In Concert: Abschied von Sir Jeffrey Tate

Eigentlich mache ich das nicht.

Wenn ich auf dem Lotsenschoner No. 5 Elbe als Crew eingeteilt bin, bin ich als Crew eingeteilt. Das heißt unter anderem: Mindestens zwei Stunden vor Abfahrt an Bord zu sein und nach dem Anlegemanöver gemeinsam aufzuklaren. Noch vor dem Anlegebier und ohne sich ordentlich zu verabschieden fluchtartig das Schiff zu verlassen, war nach etwas mehr als 11 Jahren Vereinszugehörigkeit ein Novum und soll auch die Ausnahme bleiben. Ebenso nach einem schweißtreibenden Segeltag ungeduscht und nur notdürftig zurechtgemacht mit der großen Tasche unterm Arm in neuer persönlicher Bestzeit für die Strecke Sandtorhafen – Johannes-Brahms-Platz die Laeiszhalle zu entern.

Wäre da nicht das Abschiedskonzert für Sir Jeffrey Tate gewesen.

Nach zwei Orchesterkonzerten des damals noch NDR Sinfonieorchesters auf Kampnagel trieb es mich im September 2014 erstmalig zu den Hamburger Symphonikern. Zunächst des Programmes wegen: „Die Planeten“ von Gustav Holst hatte ich zuvor schon in Auszügen gehört und war nun darauf erpicht, das Werk in seiner Gesamtheit genießen zu können. Ich buchte einen Platz vorne rechts im 1. Rang und erwarb dadurch einen ungeahnten Nebeneffekt: Man kann von dort zwar nicht das Orchester in seiner Gesamtheit, dafür aber dem Dirigenten ins Gesicht sehen.

Was man während eines Konzerts in Sir Jeffrey Tates Mienenspiel erkennen konnte, hat Daniel Kühnel in seiner Trauerrede heute abend besser in Worte gefaßt, als ich es zu tun vermag. Insbesondere dieses erste Konzert bleibt für mich unvergeßlich: Ich überwand die mittelschwere Befremdung ob der damals für mich noch ungewohnten Konzertsaal-Atmosphäre und des jedes denkbare Klischee erfüllenden Abo-Publikums um mich herum und war vollkommen fasziniert. Knapp zwei Monate später war ich wieder vor Ort. Dann nochmal (der Holmboe! der Sibelius!). Und wieder. Schließlich auch bei den Philharmonikern und den Stummfilmkonzerten. Als nächstes entdeckte ich das Schleswig-Hostein Musik Festival und mittlerweile sind Symphonie- und andere Orchesterkonzerte aus meinem musikalischen Jahreskalender nicht mehr wegzudenken.

Bei meinem letzten Konzertbesuch in der Laeiszhalle hatte mich die anfängliche und in der Hauptsache umgebungsbedingte Befremdung zwar wieder eingeholt. Dieser Umstand schmälert indes weder meine Bewunderung noch meinen Respekt und erst recht nicht meine Dankbarkeit gegenüber einer herausragenden Künstlerpersönlichkeit.

Fair winds, Sir Jeffrey. See you on the other side.

Die Sache mit den Elphi-Tickets

Zugegeben, es gibt im Moment bedeutend wichtigere Dinge, über die es sich aufzuregen lohnt. Aber was mich trotz allem so richtig auf die Palme bringt: die Elphi-Ticketabzocke von Wiederverkäufern auf ebay, viagogo & Co.

So werden beispielsweise zwei zusammenhängende Tickets für den Konzertabend „Philip Glass zum 80.“ am 9. 7. 2017 mit Daniel Hope und dem hr-Sinfonieorchester unter der Leitung von Hugh Wolff zu Preisen von bis zu 379,98 Euro angeboten. Im konkreten Falle: Bereich 15 J, Reihe unbekannt; regulär bis zu 74,00 Euro pro Karte (Preisklasse 1).

