In Concert: Hundreds in der Elbphilharmonie

Ich hänge zurzeit ein wenig hinter den Ereignissen, was daran liegt, daß meine Schreib- bzw. Formulierkapazitäten im Moment durch ganz andere literarische Gattungen gebunden sind. Dinge wie Motivationsschreiben und Gehaltsargumentationen zum Beispiel. Viele von euch werden es wissen: So eine Jobsuche ist in mehrfacher Hinsicht eine (hochleistungs-)sportliche Angelegenheit. Selbst wenn man von sich behaupten kann, weder schriftlich noch verbal auf den Mund gefallen zu sein.

Nichtsdestotrotz sollen hier noch ein paar Zeilen zum Hundreds-Konzert am vergangenen Donnerstag erscheinen. Meine beiden ersten Hundreds-Konzerte habe ich im Gruenspan erlitten. Daß das Leid vielmehr auf den Austragungsort als auf die musikalische Darbietung selbst zurückzuführen war, dokumentiert dieser kleine Rant. Insofern erfüllte sich für mich durch den diesjährigen Auftritt der Geschwister im kleinen Saal der Elbphilharmonie ein langgehegter Traum: (Quasi-)akustische, betörende Songversionen in einem bestuhlten Konzertsaal mit fester Platzwahl, hingerissene, dabei mehrheitlich disziplinierte Zuhörer, ein großartiger Sound, dezente, die Raumstruktur perfekt ausnutzende Lichteffekte und wenn man der Toilettenplanung der Elbphilharmonie auch einiges vorwerfen kann, aber Klopapier habe ich dort bislang immer in ausreichender Menge vorgefunden.

Etwas undifferenzierter formuliert: Es war unfaßbar schön. Danke, Hundreds.

In Concert: Bugge Wesseltoft in der Kulturkirche Altona

Bugge Wesseltoft war einer der ersten, die mich auf die Idee brachten, daß weniger deutlich mehr sein kann beim Klavierspiel. Seine ebenso leise wie sparsame, aber effektvolle Variation über „In Dulce Jubilo“ und „Det kimer nå til julefest“ auf der CD „Christmas with my friends“ führte mich zu „It’s snowing on my piano“; beide begleiten nun seit beinahe zehn Jahren meine Vorweihnachtszeit.

Genau zwanzig Jahre nach „It’s snowing on my piano“ hat Bugge Wesseltoft nun ein zweites Soloalbum aufgenommen: „Everybody loves angels“ führt die Idee fort, gewissermaßen als Ganzjahresversion. Gestern Abend waren Stücke aus beiden Alben in der Kulturkirche Altona zu hören und man hätte sich in Hamburg kaum einen geeigneteren Ort dafür ausdenken können.

Noch besser als der Michel vor drei Jahren und erst recht das Mehr! Theater am Großmarkt im letzten Jahr hätte die Kulturkirche Altona wohl auch zu Nils Landgren und seinen Freunden gepaßt, aber das Projekt ist dafür leider inzwischen einige Nummern zu groß. Was mich wieder auf den Grundsatz „Weniger ist mehr“ zurückbringt.

Vermutlich ließe es sich statistisch belegen: Je dunkler die Tage und länger die Nächte, desto größer die Soloklavieralbum-Hörwahrscheinlichkeit. Neben Bugge Wesseltofts Schneeflocken ist im Laufe der Jahre unter anderem Musik von Chilly Gonzales, Nils Frahm und Martin Kohlstedt hinzugekommen. Vor kurzem wurde ein Chilly Gonzales-Konzert in der Laeiszhalle angekündigt, Termin: 11. 12. 2018. Glücklicherweise werde ich auf die anderen beiden Herren nicht so lange warten müssen.

Theater, Theater: „Unterwerfung“ im Deutschen Schauspielhaus

Anfang September stieß ich durch Zufall auf ein Bändchen, dessen Titel mir Unterstützung beim Erforschen meiner neu erwachten, noch sehr zart keimenden Theaterleidenschaft verhieß: „Wie es euch gefällt: der kleine Theaterversteher“ von Bernd C. Sucher. Untertitel („Alles was auf, vor und hinter der Bühne geschieht“), Klappentext, Einleitung und Kapitelaufteilung versprachen die kurze und knappe Vermittlung genau des Hintergrundwissens, an dem es mir mangelte. Was genau macht eigentlich ein Dramaturg? Woher kommt der Regisseurberuf und wie kommt es, daß er in Deutschland eine so besondere Rolle spielt? Wie erkenne ich, ob eine Produktion handwerklich stimmig ist, nach welchen objektiven Kriterien kann oder sollte ich eine Aufführung beurteilen? Ist das überhaupt (noch) möglich?

Als ich rund vier Wochen später endlich Muße fand, mich der Lektüre zu widmen, stellte sich nach wenigen Seiten herbe Enttäuschung ein. Was für eine Mogelpackung! Klare Definitionen und präzise Beschreibungen sind Mangelware. Stattdessen zitiert Sucher seitenweise um den heißen Brei herum, unter anderem Diderot, Lessing und Adorno, abwechselnd mit Schnipseln aus der Wikipedia. Dazwischen werden immer wieder Inszenierungsanalysen gestreut. Erstaunlich auch, wie viele Fachbegriffe bzw. generell Fremdwörter ich nachschlagen mußte. Unter einem Einführungsband für Laien hatte ich mir etwas anderes vorgestellt. „Und so sehen wir betroffen / Den Vorhang zu und alle Fragen offen“, hallte es gleich mehrfach durch meinen Kopf. Für die Jüngeren unter uns: Das ist nicht original Brecht, aber beinahe.

