Lange Nacht der Museen Hamburg

Daß die Kunst bei der Langen Nacht der Museen darin besteht, sich auf Schwerpunkte zu beschränken und die Transitstrecken kurz zu halten, dürfte sich inzwischen herumgesprochen haben. Aber dann ist da dieses prall gefüllte Programmheftchen: Begeistert blättert man hin und zurück, hinterläßt Eselsohren, jongliert mit Terminen und Orten und die Liste, die schlußendlich daraus entsteht, ist beinahe zwangsläufig zu ambitioniert für sechs Stunden.

Ich hatte mir einen zumindest geographisch gut durchdachten Fahrplan zurechtgelegt: Mit dem Altonaer Museum als Startpunkt sollte das Feld gewissermaßen von Westen aus aufgerollt werden. Nach dem Museum für Hamburgische Geschichte, dem Museum für Kunst und Gewerbe und eventuell zuvor noch den Deichtorhallen wollte ich zum Abschluß beim Museum der Arbeit vorbeischauen und von da aus zu Fuß nach Hause gehen. Wobei es angesichts der angebotenen Vielfalt vielleicht keine schlechte Idee gewesen wäre, das Museum der Arbeit und die Sonderausstellung „Entscheiden“ schon im Vorfeld besucht zu haben.

18:00 Uhr.

Das Altonaer Museum überrascht zunächst mit einer Sektbar im Foyer. Sinnvoll wäre auch eine Aktionsbeschilderung gewesen, die leider fehlt. So ist man als Besucher, der sich im Hause nicht gut auskennt darauf angewiesen, bei Mitarbeitern nachzufragen. Die sind dafür allesamt hochmotiviert im Einsatz; das ist insbesondere bei den Führungen zu spüren. Auf meiner Liste steht ein „Lieblingsstück“ der Glas- und Keramikrestauratorin und „Shortcuts: Highlights des Altonaer Museums“. Zwischendrin schaue ich bei „Sound of Sails“ vorbei, so der Name des „COD1NG DA V1NC1“-Gewinnerprojekts 2016 in der Kategorie „Technical Achievement“. Dummerweise schwächeln Technik und WLAN, und so sehe ich zwar „Images of Sails“, höre aber keine Sounds dazu – shit happens. Klang gibt es dagegen reichlich bei „Best of Stage School“ im Galionsfigurensaal. Ein phantastischer Veranstaltungsort! Wobei ich dabei etwas ins Grübeln komme: Besteht tatsächlich ein Zusammenhang zwischen der Stage School und dem Museumszweck bzw. -bestand oder geht es einzig um den Unterhaltungswert?

20:30 Uhr.

Eine Frage, die sich im Museum für Hamburgische Geschichte nicht stellt. Zu vielfältig sind Objekte und Themen der Sonder- und Dauerausstellungen. Entsprechend das Programm, das bis zum Ende der Museumsnacht durchläuft: Neben diversen Führungen in Deutsch, Englisch und Spanisch stehen musikalische Darbietungen auf der Agenda, darunter ein Vortrag zum nicht nur tonsetzerischen Duell zwischen Georg Friedrich Händel und Johann Mattheson, des weiteren Lesungen, ein Lindy Hop-Crashkurs und vieles mehr, dazu die erweiterte Verpflegung vor der Tür. Abzug in der B-Note: In allen anderen Museen der Stadt gilt meine Tasche als klein, nur hier muß ich sie abgeben und sodann mit Portemonnaie, Schlüssel, Handy und der zur Birkenblüte unvermeidlichen Taschentuchpackung auf alle Hosentaschen verteilt durchs Haus wandern. Lästig und überdenkenswert.

Dennoch, es passiert das Vorhersagbare: Ich bleibe hängen. Nach Händel und Mattheson am Cembalo schließe ich mich der eigentlich halbstündigen „Stars und Sternchen“-Führung an, die aufgrund paralleler Programmpunkte etwas vom Thema abkommt und dadurch im besten Sinne eskaliert: Nach satten zwanzig Minuten Verlängerung landen wir schließlich am Schulterblatt und beim Walfang. Auf dem Weg nach draußen stolpere ich noch zufällig über eine Türsteher-Lesung, die außerordentlich gut besucht ist und sich zu zwei Dritteln als sehr unterhaltsam entpuppt.

23:35 Uhr.

Ich schaue auf die Uhr, seufze tief und kappe kurz entschlossen alle weiteren Pläne, um noch eine Runde durch die Dauerausstellung im 1. Stock zu drehen. Gegen halb eins mache ich mich auf den Weg nach Barmbek.

0:38 Uhr.

