barcamp Hamburg XI

Im Wesentlichen waren es drei Fehlinformationen, die mich bisher davon abgehalten hatten, am barcamp Hamburg teilzunehmen:

  1. Wer nicht wenigstens bloggt, zählt nicht zur digitalen Szene und hat somit auf einem Barcamp nichts zu suchen.
  2. Es geht dort ausschließlich ums (Internet-)Business, entsprechend gestalteten sich Publikum, Programm und Interessen.
  3. Wer anwesend ist, muß auch zwingend eine Session abhalten oder zumindest anbieten.

Tatsächlich reichen eine gute Portion Neugier sowie Lust auf Input und Interaktion völlig aus. Internetaffinität, Social Media-Präsenz und/oder ein eigenes Blog helfen, keine Frage. Aber nicht notwendigerweise als Voraussetzung für die Teilnahme, sondern vielmehr als Kommunikationsmittel; sei es zur Fortsetzung des Informations- und Ideenaustauschs über die Sessions hinaus oder generell zum Vernetzen.

Eine Barcamp-Grundregel ist: Es gibt keine feste Tagesordnung und keine festen Sprecher. Die Themen ergeben sich aus den Ideen und Vorschlägen der Teilnehmer und entsprechend spontan wird vor Ort und unmittelbar vor Beginn der Sessions das Tagesprogramm zusammengestellt.

Die Sessionplanung hatte ich mir als zeitrahmensprengendes Chaos vorgestellt. Eine weitere Fehleinschätzung – das genaue Gegenteil trat ein. Fein gesittet in Reih und Glied wurden Vorschläge unterbreitet und eine kurze Bedarfsanalyse mittels Handzeichen durchgeführt, zack, gebongt, der Nächste bitte. Ein buntes Spektrum tat sich dabei auf: Vom digitalen Nachlaß über Geigenbau, Finanzen für Freelancer, Kinderbücher, Typo 3, Agilität, Marktforschung für Beginner, die Auswahl des richtigen Kondoms, Loslassen lernen, ADHS, digitales Geld, einer Werkstatt für Potentiale, Bürgerbeteiligung, B2B-Marketing, Community und Social Media Management bis hin zu Godzilla, den Serienjunkies und Renes Torten- und Brotgeheimnissen.

Die Qual der Wahl
Die Qual der Wahl

Das Board abzufotografieren und auf dieser Grundlage die eigene Agenda zu planen, ist zwar grundsätzlich eine gute Idee. Regelmäßige Gegenchecks sind dennoch ratsam, da sich auch im Laufe des Tages noch kurzfristig Änderungen ergeben können. Ein weiteres Handicap: Viele interessante Themen werden parallel präsentiert. Bei der Bewältigung dieses Dilemmas hilft das Festival-Prinzip: Entscheidungen treffen, eine grobe Reihenfolge festlegen, Laufwege, Verpflegungs-, Plauder- und Boxenstops mit einrechnen und den so erstellten Fahrplan im Zweifel konsequent über Bord werfen.

Tag 1

Online-Identität

Zur Barcamp- kam gleich zu Anfang eine weitere Premiere: Ich habe einen YouTuber kennengelernt! Zunächst frontal in der Session „Online-Identität ‚Tom Tastisch'“ und später auch im persönlichen Gespräch.

Thomas Lerche alias Tom Tastisch ist seit fast einem Jahr und noch bis zum 12. Dezember jeden Morgen ab 6:00 Uhr zwanzig Minuten lang auf Sendung. Ziel der Morgenroutine und des täglichen, auf YouTube bereitgestellten Siebenminutenzusammenschnitts: Optimismus trainieren. Bei der Session ging es sowohl um organisatorische Fragen als auch um die Abgrenzung zwischen dem Positivstarter Tom als Online-Identität und der reflektierteren, „echten“ Person dahinter, die wie jeder andere Mensch gelegentlich auch mal mit dem falschen Fuß aufsteht.

Sketchnotes

Ania Groß kenne ich schon eine ganze Weile, aber der Begriff „Sketchnotes“ war für mich bisher nicht viel mehr als ein Buzzword.

Mitgenommen habe ich aus ihrer Session, daß man zum Erstellen einer Sketchnote nicht zwingend zeichnen können muß, sondern es im Kern darum geht, Text auszuzeichnen und mittels graphischer Elemente so zu gliedern, daß Schlüsselsätze und -begriffe als solche erkennbar sind.

Lieber Kunde, Du Arschloch...

In der Runde „Plädoyer für mehr Anständigkeit in Social Media und Community Management“ von Vivian Pein stellte ich schnell fest, daß mir viele der beschriebenen Verhaltensweisen und Reaktionsstrategien bereits aus eigener Berufserfahrung bekannt waren. Unterm Strich ist es unerheblich, ob es um den aufgebrachten Kunden an der Ladentheke oder am Telefon, verbal entgleiste E-Mails, einen Kommentar-Shitstorm bei Facebook, Forumstrolle oder Twitterpöbeleien geht: Einfühlungsvermögen, Kommunikation auf Augenhöhe, Souveränität, Humor, Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit, im Zweifel aber auch die konsequente Anwendung eines entsprechend gestalteten Regelwerks helfen nicht nur bei der Bewältigung der konkreten Situation. Idealerweise erfüllen sie zudem eine Vorbildfunktion, auch über die digitale Welt hinaus: Nicht nur das Netz (oder das Barcamp) ist, was wir daraus machen.

Wir machen dann mal Scrum

Bei der Sessionplanung flogen verschiedene Schlagwörter durch den Raum, von denen ich zuvor nie gehört hatte. Dazu gehörten auch Scrum und Agilität. Ein Grund, um sich in die Session von Madita Althusmann zu begeben. Scrum, so verstand ich daraus, ist eine Möglichkeit, agiles Arbeiten in (Software-)Unternehmen zu gestalten. Im Gegensatz zur klassischen Struktur („Waterfall“) gibt es bei einem Projektablauf nach der Scrum-Methode keinen Hauptverantwortlichen. Das Team organisiert unter Aufsicht eines Spielleiters („Scrum Master“) sowohl die Arbeitsschritte als auch die Aufteilung derselben in Eigenregie, der Projektfortschritt wird nicht in großen Planungsphasen, sondern in kurzen Termineinheiten („Sprints“)  gedacht und am Ende eines jeden Sprints muß ein vorzeigbares Produkt stehen.