Meinen Ärger herunterschluckend, kämpfte ich mich dennoch tapfer durch den Text. Zu den auf diese Weise härter als nötig errungenen Erkenntnissen gehört: Nicht das Regietheater im Allgemeinen ist, an dem ich mich in der Vergangenheit gestoßen habe. Es sind vielmehr die postdramatischen Auswüchse, bei denen Performance im Vordergrund steht und nicht ein Text oder die Schauspielkunst, und bei denen die Idee der Inszenierung in Reizüberflutung und Provokationslust untergeht – so denn überhaupt eine erkennbar, ja, vorhanden ist. Nichtsdestotrotz werde ich auch solche Veranstaltungen künftig mit anderen Augen betrachten können und mich fragen, ob ich bei der Beurteilung die richtigen, soll heißen: zur Gattung passenden Maßstäbe ansetze.

Nach Bernd C. Sucher habe ich in der Vorbereitung auf den gestrigen Theaterabend alles falsch gemacht, was man falsch machen kann. Ich hatte den dem Stück zugrundeliegenden Text, einen Roman von Michel Houellebecq, nicht gelesen und hätte das auch keinesfalls in der Originalsprache vermocht – meine Französischkenntnisse kann man bestenfalls als rudimentär passiv bezeichnen. Mir blieb keine Muße, mich mit der Inszenierung zu befassen, mit anderen Aufführungen, der Regisseurin, dem Bühnenbildner etc.; lediglich dem Namen Edgar Selge konnte ich ein Gesicht zuordnen. Ich beging sogar den Kardinalfehler, auf der Suche nach Orientierung noch vor dem Kartenkauf einzelne Kritiken zu überfliegen. Denen entnahm ich, daß eine überragende schauspielerische Leistung zu kargem, aber wirksamen Bühnenbild zu erwarten war.

Und wißt ihr was? Es stimmte nicht nur. Zumindest für den gestrigen Abend reichte es mir vollkommen.

barcamp Hamburg XI

Im Wesentlichen waren es drei Fehlinformationen, die mich bisher davon abgehalten hatten, am barcamp Hamburg teilzunehmen:

  1. Wer nicht wenigstens bloggt, zählt nicht zur digitalen Szene und hat somit auf einem Barcamp nichts zu suchen.
  2. Es geht dort ausschließlich ums (Internet-)Business, entsprechend gestalteten sich Publikum, Programm und Interessen.
  3. Wer anwesend ist, muß auch zwingend eine Session abhalten oder zumindest anbieten.

Tatsächlich reichen eine gute Portion Neugier sowie Lust auf Input und Interaktion völlig aus. Internetaffinität, Social Media-Präsenz und/oder ein eigenes Blog helfen, keine Frage. Aber nicht notwendigerweise als Voraussetzung für die Teilnahme, sondern vielmehr als Kommunikationsmittel; sei es zur Fortsetzung des Informations- und Ideenaustauschs über die Sessions hinaus oder generell zum Vernetzen.

Eine Barcamp-Grundregel ist: Es gibt keine feste Tagesordnung und keine festen Sprecher. Die Themen ergeben sich aus den Ideen und Vorschlägen der Teilnehmer und entsprechend spontan wird vor Ort und unmittelbar vor Beginn der Sessions das Tagesprogramm zusammengestellt.

Die Sessionplanung hatte ich mir als zeitrahmensprengendes Chaos vorgestellt. Eine weitere Fehleinschätzung – das genaue Gegenteil trat ein. Fein gesittet in Reih und Glied wurden Vorschläge unterbreitet und eine kurze Bedarfsanalyse mittels Handzeichen durchgeführt, zack, gebongt, der Nächste bitte. Ein buntes Spektrum tat sich dabei auf: Vom digitalen Nachlaß über Geigenbau, Finanzen für Freelancer, Kinderbücher, Typo 3, Agilität, Marktforschung für Beginner, die Auswahl des richtigen Kondoms, Loslassen lernen, ADHS, digitales Geld, einer Werkstatt für Potentiale, Bürgerbeteiligung, B2B-Marketing, Community und Social Media Management bis hin zu Godzilla, den Serienjunkies und Renes Torten- und Brotgeheimnissen.

Die Qual der Wahl
Die Qual der Wahl

Das Board abzufotografieren und auf dieser Grundlage die eigene Agenda zu planen, ist zwar grundsätzlich eine gute Idee. Regelmäßige Gegenchecks sind dennoch ratsam, da sich auch im Laufe des Tages noch kurzfristig Änderungen ergeben können. Ein weiteres Handicap: Viele interessante Themen werden parallel präsentiert. Bei der Bewältigung dieses Dilemmas hilft das Festival-Prinzip: Entscheidungen treffen, eine grobe Reihenfolge festlegen, Laufwege, Verpflegungs-, Plauder- und Boxenstops mit einrechnen und den so erstellten Fahrplan im Zweifel konsequent über Bord werfen.

Tag 1

Online-Identität

Zur Barcamp- kam gleich zu Anfang eine weitere Premiere: Ich habe einen YouTuber kennengelernt! Zunächst frontal in der Session „Online-Identität ‚Tom Tastisch'“ und später auch im persönlichen Gespräch.