Jetzt kann man natürlich, falls vorhanden, das Geld ausgeben. Und dann Pech haben wie seinerzeit bei Lang Lang, der krankheitsbedingt absagen mußte. Dumm gelaufen für die, die zu Mondpreisen zugeschlagen hatten: Ersetzt wurde nur der reguläre Betrag – mein Mitleid hielt sich in Grenzen. Man kann aber auch beim Veranstalter des fraglichen Events nachforschen. Im Falle von „Philip Glass zum 80.“ ist es das Schleswig-Holstein Musik Festival. Während das Konzert im Elbphilharmonie-Ticketshop als „ausverkauft“ gemeldet ist, kann man sich auf der SHMF-Webseite in eine Warteliste eintragen.

Die größten Chancen hat man dabei übrigens als Einzelticket-Jäger(in). Für euch (erfolgreich) getestet.

In Concert: Elbjazz 2017

Zum Elbjazz-Festival kam ich sehr spät – nämlich erst 2014 – und sehr spontan. So spontan, daß zunächst keine Gelegenheit blieb, sich vorab mit dem Programm zu beschäftigen. Ohnehin stand der Jazz als Genre zu dieser Zeit auf meiner Liste nicht sehr weit oben. Ich ließ mich also mitziehen, ganz ohne Erwartung, und wurde positiv überrascht. Entsprechend angefixt war ich im Jahr darauf wieder dabei. Ich erinnere zahlreiche Highlights aus dem Programm, scheiterte aber – abgesehen vom Wetter, für das keiner etwas kann – an einer überambitionierten „Möchte ich unbedingt sehen“-Wunschliste in Kombination mit dem zeitweise stockenden Barkassen- und Busshuttle zwischen den verstreuten Veranstaltungsorten. Insbesondere das Hafenmuseum erwies sich als Sackgasse; effektives Pendeln zum Werftgelände von Blohm+Voss und retour war praktisch unmöglich.

Für den diesjährigen Neustart nach der Festivalpause nahm ich mir daher vor, größere Zeitpuffer einzubauen, bevorzugt shuttleunabhängige Transfermöglichkeiten zu nutzen, mich am Hallenprogramm (und nicht an den Headlinern) zu orientieren und im Zweifel konsequent vom vorgefaßten Plan abzuweichen – alles unter dem Motto „Weniger ist mehr“.

Tag eins

Ich startete am Freitag abend mit Beady Belle & Bugge Wesseltoft. Der Mann an den Tasten hielt sich vornehm zurück, was in der vorliegenden Konstellation zwar nachvollziehbar, für mich jedoch ein wenig enttäuschend war. Nichts gegen die Dame – phantastische Stimme! -, nur trafen die Songs nicht ganz meinen Geschmack. Aber dann kam Joshua Redman für ein Stück mit auf die Bühne. Highlight-Alarm! Ich schmiß auf der Stelle meine Planung um, um ihn eine Stunde später mit seinem Trio an gleicher Stelle erleben zu können. Eine sehr gute Entscheidung.

Eingedenk der Wegstrecke entschied ich mich anschließend, Richtung St. Katharinen aufzubrechen, um dort noch rechtzeitig zum Konzert von ALA.NI einzutreffen – gewissermaßen die Zwischenstation vor dem fest reservierten Mitternachtstermin in der Elbphilharmonie. Es half dabei sehr, gut zu Fuß und obendrein ortskundig zu sein. Über die Künstlerin wußte ich nichts und der Billie Holiday-Vergleich in der Ankündigung hatte bei mir reflexartig Skepsis ausgelöst. Im Falle von ALA.NI komplett unnötig. Diese Stimme vergißt man nicht so leicht – Gänsehaut pur! Die Akustik des Kirchenschiffs tat das Übrige hinzu, überhaupt, St. Katharinen! „Klug, mutig, schön“ – eine traumhafte Location. Was mich ein wenig abgelenkt hat, war das kleinmädchenhafte Gehabe der Dame. Das nervt mich tendenziell, bei solchen Gelegenheiten frage ich mich immer: Ist das Masche, gehört das zur Marke oder ist die wirklich so?

Aber dann stimmte sie auch schon den nächsten Song an und das ganze Drumherum wurde ganz und gar nebensächlich.

Der Weg von St. Katharinen zur Elbphilharmonie ist kurz und so hatte ich genügend Muße, mich zum Abschluß des ersten Festivaltages auf mein mittlerweile siebtes Konzert im Großen Saal einzustimmen.