Ich verpasse um Haaresbreite die U-Bahn. Mir bleiben mir für das Museum der Arbeit somit nur noch zwanzig Minuten. „Zu sportlich“, denke ich und entscheide mich für den direkten Nachhauseweg. Vorläufige Bilanz: Zwei vor vier bzw. fünf!

Am nächsten Tag, gegen 14:00 Uhr.

Das Wetter ist museumstauglich und das Lange Nacht-Ticket auch am Folgetag gültig, also schaue ich nach meinem (Vor-)Mittagsprogramm „für ein Stündchen“ noch im Museum für Kunst und Gewerbe vorbei. Ich habe großes Glück bei der „Game Masters“-Ausstellung: Es ist der letzte Tag und ich erwische gerade eben noch das Zeitfenster vor der Megaschlange. In den Räumen ist es drückend warm und ziemlich wuselig. Ich nutze meinen kleinen Informationsvorsprung durch die bereits vor ein paar Wochen absolvierte Kuratorenführung und beschränke ich mich auf einige Highlights. In der Indie-Ecke bleibe an der Präsentation von Thatgamecompany hängen. „Flow“, „Flower“ und insbesondere „Journey“ faszinieren mich schon graphisch. Leider bin ich damit nicht allein und so komme ich nicht dazu, es anzuspielen.

Wo ich schon da bin, kann mir auch gleich noch „Willy Fleckhaus: Design – Revolte – Regenbogen“ anschauen. Für „Twen“ und Konsorten bin ich zwar zu jung, aber als ich die von Fleckhaus gestalteten Bücher und Buchreihen sehe, weiß ich den Mann und sein Werk sofort einzuordnen. Es spiegelt zwar nicht unbedingt meinen (Design-)Geschmack wider, verlangt mir aber Respekt ab, allein der Fülle und der stilbildenden Wirkung wegen.

Von Willy Fleckhaus ist es nur ein kurzer Schritt zu „Magazin machen“, einer kleinen, aber feinen Ausstellung über das ZEITmagazin. Beim Durchgang fällt mir erstmalig (!) auf, daß die ZEIT und das ZEITmagazin den Bremer Schlüssel im Logo tragen und nicht das Hamburger Stadtwappen. Dem muß ich gleich nachgehen und finde dazu diesen sehr aufschlußreichen Text aus dem Jahr 1946.

17:00 Uhr.

„Nur mal eben“ in mein Lieblingsmuseum – das funktioniert einfach nicht. Aus dem „Stündchen“ sind locker drei geworden. Und obwohl ich glaube, das Haus inzwischen ganz gut zu kennen, erwartet mich nahe dem Ausgang noch eine kleine Premiere: Die Tür zum Spiegelsaal (nicht zu verwechseln mit der Spiegel-Kantine) steht offen und ich kann erstmals einen Blick hineinwerfen.

Unterm Strich.

Eine Nacht und ein Tag sind einfach zu kurz! Es reichte für eine ganze Museumswoche. Für nächstes Jahr habe ich mir fest vorgenommen, eines der kleineren und abseitigeren Häuser anzusteuern. Zum Beispiel das Deutsche Zusatzstoffmuseum.

Die Schwanenfreundbriefe (13): À Paris!

Hamburg-Barmbek, 18. 4. 2016

Lieber M.,

wir sind immer noch nicht auf dem Wasser gewesen. Immer ist etwas dazwischen gekommen und jetzt blüht auch noch die Birke. Susanne meint, es sei besser, das Gröbste abzuwarten und weil es in ihrer Wohnung schon im Frühling so ist, als säße man draußen, ist das trotz meiner Ungeduld ganz gut auszuhalten.

In der Zwischenzeit widmen wir uns diversen Fragen der Inneneinrichtung – Susanne hat kräftig entrümpelt und einiges verändert in den letzten Wochen, das Schlafzimmer erkennt man kaum wieder! -, wir lesen Jane Gardam und Susanne zeigt mir, wie man Tomatenpflanzen großzieht.

Tomaten

Nicht eben eine Schwanen-Kernkompetenz, aber es macht Spaß und am Ende hat man, wenn alles gut läuft, eine Menge Tomaten. Das kann so verkehrt nicht sein.

Und ich habe Zeit zum Üben: „Bonjour, je suis un cygne de Hambourg. Comme est l’eau?“ Weil, wir fahren nämlich nach Paris! Ich bin so aufgeregt!

Das kam so: Kurz vor Ostern wurde auf Facebook ein gemeinsames Konzert von Nils Frahm und Ólafur Arnalds angekündigt. Sechs Stunden lang, über Nacht, von halb eins bis halb sieben in der Früh. Unter der Pyramide des Louvre, der ja bekanntlich in Paris ist. Das wissen nämlich sogar Schwäne. Ohne nachzugooglen.