Thomas Lerche alias Tom Tastisch ist seit fast einem Jahr und noch bis zum 12. Dezember jeden Morgen ab 6:00 Uhr zwanzig Minuten lang auf Sendung. Ziel der Morgenroutine und des täglichen, auf YouTube bereitgestellten Siebenminutenzusammenschnitts: Optimismus trainieren. Bei der Session ging es sowohl um organisatorische Fragen als auch um die Abgrenzung zwischen dem Positivstarter Tom als Online-Identität und der reflektierteren, „echten“ Person dahinter, die wie jeder andere Mensch gelegentlich auch mal mit dem falschen Fuß aufsteht.

Sketchnotes

Ania Groß kenne ich schon eine ganze Weile, aber der Begriff „Sketchnotes“ war für mich bisher nicht viel mehr als ein Buzzword.

Mitgenommen habe ich aus ihrer Session, daß man zum Erstellen einer Sketchnote nicht zwingend zeichnen können muß, sondern es im Kern darum geht, Text auszuzeichnen und mittels graphischer Elemente so zu gliedern, daß Schlüsselsätze und -begriffe als solche erkennbar sind.

Lieber Kunde, Du Arschloch...

In der Runde „Plädoyer für mehr Anständigkeit in Social Media und Community Management“ von Vivian Pein stellte ich schnell fest, daß mir viele der beschriebenen Verhaltensweisen und Reaktionsstrategien bereits aus eigener Berufserfahrung bekannt waren. Unterm Strich ist es unerheblich, ob es um den aufgebrachten Kunden an der Ladentheke oder am Telefon, verbal entgleiste E-Mails, einen Kommentar-Shitstorm bei Facebook, Forumstrolle oder Twitterpöbeleien geht: Einfühlungsvermögen, Kommunikation auf Augenhöhe, Souveränität, Humor, Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit, im Zweifel aber auch die konsequente Anwendung eines entsprechend gestalteten Regelwerks helfen nicht nur bei der Bewältigung der konkreten Situation. Idealerweise erfüllen sie zudem eine Vorbildfunktion, auch über die digitale Welt hinaus: Nicht nur das Netz (oder das Barcamp) ist, was wir daraus machen.

Wir machen dann mal Scrum

Bei der Sessionplanung flogen verschiedene Schlagwörter durch den Raum, von denen ich zuvor nie gehört hatte. Dazu gehörten auch Scrum und Agilität. Ein Grund, um sich in die Session von Madita Althusmann zu begeben. Scrum, so verstand ich daraus, ist eine Möglichkeit, agiles Arbeiten in (Software-)Unternehmen zu gestalten. Im Gegensatz zur klassischen Struktur („Waterfall“) gibt es bei einem Projektablauf nach der Scrum-Methode keinen Hauptverantwortlichen. Das Team organisiert unter Aufsicht eines Spielleiters („Scrum Master“) sowohl die Arbeitsschritte als auch die Aufteilung derselben in Eigenregie, der Projektfortschritt wird nicht in großen Planungsphasen, sondern in kurzen Termineinheiten („Sprints“)  gedacht und am Ende eines jeden Sprints muß ein vorzeigbares Produkt stehen.

Schon aus der Diskussion im Anschluß an den Vortrag war zu erkennen, daß wie bei nahezu jeder Ausprägung von Methodik die reine Lehre oft nicht realitätstauglich ist. Vorhandene Unternehmensstrukturen, unter Umständen zu Recht bewährte Prozesse und die Vielschichtigkeit mancher Aufgabenstellung machen eine Anpassung in vielen Fällen unumgänglich. Beinahe unvermeidlicherweise fiel dabei der Satz „Dann lebt ihr das vielleicht noch nicht.“ Was allerspätestens der Moment ist, an dem ich mich an der Grenze zum Reich der Fitnessgurus und Heilsversprecher wähne und höchst skeptisch werde. Ein ostwestfälisch-norddeutscher Reflex, zugegeben.

Bei einem Gespräch am nächsten Tag ergab sich die Gelegenheit, den Faden nochmals aufzunehmen. Ist ein selbst organisierter (Abenteuer-)Urlaub im Sinne der Definition agil, verglichen mit der Pauschalreise? Geht es dabei letztlich nicht doch mehr um die Denkweise als um die Methode? So oder so: Es lohnt sich, dem Thema ein paar Überlegungen zu widmen.

Renes Torten- & Brotgeheimnisse

Als der Natur der Sache gemäß wesentlich handfester erwiesen sich Rene Sasses Brot- und Tortengeheimnisse. Manche Tricks, so hat jeder wohl beim Kochen und Backen schon festgestellt, sind nicht nur äußerst hilfreich, sondern spielentscheidend für ein zufriedenstellendes Ergebnis. Viele davon werden jedoch in Rezepten nicht mitgeliefert, sondern fallen unter die Rubrik Erfahrungswerte. Dazu zählt, daß ein Backofen, der nicht ordentlich heiß wird, keine hübschen Brötchen liefert.


Oder daß – nach Renes Mutti – eine Torte keine ist, wenn in ihr nicht wenigstens 1,5 Liter Konditorsahne verarbeitet sind. Nach dieser Anregung werde ich zumindest das Projekt Brötchen in nächster Zeit mal in Angriff nehmen.

Tag 2

Geheimnis Geigenbau

Geigenbauerin Anne Pelz führte zu Beginn des zweiten Tages in die Geheimnisse ihrer Zunft ein. Dabei lernten wir, daß die Schnecke auch die Form eines Eselskopfes annehmen kann, welcher Teil der Geige als Stimme bezeichnet wird und wie die Wölbung bei Decke und Boden des Instruments entsteht.

