etwas erleben möchte, was einzigartig ist: an diesem Tag, zu dieser Stunde, von diesen Musikern, in diesem Raum. Musik anders zu hören, als es durch eine Studioaufnahme vorgegeben ist, gehört zu meiner Hauptmotivation. An der Hinterseite des Großen Saals der Elbphilharmonie wurde diese gewissermaßen übererfüllt – ein klassischer Fall von Zuviel des Guten. Mindestens bei Klavierkonzerten sitze ich künftig vor der Bühne. Oder ganz woanders.

Möglicherweise ist der horizontale Standort aber auch weniger relevant, wenn man in die Vertikale geht und sich so räumlich weiter vom Orchester entfernt. Das werde ich bald herausfinden: Im März steht Beethovens Neunte auf dem Programm. Ganz oben, auf den billigen Plätzen.

In Concert: Sir Jeffrey Tate und die Hamburger Symphoniker in der Laeiszhalle

„Mehr Philharmonisches Staatsorchester Hamburg“, lautete einer meiner Konzertvorsätze für die Saison 2016/17 – so sehr hatte mich das 6. Philharmonische Konzert mit Kent Nagano im Februar letzten Jahres begeistert. Nun kann man mir nicht ganz zu Unrecht vorwerfen, daß ich leicht zu begeistern bin. Was aber an diesem Abend besonders war: Ich saß in der Laeiszhalle, hörte einem Hamburger Orchester zu, auf dem Programm stand unter anderem ein Komponist, nach dessen Stücken es mich nicht zwingend gelüstet und ich brachte dennoch das gesamte Konzert auf der Stuhlkante sitzend zu. Der hinter mir liegende Arbeitstag, der schmerzende Rücken, der laeiszhallentypische Sauerstoffmangel: alles unwichtig, solange Nagano den Taktstock in der Hand hielt.

Ich bin nicht sehr versiert, wenn es um Orchester- und Dirigentenvergleiche geht. Dazu fehlen mir Hintergrundwissen und Hörerfahrung. Wenn ich in Kritiken von „analytischer Durchdringung“ lese oder von „furchterregend stählerner Brillanz“, dann erinnert mich das an Geschmacksbeschreibungen bei Weinproben oder Whisky-Verkostungen. „Goldener Sirup, braunes Brot, Erdnußbutter, Zimt, weißer Pfeffer, Cocktailkirschen“, las ich da unlängst, und aus eigener Kraft wäre ich höchstens auf „goldener Sirup“ gekommen – ganz vielleicht auch noch auf „Erdnußbutter“. Ein schlichtes „Schmeckt mir“- oder „Schmeckt mir nicht“-Urteil ist sehr viel wahrscheinlicher.

Mein Maßstab für Orchesterkonzerte ist daher: Wie sehr fesselt mich das Aufgeführte? „Kriegt“ mich das, selbst wenn ich mit dem Komponisten, dem Werk oder der Musikrichtung wenig anfange? Kent Nagano und die Philharmoniker schafften das mühelos und ich wollte unbedingt mehr davon.

Nur kann ich meinen Vorsatz leider nicht einhalten. Ich bin zwar nicht leer ausgegangen beim Elphi-Vorverkauf, aber den Run hatte ich in dieser Wucht doch unterschätzt und daher keine Karte mehr für ein Philharmonie-Konzert ergattern können.

Aber schließlich sind da ja noch die Hamburger Symphoniker, die der Laeiszhalle als neues Residenzorchester die Treue halten. „Andere Säle haben auch (noch) schöne Konzerte“, dachte ich, als ich das Plakat zum 5. Symphoniekonzert sah, „und außerdem kannst Du das Ticket im Zweifel noch spontan zwei Wochen vor dem Termin kaufen. Hat auch was für sich.“

Es war schon ein besonderes zeitliches Zusammentreffen. Jeffrey Tate ist erst kürzlich zum „Sir“ geschlagen worden, in Anerkennung der Verdienste um die Musik seines Heimatlandes im Ausland. Es war das erste Konzert, das er nach dieser Auszeichnung dirigierte, und das Programm unter dem Titel „London, my love“ bestand bezeichnenderweise ausschließlich aus britischer Musik: der „Horoscope“-Suite von Constant Lambert, dem Liederzyklus „Sea Pictures“ op. 37 von Edward Elgar, vorgetragen von Mezzosopranistin Jennifer Johnston und der Sinfonie No. 2 („A London Symphony“) von Ralph Vaughan-Williams.

Intendant Daniel Kühnel ließ es sich verständlicherweise nicht nehmen, das Publikum vor Konzertbeginn darauf hinzuweisen. Er konnte sich dabei nur leider eine Spitze Richtung Elbphilharmonie nicht verkneifen. „Schön, daß Sie den Weg hierher gefunden haben“, so seine Begrüßung. „Die Laeiszhalle wird heute Abend ganz wunderbar klingen. So wie schon die letzten 108 Jahre und 15 Tage!“ Mit der Reaktion des Publikums setzte das die Stimmung. „Laß die anderen in dieses neumodische Glas-Ding da rennen, wir haben unsere Laeiszhalle und die Symphoniker!“, klatschte es halb selbstgewiß, halb mürrisch aus dem Parkett.