Schon aus der Diskussion im Anschluß an den Vortrag war zu erkennen, daß wie bei nahezu jeder Ausprägung von Methodik die reine Lehre oft nicht realitätstauglich ist. Vorhandene Unternehmensstrukturen, unter Umständen zu Recht bewährte Prozesse und die Vielschichtigkeit mancher Aufgabenstellung machen eine Anpassung in vielen Fällen unumgänglich. Beinahe unvermeidlicherweise fiel dabei der Satz „Dann lebt ihr das vielleicht noch nicht.“ Was allerspätestens der Moment ist, an dem ich mich an der Grenze zum Reich der Fitnessgurus und Heilsversprecher wähne und höchst skeptisch werde. Ein ostwestfälisch-norddeutscher Reflex, zugegeben.

Bei einem Gespräch am nächsten Tag ergab sich die Gelegenheit, den Faden nochmals aufzunehmen. Ist ein selbst organisierter (Abenteuer-)Urlaub im Sinne der Definition agil, verglichen mit der Pauschalreise? Geht es dabei letztlich nicht doch mehr um die Denkweise als um die Methode? So oder so: Es lohnt sich, dem Thema ein paar Überlegungen zu widmen.

Renes Torten- & Brotgeheimnisse

Als der Natur der Sache gemäß wesentlich handfester erwiesen sich Rene Sasses Brot- und Tortengeheimnisse. Manche Tricks, so hat jeder wohl beim Kochen und Backen schon festgestellt, sind nicht nur äußerst hilfreich, sondern spielentscheidend für ein zufriedenstellendes Ergebnis. Viele davon werden jedoch in Rezepten nicht mitgeliefert, sondern fallen unter die Rubrik Erfahrungswerte. Dazu zählt, daß ein Backofen, der nicht ordentlich heiß wird, keine hübschen Brötchen liefert.


Oder daß – nach Renes Mutti – eine Torte keine ist, wenn in ihr nicht wenigstens 1,5 Liter Konditorsahne verarbeitet sind. Nach dieser Anregung werde ich zumindest das Projekt Brötchen in nächster Zeit mal in Angriff nehmen.

Tag 2

Geheimnis Geigenbau

Geigenbauerin Anne Pelz führte zu Beginn des zweiten Tages in die Geheimnisse ihrer Zunft ein. Dabei lernten wir, daß die Schnecke auch die Form eines Eselskopfes annehmen kann, welcher Teil der Geige als Stimme bezeichnet wird und wie die Wölbung bei Decke und Boden des Instruments entsteht.

Die Schnecke als Eselskopf
Die Schnecke als Eselskopf

Nämlich nicht durch Formen des Holzes, sondern durch schlichtes Abhobeln. Unter anderem mit diesem Werkzeug.

Mini-Hobel
Mini-Hobel – man beachte die Stimmgabel zum Größenvergleich

Wir erfuhren außerdem einiges über das Berufsbild des Geigenbauers, die Beziehung mancher Geigenbesitzer zu ihrem Instrument und was eine Stradivari so besonders macht.

Strategie trifft Hype

In meiner zweiten Session des Tages berichtete Gianna Krolla von elbkind über den medialen Siegeszug der Ritter Sport Einhornschokolade. Die Idee für die limitierte Sorte entstand aus einer Trendbeobachtung bei den eingereichten Sortenkreation-Vorschlägen, die sich zudem in den diversen im Netz verbreiteten Fake-Sorten manifestierte.

Kurz nach dem Launch am Tag des Einhorns 2016 verbreitete sich die Nachricht von der neuen Sorte wie ein Lauffeuer, innerhalb wie außerhalb des Netzes. Obwohl der Ritter Sport-Webshop wenig später unter der Flut der Kaufwilligen zusammenbrach, hat die Marke unterm Strich von der Kampagne profitiert. Wobei das Ziel von Anfang an nicht eine konkrete Umsatzsteigerung war, sondern die Ansprache neuer Zielgruppen in einem weitgehend gesättigten Markt.

Zum Frühling nächsten Jahres, so kündigte uns Gianna an, wird Ritter Sport eine neue limiterte Sorte präsentieren. Das Einhorn ist derweil medienwirksam zurückgetreten.

5 Untipps für XING und LinkedIn

Wer es noch nicht mitbekommen haben sollte: Ich befinde mich momentan auf Jobsuche. Ein sehr guter Anlaß, um mir in der Session von Holger Ahrens ein paar Hinweise zur Gestaltung von Profilen auf XING und LinkedIn geben zu lassen. Seine fünf Untipps: Nur ein zu 150% perfektes Profil ist ein gutes Profil, ein lustiges Foto erhöht die Chancen auf ein Vorstellungsgespräch, Informationen soll man horten und nicht teilen, man vernetze sich am besten mit ausnahmslos jedem und verballere überhaupt soviel Zeit wie möglich mit seiner Onlinepräsenz. Für alle, die das „Un“ vor dem „Tipps“ nicht gelesen oder gar mißinterpretiert haben: so natürlich nicht.

Berufsbild Social Media & Community Manager

Zum Abschluß des zweiten Tages beschäftigte mich nochmals das Thema Social Media und Community Management – „aus Gründen“, wie man so schön sagt. Vivian Pein und Tanja Laub definierten die idealtypischen Berufsbilder des Social Media und des Community Managers und führten uns anschließend mittels der Daten aus einer Studie des Bundesverbands Community Management e. V. (BVCM) vor, wie sich die reale Situation des Standes zurzeit darstellt.

So viel Wissensvermittlung und -austausch macht Hunger und Durst! Um die Verpflegung indes mußte sich kein Teilnehmer sorgen. Ich weiß dann jetzt, warum das barcamp Hamburg auch zärtlich „Freßcamp“ genannt wird.

They call it Freßcamp I
They call it Freßcamp I
They call it Freßcamp II
They call it Freßcamp II
They call it Freßcamp III
They call it Freßcamp III

Lange Rede, kurzer Sinn – wer es noch nicht mitgemacht hat: Barcamps sind toll! Sowohl das ehrenamtliche Orgateam als auch die Sponsoren – allen voran die otto group, in deren Räumlichkeiten wir uns austoben durften – verdienen ein großes Lob und ein dickes Dankeschön.