Die Schnecke als Eselskopf
Die Schnecke als Eselskopf

Nämlich nicht durch Formen des Holzes, sondern durch schlichtes Abhobeln. Unter anderem mit diesem Werkzeug.

Mini-Hobel
Mini-Hobel – man beachte die Stimmgabel zum Größenvergleich

Wir erfuhren außerdem einiges über das Berufsbild des Geigenbauers, die Beziehung mancher Geigenbesitzer zu ihrem Instrument und was eine Stradivari so besonders macht.

Strategie trifft Hype

In meiner zweiten Session des Tages berichtete Gianna Krolla von elbkind über den medialen Siegeszug der Ritter Sport Einhornschokolade. Die Idee für die limitierte Sorte entstand aus einer Trendbeobachtung bei den eingereichten Sortenkreation-Vorschlägen, die sich zudem in den diversen im Netz verbreiteten Fake-Sorten manifestierte.

Kurz nach dem Launch am Tag des Einhorns 2016 verbreitete sich die Nachricht von der neuen Sorte wie ein Lauffeuer, innerhalb wie außerhalb des Netzes. Obwohl der Ritter Sport-Webshop wenig später unter der Flut der Kaufwilligen zusammenbrach, hat die Marke unterm Strich von der Kampagne profitiert. Wobei das Ziel von Anfang an nicht eine konkrete Umsatzsteigerung war, sondern die Ansprache neuer Zielgruppen in einem weitgehend gesättigten Markt.

Zum Frühling nächsten Jahres, so kündigte uns Gianna an, wird Ritter Sport eine neue limiterte Sorte präsentieren. Das Einhorn ist derweil medienwirksam zurückgetreten.

5 Untipps für XING und LinkedIn

Wer es noch nicht mitbekommen haben sollte: Ich befinde mich momentan auf Jobsuche. Ein sehr guter Anlaß, um mir in der Session von Holger Ahrens ein paar Hinweise zur Gestaltung von Profilen auf XING und LinkedIn geben zu lassen. Seine fünf Untipps: Nur ein zu 150% perfektes Profil ist ein gutes Profil, ein lustiges Foto erhöht die Chancen auf ein Vorstellungsgespräch, Informationen soll man horten und nicht teilen, man vernetze sich am besten mit ausnahmslos jedem und verballere überhaupt soviel Zeit wie möglich mit seiner Onlinepräsenz. Für alle, die das „Un“ vor dem „Tipps“ nicht gelesen oder gar mißinterpretiert haben: so natürlich nicht.

Berufsbild Social Media & Community Manager

Zum Abschluß des zweiten Tages beschäftigte mich nochmals das Thema Social Media und Community Management – „aus Gründen“, wie man so schön sagt. Vivian Pein und Tanja Laub definierten die idealtypischen Berufsbilder des Social Media und des Community Managers und führten uns anschließend mittels der Daten aus einer Studie des Bundesverbands Community Management e. V. (BVCM) vor, wie sich die reale Situation des Standes zurzeit darstellt.

So viel Wissensvermittlung und -austausch macht Hunger und Durst! Um die Verpflegung indes mußte sich kein Teilnehmer sorgen. Ich weiß dann jetzt, warum das barcamp Hamburg auch zärtlich „Freßcamp“ genannt wird.

They call it Freßcamp I
They call it Freßcamp I
They call it Freßcamp II
They call it Freßcamp II
They call it Freßcamp III
They call it Freßcamp III

Lange Rede, kurzer Sinn – wer es noch nicht mitgemacht hat: Barcamps sind toll! Sowohl das ehrenamtliche Orgateam als auch die Sponsoren – allen voran die otto group, in deren Räumlichkeiten wir uns austoben durften – verdienen ein großes Lob und ein dickes Dankeschön.

Werner Otto approves
Werner Otto approves

Und im nächsten Jahr halte ich selbst eine Session. Versprochen.

le concert abstrait: Ben Lukas Boysen und Raphaël Marionneau im Planetarium Hamburg

Als ich Anfang Juli letzten Jahres nach dreieinhalb prallgefüllten London-Tagen ebenso derbe übermüdet wie aufgedreht im Flugzeug Richtung Hamburg saß, hatte ich eher zufällig das Album „Spells“ von Ben Lukas Boysen auf den Ohren. In Heathrow herrschte Hochbetrieb und in einer endlos scheinenden Schlange von Kurz- und Mittelstreckenmaschinen kamen wir nur langsam voran. Vor uns eine weitere BA, hinter uns eine Finnair: Die Flieger starteten im Minutentakt. Schließlich rückte unser Slot näher, zeitgleich erklangen die ersten Takte von „Nocturne 4“ aus meinem Kopfhörer. Exakt bei 2:39 bog die Maschine auf die Startbahn und beschleunigte.

Seither ist die Musik von Ben Lukas Boysen für mich untrennbar mit dem Gefühl des Abhebens verknüpft und insofern erschien mir die Location für seinen ersten Live-Auftritt in Hamburg ideal gewählt.

Dazu kommt, daß die musikalische Entdeckungsreise, die mich unter anderem zu diversen Erased Tapes-Künstlern (und damit überhaupt erst nach London) führte, vor etwas mehr als zehn Jahren im Planetarium und bei Raphaël Marionneau begonnen hatte. Somit schlossen sich mit dem ersten „le concert abstrait“ für mich gleich mehrere Kreise. Wobei, der Vergleich hinkt. Die korrekte geometrische Darstellung wäre wohl ungleich komplexer.