Daß die Elphi-Konzerte des Elbjazz nur über Vorreservierung zugänglich waren, ist einerseits verständlich, widerspricht aber auf der anderen Seite dem Grundgedanken des Festivals. Die Tickets gab es nur über den sehr rechtzeitig zu tätigenden Vorverkauf, man mußte sich weit vor Termin festlegen und viele der angekündigten Künstler traten ausschließlich dort auf. Ich hatte mich also im Vorfeld nicht nur für Christoph Spangenberg entscheiden müssen, sondern auch gegen Jan Garbarek. Immerhin, als „Early Bird“-Ticketkäuferin konnte ich alle Optionen nutzen und hatte dann auch noch Losglück bei der Platzverteilung: Bereich 13 I bedeutet noch nicht hinter, sondern seitlich von der Bühne und ziemlich nahe dran zu sitzen.

Spangenberg spielt Nirvana – nicht der erste Programmpunkt, bei dem man sich fragen kann: Was hat das mit Jazz zu tun? Wobei es letztlich auf das musikalische Ergebnis ankommt, unabhängig davon, ob es sich um originäre Jazzstücke oder -standards handelt oder eben nicht. Spangenbergs Interpretationen hingen an der Grenze, aber doch, es paßte schon. Von mir aus hätten sie im Schnitt noch ein bis zwei Stufen dreckiger sein können. Vielleicht war die relative Zuckrigkeit doch der Tatsache geschuldet, daß Spangenberg im Gründungsjahr von Nirvana (1989) gerade ein Jahr alt war und sich den Grunge gewissermaßen nachträglich erarbeiten mußte. Der besonderen Atmosphäre des Konzerts zur Geisterstunde tat das keinen Abbruch. Im Gegenteil.

Dazu kam das surreale Element. Als das Nirvana-Album „Nevermind“ in den Charts stand, war ich kurz vorm Abitur. Hätte mir damals jemand gesagt, daß ich 26 Jahre später im Großen Saal einer nach allen Regeln der Kunst neu erbauten Hamburger Philharmonie sitzen und diesen Songs in einer Version für Konzertflügel lauschen würde, ich hätte wohl ohne Umschweife mit „Was hast Du denn geraucht?!“ gekontert.

Tag zwei

Ich schaffte es gerade rechtzeitig zurück aufs Gelände, um noch ein halbes Stündchen der Band Mörk zuhören zu können. Sehr dynamisch, aber hier bleibe ich streng: Mit Jazz hatte das wenig zu tun. Wie übrigens abends zuvor auch die Musik von Agnes Obel, deren Auftritt auf der Hauptbühne ich zugunsten von ALA.NI ausgelassen hatte.

Beim zweiten Konzert des Tages hatte ich mich glücklicherweise an der Elbjazz-App orientiert: Der einstündige Auftritt von Vincent Peirani & Émile Parisien auf der neuen NDR Info Radio Stage wurde zwar sowohl dort als auch auf der Webseite angepriesen, war aber nicht im Programmheft abgedruckt. Aus dem Bauch heraus entschied ich, mir bereits vierzig Minuten vor Beginn einen Sitzplatz zu sichern. Keine dumme Idee, wie sich bereits rund zwanzig Minuten später herausstellte. Und was für ein sensationeller Auftritt war das! Vincent Peirani am Akkordeon und Émile Parisien am Sopransaxophon demonstrierten eindrucksvoll mit Witz und Können, daß miteinander zu musizieren im Idealfall eine ausnehmend intensive Kommunikationsform darstellt. Insbesondere Parisien zeigte dabei vollen Körpereinsatz. Mein persönlicher Elbjazz-Höhepunkt.

In der Schiffbauhalle 3 wurde nebenbei bewiesen, daß man nicht nur bei klassischen Stücken an den falschen Stellen klatschen kann. Eine kleine Herausforderung für die Radiocrew, denn ein Großteil der Interaktion zwischen Künstlern und Publikum an diesen Stellen kommt im Mitschnitt naturgemäß unter die Räder.

Mein nächstes Ziel war der Auftritt von Dhafer Youssef in der Alten Maschinenbauhalle. Auch hier sicherte ich mir sehr rechtzeitig einen guten Stehplatz nahe der Bühne, denn leider war dort für den Festivalsamstag die Bestuhlung abgebaut worden. Stilistisch kam ich zwar nicht ganz mit, aber der Gesang! Beeindruckend.