Werner Otto approves
Werner Otto approves

Und im nächsten Jahr halte ich selbst eine Session. Versprochen.

le concert abstrait: Ben Lukas Boysen und Raphaël Marionneau im Planetarium Hamburg

Als ich Anfang Juli letzten Jahres nach dreieinhalb prallgefüllten London-Tagen ebenso derbe übermüdet wie aufgedreht im Flugzeug Richtung Hamburg saß, hatte ich eher zufällig das Album „Spells“ von Ben Lukas Boysen auf den Ohren. In Heathrow herrschte Hochbetrieb und in einer endlos scheinenden Schlange von Kurz- und Mittelstreckenmaschinen kamen wir nur langsam voran. Vor uns eine weitere BA, hinter uns eine Finnair: Die Flieger starteten im Minutentakt. Schließlich rückte unser Slot näher, zeitgleich erklangen die ersten Takte von „Nocturne 4“ aus meinem Kopfhörer. Exakt bei 2:39 bog die Maschine auf die Startbahn und beschleunigte.

Seither ist die Musik von Ben Lukas Boysen für mich untrennbar mit dem Gefühl des Abhebens verknüpft und insofern erschien mir die Location für seinen ersten Live-Auftritt in Hamburg ideal gewählt.

Dazu kommt, daß die musikalische Entdeckungsreise, die mich unter anderem zu diversen Erased Tapes-Künstlern (und damit überhaupt erst nach London) führte, vor etwas mehr als zehn Jahren im Planetarium und bei Raphaël Marionneau begonnen hatte. Somit schlossen sich mit dem ersten „le concert abstrait“ für mich gleich mehrere Kreise. Wobei, der Vergleich hinkt. Die korrekte geometrische Darstellung wäre wohl ungleich komplexer.

Neben der Vorfreude über die angekündigte Konstellation war ich darauf gespannt, wie Ben Lukas Boysen, unterstützt von Schlagzeug, Harfe und Cello (Anne Müller! Wie schön!), die perfekt arrangierten Studioklänge live umsetzen würde. Tatsächlich war der Planetariumsauftritt erst sein zweites Konzert überhaupt; die Premiere hatte Anfang September anläßlich des zehnjährigen Bestehens von Erased Tapes („Erased Tapes is ten“) im Londoner Village Underground stattgefunden.

Kurz nach 19 Uhr war es schließlich soweit: Umrahmt von zwei meiner allerliebsten AWVFTS-Tracks starteten Raphaël und Ben nebst Band zu einem einzigartigen Höhenflug. Erwartung erfüllt und übertroffen! Von der freigesetzten Endorphinladung werde ich eine ganze Weile zehren können.

"Do androids wish upon electric stars?"
„Do androids wish upon electric stars?“

Nur eine einzige Steigerung zu diesem Debut kann ich mir noch vorstellen. Ich schreibe sie nicht auf, denn ich habe einen Wunsch unter dem künstlichen Sternenhimmel getan, zu elektronischen Sternschnuppen, und es ist anzunehmen, daß für dieses Verfahren die gleichen Gesetze gelten wie in der Natur.

In Concert: Das Tingvall Trio in der Elbphilharmonie

Ich bin schon mehrmals gefragt worden, wie ich mir eigentlich die zahlreichen, in der Mehrzahl ungesponserten Konzert-, Opern- und Theaterbesuche habe leisten können, von denen ich hier unter anderem berichte. Die Antwort ist ganz einfach: mittels schnöder Mischkalkulation.

Meistens sitze ich irgendwo zwischen Holz- und unterer Mittelklasse. Entgegen anderslautender Klischees muß man nicht zwingend zu den oberen Zehntausend gehören, um (sogenannte) Hochkultur genießen zu können. Man kann je nach Aufführung ab 12 Euro in Elbphilharmonie und Staatsoper, ab 15 Euro im Schauspielhaus und ab 9,90 Euro bei den Hamburger Symphonikern in der Laeiszhalle sitzen. In einigen Fällen nimmt man dafür zwar eine einschränkte Sicht in Kauf, aber mit ein bißchen Erfahrung und Recherche bekommt man schnell heraus, welches die visuell am wenigsten beeinträchtigten Plätze sind. Es lohnt sich außerdem, auf die jeweilige Preisgestaltung zu achten. Manche Häuser machen Unterschiede zwischen Werk- und Wochenendtagen, die Premiere ist zumeist kostspieliger als die Folgeaufführungen und gelegentlich werden Sonderaktionen angeboten. Außerdem, so gestehe ich freimütig, habe ich in manchen Fällen auf Begleit-, Frei- oder Steuerkarten bzw. Gästelistenplätze zurückgreifen können. Nicht, weil sich die Geber davon wohlwollende Blogartikel erhofften, sondern weil ich ein paar ausnehmend nette Menschen kenne, die mir mit Freude oder gar aus Überzeugung dabei helfen, die (Kultur-)Bestie zu füttern.

Das heutige Konzert des Tingvall Trio in der Elbphilharmonie war eine der sorgsam ausgewählten Ausnahmen von der Regel. In meiner andauernden Klavierverliebtheit hatte ich nach der Niederlage bei der elphi-eigenen Ticketverlosung so lange nach Karten gejagt, bis ich mit Hilfe der Theaterkasse Schuhmacher schließlich fündig wurde. Wobei PK 1 im vorliegenden Falle 49 Euro (inkl. 2 Euro Gebühr) bedeutete. Das hält sich immer noch sehr im Rahmen, wenn man bedenkt, welche (offiziellen) Preise für manch andere Veranstaltung im Großen Saal aufgerufen werden. Von den viagogo- und ebay-Auswüchsen ganz zu schweigen.

Soweit zur Vorgeschichte. Wie nun aber nach dem Konzert derart erfüllte Vorfreude in Worte kleiden, ohne zu wiederholen, was ich im letzten Dezember schon schrieb? Schwierig.

Vielleicht genügt es, zu gestehen: Ich bin klavierverliebter denn je.

Nacht des Wissens Hamburg

Aus Kapazitätsgründen bestand mein Programm zur gestrigen „Nacht des Wissens“ aus nur einer einzigen Station: der Staats- und Universitätsbibliothek Carl von Ossietzky.

Ein wenig peinlich ist es ja schon, daß ich es als „gelernte“ Bibliothekarin in zwölf Jahren nicht ein einziges Mal in die Staatsbibliothek geschafft habe. Dabei sind die Bestände nicht nur Studenten zugänglich, sondern auch allen anderen Interessenten. Die Stabi fungiert zudem als Hamburger Landesbibliothek. Entsprechend bunt ist die zur Verfügung stehende Medienauswahl.