Neben der Vorfreude über die angekündigte Konstellation war ich darauf gespannt, wie Ben Lukas Boysen, unterstützt von Schlagzeug, Harfe und Cello (Anne Müller! Wie schön!), die perfekt arrangierten Studioklänge live umsetzen würde. Tatsächlich war der Planetariumsauftritt erst sein zweites Konzert überhaupt; die Premiere hatte Anfang September anläßlich des zehnjährigen Bestehens von Erased Tapes („Erased Tapes is ten“) im Londoner Village Underground stattgefunden.

Kurz nach 19 Uhr war es schließlich soweit: Umrahmt von zwei meiner allerliebsten AWVFTS-Tracks starteten Raphaël und Ben nebst Band zu einem einzigartigen Höhenflug. Erwartung erfüllt und übertroffen! Von der freigesetzten Endorphinladung werde ich eine ganze Weile zehren können.

"Do androids wish upon electric stars?"
„Do androids wish upon electric stars?“

Nur eine einzige Steigerung zu diesem Debut kann ich mir noch vorstellen. Ich schreibe sie nicht auf, denn ich habe einen Wunsch unter dem künstlichen Sternenhimmel getan, zu elektronischen Sternschnuppen, und es ist anzunehmen, daß für dieses Verfahren die gleichen Gesetze gelten wie in der Natur.

In Concert: Das Tingvall Trio in der Elbphilharmonie

Ich bin schon mehrmals gefragt worden, wie ich mir eigentlich die zahlreichen, in der Mehrzahl ungesponserten Konzert-, Opern- und Theaterbesuche habe leisten können, von denen ich hier unter anderem berichte. Die Antwort ist ganz einfach: mittels schnöder Mischkalkulation.

Meistens sitze ich irgendwo zwischen Holz- und unterer Mittelklasse. Entgegen anderslautender Klischees muß man nicht zwingend zu den oberen Zehntausend gehören, um (sogenannte) Hochkultur genießen zu können. Man kann je nach Aufführung ab 12 Euro in Elbphilharmonie und Staatsoper, ab 15 Euro im Schauspielhaus und ab 9,90 Euro bei den Hamburger Symphonikern in der Laeiszhalle sitzen. In einigen Fällen nimmt man dafür zwar eine einschränkte Sicht in Kauf, aber mit ein bißchen Erfahrung und Recherche bekommt man schnell heraus, welches die visuell am wenigsten beeinträchtigten Plätze sind. Es lohnt sich außerdem, auf die jeweilige Preisgestaltung zu achten. Manche Häuser machen Unterschiede zwischen Werk- und Wochenendtagen, die Premiere ist zumeist kostspieliger als die Folgeaufführungen und gelegentlich werden Sonderaktionen angeboten. Außerdem, so gestehe ich freimütig, habe ich in manchen Fällen auf Begleit-, Frei- oder Steuerkarten bzw. Gästelistenplätze zurückgreifen können. Nicht, weil sich die Geber davon wohlwollende Blogartikel erhofften, sondern weil ich ein paar ausnehmend nette Menschen kenne, die mir mit Freude oder gar aus Überzeugung dabei helfen, die (Kultur-)Bestie zu füttern.

Das heutige Konzert des Tingvall Trio in der Elbphilharmonie war eine der sorgsam ausgewählten Ausnahmen von der Regel. In meiner andauernden Klavierverliebtheit hatte ich nach der Niederlage bei der elphi-eigenen Ticketverlosung so lange nach Karten gejagt, bis ich mit Hilfe der Theaterkasse Schuhmacher schließlich fündig wurde. Wobei PK 1 im vorliegenden Falle 49 Euro (inkl. 2 Euro Gebühr) bedeutete. Das hält sich immer noch sehr im Rahmen, wenn man bedenkt, welche (offiziellen) Preise für manch andere Veranstaltung im Großen Saal aufgerufen werden. Von den viagogo- und ebay-Auswüchsen ganz zu schweigen.

Soweit zur Vorgeschichte. Wie nun aber nach dem Konzert derart erfüllte Vorfreude in Worte kleiden, ohne zu wiederholen, was ich im letzten Dezember schon schrieb? Schwierig.

Vielleicht genügt es, zu gestehen: Ich bin klavierverliebter denn je.

Nacht des Wissens Hamburg

Aus Kapazitätsgründen bestand mein Programm zur gestrigen „Nacht des Wissens“ aus nur einer einzigen Station: der Staats- und Universitätsbibliothek Carl von Ossietzky.

Ein wenig peinlich ist es ja schon, daß ich es als „gelernte“ Bibliothekarin in zwölf Jahren nicht ein einziges Mal in die Staatsbibliothek geschafft habe. Dabei sind die Bestände nicht nur Studenten zugänglich, sondern auch allen anderen Interessenten. Die Stabi fungiert zudem als Hamburger Landesbibliothek. Entsprechend bunt ist die zur Verfügung stehende Medienauswahl.

Neuerwerbung
Neuerwerbung

Bibliotheksführungen stehen zwar regelmäßig auf der Agenda, der Einblick hinter die Kulissen und in den Magazinbereich bleibt aber für besondere Gelegenheiten wie die „Nacht des Wissens“ reserviert.

Reihe um Reihe um Reihe...
Reihe um Reihe um Reihe…
Hamburger Fremdenblatt
Hamburger Fremdenblatt

Rund 4 Millionen Medien, darunter 3,5 Millionen Bücher: Allein die schiere Menge der aufbewahrten Schätze überwältigt. Dazu kommt die besondere Atmosphäre des Bücherturms. Der Zutritt zu diesem Bereich ist auch bibliotheksintern streng reglementiert.