Blieb nur noch eine halbe Stunde bis zum Konzert von Greogry Porter & Band auf der Hauptbühne. Der Headliner bekam anders als die übrigen Künstler einen anderthalbstündigen Slot ganz am Ende des zweiten Festivaltags – zu Recht. Das ist schon amtlich, was der Mann da abliefert. Unterstützt wurde Porter vom Kaiser Quartett, welches ich aus der Ferne allerdings kaum hören konnte. Überhaupt schien der Sound gedrosselt zu sein. Von den seitlichen Rändern der Bühne aus war der Auftritt akustisch so gut wie nicht zu verfolgen, ganz anders als noch bei Mörk am Nachmittag. Aufgrund des Gedränges im Vordergrund sicherte ich mir einen halbwegs akzeptablen Hörplatz in einem der NDR Info-Liegestühle, um mich dann knapp vor Konzertende aus dem Staub zu machen, dem Massenaufbruch erfolgreich zuvorkommend. Ich hätte noch Lust gehabt, zu Mousse T. in den Mojo Club zu gehen, aber der tote Punkt erwischte mich auf halber Strecke zwischen dem alten Elbtunnel und der Reeperbahn.

Prädikat unterm Strich: Gelungene Wiederaufnahme! Diesmal spielte sogar der Himmel mit. Wenn nichts dazwischenkommt, bin ich 2018 wieder dabei.

Wetterchen
Wetterchen

Einen Wunsch habe ich fürs nächste Mal: Früher war mehr Klavier beim Elbjazz. Da geht doch sicher noch was – looking at you, Karsten Jahnke!

In Concert: Die Elph-Cellisten mit J’nai Bridges in der Elbphilharmonie

Wenn ich jetzt sage, daß das Beste an den Elph-Cellisten die Sängerin war, klingt das nicht nur komisch, es ist auch ziemlich unfair: Unter dem Titel „A Cello Affair“ demonstrierten die Cellisten des NDR Elbphilharmonie Orchesters am vergangenen Montag in der Elbphilharmonie eindrucksvoll die Bandbreite ihres Könnens. Nach anfänglicher Zurückhaltung drehte das Ensemble spürbar auf, was sich insbesondere in den teilweise durch den Einsatz von diversem Schlagwerk aufgepeppten lateinamerikanischen Stücken manifestierte. Der Tango „Bien al Mango“ von Raúl Garello und „La Peregrinación“ von Ariel Ramírez gefielen mir von diesen am besten.

Dennoch, sobald J’nai Bridges die Bühne betrat, schrumpften die Elph-Cellisten beinahe zwangsläufig zur Begleitband. Was für ein Auftritt, was für eine Präsenz, was für eine Stimme! Fünf gemeinsame Stücke standen auf dem Programm, darunter auch Gershwins „Summertime“, was mich besonders bezauberte. Dazu trug ganz wesentlich das wunderschöne, an die Version von Ella Fitzgerald und Louis Armstrong angelehnte Arrangement von Valentin Priebus bei.

Als schließlich zur zweiten Zugabe ein James Bond-Medley angespielt wurde, blieb nur noch die Frage: „Diamonds are forever“ oder „Goldfinger“? Das Intro und J’nai Bridges‘ Garderobenwechsel gaben die Antwort beinahe simultan.

Golden words he will pour in your ear
But his lies can’t disguise what you fear
For a golden girl knows when he’s kissed her
It’s the kiss of death from

Mister Goldfinger

Und dazu hätte man ihr dann doch – nur ganz kurz, für die Dauer des Songs! – ein großes Orchester gewünscht.

Vermischtes

Ich mache nicht so gerne Sammeleinträge ins Susammelsurium, aber es sind schon wieder drei Veranstaltungen aufgelaufen und es soll nicht in Streß ausarten. Ganz im Gegenteil. Ich bemühe daher ausnahmsweise den Schnelldurchlauf.