Neuerwerbung
Neuerwerbung

Bibliotheksführungen stehen zwar regelmäßig auf der Agenda, der Einblick hinter die Kulissen und in den Magazinbereich bleibt aber für besondere Gelegenheiten wie die „Nacht des Wissens“ reserviert.

Reihe um Reihe um Reihe...
Reihe um Reihe um Reihe…
Hamburger Fremdenblatt
Hamburger Fremdenblatt

Rund 4 Millionen Medien, darunter 3,5 Millionen Bücher: Allein die schiere Menge der aufbewahrten Schätze überwältigt. Dazu kommt die besondere Atmosphäre des Bücherturms. Der Zutritt zu diesem Bereich ist auch bibliotheksintern streng reglementiert.

Nicht Gringotts, aber kurz dahinter
Nicht Gringotts, aber kurz dahinter

Das siebzehnstöckige Gebäude ist allerdings mittlerweile nicht mehr der einzige Lagerort: Seit 2002 können Bücher und Medien zusätzlich in einer Speicherbibliothek in Bergedorf untergebracht werden.

Bestellungen Mikroformen
Bestellungen Mikroformen
Mikrofilme im Bücherturm
Mikrofilme im Bücherturm

Ein Highlight der Führung: der Kurzausflug auf das Dach des Bücherturms. Sitzungsraum und Terrasse bieten einen spektakulären Ausblick auf die Stadt.

Nach der offiziellen Tour ergab sich die Gelegenheit zu einem Rundgang durch die Lesesäle an der Seite eines künftigen Stabi-Mitarbeiters.

Pssst!
Pssst!
Zettelwirtschaft
Zettelwirtschaft

Die Stabi ist zwar im Grundsatz eine Magazinbibliothek, verfügt aber auch über einen offen aufgestellten und somit frei zugänglichen Präsenzbestand. Im Haus stehen über 900 Arbeitsplätze zur Verfügung, darunter Computer- und Gruppenarbeitsplätze, abschließbare Arbeitskabinen für Examenskandidaten und eine laptopfreie Zone.

Laptopfreie Zone
Laptopfreie Zone

Auffälliges Merkmal der im Haus verteilten Schließfachanlagen: Sie arbeiten mit selbst gewählten PIN-Kombinationen statt mit Münzeinwurf oder Vorhängeschlössern und die einzelnen Fächer tragen Namen statt Nummern. Im Foyer sind sie nach Städten, im Lesesaalbereich nach literarischen Figuren benannt.

Der typische Blick auf die Schließfächer im Foyer bei Hamburger Wetter. #stabihh #hamburg #bibliothek #welovehh #schliessfächer

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Während „Darwin“ Schirm, Jacke und Schal sicher verwahrte und anstandslos wieder entließ, wollte „Winnetou“ meine kurzfristig am Lesesaaleingang deponierte Tasche mit Schlüssel, Portemonnaie und allem Zipp und Zapp partout nicht herausrücken. Das kommt davon, wenn man PIN-Einflüsterungen Dritter nachgibt. Zum Glück kann das Aufsichtspersonal in solchen Fällen auf ein wirksames Antidot zurückgreifen, und so mußte der Häuptling der Apachen sich schließlich doch geschlagen geben.

Soweit mein allererster Ausflug in die größte wissenschaftliche Allgemeinbibliothek der Hansestadt! Ich werde in den nächsten Tagen und Wochen versuchen, weitere bibliothekarische Bildungslücken zu schließen. Weit oben auf meiner Liste: Die Bibliothek des Bundesamts für Seeschifffahrt und Hydrographie.

London (Part III): Tag 7 & 8

Finale! Es folgen die letzten beiden Tage der London-Nachlese. Was zuvor bzw. im letzten Jahr geschah, kann bei Interesse unter dem Schlagwort London nachgelesen werden.

Den Mittwoch morgen lasse ich wieder etwas ruhiger angehen. Das Wetter ist trüb und ich mache mich auf den Weg nach Little Venice.

Winter is coming
Winter is coming

Beim Umsteigen in Paddington entdecke ich eines der „Quote of the Day“-Schilder, die in manchen Tube-Stationen für Erbauung und Erheiterung sorgen. Ich bin keine „Game of Thrones“-Guckerin, aber diese Referenz erkenne ich auch ohne Insiderwissen.

Little Venice
Little Venice

Eigentlich will ich nahe der Lagoon eine weitere London Walks-Führung mitmachen, entschließe mich dann aber spontan, den London Waterbus bis Camden Lock zu nehmen.

Regent's Canal
Regent’s Canal

In Camden Lock und Stables Market ist es zunächst noch ruhig, erst gegen Mittag wird es lebhafter. Bei meinem ersten Besuch, an einem sonnigen Sonntagnachmittag, drängelten sich hier die Massen. Heute haben Amy und ich etwas mehr Luft.

Amy
Amy

Nachmittags bin ich fußläufig zum Market mit meiner Konzertbekanntschaft vom letzten Jahr verabredet. Wir essen, schwatzen und absolvieren anschließend eine Hunderunde um den Primrose Hill. Die Aussicht von dort auf die Stadt ist phantastisch, bleibt aber aus Wettergründen undokumentiert.

Später nehme ich den Bus No. 168 Richtung Waterloo Station. Linienbusfahren ist in London vergleichsweise günstig: Da es für die Oyster Cards keine Lesegeräte an den Haltestellen gibt, kostet die einfache Fahrt nur £1,50. Der Nachteil: Man steckt im Autoverkehr fest. Ich sitze im Doppeldecker oben und freue mich darüber, viel Zeit zu haben. Tägliches Buspendeln stelle ich mir nervtötend vor – sowieso, aber in London noch einmal mehr. Die Route ist immerhin unterhaltsam: Via Roundhouse und Camden Town geht es am Russel Square vorbei weiter zur Euston Station, nach Holborn, über den Strand und schließlich auf die Waterloo Bridge Richtung South Bank.

Dort angekommen, nehme ich mir ausführlich Zeit, das Southbank Centre zu erkunden. Ich stöbere lange bei Foyles und im Festival Terrace Shop und bin kurzzeitig sehr versucht, in diesem eine wunderhübsche Teekanne mit Themsemotiv zu erstehen. Abgesehen von der Preisfrage überwiegen schließlich die Bedenken ob des sicheren Nachhausetransports*).

