#MeToo? Nein. Oder doch?

Es hat eine Weile gedauert, bis ich auf den Hashtag #MeToo aufmerksam wurde, unter dem in den letzten Wochen weltweit Frauen via Twitter, Facebook und andere Plattformen erlittene sexuelle Belästigung öffentlich machten. Ich fühlte mich zwar betroffen, aber zunächst nur im solidarischen Sinne.

Meine eigenen Erlebnisse hielten sich bislang im Rahmen. Ich habe lange in einer männerdominierten Branche*) gearbeitet, in der ich es mir nicht leisten konnte (und wollte!), übersensibel auf Sexismus und diskriminierendes Verhalten zu reagieren. Manches davon basierte auf schlichter (Kommunikations-)Unsicherheit und das meiste ließ sich mittels wohldosierter Gegenschüsseargumente oder durch demonstrierte Fachkompetenz regeln. Ich erzähle immer noch gerne die Geschichte des Herrn im besten Alter, den ich eines Tages am Telefon hatte.

Ich: „Firma XY, mein Name ist Dirkwinkel, was kann ich für Sie tun?“
Er: „Guten Tag, mein Name ist Z. Können Sie mich mit einem kompetenten Herrn aus Ihrer Seekartenabteilung verbinden?“
Ich: „Würden Sie auch mit einer kompetenten Dame vorlieb nehmen?“

Eine Erwiderung, die bei dem Mann ebenso Begeisterung wie Verlegenheit auslöste; er entschuldigte sich formvollendet und wir schieden als Freunde.

Ansonsten waren da die Kußsmileys per WhatsApp aus Schottland – die andererseits einen nicht geringen Unterhaltungswert hatten und zu meiner Erleichterung lediglich mit Hafen- und Essensbildern garniert waren**) -, ein schmieriger Brief, diverse „augenzwinkernde“ Törneinladungen und als Krönung dieses eine arme Würstchen, das mir weiland auf der hanseboot meckernd lachend seinen Spazierstock auf die berockte Rückfront setzte. In allen Fällen hatten die Absender den größeren Schaden, schon weil ich, wo nötig, Unterstützung suchte und zum Glück auch immer fand.

Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr wird mir klar: #MeToo, das läßt sich in meinem Fall vielmehr über die Dinge definieren, von denen ich mich abhalten lasse. Verhaltensregeln, die ich für mich aufgestellt habe, um ja nicht in brenzlige Situationen zu geraten. Ich lasse das leichte Sommerkleid und den schicken Bürodreß öfter im Schrank, als ich sie gern tragen würde. Ich laufe auch im Dunkeln, aber nach 21 Uhr trete ich grundsätzlich keine Runde mehr an, außer im Hochsommer, wenn der Hamburger Stadtpark bis tief in die Nacht bevölkert ist. Wenn ich allein und in freier Wildbahn unterwegs bin, meide ich Blickkontakte mit unbekannten Männern oder breche sie oft vorzeitig ab und selbst auf neutrale Gesprächsanbahnungen reagiere ich zumeist schroffer als nötig. Ich wäre auch unter diesem Gesichtspunkt nicht zwingend auf die Idee gekommen, Mitglied eines Fußballvereins zu werden, wüßte ich nicht um eines: Der, der einer Frau im FC St. Pauli-Umfeld dumm kommt, riskiert den Verlust gleich mehrerer Gliedmaßen. Ich umgehe bestimmte Wege, wenn ich allein unterwegs bin und habe nicht wenige Länder von meiner Reiseliste gestrichen – die Stadt Paris muß ich nach meinen Erfahrungen vom Mai 2016 wohl leider auch dazuzählen. Von Männern gemachte Komplimente lösen bei mir grundsätzlich Mißtrauen aus, selbst wenn ich sie gerne annähme. Und und und – die Liste ist erschreckend lang. Das Schlimmste daran: Die meiste Zeit meines Lebens geschah dies unbewußt. Mir war lange gar nicht klar, daß ich mich einschränke aus Angst davor, Männern Angriffspunkte zu bieten.

Je älter ich werde, desto mehr stelle ich mein Verhalten infrage. Wie viele gute Gespräche und tolle Erlebnisse, wie viele Bekannt-, Freund- oder gar Liebschaften habe ich verpaßt aufgrund der selbst auferlegten Vorsichtsmaßnahmen? Ist es mir möglich, aus dieser Sicherheitszone zu treten und meinen Aktionsradius zu erweitern, offener zu werden? Welches Risiko gehe ich damit ein?

Fragen, von denen ich wünsche, sie mir nicht mehr stellen zu müssen. So gesehen: Ja. Doch. #MeToo.


*) Nein, nicht in dieser Firma. Aber das Video ist hübsch-häßlich repräsentativ: Man beachte den Abschnitt ab 3:40.