„So verrückt ist Susanne nicht“, habe ich noch gedacht. Da hat sie auch schon versucht, eines der 300 Tickets zu kaufen. Was blöderweise ein bißchen kompliziert war, aber dann über Umwege doch geklappt hat.

Une nuit sous la Pyramide

Wahrscheinlich hätte sie das nicht gemacht, hätte sie nicht kurz davor erfahren, daß jemand aus ihrem Freundeskreis und in ihrem Alter an einem bösartigen Hirntumor erkrankt ist. Das war und ist eine sehr starke Erinnerung daran, daß das Leben deutlich kürzer sein kann, als man es gemeinhin für sich annimmt.

Deshalb fliegt sie jetzt, was „man“ ja sonst eher nicht macht, ganz alleine nach Paris. Wobei, nicht ganz alleine. Ich komme ja mit. Wir schicken Dir auch eine Karte, eine mit dem Eiffelturm drauf! Oder mit Schwänen. Falls es eine gibt.

Bisous,
Dein Schwanenfreund


Der Schwanenfreund hat insgesamt 21 Briefe geschrieben. Sie waren für den Herrn bestimmt, dem er seine Existenz verdankt. Gerade weil sie ihren Zweck verfehlten, sollen einige von ihnen hier zu neuen Ehren kommen.

Aus nachvollziehbaren Gründen habe ich nicht nur Namen unkenntlich gemacht, sondern auch einige Passagen gestrichen, gekürzt und/oder leicht verändert.

Osterlauf

Heute habe ich es vor den Osterspaziergängern in den Stadtpark geschafft. Am Karfreitag war mir das nicht gelungen, und so wurde ich dank meines immer noch sehr langsamen Lauftempos Zeugin zahlreicher kleinerer (Familien-)Dramen. Eine gewisse Ähnlichkeit mit der tags zuvor vom Fräulein Read On berichteten Gründonnerstags-Szenerie war nicht von der Hand zu weisen. Ein klein wenig Schadenfreude erzeugt solches bei mir ebenfalls, ja, doch, ich gebe es zu. Aber vor allem: Erleichterung. Das ist nicht mein Problem, jenes auch nicht, und das da drüben erst recht nicht. Vielleicht nicht sehr nett von mir. Aber manchmal muß das sein.

Jetzt ist alles ruhig. Vereinzelte Gassigeher wechseln sich mit Joggern und Walkern ab. Noch eine Stunde, vielleicht auch nur eine halbe, dann kommen die Flaneure. Am Modellboot-Becken sitzen zwei ältere Herren, sich lebhaft unterhaltend. Einer von beiden steuert einen Zweimastgaffelschoner, seine Hände und die Fernsteuerung sind mit einer wasserdichten Hülle bedeckt. Vom weiten sieht es aus, als trage er einen Muff.

Das Stadtparksee-Schwanenpaar steht augenscheinlich sehr gut im Futter, möglicherweise als Nebenwirkung des verlängerten Winterquartiers. Der Schwanenmann wagt sich dennoch weit aus dem Wasser, bis über den Weg und zur Bank, der raschelnden Brottüte entgegen.

Auf dem gesamten Gelände grünt und blüht es derzeit um die Wette. Dennoch fällt an einer Stelle ein gänzlich anderes Bunt ins Auge.

Love is on the egg
Love is on the egg
Das Haiop-Ei
Das Haiop-Ei

Die Haiopeis als Ostermotiv sind mir zwar neu, aber nun. Jeder wie er mag.

Frohe Ostern!
Frohe Ostern!

Le Voyage Abstrait im Planetarium Hamburg

Mitte Februar wurde das Planetarium Hamburg nach rund anderthalb Jahren Umbauzeit wiedereröffnet. Meine Stadtpark-Laufrunde führt seitdem wieder um das Gebäude herum und einige Details der Umgestaltung fallen schon von außen ins Auge. Auch die Innenräume neu zu erobern, hatte ich mir jedoch für die erste „le voyage abstrait“ am gestrigen Sonnabend aufgehoben.

Gleich bei den Eingängen, unten am ausgebauten Sockel, betritt man Neuland. Die großzügig gestaltete Eingangshalle mit dem Kassenbereich ist nach oben offen und gibt den Blick auf das erhalten gebliebene Deckengemälde mit den Sternbilddarstellungen aus dem Jahr 1930 frei. Die Treppenaufgänge und der gläserne Aufzug fügen sich wunderbar ein und der Spendentrichter, mittig aufgestellt, bekommt an diesem Platz endlich die Aufmerksamkeit, die er verdient. Wir lernten gestern: Ein Kamelrennen-Chip vom Hamburger Dom ist gerade groß genug, um nicht durch das Loch zu passen. Hat man einen solchen zur Hand, ist unendlicher Spaß garantiert.