Montag

Frau F. und ich waren bei hidden shakespeare im Schmidt Theater! Endlich! Das wollten wir ja, seit wir „Heiligabend mit Hase“ und „Ein Endspiel“ im Abaton gesehen hatten. Es war grandios. Meine Lieblinge: das Lacrosse-Pony und der Galoppflamingo. Wobei ich ein wenig mit dem Publikum fremdelte. Das Prinzip des Verzehrtheaters – was für ein schönes Wort! – scheint doch die ein oder andere Spezies anzulocken, die man in die Kategorie Mädelsabend, Junggesell(inn)enabschied oder Betriebsausflug stecken kann. Nicht unbedingt die Atmosphäre, in der ich mich zuhause fühle. Andererseits war ich ja tatsächlich mal selbst im Rahmen eines Betriebsausflugs, also, das ist Jahre her, bei „Cavemusic“ im Schmidts Tivoli, und da hat es mich gar nicht gestört. Was meiner Erinnerung nach ganz wesentlich mit dem Auftritt Christian von Richthofens zu tun hatte. Für solche Menschen wurde der Begriff „musikalisch“ erfunden. Was für eine Rampensau! Er stahl dem Caveman die Show, nach allen Regeln der Kunst, und man konnte ihm nicht böse sein. Jedenfalls nicht aus der Publikumsperspektive – Kristian Bader mag seinerzeit anders darüber gedacht haben.

Bei Bodo Wartkes „König Ödipus“ vor fast genau acht Jahren war widerum deutlich mehr Theater spürbar, trotz des Kabarettansatzes. Zwei Gegenstände in meiner Wohnung erinnern mich seither an diesen Abend: Das gelbe Reclamheftchen im Buchregal und Carl der Löwe alias die Sphinx („Wie ‚Pfingsten‘ nur mit ‚S‘!“) auf dem Kleiderschrank. Bodo Wartke wird mit gemischten Gefühlen an diese Premiere zurückdenken, er brach sich nämlich während der Vorstellung das rechte Wadenbein.

Wie komme ich jetzt darauf? Ach ja: Theater.

Mittwoch

Nächste Station: „Unwiderstehlich“ im Ernst Deutsch Theater. Im Vergleich zum Montag war das naturgemäß ein komplett anderer Film. Frau F. und ich hatten beide Schwierigkeiten mit dem Stück, wobei mir nicht ganz klar war, ob es am Text selbst oder an der Regie lag oder vielleicht an der Kombination von beidem. Das hat uns aber keineswegs daran gehindert, die schauspielerische Leistung von Anika Maurer und Boris Aljinovic anzuerkennen.

Die Vorstellung war in zwei Teile gegliedert, unterbrochen durch eine Pause. Mir persönlich hat der dritte Teil am allerbesten gefallen. Ich habe mich lange nicht mehr so gründlich und so nett verquatscht. Ganz lieben Dank auch dafür.

Donnerstag

Ein klein wenig Theater gab es auch bei Lambert im resonanzraum, und sei es nur des Maskenspiels wegen. Anders als vor anderthalb Jahren auf Kampnagel waren dieses Mal keine Bläser dabei (die Gitarre war ok, hätte aber nicht sein müssen). Dadurch wirkte das Programm ernster, was sich auch in den tendenziell weniger spaßigen Ansagen widerspiegelte. Ich mochte auch diese Variante sehr. Schade nur um das Bundesamt für Notenschutz, das offenbar inzwischen aufgelöst wurde.

Ich hatte mich bewußt so plaziert, daß ich Lambert etwas von der Seite sehen konnte. Dadurch saß ich direkt vor dem Schlagzeuger und Perkussionisten, dem ich im Laufe des Konzerts mehr und mehr verfiel. Da bildet sich allmählich ein Muster heraus; man kann durchaus Parallelen zu meiner Faszination für Andrea Belfi (bei Nonkeen) und Fabian Prynn (bei Douglas Dare) ziehen.

Ich behalte das im Auge. Bzw. im Ohr.

In Concert: Colin Currie Group und Synergy Vocals in der Elbphilharmonie

Die Sache mit der Musik von Steve Reich und mir, das ist eine von diesen Spotify-Geschichten. Anfang 2016, nach Bruce Brubaker mit „Glass Piano“ im Birdland, lief das Album bei mir in der Dauerschleife. Prompt schlug mir der Algorithmus ein paar Tage später Steve Reichs „Music for Pieces of Woods“ aus dem Jahr 1973 vor, frei nach dem Motto: „Kunden, die Philip Glass mochten, mögen auch…“ – ihr kennt das.