Nicht Gringotts, aber kurz dahinter
Nicht Gringotts, aber kurz dahinter

Das siebzehnstöckige Gebäude ist allerdings mittlerweile nicht mehr der einzige Lagerort: Seit 2002 können Bücher und Medien zusätzlich in einer Speicherbibliothek in Bergedorf untergebracht werden.

Bestellungen Mikroformen
Bestellungen Mikroformen
Mikrofilme im Bücherturm
Mikrofilme im Bücherturm

Ein Highlight der Führung: der Kurzausflug auf das Dach des Bücherturms. Sitzungsraum und Terrasse bieten einen spektakulären Ausblick auf die Stadt.

Nach der offiziellen Tour ergab sich die Gelegenheit zu einem Rundgang durch die Lesesäle an der Seite eines künftigen Stabi-Mitarbeiters.

Pssst!
Pssst!
Zettelwirtschaft
Zettelwirtschaft

Die Stabi ist zwar im Grundsatz eine Magazinbibliothek, verfügt aber auch über einen offen aufgestellten und somit frei zugänglichen Präsenzbestand. Im Haus stehen über 900 Arbeitsplätze zur Verfügung, darunter Computer- und Gruppenarbeitsplätze, abschließbare Arbeitskabinen für Examenskandidaten und eine laptopfreie Zone.

Laptopfreie Zone
Laptopfreie Zone

Auffälliges Merkmal der im Haus verteilten Schließfachanlagen: Sie arbeiten mit selbst gewählten PIN-Kombinationen statt mit Münzeinwurf oder Vorhängeschlössern und die einzelnen Fächer tragen Namen statt Nummern. Im Foyer sind sie nach Städten, im Lesesaalbereich nach literarischen Figuren benannt.

Der typische Blick auf die Schließfächer im Foyer bei Hamburger Wetter. #stabihh #hamburg #bibliothek #welovehh #schliessfächer

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Während „Darwin“ Schirm, Jacke und Schal sicher verwahrte und anstandslos wieder entließ, wollte „Winnetou“ meine kurzfristig am Lesesaaleingang deponierte Tasche mit Schlüssel, Portemonnaie und allem Zipp und Zapp partout nicht herausrücken. Das kommt davon, wenn man PIN-Einflüsterungen Dritter nachgibt. Zum Glück kann das Aufsichtspersonal in solchen Fällen auf ein wirksames Antidot zurückgreifen, und so mußte der Häuptling der Apachen sich schließlich doch geschlagen geben.

Soweit mein allererster Ausflug in die größte wissenschaftliche Allgemeinbibliothek der Hansestadt! Ich werde in den nächsten Tagen und Wochen versuchen, weitere bibliothekarische Bildungslücken zu schließen. Weit oben auf meiner Liste: Die Bibliothek des Bundesamts für Seeschifffahrt und Hydrographie.

London (Part III): Tag 7 & 8

Finale! Es folgen die letzten beiden Tage der London-Nachlese. Was zuvor bzw. im letzten Jahr geschah, kann bei Interesse unter dem Schlagwort London nachgelesen werden.

Den Mittwoch morgen lasse ich wieder etwas ruhiger angehen. Das Wetter ist trüb und ich mache mich auf den Weg nach Little Venice.

Winter is coming
Winter is coming

Beim Umsteigen in Paddington entdecke ich eines der „Quote of the Day“-Schilder, die in manchen Tube-Stationen für Erbauung und Erheiterung sorgen. Ich bin keine „Game of Thrones“-Guckerin, aber diese Referenz erkenne ich auch ohne Insiderwissen.

Little Venice
Little Venice

Eigentlich will ich nahe der Lagoon eine weitere London Walks-Führung mitmachen, entschließe mich dann aber spontan, den London Waterbus bis Camden Lock zu nehmen.

Regent's Canal
Regent’s Canal

In Camden Lock und Stables Market ist es zunächst noch ruhig, erst gegen Mittag wird es lebhafter. Bei meinem ersten Besuch, an einem sonnigen Sonntagnachmittag, drängelten sich hier die Massen. Heute haben Amy und ich etwas mehr Luft.

Amy
Amy

Nachmittags bin ich fußläufig zum Market mit meiner Konzertbekanntschaft vom letzten Jahr verabredet. Wir essen, schwatzen und absolvieren anschließend eine Hunderunde um den Primrose Hill. Die Aussicht von dort auf die Stadt ist phantastisch, bleibt aber aus Wettergründen undokumentiert.

Später nehme ich den Bus No. 168 Richtung Waterloo Station. Linienbusfahren ist in London vergleichsweise günstig: Da es für die Oyster Cards keine Lesegeräte an den Haltestellen gibt, kostet die einfache Fahrt nur £1,50. Der Nachteil: Man steckt im Autoverkehr fest. Ich sitze im Doppeldecker oben und freue mich darüber, viel Zeit zu haben. Tägliches Buspendeln stelle ich mir nervtötend vor – sowieso, aber in London noch einmal mehr. Die Route ist immerhin unterhaltsam: Via Roundhouse und Camden Town geht es am Russel Square vorbei weiter zur Euston Station, nach Holborn, über den Strand und schließlich auf die Waterloo Bridge Richtung South Bank.

