Hindernisrennen

Kiki hat über Radrowdys geschrieben. Wobei „geschrieben“ für diesen Text etwas schwach erscheint – „gekotzt“ trifft es wohl besser*). Ich will gar nicht bestreiten, daß Radrowdytum in Hamburg existiert. Ich habe es selbst schon erlebt, insbesondere im Innenstadtbereich und rund um die Alster. Dennoch, wenn ich diese Verschärfung betrachte, frage ich mich: Ist das, was Kiki da schildert, ein anderes Hamburg als das, in dem ich lebe und mich bewege?

Das folgende Textfragment verfaßte ich vor ein paar Wochen nach einer Einkaufsfahrt auf dem neugestalteten Abschnitt der Fuhlsbütteler Straße zwischen dem Barmbeker Bahnhof und der Wellingsbütteler Straße. In diesem Bereich wurden Gehwege zugunsten von Fußgängern (jaha!), Gewerbe und Gastronomie erweitert und der Radverkehr auf Radstreifen an der (verkleinerten) Fahrbahn transferiert.


Samstags in Barmbek: Für die Runde Budni – Bäcker – Markt nehme ich das Fahrrad.

Auf der kurzen Strecke muß ich einem Taxi, einem Lieferwagen und drei DHL-Fahrern ausweichen, ich muß Fußgänger, die jenseits der Übergänge und Ampeln die Straße überqueren wollen, zur Raison klingeln und mich fluchend hinter einen Gelenkbus zurückfallen lassen, der erst im Anfahren von der Haltestelle beginnt, links zu blinken. Und der mich entweder nicht sieht oder den es nicht interessiert, daß ich in diesem Moment schon neben ihm fahre.

Seit der Umgestaltung der Fuhlsbütteler Straße liegt der Fahrradweg auf der Fahrbahn, als Pufferzone zwischen Bushaltestellen, Parkbuchten und dem Autoverkehr. Es soll Fahrradfahrer geben, die das so bevorzugen. Das ist mir unbegreiflich.

Ich lebe nämlich ganz gern.


Ich selbst bin überwiegend Bahnfahrerin/Fußgängerin und seltener Radfahrerin. Der Hauptgrund ist, daß ich mich auf dem Rad in Hamburg nicht sicher fühle. Vor dreieinhalb Jahren, im Sommer, habe ich einige Male meinen 8km langen Arbeitsweg mit dem Rad zurückgelegt. Obwohl ich defensiv fahre und mich bemühe – nobody’s perfect -, stets alle Verkehrsregeln zu beachten, gab es bei den ersten Fahrten gleich mehrere brenzlige Situationen, in denen Autofahrer mich beim Abbiegen übersahen oder mir Fußgänger hakenschlagend vor die Reifen liefen – auf dem Fahrradweg, wohlgemerkt, nicht selten blind für die Umgebung durch den Blick aufs Smartphone. Ich kaufte mir daraufhin einen Fahrradhelm, etwas, was ich zu tragen bisher kategorisch abgelehnt hatte. Wodurch ich somit aus Erfahrung auch gleich zur Aufklärung des „Warum behalten Radfahrer ihren Helm auf, z. B. im Supermarkt“-Rätsels beitragen kann: Man kann den Helm entweder absetzen und mit ins Geschäft nehmen, dann baumelt er einem ständig im Weg herum, man hat ja nicht plötzlich eine Hand mehr. Oder man kann ihn am Rad zurücklassen, dann hängen da nachher zwei. So einfach ist das.

Zurück zur Verkehrssituation. Viele von uns erleben täglich Rücksichtslosigkeit in Straßen- und Bahnverkehr. Es stimmt schon: Als Fußgängerin bin ich potentiell Freiwild für praktisch alles, was Räder hat. Aber umgekehrt brachte als Fahrradfahrerin mich einst eine Fußgängerin zu Fall, weil sie ohne Seitenblick über den Radweg (und die Straße) sprintete, um einen Bus zu erreichen. Sie riskierte noch einen kurzen Blick über die Schulter, sah mich und mein Rad am Boden liegen und hüpfte schulterzuckend in die Linie 172. Es ist richtig: Selbst in einem Auto kann ich mich nicht sicher fühlen, und sei es nur deshalb, weil es im Zweifel immer noch ein größeres Kraftfahrzeug gibt als das, in dem ich gerade sitze. Aber auch, weil es manchen Zweiradfahrern mit und ohne Motor und gelegentlich sogar Fußgängern eine Freude ist, Autofahrer zu provozieren. Und wann lernt die Menschheit endlich, daß man Leute aus Bussen und Bahnen erst aussteigen lassen muß, um selbst einsteigen zu können?

Die Lösung des Problems neben einer Verkehrspolitik, die die Gleichberechtigung aller (!) Verkehrsteilnehmer fördert, ist und bleibt gesunder Menschenverstand, Augenmaß und gegenseitige Rücksichtnahme. Es hilft alles nichts, es ist, um das unerschütterliche Treuebekenntnis gewisser Fußballfans zu ihrem bisweilen wenig siegreichen Verein zu zitieren, die einzige Möglichkeit.


*) Nachtrag: Kikis Originalartikel ist inzwischen offline. Die Gründe dafür kann man hier nachlesen.