Der eigentliche Grund, weswegen ich mich am Southbank Centre herumdrücke, ist aber das Konzert von Francesco Tristano in der Royal Festival Hall. Tristano bewegt sich zwischen Klassik, Jazz und Elektronik und will am Abend sein neues Album „Piano Circle Songs“ vorstellen. Die Karte mit festem Sitzplatz hatte ich bereits Mitte Juli gekauft, wurde dann aber zwei Tage vor dem Termin per E-Mail darüber informiert, daß das Publikum nicht im Zuschauerraum, sondern auf und hinter der Bühne sitzen würde – mit Tickettausch an der Abendkasse und freier Platzwahl. Ob das von Anfang an der Plan war oder ein schwacher Vorverkauf die entscheidende Rolle gespielt hat, blieb dabei unklar. So oder so, das frühe Eintreffen sichert mir einen Bühnenplatz in der zweiten Reihe. Der Flügel ist dem rückwärtigem Teil der Bühne zugewandt und die restliche Hall mit ihren rund 2.500 Plätzen bleibt, durch eine Abtrennung abgehängt, im Dunkeln. Ein extrem intimes Setting mit entsprechend nervösen Sicherheitsleuten.

Francesco Tristano trägt dessen ungeachtet sein Programm mit großer Konzentration und Präzision vor. Es ist faszinierend, ihm dabei zuzusehen. Die CD muß ich dennoch nicht unbedingt kaufen und drücke mich daher trotz freundlicher Aufforderung durch das Personal vor der anschließenden Signierstunde.

Am Abreisetag begebe ich mich nach Frühstück und Check-out noch einmal in die Kensington Gardens, in der Tasche eine eigens erworbene Portion naturbelassener Cashew-Kerne. Zuerst muß ich meine Gabe mühsam ans Eichhorn bringen. Einige der Nager agieren äußerst vorsichtig und manche haben Schwierigkeiten, sich gegen aggressiv auftretende Krähen und Tauben durchzusetzen.

Kensington Gardens
Kensington Gardens

Erst mit der vorletzten Nuß gerate ich an einen Profi, der mir erst in den Finger zwickt, dann halb den Arm hochrennt und schließlich äußerst ungehalten reagiert, als ich das leere Tütchen vorzeige.

Ich habe noch ein weiteres Ziel an diesem Morgen: die Sonderausstellung „Diana: Her Fashion Story“. Im letzten Jahr hatte ich bereits die Roben der Queen im Buckingham Palace bewundert. Das diesjährige Programm des Kensington Palace erscheint mir daher als logische Fortsetzung.

Kensington Palace
Kensington Palace

Mit der Idee bin ich nicht allein: Zur Öffnung um 10 Uhr haben sich bereits Schlangen gebildet. Dabei wird sorgsam zwischen Vorverkaufs- und Tageskassenbesuchern unterschieden. Abwicklung und Sicherheitskontrolle gehen dann aber zügig voran und im Gebäude verläuft sich der erste Ansturm schnell.

Queuing up for Diana
Queuing up for Diana

Anders als der Buckingham Palace sind Teile des Kensington Palace ganzjährig für Besucher zugänglich. Die Atmosphäre in den Räumen ist daher ungleich musealer. Neben der Sonderausstellung kann man die ehemaligen State Apartments bewundern. Die anderen Teile der Dauerausstellung widmen sich einerseits Queen Victoria, andererseits den „Enlightened Princesses“ Caroline von Braunschweig-Wolfenbüttel, Augusta von Hannover und Charlotte-Augusta von Wales.

Draußen gibt es noch ein weiteres Juwel zu bewundern: Der im „Sunken Garden“ des Palastes neu angelegte „White Garden“ soll ebenfalls an Prinzessin Diana erinnern. Ihr Todestag hatte sich Ende August zum zwanzigsten Mal gejährt.

The Sunken Garden
The Sunken Garden
The White Garden
The White Garden

Die Sonderausstellung drinnen gerät zur Zeitreise in meine eigene Kindheit und Jugend. An viele der Outfits kann ich mich noch gut erinnern. Zahlreiche Fotos und Zeichnungen dokumentieren neben den ausgestellten Kleidern die modische Entwicklung Dianas. Verglichen mit der Präsentation der Queen-Garderobe im Ballsaal des Buckingham Palace ist es zwar eine kleine, aber ausnehmend feine Sammlung, in Auswahl und Gestaltung.

Bald bunt
Bald bunt

Nach dem obligatorischen Cream Tea im Palace Café ist es Zeit zum Aufbruch. Da die British Airways-App, die bisher immer tadellos funktionierte, mir dieses Mal aus unerfindlichen Gründen keine Bordkarte ausstellen will, muß ich sicherheitshalber etwas mehr Zeit für den Check-in in Heathrow einrechnen.

In der Tube auf dem Weg zum Flughafen stoße ich im Evening Standard auf einen Artikel, der mich daran erinnert, was mich bei meiner Rückkehr nach Hamburg erwartet. Ich nicke bei jedem Satz.

Es braucht eine Weile, bis ich den richtigen Schalter gefunden habe. Der Check-in selbst ist problemlos und ich komme in Rekordzeit durch die Sicherheitskontrolle. Das verschafft mir genügend Muße, um mein letztes Münzgeld zu verfeuern. Nach gründlicher Suche macht schließlich ein Gläschen „Old English Hunt“-Orangenmarmelade von Fortnum & Mason das Rennen und die allerletzten Pence-Stücke landen in einer Spendenbox.

Der Heimflug ist erfreulich unspektakulär und ja, es wird einen Part IV geben. Es ist nur eine Frage der Zeit.


*) Dieses Modell, das fällt mir beim Schreiben dieser Zeilen erst auf, ist mir zum Glück nirgendwo über den Weg gelaufen.

#MeToo? Nein. Oder doch?

Es hat eine Weile gedauert, bis ich auf den Hashtag #MeToo aufmerksam wurde, unter dem in den letzten Wochen weltweit Frauen via Twitter, Facebook und andere Plattformen erlittene sexuelle Belästigung öffentlich machten. Ich fühlte mich zwar betroffen, aber zunächst nur im solidarischen Sinne.

Meine eigenen Erlebnisse hielten sich bislang im Rahmen. Ich habe lange in einer männerdominierten Branche*) gearbeitet, in der ich es mir nicht leisten konnte (und wollte!), übersensibel auf Sexismus und diskriminierendes Verhalten zu reagieren. Manches davon basierte auf schlichter (Kommunikations-)Unsicherheit und das meiste ließ sich mittels wohldosierter Gegenschüsseargumente oder durch demonstrierte Fachkompetenz regeln. Ich erzähle immer noch gerne die Geschichte des Herrn im besten Alter, den ich eines Tages am Telefon hatte.