Dort angekommen, nehme ich mir ausführlich Zeit, das Southbank Centre zu erkunden. Ich stöbere lange bei Foyles und im Festival Terrace Shop und bin kurzzeitig sehr versucht, in diesem eine wunderhübsche Teekanne mit Themsemotiv zu erstehen. Abgesehen von der Preisfrage überwiegen schließlich die Bedenken ob des sicheren Nachhausetransports*).

Der eigentliche Grund, weswegen ich mich am Southbank Centre herumdrücke, ist aber das Konzert von Francesco Tristano in der Royal Festival Hall. Tristano bewegt sich zwischen Klassik, Jazz und Elektronik und will am Abend sein neues Album „Piano Circle Songs“ vorstellen. Die Karte mit festem Sitzplatz hatte ich bereits Mitte Juli gekauft, wurde dann aber zwei Tage vor dem Termin per E-Mail darüber informiert, daß das Publikum nicht im Zuschauerraum, sondern auf und hinter der Bühne sitzen würde – mit Tickettausch an der Abendkasse und freier Platzwahl. Ob das von Anfang an der Plan war oder ein schwacher Vorverkauf die entscheidende Rolle gespielt hat, blieb dabei unklar. So oder so, das frühe Eintreffen sichert mir einen Bühnenplatz in der zweiten Reihe. Der Flügel ist dem rückwärtigem Teil der Bühne zugewandt und die restliche Hall mit ihren rund 2.500 Plätzen bleibt, durch eine Abtrennung abgehängt, im Dunkeln. Ein extrem intimes Setting mit entsprechend nervösen Sicherheitsleuten.

Francesco Tristano trägt dessen ungeachtet sein Programm mit großer Konzentration und Präzision vor. Es ist faszinierend, ihm dabei zuzusehen. Die CD muß ich dennoch nicht unbedingt kaufen und drücke mich daher trotz freundlicher Aufforderung durch das Personal vor der anschließenden Signierstunde.

Am Abreisetag begebe ich mich nach Frühstück und Check-out noch einmal in die Kensington Gardens, in der Tasche eine eigens erworbene Portion naturbelassener Cashew-Kerne. Zuerst muß ich meine Gabe mühsam ans Eichhorn bringen. Einige der Nager agieren äußerst vorsichtig und manche haben Schwierigkeiten, sich gegen aggressiv auftretende Krähen und Tauben durchzusetzen.

Kensington Gardens
Kensington Gardens

Erst mit der vorletzten Nuß gerate ich an einen Profi, der mir erst in den Finger zwickt, dann halb den Arm hochrennt und schließlich äußerst ungehalten reagiert, als ich das leere Tütchen vorzeige.

Ich habe noch ein weiteres Ziel an diesem Morgen: die Sonderausstellung „Diana: Her Fashion Story“. Im letzten Jahr hatte ich bereits die Roben der Queen im Buckingham Palace bewundert. Das diesjährige Programm des Kensington Palace erscheint mir daher als logische Fortsetzung.

Kensington Palace
Kensington Palace

Mit der Idee bin ich nicht allein: Zur Öffnung um 10 Uhr haben sich bereits Schlangen gebildet. Dabei wird sorgsam zwischen Vorverkaufs- und Tageskassenbesuchern unterschieden. Abwicklung und Sicherheitskontrolle gehen dann aber zügig voran und im Gebäude verläuft sich der erste Ansturm schnell.

Queuing up for Diana
Queuing up for Diana

Anders als der Buckingham Palace sind Teile des Kensington Palace ganzjährig für Besucher zugänglich. Die Atmosphäre in den Räumen ist daher ungleich musealer. Neben der Sonderausstellung kann man die ehemaligen State Apartments bewundern. Die anderen Teile der Dauerausstellung widmen sich einerseits Queen Victoria, andererseits den „Enlightened Princesses“ Caroline von Braunschweig-Wolfenbüttel, Augusta von Hannover und Charlotte-Augusta von Wales.

Draußen gibt es noch ein weiteres Juwel zu bewundern: Der im „Sunken Garden“ des Palastes neu angelegte „White Garden“ soll ebenfalls an Prinzessin Diana erinnern. Ihr Todestag hatte sich Ende August zum zwanzigsten Mal gejährt.

The Sunken Garden
The Sunken Garden
The White Garden
The White Garden

Die Sonderausstellung drinnen gerät zur Zeitreise in meine eigene Kindheit und Jugend. An viele der Outfits kann ich mich noch gut erinnern. Zahlreiche Fotos und Zeichnungen dokumentieren neben den ausgestellten Kleidern die modische Entwicklung Dianas. Verglichen mit der Präsentation der Queen-Garderobe im Ballsaal des Buckingham Palace ist es zwar eine kleine, aber ausnehmend feine Sammlung, in Auswahl und Gestaltung.

Bald bunt
Bald bunt

Nach dem obligatorischen Cream Tea im Palace Café ist es Zeit zum Aufbruch. Da die British Airways-App, die bisher immer tadellos funktionierte, mir dieses Mal aus unerfindlichen Gründen keine Bordkarte ausstellen will, muß ich sicherheitshalber etwas mehr Zeit für den Check-in in Heathrow einrechnen.

In der Tube auf dem Weg zum Flughafen stoße ich im Evening Standard auf einen Artikel, der mich daran erinnert, was mich bei meiner Rückkehr nach Hamburg erwartet. Ich nicke bei jedem Satz.