Das Konzert schloß sich nahtlos an: Ich war aufnahmewillig und hörbereit, hatte aber Schwierigkeiten, die Konzentration zu halten. Einzig beim zweiten Satz der Vaughan Williams-Sinfonie klappte das vollumfänglich (Wie zauberhaft ist der denn! Team Vaughan-Williams! Hach!). Das mag in Teilen der Tatsache geschuldet gewesen sein, daß Sir Jeffrey Tate mit einem grippalen Infekt zu kämpfen hatte. Dennoch, es erinnerte mich an frühere Erfahrungen ähnlicher Art bei Symphoniekonzerten und das Erlebnis mit den Philharmonikern hatte mir gezeigt, daß es so nicht sein muß.

Ein kniffliger Zwiespalt: Hätte Kent Nagano mit den Philharmonikern auf dem Podium gestanden, ich hätte zum Gähnen keine Muße gehabt. Andererseits hätte es das Konzert in dieser Zusammenstellung ohne Sir Jeffrey Tate in Hamburg sehr wahrscheinlich gar nicht gegeben.

Wenn mich ein Programm lockt, werde ich daher wohl auch künftig zu den Symphonikern in die Laeiszhalle kommen. Aber die Entscheidung dafür wird zögerlicher ausfallen.

Von allen musikalischen Vergleichen und der Tagesform einzelner Beteiligter abgesehen hat das viel mit dem gestern präsentierten Gesamtbild zu tun. Insbesondere die trotzig-unentspannt wirkende Ansage war alles andere als sexy. Durch solches wird das (Abo-)Publikum weder diverser noch jünger und ganz bestimmt nicht zahlreicher. Da wird eine Philharmonie eröffnet, die ganze Stadt redet über klassische Musik, aber viele, zum Teil erstmals Interessierte haben keine Tickets bekommen – das ist doch super! Nicht schmollen, ausnutzen und abgreifen!

In dem Zusammenhang sei erwähnt, daß die Webseite der Symphoniker sehr dringend ein Facelift gebrauchen kann. Als ersten Schritt sollte man den „x Jahre, x Tage, x Stunden und x Minuten seit Eröffnung der Laeiszhalle“-Ticker von der Startseite nehmen. Damit gegen die mutmaßlich Tausende Euro schwere „Sounddown“-Kampagne der Elbphilharmonie anstinken zu wollen, riecht nicht nur schwer nach Verzweiflung.

So etwas hat die würdige alte Lady gar nicht nötig.

The Elphi is open

Nun ist sie endlich eröffnet, unsere Elphi, und es gibt kaum jemanden, der keine Meinung oder wenigstens Meldung dazu hat.

Der komplette NDR und nicht nur die Lokalpresse überschlugen sich tagelang, der (klassische) Musikbetrieb kannte kaum ein anderes Thema und auch meine Timelines mischten kräftig mit: Falk schrieb über Kunst, die kein bürgerliches Vergnügen sei, Torsten berichtete vom fotografischen Scheitern und bei „Hamburg unter sich“ gab „die Neue“ bereits im vergangenen November ihren Einstand.

Am Nachmittag fiel mir auf Twitter dann noch ein Beitrag des Kunstmagazins „art“ ins Auge, geteilt von Anke Groener. „In Hamburg sagt man Philli“, so lautet die Überschrift. Der Spitzname ist auch Thema des letzten Artikelabsatzes:

Was sagt der Volksmund? „Elbphilharmonie“ ist als Rufname definitiv zu lang, da war man sich einig. „Elphi“ johlte es deshalb vorschnell auf großgedruckten Überschriften, so solle das Wahrzeichen von nun an heißen. Derweil hatte sich unmittelbaren Nachbarschaft längst das bedeutend mondänere „Philli“ als Abkürzung für das Schmuckstück durchgesetzt. Also Vorsicht: Wer in Hamburg weiterhin von der „Elphi“ spricht, outet sich unfreiwillig als Pinneberger.

Ist das so? Seltsam nur, daß sämtliche Social Media-Kanäle der Elbphilharmonie höchstselbst mit „Elphi“ arbeiten, ebenso der Eigentümer, die Stadt Hamburg, sowie das Residenzorchester und überhaupt: alle, die ich kenne, ob in Hamburg oder außerhalb. Als Verballhornung der Verniedlichung ist vielerorts auch vom „Elbvieh“ zu hören und zu lesen.

Also, liebe Kollegen von „art“: Guten Morgen! Der Drops ist längst gelutscht.

Ich freue mich derweil auf meinen ersten Konzertbesuch im Großen Saal: Am 10. Februar ist es endlich soweit.

Nur mal kurz gucken

Schon schick.

Zu „The Ship“ von Brian Eno im Kaistudio 1 sei am Rande erwähnt: Das war lieblos. Ich stelle demnächst auch ein paar Lautsprecher und elektrische Teelichter in meinem Wohnzimmer auf, lasse eine Tonaufnahme in Dauerschleife ablaufen, nenne es „begehbare Klanginstallation“ und nehme drei Euro Eintritt dafür. Wenn der Sound nicht so phantastisch gewesen wäre, ich hätte mich grob verärmelt gefühlt.