**) Stichwort „rauschende Hecksee“, die ehemaligen Kollegen und sonstige Eingeweihte werden sich erinnern

5 Gedanken zu „#MeToo? Nein. Oder doch?“

  1. Letztlich ist auch #metoo, nicht „übersensibel auf Sexismus und diskriminierendes Verhalten zu reagieren“. Man arrangiert sich. Ging und geht mir nicht anders. Auf der einen Seite ist gut, wenn man sich in dieser Hinsicht mit einem dicken Teflonfell auszustatten weiß. Andererseits ist es schon krass, dass man sich so anpassen muss – statt umgekehrt.
    Die Überlegungen, die Du anführst, mache ich auch. Wenn ich mich fertigmache, um abends noch auszugehen, fällt die Kleidungswahl danach, ob ich allein nach Hause gehen muss und wenn ja, wie, ob per Rad, zu Fuß oder mit der Bahn, und wo komme ich da entlang, oder ob ich in Begleitung bin. Der finstere Blick, das feste Dahinstampfen, breite Schultern machen. Sich in Unnahbarkeit kleiden.
    Dabei stelle ich immer fest, wie anders sich Straße dann anfühlt, wenn ich etwa frisch von der Buchmesse komme und mit dem offenen, lachenden und nahbaren Blick nach Hause gehe. Menschen lächeln, grüßen und alles ist hell und freundlich.
    Hm. Soviel wollte ich gar nicht schreiben. *zutext*. Verzeih.

    via facebook.com

    1. Da gibt’s nix zu verzeihen – Dank dafür! Das mit dem „übersensibel reagieren“ ist sicher ein schmaler Grat. Oft waren die Situationen so albern und absurd, daß sie mich gar nicht trafen und ich jedwede Reaktion als reine Energieverschwendung klassifizierte und unterließ. Aber vieles ließ sich positiv „umdrehen“, was langfristig Wirkung zeigte. Die Frage des Herrn im besten Alter hatte einen simplen Hintergrund: Früher gab es in der fraglichen Firma bzw. bei einem ihrer Vorgänger keine Frauen in der Kundenberatung. Da haben die Kolleginnen und ich durchaus erfolgreich Umerziehungsarbeit geleistet und das ging zum Teil nur mit Dickfellig- und Schlagfertigkeit. Mehr noch, ich nahm es als Herausforderung und hatte Spaß dabei.

      via facebook.com

  2. Gestern telefonierte ich noch mit Mutter. Ich scherzte, weil ich – ganz unschuldig – ein nettes, kleines Hotel in München gebucht hatte – um dann festzustellen, dass es mitten in einem Viertel liegt, in dem sich ein Pfandleiher an die nächste Imbissbude, Erotikshop und Tabledance-Schuppen reiht. Ich kannte die Straße halt nicht als „berüchtigt“. Am Mittag/Vormittag war es okay, aus der Hoteltür zu gehen. Aber gestern und heute abend, von der Fortbildung kommend, war es schon weniger okay.
    Gestern wars definitiv ein Spießrutenlaufen. Da kam dann im Verlauf des Gespräches wieder der althergebrachte Spruch aus dem Telefon: „Kommt ja auch ein bisschen drauf an, wie man sich anzieht.“
    NEIN, NEIN und nochmals NEIN. Es gibt sogar wissenschaftliche Studien dazu, ob die Kleidung die Auswahl eines weiblichen Opfers beeinflusst. Da die meisten Frauen innerhalb des Familien-, Freundes- und Bekanntenkreises zu Opfer werden, tut es sich nichts, ob sie in Joggingklamotten auf dem Sofa oder im kleinen Schwarzen auf dem Barhocker sitzen.
    Eine Fotografin hat sich sogar diesem Thema gewidmet:
    http://www.katcphoto.com/well-what-were-you-wearing.html
    Ich bin richtig wütend geworden und meinte: „DAS ist der Denkansatz von Neunzehnhundertfuffzich, dass die Frau auch noch einen ‚Beitrag‘ zum Übergriff [verbal oder handgreiflich] leistet! Eine Frau sollte nicht im mindesten drüber nachdenken müssen, was sie wo anzieht.“ Wenn ein junger Bursche im Hochsommer mit Shorts und nacktem Oberkörper an einem Brunnen in der Innenstadt sitzt, lauf ich auch nicht hin und teste, ob er ein knackiges Sixpack hat.
    Wie meine Schwester schon schrieb: nach den ersten unguten Erfahrungen, sie müssen gar nicht dramatisch sein, lernt frau ganz unbewusst, die vorhandenen Reize möglichst nichts aufs Silbertablett zu packen, wenn sie ihre Ruhe haben möchte. Oder keine Angst haben möchte.

    Ja, ich bin schon angegrapscht worden.
    Ja, ich habe schon widerliche „Angebote“ von notgeilen Geschäftsreisenden im ICE bekommen.
    Ja, ich habe schon mehr als einmal eine körperliche Untersuchung eines männlichen Patienten verschoben, weil er sich zuvor mir gegenüber distanzgemindert verhalten hat und ich nicht wissen wollte, was passiert, wenn dieser Mensch sich in meiner alleinigen Gegenwart bis auf die Unterwäsche ausgezogen hätte. [In solchen Fällen, meist in der Psychiatrie, kann man einen Kollegen bitten oder mitteilen, dass z.B. ein männlicher Pfleger bei der Untersuchung mit anwesend sein wird. Im Gegenzug untersucht man als Ärztin dann traumatisierte Patientinnen für die männlichen Kollegen.]
    Ja, ich bin dafür, dass auch Männer klar sagen sollten, wenn sie sich von Frauen unbehaglich behandelt fühlen, anstatt dafür noch „Bewunderung“ von anderen Männern zu bekommen („Die Mädels stehen alle auf Dich“).

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