Es braucht eine Weile, bis ich den richtigen Schalter gefunden habe. Der Check-in selbst ist problemlos und ich komme in Rekordzeit durch die Sicherheitskontrolle. Das verschafft mir genügend Muße, um mein letztes Münzgeld zu verfeuern. Nach gründlicher Suche macht schließlich ein Gläschen „Old English Hunt“-Orangenmarmelade von Fortnum & Mason das Rennen und die allerletzten Pence-Stücke landen in einer Spendenbox.

Der Heimflug ist erfreulich unspektakulär und ja, es wird einen Part IV geben. Es ist nur eine Frage der Zeit.


*) Dieses Modell, das fällt mir beim Schreiben dieser Zeilen erst auf, ist mir zum Glück nirgendwo über den Weg gelaufen.

#MeToo? Nein. Oder doch?

Es hat eine Weile gedauert, bis ich auf den Hashtag #MeToo aufmerksam wurde, unter dem in den letzten Wochen weltweit Frauen via Twitter, Facebook und andere Plattformen erlittene sexuelle Belästigung öffentlich machten. Ich fühlte mich zwar betroffen, aber zunächst nur im solidarischen Sinne.

Meine eigenen Erlebnisse hielten sich bislang im Rahmen. Ich habe lange in einer männerdominierten Branche*) gearbeitet, in der ich es mir nicht leisten konnte (und wollte!), übersensibel auf Sexismus und diskriminierendes Verhalten zu reagieren. Manches davon basierte auf schlichter (Kommunikations-)Unsicherheit und das meiste ließ sich mittels wohldosierter Gegenschüsseargumente oder durch demonstrierte Fachkompetenz regeln. Ich erzähle immer noch gerne die Geschichte des Herrn im besten Alter, den ich eines Tages am Telefon hatte.

Ich: „Firma XY, mein Name ist Dirkwinkel, was kann ich für Sie tun?“
Er: „Guten Tag, mein Name ist Z. Können Sie mich mit einem kompetenten Herrn aus Ihrer Seekartenabteilung verbinden?“
Ich: „Würden Sie auch mit einer kompetenten Dame vorlieb nehmen?“

Eine Erwiderung, die bei dem Mann ebenso Begeisterung wie Verlegenheit auslöste; er entschuldigte sich formvollendet und wir schieden als Freunde.

Ansonsten waren da die Kußsmileys per WhatsApp aus Schottland – die andererseits einen nicht geringen Unterhaltungswert hatten und zu meiner Erleichterung lediglich mit Hafen- und Essensbildern garniert waren**) -, ein schmieriger Brief, diverse „augenzwinkernde“ Törneinladungen und als Krönung dieses eine arme Würstchen, das mir weiland auf der hanseboot meckernd lachend seinen Spazierstock auf die berockte Rückfront setzte. In allen Fällen hatten die Absender den größeren Schaden, schon weil ich, wo nötig, Unterstützung suchte und zum Glück auch immer fand.

Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr wird mir klar: #MeToo, das läßt sich in meinem Fall vielmehr über die Dinge definieren, von denen ich mich abhalten lasse. Verhaltensregeln, die ich für mich aufgestellt habe, um ja nicht in brenzlige Situationen zu geraten. Ich lasse das leichte Sommerkleid und den schicken Bürodreß öfter im Schrank, als ich sie gern tragen würde. Ich laufe auch im Dunkeln, aber nach 21 Uhr trete ich grundsätzlich keine Runde mehr an, außer im Hochsommer, wenn der Hamburger Stadtpark bis tief in die Nacht bevölkert ist. Wenn ich allein und in freier Wildbahn unterwegs bin, meide ich Blickkontakte mit unbekannten Männern oder breche sie oft vorzeitig ab und selbst auf neutrale Gesprächsanbahnungen reagiere ich zumeist schroffer als nötig. Ich wäre auch unter diesem Gesichtspunkt nicht zwingend auf die Idee gekommen, Mitglied eines Fußballvereins zu werden, wüßte ich nicht um eines: Der, der einer Frau im FC St. Pauli-Umfeld dumm kommt, riskiert den Verlust gleich mehrerer Gliedmaßen. Ich umgehe bestimmte Wege, wenn ich allein unterwegs bin und habe nicht wenige Länder von meiner Reiseliste gestrichen – die Stadt Paris muß ich nach meinen Erfahrungen vom Mai 2016 wohl leider auch dazuzählen. Von Männern gemachte Komplimente lösen bei mir grundsätzlich Mißtrauen aus, selbst wenn ich sie gerne annähme. Und und und – die Liste ist erschreckend lang. Das Schlimmste daran: Die meiste Zeit meines Lebens geschah dies unbewußt. Mir war lange gar nicht klar, daß ich mich einschränke aus Angst davor, Männern Angriffspunkte zu bieten.

Je älter ich werde, desto mehr stelle ich mein Verhalten infrage. Wie viele gute Gespräche und tolle Erlebnisse, wie viele Bekannt-, Freund- oder gar Liebschaften habe ich verpaßt aufgrund der selbst auferlegten Vorsichtsmaßnahmen? Ist es mir möglich, aus dieser Sicherheitszone zu treten und meinen Aktionsradius zu erweitern, offener zu werden? Welches Risiko gehe ich damit ein?

Fragen, von denen ich wünsche, sie mir nicht mehr stellen zu müssen. So gesehen: Ja. Doch. #MeToo.


*) Nein, nicht in dieser Firma. Aber das Video ist hübsch-häßlich repräsentativ: Man beachte den Abschnitt ab 3:40.

**) Stichwort „rauschende Hecksee“, die ehemaligen Kollegen und sonstige Eingeweihte werden sich erinnern