Im ersten Anlauf reagierte ich auf das Stück allerdings eher ungnädig. Wenn ich morgens auf dem Arbeitsweg in der S-Bahn eine Playlist anwerfe, mag ich es nicht gern hektisch. „Was für ein elendes Geklacker ist das denn, ich will Musik!“, brummelte ich innerlich und bediente genervt den Skip-Button. Später gab ich dem Titel eine zweite Chance und war fasziniert: Mit jeder Rhythmusverschiebung schien sich in meinem Kopf etwas mitzubewegen; das Gesamtgebilde erzeugte einen nahezu hypnotischen Effekt.

Wie das so ist, wenn man auf etwas gestoßen wird: Plötzlich sieht (bzw. hört) man es überall. NDR Kultur kam wenig später auf die keineswegs abwegige Idee, die Musik von Steve Reich mit der von Kiasmos in einem Konzert zusammenzubringen und als ich knapp zwei Monate später im Barbican Centre das „Possibly Colliding“-Programm in Augenschein nahm, so fand ich dort unter anderem auch „Music for Pieces of Woods“ gelistet. Was mich in diesem Moment schon nicht mehr überraschte. Leider paßte das Konzert nicht in den eng getakteten Zeitplan meines London-Aufenthalts.

Umso erfreuter war ich, als ich das „Maximal Minimal“-Festival im Programm der Elbphilharmonie entdeckte. Aus reiner Neugier und gegen meine Gewohnheit ließ ich den Klavierpart der Reihe links liegen und erstand ein Ticket für „Steve Reich: Drums“.

Damals wußte ich noch nicht, daß die Parkettebene 12 des Großen Saales nicht zwingend das beste Klangerlebnis gewährleistet. Bei „Music for Pieces of Woods“, aber auch bei „Drumming“ offenbarte sich das erneut: Die Akustik wirkte glashart und gnadenlos, dabei zeitweise hallig und überlaut. Wobei man dazu wissen muß, daß neben dem Vokalensemble nur ein Teil der Instrumente elektronisch verstärkt wurde. Unangenehm war auch das akustische Verhalten mancher Konzertteilnehmer. Ich bin inzwischen soweit: Menschen, die nicht flüstern können, sollte der Eintritt zu (größenteils) unverstärkten Konzerten in der Elbphilharmonie verwehrt bleiben. Dummerweise saßen gleich zwei dieser Exemplare in der Reihe vor mir („Das ist ganz schön laut.“ – „Ja, laut.“). Sie ließen sich auch durch strenges Mienenspiel der Umsitzenden nicht beirren.

Wo wir gerade dabei sind: Die zahlreichen Konzertneulinge in der Elphi hatten zwischenzeitlich eine Diskussion über „richtiges“ und „falsches“ Klatschen ausgelöst. Einige Für- und Gegenargumente wurden vor einiger Zeit im Hamburger Abendblatt veröffentlicht. Wobei auffällt, daß die Künstler sich zu dem Thema wesentlich entspannter äußerten als so mancher erzkonservative Musik“genießer“. „Bitte nicht schon wieder eine falsch verstandene (oder falsch verstehbare) ‚Willkommenskultur'“, du liebe Güte. In nicht wenigen, vornehmlich symphonischen Konzerten scheint dieser Typ des verknöcherten, humorbefreiten und elitär denkenden Klassikkonsumenten immer noch die Mehrzahl des Publikums zu stellen. Weswegen ich zunehmend Veranstaltungen und Veranstaltungsorte aufsuche, bei denen ich ein gemischteres Bild erwarten kann. Es ist auf Dauer ziemlich anstrengend, mit der eigenen Begeisterung zwischen solchen Miesepetern zu hocken.