Die Gastronomie macht einen guten Eindruck, und erst die neuen Toiletten! Wobei die Sache mit der Kindertoilette, nun ja, die wird sich wohl auf Dauer nicht bewähren. Wenn die Kloschlange wächst, hilft auch kein „Blattpapier“ der Reinigungsfirma, daß diese doch bitte nicht von Erwachsenen benutzt werden möge. Wobei bei uns gleich die Frage aufkam, ob es bei den Männern auch ein Kinderklo gibt. Das konnte gestern nicht vollständig aufgeklärt werden. Als weiteren kleinen Kritikpunkt kann man noch den ohrenbetäubend lauten Turbo-Händetrockner aufführen (der alternativ angebotene Papierbehälter war natürlich leer). Dessen Höllenkrach drang nach der kontemplativen ersten „voyage“-Hälfte besonders unangenehm ins Hirn vor. Sehr schön dagegen ist, daß es jetzt Schließfächer gibt. Man braucht keine Münzen, sollte aber nicht mit laptopgroßen Messengertaschen anrücken. Dafür sind die Fächer zu klein.

Die obere Rotunde mit dem Eingang zum Sternensaal erscheint ein wenig unbehaust. Die Globus-Leihgabe hat einen Pixelfehler, ein Sessel und mehrere Touchscreens stehen herum und wirken konzeptlos. Das wird sich sicher bald ändern, wenn dort in Kürze die erste Ausstellung einzieht. Von der ebenfalls aufgestellten „Kuhllegin“ sollte man sich nicht hinters Licht führen lassen: Achtung, Fake Cow! Die echte Stella wacht im Untergeschoß in den Räumen des Planetariumsshops, der noch seiner Eröffnung harrt.

Beim Eintritt in den Sternensaal fallen zwei Dinge sofort ins Auge. Zum einen die neuen Sitzpolster in sattem Rot, worauf sich augenblicklich eine Diskussion entspann: Welche Farbe hatten die Sessel zuvor? „Auch rot!“, behaupteten meine Begleiter. Und ich hätte schwören können, daß… aber sei’s drum, reine Nebensache. Viel wichtiger war der Blick nach oben: Daß sich da gewaltig etwas bei der Auflösung getan hat, verriet uns schon das Kuppelstandbild mit Logo.

Auch bei Rechnerleistung und Software ist aufgerüstet worden und tatsächlich schwenkte der blaue Planet bei Reisebeginn flüssig in und wieder aus dem Bild. Damit taten sich Saturn und diverse andere Visuals im späteren Verlauf deutlich schwerer. Da muß sich wohl noch einiges einspielen. Die Laser hingegen ließen sich nichts anmerken und feuerten, als hätte es nie eine Unterbrechung gegeben.

Zehn!
Zehn!

Und musikalisch? Uns Hardcore-Fans, die wir über Monate mit schlimmen Entzugserscheinungen zu kämpfen hatten, hätte man auch eine schlichte Wiederholung vorlegen können. Aber derlei sieht dem Soundpiloten Raphaël Marionneau nicht ähnlich und so war die „voyage“ nicht gar mehr so „abstrait“, wie wir es kannten. Es gefiel uns, ebenso wie der neue Schlußtrack – mit A Winged Victory for the Sullen kriegt man mich ja immer.

Das Warten hat sich also gelohnt: Planetariumsum- und ausbau gelungen! Demnächst probiere ich noch, ob der Kuchen im Café Nordstern etwas taugt. Ob ich dabei draußen sitzen oder eines der gemütlich aussehenden Sofas testen werde, entscheidet das Wetter.

In Concert: GoGo Penguin im Uebel & Gefährlich

Kennt ihr diese Konzerte, die mit „Joah!“ und leichtem Fußwippen anfangen und sich dann stetig weiter steigern? Bei denen die Songs immer ausgefeilter werden, die leisen Töne differenzierter, die Crescendi gewaltiger, bis zum Schluß der ganze Saal tobt und einem die eine Zugabe gewaltig unterdimensioniert erscheint?

So ungefähr lief das vorhin bei GoGo Penguin im Uebel & Gefährlich. Sehr gerne wieder.

Fernweh

Fifty miles south as the swallow flies and London’s at her best. She knows it: she is irresistible. Children feed black swans in Regent’s Park and pelicans in St. James’s, and the limes are incandescent in the avenues. Hampstead Heath comes over like a country fair; nobody uses the tube.

Sarah Perry, „The Essex Serpent“