Ich: „Firma XY, mein Name ist Dirkwinkel, was kann ich für Sie tun?“
Er: „Guten Tag, mein Name ist Z. Können Sie mich mit einem kompetenten Herrn aus Ihrer Seekartenabteilung verbinden?“
Ich: „Würden Sie auch mit einer kompetenten Dame vorlieb nehmen?“

Eine Erwiderung, die bei dem Mann ebenso Begeisterung wie Verlegenheit auslöste; er entschuldigte sich formvollendet und wir schieden als Freunde.

Ansonsten waren da die Kußsmileys per WhatsApp aus Schottland – die andererseits einen nicht geringen Unterhaltungswert hatten und zu meiner Erleichterung lediglich mit Hafen- und Essensbildern garniert waren**) -, ein schmieriger Brief, diverse „augenzwinkernde“ Törneinladungen und als Krönung dieses eine arme Würstchen, das mir weiland auf der hanseboot meckernd lachend seinen Spazierstock auf die berockte Rückfront setzte. In allen Fällen hatten die Absender den größeren Schaden, schon weil ich, wo nötig, Unterstützung suchte und zum Glück auch immer fand.

Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr wird mir klar: #MeToo, das läßt sich in meinem Fall vielmehr über die Dinge definieren, von denen ich mich abhalten lasse. Verhaltensregeln, die ich für mich aufgestellt habe, um ja nicht in brenzlige Situationen zu geraten. Ich lasse das leichte Sommerkleid und den schicken Bürodreß öfter im Schrank, als ich sie gern tragen würde. Ich laufe auch im Dunkeln, aber nach 21 Uhr trete ich grundsätzlich keine Runde mehr an, außer im Hochsommer, wenn der Hamburger Stadtpark bis tief in die Nacht bevölkert ist. Wenn ich allein und in freier Wildbahn unterwegs bin, meide ich Blickkontakte mit unbekannten Männern oder breche sie oft vorzeitig ab und selbst auf neutrale Gesprächsanbahnungen reagiere ich zumeist schroffer als nötig. Ich wäre auch unter diesem Gesichtspunkt nicht zwingend auf die Idee gekommen, Mitglied eines Fußballvereins zu werden, wüßte ich nicht um eines: Der, der einer Frau im FC St. Pauli-Umfeld dumm kommt, riskiert den Verlust gleich mehrerer Gliedmaßen. Ich umgehe bestimmte Wege, wenn ich allein unterwegs bin und habe nicht wenige Länder von meiner Reiseliste gestrichen – die Stadt Paris muß ich nach meinen Erfahrungen vom Mai 2016 wohl leider auch dazuzählen. Von Männern gemachte Komplimente lösen bei mir grundsätzlich Mißtrauen aus, selbst wenn ich sie gerne annähme. Und und und – die Liste ist erschreckend lang. Das Schlimmste daran: Die meiste Zeit meines Lebens geschah dies unbewußt. Mir war lange gar nicht klar, daß ich mich einschränke aus Angst davor, Männern Angriffspunkte zu bieten.

Je älter ich werde, desto mehr stelle ich mein Verhalten infrage. Wie viele gute Gespräche und tolle Erlebnisse, wie viele Bekannt-, Freund- oder gar Liebschaften habe ich verpaßt aufgrund der selbst auferlegten Vorsichtsmaßnahmen? Ist es mir möglich, aus dieser Sicherheitszone zu treten und meinen Aktionsradius zu erweitern, offener zu werden? Welches Risiko gehe ich damit ein?

Fragen, von denen ich wünsche, sie mir nicht mehr stellen zu müssen. So gesehen: Ja. Doch. #MeToo.


*) Nein, nicht in dieser Firma. Aber das Video ist hübsch-häßlich repräsentativ: Man beachte den Abschnitt ab 3:40.

**) Stichwort „rauschende Hecksee“, die ehemaligen Kollegen und sonstige Eingeweihte werden sich erinnern

Eins

Was die Historie des Susammelsuriums angeht, habe ich ein wenig geschummelt. Das ist so auch auf der Über mich-Seite ausgewiesen:

Alle Beiträge bis einschließlich 20. Oktober 2016 sind ursprünglich für und auf Facebook und Twitter entstanden. Um sie blogtauglich zu machen, habe ich manche Texte an der ein oder anderen Stelle leicht modifiziert.

Erst am 25. 10. 2016 ist der erste originale Blogtext online gegangen, nach dem Konzert von James Rhodes auf Kampnagel nämlich. Das zählt doch als Geburtsdatum, oder?

Happy Birthday, Susammelsurium!

London (Part III): Tag 6

Eigentlich gedachte ich, in dieser Woche komplett internetlos zu sein. Aber nun habe ich doch welches, WLAN sogar, was mir ermöglicht, mich um Tag 6 der London-Nachlese zu kümmern. Was zuvor bzw. im letzten Jahr geschah, kann bei Interesse unter dem Schlagwort London nachgelesen werden.

Beim Frühstück kann ich beobachten, wie auf dem Queens Lawn der Farmer’s Market aufgebaut wird. In South Kensington finden wöchentlich zwei Märkte statt. Der Dienstagsmarkt auf dem Gelände des Imperial College besteht fast ausschließlich aus Freßständen und so richtig kommt die Sache wohl erst zur Mittagszeit in Fahrt.

Mein erster Weg führt mich danach zur 99 Kensington High Street, um den Besuch der Roof Gardens nachzuholen. Am Dienstag, so hatte uns der London Walks-Guide ein paar Tage zuvor verraten, seien die Gärten öffentlich zugänglich, was auch die Website bestätigt.

The Roof Gardens
The Roof Gardens

Die Kensington Roof Gardens wurden zwischen 1936 und 1938 von Ralph Hancock im Auftrag des damaligen Besitzers und Erbauers des Gebäudes angelegt und sind in drei Themenbereiche aufgegliedert: den spanischen, den Tudor- und den „English Woodland“-Garten. Die Anlage ist im Grundsatz unverändert erhalten. Sieben Bäume stammen sogar noch aus der Erstbepflanzung.