Abgesehen davon, daß man bei einer hypersensiblen Akustik am besten den Mund hält, solange gespielt wird, steht eines jedoch außer Frage: Wenn ein Weltklasse-Ensemble auf der Bühne steht und der Komponist im Saal anwesend ist, die aufgeführten Stücke oder der Musikstil aber weder der Erwartung noch dem Geschmack entsprechen, dann gibt es genau zwei Optionen:

  1. Drinbleiben und versuchen, sich einzulassen. Mag sein, daß ich mit den Kompositionen auch dann nicht viel anfange, aber ich kann mindestens noch der Virtuosität der Aufführung Anerkennung zollen.
  2. Zur Pause das Konzert verlassen. Das ist vollkommen legitim.

Was absolut gar nicht geht, ist mitten im Stück aus dem Saal zu poltern. Da lasse ich nur medizinische Notfälle oder Blasenschwäche gelten und das hat nichts Dünkel zu tun. Sondern mit Anstand.

Ein Trost bleibt: Steve Reich wird das Verhalten der Abtrünnigen wenig gekratzt haben. Der Mann muß niemandem mehr etwas beweisen und die Fangemeinde jubelte ob des souveränen Auftritts der Colin Currie Group mit den Synergy Vocals zu Recht begeistert.

Ich auch.

Le Voyage Abstrait im Planetarium Hamburg

Mitte Februar wurde das Planetarium Hamburg nach rund anderthalb Jahren Umbauzeit wiedereröffnet. Meine Stadtpark-Laufrunde führt seitdem wieder um das Gebäude herum und einige Details der Umgestaltung fallen schon von außen ins Auge. Auch die Innenräume neu zu erobern, hatte ich mir jedoch für die erste „le voyage abstrait“ am gestrigen Sonnabend aufgehoben.

Gleich bei den Eingängen, unten am ausgebauten Sockel, betritt man Neuland. Die großzügig gestaltete Eingangshalle mit dem Kassenbereich ist nach oben offen und gibt den Blick auf das erhalten gebliebene Deckengemälde mit den Sternbilddarstellungen aus dem Jahr 1930 frei. Die Treppenaufgänge und der gläserne Aufzug fügen sich wunderbar ein und der Spendentrichter, mittig aufgestellt, bekommt an diesem Platz endlich die Aufmerksamkeit, die er verdient. Wir lernten gestern: Ein Kamelrennen-Chip vom Hamburger Dom ist gerade groß genug, um nicht durch das Loch zu passen. Hat man einen solchen zur Hand, ist unendlicher Spaß garantiert.

Die Gastronomie macht einen guten Eindruck, und erst die neuen Toiletten! Wobei die Sache mit der Kindertoilette, nun ja, die wird sich wohl auf Dauer nicht bewähren. Wenn die Kloschlange wächst, hilft auch kein „Blattpapier“ der Reinigungsfirma, daß diese doch bitte nicht von Erwachsenen benutzt werden möge. Wobei bei uns gleich die Frage aufkam, ob es bei den Männern auch ein Kinderklo gibt. Das konnte gestern nicht vollständig aufgeklärt werden. Als weiteren kleinen Kritikpunkt kann man noch den ohrenbetäubend lauten Turbo-Händetrockner aufführen (der alternativ angebotene Papierbehälter war natürlich leer). Dessen Höllenkrach drang nach der kontemplativen ersten „voyage“-Hälfte besonders unangenehm ins Hirn vor. Sehr schön dagegen ist, daß es jetzt Schließfächer gibt. Man braucht keine Münzen, sollte aber nicht mit laptopgroßen Messengertaschen anrücken. Dafür sind die Fächer zu klein.

Die obere Rotunde mit dem Eingang zum Sternensaal erscheint ein wenig unbehaust. Die Globus-Leihgabe hat einen Pixelfehler, ein Sessel und mehrere Touchscreens stehen herum und wirken konzeptlos. Das wird sich sicher bald ändern, wenn dort in Kürze die erste Ausstellung einzieht. Von der ebenfalls aufgestellten „Kuhllegin“ sollte man sich nicht hinters Licht führen lassen: Achtung, Fake Cow! Die echte Stella wacht im Untergeschoß in den Räumen des Planetariumsshops, der noch seiner Eröffnung harrt.