English...
English…
... Woodland
… Woodland

Morgens um halb elf herrscht in den Gärten noch die Ruhe vor dem Sturm, was vortrefflich durch die hier lebenden Flamingos demonstriert wird.

Langschläfer
Langschläfer

Wahrscheinlich keine dumme Strategie: Es bedarf nur wenig Phantasie, sich die rauschenden Feste vorzustellen, die hier oben mutmaßlich zu späten und sehr späten Tageszeiten gefeiert werden. Das dürfte auch Auswirkungen auf den Schlafrythmus der tierischen Bewohner haben.

Als nächstes nehme ich mir das Natural History Museum vor. Tags zuvor hatte ich mir dazu bereits die Museums-App aufs Telefon gepackt, in der verschiedene Hausdurchgänge vorgeschlagen werden und mit deren Hilfe die Orientierung in den verwinkelten Räumlichkeiten erheblich leichter fällt. Ich entscheide mich für den „Dinosaur Trail“, will aber zuvor einen Rundgang durch die prächtige Hintze Hall machen.

Hintze Hall

Hintze Hall

Dort werden mittels verschiedener Objekte und kleinerer Schaukästen Geschichte und Arbeitsbereiche des Museums vorgestellt, der dazu in der App abspielbare Audioguide wurde von niemand geringerem als Sir David Attenborough eingesprochen. Als Highlight entpuppt sich hierbei die Cadogan Gallery, in der die Schätze des Hauses versammelt sind, darunter das Fossil eines Archaeopteryx, der erste jemals gefundene Schädel eines Neandertalers, je ein Stückchen Meteorit- und Mondgestein, die Schale eines von Robert Falcon Scott auf seiner Antarktismission höchstpersönlich aufgesammelten Kaiserpinguin-Eis und ein Exemplar der Erstausgabe von Charles Darwins „On the Origin of Species“.

Nach einem spontan eingeschobenen Cream Tea im Central Café widme ich mich schließlich dem Startpunkt des „Dinosaur Trail“, der „Dinosaur Gallery“. Deren Hauptattraktion, der mechanische Tyrannosaurus Rex, hat ausgerechnet heute einen freien Tag.

Under Maintenance
Under Maintenance

Die Gallery, so stelle ich schnell fest, besteht im Wesentlichen aus Abgüssen und Modellen. Die echten Fossilien sind im übrigen Haus verteilt, was ein weiteres Argument dafür ist, die Besucherführung der App zu nutzen. Grob dem Saurierpfad folgend, entdecke ich am Rande noch zwei Preziosen: Die „Images of Nature“ Gallery, in der wechselnde Ausstellungen von Illustrationen und Fotografien gezeigt werden und den Mineralienraum.

Verständlicherweise wird der größte Teil des Museumsbestands in Depots verwahrt. Würde man beispielsweise die Sammlungen der Cook-Reisen dauerhaft dem Besucherstrom aussetzen, wäre das mit dem konservatorischen Auftrag wohl nur schwer vereinbar. Mal abgesehen davon, daß nicht annähernd genügend Fläche zur Verfügung steht. Man kann aber online in diesen und anderen nicht ausgestellten Beständen stöbern. Sehr lesenswert in diesem Zusammenhang ist auch das Museums-Blog, insbesondere die Einträge der Bibliothek (Kategorie „Library and Archives“).

Nach einer nachmittäglichen Pause im Quartier begebe ich mich erneut ins V&A, um mir die Räume zum Thema „Theatre & Performance“ anzuschauen. Diese sind zwar durchaus sehenswert, gefallen mir aber nicht ganz so gut wie andere Bereiche des Museums. Leider befindet sich die Sonderausstellung „Opera: Passion, Power and Politics“ noch im Aufbau. Sie wird erst am 30. September eröffnen.

Albert
Albert
Dem Albert seine Halle
Dem Albert seine Halle

Anschließend geht es in die Royal Albert Hall. Das Konzertangebot ist unmittelbar nach den BBC Proms zwar ziemlich übersichtlich, fußläufig zur Hall zu wohnen – meiner Konzertlocation des Jahres 2016! – und diese nicht zu besuchen, erschien mir dennoch undenkbar. Ich hatte mich im Vorfeld für das Classic FM-Filmmusikkonzert mit dem Bournemouth Symphony Orchestra unter der Leitung von Pete Harrison entschieden. Der Kontrast zu „This is Rattle“ fällt deutlich aus und zieht sich durch die gesamte Veranstaltung. Von der Gestaltung des Programmhefts, der Beleuchtung und den Pyroeffekten (!) über Moderation und Sponsorenpräsentation bis hin zu Auswahl und Vorstellung der Solisten, alles wirkt ein wenig dick aufgetragen. Dazu paßt, daß ich mir mit meiner (moderat zusammengestellten) Konzertbekleidung in der aus künstlerischer Sicht wesentlich elitäreren Veranstaltung im Barbican noch „slightly overdressed“ vorgekommen war, für den Classic FM-Abend dagegen problemlos noch ein bis zwei Bricketts mehr hätte auflegen können.

Ich sitze im „Rausing Circle“, auf vergleichsweise billigen Plätzen also, die nichtsdestotrotz einen guten Blick auf das Orchester gewähren. Das BSO macht seine Sache sehr ordentlich. Ich schwelge in den John Barry-Stücken, freue mich unter anderem über die „Glohrreichen Sieben“, „Lawrence of Arabia“, „Lord of the Rings“, das John Williams-Medley und die „Indiana Jones“-Zugabe und wünsche mir lediglich bei den „Adagio for Strings“ von Samuel Barber kurzfristig die LSO-Streicher und die Barbican-Akustik zurück. Gerade auf den oberen Rängen merkt man doch, daß die Royal Albert Hall (of Arts and Sciences) im Grunde kein Konzertsaal, sondern eine Mehrzweckhalle ist.

Apropos Konzertsaal: Dem Vernehmen nach betreibt Sir Simon Rattle zurzeit offensiv den offenbar schon seit langem durch die Londoner Musikszene geforderten Bau eines neuen Hauses, welches in unmittelbarer Nachbarschaft des Barbican Centre auf dem jetzigen Gelände des Museum of London entstehen soll. Das wiederum zieht voraussichtlich 2021 in neue Räumlichkeiten am Smithfield General Market. Die Pläne sind durchaus nachvollziehbar: Die Möglichkeiten für das LSO im Barbican sind begrenzt, allein schon vom zur Verfügung stehenden Platz her, die Royal Festival Hall hat bereits vier Residenzorchester, die Albert Hall ist eh außen vor, nicht nur aus akustischen Gründen, und auch die Eröffnung der Hamburger Elbphilharmonie wird neue Begehrlichkeiten geweckt haben. Was immer daraus wird: Meine Faszination für die Royal Albert Hall wird davon unberührt bleiben.

Nach dem Konzert bin ich in nur wenigen Schritten bei meiner Unterkunft, was mir ein geradezu unverschämtes Vergnügen bereitet. Es sind die kleinen Dinge!

London (Part III): Tag 5

Der spontane Opernbesuch und die Frankfurter Buchmesse haben die London-Nachlese ein weiteres Mal unterbrochen. Ich nehme den Faden wieder auf mit der Rückschau auf Tag 5! Was zuvor bzw. im letzten Jahr geschah, kann bei Interesse unter dem Schlagwort London nachgelesen werden.

Es ist Montag morgen und das Wetter ist unentschlossen. Ich bin früh wach und rechne mir aus, daß ich ungefähr zu Öffnungsbeginn um 10 Uhr an der National Portrait Gallery sein kann. In der Hoffnung, daß es zu dieser Uhrzeit dort noch nicht ganz so voll ist, mache ich mich auf den Weg.

Die Station Leicester Square wird von schwerbewaffneten Sicherheitskräften bewacht, ein für Londoner Verhältnisse bislang ungewohnter Anblick. Ich schlucke mein Unbehagen hinunter und trete auf die Charing Cross Road. Ein paar Schritte weiter fällt mir linkerhand eine Gasse auf, die irgendwie interessant aussieht. Nach ein paar Metern und einer 90°-Kurve stelle ich fest, daß sie zwischen zwei Theaterhäusern hindurchführt: Das Wyndham’s und das Nöel Coward Theatre stehen hier Rücken an Rücken. Mehrere Türen des Nöel Coward sind geöffnet, durch eine kann ich einen Blick auf den unmittelbaren Backstagebereich erhaschen. Ich will nicht allzu neugierig wirken und wende mich wieder der Gasse zu. Ein Mann hastet auf das Theater zu, nicht besonders groß, Brille, Kopfhörer, Mütze, Kaffeebecher in der Hand. Er eilt wenige Meter an mir vorbei, offensichtlich auf der Suche nach dem richtigen Eingang. Ich denke: „Wenn man dem die Brille abnimmt, sieht er aus wie Martin Freeman“, und gehe weiter. Dann stutze ich. Moment mal, ich bin in London, das ist vielleicht Martin Freeman! Ich drehe mich um – zu spät.

Die Plakate am Haupteingang beenden alle Spekulationen. Das Stück heißt „Labour of Love“, in den Hauptrollen: Tamsin Greig und, Volltreffer, Martin Freeman. Bis zur Premiere am 27. 9. sind es nur noch wenige Tage.

Doppelte Vicky
Doppelte Vicky

In der National Portrait Gallery sind gleich massenweise berühmte Menschen zu sehen – zumindest deren Abbilder, die in vielen Fällen bereits einen eigenen Celebrity-Status erreicht haben. Dabei wird keineswegs nur die Historie berücksichtigt. Im großen Treppenhaus leuchtet mir aus Raum 32 ein Portrait von Ed Sheeran entgegen. Später sehe ich unter anderem Judi Dench, Maggie Smith, die Herzogin von Kent, Julia Donaldson und, umgeben von kichernden Schulkindern, ein Video des schlafenden David Beckham.

Ich mache mich zunächst auf die Suche nach Richard III. Das Bild ist nicht leicht zu finden, denn laut Museumsplan beginnt die Chronologie der ausgestellten Portraits mit den Tudors ab 1485. Richard III. ist aber ein Lancaster, der letzte seiner Dynastie, er regierte von 1483 bis 1485. Obwohl ich zuvor schon mittels der Suchfunktion auf der NPG-Webseite ermittelt hatte, daß Richard „on display“ ist und sogar, in welchem Raum er hängt, muß ich schließlich doch noch nachfragen.

Richard III. hat einen sehr schlechten Ruf, nicht zuletzt durch die Charakterisierung William Shakespeares. Nicht wenige Historiker zweifeln jedoch an der Version der Prinzenmorde, die in Geschichtsbüchern vermittelt wird. Der perfekte Stoff für einen Krimi, von Elizabeth MacKintosh alias Josephine Tey 1951 in dem Roman „The Daughter of Time“ („Alibi für einen König“) als ebensolcher verwendet.

Richard III.
Richard III.

Ich betrachte das Portait lange, schieße ein Foto und grüße Richard von einer alten Freundin, bevor ich mich dem Rest der Sammlung widme.

Mit bildender Kunst kenne ich mich weniger aus als mit darstellender, und oft habe ich Schwierigkeiten, einen Zugang zu den Werken zu finden. Portraits, egal welcher Art, Epoche und Stilrichtung, bilden die Ausnahme. Daß die Briten ihre in einem Haus versammelt haben, paßt mir daher ganz hervorragend und ich tauche erst nach knapp drei Stunden wieder aus dem Gesichtermeer auf.

Pikachu on Trafalgar Square
Pikachu on Trafalgar Square

Draußen scheint mittlerweile die Sonne und ich setze mich mit einem Sandwich zu Füßen der National Gallery an den Trafalgar Square.

Mein nächstes Ziel ist das British Museum. Ich nehme ein weiteres Mal die London Walks-Führung in Anspruch in der Befürchtung, mich sonst in dem riesigen Komplex zu verlieren. Eine weise Entscheidung – das British Museum ist wirklich unfaßbar weitläufig. Allein mit der Geschichte des Hauses könnte man sich stundenlang aufhalten.

Der Guide bugsiert uns gekonnt durch die Besuchermassen und garniert seine Beschreibung der Museums-Highlights mit effektvollen Cliffhangern. Dabei faszinieren mich neben dem Rosetta Stone in den ehemaligen Räumen der British Library insbesondere die Artefakte aus dem angelsächsischen Schiffsgrab von Sutton Hoo.

Bevor ich bis zum Rand voll mit Eindrücken ermattet ins Bett falle, mache ich noch einen Abstecher nach Marylebone, esse eine Kleinigkeit bei Natural Kitchen, stöbere ein Dreiviertelstündchen bei Daunt Books und werfe einen kurzen Blick ins Kaufhaus Selfridges an der Oxford Street.