Beim Eintritt in den Sternensaal fallen zwei Dinge sofort ins Auge. Zum einen die neuen Sitzpolster in sattem Rot, worauf sich augenblicklich eine Diskussion entspann: Welche Farbe hatten die Sessel zuvor? „Auch rot!“, behaupteten meine Begleiter. Und ich hätte schwören können, daß… aber sei’s drum, reine Nebensache. Viel wichtiger war der Blick nach oben: Daß sich da gewaltig etwas bei der Auflösung getan hat, verriet uns schon das Kuppelstandbild mit Logo.

Auch bei Rechnerleistung und Software ist aufgerüstet worden und tatsächlich schwenkte der blaue Planet bei Reisebeginn flüssig in und wieder aus dem Bild. Damit taten sich Saturn und diverse andere Visuals im späteren Verlauf deutlich schwerer. Da muß sich wohl noch einiges einspielen. Die Laser hingegen ließen sich nichts anmerken und feuerten, als hätte es nie eine Unterbrechung gegeben.

Zehn!
Zehn!

Und musikalisch? Uns Hardcore-Fans, die wir über Monate mit schlimmen Entzugserscheinungen zu kämpfen hatten, hätte man auch eine schlichte Wiederholung vorlegen können. Aber derlei sieht dem Soundpiloten Raphaël Marionneau nicht ähnlich und so war die „voyage“ nicht gar mehr so „abstrait“, wie wir es kannten. Es gefiel uns, ebenso wie der neue Schlußtrack – mit A Winged Victory for the Sullen kriegt man mich ja immer.

Das Warten hat sich also gelohnt: Planetariumsum- und ausbau gelungen! Demnächst probiere ich noch, ob der Kuchen im Café Nordstern etwas taugt. Ob ich dabei draußen sitzen oder eines der gemütlich aussehenden Sofas testen werde, entscheidet das Wetter.

In Concert: GoGo Penguin im Uebel & Gefährlich

Kennt ihr diese Konzerte, die mit „Joah!“ und leichtem Fußwippen anfangen und sich dann stetig weiter steigern? Bei denen die Songs immer ausgefeilter werden, die leisen Töne differenzierter, die Crescendi gewaltiger, bis zum Schluß der ganze Saal tobt und einem die eine Zugabe gewaltig unterdimensioniert erscheint?

So ungefähr lief das vorhin bei GoGo Penguin im Uebel & Gefährlich. Sehr gerne wieder.

In Concert: Anna Depenbusch im Thalia Theater

Die Musik von Anna Depenbusch lernte ich um und bei 2010 durch das Stück „Heimat“ auf dem Sampler „Genau meine Musik“ kennen. Das mochte ich so sehr, daß ich mir das Album „Ins Gesicht“ kaufte. Um dann festzustellen, daß mir aus diesem schon ein weiteres Stück begegnet war („Streichholz“), und zwar knapp drei Jahre zuvor.

Es dauerte unverständlicherweise noch drei weitere Jahre, bis ich Anna zum ersten Mal live auf einer Bühne sah: solo an Klavier, Gitarre und Ukulele bei der IGS 2013 in Wilhelmsburg. Fan war ich da längst und entzückt ab dem ersten Ton, aber dann setzte sie mit „Der Mann für mich“, einer deutschsprachigen Version von Billy Joels „She’s always a woman“*), meiner Begeisterung noch die Krone auf.

„Gehen Sie zu Anna Depenbusch“, brachte es Dr. Christian Kuhnt, Intendant des Schleswig-Holstein Musik Festivals, unlängst bei der Programmvorstellung 2017 in Hamburg auf den Punkt: „Ich verspreche Ihnen, Sie werden am Ende des Abends unsterblich in sie verliebt sein. Und Ihre Frau auch!“

Das Konzert heute im Thalia Theater war restlos ausverkauft. Wer nicht zum Zuge gekommen ist, dem bietet sich am 8. Juli 2017 eine zweite Chance: Für den SHMF-Termin im Lokschuppen der S-Bahn Hamburg gibt es noch Karten. Außerdem für Düsseldorf, Nürnberg, Karlsruhe, Mannheim, Osnabrück, Würselen, Ingelheim, Dreieichenhain, Dresden, Leipzig, Ribbeck und Lübeck.

Hin da!


*) siehe auch „#30DayMusicChallenge (2)“, No. 20